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Full text of "Krisis der Psychoanalyse. Systematische Diskussion der Lehre Freuds. Band 1. Auswirkungen der Psychoanalyse in Wissenschaft und Leben"

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KRIS13 DER PSYCHOANALYSE 



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USWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYS 



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1 



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KRISIS DER PSYCHOANALYSE 

SYSTEMATISCHE DISKUSSION 
DER LEHRE FREUDS HERAUSGEGEBEN VON 
HANS PRINZHORN UND KUNO MITTENZWEY 



ERSTER BAND 

AUSWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYSE 
IN WISSENSCHAFT UND LEBEN 



DER NEUE GEIST VERLAG i LEIPZIG 



AUSWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYSE 

IN WISSENSCHAFT UND LEBEN 

unter Mitwirkung von 

H. BIEBER - K. BIRNBAUM - C. CLEMEN 
R. EHRENBERG - F. GIESE - A. A. GRÜN- 
BAUM - P. HÄBERUN - C HAEBERUN - G 
HAPPICH - L HOPF - H. KUNZ - G. MAHR 
E MEZGER - R. MICHELS - K.MITTENZWEY 
TH. MÜNCKER - H. PRINZHORN - E. v. 
SYDOW - R.THURNWALD - E. VOIGTLÄN- 
DER - E VOLHARD - V. v. WEIZSÄCKER 

herausgegeben von 

HANS PRINZHORN 



DER NEUE GEIST VERLAG < LEIPZIG / 1928 



. 









. 






COPYRIGHT BY DER NEUE GEIST VERLAG 
LEIPZIG 1928 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck der Offizin W. Druguliu / Leipzig 



INHALT 



VORREDE des Herausgebers 



Seite 

7 



GRUNDSÄTZLICHES 

VERSUCH EINER GEISTESGESCHICHTLICHEN EINORDNUNG 
DER PSYCHOANALYSE von Dr. RPrinzhom- Frankfurt a.M .. i 2 



PSYCHOLOGIE DER PSYCHOANALYTISCHEN WELTANSCHAU- 
UNG von H.Kunz- Basel 



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• • 



48 



AUSWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYSE 

A. GEISTESWISSENSCHAFTEN 
PSYCHOLOGIE UND PSYCHOANALYSE von Dr. K Mittenzwey Berlin 82 

CHARAKTEROLOGIE UND PSYCHOANALYSE von Dr. H. Prinz- 
horn - Frankfurt a M. ... 

W J 

ETHNOLOGIE UND PSYCHOANALYSE von Prof. Dr. R. Thurawald- 
Bedi » 1x4 

LITERATURWISSENSCHAFT UND PSYCHOANALYSE von Dr. 

E. Volhard- Fiankfurt a. M 

J 34 

KUNSTWISSENSCHAFT UND PSYCHOANALYSE von Dr. E. von 
Sydow-Herlin r _ 

MYTHOLOGIE, RELIGIONSGESCHICHTE UND PSYCHOANALYSE 
von Prof. Dr. C. Clemen - Bonn jy 2 

DIE ERKENNTNISTHEORIE UND DIE IDEE DER PSYCHO- 
ANALYSE von Prof. Dr. A. A. Grünbaum - Utrecht 196 

ETHIK, PÄDAGOGIK UND PSYCHOANALYSE von Prof. Dr. P. 
Häberlin- Basel 212 



B. NATURWISSENSCHAFTEN 

Seite 

EXAKTE NATURWISSENSCHAFT UND PSYCHOANALYSE von 
Prot Dr. L. Hopf- Aachen 241 

BIOLOGIE UND PSYCHOANALYSE von Prof. Dr. R. Ehrenberg- 
Göttingen 247 

MEDIZIN, KLINIK UND PSYCHOANALYSE von Prof. Dr. V. v. 
Weizsäcker -Heidelberg 262 

DIE AUSWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYSE IN DER PSY- 
CHIATRIE von Prof. Dr. K. Birnbaum - Berlin 282 

PARAPSYCHOLOGIE UND PSYCHOANALYSE von Dr. C. Happich- 
Darmstadt - • 3°5 

C. LEBEN UND SCHAFFEN 

ÄRZTLICHES HANDELN UND PSYCHOANALYSE von Dr. C. Hae- 
berlin - Nauheim 3' 7 

EVANGELISCHE SEELSORGE UND PSYCHOANALYSE von Pfar- 
rer G.Mahr -Gießen 334 

KATHOLISCHE SEELSORGE UND PSYCHOANALYSE von Priv.- 
Doz. Dr. Th. MUncker - Bonn 35° 

DIE BEDEUTUNG DER PSYCHOANALYSE FÜR DIE RECHTS- 
PFLEGE von Prof. Dr. E. Mezger -Marburg 360 

FÜRSORGEERZIEHUNG UND PSYCHOANALYSE von Dr. E. Voigt- 
länder-Waldheim 372 

TECHNIK UND PSYCHOANALYSE von Priv.-Doz. Dr. F. Giese- 
Stuttgart 378 

MASSENPSYCHOLOGIE, WIRTSCHAFT UND PSYCHOANALYSE 

von Prof. Dr. R. Michels -Turin 393 

DICHTUNG UND PSYCHOANALYSE von Dr. H. Bieber - Berlin . 400 



ABKÜRZUNG: Im Text wurden die Worte: Psychoanalyse, psychoanalytisch und Psycho- 
analytiker folgendermaßen abgekürzt: Psa., pia. und Psa-tiker. 



V O R R E D 



Freuds psychoanalytische Lehre ist in dem Zeitraum von annähernd 
dreißig Jahren, der seit der Bekanntgabe der Grundzüge vei strichen ist, 
von einer kleinen Schar treu ergebener Anhänger verabsolutiert worden 
als eine neue Deutung der Sachverhalte, die in irgendeinem Sinne den 
Menschen betreffen : sein leib-seelisches Verhalten, seine geistige Entwick- 
lung, den Aufbau aller Kulturgebilde. Freuds systematische Deutung soll 
nach der Meinung dieser organisierten, eifrig mit forschenden und werben- 
den Schar unser gesamtes Wissen um Mensch, Kultur, Geschichte auf eine 
neue Grundlage stellen, so daß der Rang seiner Leistung nur mit der eines 
Kepler und Galilei zugleich verglichen werden könne. In schroffstem Ge- 
gensatz zu dieser Wertung, die durch einen Teil des Tagesschrifttums in 
der Öffentlichkeit propagiert wird, steht die überaus scharfe Ablehnung 
der psychoanalytischen Betrachtungsweise seitens recht verschiedenartiger 
Persönlichkeiten und Denkrichtungen, denen man Kenntnis und Schwer- 
gewicht in Sachen der Psychologie des Menschen nicht absprechen kann. 
Ein Teil von Vertretern der älteren Wissenschaft, Führer der neuen Psy- 
chologie, wie Klages, religiöse und kulturelle Zirkel wie Teile der Jugend- 
bewegung oder der Schar um George — sie alle stehen gegen die Psycho- 
analyse zusammen. Zwischen diesen Einstellungs-Extremen spannt sich 
das ungemein bunte Gewebe der Geistesgeschichte dieser letzten drei De- 
zennien aus. 

Für den kulturellen Gehalt dieses jüngsten Zeitabschnittes eine gültige 
Formel aufzustellen, ist heute noch recht schwierig und gewagt. Langsam 
erst, mit zunehmender Distanz, können sich die Meinungen über die we- 
sentlichen Leistungen und die wahren Triebkräfte dieser Krisenzeit klären 
— ein Kampfplatz erstreckt sich vom «fin de siecle» bis in unsere Tage. 
Nur soviel scheint bislang gesichert zu sein : es ist mehr, und zwar Stär- 
keres und Tieferes zugleich vor sich gegangen, als es ein gewöhnlicher 
Wechsel der Generationen sonst mit sich zu bringen pflegt. Mit dem Jahr- 
hundert, das heute erst langsam das Feld räumt und in manchen Kreisen 
sogar noch lange herrschen wird, siecht tatsächlich ein großer Abschnitt 
abendländischer Kultur dahin — darin haben Nietzsche, George, Klages 
und die zahlreichen heutigen Kulturphilosophen, die auf ihren Schultern 
stehen, zweifellos richtig gesehen. Es fragt sich, ob im 20. Jahrhundert 



etwas Lebensfähiges an Kulturwerten heraufkommen wird (sei es nun neu 
oder uralt), das jenem Untergehenden Widerpart zu halten vermag. 

Nietzsche warf als Forderung das Bild eines Übermenschen an den 
Himmel der Zukunft, als er aus vernichtender Kulturkritik sich zu einem 
tragisch fundierten Optimismus gewaltsam aufraffte. George versuchte 
in einem Kreis von Lebenden eine Haltung zu verwirklichen, die frei neben 
oder über der hinschwindenden Zeit stünde. Klages schenkte uns die Gei- 
steswaffen, mit denen wir in dem Kampfe um die Würde des Menschen 
und der mütterlichen Erdnatur gegen die Mächte des Unterganges be- 
stehen, ja sogar mitten aus metaphysischem Pessimismus heraus für alles 
echte Wachstum freie Bahn schaffen können. Dali diese Geisteswaffen 
ihre erschreckende Vernichtungsmacht aus tiefer Verbundenheit mit allen 
schöpferischen Mächten der Menschheitsgeschichte ziehen, beginnt man 
langsam zu verstehen, seit die Ahnenschaft im 19. Jahrhundert auch ande- 
ren vernehmlich zu reden beginnt: Goethe-Carus, Nietzsche, Bachofen. 

Prüfen wir von diesen Überragenden aus das wahre Gesicht, das 
einige von der Tagesmode überbewertete, aber für die Physiognomie der 
Zeit allerdings bedeutungsvolle geistige Leistungen in der großen Ent- 
scheidungsschlacht zwischen dem Weltbilde des 19. und 20. Jahrhunderts 
besitzen, so ist am leichtesten Spengler einzuordnen, da bei ihm die Un- 
tergangsvision etwas doktrinär, in grämlich gefärbter Resignation, als 
verbindlich erwiesen wird. Hier bleiben politische, nicht kulturelle oder 
menschliche Ziele übrig, man muß mit zusammengebissenen Zähnen das 
Unentrinnbare tun, mit dem Mute der Verzweiflung. Dem gegenüber 
stünden die verschiedenartigen Rettungsversuche, die eifrig an allen For- 
men religiöser Gemeinschaften vorgenommen werden und die vergeblichen 
Bemühungen, mit unzulänglichen Mitteln unter Vollendungs-Utopien neue 
Gemeinschaften zu gründen. Und weiterhin wären hier anzugliedern die 
Utopien sozialistischer, nationalistischer, pazifistischer Art, sowie schließ- 
lich das verzweifelte letzte Ringen um eine mechanistisch-sensualistische 
Deutung der Welt — dies alles ist Ausklang des 19. Jahrhunderts, besten- 
falls tapfere aber heillose Erkennung seiner Schwächen und Grenzen, 
ohne Hoffnung, Ahnung oder gar Kraft in Richtung auf künftiges 
Wachstum aus unbewußter Tiefe. 

Und die Galilei-Tat der Psychoanalyse? Kann man Klarheit gewin- 
nen über die Rolle, die sie in diesem Verlauf der Ereignisse wirklich 
spielt ? Auch Freud hat sich mit unerbittlicher Entlarvungstendenz gegen 
die Scheinwerte gewendet, die im 19. Jahrhundert hoch im Kurs standen, 
darüber besteht kein Zweifel. Er hat mitgewirkt, den Untergang der abend- 
ländischen Kultur zu beschleunigen. Aber man hat auch mit Recht geltend 
gemacht, daß die psychoanalytische Lehre doch gerade ein letztes 

8 



schweres Symptom dieses Unterganges sei, da sie das Äußerste 
an dogmatischer Überrationalisierung des Lebensgeschehens leiste und 
obendrein nicht anzugeben vermöge, im Namen oder zu Ehren wovon sie 
diese auflösende rationale Deutungskunst treibe. Sie verrichte ein ziel- 
loses Vernichtungswerk unter dem Leitstern wissenschaftlicher Wert- 
freiheit. Hierzu muß gesagt werden, daß dennoch unter der Ideologie 
dieser Wertfreiheit etwas mitwirkt, was der Psychoanalyse eine klare 
kulturelle Stoßkraft verleiht. Und damit rühren wir an die Seite der 
Lehre, die im Kampfe um die werdende Gestalt des 20. Jahrhunderts 
von erheblicher Bedeutung bleiben wird. Es werden nämlich von der 
Psychoanalyse einige wichtige, wirkende seelische Tatbestände ange- 
leuchtet, die auf anderem Wege nicht richtig zur Geltung gekommen 
waren — das dürfen wir nicht vergessen, wenn anders es uns Ernst 
ist mit dem von Nietzsche begonnenen Reinigungsprozeß an unserem ge- 
samten Wissen vom Menschen und seiner Umwelt. Deshalb muß auch 
Freuds Lehre in wesentlichen Stücken als eine Brücke gelten von jener 
untergehenden Welt des 19. Jahrhunderts hinüber in eine anders geglie- 
derte, entstehende Welt der Zukunft. 

Vor einem so weit gespannten Hintergrund rechtfertigt sich der 
Plan dieses Sammelwerkes von selbst: es sollte einmal eine Heerschau 
über die Hauptgedanken der psychoanalytischen Lehren abgehalten wer- 
den, ihre Anregungskraft sollte von Vertretern verschiedener For- 
schungsgebiete bezeugt und ihre Reichweite abgesteckt werden. Daß lie 
Maßstäbe für eine solche Probe relativ einheitlich geworden sind, rührt 
daher, daß keiner von den Mitarbeitern «Vereins-Analytiker» ist, keiner 
aber auch sich erst eigens zu diesem Werke mit der Lehre genauer be- 
schäftigt hat. So steht jeder Einzelne in erster Linie für sein Fachgebiet 
ein und empfängt das Gesetz seines wissenschaftlichen Denkens von dort 
— jedem kam die Anregung seitens der Psychoanalyse «von außen» und 
er mußte sie erproben an bekanntem und vertrautem Forschungsmaterial. 
Hierdurch entfällt der Einwand, den man gegen die von psychoanalyti- 
scher Seite angestellten Forschungen so oft mit Recht erhoben findet: 
daß psychoanalytische Denk formen und Maßstäbe an ein dem Unter- 
suchenden nicht völlig vertrautes, von ihm nicht völlig beherrschtes 
Forschungsgebiet herangetragen und in anfechtbarer Weise verwendet 
worden seien. Dieses Buch vermag also, dies könnte man wohl sagen, 
eine zweite Brechung der Psychoanalyse in Wissen- 
schaft und Leben zu bieten. 

Man kann dieses Programm auch etwas genauer umschreiben : es 
soll in einige bislang schwer überschaubare Fragen aus der psychoanaly- 
tischen Lehre größere Klarheit gebracht werden : 



i. Welche wichtigen Befunde, Deutungen, Gedanken hat Freud 
uns als unverlierbares Geistesgut geschenkt? 

2. Wie wirken sich diese Erkenntnisse und Begriffe in allen Wissen- 
schaften vom Menschen aus — welche Rolle spielen sie in den Fachfor- 
schungen dieser 30 Jahre? Und kritisch gewendet : was ist unzulängliches 
theoretisches Gewand der Lehre (Bindung an veraltete Denkformen), 
was echter Erkenntnisgehalt? 

3. Was bedeutet die psychoanalytische Auflockerung und Reifung 
unseres Menschentumes für das praktische Handeln? Inwiefern werden 
dadurch Entscheidungen herbeigeführt, Ideale beseitigt, neue Ziele auf- 
gestellt? Inwiefern ist die Psychoanalyse Symptom dieser Zeit und zu- 
gleich ein Faktor, der die Physiognomie der nächsten Zeit prägen hilft? 

Leider ließen sich nicht alle erwünschten Mitarbeiter vereinigen. 
Max Scheler, der einzige, der das Thema «Metaphysik und Psychoana- 
lyse» in seinen letzten Tiefen hätte verfolgen können, starb, ehe er seinen 
Beitrag niedergeschrieben hatte. A. von Gennep, Paris, der die Volks- 
kunde behandeln wollte, mußte für jetzt Forschungspflichten den Vorzug 
geben. An dem Thema «Soziologie», einem der wichtigsten, scheiterten 
nicht weniger als acht namhafte Forscher, meist wegen Überlastung 
durch Facharbeit; einige andere Lücken werden weniger fühlbar sein. 
Wäre unsere Front dennoch stark genug, der künftigen Diskussion über 
Psychoanalyse eine Wendung zu geben von unfruchtbaren Streitereien 
um Nebensachen zu ernsthafter Prüfung der Hauptsachen, so wäre un- 
sere Absicht erfüllt. Dann würden die haltbaren psychoanalytischen 
Grundgedanken leichter und rascher ihre Stelle in der allgemeinen Gei- 
stesgeschichte finden und das Gemeinsame, das zwischen der Psychoana- 
lyse und jeder Persönlichkeitspsychologie besteht, träte stärker hervor 
als das Trennende. 

Wenn dieses Sammelwerk (das einer Anregung von Hans Kunz seine 
Entstehung verdankt) in Verbindung mit der theoretisch-philosophi- 
schen Kritik «Der psychoanalytische Gedanke» von K. Mittenzwey 
— als zweiter Band in Kürze folgend — unter dem Gesamttitcl «K r i - 
sis der Psychoanalyse» erscheint, so will das sagen, es scheine 
uns der Zeitpunkt gekommen, wo es sich entscheiden muß, wer stärker 
ist : die allseitig begründete, entstehende neue Lehre vom Menschen, in- 
nerhalb welcher die Psychoanalyse eine Methode und Theorie unter an- 
deren mit relativer Gültigkeit sein wird, oder die einseitige psychoana- 
lytische Lehre vom Menschen mit ihrer Verabsolutierung einer einzigen 
Denkrichtung. Def Herausgeber% 



GRUNDSÄTZLICHES 






VERSUCH EINER GEISTESGESCHICHTLICHEN 
EINORDNUNG DER PSYCHOANALYSE 

von Hans Prinzhorn 

Der Zeitpunkt für das Unternehmen, der Psa. den richtigen Ort in der 
Geistesgeschichte zu suchen, mag noch etwas verfrüht sein, da die Lehre 
selbst in den Händen ihres Schöpfers während der letzten Jahre nicht nur 
in Einzelheiten sich abrundete, sondern in tragenden Hauptteilen tief- 
greifenden Änderungen unterzogen werden mußte. Dennoch gibt es gute 
Gründe — und wir hoffen, daß dieser Sammelband sie jedermann einsich- 
tig mache — jetzt den Versuch zu wagen. Die Hauptgedanken der Psa. 
schließen sich trotz der seit 1920 erfolgenden Umstellung so fest zu einem 
Menschenbilde und zu einer Methode psychologischer Erfassung von 
Mensch und Geschichte zusammen, daß man sie aus allen Spielarten, die 
ein Anschauungswandel bei Freud oder seinen Schülern hat entstehen 
lassen, doch in verbindlicher Form als Kern der Lehre vor aller Augen 
stellen kann. Und wenn dies der Fall ist, so sind wir berechtigt, jene 
Spielarten und zumal die höchst mannigfachen mehr soziologisch zu er- 
fassenden Auswirkungen als periphere Erscheinungen außer Acht zu 
lassen und mit guter Zuversicht an eine vorläufige Beantwortung dreier 
wichtiger Fragen zu gehen : Welche geistige Ahnenschaft steht hin- 
ter der psa. Lehre? — Aus welcher geistesgeschichtlichcn und kulturellen 
Zeitsituation erwuchs sie ? — Welches ist ihre Rolle, ihreSen- 
d u n g im Verlaufe der Zeitspanne, die für uns Heutige unseren engeren 
Lebensraum bestimmt, etwa 1890 bis 1930? 

I. 
Die psa. Tradition 1 ), von Freud selbst begründet und von seinen 
Schülern wie den Außenstehenden, die sich mit der Lehre beschäftigen, 
in typischer Weise propagiert, kennt eine Art Geburtstunde der Psa.: 
damals um 1890, als es B r e u e r und Freud 2 ) gemeinsam gelang, bei 
hysterischen Angstneurosen (mit Hilfe von Hypnose) einige im Wachen 
der Erinnerung nicht zugängliche Szenen, die für die Entstehung der 
Angstneurose wichtig waren, herauszuholen — worauf sie Heilung ein- 
treten sahen. Die Methode bewährte sich in anderen Fällen auch und 
wurde der Keim der seither geschehenen höchst differenzierten prak- 
tischen und theoretischen Entwicklung der Psa. mit den Begriffen: 
krankmachendes Trauma, Verdrängung eingeklemmter Affekte, Bewußt- 
machen, Abreagieren, kathartische Heilung. Wir wollen diese Früh form, 
die noch wenig belastet ist mit theoretischen Konstruktionen, sondern 
wirklich reine Empirie, wie das noch heute Freuds wissenschaftliches Ideal 
ist, als die Methode der Heilung durch Bewußtmachen oder kurz als K a - 
t ha r s i s bezeichnen. — Bei immer erneuter Erprobung dieser kathar- 
tischen Heiltechnik an Neurose-Fällen drängten sich dem scharf beobach- 
tenden Arzt mit ausgesprochener Forschungsbegabung, als der Freud sich 



12 



schon auf rein neurologischem Gebiete bewährt hatte, einige Tatsachen 
auf, die ihn zunächst zu Hilfs- Hypothesen und später zur Aufstellung von 
Theorien zwangen, zumal nachdem er gefunden hatte, daß an Stelle der 
Hypnose auch eine sorglich erprobte und systematisierte Ausfragung im 
Wachzustande treten konnte, ohne daß die Resultate schlechter wurden. 
Erstens nämlich waren die gesuchten Erinnerungen im einen Augenblick 
noch nicht reproduzierbar, im nächsten Augenblick aber doch. Und es 
gab Hilfsmittel, diesen Übergang von «unbewußt» zu «bewußt» zu för- 
dern. Zweitens gelang dies unter wechselnden Schwierigkeiten, so daß 
man geradezu von einem «Widerstand» beim Patienten sprechen mußte. 
Und drittens führten alle Wege ins Gebiet des Trieblebens, zumeist direkt 
auf verdrängte sexuelle Wünsche und zwar bis in die frühe Kindheit hin- 
ein. Diese Erfahrungen geben die Basis ab für Freuds «Sexual- 
t h e o r i e» der Neurosen, die zweite Phase seiner Lehre. 

Der weitere Ausbau der Technik (Traumdeutung, Methode der freien 
Assoziation, Deuten der Fehlleistungen und Zufallshandlungen, Ver- 
drängungslehre usf.) führte zu jener dritten Form der psa. 
L e h r e , die man vorwiegend meinte, wenn man in der wissenschaftlichen 
Diskussion und in der öffenlichkeit während der letzten zehn Jahre von 
Psa. sprach. Nach Freuds eigenen Worten 3 ) (1926) sind dies die «Grund- 
pfeiler» der psa. Theorie : «die Annahme unbewußter seeli- 
scher Vorgänge, die Anerkennung der Lehre vom 
Widerstand und der Verdrängung, die Einschät- 
zung der Sexualität und des Ödipuskomplexes 
sind die Hauptinhalte der Psa. und die Grundlagen 
ihrer Theorie, und wer sie nicht alle gutzuheißen 

vermag.solltesichnichtzudenPsa. -tikern zähle n». 
Dazu kam noch die Lehre vom Narzismus, den Organisationsstufen der 
Libido und von der Regression mancher Funktionen auf eine phylogene- 
tisch frühere Entwicklungsstufe. Dadurch drang die ursprünglich psycho- 
therapeutisch ansetzende Lehre weit in die Normalpsychologie vor, und 
beanspruchte als Tiefenpsychologie, d. h. Lehre von den unbewußten 
seelischen Vorgängen, einen bestimmenden Einfluß auf den Ausbau der 
Geisteswissenschaften zu erringen. 

Und schließlich setzt um 1920 die Phase der «Metapsycho- 
1 o g i e» ein, in der Freud, noch immer Schritt für Schritt aus neuen thera- 
peutischen Erfahrungen jede Neuerung begründend, langsam das Gerüst 
der zäh verfochtenen Dogmen abbaut und trotz ironischer Äußerungen 
über Philosophie und Weltanschauungen wesentlich philosophische und 
weltanschauliche Betrachtungen anstellt, um aus ihnen heraus ein halt- 
bares, besseres Begriffsgebäude für das reiche Er fahrungs- Material eines 
langen und arbeitsamen Lebens zu errichten. Gefallen ist längst das 
schlichte Schema der Katharsis, gefallen ist die einfache Sexualtheorie, 
dl e strenge Wunschdeutung der Träume. Und zahlreiche Einzelheiten 
werden ständig einer Umorientierung unterzogen. In dieser neuesten 

13 



Phase herrschen vor (außer praktisch-therapeutischen Fragen) religiöse, 
moralische und Rechtsprobleme, getragen von eingehendsten Analysen 
des Schuldgefühles ; ferner Ansätze zu einer allgemeinen genetischen Psy- 
chologie, wobei auch «Charakter», «Persönlichkeit», «Wertprobleme» und 
dergl. die ihnen zukommenden Rollen zu spielen beginnen ; ferner pädago- 
gische, medizinische, künstlerische, philosophische Fach fragen, Probleme 
der Lebensgestaltung und der Gemeinschaftsbildung unter psa. Gesichts- 
punkten und schließlich metapsychologische, d. h. metaphysische Erörte- 
rungen über einen Trieb-Dualismus (Ich-Triebe und Todcs-Triebc) und 
über Ideal-Bildung (Über-Ich). Im ganzen können wir das gegenwärtige 
Stadium ansprechen als das des beginnenden Ausgleiches mit den über- 
lieferten Anschauungen unserer Kultur und den Forschungen, die nicht 
im Namen Freuds geschehen sind in diesen 30 Jahren. 

Damit scheint denn der geeignete Augenblick für eine Genealogie der 
psa. Begriffe gekommen zu sein. In letzter Zeit mehren sich auch von psa. 
Seite die Stimmen derer, die mit Interesse davon Kenntnis nehmen, daß 
Gedanken, die als spezifisch psa. Prägung gelten, in Dichtung und Philo- 
sophie der Vergangenheit «schon» ganz richtig geäußert worden sind. Das 
geschichtliche Problem lautet für uns wohl am richtigsten so : was von dem 
psa. Begriffs-System, das sich als haltbar erwiesen hat, kann durch Be- 
rufung auf eine Ahnenschaft seine Geltung noch weiter stärken: Und 
was, das sich als unhaltbar erwiesen hat, kann durch Berufung auf frühere 
Psychologen sich ein wenig rechtfertigen? Was die radikale Neuheit von 
Befunden und Begriffen auf dem Gebiete der Seelenkundc anlangt, so 
haben wir wohl einigen Anlaß, vorsichtig mit Glaubenssätzen aus Wunsch- 
phantasie in dieser Richtung zu sein — wie viele Denkmäler der großen 
dichterischen und philosophischen Literatur der Menschheit nötigen uns 
die ehrfürchtige Anerkennung ab, daß jene Vorfahren das Lebensganze 
fester, weiter und tiefer erkannten ! Daß sie, auch wo sie im Einzelnen 
irrten, die Hauptproportionen und die großen Konturen der menschlichen 
Lebens- Wirklichkeiten besser und richtiger sahen, als wir! Unter solchen 
Perspektiven werden wir der Gefahr vorschneller Überschätzung unserer 
neuesten Leistungen — die uns doch immerhin dadurch übernahe stehen, 
daß sie Ausdruck unserer Not sind — vielleicht vermeiden können. 

Es ist keineswegs beabsichtigt, einen genau abgewogenen Grundriß 
für eine Vorgeschichte der Psa. hier zu entwerfen — diese sehr fesselnde 
Aufgabe würde weit über den Rahmen dieses Bandes hinausgehen. Viel- 
mehr sollen lediglich gleichsam Resonanzräume aus der Geistesgeschichte 
in flüchtigem Vorbeigehen mittels einiger Hauptbegriffe des psa. Lehr- 
gebäudes zum Erklingen gebracht werden. Um nicht zu weit in das Klein- 
Detail zu geraten, beschränken wir uns im Wesentlichen auf wenige Mo- 
tive: 1. das rationale Verfahren der seelischen Heilmethode; 2. die Ver- 
tiefung der Menschenkenntnis durch genetische Rückführung von «Eigen- 
schaften» auf Nuancen der Triebentwicklung; 3. die Methode der Prü- 
fung dichterischer und philosophischer Anschauungen vom Menschen auf 



H 



ihren Wahrheitsgehalt durch Entlarvung von Selbsttäuschungen, ver- 
steckten Wertungen usf. mittels der Logik eines psychologischen Denk- 
systems ; 4. «das Unbewußte», «Verdrängung», «Sublimierung», kurzum 
die allgemeine Theorie des Seelischen auf der reifen Stufe der Psa. ; 5. die 
neuen begrifflichen Versuche der Metapsychologie (Über-Ich, Ich, Es; 
Ich-Triebe und Todes-Triebe, Wiederholungszwang usf.). 

II. 

Vor einiger Zeit hat Pf ister«) einmal versucht, zwischen dem 
Platonischen Eros und der Libido der Psa. einen Vergleich zu zie- 
hen, der auf weitreichende Ähnlichkeit beider hinauswollte. Nun mag 
man wohl hier und da in Schriften des psa. Kreises einmal eine Sprache 
hören, die sich nicht daran genügen läßt, auf dem Grunde eines Sym- 
ptoms Partialtnebe u. dergl. festzustellen, sondern angesichts der Gewalt 
eines übermächtigen Liebesdranges eher zu platonischen als zu psa. Wor- 
ten seine Zuflucht nimmt. Aber soviel muß doch ohne Einschränkung ge- 
sagt werden: wenn je eine Konzeption der Eros-Beschwingtheit der 
platonischen Haltung fernstand, so war es die Psa. ! Andrerseits haben 
wir es als ein Zeichen der Wandlung und der Erlösung aus dem Denk- 
zwange jener früheren Sexualtheorie zu buchen, daß Freud in den letz- 
ten Jahren gern vom «Eros», zumal im Gegensatze zum Todestriebe, 
spricht, nachdem einzelne Autoren aus seinem Kreise darin vorangegangen 
waren und nachdem die Verwendung des Wortes in Anlehnung an den 
Brauch Piatos und Früherer bedeutenden zeitgenössischen Werken 5 ) 
einen Stempel aufgedrückt hatte, neben dem die quälenden Züge des 
Sexus als des Herrschers der Lebewelt doch stark abfielen. 

Wichtiger freilich als die Beziehung zu Plato selbst erscheint die 
zu Sokrates. Denn hier betrifft sie sogleich das Hauptmotiv des 
sokratischcn Denkens : zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Und den Na- 
men der somatischen Mäeutik auf die Psa. anzuwenden, liegt so nahe 
daß es natürlich oft und gern geschehen ist. Der Inbegriff alles Sokratis- 
mus, daß Tugend ein Wissen sei und daß man dieses durch dialektische 
Klärung und Bewußtmachung der Probleme lehren könne, daß ferner 
der Wissende gar nicht anders könne, als aus logischen Gründen richtig 
und das heißt gut zu handeln — das alles gehört zu den Denkvoraus- 
setzungen der psa. Technik. Mehr als Piatos Eros gibt seine Unterschei- 
dung der niederen, sinnlichen Lust von der edlen kraftvollen Willens- 
bctatigung, wie sie in dem Gleichnis von den beiden Rossen durchge- 
führt ist, einigen Anlaß zum Vergleichen mit der psa. Trieblehre. 

In ganz anderem Ausmaße als bei Sokrates und Plato werden wir bei 
der S t o a in Gedankengänge und Lehren gezogen, die wir als tragende 
Bestandteile der Psa. kennen. Da ist an erster Stelle der einfache Sen- 
sualismus der Stoa zu nennen : hier vor allem wurzelt doch die Meinung 
von der Seele als tabula rasa, auf der lediglich durch Eindrücke von der 

15 



Außenwelt her der «Inhalt des Bewußtseins» mit der Zeit entstehe. Und 
daran schließt sich vor allem die Lehre von der Evidenz als 
des einzigen Kriteriums für die Wahrheit einer 
Vorstellung, d. h. dafür, daß sie der Wirklichkeit entspreche. — 
Auch der Grundsatz der stoischen Kthik, der Natur zu folgen oder in 
Übereinstimmung mit ihr zu leben, paßt in diesen Zusammenhang, wobei 
allerdings das frühere «Lustprinzip» der Psa. im schroffen Gegensatz 
zu dem strengen überpersönlichen Sittengesetz der Stoa steht. Aber das 
Ideal des Weisen mit seiner gänzlichen Freiheit von Affekten, von allen 
Störungen der Gemütsruhe, der überlegenen Apathie, die sich auf Er- 
kenntnis gründet, treffen wir wieder offen oder versteckt häufig in psa. 
Schriften an, so z. B. in jener sehr begabten Erstlingsschrift von O. Rank, 
«Der Künstler», wo es am Ende heißt: «Ist aber die vollständige Um- 
wertung des Psychischen geglückt, das unzweckmäßig verdrängte Un- 
bewußte bewußt geworden, dann wird der unkünstlerische Übermensch 
leicht und stark wie ein «Gott» mitten im Spiel des Lebens stehen und 
seine «Triebe» mit sicherer Hand lenken und beherrschen». 

So verlockend es wäre, auf die jüdische und christliche Heilslehre 
und das darin erscheinende Menschenbild einzugehen, so würde das an 
dieser Stelle doch zu weit in Probleme hineinführen, die nur bei einer 
sorgfältigen Detailarbeit ihren Gehalt hergäben. Einiges dazu ist in den 
Abschnitten «Religionswissenschaft» und «Geistliche Seelen führung» ge- 
sagt. Bei den Gnostikern treffen wir Ansätze in Richtung auf psa. Be- 
trachtung höchstens darin, daß nicht Askese, sondern Erkenntnis von 
der Sünde und der Begierde befreit, wie das zumal bei C 1 e m e n s im 
Anschluß an die Stoa gelehrt wird. A u g u s t i n , als geborener ana- 
lytischer Psychologe, bietet eine Fülle von Einzelbcobachtungcn, aber 
seine Lehre vom freien Willen weist doch nach einer der Psa. entgegen- 
gesetzten Seite. Hingegen verkörpert die Scholastik das stärkste 
und gefährlichste Denkprinzip der psa. Theorie, von dem fast alle metho- 
dischen Fehlschlüsse aus gutem empirischen Material sich herleiten : die 
Gleichsetzung von Denken und Sein! Es ist kein Zufall, 
wenn von jeher der Vorwurf der Begriffs-Scholastik gegen die psa. Theo- 
rien-Bildung erhoben worden ist! In genauer Parallele zu dem sou- 
veränen und machtvollen Denkgebäude des Albertus und Thomas will 
das doch heißen, es sei hier wie dort im Namen eines bereits feststehen- 
den Dogmas soviel nur logisch und dogmatisch Denknotwendiges als real 
existent ausgegeben worden, daß wohl die Geschlossenheit der Lehre 
und die Anhängerschaft, nicht aber die Fülle der «wirkenden Wirklich- 
keit» dabei zu ihrem Recht komme. 

Wir übergehen die z. T. in diesem Zusammenhang sehr anziehenden 
Vertreter stoischer Lehren vor Spinoza, unter denen Herbert von 
Cherbury als Psychologist von großer Unbefangenheit hervorragt. 
Bei Spinoza aber finden wir uns in wesentlichen Stücken auf ver- 
trautem Boden, seine ganze Affektenich re klingt, als wäre sie 

16 



von je die Basis der Psa. gewesen: jedes Lebewesen strebt, soviel es ver- f 
mag, in seinem Sein zu beharren. Eine Steigerung der Lebenskraft be- 
deutet ihm Lust, eine Verminderung Unlust. Wir begehren etwas nicht, 
weil wir es für gut halten, sondern wir halten es für gut, weil wir es 
begehren. Unter «Affekt» versteht Spinoza die Affektionen des Kör- 
pers, durch welche dessen Fähigkeiten zum Handeln geschwächt oder 
gestärkt werden, und zugleich die Vorstellungen dieser 
Affektionen. Tugend ist die Macht, nach den Gesetzen der eigenen 
Natur zu handeln. Erkenntnis des Wahren ist wohl das höchste Gut — 
aber sie kann allein nichts ausrichten, sondern muß erst zum Affekt 
werden, wenn sie andere Affekte überwinden will, und zwar zum Lust- 
affekt, der stärker ist, als der entsprechende Unlustaffekt, weil er dem 
Wesen der menschlichen Natur mehr gemäß ist. Gut ist (ganz wie in 
der Stoa), was mit unserer Natur übereinstimmt. Es besitzt einer um so 
mehr Tugend, je mehr er seinen wahren Nutzen sucht, d. h. sein Wesen 
zu bewahren strebt. Diese Tendenz sich selbst zu erhalten, ist «das erste 
und einzige Fundament der Tugend». Von psa. Seite hat man neuer- 
dings darauf aufmerksam gemacht, daß Spinoza auch den Begriff 
der Verdrängung (wenn auch nicht ein gleichbedeutendes Wort) ge- 
brauche: der Geist verabscheue sich vorzustellen, was sein oder des 
Körpers Vermögen mindere oder hemme, und dieser Abscheu sei die 
Triebfeder seiner Haltung. Lieber stelle er sich etwas vor, was die 
Veniichtung des verabscheuten Gegenstandes bedeute. 

Auch die Psychologie und zumal die Affekt-Lehre von H o b b e s 
klingt vertraut: es gibt drei anziehende Affekte (Lust, Liebe, Begehren) 
un d drei abstoßende (Schmerz, Abneigung, Furcht). Der natürliche 
Egoismus zwingt jeden, mit Lust zu empfinden, was er vor anderen vor- 
aus hat, mit Ärger, was ihm fehlt — nur Heuchelei könne das verbergen. 
Die ausnahmslose Notwendigkeit der menschlichen Handlungen versteht 
sich für ihn von selbst. Ja, er meint sogar, niemand habe seinen zukünf- 
tigen Willen in seiner Gewalt — hier fällt uns Nietzsches Dialog ein : 
«Ich weiß durchaus nicht, was ich tue ! Ich weiß durchaus nicht, was ich 
tun soll ! Du hast recht, aber zweifle nicht daran : du wirst getan in je- 
dem Augenblicke.» Höchst fesselnd ist Hobbes' Überlegung über die 
Möglichkeit, die wahre Determination einer Handlung zu erfassen : nur 
das letzte Begehren, dem unmittelbar die Handlung folgt, liegt der Beur- 
teilung durch andere offen, nicht aber alle seine früheren Vorbedingun- 
gen. Das Leben faßt er im Wesentlichen auf als eine Art von Wett- 
rennen oder als dauernden Wettbewerb, der unter wenigen verläßlichen 
Motiven verlaufe: Mißtrauen. Eitelkeit, Gewalt. Homo homini lupus ist 
ihm der Inbegriff des sozialen Daseins — darin ist er ein Vorläufer der 
Darwinschen Konzeption vom «Kampf ums Dasein». Der Staat ist 
seiner Meinung nach lediglich durch den Selbsterhaltungstrieb der Ein- 
zelnen entstanden. 

Aus Humcs Skeptizismus sind es vor allem zwei Gesichtspunkte, 

2 IVni/Imm, I'm. l 7 



die uns hier interessieren. Einmal die Auffassung des Ich und des Selbst 
als Komplexe von Vorstellungen, oder vielmehr als zu diesen hinzuge- 
dachte Substrate, auch wohl gelegentlich Illusionen genannt. Und dann 
zweitens die Meinung, daß alle Begriffe auf Ideen- Assoziation beruhen. 
Ungemein ertragreich für die ganze Auffassung vom Menschen, die 
der psa. Seelenlehre vor 1920 zugrunde liegt, ist die Philosophie der 
Aufklärung, zumal in Frankreich. Angefangen von Montes- 
p u i e u s Satz : «Das Interesse ist der größte Monarch in der Welt» über 
La M e 1 1 r i e s Ableitung alles Geistigen aus dem Materiellen mit der 
Zuspitzung, daß auch geistige Genüsse im Grunde genommen nur im 
Sonderfall der allgemeinen sinnlichen Lust sind — über Condillacs 
Ergänzung dieses von ihm durchaus geteilten Lustprinzips durch direkte 
Ableitung von Bedürfnis, Leidenschaft, Wollen aus dem Gefühl von Lust- 
Unlust und seine Definition des Denkens als eines Rechnens mit Vor- 
stellungen — bis zu Friedrichs des Großen Schrift (im An- 
schluß an d'Alembert): «Über die Eigenliebe, als Prinzip der Mo- 
ral betrachtet» - und bis zur Psychologie eines Helvet.us, die wie 
eigens in Hinsicht auf Psa. angelegt klingt - überall jenes sensuah- 
stische materialistische, eudämonistische Menschenbild des praktischen 
Alltags. Diese berühmte materialistische Sittenlehre des Helvetius, ge- 
gründet auf Condillacs Ableitung aller geistigen Inhalte aus der Emp- 
findung, bietet vor allem ein Zukunftsbild, das wiederum an Ranks schon 
angeführte psa. Vollendungs-Ideologie (s. o.) gemahnt : die wahre Re- 
ligion der Zukunft hat keine Geheimnisse und ist identisch mit der 
wahren Moral - d. h. eben jenen Antrieben des Interesses und der Af- 
fekte, die allein die Seele wahrhaft befruchten können. Sogar rem in- 
tellektuelle Tätigkeit, der Trieb zum Erkennen, beruht auf Selbst- 
liebe und dem Streben nach sinnlicher Lust. 

Auch die deutsche Aufklärung böte gewiß noch mancherlei Gedan- 
ken und Erkenntnisse, die wir hier anreihen könnten. Erwähnt sei wenig- 
stens der scharfsinnige und im modernen Sinne psychologisch ungemein 
begabte L i c h t e n b e r g , der außer witzigen Aphorismen über Träume, 
Charaktere, Unbewußtes auch mit folgender Auslassung der Psa. ein 
120 Jahre vorauseilendes Präludium komponiert hat : «Hätte die Natur 
nicht gewollt, daß der Kopf den Forderungen des Unterleibs Gehör 
geben sollte, was hätte sie nötig gehabt, den Kopf an den Unterleib an- 
zuschließen. Dieser hätte sich, ohne eigentlich dasjenige zu tun, was man 
Sünde nennt, satt essen und' sich satt paaren, und jener ohne diese Sy- 
steme schmieden, abstrahieren und ohne Wein und Liebe von platonischen 
Räuschen und platonischen Entzückungen reden und singen und schwat- 
zen können. Küsse vergiften ist noch weit ärger von der Natur gehan- 
delt als das Vergiften der Pfeile der Feinde im Krieg. Die Scheide- 
wand zwischen Vergnügen und Sünde ist so dünne daß sie der ^StfOnj 
des langsamsten Blutes im siebzigsten in Stucke druckt. Was? Will 
denn die Natur, was sie nicht will? oder denkt die Vernunft, was sie 



18 



nicht denken kann ? Du Narr ! Weg mit dieser verfluchten Demokratie, 
wo alles das Wort führen will. Wenn ich will, soll eine uneinheimische, 
eingeführte, nichtswürdige Sentenz aufsteigen und Fleisch und Blut 
Trotz bieten? Eine Sentenz, Herr, von diesem festen steten Hang eines 
ganzen Systems zur Wollust? Ja, werfe einem hungrigen Volk einen 
Zwieback zu und befriedige es oder halte die Flut mit einem Fächer auf. 
Sünde, was Sünde — dreitausend Stimmen gegen eine, es ist nichts. 
Eine Schuldinstinktion oder Priesterbetrug. So — hier stehe ich fest, 
und dieses bin ich. Seid was ihr wollt, wohlan.»") 

Warum wird aber bei den französischen Aufklärern der Homo zum 
«homini lupus»? Weil sie im Namen des individuellen Glücksstrebens 
auch alle Hemmungen der Kultur zurückführen auf wenige Triebe (bei 
Holbac h z. B. Selbstliebe, Liebe, Haß als Grundkräfte des Handelns in 
Parallele zu Trägheit, Anziehung, Abstoliung als Grundkräften der Phy- 
sik) und dies als reine Wahrheit verkünden mit dem Zusatz, es gebe nur 
eine Wahrheit und diese könne niemals schaden. Es liegt eine eigentüm- 
liche Faszinationskraft in dieser kräftigen, diesseitigen Lebensauffas- 
sung, die sich bei hervorragender persönlicher Substanz, großer Weite 
und spiritueller Anlage in mannigfaltiger Art zu wahrhaft souveräner 
Orientierung im gegebenen Lebensraumc verdichten kann, wie das etwa 
bei Napoleon, aber auch bei Friedrich dem Großen deutlich in Erschei- 
nung tritt. Zugleich springt hier das Problem auf, dem dieser ganze histo- 
rische Rückblick zustrebt: welche Rolle spielen derartige auf skeptischem 
Wahrheitspathos (wenn der paradoxe Ausdruck erlaubt ist) beruhenden 
Erkenntnisse für die Kulturarbeit der kommenden Geschlechter? In 
dieser Hinsicht ist auf dem Boden von Nietzsches Kulturpsychologie 
(und auch am Beispiel seiner Auswirkung!) noch wichtige 'klärende 
Arbeit zu leisten — denn groß ist die Ahnungslosigkeit des reinen Wis- 
senschaftlers gegenüber diesen hintergründigen Problemen. Vielleicht 
können diese überhaupt nur richtig gesehen werden von solchen, die ihrer 
Natur nach dem inneren Zwang unterliegen, tätig unter Einsatz der 
Person mit einzugreifen, nicht nur ZU fcheorebaeren. Daß TOD ImvikI, ob- 
gleich er sich hinter seinem Arzt- und Forscherberuf immer wieder förm- 
lich verschanzt hat, trotzdem so weite Wellen ausgehen, sollte doch auf 
die Struktur solcher radikalen, und nur scheinbar im Gewände eines 
streng logischen Systemes neutralisierten Seelenlehren aufzumerken 
zwingen ! 

III. 
Herrschte bis hierher vorwiegend die Auffassung des Menschen 
als eines triebhaften auf Lust und Glück ausgehenden Einzeltieres, das 
sich durch Vernunftgründe bewegen läßt, auf den Kampf aller gegen 
alle zu verzichten und edas höhere Glück sozialer Gemeinschaft dafür 
einzutauschen», so ändert sich in der Philosophie der Klassik und Ro- 
mantik das Bild völlig — und dementsprechend ist auch die Ausbeute, 

» 19 



die wir bei Kant, Fichte, Schelling, Hegel in Hinsicht auf die Psa. machen 
könnten äußerst gering. Aber nun tritt die Dichtung an die Stelle der 
Philosophie und es sind künftig auch — außer Herbart — die dichte- 
rischen oder mindestens aus persönlicher Lebensstruktur ihre Seelenken- 
nerschaft schöpfenden Denker, die das Gedankengut der Psa. in manchen 
Stücken schon geformt haben. Auffallend ist, daß Goethe, auf den 
sich doch sonst alle Erkenntnisse, die den Menschen angehen, mit reich- 
lichen Zitaten berufen können, für unseren Zusammenhang wenig er- 
giebig ist — nur auf das «Unbewußte» bei ihm ist noch zurückzukommen. 
Den Grund dafür haben wir wohl in jener Eigenart des «Gocthcschen 
Menschen» zu suchen, daß er mit unerschütterlicher, schicksalhafter 
Sicherheit immer die ganze Gestalt darbietet, wo er irgend eindringlicher 
geschildert wird. Aber darüber hinaus erscheint noch jede einzelne 
Regung, die in einem lyrischen Verse oder einem Weisheitssatze einge- 
fangen wird, wie im Nimbus eines Lebensganzen, sei dieses nun die 
Humanität des 18. Jahrhunderts oder etwas Allgemeineres — bis zur 
Würde der Menschheit oder gar der ehrfürchtig angeschauten Wirkungs- 
mächte kosmischer Natur. Hier sollte der durch psa. Lehren Gefesselte 
sich den Blick auf die Fülle der Wirklichkeit öfters ausweiten, um seiner 
Scheuklappen inne zu werden. 

Es versteht sich, daß in dem Menschenbilde, wie es die Romantik 
sah, erheblich mehr Züge vorkommen, die in das psa. Bild passen. Be- 
ginnt doch bei den Romantikern jenes Wuchern des scharf analytisch 
eindringenden Geistes auf Kosten der Geschlossenheit, des inneren Hal- 
tes aller Gestalt. Zugleich freilich bleibt nicht nur lebendig, sondern 
vertieft sich gar ein ahnendes Gefühl für das Wogende, für das aus 
allen Mächten, milden und grauenhaften, schöpferischen und verderben- 
bringenden gemischte Wuchern in der Tiefe des elementaren Gesche- 
hens. Ein Beispiel unter vielen bietet uns Novalis' Wort : «Es ist 
wunderbar genug, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, Reli- 
gion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Ver- 
wandtschaft und ihre gemeinsamen Tendenzen gemacht hat.» — Die 
wahre Fundgrube für Perlen einer «Tiefenpsychologie», die jeder Fas- 
sung in ein System spotten (und auch ihre Schönheit darin einbüßen 
würden) ist J e a n P a u 1 , gar nicht zu reden von seiner Art, die see- 
lischen Schwingungen zwischen Menschen fortwährend aufleuchten zu 
lassen im zartesten Glänze erotischer Wallungen (zumal etwa im «Ti- 
tan»), die sich dann freilich vor dem Zugriff von Seiten psa. Deutungs- 
tendenzen meistens verflüchtigen. Immerhin gibt es, besonders in der 
Erziehlehre «Levana», auch drastische Leitsätze, die in der neuesten 
Phase der psa. Lehre wohl einen Platz finden können! «Jeder von uns 
hat seinen idealen Preismenschen in sich, den er heimlich von Ju- 
gend auf frei oder ruhig zu machen strebt. Am hellsten schauet jeder 
diesen heiligen Seelengeist in der Blütezeit aller Kräfte, im Jünglings- 
alter» Auch bei E T. A. H o f f m a n n wimmelt es von menschlichen 



20 



Zügen untergründiger Art, die als Kronzeugen für manche psa. Behaup- 
tungen angeführt, aber freilich wiederum mit den früheren Mitteln der 
Lehre nicht wohl erfaßt werden können, ohne ihren magischen Glanz 
einzubüßen. 

IV. 

Von schwerwiegender Bedeutung für die Sicherung oder Reinigung 
der Grundmauern des psa. Lehrgebäudes ist jedoch eine Auseinander- 
setzung mit jener Seelenlehre, die eine Reihe von Naturphilosophen der 
Spätromantik aus tiefer Erfassung von Lebensvorgängen, die bald 
darauf von der positivistischen Zeitwissenschaft vergessen wurden, in 
einer allerdings etwas fremdartigen Ausdrucksweise hinterlassen hat. 
Ob es ein Zufall ist, daß fast alle diese Forscher Ärzte waren? Die 
Namen einiger von ihnen leben in der Geschichte der Naturwissen- 
schaften und der Medizin fort (Lorenz Oken, Kieser, K. Fr. Burdach), 
andere (Schubert, Troxler) sind fast vergessen, der vielseitigste und für 
uns heute noch ergiebigste, C. G. C a r u s '), ist durch unermüdliche Hin- 
weise von Klages wieder in unseren Gesichtskreis gerückt, nachdem zu- 
letzt E. von Hartmann sich auf ihn gestützt, freilich aber die Feinheit 
und Tiefe seiner Lebenslehre durch Rationalisierung verdorben hatte. 
Carus ist uns hier nun in erster Linie deshalb wichtig, weil er den 
Begriff des Unbewußten im Anschluß an Goethe in 
einer Weise begründet und durch alle Lebenserscheinungen durchge- 
führt hat, die allein der Fülle der Wirklichkeit gerecht wird und seither 
ähnlich fast nur von Nietzsche und ganz konsequent von Klages ange- 
wandt worden ist. Zwei Kernsätze umschreiben unmißverständlich den 
damit gemeinten Sachverhalt :«DerSchlüsselzumVerständ- 
nis des bewußten Seelenlebens liegt in der Region 
des Unbewußtseins» — dies die ersten Worte und das Leit- 
motiv des Hauptwerkes von Carus : c Psyche». Und der Physiologe Bur- 
dach prägt in einem etwas vagen Satz das Wort vom «bewußtlos bilden- 
den Leben», das im rhythmischen Wechsel so am Einzelwesen wie im 
Umlaufe der Wcltkörper sich äußere. 

Unerläßlich ist es für jeden, der mit dem Begriffe des Unbewußten 
sich auseinandersetzt, diese Lebenslehre des Carus genau zu prüfen, die 
geradezu die Heimat einer sinnvollen und vorsichtigen Verwendung die- 
ses logisch so anstößigen, biologisch hingegen einfachen und unentbehr- 
lichen Begriffes ist. 

Höchst verwunderlich mutet es daher an, daß in der breiten und 
affcktvollen Diskussion, die zumal im letzten Jahrzehnt um «das Un- 
bewußte» entbrannt ist, aus der ganzen Schar der fachwissenschaftlichen 
Kämpfer kaum einer nur den Namen Carus gekannt hat, geschweige denn 
sein Werk. So ist es nicht zu viel gesagt, daß dieser ganze Kampf dem 
Problem überhaupt nur vorübergehend nahe gekommen ist und sich in der 
Hauptsache darum gedreht hat, ob innerhalb der um 1900 üblichen physio- 

21 






logischen und psychologischen Terminologie der Begriff des Unbewußten 
mit Nutzen zu verwenden sei. Das ist zweifellos nicht der Fall, insofern 
haben ein Bumke 8 ) u. a. Recht. Im Augenblick aber, wo wir jene Termino- 
logie und zugleich mit ihr die wissenschaftliche Grundeinstellung, deren 
Ausdruck sie ist, für unzulänglich halten, weil sie unsere Probleme nicht 
in sich begreift, liegt die Situation vollkommen anders. Denn nun ist das 
Problem «des Unbewußten» verquickt mit Grundfragen, die damals kaum 
jemanden interessierten, heute hingegen brennend geworden sind. Stu- 
dieren wir doch gerade Lebensvorgänge, Verhaltungsweisen in Situationen 
mit Vorliebe dort, wo sie nicht geleitet sind von vollem Bewußtsein, son- 
dern jene unbefangene Geschlossenheit besitzen, die sie näher an den phy- 
siologischen Reiz-Reaktions-Ablauf als an die Willenshandlung des voll- 
entwickelten Europäers von heute rücken! — So muß uns daran gelegen 
sein, nicht nur in der Kinder- und Tierpsychologie solche Situationen 
herzustellen, in denen bewußte Wahl- und Zielhandlungen möglichst 
keine Rolle spielen. Durch solche praktischen Bemühungen gezwungen, 
haben wir, ob wir wollen oder nicht, diese Ausschaltung des Bewußt- 
seins auch terminologisch zum Ausdruck zu bringen. Und dann werden 
wir uns getrauen müssen, die auch sonst gebräuchliche Negation «un-» 
vor dem Begriffe «bewußt» anzuwenden. 

Erst recht nicht kann uns die an sich ärgerliche Tatsache, daß mit 
«dem Unbewußten» sowohl von E. von Hartmann wie von Freud, wie vor 
allem von der populären Tagesschriftstellerei Mißbrauch getrieben 
worden ist, von dem verpflichtenden Zwange der beobachtbaren Sachver- 
halte befreien. Aber gerade in diesem Dilemma kommt uns die Rück- 
besinnung auf jenen Inhalt und Umfang, den der Begriff «unbewußt» 
bei Carus unter deutlicher Anlehnung an Goethe besaß, zu Hilfe: er ge- 
hört hier zur Bestimmung des aus sich heraus «bildenden Lebens», des 
Schöpferischen, alles rhythmischen Wechsels, naturhaflcn Wachstums 
und Geschehens, während der Begriff «bewußt» erst dem menschlichen 
Geiste zukommt. Demgemäß wäre beim Menschen insoweit von unbe- 
wußten Vorgängen zu reden, als er dem Gang des Naturlaufs unterworfen 
ist, dessen Grundform er nicht ändern oder gar aufheben oder umkehren 
kann: Lebenskurve, Tag und Nacht, Sommer und Winter, Ernährung und 
Ausscheidung und alle Vorgänge des leib-seelischen Organismus — das 
alles nimmt in Richtung, Qualität und Größenordnung seinen Gang. Es ist 
wohl störbar, aber nicht prinzipiell änderbar über den Spielraum der ge- 
wachsenen Eigenart hinaus etwa bis in die Struktur oder gar in die Sub- 
stanz hinein! Inder ehrfürchtigen Anerkennung dieser Naturwirklichkeit 
beruht die Größe und Sicherheit von Goethes Weltbild. Zeugnis dafür 
hat er oft genug abgelegt: «Der Mensch kann nicht lange im be- 
wußten Zustande verharren; er muß sich wieder ins Unbewußtsein 
stürzen, denn darin lebt seine Wurzel.» 

Daß Schopenhauer als überlegener Psychologe mit dem He- 
griff des Unbewußten rechnete, ist wohl bekannt : «Vergleichen wir unser 



22 



Bewußtsein mit einem Wasser von einiger Tiefe, so sind die deutlich be- 
wußten Gedanken bloß die Oberfläche, die Masse hingegen ist das Undeut- 
liche, die Gefühle, die Nachempfindungen der Anschauungen und des 
Erfahrenen überhaupt, versetzt mit der eigenen Stimmung unseres Willens, 
welcher der Kern unseres Wesens ist. Die Masse des ganzen Bewußtseins 
ist nun mehr oder weniger nach Maßgabe der intellektuellen Lebendigkeit 
in steter Bewegung und was infolge dieser an die Obertläche steigt, sind 
die klaren Bilder der Phantasie oder die deutlich bewußten, in Worten aus- 
gedrückten Gedanken und die Beschlüsse des Willens. Selten liegt der 
ganze Prozeß unseres Denkens und Beschließens auf der Oberfläche, d. h. 
besteht in einer Verkettung deutlich gedachter Urteile, obwohl wir dies an- 
streben, um uns und anderen Rechenschaft geben zu können ; gewöhnlich 
aber geschieht in der dunklen Tiefe die Rumination des von außen erhal- 
tenen Stoffes, durch welche er zu Gedanken umgearbeitet wird und sie 
geht beinahe so unbewußt vor sich, wie die Umwandlung der Nahrung in 
die Säfte und Substanz des Leibes. Daher kommt es, daß wir oft vom Ent- 
stehen unserer tiefsten Gedanken keine Rechenschaft geben können; 
sie sind die Ausgeburt unseres geheimnisvollen Inneren. Urteile, Einfälle. 
Beschlüsse steigen unerwartet und zu unserer eigenen Verwunderung aus 
jener Tiefe auf . . . Das Bewußtsein ist die bloße Oberfläche unseres 
Geistes, von welchem wie vom Erdkörper wir nicht das Innere, sondern 
nur die Schale kennen.> Und Nietzsche hat, so oft er an jene Lebens- 
tiefe dachte, die er als mütterlichen Urgrund und Wachstums-Schoß an- 
sah, nicht gespart mit Worten wie : «wir leugnen, daß irgend etwas voll- 
kommen gemacht werden kann, solange es noch bewußt gemacht wird» — 
keineswegs damit das Bewußtsein verwerfend, sondern nur die Unfähig- 
keit rein rechnender Bewußtheit, der nichts triebhaft stark entgegen- 
wächst ! Ähnliche Worte Nietzsches, die in gleicher Richtung zielen, gibt 
es eine große Anzahl. 

Der entscheidende Punkt am Problem der an sich unbewußten Le- 
bensvorgänge liegt darin, daß die Bindung an diese Rhythmen, die Un- 
entrinnbarkeit einer vorgegebenen und schlicht hinzunehmenden Natur- 
wirklichkeit nur einem gewissen menschlichen Typus Wohltat ist (höchste 
Form: Goethe), während andere Typen, in denen das Prometheische in 
Tat oder Willensziel überwiegt, gegen die Erdverhaftung (das Mütter- 
liche) protestieren. Ihnen bleibt keine Wahl : sie müssen diese Bindung be- 
kämpfen, sei es durch Vernichtung in sich selbst, sei es durch Verdächti- 
gung, sei es durch Hineindeutung der ihnen allein gemäßen, bewußten 
dialektischen Verhaltungsweise in jene Lebensvorgänge. Den Vernich- 
tungsversuch finden wir bei den reinen Mechanisten, die Verdächtigung bei 
den Moralisten, die dialektische Deutung bei den Rationalisten. Und von 
diesen Spielarten der denkenden Auseinandersetzung mit dem Begriff des 
Lebens wie des Unbewußten werden denn auch die verschiedenen Be- 
griffsbestimmungen, die wir vorfinden, deutlich gefärbt; ihnen gemäß 
werden sie gewaltsam abgegrenzt. 

23 



Es bedarf keiner näheren Begründung, daß bei mechanistischer (oder 
dem Negativ dazu: vitalistischer) Auffassung der Begriff des Unbe- 
wußten leer und überflüssig ist. Daß er bei Moralisten bis zum höchsten 
Range (denen aus Gesinnungsidealismus) Inbegriff des bösen Triebhaften, 
des «Tierischen» ist, in das hypertrophische menschliche Sexualität hinein 
projiziert wird. Nur das zwangsläufige Verhalten des Rationalisten ist 
schwieriger zu verstehen und zwar, weil er wohl selten nur ein reiner, ab- 
soluter Vertreter seiner Einstellung ist. Wäre er das, so würde er bis auf 
den Höhepunkt der dogmatischen psa. Lehre gegen 1920 (die dritte Form, 
wie wir sagten) gelangen und dort befriedigt Halt machen, wie es in der 
Tat jene Analytiker zu tun schienen. Dann wäre «das Unbewußte» für 
diese Rationalisten in der Tat ein Raum, in dem Wunschtendenzen und zu- 
mal verdrängte mit den Urtrieben und allen mesquinen kleinen Bosheiten 
zusammen hausten, sämtlich auf sexuelle Lust gerichtet, sämtlich auf Ver- 
kleidung bedacht, um wenigstens listige Ersatzbefriedigung zu erreichen, 
wie nur je ein bewußt berechnender Mensch. Zum Glück ist Freud nicht 
ein solcher Rationalist, sondern hat heute seinen Horizont weiter gespannt 
und versucht, jenem wahren Reich des «bewußtlos bildenden Lebens» 
Genüge zu tun, das als «Es» die Würde der Anonymität, der Unerreich- 
barkeit auf kausalem Wege, zurückerhalten hat. Freilich sind damit die 
Schäden, die der Begriff eines völlig rationalisierten «Unbewußten» ge- 
schlagen hat, keineswegs wieder gutgemacht. Dazu bedarf es noch mühe- 
voller neuer Arbeit und eines Vergessens, das durch die überreichliche 
psa. Literatur aus der dogmatischen Zeit ungemein erschwert wird. 

Und ferner ist es bei diesem Sachverhalt an der Zeit, daß die aus 
propagandistischen Gründen verständliche immer wieder unterstrichene 
Behauptung, Freud habe «das Unbewußte» entdeckt und enträtselt, auf 
ihren haltbaren Kern reduziert wird. Und der heißt : er hat mit enormer 
Konsequenz einen über 30 Jahre währenden Versuch gemacht, ein ratio- 
nalisiertes Unbewußtes als Resultat reiner Empirie zu erweisen — und 
dieser Versuch ist im Grunde gescheitert. Nicht als ob etwa bereits eine 
andere Lehre vom Unbewußten die seinige in der Wissenschaft oder der 
öffentlichen Meinung verdrängt hätte, sondern er selbst hat sie als unhalt- 
bar erkannt und Stück um Stück wenigstens «metapsychologisch», d. h. 
grundsätzlich zurückgezogen oder umgefärbt. Ob diese noch im Gange 
befindliche Entrationalisierung des Unbewußten zu einem haltbaren Ende 
führen wird, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls aber ist es zu begrüßen, 
daß Freuds «metapsychologische» Erwägungen ihn der von uns vertre- 
tenen von starker Ahnenschaft getragenen Auffassung (Goethe — Carus 
Nietzsche) soweit nähert, daß die psa.Theorie dadurch in der entstehen- 
den Persönlichkeitspsychologie und Anthropologie eine breitere Rolle spie- 
len wird, als es für ihre frühere Form möglich gewesen wäre. 



24 



Wir müssen uns noch genauer bei Schopenhauer und 
Nietzsche umsehen, als den stärksten Stützen der psa. Betrachtungs- 
weise der Menschen. Hier kann nun nicht mehr von Anklängen gesprochen 
werden, sondern nur noch von direkter Vorläuferschaft, ja von vorweg- 
nehmender Prägung wesentlichster Bestandteile der Lehre. In mancher 
Hinsicht müßte man auch Marx in diesem Zusammenhange heranziehen. 

Bei Schopenhauer zum ersten Male in der Geschichte der Philosophie 

begegnet uns das Phänomen, daß die maßgebendsten wertenden Entschei- 
dungen seines Gedankengebäudes so stark geprägt sind von der persön- 
lichen Lebenshaltung des Denkers, daß es schwer fällt, das Werk als voll- 
kommen objektiviert, unabhängig von der Person gültig hinzunehmen. 
Dieser Mißstand — vom Gesichtspunkte der Fachphilosophie aus gesehen 
— wird gefördert dadurch, daß der ungemein weltkluge und weitgereiste 
Mann mindestens ebensosehr rhapsodischer Schriftsteller von ungewöhn- 
lichster Sprachbegabung, sprühendem Geist und raffiniertem Menschen- 
kennertum war, als systematischer Denker. Jedenfalls aber hat diese Kon- 
stellation seiner direkten Wirksamkeit als Psychologe und Verfechter 
einer Weltanschauung, von deren Pessimismus besonders das Charakter- 
bild der Menschen gefärbt ist, mächtig Vorschub geleistet. Nietzsches und 
Wagners stärkstes Bildungs-Erlebnis ist gewiß einer sehr großen Zahl 
von Menschen zuteilgeworden, die von den 70er Jahren ab aus irgend- 
einem Grunde die glatte Einigung mit dem Zeitalter der raschen, brutalen 
wirtschaftlichen Expansion nicht vollziehen konnten und einer pessimi- 
stischen Auffassung von Mensch und Geschichte zuneigte. 

Schopenhauers Menschenbild ist dadurch gekennzeichnet, daß er auch 
psychologisch das Reich der Triebe und das des Wollens in eins setzt und 
daraus den ganzen Notstand eines verhaßten Lebens ableitet, während er 
im Reiche der Vorstellung die Erlösung vom Leiden des Wollens findet. 
«Wollen und Streben sind das ganze Wesen des Menschen, einem un- 
löschbaren Durste gänzlich zu vergleichen. Die Basis des Wollens aber ist 
Bedürftigkeit, Mangel, also Schmerz, dem er folglich schon ursprünglich 
und durch sein ganzes Wesen anheimfällt. Fehlt es ihm hingegen wieder 
an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm so- 
gleich wieder wegnimmt, so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile, 
d. h. sein Wesen und sein Dasein wird ihm zur unerträglichen Last. Sein 
Leben springt also gleich einem Pendel hin und her zwischen dem Schmerz 
und der Langeweile, welche in der Tat dessen letzte Bestandteile sind.» 
Die drei Grundtriebe, aus denen er den empirischen Charakter bestimmt, 
sind: grenzenloser Egoismus (auf das eigene Wohl hin), Bosheit bis zur 
äußersten Grausamkeit (auf das fremde Wehe hin) und Mitleid (auf das 
fremde Wohl hin). Einzige Erlösung ist die Verneinung des Willens zum 
Leben. — Flackert etwas von der grämlichen Stimmung dieses Lebens- 
Zerrbildes in Freuds metapsychologischen Versuchen, einen Trieb-Dualis- 

25 



raus zu begründen, so bieten sich doch auch für ältere Grundbegriffe der 
Psa. (außer der schon zitierten Stelle über das Unbewußte) Anknüpfungs- 
punkte bei Schopenhauer. So in dieser drastischen Schilderung einer Su- 
blimierungssituation: «An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur 
Wollust am stärksten ist, nicht ein mattes Sehnen, das aus Leerheit und 
Dumpfheit des Bewußtseins entspringt, sondern eine brennende Gier, eine 
heftige Brunst: gerade dann sind auch die höchsten Kräfte des Geistes, 
ja das beste Bewußtsein zur größten Tätigkeit bereit, obzwar in dem 
Augenblick, wo das größte Bewußtsein sich der Begierde hingegeben hat, 
latent : aber es bedarf nur einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehrung 
der Richtung, und statt jener quälenden, verzweifelnden Begierde (dem 
Reich der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Be- 
wußtsein (das Reich des Lichtes).» — 

Von besonderem Interesse ist, daß auch die Tatsache der Ver- 
drängung Schopenhauer sehr wohl bekannt war und er sie sogar geradezu 
zur Erklärung des «Wahnsinns» (wohl in weitem Sinne zu verstehen, ein- 
schließlich der Neurosen) heranzieht, also ihre Bedeutung für die seeli- 
schen Störungen schon deutlich erkannte (Nachträge zur «Welt als Wille 
und Vorstellung», Bd. II, Kapitel 32, Nachtrag zu Bd. I, 36) : «Die . . . 
Darstellung des Wahnsinns wird faßlicher werden, wenn man sich erin- 
nert, wie ungern wir an Dinge denken, welche unser Interesse, unsern 
Stolz, oder unsere Wünsche stark verletzen, wie schwer wir uns ent- 
schließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu genauer und ernster Unter- 
suchung vorzulegen ... In jenem Widerstreben des Willens, 
das ihm Widrige in die Beleuchtung des Intellekts 
kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher der 
WahnsinnaufdenGeisteinbrechenkann. Jeder widrige 
neue Vorfall nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, d. h. im 
System der sich auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahr- 
heiten eine Stelle erhalten, was immer Befriedigendes er auch zu ver- 
drängen haben mag. Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel 
weniger: aber diese Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch 
meistens nur langsam und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen 
kann nur sofern sie jedesmal richtig vollzogen wer- 
den, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht hin- 
gegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des Wil- 
lens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jeneOpe- 
ration nicht rein durchgeführt wird, werden demnach 
dem Intellekt gewisse Vorfälle oder Umschläge völlig unterschlagen, 
weil der Wille ihren Anblick nicht ertragen kann ; 
wird alsdann des notwendigen Zusammenhanges wegen, die dadurch ent- 
standene Lücke beliebig ausgefüllt; — so ist der Wahnsinn da . . . Der 
obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns 
ansehen als ein gewaltsames «SichausdemSinnsch lagen» 
irgendeiner Sache, welches jedoch nur möglich ist mittels des 



26 



«Sich in den Kopf setzen» irgendeiner anderen. Seltener ist der um- 
gekehrte Hergang, daß nämlich das «Sich in den Kopf setzen» 
das erste und das «Sich aus dem Sinn schlagen» das zweite 
ist . . . Solche Kranke halten den gefaßten Gedanken gleichsam 
krankhaft fest, so daß kein anderer, am wenigsten ein ihm entgegen- 
stehender, aufkommen kann. Bei beiden Hergängen bleibt aber das 
Wesentliche des Wahnsinns dasselbe, nämlich die Unmöglichkeit einer 
gleichförmig zusammenhängenden Rückerinnerung, wie solche die Ba- 
sis unserer gesunden, vernünftigen Besonnenheit ist.» — 

Viel ausgiebiger noch als Schopenhauer ist N i e t z s c h e im Vor- 
prägen von psa. Auffassungen und Begriffen, freilich aber mit einer 
fundamentalen Einschränkung : bei ihm sind diese Kernworte wohl ge- 
meint wie sie dastehen und er ist sich der Tragweite dieser großenteils 
grausamen, entlarvenden, Ideale zerstörenden, psychologischen Blitze 
wohl bewußt. Aber selbst wenn man den größeren Teil der psa. Hauptbe- 
funde als Erkenntnisse, die Nietzsche geläufig waren, mit seinen Formu- 
lierungen belegt, deren Leuchtkraft oft die gründlichsten Abhandlungen 
und Beweise in Schatten stellt, so darf doch nicht vergessen werden, daß 
dies einzelne vernichtende Strahlen seines kritischen Geistes und seines 
psychologischen Spürsinnes sind, die ihm schwerlich je zur Fügung 
eines Systems genügt hätten! Vielleicht wäre daraus ein Sektor des 
Gesamtkreises «Mensch und Kultur» geworden, der nicht mehr als 30 
oder Vis ausgemacht hätte. Derartige Überlegungen tun dringend not, 
wenn man die oft bestürzend engen Übereinstimmungen zwischen 
Nietzsches Sätzen und der psa. Lehre ans Licht stellt — es erklärt sich 
daraus einigermaßen, warum die gleiche Erkenntnis hier, bei ihm, als 
eine unter vielen, wahr und tief ist, während sie dort, bei der Psa., 
überbelastet durch das Gewicht eines einseitig konstruierten Gesamt- 
bildes vom Menschen, das auf ihr errichtet worden ist, schief und flach 
wirkt. Das gilt z. B. gleich von dem Satze: «Grad und Art der Ge- 
schlechtlichkeit eines Menschen reichen bis in die letzten Gipfel seines 
Geistes hinauf.» 

Dieser Satz ist keineswegs als gewagtes Apercu zu werten, sondern 
beruht auf ganz bestimmten Erkenntnissen, die Nietzsche z. B. aus seiner 
intimen Vertrautheit mit Schopenhauer und Wagner aufgegangen 
waren. Zeugnis dafür gibt — um die zahlreichen Anspielungen auf 
Wagner außer Acht zu lassen — am eindrucksvollsten diese Analyse 
der Triebuntergründe für Schopenhauers philosophische Konzeptionen 
(in «Zur Genealogie der Moral», 3. Abhandlung: «Was bedeuten aske- 
tische Ideale?» Abschn. 6): «das Wort ,ohne Interesse' interpretierte 
er sich in der allerpersönlichsten Weise, aus einer Erfahrung her- 
aus, die bei ihm zu den regelmäßigsten gehört haben muß. Über 
wenig Dinge redet Schopenhauer so sicher wie über die Wirkung der 
ästhetischen Kontemplation: er sagt ihr nach, daß sie gerade der ge- 
schlechtlichen Interessiertheit entgegenwirke, ähnlich also wie 

27 



Lupulin und Kampher, er ist nie müde geworden, dieses Loskom- 
men vom «Willen» als den großen Vorzug und Nutzen des ästhetischen 
Zustandes zu verherrlichen. Ja, man möchte versucht sein zu fragen, 
ob nicht seine Grundkonzeption von «Willen und Vorstellung», der 
Gedanke, daß es eine Erlösung vom «Willen» einzig durch die Vor- 
stellung geben könne, aus einer Verallgemeinerung jener Sexualerfah- 
rung ihren Ursprung habe. . . . Hören wir zum Beispiel eine der aus- 
drücklichsten Stellen unter den zahllosen, die er zu Ehren des ästhetischen 
Zustandes geschrieben hat (Welt als Wille und Vorstellung, I 231), 
hören wir den Ton heraus, das Leiden, das Glück, die Dankbarkeit, mit 
der solche Worte gesprochen worden sind. «Das ist der schmerzlose Zu- 
stand, den Epikuros als das höchste Gut und als den Zustand der Götter 
pries; wir sind, für jenen Augenblick, des schnöden Willensdranges 
entledigt, wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das 
Rad des Ixion steht still» . . . Welche Vehemenz der Worte! Welche 
Bilder der Qual und des langen Überdrusses! Welche fast pathologische 
Zeit-Gegenüberstellung «jenes Augenblicks» und des sonstigen «Rads 
des Ixion», der «Zuchthausarbeit des Wollens», des schnöden «Wil- 
lensdranges» ! — Aber gesetzt, daß Schopenhauer hundertmal für seine 
Person Recht hätte, was wäre damit für die Einsicht ins Wesen des 
Schönen getan? Schopenhauer hat eine Wirkung des Schönen beschrie- 
ben, die willen-kalmierende, — ist sie auch nur eine regelmäßige? 
Stendhal . . . eine nicht weniger sinnliche, aber glücklicher geratene 
Natur als Schopenhauer, hebt eine andere Wirkung des Schönen her- 
vor: «das Schöne verspricht Glück», ihm scheint gerade die Er- 
regung des Willens («des Interesses») durch das Schöne der Tatbe- 
stand. Und könnte man nicht zuletzt Schopcnhauern selber einwen- 
den, daß er sehr mit Unrecht sich hierin Kantianer dünke, daß er ganz 
und gar nicht die Kantische Definition des Schönen Kantisch verstan- 
den habe, — daß auch ihm das Schöne aus einem «Interesse» gefalle, 
sogar aus dem allerstärksten, allerpersönlichsten Interesse: dem des 
Torturierten, der von seiner Tortur loskommt? . . . Und, um auf unsre 
erste Frage zurückzukommen «was bedeutet es, wenn ein Philo- 
soph dem asketischen Ideal huldigt?» so bekommen wir hier wenig- 
stens einen ersten Wink: er will von seiner Tortur loskommen.» — 

Wir müssen uns in der Anführung von psa. Sätzen Nietzsches 
Schranken auferlegen, denn es wimmelt bei ihm von derartigen analy- 
tischen Erkenntnissen, die z. T. erst durch die psa. Forschung an Ein- 
zelfällen den genauen Beweis ihrer Reichweite erhalten haben. Das 
gilt besonders von dem genialen Dialog, mit dem Nietzsche den Tatbe- 
stand der Verdrängung endgültiger in Worten gestaltet hat, als es je 
einer theoretischen Bemühung gelingen könnte: «Das habe ich getan, 
sagt mein Gedächtnis. — Das kann ich nicht getan haben, sagt mein 
Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.» — Wir 
könnten noch zahlreiche derartige Sätze aneinanderreihen und wählen 



28 



wenigstens noch diese aus : «Alle Triebe, welche sich nicht nach außen 
entladen können, wenden sich nach innen .> — «Gute Handlungen sind 
sublimierte böse.» — «Was wir im Traum erleben, gehört zuletzt so gut 
zum Gesamthaushalt unserer Seele, wie irgend etwas .wirklich' Er- 
lebtes.» — Wichtig für Psychologen ist zumal jener schwierigste 
«Rückschluß vom Ideal auf den, der es nötig hat, 
von der Tat auf den Täter, von jeder Denk- und 
Wertungsweise auf das dahinter kommandie- 
rende Bedürfnis». 

Der letzte Satz legt programmatisch die Einstellung einer ent- 
larvenden — und damit freilich, wie Max Weber sagte, «entzaubernden» 

Psychologie fest, die nicht wissenschaftlichen Bedürfnissen entspringt, 

sondern seherischen Erkenntnissen, die aus prophetischem Pathos erst ihre 
volle Wirkungskraft erlangen. Diese wichtige Seite an dem tief in un- 
sere gespannte kulturelle Situation eingreifenden Problem der Entlar- 
vungs-Psychologie wird meistens zu wenig beachtet. In dieser Haltung 
geht es um Kultur-Kritik — und nie sind schärfere Werkzeuge dazu 
geschmiedet und verwendet worden, als von Nietzsche. Aber bei aller 
«fruchtbaren» Kritik ist die wichtigste Frage: im Namen wovon ge- 
schieht sie? Wir werden auf dieses Kernproblem der geisteswissen- 
schaftlichen Einordnung der Psa. noch zurückkommen müssen. Es 
kann ohne einen Blick auf die seelischen Zeitkrisen nicht ins rechte 
Licht gesetzt werden. 

Eine wichtige und lohnende Aufgabe wäre es, die Beziehungen zwi- 
schen Kierkegaards bohrender, selbstquälerischer Psychologie und 
den psa. Theorien herauszuarbeiten. Obwohl in den großen Hauptzügen 
und den Hauptbegriffen eine Übereinstimmung nicht klar zutage tritt, 
spürt man zahlreiche Anklänge: die Verdrängung ist zwar nicht dem 
Wort, wohl aber der Sache nach vorweggenommen, z. B. bei dem von ihm 
geschilderten Verzweiflungstyp, der «aus Trotz nicht sein will, was er 
ist», also seine wahre Natur «verdrängt», weil er auf ihrer Basis mit dem 
Leben nicht fertig wird. (In der kleinen Schrift «Die Krankheit zum 
Tode».) Hierher gehört vielleicht auch der in «Entweder — oder» ge- 
schilderte Typ der «ästhetischen» Lebenseinstellung (gegenüber der 
ethischen und religiösen), die nie eigentlich Ernst macht mit dem Leben, 
sondern gleichsam unzählige Möglichkeiten ausprobiert, ohne doch je 
eine einzige wirklich verantwortungsvoll auf sich zu nehmen, so daß der 
Betreffende sich ständig am Leben vorbei drückt. Häufig genug trifft 
Kierkegaard in seiner ungemein beweglichen und subtilen Art gerade 
die Schichtung seelischer Vorgänge mit äußerster Prägnanz — vom of- 
fenen Wort aus durch Hintergedanken zum halbbewußten und unbewuß- 
ten Impuls. Von dem Raffinement solcher analytischen Psychologie könnte 
die Psa. noch vieles aufnehmen. Es gibt außer Nietzsche wohl keinen 
Psychologen, der die schmerzhafte Wollust der Entlarvung in diesem 
Ausmaß kultiviert hat — nur freilich geschah es im einen Falle im 

29 



Dienste des Christentums, im anderen Falle aus Haß und Kampflust 
gegen das Christentum. — Welche Vielfarbigkeit herrscht z. ß. in dieser 
Umschreibung von Vorgängen, die unter den psa. Begriff der Ver- 
drängung fallen würden: «man sucht vielleicht durch Zerstreuungen, 
— und als Zerstreuungsmittel können auch Arbeit und Geschäftigkeit 
dienen, — eine Dunkelheit über den eigenen Zustand zu bewahren, je- 
doch wieder so, daß einem nicht ganz deutlich ist, daß 
man es tut, um Dunkelheit zu schaffen. Oder man ist 
sich vielleicht sogar bewußt, daß man so arbeitet, um die Seele in Dun- 
kelheit zu versenken, und tut es mit einer gewissen Scharfsinnigkeit und 
klugen Berechnung, mit psychologischem Einblick, aber doch nicht mit 
tieferem Bewußtsein von dem, was man tut, und wie verzweifelt dieses 
Verfahren ist» 8 ). Oder: «Die ganze Frage nach dem Selbst im 
tieferen Sinn wird wie eine blinde Türe im Hinter- 
grund seiner Seele, hinter der nichts ist. Er versteht 
nun unter seinem Selbst, was ihm an Gaben, Talenten usw. gegeben ist, 
dies nimmt er auf, jedoch mit der Richtung nach außen, für das Leben, 
das wirkliche, wirksame Leben, wie er es nennt. Mitdcm bißchen 
Reflexion, das er hat, geht er sehr vorsichtig um ; 
er fürchtet, es könne wieder heraufkommen, was 
imHintergrundist. Soglücktesihm.dies nach und 
nach zu vergessen; im Lauf der Jahre findet er es dann fast 
lächerlich, besonders, wenn er in Gesellschaft mit anderen tüchtigen und 
tätigen Männern ist, die Sinn und Brauchbarkeit für das wirkliche Leben 
haben. Charmant . . .» 

VI. 

Aus der Schulpsychologie des 19. Jahrhunderts ist es vor allem H e r- 
bart, der wahrscheinlich direkt auf Freuds Begriffsbildung einge- 
wirkt hat, da seine Schule in Wien auch gerade unter den Medizinern 
stark vorherrschend war. Diese uns Heutigen durch eine arrogante 
Scheinklarheit höchst ärgerliche Lehre spielt in der Pädagogik und dem- 
gemäß, unter dem breiten Einfluß, der von dort ausgeht, in der Popular- 
psychologie bis in unsere Tage eine viel größere Rolle, als es gewöhnlich 
bemerkt wird. Schon die lehrhafte Art, mit der sie auf die Erfah- 
rung als einzige Quelle der Forschung pocht , die Ab- 
weisung jedes anderen Gegenstandes für das Denken, die Leugnung aller 
Erkenntnis, die nicht unmittelbar aus der Erfahrung geschöpft ist, bei 
gleichzeitiger Konstruktion einer seelischen Monadenlehre — das alles 
ist weniger eine solide begriffliche Abgrenzung, wie sich dann zeigt, als 
eine dogmatische Grundhaltung, die bestimmte Fesseln und Scheuklap- 
pen des psychologischen Deutungs-Verfahrens zur Folge hat, wie wir sie 
gerade in der Psa. denn auch häufig zu spüren bekommen. Die Bestim- 
mung der Metaphysik als Wissenschaft von der Begreiflichkeit der Er- 
fahrung zwingt natürlich auch Herbart, die Erfahrungsbegriffe umzu- 



30 



arbeiten, um die in ihnen erscheinenden Widersprüche wegzuschaffen: 
dies geschieht mittels der Spekulation. 

Der Weg solcher Spekulation wäre z. B. beim Problem des Dinges 
mit seinen Merkmalen (oder der «Inhärenz») : jedes wahrnehmbare Ding 
erscheint den Sinnen als ein Komplex von mehreren Merkmalen. Jedes 
dieser Merkmale, jede «Eigenschaft», die damit benannt wird, ist rela- 
tiv. Und wenn wir uns auch gezwungen sehen, in die Summe dieser 
Reihe der Eigenschaften, die zudem stets unvollständig bleiben muß, 
eine Substanz als Wesen des Dinges einzusetzen, so bleibt doch, was wir 
als Ding betrachten, nichts als ein Komplex von Merk- 
malen. Herbart befestigt diese Denkweise auch noch metaphysisch, 
indem er «Monaden» oder «Realen» als Elemente annimmt, die zwischen 
Atomen und Leibnizschen Monaden die Mitte halten. Das hat hier in- 
sofern Interesse, als er damit seiner so überaus suggestiven Vorstellungs- 
mechanik den Schein einer philosophischen Grundlage verleiht. Diese 
Hypothese, die dann im psychologischen Denk- und Deuteverfahren als 
gleichwertig mit der Erfahrung behandelt wird, führt zu einer «absoluten 
Position», die wir angeblich nicht erst setzen, sondern nur anzuerken- 
nen haben: das wahrhafte Sein ist ein absolutes Sein, ja, man könnte 
sogar sagen «soviel Schein, soviel Hindeutung auf Sein». — Wem fiele 
hier nicht die gefährlichste Eigenheit des psa. Denkverfahrens ein: Schluß 
vom manifesten geträumten Traum (als Schein) auf darin versteckte 
latente Traumgedanken (als Sein) ? 

Die Kategorie der Kausalität erhält dadurch einen ganz bestimmten, 
sonst nicht gewohnten Eigen-Sinn. Die vielen «Realen», die den Merk- 
malen zugrunde liegen sollen, werden zu lauter Einzelursachen, und 
bewahren innerhalb der Gesamterscheinung ihren selbständigen (atomi- 
stischen) Charakter. Und infolgedessen hat auch die Verände- 
rung nichts vom Lebendig-Wachsenden, sondern bleibt eine Art von 
Machtkampf zwischen Realen, die von Anbeginn an und für immer ihre 
eigene Qualität haben. Aus solcher Selbsterhaltung der Realen und aus 
den möglichen gegenseitigen Störungen würden also alle Veränderun- 
gen erklärt werden müssen. Dazu sind dann wieder Hilfsbegriffe nötig, 
wie die «zufälligen Ansichten» (eine gerade Linie etwa als Radius oder 
als Tangente) und der «intellektuelle Raum». Aber es bleibt nicht bei 
dieser allgemeinen Theorie, sondern die «Bewegung der Vorstellungen» 
wird noch genau geschildert und zwar ebenso wie bei Freud, nur daß 
dieser an Stelle der Herbartschen Mechanik die Dynamik seiner Trieb- 
lehre gesetzt hat. Für Herbart nämlich entsteht die Bewegung der Vor- 
stellungen so, daß die Realen einander entweder begünstigen und stär- 
ken, oder modifizieren, oder aber aufzuheben suchen. Das Endresultat 
dieses Kampfes zwischen Vorstellungen, die in so verschiedenartigen 
Spannungen zueinander stehen, ist ein Gleichgewichtszustand, dem zu- 
liebe manche Vorstellungen verdrängt werden müssen. Diese ver- 
schwinden aber nicht etwa völlig, sondern warten gleichsam an der 

3i 



Schwelle des Bewußtseins auf einen günstigen Augenblick, 
um (vielleicht mit vereinten Kräften, wenn verwandte Vorstellungen 
sich finden) wieder aufzusteigen. Er meint, diese Bewegung müsse 
man nach den Regeln der Mechanik berechnen können. Diese ver- 
drängten, nur halb bewußten Vorstellungen nun, die an der Schwelle 
des Bewußtseins harren und aus dem Dunkel wirken, sind — die Ge- 
fühle! Je nachdem, ob sie mehr oder weniger Erfolg haben mit ihrem 
Andrängen, werden sie zu Begierden und zum Willen, wenn die Hoff- 
nung auf solchen Erfolg noch hinzukommt. 

Es leuchtet ein, daß ein Denksystem von solcher drastischen An- 
schaulichkeit eine große Verführungskraft für einen Naturforscher be- 
sitzt, der sich in den Zwang versetzt sieht, für bestimmte empirisch 
gefundene Sachverhalte die sprachliche und begriffliche Form zu suchen. 
Sobald man diese Notbindung an eine derartig konstruierende Psy- 
chologie erkannt hat, versteht man leichter, wie in der Psa. jene eigen- 
tümliche Mischung von einwandfreier Forschung und unzulänglicher 
Theorie sich entwickeln konnte, die der Wissenschaft so schwer erträg- 
lich ist. Und man schöpft eher Hoffnung, daß diese für uns Jüngere 
gar nicht mehr diskutable Zeitschale sich von dem wertvollen Erkennt- 
niskern abheben lasse, ohne daß dieser dabei verdorben würde. 

Neben dieser Einbettung der psa. Lehre in die Psychologie Herbarts, 
der an Popularität wohl nur die von Mach an die Seite zu stellen ist 
(zumal in Kreisen monistisch disponierter Techniker und Naturwissen- 
schaftler), während Wundt nie in diesem Ausmaße die allgemeine 
Denkweise prägen könnte, kommen wenig andere Beziehungen ernst- 
haft in Frage. Am meisten noch zur Lehre Darwins, zu Spen- 
cer. Direkte Neigung hat Freud zuFechner, wie er selbst berichtet, 
aber denkerische Beziehungen lassen sich kaum finden außer in der letz- 
ten Zeit. Im Gegensatz dazu wird immer betont, daß Freud Nietzsche zu- 
nächst lange gemieden habe, um von ihm unabhängig zu bleiben — und 
hier sind nun die psychologischen Parallelen so eng wie sonst nur zu Her- 
bart, freilich in Richtung auf psychologische Erkenntnisse, was Nietzsche 
betrifft, in formal-methodischer Richtung hingegen bei Herbart. 



VII. 
Wie stand es aber in der medizinisch-psychologischen Vergangenheit 
mit Vorläufern oder Suchern oder Denkern, die ähnlichen Fragestellungen 
auf der Spur waren? Wir waren so fest daran gewöhnt, das wissenschaft- 
liche und klinische Ideal des ausgehenden 19. Jahrhunderts als das richtige 
und alles andere als indiskutabel geschildert zu bekommen, daß es großer 
Mühe von Seiten der Autoren und Verleger im letzten Jahrzehnt bedurft 
hat um uns erst den Fortschritts-Hochmul zu entlarven, der sich schmei- 
chelt, es werde von einem Jahrzehnt zum anderen ungefähr alle Leistung 
und Erkenntnis besser und besser. Ein Rückblick auf frühere Leistungen 



32 



schafft da rasch Abhilfe. — G. E. S t a hl (1660 — 1734), der Begründer 
einer viel umstrittenen Krankheitslehre, ist in neuerer Zeit der erste, 
der recht bemerkenswerte Ansätze zu einer Lehre von den seelischen 
Krankheitszuständen macht. Krankheiten sind ihm Bewegungen, um das 
Gleichgewicht in den Funktionen wiederherzustellen. Ja, er spricht auch 
davon, Seelenstörung weise darauf hin, daß die Seele «in der Regel ihres 
Wirkens gehemmt» sei. Und öfters seien krankhafte Vorstellungen «teleo- 
logische Winke über die gestörten Körperfunktionen». Sogar Wahnsinn 
könne manchmal ein kritisches Zeichen des Selbsterhaltungstriebes be- 
deuten, ebenso wie im Traume der Zustand des Körpers oft gleichsam 
symbolisiert werde. — Es wurde in der Folge viel über «Leidenschaften 
als Heilmittel» geredet, oder «Gedanken von psychischen Kuren» (Bolten 
1751), es gab eine «Dissertatio de morbis amatoris» von einem guten Arzt 
(A. R. Vetter). Oder ein J. B. E r h a r d redete von «fixierten Vorstellun- 
gen», die den freien Verlauf unserer Aufmerksamkeit hemmen und unsere 
Handlungsweise aus Vorfällen erklären, die in uns Affekte erregen, wo- 
durch dann wieder Vorstellungen hervorgerufen werden, welche diese 
Affekte nähren; oder auch schließlich direkt aus Leidenschaften und 
Träumen. 

Dieser «Animismus» von Stahl und seinen Nachfolgern lebte fort in 
R e i 1 und H f f b a u e r , die um 1800 in ihren Publikationen (z. B. 
«Beiträge zur Beförderung einer Kurmethode auf psychischem Wege» 
1806 — 09) manche Sätze herausstellten, die an Radikalismus nichts übrig 
lassen : «Daher können psychische und physische Krankheiten durch psy- 
chische Mittel, aber auch psychische Krankheiten durch physische Mittel 
geheilt werden». Diese ganze Richtung, zumal die Form, in der Blu- 
menbach (1752 — 1840) seine Lehre ausbaute, ist reiner Vitalismus. 
Wir hören da von einem «Bildungstrieb», der weniger dem «bewußtlos 
bildenden» spät-romantischen Naturphilosophen gleicht, als der Entelechie 
von Aristoteles (und heute Driesch). Er wird etwa definiert als die den 
lebendigen Körpern verliehene Eigenschaft, sich nach einem ihnen einge- 
pflanzten Plane zu bestimmten Formen zu entwickeln, diese Form zu 
erhalten und nach Verletzungen, Krankheiten usw. wieder herzustellen. 
Das Leib-Seele-Problem taucht in den Arbeiten dieser Zeit in zahlreichen 
Spielarten auf, nicht nur in dem Streiteder «Psychiker» und 
«Somatiker» (s. u.), der sich bis über die Mitte des Jahrhunderts 
hinzog, sondern oft sehr gut gesehen bei eigenwilligen Außenseitern, wie 
Hufeland, Feuchtersieben. Ein F. W. H a g e n , der die Ein- 
heit von Leib und Seele besonders betonte, versuchte sogar, psychische 
Krankheiten als Krankheiten der Persönlichkeit darzustellen. Ein A. 
Z e 1 1 e r unterschied zwei Arten abnormer psychischer Zustände : ent- 
weder Affekte entstehen, werden herrschend und fixieren sich bis zu einer 
Änderung des ganzen seelischen Lebens, oder es ist das Vermögen des 
Vorstellens und Wollens gestört, ohne tiefere Gemütserregung. Darauf 
fußt dann der bekannte Begründer der klinischen Psychiatrie G r i e - 

3 I'rinzhorn, Psa, 33 



singer (1817 — 68), der nun unter Anlehnung an Herbart von Stirn- 
mungsanomalien aus unbewußten Vorstellungen spricht. Auch der Wiener 
Psychiater Spielmann (1820 — 82) schließt sich eng an Herbarts Me- 
chanismus des psychischen Geschehens an. Bei Freuds direktem Lehrer, 
M e y n e r t , überwog das Interesse für Ilirnpathologie, doch liegt seine 
psychiatrische Begriffsbildung auf der gleichen Linie. 

Von den drei Führern jener «Psychiker» unter den Psychiatern ragt 
an Unbefangenheit hervor B e n e c k e , während die namhafteren 
H e i n r o t h und I d e 1 e r durchaus vom religiösen bezw. ethischen 
Standpunkte ausgingen und dadurch ihre sonst psychologisch oft sehr 
feinen Beobachtungen so färbten, daß sie naturwissenschaftlich nicht 
mehr in Frage kamen. Benecke hingegen hielt sich den psychologischen 
Blick frei und konnte daher wenigstens solche Programm-Sätze hinstel- 
len : «Wir müssen uns die Aufgabe setzen, alle jene körperlichen Verände- 
rungen auf irgendeine Weise psychisch zu bezeichnen, oder psychisch zu 
übersetzen. Auf den ersten Anblick kann dies vielleicht als unmöglich er- 
scheinen. Aber . . . nicht bloß seelenartige Wirkungen, sondern auch ihre 
als körperlich bezeichneten Ursachen müssen etwas Seelenartiges sein, was 
man bis jetzt nicht als solches aufzufassen verstanden hat. . . Während 
also derjenige, welcher die Seelenkrankheiten nur somatisch betrachtet, 
doch immer gewissermaßen nur im Vorhofe der Wissenschaft und in einer 
Art von Blindheit umhertappen würde, bewegt sich eine rein seelenwis- 
senschaftliche Theorie unmittelbar in dem Gebiete des eigentlich Er- 
krankten.» (1824). Nasse gibt eine «Zeitschrift für psychische Ärzte» 
heraus (1818 — 30). Kurzum, es fehlte keineswegs an Bemühungen um eine 
psychologische Auffassung der seelischen Störungen. Aber gerade die 
Praktiker verloren sich am weitesten in Spekulationen, während die eigent- 
lichen Naturphilosophen unter den Ärzten, wie Carus, Kurdach u. a., am 
wenigsten von Hamanns bösem Worte getroffen werden: «Die Natur- 
philosophie wurde infolge der Überreizung des Triebes nach systema- 
tischer Produktion aus einer allgemeinen Wissenschaft des Möglichen zu 
einer allgemeinen Unwissenheit des Wirklichen.» Daran trug wohl 
S c h e 1 1 i n g die meiste Schuld, da er im Wandel der Zeit seine sehr ver- 
schiedenen philosophischen Systeme vermutlich mit der gleichen Über- 
zeugungskraft vorgetragen und entsprechende Wirrnis in den Köpfen 
seiner faszinierten Anhänger erzeugt hat, während den Naturphilosophen 
der Spätromantik, die von dem Banne des aufsteigenden 19. Jahrhunderts 
betroffen wurden, ehe sie zu breiter Geltung gelangten, gerade die sorg- 
fältige Sachforschung, die sie durchweg betrieben, Zügel anlegte. 

Der noch heute modische naturwissenschaftliche Bannfluch auf alle 
Philosophie, nicht nur die der Schwärmer und der konstruktiven Theore- 
tiker, sondern sogar auf die einfache Besinnung eines kritischen Kopfes 
über die methodischen Grundlagen seiner eigenen Wissenschaft, war ge- 
wiß durch einen weitgehenden Mißbrauch der literarischen Redefreiheit 
seitens dilettierender Naturphilosophen hervorgerufen. Niemand kann 



34 



bestreiten, daß die zuletzt heraufgekommenen zwei Forscher-Generationen 
gewaltige und wichtige Arbeit geleistet haben — aber die Heftigkeit, mit 
der sie sich in der Mitte des Jahrhunderts von den Voraussetzungen der 
Forschungen weg- und einem schroffen Positivismus zuwandten, hat so 
tiefdringende Folgen gehabt, daß wir heute noch damit ringen müssen. Und 
ehe ein gesunder Ausgleich zwischen Empirie und methodischer Besin- 
nung sich entwickeln konnte, schlägt heute anscheinend das Pendel schon 
beinahe wieder zu heftig nach der entgegengesetzten Seite aus. In der 
Zwischenzeit fanden Systeme wie die Psa. aus guten Gründen keinen Ort 
in der Zeitwissenschaft — weil nämlich diese komplizierte, nicht durch- 
schaubare Mischung von Empirie und Konstruktion bis in die letzte Zeit 
in kritischer Diskussion schwer zu greifen war. Denn es schwebte (getreu 
dem Dogma von 1860 — 1920) die Ideologie voraussetzungsloser Empirie 
darüber, und so wurde und wird noch heute jeder Einwand — auch denke- 
rischer, auch systematischer Art! — abgewiesen durch Berufung auf die 
reine Empirie, die nachprüfbar sei. Dies gerade ist aber der klassische Not- 
ausgang der Rationalisten und Logizisten. In demselben Maße, wie es 
gelingt, diese Ideologie als ein Zeitdogma zu erweisen, das die Zeitläufte 
bereits überleht hat, d. h. durch die Ereignisse ad absurdum geführt ist, 
werden wir mit der Einverleibung des psa. Gedankengutes in den Bestand 
der übrigen Kulturgüter, unter Abstoßung einiger nicht anorganisierbarer 
Teile, zu gutem Ende kommen. 

Hier wäre schließlich noch zu fragen, wie es denn mit den Vorläufern 
von psa. Gedanken in Frankreich steht, wo Freud in den 80er Jahren zwei- 
mal längeren Aufenthalt genommen hat, um bei Charcot in Paris 
und Bernheim in Nancy zu arbeiten. Die sehr fesselnde Geschichte der 
französischen Medizin im 19. Jahrhundert ist noch nicht deutlich zu über- 
blicken, weil ihr eigentlicher Reiz — die Verquickung mit der allgemeinen 
Geistesgeschichte dieses Zeitraumes — in den Skizzen von Seiten der Medi- 
ziner zu kurz kommt. Immerhin werden einige Höhepunkte heute zumal 
von Krehl, v. Bergmann u. a. gebührend beachtet, so vor allem das ko- 
metenhaft glanzvolle Werk des hochbegabten B i c h a t , der 31 jährig 1802 
starb. Wenig bekannt sind die allgemeinen Teile seiner «Recherches phy- 
siologiques sur la vie et la mort», in denen man Anschauungen von er- 
staunlichem Weitblick und systematische Versuche von höchster geistiger 
Prägung findet. So gipfelt seine Theorie, daß der Tod das aktive Prinzip, 
das Leben das mehr passive sei, wodurch eine natürliche Teleologie aller 
Lebensvorgänge entstehe, in dem Satze : cLa vie est l'ensemble des fonc- 
tions, qui resistent ä la mort.> Empfindungen und Bewegungen zerfallen 
für ihn in unbewußte und bewußte oder willkürliche, wobei er allerdings 
die ersteren negativ nennt und die letzteren bereits im Bereiche des Ani- 
malischen ansetzt. 

Ein sehr gescheiter französischer Kritiker der Psa., B 1 o n d e 1 10 ), 
glaubt freilich Freud als Forschertypus mehr mit Bichats Nachfolger 
Broussais vergleichen zu sollen, der durch seine konsequent verfoch- 

3 * 35 



tene Lehre einen verhängnisvoll mächtigen Einfluß auf die ganze franzö- 
sische Medizin ausgeübt hat — und diese Lehre beruhte auf der falschen 
Deutung eines genau beobachteten Tatbestandes, zu dessen Aufklärung 
erst die nächste Generation imstande war : die Lehre von der Gastroente- 
ritis als häufigster Krankheit und sogar Todesursache, aufgebaut auf der 
Beobachtung, daß bei Sektionen die Schleimhaut des Verdauungstraktes 
ungemein häufig im Zustande einer mehr oder minder deutlichen Entzün- 
dung angetroffen wird — daß dies Ausdruck einer postmortal einsetzenden 
Selbstverdauung sein könnte, kam nicht inBroussais' Gesichtskreis. Und 
so wurde die Theorie einer ganzen Generation auf einem Irrtum aufgebaut 
und die Praxis danach eingerichtet (Millionen von Blutegeln usf.). 

Wie in Deutschland gab es unter den Psychiatern in Frankreich eine 
Richtung der «Psychiker», wie den bedeutenden Esquirol, der 1805 sein 
Buch «Des passions considerces comrae causes, symptomes et moyens cu- 
ratifs de la manie» veröffentlichte. Später versuchte G u i s 1 a i n (bei 
vielen unzulänglichen Einzelheiten) mit einiger Konsequenz den «Seelen- 
schmerz» als gemeinsamen Ausganspunkt der Geistesstörungen zu er- 
weisen, und zwar entstehend durch Verschiebung des natürlichen Verhält- 
nisses zwischen Vorstellungswelt und Gefühlsleben, Freiheit und Zwangs- 
läufigkeit, Geist und Natur. Dann siegte, wie bei uns, eine streng physio- 
logische Methode mit großen Leistungen aber auch katastrophalen Irr- 
tümern (Broussais) und daraus gezogenen Dogmen. 

In den 80er Jahren aber regte sich in der französischen Medizin eine 
neue Welle des psychologischen Bedürfnisses und Verständnisses. C h a r- 
cot , der bis über sein 50. Jahr hinaus Prosektor im pathologischen In- 
stitut gewesen war, versetzte seine Kollegenschaft in Erstaunen und Pro- 
test, indem er behauptete und demonstrierte, daß Hysterie keine körper- 
liche, sondern eine seelisch motivierte Erkrankung sei. Janet, psycholo- 
gisch viel beweglicher und differenzierter, sprach über «Spaltung des Ich», 
Verdoppelung der Persönlichkeit und versuchte eine bewußte, rationale und 
eine unbewußte, triebhafte Seite zu unterscheiden. Es ist um das Verhält- 
nis von Freuds Lehre besonders zu den in zahlreichen Büchern sehr ver- 
breiteten Lehren Janets hie und da gestritten worden, zumal Janet vor 
einigen Jahren etwas spitz über die nahe Verwandtschaft einiger Begriffe 
bei abweichender Wortwahl geschrieben hatte. In der Tat gibt es solche 
Verwandtschaften und Freud hat seinerseits ja die Beziehung zu den Pa- 
risern nachdrücklich betont. Aber die Unterschiede überwiegen, wenn auch 
nicht unbedingt zum Vorteil der Psa. Die Hauptanregung war wohl jene 
ganz einfaclie, für die 80er Jahre aber seltsam klingende Auffassung, von 
der Charcot in der Vorrede zu Janets Buch «Etat mental des Hyste- 
riques» (1892) spricht: «. . . une pensee souvent exprimee dans nos lecons, 
c'est que 1'hysterie est en grande partie une maladie mentale, c'est lä une 
des cötes de cette maladie qu'il ne faut jamais negliger si l'on vcut la com- 
prendre et la traiter.» Und Charcot hatte in den von Freud übersetzten 
«Neuen Vorlesungen über das Nervensystem, insbesondere über Hysterie» 



36 



(Wien 1886) den allerdings für Freuds Vorgehen genau programma- 
tischen Satz geschrieben : «Unser therapeutisches Handeln würde sicher- 
lich auf mehr Erfolg rechnen können, wenn es sich, anstatt bloß auf em- 
pirische Kenntnisse, auf physiologische Grundlagen stützen könnte, wenn 
es uns z. B. vergönnt wäre, in den Mechanismus, der bei der Erzeugung 
dieser hysterischen Lähmungen durch ein Trauma spielt, wenigstens teil- 
weise Einblick zu gewinnen.» — Und ferner ist dort die Rede davon, daß 
Lähmungen durch eine Vorstellung erzeugt, durch eine entgegengesetzte 
aber zum Schwinden gebracht werden können, daß eine «isolierte Vor- 
stellung» (z. B. Lähmung) geschützt sei vor der Beeinflussung durch an- 
dere der Person eigentümliche Vorstellungsmassen, die das Bewußtsein 
des eigentlichen «Ich» darstellen. «Und dies ist der Grund, weshalb die Be- 
wegungen, welche diese unbewußten psychischen Vorgänge nach außen 
projizieren, durch einen automatischen, sozusagen rein mechanischen 
Charakter ausgezeichnet sind. Wir haben es wirklich mit dem homme ma- 
chine in aller seiner Einfachheit, wie ihn De la Mettrie ersonnnen hat, zu 
tun.» 

Was den mit Freud gleichaltrigen Janet anbelangt, den echten, nuan- 
cenreichen Psychologen neben dem allzu einfach konstruierenden Charcot, 
so hat er wohl sehr vieles gut gesehen und beschrieben, aber stets auf dem 
Boden einer eher statischen sensualistischen und intellektualistischen 
bon sens-Psychologie, höchstens vordringend zu Begriffen wie «Disso- 
ziation», «seelische Energie» und «seelische Spannung», «Erschöpfungs- 
krankheit» usw. Janet ist (in mancher Hinsicht ähnlich Bleuler) wie alle 
Positivistcn der Meinung, wenn man sich auf die Deutung in ganz be- 
stimmtem rationalen Sinne beschränke, so halte man sich «frei von jeder 
Metaphysik» : «II faut discuter la mctaphysique dans les .templa serena', 
dans l'atmosphere des Congres de philosophie ; il faut absolument eviter de 
la transporter au lit des malades et dans les salles d'höpital.» Da er (auch 
heute noch) seine Beschreibungen mit großer Eindringlichkeit und dem 
ganzen Charme der beweglichen und scharf differenzierten französischen 
Sprache zu ungewöhnlicher Anschaulichkeit zu steigern weiß, so täuscht er 
(seine Hörer zumal) leicht darüber hinweg, daß hier jeder dynamische 
Gesichtspunkt und erst recht jeder Versuch einer Rückführung des zutage 
liegenden Sachverhalts auf «wirkende Mächte» im psychologischen oder 
biologischen Sinne fehlt. Natürlich vermeidet er dadurch einige theore- 
tische Fehler, wie sie mit allem konstruktiven Denken und allem Deuten 
verbunden sind, aber erstens darf die Gefahr, Fehler zu machen, nicht 
den Maßstab für das Handeln abgeben und dann — tut er denn etwas an- 
deres, als «konstruktiv Denken und Deuten», wenn er «Dissoziation», 
«Spannung», «Energie» verantwortlich macht für die beobachteten Sach- 
verhalte? Er bleibt ganz im Geiste eines Mach bei den Begriffen stehen, die 
für seine Generation den höchsten Kurs haben und merkt nicht, daß solche 
Beschränkungen auf physikalische Erklärungen Ausdruck einer Fesselung 
des Denkens — aus metaphysischen Voraussetzungen sind. 

37 



Es sei ausdrücklich angemerkt, daß Janet auch zahlreiche Sachverhalte, 
die in der psa. Lehre eine große Rolle spielen, richtig bemerkt und ge- 
deutet hat — aber er hat daraus nicht nur keine Konsequenzen gezogen, 
sondern sie sogar später zum Teil widerrufen, als ob er sich früher zu 
weit vorgewagt hätte. In seinem «Etat mental des hysteriques» finden sich 
etwa Stellen wie diese : «J'ai verifie cette reproduetion subconsciente des 
Souvenirs par bien des experiences» (S. 104) und : «lasensibilitegenitalcest- 
elle un centre duquel des autres syntheses psychologiques sc construisent ?» 
Aber wenn Mc D o u g a 1 1 u ) als die einzigen psychopathologischen Theo- 
rien, die in den letzten Jahrzehnten eine Weltbedeutung besessen haben, 
die von Freud und Janet diskutiert, so kommt er mit Recht zu dem Ergeb- 
nis, für Janet seien «Tendenzen» eine Art von mechanischen Reflexen. 
«The whole of Janet's very important discussions of the neuroses and of 
their treatment suffers from the limitations imposed by this inadequate 
dynamic foundation of his psychology. — J. mentions incidently vital, 
maternal, and sexual instinets; but he has nowhere shown that he has 
achieved any understanding of the nature of instinets. As for so many 
others, an instinet is for him merely an inborn reflex tendency, ,a dispo- 
sition to produce' a series of particular movements in a delinite onlcr in 
consequence of a certain Stimulation at a point in the periphery of the 
body. — He shares the curious but common medical view, that all 
emotion is in some sense morbid or quasi-pathological, something of 
which a perfectly normal man would have no experience. Hence, he re- 
gards all emotion as peculiarly exhausting. He claims that repression is 
merely what he has called «restriction of consciousness». But the truth is 
that repression is a very positive and active process resulling from conti ict 
of conative tendences ; whercas J.'s .restriction of consciousness' is a ne- 
gative effect, a mere failure of the normal synthesis of conscious elements 
due to defect in the quantity of synthetic energy. J. writes of inhibition as a 
process of drainage of nervous energy; but he does not seem to have 
grasped, certainly has not recognised sufliciently, the nature and röle ol 
conflict between purposive strivings.» 

Es ist von erheblichem geistesgeschichtlichcm Interesse, in dieser 
Sache den Franzosen und den Engländer in so charakteristischer Weise 
sich äußern zu hören. Mc Dougall, dessen führende Rolle in der neueren 
Entwicklung der Persönlichkeitspsychologie bei uns keineswegs richtig 
eingeschätzt wird, obwohl man die Spuren seiner 1907 erschienenen Sozial- 
psychologie überall findet, hat auch an Freud offene Kritik geübt, aber 
gerade durch die Gegenüberstellung von Janet und Freud eine ungewöhn- 
liche Klarheit der Konturen bei intimem Eingehen auf das Detail erreicht. 
Janets neuere Schilderung der Beziehungen seiner Hystericlehre zu der 
Psa. Freuds, wobei etwas vage damit gespielt wird, daß Freud eben die 
Janetschen Begriffe einfach mittels gleichbedeutender anderer Worte 
direkt übernommen habe, weist Mc Dougall mit Recht zurück : «Freud 
did far more than to introduce a new terminology. As Janet's last sentence 



38 



implies, he has developed a new System of Psychology, ol a most far- 
reaching kind, the merits of which Janet has never appreciated and for 
which he has shown little understanding and no sympathy.» Andererseits 
räumt er aber ein: «much of the development of the Freudian doctrine 
seems to have been influenced by the desire, largely subconscious, to set up 
a System of psychopathology entirely destinct f rom Janet's,» — denn kei- 
neswegs ist er der Meinung, Freud habe mit seinem Theorienbau ein halt- 
bares und tragfähiges Gerüst für unsere ganze künftige Persönlichkeits- 
psychologie entworfen. Im Gegenteil, Mc Dougall beanstandet mit guten 
Gründen sehr vieles an der Psa., aber er anerkennt, in naher Überein- 
stimmung mit dem in diesem Bande vertretenen Standpunkt, die Rich- 
tung von Freuds Forschungen : «Whatever opinion one may hold on the 
doctrines of Freud and Jung (dem er am nächsten steht, was das im 
Stillen immer gemeinte Bild vom Menschen anlangt, auf das alle Erwä- 
gungen sich beziehen) and the other schools of psychoanalysis — and I for 
one am convinced that they all contain much error and vague speculation 
as well as some truth — it must, I think, be admitted, that their work has 
had at least this good result, namely, it has quickened the interest of the 
profession and of the world at large in psychologial study ; it has already 
brought the study of the functional nervous diseases to the front from out 
their place of neglect, diverting the attention of many keen minds to 
them ; and it is helping to break down the artificial and restrictive barrier 
between the psychoses and the neuroses.» 

Nicht uninteressant sind schließlich einige hintergründige Bezie- 
hungen des psa. Menschenbildes und seines seelischen Aufbaues zu den 
Geheimlehren, die in Frankreich, dem Lande des strengsten Rationalismus, 
als eine Art von kompensatorischem Ausgleich anscheinend besonders rege 
gewesen sind. Diese gleichsam unterirdischen Strömungen sind stets ge- 
kennzeichnet durch zwei Hauptzüge : sie versprechen dem Eingeweihten 
eine vollkommene Macht über sich selbst und über andere, ja über alle 
Lebenskräfte und sie sind verquickt mit einer phantastischen und häufig 
sadistisch orientierten Sexualmagie. Wenn Blondel in seiner Kritik der 
Psa. darauf anspielt, daß in den 70er Jahren der Klein-Russe Sacher-Ma- 
soch in Deutschland eine breite literarische Wirkung ausgeübt habe und 
daß man den Pansexualismus der psa. Lehre damit in Zusammenhang 
bringen könnne, so überschätzt er wohl ein Detail. Hingegen mag darauf 
hingewiesen sein, daß die Geheimlehren, die damals in Frankreich in Ver- 
bindung mit Hypnose, mit Opium, Haschisch usf. von Eliphas Levy und 
Papus u. a. betrieben wurden, nicht ganz gleichgültig für die Mischung 
der Tendenzen sind, aus denen die psa. Lehre entsprang. Dabei muß be- 
dacht werden, wie weit die Traditionen dieser Geheimlehren und Bünde 
zurückreichen in der Geschichte und welche Rolle sie hinter der zutage 
liegenden Fassade der Ereignisse häufig gespielt haben. Aus der Freimau- 
rerei, bei der die ethischen und gemeinschaftsstützenden Satzungen über- 
wiegen, gelangt man rasch in einen Schwärm von anderen Bünden, die 

39 



sämtlich sich zurückbeziehen auf uralte indische, chaUliüschc, ägyptische 
Geheimlehren, auf Gnostiker, hermetische, kabbalistische Systeme usf. 
Gemeinsam ist ihnen allen nicht nur die Neigung, im Reich des Unbewuß- 
ten den Lebensgeheimnissen mit streng rationalen, dogmatisierten Mitteln 
nachzugehen, sondern auch in der Ausdeutung von Symbolen zu schwel- 
gen, sich esoterisch abzuschließen, dabei aber die wissenschaftliche Be- 
mühung zu betonen. Man soll diese Einstellungsverwandtschaft zwischen 
Geheimlehren und Psa. gewiß nicht übermäßig bewerten, aber sie gehört 
doch zum Gesamtbilde dazu. 



VIII. 

Die seelische Physiognomie jener 8oer und 90er Jahre, in denen die 
Psa. Freuds wurzelt, ist keineswegs leicht zu zeichnen. Ganz von außen 
gesehen ist es eine Zeit der ungebärdigen wirtschaftlichen Expansion, die 
ein eher noch am Intimen hängendes kleinbürgerliches Geschlecht fieber- 
haft ergreift. Die schwindclhaften «Gründerjahre» nach dem 70er Kriege 
waren nicht auf Deutschland beschränkt, wenn auch in dieser Hinsicht 
keine andere Stadt mit Berlin Schritt halten konnte. Während noch die 
Generation der mannhaften 48er Demokraten von der folgenden der 70er 
Kriegsgeneration zurückgedrängt wurde, stand bereits Mitte der 80er 
Jahre eine «junge Generation» da, aus der in Literatur und Kunst der Na- 
turalismus hervorging (M. G. Conrad, Hauptmann). Die humane und so- 
ziale Tendenz dieses Kreises, der sich auf Zola, Tolstoj und Ibsen in erster 
Linie stützte, bekam rasch eine sozialistische Prägung, wo sie mit den herr- 
schenden Zeitströmungen in Konflikt geriet. Ihre Ideologie bezog sie dem- 
gemäß aus dem Marxismus, mit dem sich der Darwinismus und dann der 
Monismus zu einer geschlossenen Trias verband. 

Leider ist es heute noch recht schwierig, die tief aufwühlende Wir- 
kung Nietzsches auf jene Generation der heute Alternden richtig einzu- 
schätzen. Obgleich seine Werke nicht in großen Auflagen verbreitet wa- 
ren, muß er, zumal bei den regen Zeitgenossen, die in offener oder ver- 
steckter Opposition zu den Mächten des Tages standen, geradezu wie ein 
Heerrufer im Kampf und auf viele wie die frohe Hotschaft eines Erlösers 
gewirkt haben. Es verschlug sogar nichts, daß er allem, was nach Gleich- 
machung, nach Masse klang, auf das heftigste abgeneigt war: man ver- 
suchte den Geistesaristokraten auf sozialistische Programme umzudeuten, 
oder denn man bemerkte, daß dies gewaltsam sei und trennte reinlich 
zwischen beiden Welten, wenn man schon an beiden teilhatte. So befan- 
den sich unter den von ihm Ergriffenen Dichter sozialistischer und ästhe- 
tisierender Richtung — zumal freilich solche, denen die Gestalt, der kul- 
turelle Rang, über alle Gesichtspunkte des Humanen und der großen Xnlil 
ging. Jedenfalls konnte sich wohl kaum jemand dem Eindruck von 
Nietzsches etwas flackerndem, aber doch unverkennbar neuartigem 
Menschenbilde entziehen, das durch die befruchtendste Sprachgewalt, die 



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nach Luther ein Deutscher ausgeübt hat, sich in Zeitschriften, in der Ta- 
gespresse und in der Dichtung aller Kreise den Zeitgenossen darbot, be- 
wundert, bekämpft, gehaßt, verhöhnt, mit einer Leidenschaft, die nur ein 
prometheischer Frevler entfachen kann. Wohl möglich, daß nur wenige es 
wagen konnten, sich diesem mächtigen Erlebnis ganz frei zu öffnen. Deut- 
lich finden wir einige frühe Spiegelungen in der Literatur, im Umkreise 
Stefan Georges, in einer Nietzsche-Abhandlung von W. Weigand (1893). 
In der Geschichte unserer Literatur seit den 80er Jahren spielt kein Name 
eine so vielseitige und wichtige Rolle, wie der Nietzsches. Dabei ist je- 
doch zu berücksichtigen, daß es kaum je offen das neue Menschenbild 
war, oder gar die Art der entlarvenden Psychologie, die so stark wirkte, 
sondern in erster Linie das allgemeine Pathos des Übermenschentums jen- 
seits von Gut und Böse als einer endlich erreichten Stufe des Menschheits- 
Fortschrittes, in zweiter Linie die unerhört kühne bilderreiche Sprache, in 
dritter Linie die Kulturkritik — für den Psychologen in Nietzsche be- 
durfte es einer gewissen Latenzzeit, bis seine Erkenntnisse den Zeitge- 
nossen taugten. Und diese Zeit beginnt erst jetzt 12 ). 

Das seelische Gesicht der 8o/90er Jahre zeigt, wenn wir jenes Bür- 
gertum betrachten, das für solche Physiognomik zuletzt doch entscheidend 
ist, einige Züge, die es wohl aus allen anderen Epochen herausheben : es 
ist die Zeit der bis zum absurden Höchstmaß gediehenen Fremdheit zwi- 
schen dem Menschen und seinem Körper, zumal aber allen natürlichen, 
elementaren Funktionen. Für die meisten von uns genügt es, sich ein- 
mal aus der heutigen Situation zurückzuversetzen in die Jugendzeit : mag 
man auch die heutige «Unbefangenheit» der körperlichen Selbstdarstellung 
als künstlich übertrieben und nicht unbedingt hochwertig ansehen — jene 
vergangene Zeit erscheint jedem Rückblickenden zweifellos als dumpf, alt- 
tantenhaft, bedrückend durch die obligatorische Lebensfremdheit, die be- 
sonders in der Erziehung herrschte. Der Begriff «sich genieren» ist viel- 
leicht vor andern kennzeichnend für jene kleinbürgerliche Gesinnung, die 
so weit herrschend war, daß die «Gartenlaube», der heute gern ironisch 
zitierte geistige Repräsentant der Zeit, damals wirklich die gute Bildung 
vertrat und der gegebene Ort für den Abdruck von Werken gewichtiger 
Autoren war — heute hat sich die Gesamtlage der geistigen Interessen so 
verschoben, daß die entsprechende Funktion etwa der «Berliner Illustrier- 
ten» und dem «Querschnitt» gemeinsam zufällt, die beide ebensoweit 
aufs Land und ins Kleinbürgertum dringen, oft als einzige direkte Kunde 
aus der großen Welt, wie damals die «Gartenlaube». Wir vergessen leicht, 
wie weit die süß-säuerliche Prüderie jener Tage reichte ! Was man an- 
ständigerweise sagen durfte und was nicht, wovon man als von Tatsachen 
reden durfte, was man hingegen als unbekannt oder besser noch nicht- 
existent behandeln mußte — die Verdauungsvorgänge samt den damit 
roher Weise verbundenen Körperteilen, Bekleidungsstücken (Hose — die 
«Unaussprechlichen»!) und Örtlichkeiten, von der Peinlichkeit des Ge- 
schlechtes gar nicht zu reden. 

41 



Daß England die Heimat und Hochburg dieser aus intimem Fami- 
lienleben, bigotter Frömmigkeit und ängstlicher Moralität gemischten 
Prüderie war, während die romanischen und nordischen Länder wenig da- 
von besaßen, ist wichtig zu bemerken, wenn man die Beziehungen der 
neuen Seelenlehre zu den genannten Ländern verfolgen will. Aber in 
England bot der reichlich betriebene Sport ein mächtiges Gegengewicht 
und schränkte jene Prüderie mehr auf eine freilich gewissenhaft zu be- 
obachtende Haltung ein, während die weltweite Freizügigkeit auch des 
kleinen Mannes jene muffige Gemüts-Enge nicht aufkommen ließ, die bei 
uns gerade durch ihre häufige Verbindung mit ernsthaften Bildungsbe- 
mühungen so quälend wirkte. Es gibt für den Augenmenschen noch einen 
Weg, auf dem er sich den Graus jener Scheinwelt aus Blech, Pappe und 
Backfisch-Idealen auf das eindringlichste vergegenwärtigen kann : Möbel, 
Stoffe, Räume, Ornamentik und die Kleidung (die eine absurde Defor- 
mierung des Körpers sich zur Pflicht machte), bieten eine dokumentarische 
Ausdrucksform für die heillose, gespreizte Verlogenheit, oder, wo es ins 
Prunkvolle geht, die leere Arroganz dieser Gesinnung. Von dem gesam- 
ten leiblichen, heidnischen, natur- und triebhaften Teil des Lebens trat 
in der Tat nichts offen zutage. Weder Sport noch Badesitten boten natür- 
liche Gelegenheiten, sich den unausweichlichen Sachverhalten gegenüber 
eine unbefangene Sachlichkeit zu erwerben. So blieb die Leiblichkeit, 
die Triebwelt, der freie Ausdruck der Gefühlswallung unter dem Druck 
und der Zensur jener bourgeoisen Anstands-Sitte nicht nur latent, sondern 
wurde allerdings systematisch — «verdrängt», womit wir den Ansatz- 
punkt der psa. Theorie erreicht haben. 

Höchstens wäre noch zu fragen, wo denn nun das Triebhafte sich 
dennoch äußerte und ob die 8o/c;oer Jahre sich durch die soeben geschil- 
derte Seelenverfassung wirklich von Grund auf unterscheiden von allen 
bekannten früheren Zeiten? Sollte es ein Zufall sein, daß gleichzeitig das 
ganze Gebiet der Sexualität den Charakter einer überhitzten Schwüle, 
einer verworfenen Lasterhaftigkeit, einer Sünden- und Gewissens-Proble- 
matik, die nicht auf die naturhafte Triebdämonie bezogen war, sondern 
eben auf die Fassaden- Anständigkeit der Bourgeoisie? Demgemäß wurde 
«unanständig», zu Goethes Zeit noch allgemein den Mangel an Haltung 
und Ausdruck bezeichnend, fast gleichbedeutend mit zotig oder gar 
schlechthin mit sexuell. Welche Abgründe drolliger und tragikomischer 
Verlogenheit der wertenden Orientierung jener Menschen in sich und der 
Umwelt eröffnen sich, wenn man nur dem Kernworte der Zeit «sich genie- 
ren» nachsinnt! Mag es auch schon zu Goethes Tagen aus dem franzö- 
sischen «gener» herübergekommen sein, es spielt doch erst gegen das 
Jahrhundertende seine repräsentative Rolle für eine Zeitgesinnung 
gegenüber dem Naturhaften. Und der Anklang an «Genius» und «Genera- 
tion», gleichgültig ob sprachgeschichtlich begründbar oder nicht, spielt bei 
dem Bedeutungs-Timbre, das sich uns heute in dem Begriff «sich genieren» 
aufdrängt, in parodistischer Weise mit. 

42 



Was aber die seelische Physiognomie anderer Epochen, zumal in Hin- 
sicht auf ihre offene oder versteckte Beziehung zur Triebsphäre anlangt, 
so genüge es, hier an die Zeit des Rokoko zu erinnern, an die Briefe der 
Liselotte, aber auch noch an die Romantik, einen Schleiermacher usf. — 
überall finden wir, im Vergleich mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- 
derts, eine größere Unbefangenheit, ein weniger abgezogenes Lebensbild, 
einen tiefer begründeten Ausgleich zwischen der Natur- und der Zivili- 
sationsseite. 

Vergegenwärtigen wir uns nun das Menschenbild, auf das die ersten 
theoretischen Deutungs-Versuche Freuds bezogen waren, so finden wir 
eben dieses etwas klägliche, prätentiöse, prüde, lebensfremde Zerrbild, 
das den Kern des gebildeten Kleinbürgertums um 1890 ausmacht. Dieser 
arme Gartenlauben-Mensch, der zum Glück heute langsam aber stetig im 
Aussterben ist, lebte wirklich vorwiegend in künstlichen, täuschenden Ver- 
kleidungen und Sublimierungen. Er verdrängte wirklich seine Triebhaf- 
tigkeit, ja seine ganze Leiblichkeit, so daß man nur mit unendlicher 
Mühsal gegen chronischen Widerstand zutage fördern konnte, was dort 
geschah. Die Zensur als Sachverwalter eines Kodex von Sitte und An- 
stand (man möchte meinen, in roten Plüsch gebunden) war wirklich eine 
Großmacht, die alle Meere und Meerengen der Seele beherrschte und 
die Freizügigkeit zu einem gefährlichen Seelenräuber- Privileg machte. 
Geschlechtlichkeit war wirklich so fest mit schlechtem Gewissen verbun- 
den, jener Krankheit, in der Nietzsche das schwerste Symptom der Ent- 
artung gesunden Lebens erkannte und nachwies. 

Wenn wir nun mit diesem unliebsamen Menschenbilde von 1890 das 
vergleichen, das neuerdings in Geltung steht, so ist der Kontrast allerdings 
bestürzend. Nehmen wir etwa als repräsentativ den 30jährigen, der aus 
der Jugendbewegung herausgewachsen ist, eine sportliche Durchbildung 
für selbstverständlich hält, in erotischen, religiösen, künstlerischen Grund- 
lagen nicht irgendeiner herkömmlichen Autorität oder gar Institution 
folgt, sondern neuen «Führern» ; der technischen Problemen so offen ist, 
wie geistigen und jedenfalls das Leben von Grund auf als eine schöne, 
fesselnde, etwas abenteuerliche und uferlose Unternehmung, die man frei- 
mütig bestehen müsse, hinnimmt — einem solchen Ideale träumen und 
streben heute doch zahlreiche 20jährige (männliche wie weibliche) nach. 
Und dieses Ideal nährt sich großenteils aus den ersten Früchten der Saat, 
die Nietzsche ausgeworfen hat, zum Teil auch unmittelbar aus Nietzsche. 
Dieser Wandel des Menschenbildes, der seelischen Haltung, diese 
neue Einigung mit den Lebensmächten und die Unabhängigkeit von klein- 
bürgerlichen Notidealen ist aber von fundamentaler Bedeutung für die 
Rolle, die einer Lehre wie der Psa. damals und heute zukommt. Es ent- 
steht ein höchst paradoxes aber klares Problem : wenn die psa. Lehre für 
jene hohe Zeit der Prüderie ein wirksames Sprengmittel, ein Weg zu 
seelischer Unbefangenheit war, indem sie «Komplexe» und «Verdrängun- 
gen» gegen «Widerstände» löste, den Anschluß an die Welt der unbe- 

43 



wußten Lebensmächte herzustellen und dem verbildeten Menschen den 
Mut zu sich selbst, d. h. zur offenen Auseinandersetzung mit dem Natur- 
haften in sich zurückzugeben half (im Gefolge Nietzsches und gleichsam 
als spezialistische Instanz innerhalb seiner weiten Welt) — so fehlt heute 
wenig mehr daran, daß die Methode der Psa. ins Leere schlägt ! Wie, 
wenn der Mensch der Gegenwart keine «Komplexe» mehr nötig hätte, 
nicht mehr verdrängte, sondern fröhlich oder zynisch alles das bejahte, 
was damals Gegenstand des «Verdrängungs-Mechanismus» und der 
Gegenunternehmung seitens der Psa. war? Eine solche entwaffnende 
Sachlichkeit der heute heraufkommenden Generation wäre in der Tat das 
Ende jeglicher Lehre, die im Stadium der psa. Theorie vor 1920 stünde. 
Was will man den Schützlingen des Richters Lindsey mittels des metho- 
dischen Aufwandes der Psa. eigentlich noch entreißen — was bleibt da 
noch «aufzulösen»? Jung hat mit gutem Recht auf die alte Lehre von der 
«Enantiodromie», dem sich Sich-tot-lauf en und Umschlagcn-ins-Gcgenteil 
aller lebendigen Entwicklung hingewiesen, die im Leben des Einzelnen wie 
im Verlauf der Zeiten am ehesten das Gesetz des Werdens richtig aus- 
drückt. Wir stehen, was die Psychologie der menschlichen Persönlichkeit 
anlangt, unmittelbar vor einem solchen Umschlag und können höchstens 
hoffen, daß er nicht zu früh einsetze und dadurch die gründliche Reinigung 
abschneide, die seit Nietzsche und in seinem Sinne — bei manchen, wie 
z. B. bei Klages auch unter offenem Hinweis auf ihn — im Gange ist. 

Aus diesem zur Ironie herausfordernden rasenden Lauf der Zeiten 
tritt uns die sehr ernsthafte Frage entgegen, die wir zum Schluß noch etwas 
schärfer fassen müssen : die Frage nach der Rolle und der 
Sendung der Psa. in unserem Lebens räum 1890 — 193°- 
Es besteht wohl kaum ein Zweifel, daß in der Zersprengung und Über- 
windung jener Zeit der altjüngferlichen Prüderie und lebensfremden Bi- 
gotterie eine ansehnliche Aufgabe liegt, die von der Psa. in wirksamer 
Weise in Angriff genommen worden ist. So schwer auch die Symphonik 
der verschiedenartigen Faktoren zu durchschauen ist, die an dieser Wand- 
lung im Verhältnis des Menschen zu seiner Leib-Seele-Einheit, zur Um- 
welt, zum Lebensgrunde beteiligt sind, ganz sicher ist, daß die Psa. auf die 
Spanne zweier Jahrzehnte zeitgemäß und repräsentativ dafür ist wie keine 
Strömung sonst. Und wenn zwingender Anlaß bestand, die tiefere Wir- 
kungsmacht Nietzsches ins rechte Licht zu setzen, ihn als Präger des neuen 
Menschenbildes zu kennzeichnen, das über dem 20. Jahrhundert als Mah- 
nung und Vorbild errichtet worden ist, so ist um so dringlicher die Frage 
zu stellen, ob denn die Psa. im gleichen Sinne mit Nietzsche wirke, oder 
ob sie etwa abweiche in einer Richtung, die uns zu Entscheidungen, zu 
Abgrenzungen zwingt. 

Es wurde keine Unklarheit darüber gelassen, daß wir allerdings un- 
entrinnbare Motive für solche Entscheidungen sehen, wenn wir den Ho- 
rizont um die psa. Lehre so weit spannen, wie es hier geschah, so daß die 
Hauptthemen der Geistesgeschichte den Sehraum umgrenzen. Nietzsche 



44 



nämlich wendet seine entlarvende Psychologie an, um Morsches, Deka- 
dentes am modernen Menschen gleichsam wegzusprengen. Er vertraut 
darauf, daß dadurch die alten, tiefen, starken Lebensquellen sich wieder 
freier ergießen und ein Geschlecht erzeugen werden, das schöpferischer, 
stärker im Guten und Bösen, blutvoller sein soll als die Menschen der letz- 
ten Generationen. Ein Geschlecht, das nicht verflachende Gleichmacherei 
unter mechanisch-atomistischen Idealen fordert, sondern Gestalt, Glie- 
derung, Würde, Recht des Starken, Pflicht des Klugen, Hingabefähig- 
keit bei strenger Haltung und was dergleichen männliche Werte mehr 
sind — un d dies als natürliche und daher seinsollende Lebensformen, nicht 
als politisches Tendenzprogramm. Im Hinblick auf solche Hoffnung und 
Forderung wütet Nietzsche mit drakonischer Strenge, ja, mit brennendem 
Haß und bitterer Verachtung gegen alles Falsche, Unechte, Schäbige, 
Fragwürdige im Zivilisationsmenschen — seine Psychologie ist ein 
Weckruf. 

Hingegen eignet der Psa. eine ganz bestimmte Tönung, die von Grund 
auf anders wirkt. Wohl zerstört auch sie Täuschungen, lenkt den Blick 
auf Lebenswirklichkeiten, fördert den Mut — aber immer wieder unter 
dem Ideal der wissenschaftlichen Erkenntnis, der Aufklärung über Tat- 
sachen, die als solche Werte bergen sollen. Infolgedessen entsteht so- 
gleich eine praktische Gefahr, die um so größer wird, je besser und konse- 
quenter die psa. Theorien angewandt werden: die Gefahr des chronischen 
Nihilismus unter dem Pathos der exakten wissenschaftlichen Erkenntnis. 
Dieses Pathos der reinen Empirie bei einer Lehre, deren überrationalisier- 
tes Deutungs-System das Neue, zum Widerspruch Herausfordernde ist, 
dringt neuerdings auch in die wissenschaftliche Diskussion über die Psa. 
ein und erzeugt falsche Vorstellungen über das Verhältnis von Empirie 
und Deutung in der Lehre und über die Probleme, an denen ernsthafte Kri- 
tik ansetzt. Insofern die Psa. im Namen reiner Empirie rationale Deutun- 
gen aufdrängt, ist sie der letzte Ausläufer eines Aufklärungs-Systems, das 
sich gegen den gesamten Kulturbestand richtet, indem es ihn als Uneigent- 
liches, als Maske und Fassade über dem eigentlich Wirkenden, dem Triebe, 
entlarvt, diesen selbst aber wiederum — und das ist vielleicht das noch ge- 
fährlichere Au fklärungs- Abenteuer — als rationalisierten zweckvollen 
Willen charakterisiert. Damitschrumpft dasLebensganze 
zusammen au fein logizistisches System von Denk- 
barkeiten, neben dem eine überzeugende Gliede- 
rung und Abgrenzungder Lebens- Wirklichkeit und 
der Werte kaum mehr möglich ist. 

Indem aber auf diese Weise der Gang der streng analytisch vorgehen- 
den Psychologie zwangsläufig zu solchem Nihilismus führt, werden ebenso 
zwangsläufig die Kräfte wachgerufen, die zur Gegenbewegung, zur kul- 
turellen Besinnung, zur Wahl, zur entscheidenden Tat rufen. In diesem 
Sinne vollendet die Psa. gerade durch ihre einseitige Konsequenz, die bis 
zu einer Art von Überschlagen treibt, etwas von dem, was Nietzsche be- 

45 



gönnen hatte. Das ist ihre umschriebene, zeitgebundene Aufgabe, nach 
deren Erledigung weder mehr Menschen gedeihen werden, die einer psa. 
Denkweise bedürftig sind, noch Psychologen, denen die psa. Theorie etwas 
anderes bedeuten werden, als spannende Konstruktionen zur Erzielung 
von Spezialbeleuchtungen für bestimmte seelische Vorgänge. Sobald wir 
eine brauchbare Psychologie der Persönlichkeit haben, die sich nach allem, 
was bis heute zu sehen ist, an Klages als den am tiefsten Wissenden und 
am schärfsten Zeichnenden orientieren muß, werden die Wellen des 
Kampfes, die heute noch um das System der Psa. unter der Fiktion der 
Geschlossenheit und Allseitigkeit der Lehre branden, sich rasch besänf- 
tigen. Mit der Anerkennung seitens der Psa., daß sie nicht das Lebens- 
ganze, sondern nur einen Sektor bedeute, wird ein Kampf enden, der mehr 
um die weltanschaulichen Ansprüche der Psa., als um den wertvollen Ge- 
halt ihrer Empirie ging, wodurch sie teils altes, vergessenes Erkenntnisgut 
uns wieder näher gebracht, teils bislang nicht gesehene Sachverhalte neu 
erschlossen hat. Diese reihen sich ein in ein neues Menschenbild, das, an 
Schopenhauer u. a. anschließend, Nietzsche im Wesentlichen geprägt hat. 
Freilich ist dies kühne Unterfangen, wenigstens in bezug auf manche Ein- 
zelheiten, in dem Widerspruch zwischen wahrer Tiefenpsychologie (die 
sich nicht an kausalen Erklärungen genügen läßt), dem Pathos eines 
Sehers und Führers, und einem Pseudo- Positivismus stecken geblieben. 

War dieses von Nietzsche geprägte Menschenbild schon gewaltsam 
verengt, freilich aber vertieft, im Vergleich mit dem Goetheschen, so er- 
faßt die Psa. Freuds nur noch die positivistische Seite und diese im Auf- 
klärungs-Sinne. Allein durch solche Besinnung auf die Grundbezi'ehungen 
zwischen Gegenstand und Methode, Kongruenz oder Inkongruenz beider, 
Reinheit des logischen und psychologischen Aufbaus oder Vermischung 
von Empirie, Deutung und logischer Konstruktion u. dergl. m. läßt sich die 
Basis gewinnen für eine Diskussion der psa. Lehren innerhalb der anderen 
Wissenschaften, die bislang ohne psa. Stützen ihre Systeme errichtet 
haben. Wie weit diese gewandelt und vertieft werden durch Auswir- 
kungen der Psa., das müssen die nächsten Jahrzehnte erweisen. 



J ) Die für Fernerstehende beste Schilderung der psa. Entwicklung hat Freud 
in seiner Autobiographie («Medizin in Selbstdarstellungen», Bd. IV, F. Meiner, 
Leipzig 1025) gegeben, wobei zumal die Einheit zwischen Persönlichkeit und Werk 
stark und anschaulich heraustritt. Kaum eine Sclbstdarstcllung der ganzen Samm- 
lung kann sich an Würde und Souveränität der geistigen Haltung mit der Freuds 
messen — höchstens sein fanatischer Gegner Hoche erreicht einen ähnlichen Grad 
innerer Freiheit, auf ganz andere Weise freilich. — Für die frühere Zeit hat Freud 
in seiner «Geschichte der psa. Bewegung» 1910 die Tradition festgelegt, die seither 
in zahllosen Darstellungen wiederholt worden ist. 1926 hat er im «Handwörterbuch» 
der Sexualwissenschaft», hcrausgeg. von M. Marcusc (Marcus & Weber, Bonn), 
den Artikel «Psa.» zu einer authentischen Kundgebung des Lchrsystems und seiner 
Entwicklungsphasen gestaltet. 

2 ) Genauer : diese Studien fielen in die 80er Jahre, Freud war zwischendurch 
bei Charcot in Paris und bei Bernheim in Nancy. Die entscheidende Veröffentlichung 

46 



war jene «Vorläufige Mitteilung» im Xeurolog. Zentralblatt i8g3 «Über den psychi- 
schen Mechanismus hysterischer Phänomen«, von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. 
Freud in Wien. Diese Arbeit wurde 1895 in den «Studien über Hysterie» (Deuticke- 
Wien) wieder abgedruckt und durch weiteres Material von beiden Autoren, sowie 
einen Abschnitt «Theoretisches» von Breuer ergänzt. Noch fast 3o Jahre später 
sprach man in der Psychopathologie gern von «Freud'schen Mechanismen», wenn 
man der inzwischen längst ausgebauten psa. Lehre gedachte. Man wollte damit wohl 
betonen, daß die neuen, mehr persönlich Freud' sehen Begriffe, gleichsam über die 
als objektiv anerkannten Faktoren hinaus, zur Diskussion zu stellen seien. In- 
zwischen dachte man bereits, wenigstens im Formenkreis der Hysterie, fast allge- 
mein in diesen von Freud geprägten Begriffen, verwendete nur manchmal andere 

Worte dafür. 

:i ) In dem erwähnten Handwörterbuch der Sexualwissenschaft (vergl. Anm. 1). 

Von den letzten Schriften Freuds sind in diesem Zusammenhange am wich- 
tigsten : «Massenpsychologie und Ich-Analyse» (1921), «Das Ich und das Es" (1923), 
«Die Frage der Laienanalyse» (1926). — Für die Einordnung der Psa. in die Gei- 
st csgeschichtc bringt von den Arbeiten aus dem Kreise Freuds am meisten : Heinz 
Hart mann, «Die Grundlagen der Psa.» (Thicmc, Leipzig 1927). 

*) Vor P f i s t e r : «Plato als Vorläufer der Psa.» (Int. Ztsch. f. Psa., Bd. VII, 
1921) hat schon Nachmansohn (Int. Ztsch. f. Psa., III, 191 5) sich eingehend 
mit diesen Beziehungen zwischen Piatos Eros und Freuds Libido beschäftigt, die 
Verwandtschaft jedoch zumal in Hinsicht auf die damals geläufige Verwendung 
des Libido-Begriffcs übertreibend, indem er die Überspannung der kausalen Deutung 
Freuds vertuschte. «Ebenso, wie es absurd ist zu sagen, Plato sexualisiert den Men- 
schen und sieht in den höchsten religiösen Funktionen nichts als eine verfeinerte 
Sexualität, ebenso absurd ist es, wenn Freud dieser Vorwurf gemacht wird. ( ! !) 
Beide aber leiten die höchsten kulturellen Leistungen vom Arterhaltungstrieb ab.» 

— Dies heißt wahrhaftig, in haltlosem Gleichmacher-Drang die einfachsten Tat- 
sachen verdrehen und den Vorwurf der intellektuellen Unsauberkeit, der so oft 
gegen die Psa. erhoben worden ist, herausfordern. 

ö ) Die Bedeutung des tiefsten Werkes, das seit Nietzsche über die wirkenden 
seelischen Urmächte geschrieben worden ist, Ludwig K 1 a g e s : «Vom kosmogo- 
nischen Eros», 2. Aufl., 1926 (Diedcrichs, Jena) wird heute langsam erkannt im Zu- 
sammenhang mit dem großenteils durch Klages geweckten Interesse für J. J. Bach- 
ofen. Von der Basis Bachofens aus gewinnen die Lehren der Psa. einen ganz an- 
deren Aspekt — ähnlich wie von der Basis Nietzsches aus : sie erscheinen dann als 
rationalistische Verengerung symbolstarker Urvorgänge. Von hier aus erklärt sich 
auch die Gegnerschaft von Klages gegen die Psa. Er sieht in ihr die Darstellung 
ihm vertrauter Vorgänge auf einem zu niedrigen Niveau — dem eines materialisti- 
schen Rationalismus. 

6 ) Diese Stelle wird im Almanach des Internat, psa. Verlages 1927 mitgeteilt. 

— Auch die S. 20, 22 und S. 25 mitgeteilten Stellen von Novalis und Schopenhauer 
verdanken wir dem höchst instruktiven Almanach 1927 bzw. 1928. 

7 ) C. G. Ca r u s wird fast ausschließlich durch ständig erneute Hinweise von 
Klages allmählich ernsthafter beachtet. Ohne wenigstens sein Buch «Psyche, Zur 
Entwicklungsgeschichte der Seele» (herausgeg. von Klages bei E. Diedcrichs, Jena 
1925) zu kennen, ist es nicht möglich, dem Begriff des Unbewußten gerecht zu wer- 
den und dessen Einengung in der Psa. richtig zu beurteilen. Carus ist kein Bahn- 
brecher, sondern der feinste und weitest-blickende Lebensforscher, der sich auf 
Goethes Weltbild stützt. Vgl. hierzu Prinzhorn: «Leib- Seele-Einheit», Mül- 
ler & Kiepenheuer, Potsdam 1927. 

8 ) Am erstaunlichsten wirkt die unzulängliche Orientiertheit über die mit gro- 
ßem formalen Geschick behandelten Probleme in Arbeiten wie z. B. Bumke: 
«Das Unterbewußtsein», 2. Aufl., Springer 1926. 

47 



8 ) «Die Krankheit zum Tode», übers, von Bärthold, S. 58; das folgende Zitat 

S. 67 £• . , . 

i°) B 1 o n d e 1 : «La Psychoanalyse», Paris 1924 gibt eine typisch franzosische 

Darstellung und Kritik, im Formalen etwas stecken bleibend. Im übrigen setzt sich 

die französische Psychiatrie neuerdings recht gründlich mit psa. Problemstellungen 

auseinander. Vergl. besonders die beiden Sammclbände «Devolution psychiatrique. 

Psychoanalyse — Psychologie clinique», herausgegeben von H e s n a r d und L a - 

f orgue, bei Payot, Paris 1925 und 1927. 

al ) M c D o u g a 1 1 : «An Outline of Abnormal Psychology», Mcthuen & Co., 
London 1926. Dieses Buch zeigt einen ungewöhnlichen Weitblick in der Ausein- 
andersetzung mit der französischen und deutschen Literatur, besonders mit Freud 
und Jung. Dazu kommt, daß McDougall als Verfasser der auch bei uns sehr be- 
kannten und in der Psychologie und Soziologie sich auswirkenden «Introduction to 
Social Psychology», 20. Aufl., 1926, eine sehr differenzierte Trieblchre gegeben hat. 
Von «An Outline of Abnormais Psychology» bringt Verf. demnächst eine deutsche 
Übersetzung heraus (bei Kampmann, Heidelberg). 

12 ) Vgl. Prinzhorn: «Nietzsche und das XX. Jahrhundert» (Verlag Kamp- 
mann, Heidelberg 1928). 



PSYCHOLOGIE DER PSYCHOANALYTISCHEN 

WELTANSCHAUUNG 

von Hans Kunz 

Unlängst meinte der Paläontologe und Naturphilosoph Edgar Dacque 
(in «Natur und Seele») : «es gibt nur eine wichtige Frage im Dasein ; das 
ist die nach der Seele des Menschen». Abgesehen davon, daß es vermut- 
lich eine Frage des späten, innerhalb einer Kultur gealterten Menschen, 
eine Frage des sozusagen abendlich-dämmernden, schon gebrochenen Le- 
bens ist, daß die Behauptung überpointiert einige nicht minder entschei- 
dende und rätselhafte Probleme abseits läßt — es hat doch damit etwas 
auf sich 1 Und wenn uns schließlich jenes hellenische Pathos, wonach der 
Mensch das Maß aller Dinge sei — oder ausgreifender und leidenschaft- 
licher von Sophokles gewendet : Vieles Gewaltige gibt's, doch nichts ist ge- 
waltiger als der Mensch — ferngerückt und kaum noch in seiner Tiefe 
verstehbar, so blieb uns wenigstens, wenn man will, das Pathos der Kehr- 
seite jener Überschwenglichkeit: ein grenzenloses Verlangen, das Bild der 
menschlichen Seele zu entzaubern, ihr das Geheimnis zu entreißen, sie 
nackt und hüllenlos zu sehen, um sie endgültig und vollkommen zu wissen. 
Dergleichen Verlangen werden von dunkler liegenden •Quellen gespeist als 
es seine abgestoßene durchsichtigste Ertragsschicht — die positiven Wis- 
senschaften — glauben machen will ; und insofern eben die Wissenschaf- 
ten nur die relativ erstarrtesten Gestaltungen des ewigen, ewig ruhelosen 
Erkenntnisprozesses verkörpern, ihre Lebendigkeit aber letztlich immer 
aus ihr jenseits liegenden Bereichen schöpfen, insofern wurzeln schlecht- 
hin alle Wissenschaften in einer metaphysischen Weltanschauung 1 ). 



48 



Man hat lange Zeit gemeint, dies leugnen zu können ; und noch heute 
ist es ein durchaus nicht sinnloses, überflüssiges Bemühen, die Wahrheit 
jenes Tatbestandes einsichtig, zum mindesten spürbar zu machen. Man hat 
gemeint, der Nachweis der metaphysischen, weltanschaulichen Grundlagen 
und Konsequenzen einer positiven Fachwissenschaft impliziere eine Will- 
kürlichkeit ihrer Voraussetzungen, woraus die nur «subjektive», mehr oder 
minder «geglaubte» Geltung ihrer Erkenntnisse folge. Sehen wir davon 
im einzelnen ab, daß gelegentlich zum Behufe der Relativierung oder gar 
«Widerlegung» wissenschaftlicher Ergebnisse faktisch ihre metaphy- 
sischen «Axiome» angegriffen wurden — was, wie sich von selbst versteht, 
nur von einer andern Weltanschauung her und keineswegs auf Grund 
anderer positiv-wissenschaftlicher Einsichten geschehen kann — so 
leuchtet grundsätzlich ein : daß ein solches Unternehmen lediglich inner- 
halb scharf beistimmbarer Grenzen berechtigt ist, daß andererseits jene 
Leugnung der metaphysischen Voraussetzungen aller Wissenschaften auf 
einem Irrtum beruht. Es möge zunächst letzterer allgemein kurz dar- 
gelegt werden. 

Philosophisch ist der Glaube an die endgültige absolute Wahrheit 
wissenschaftlicher Erkenntnis reiner Aberglaube; für den wissenschaft- 
lichen Forscher selbst dagegen macht er sein spezifisches Pathos aus und 
findet deswegen innerhalb der prinzipiellen Grenzen szientifischen Erken- 
nens seine tiefe Rechtfertigung. Daß sich z. B. die Erde um die Sonne 
dreht, wird für die astronomische Wissenschaft aller Voraussicht nach eine 
«ewige» Wahrheit sein; und weil es sich dabei «nur» um eine wissen- 
schaftliche Frage handelt, die die P e r s ö n 1 i c h k e i t des Forschers im 
Grunde nichts angeht und philosophisch, genauer metaphysisch irrelevant 
bleibt, wäre es gänzlich verfehlt, sie auf Grund einer metaphysischen Er- 
wägung zu bezweifeln. Wissenschaftliche Wahrheiten lassen sich der Idee 
nach zwingend beweisen (wenn es sich auch faktisch nur für einige Ge- 
genstandsbereiche durchführen läßt aus hier nicht zu diskutierenden 
Gründen) ; für sie etwa das Leben zu opfern ist sinnlos, denn man setzt 
nichts dabei ein. Die Situation ändert sich radikal, wenn man die Frage 
aufwirft, welchen «Sinn» oder «Wert» das Wissen von der Erdbewegung 
für den Menschen berge. Gewiß : diese Frage berührt die Wissenschaft 
nicht mehr, weshalb es ihr gleichgültig sein kann, daß sie darauf keine 
zwingend beweisbare Antwort wüßte. Aber dennoch ruht sie irgendwie 
auf einer klar oder unbesehen gefällten Entscheidung, die jene Frage vom 
Forscher erzwingt, der sich der Grenzen seiner Erkenntnismöglichkeit 
bewußt wird. Heute erscheint es uns selbstverständlich, daß das Wissen 
als solches wertvoll sei, weshalb wir es als extreme Sinnlosigkeit emp- 
finden, nach seinem prinzipiellen Sinn zu fragen. Allein es war nicht 
immer so, wie man weiß: damals, als Giordano Bruno in Rom den Flam- 
mentod starb für die Kopernikanische Lehre oder als Galilei das legendäre 
«Und sie bewegt sich doch» aussprach, ging es nicht nur um eine wissen- 
schaftliche Wahrheit, sondern um eine metaphysische Gesinnung, für die 

4 Prinahorn, Psa. 49 



es außer des «Glaubens» und der Verantwortung aus der Freiheit der Exi- 
stenz keine «Beweise» gibt — für sie zu sterben hat einen Sinn. Denn da- 
mals stießen nicht allein zwei szientifische Meinungen aufeinander, von 
denen die eine nachweisbar wahr, die andere falsch sein mußte, sondern 
zwei echte «Gläubige» : der eine gebunden an die Überlieferung, der andere 
sich opfernd für die Größe und den Wert des Wissens. 

Es ist immer wieder versucht worden, metaphysische Haltungen für 
wissenschaftliche auszugeben, was nicht nur einem Verrat am spezi- 
fischen Pathos der Wissenschaft gleichkam, sondern zudem die tiefe Ver- 
antwortung und das Wagnis metaphysischer Entscheidungen zu «beweis- 
baren Tatsachen» verflüchtigte. Jetzt die Geltungsbereiche scharf zu schei- 
den, fällt so schwer nicht mehr. Das wissenschaftliche Erkennen also ge- 
langt zwar in sich selbst nie zum Abschluß ; was einmal als Wahrheit er- 
kannt wurde, bleibt ewige Wahrheit und ist grundsätzlich jedem mit mehr 
oder minder zwingender Einsicht zugänglich. Aber es ist als endloses 
Ganzes nicht selbst wieder zwingend begründbar, es müßte gleichsam in 
der Luft schweben, wenn es nicht verankert wäre in außerwissenschaft- 
lichen, d. h. metaphysischen «Prinzipien». Besteht in letzteren eine Eini- 
gung, die unmittelbar in der Freiheit von Mensch zu Mensch wurzelt, dann 
freilich kann der «Sinn» der Wissenschaft nicht mehr problematisch sein. 
Ohne jene Einigung bleibt der Wert und die Daseinsberechtigung jeder 
Wissenschaft jedem spielerischen Einwand wehrlos preisgegeben — ihr 
Pathos ist dann leer, gehaltlos. In der Übersehung dieser Situation gründet 
vornehmlich der eingangs erwähnte Aberglauben und ihr überheblicher 
Anspruch, absolutes, endgültiges Wissen zu geben, denn solches wäre 
schlechthin voraussetzungslos. Es ist Angst um den Verlust eines Hirn- 
gespinstes, wenn man glaubt, die Besinnung auf die metaphysischen 
Grundlagen tangiere den eigentlichen Geltungsbereich wissenschaftlicher 
Erkenntnis — sie grenzt ihn lediglich auf das ihm zukommende Maß ein, 
innerhalb dessen sie auch dann als erkannte Wahrheit fortexistiert, wenn 
sie als Ganzes aus metaphysischen Motiven verworfen wird. 

Von hier aus erhellt nun auch die Möglichkeit, wann und wie Wissen- 
schaft durch Metaphysik «widerlegt» werden kann : erstens durch radi- 
kale Ablehnung der eine positive Wissenschaft fundierenden weltan- 
schaulichen Prinzipien, wodurch, wie wir soeben zeigten, nicht eigentlich 
der denkbare faktische Wahrheitsgehalt szientifischen Erkennens ver- 
neint zu werden vermag, sondern entweder der Sinn oder Wert dieses 
Erkennens überhaupt, oder die Möglichkeit der Existenz des Erkenntnis- 
gegenstandes (sofern dieser nämlich auf einem falschen oder nicht unmit- 
telbar überzeugenden metaphysischen Postulat beruht 2 ) oder schließlich 
die Möglichkeit der Existenz des Erkennens (sofern es metaphysisch ein 
Seiendes voraussetzt, das faktisch nicht existiert). Zweitens: durch die 
Aufdeckung angeblich wissenschaftlich begründbarer Postulate inner- 
halb eines wissenschaftlichen Erkenntnisbereiches, die in Wahrheit nur 
in metaphysischer Entscheidung zu setzen sind. Man begreift gut, daß 



50 



der fachwissenschaftliche Forscher sich gegen die Anerkennung welt- 
anschaulicher Voraussetzungen seines Gebietes sträubt, wenn man be- 
denkt, wie jene Vorwürfe gegen die metaphysische Bedingtheit wissen- 
schaftlicher Erkenntnis einerseits zumeist im Grunde szientifisch ein- 
gekleidete, eigene andere Weltanschauungsentscheide ins Feld führten, 
andererseits unter dem Deckmantel einer Metaphysikbekämpfung mit 
scheinbar wissenschaftlichen Gründen faktisch die fremden, echt und 
wahrhaftig wissenschaftlichen Einsichten, die irgendwie unerträglich 
waren, zu widerlegen suchten. Wenn wir demgegenüber die Metaphysik, 
in die Freuds Psa. eingelagert ist, herauszuarbeiten versuchen, so soll damit, 
wie sich nach allem von selbst versteht, weder die Psa. als Wissenschaft 
noch als Weltanschauung angegriffen werden, sondern es liegt dem ein 
spezielles Problem der sog. Weltanschauungslehre zugrunde. 

Gelegentlich werden die erkenntnistheoretischen «Axiome» — be- 
stimmte, das Sein und die Erkenntnis determinierende kategoriale Gesetz- 
lichkeiten usw. — , auf denen die Wissenschaften beruhen, als weltanschau- 
liche oder metaphysische Voraussetzungen letzterer angesprochen. Wir 
wollen unter solchen Voraussetzungen aber etwas Engeres verstehen : näm- 
lich jene ursprünglichsten, zumeist nicht ausdrücklichen Entscheidungen 
eines Menschen dem Dasein als Welt gegenüber, die ihren wertenden 
Charakter schon im Erleben zeigen. Wenn sie bewußt aus Freiheit und 
Verantwortung heraus gefällt werden, sind sie von einem eigentümlichen 
Pathos, das sich an die ganze Persönlichkeit des Hörers unmittelbar wen- 
det. Es sind gänzlich einsame, aber absolute Entscheidungen, für deren 
Gültigkeit es außer der eigenen Existenz keine Instanz gibt ; nichts ist 
zwingend daran — es sei denn das Pathos der Freiheit und der Verant- 
wortung; sie gründen in nichts weiter als in ihm. Aus dieser hier nur 
angedeuteten «metaphysischen Situation» entspringen alle grundsätz- 
lichen wissenschaftlichen Fragestellungen, was sich historisch leicht be- 
weisen ließe; in der Folge freilich entfernen sie sich dann weit von ihrem 
Ursprungsorte, es bildet sich das typische unpersönliche Pathos der Sach- 
lichkeit und der Wahrheit, die nicht in der Existenz, sondern in einsich- 
tiger, erwerbbarer Erkenntnis gründet. Allein jeder schöpferische Impuls, 
der einen neuen Bereich der Welt einer wissenschaftlichen Erforschung 
zugänglich macht, wurzelt in einer metaphysischen Erschütterung und 
Verwunderung, die einmalig ist und nicht wiederkehrt. In ihr werden 
Probleme aufgeworfen — und ausnahmslos in nie ganz durchschaubarer, 
irgendwie tief begründeter Antizipation schon eine Antwort gegeben — 
die eine Zeitlang das Material der wissenschaftlichen Forschung aus- 
machen, die aber selber wissenschaftlich nie endgültig gelöst werden 
können. Sie vermögen auch metaphysisch nicht wahrhaft und im eigent- 
lichen Sinne gelöst zu werden, sie bleiben ewige Fragen ; und nur das Be- 
dürfnis nach Ruhe und die auf die Länge unertragbare schwindelnde Rat- 
losigkeit erzwingt in erneuter, aber letzten Endes immer fragwürdiger 
Entscheidung eine haltgebende Antwort — die auch von einem eigenen 

4* 51 






Pathos ist, hinter dem ständig die Angst vor der gänzlichen Sinnlosig- 
keit lauert. 

Das ist der Grund, weshalb alle Wissenschaften nicht nur in meta- 
physischer Weltanschauung fundieren, sondern weiterhin in solche mün- 
den. Die strenge Selbstbegrenzung des Forschers wird auch hier nicht 
verräterisch für wissenschaftlich beweisbar ausgeben, was allein einer 
weiter unbegründbaren, nur durch die eigene Existenz zu verantwortenden 
Entscheidung untersteht. Er wird mit Recht sagen, daß eine wissenschaft- 
liche Antwort nicht mehr möglich sei — er darf aber das restliche Problem, 
weil es kein wissenschaftliches mehr ist, nicht als Problem schlechthin 
leugnen, wie das so oft geschah, noch sich gegen den Nachweis der fak- 
tischen Determinierung seiner legitimen Fragestellungen durch die schon 
in der Ursprungssituation antizipierte metaphysische Antwort verschlie- 
ßen. Richtig verstanden tangiert auch dieser Nachweis den eigentlichen, 
wissenschaftlich begrenzten Gehalt seines positiven Forschungsertrages 
auf keine Weise. 

Obgleich so weltanschauungs fremde Wissenschaften wie etwa Zoo- 
logie und Botanik nachweislich aus ästhetischen und ähnlichen Haltungen 
des Menschen entstanden, so muß doch zugegeben werden, daß die meta- 
physische Einbettung je nach der Wissenschaftsart eine verschiedene ist. 
Die beschreibenden Naturforschungen grenzen nur gleichsam von fernher 
an Weltanschauungsfragen generellster Art, während z. B. die Psychiatrie 
tief in Metaphysik steckt ; woher sich übrigens, nebenbei bemerkt, die Tat- 
sache leitet, daß sie sich derart spät von theologischen, dämonologischen 
und anderen Anschauungen befreite und noch heute unbemerkt von meta- 
physischen Entscheidungen durchsetzt wird, nicht zuletzt bei sich streng 
naturwissenschaftlich dünkenden Forschern (man denke nur an gewisse 
«Hirnmythologien», die angeblich empirisch begründet sind). Aus bald 
zu erwähnenden Gründen gilt nun die «weltanschauliche Bedingtheit» für 
die von Sigmund Freud geschaffene wissenschaftliche Psychologie in 
noch erhöhtem Maße. Zwar hat er sich selbst unlängst in stolzer Resigna- 
tion gegen die «Fabrikation von Weltanschauungen», auch einer psa., ge- 
wendet ; und einer seiner kultiviertesten, philosophisch durchgebildetsten 
Schüler, Heinz Hartmann, lehnt in seinen vorzüglichen «Grundlagen der 
Psa.» die Abstempelung der Freudschen Forschungen als «Weltanschau- 
ung» gut begründet ab. Es kann deshalb nicht überflüssig sein, die obigen 
kurzen Ausführungen prinzipieller Art an diesem speziellen Falle genauer 
zu exemplifizieren 3 ). 

Selbstredend «ist» die Psa. keine Weltanschauung oder Metaphysik ; 
wenn ihre wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Methoden einst- 
weilen noch ungeklärt und in ihrer Gültigkeit fraglich sind, so hängt dies 

abgesehen von der Schwierigkeit psychologischer Forschung überhaupt 

lediglich von ihrer Jugendlichkeit ab. Es waren aber weltanschauliche 

Motive, die in der kritischen Auseinandersetzung mit ihr darauf so viel 
Gewicht legten, provoziert einerseits von der durchdringenden Kühnheit 

52 



und Unerschrockenheit des Forschens, andererseits durch eine theoretisch 
tatsächlich unzulängliche Begründung der Methode. Darauf ist hier nicht 
einzugehen. Daß aber faktisch Freuds Wissenschaft über ihre Wissen- 
schaftlichkeit hinaus von metaphysischen Impulsen gesättigt, ja von einer 
spezi fischen Weltanschauung getragen wird und in eine Meta- 
physik des Menschen mündet, läßt sich aus bestimmten Phänomenen wenn 
nicht beweisen, so wenigstens aufweisen. 

Zunächst ist die Psa. die Schöpfung Freuds und niemandes sonst 
(obwohl er natürlich Vorläufer hat; keiner seiner früheren und jetzigen 
Schüler — mit der einen Ausnahme Jungs vielleicht — reicht auch nur 
annähernd an Persönlichkeitssubstanz und Gewicht an ihn heran). Sie 
wird allein an seinen Namen gebunden bleiben, als Ganzes ; denn daß sie 
nach und nach in der anonymen Wissenschaft der Psychologie überhaupt 
untergehen wird, verlangt keine nähere Ausführung. Im Maße des Fort- 
schreitens dieses Prozesses verliert sie die seherische, aufwühlende Kraft, 
büßt zweifellos an forscherischem Impetus ein — weil die speisende welt- 
anschauliche Quelle abgegraben wird. Nun zeigt die historische Entwick- 
lung, daß nur metaphysische und religiöse Weltanschauungen person- 
gebunden sind; wo sich daraus positive Wissenschaften differenzierten, 
verlor sich mehr und mehr die Abhängigkeit von der schöpferischen Per- 
sönlichkeit, auf welche andererseits ausnahmslos alle Wissenschaften in 
ihrem Ursprung zurückgehen. Aber eben dieser Ursprung war in Wahr- 
heit nie «rein» wissenschaftlich, er bleibt stets in das Pathos metaphysi- 
scher Entscheidung getaucht. 

Bei Freud läßt sich das unmittelbar nicht so klar sehen, weil er äußer- 
lich stark den gestaltenden Einflüssen des vergangenen Jahrhunderts erlag. 
Allein wenn man sich die ruhlos bohrende Tätigkeit seines Erkenntnis- 
willens vergegenwärtigt, wenn man spürt, wie ihn das Geheimnis der Seele 
sein Leben lang gequält, fasziniert, gebannt hat, wie er noch heute immer 
wieder mit einem fast fanatischen Verlangen um seine Enthüllung kämpft 
— gleichsam als wunderliche Wiederkehr jenes unerlösbar-irrenden Ewi- 
gen Juden in Gestalt des rationalen Wissenschafters — ich sage: wenn 
man sich diese Dinge eindrücklich vor Augen hält, so dürfte ein Zweifel 
über die eigentliche Quelle seines Forschens schwer möglich sein. Der- 
gleichen Vehemenz des Erkennens sucht man vergeblich in irgendeiner 
Wissenschaft; es gibt in der Weltgeschichte zwei, drei Namen, die ihn 
darin wohl noch überragen: Dostojewski, Kierkegaard, Nietzsche — ob- 
wohl alle drei (auch der Größte : Nietzsche) an der Fragwürdigkeit des 
Menschen nicht restlos den «Glauben» an den Menschen verloren 
wie Freud. 

Zwar nicht überzeugender, aber sinnfälliger enthüllt sich der welt- 
anschauliche Hintergrund der Psa. in ihren soziologisch zu fassenden 
Auswirkungen. Die Situation ist wenigstens in der abendländischen Ge- 
schichte einzigartig: die nervenärztliche Bemühung um die Heilung 
neurotisch erkrankter Menschen greift von Grund aus umwandelnd in das 

53 



Leben dieser ein — eine gewisse Verwandtschaft und Ähnlichkeit findet 
sich nur in religiösen Bekehrungserlebnissen — und eint sie in einer eso- 
terischen Gemeinschaft zur wissenschaftlichen Forschung. Daß zumal 
von Freud während des Heilungsprozesses jeder weltanschauliche Appell 
vorsichtig vermieden wurde, bildet selbstverständlich kein Argument 
gegen die metaphysische Stoßkraft des analytischen Erlebnisses. Denn 
die Blickrichtung des Forschens — abgesehen davon, daß sie natürlich 
auch von den empirischen Tatsachen determiniert wurde — war bereits 
weltanschaulich eindeutig bestimmt, ohne daß sich der Analytiker darüber 
klar geworden ; weshalb wohl der Ursprung verleugnet, ja leidenschaft- 
lich in einer unbestimmten Ahnung seines wesentlichen Gewichtes be- 
kämpft werden kann — er wird nie unwirksam gemacht. Gewiß bildete 
die fast einstimmige Ablehnung der Freudschen Lehre durch die repräsen- 
tative Wissenschaft einen nicht unwichtigen Grund zur gemeinschaft- 
lichen Absonderung der «Anhänger», gewiß wirkt im Bewußtsein dieser 
die Überzeugung ihrer primär wissenschaftlich-forschenden Berufung in 
entscheidender Weise — aber hat es jemals einen rein wissenschaftlichen 
Bund gegeben, zu dessen Aufnahmebedingung die Absolvierung eines 
dermaßen aufwühlenden E r 1 e b n i s s e s wie die «analytische Behand- 
lung» gesetzt war? Findet man dafür außer in religiösen und weltanschau- 
lichen Zirkeln noch irgendwo sonst Vorbilder? Man wird dagegen ein- 
wenden, die an der eigenen Seele gespürte Analyse bilde die Vorausset- 
zung einer von eigenen Komplexen usw. ungestörten Fremdanalyse. 
Auch das ist richtig; allein erstens reicht dazu zum mindesten theoretisch 
die Selbstanalyse aus ; daß sie nicht als «voll» gilt, wurzelt zweitens in der 
damit gegebenen Möglichkeit einer Ausschaltung des gemeinschaftsbilden- 
den metaphysischen Impulses, präziser formuliert : die weltanschaulich 
festgelegte Blickrichtung des Analytikers könnte durchbrochen, sein «Ge- 
heimnis» von einem Fremden durchschaut und zerstört werden. Darum 
die fanatich ablehnende Stellung gegen die «Abgefallenen», «Ausgesto- 
ßenen» — wer genau hinhorcht, hört darin den tödlichen Haß gegen den 
der das Geheimnis verachtete und verriet. Darum schließlich der ständige 
Vorwurf gegen kritische, aber sonst willige Außenstehende : es seien noch 
unanalysierte Widerstände in ihnen tätig, die die vollständige Annahme 
verhindere — heißt dies nicht im Grunde: wer nicht für mich ist, ist 
gegen mich? oder: entweder bist du ein Glaubender oder ein Feind! 

«Zur Soziologie der psa. Erkenntnis», die uns hier nur mittelbar zum 
Erweis weltanschaulicher Impulse letzterer interessiert, hat Mittenzwey 
in einer gleichnamigen Abhandlung einen wertvollen Beitrag geliefert 
(leider wird seine Stellungnahme durch vorbestimmte Werthaltungen 
etwas getrübt). Er sagt dort richtig, daß «die Psa.» nicht einfach in 
wissenschaftlichen Feststellungen, in Sätzen von Wahrheitsgehalt, «die 
man erkennend in sich aufnimmt», bestehe, sondern sie «will .erlebt' sein, 
sie will ein Stück — und zwar ein allerwichtigstes Stück — Schicksal des 
einzelnen geworden sein». Weiter arbeitete er als wesentliche gemein- 



54 



schaftsbildende Faktoren heraus: die wissenschaftliche, zeitbedingte 
«Einkleidung» von Mächten, die früher zu religiösen Kreisen führten, die 
ungeheure Selbstwerterhöhung infolge einer eingehendsten wissenschaft- 
lichen Beschäftigung mit den kleinsten Privatangelegenheiten, die sonst 
von der Umwelt nicht ernst genommen wurden und schließlich — wenn 
wir von der gemachten Voraussetzung der neurotischen oder neurotoiden 
Konstitution des Analytikers absehen — die starke «Sympathie»-bindung 
an den Arzt in der sogenannten Übertragung, respektive die Ablösung 
dieser Übertragung auf die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Das ist eine 
psychologische Aufdeckung der sozial wirksamen Kräfte psa. Erkennens ; 
bei ihr stehen zu bleiben würde einer Verzichtleistung auf die Erhellung 
der eigentlichen metaphysischen Quellen gleichkommen. An sich wäre 
es denkbar, daß die von Mittenzwey herausgelösten seelischen Faktoren 
die Gemeinschaftsbildung faktisch zureichend und ausschließlich deter- 
minieren, wobei die Durchstoßung ihrer Motivschicht zum Behufe einer 
Auf Weisung der psa. Metaphysik überflüssig würde. Uns aber kommt es 
ja vor allem auf sie an, und wir haben, wie gesagt, ihre sozialen Auswir- 
kungen nur als Erweismittel für die tatsächliche Existenz einer analyti- 
schen Weltanschauung verwandt. Wenn sich dabei ergab, daß die Eigen- 
art jener sozialen Ausstrahlungen in der bisherigen Geschichte typisch war 
für Religionen und philosophische Weltanschauungen, nicht für wissen- 
schaftliche Forschungsgemeinschaften, so hat der vermutende Rück- 
schluß auf den letztlich metaphysischen Charakter eines zweifellos echten, 
nicht nur scheinbar sich gebärdenden wissenschaftlichen Erkenntnis- 
willens hohe Wahrscheinlichkeit. 

Fassen wir die, wenn es erlaubt ist, «metaphysikverdächtigen Sym- 
ptome» (womit also nie ein Vorwurf gegen die wissenschaftlicheGültigkeit 
impliziert wird) der Freudschen Psa. nochmals schlagwortartig zusammen: 
starke Persongebundenheit des objektivierten Erkenntnisgehaltes, Ver- 
wurzelung der Erkenntnisimpulse im persönlichen Pathos, das jenes der 
beweisbaren Wahrheit übersteigt, Beschränkung der Erkenntnis auf be- 
stimmte Seiten (respektive Umdeutung anderer) des Gegenstandes, die 
der Erkenntnisgegenstand selbst nicht rechtfertigt und deshalb vermutlich 
weltanschaulich bedingt wurde (wofür wir den Nachweis später er- 
bringen) ; esoterische Gemeinschaftsbildung mit primär wissenschaftlichen 
Zielen, deren Aufnahmebedingung aber ein primär nicht szientifisches, 
sondern therapeutisches, emotionales, weltanschauliches, weil persönlich- 
keitswandelndes Erlebnis bildet (von der Art religiöser und metaphysi- 
scher «Bekehrungen»), mehr oder minder feindseliger Abschluß gegen 
wissenschaftlich anders Orientierte (der nur teilweise durch die negie- 
rende Stellungnahme der Umwelt gerechtfertigt zu werden vermag) und 
schließlich sachlich nicht zureichend begründete kämpferische Stellung 
gegen jene, die sich irgendwie aus dem Besitz eines «Geheimnisses» nährt. 

Mit alledem ist nun über die der psa. Wissenschaft zugrunde liegende 
metaphysische Entscheidung noch nichts ausgemacht; wie wir schon 

55 






früher andeuteten, dürfte ein auch nur einigermaßen zwingender Beweis 
der faktischen Existenz («Existenz» nicht im spezifischen Sinn des Exi- 
stenziellen) einer derartigen Entscheidung nicht gelingen — letztlich des- 
halb, weil das Bewußtwerden der Grenzen eines Erkennens dieses selbst 
überschreitet und, sofern der Mensch nur in ihm sich verwurzelt fühlt, 
in einen haltlosen abgründigen Taumel wirft. Das Bedürfnis des Haltes 
sträubt sich gegen das Gewahrwerden des Abgrundes ; wenn er sich aber 
öffnet, so gilt es den Sprung ins Metaphysische zu wagen, der wiederum 
nicht weiter begründet werden kann als durch Verantwortung aus der 
Freiheit der persönlichen Entscheidung. Schon das Sehen der Grenzen 
setzt demnach irgendwie wenigstens die Bereitschaft zu jenem tief ver- 
antwortenden Sprung voraus. Wenn aber einer den Sprung faktisch tat, 
ohne darum überhaupt zu wissen, ohne Ahnung seiner Gefährlichkeit, 
ohne Selbsteingeständnis und Bewußtsein des Wagnisses und der Verant- 
wortung, lediglich darum, weil er ihm Ruhe und Halt bietet, dann ist es 
doppelt schwer, das Geschehene «hinter» dem in der Folge darauf Auf- 
gebauten klar herauszulösen. Man macht immer wieder die — übrigens 
sehr verständliche — Erfahrung, daß Forscher, die mit erstaunlicher 
Treffsicherheit und kaum irrendem Spürsinn die heimlichen Gründe und 
Hintergründe des Erkenntniswillens anderer erhellen, mit nicht minder 
erstaunlicher Blindheit sich über die analogen Bedingungen ihres eige- 
nen Suchens und Wollens gründlich täuschen, zumal wenn sie in einer 
Gemeinschaft Gleichgesinnter leben. Freud ist ein Beispiel dafür; man 
könnte z. B. auch an Marx denken. 

Wir gehen so vor, daß wir psychologisch analysierend die Rechts- 
gründe der wenigen grundlegenden Erkenntnisse Freuds, die er 
ausdrücklich erst in späterer Zeit formulierte, bis auf ihre Ursprungs- 
situation verfolgen, um so gleichsam die Abbruchstellen zum Metaphysi- 
schen spürbar zu machen. Wir unterziehen also n i c h t die Rechtsgründe 
einer sachlichen, kritischen Prüfung, was einer Herausstellung des 
wissenschaftlich gültigen Wahrheitsgehaltes der psa. Erkenntnisse gleich- 
käme — die Aufgabe dieses Sammelbandes. Wir diskutieren fernerhin 
nicht die wissenschafts-, speziell erkenntnistheoretischen (und in diesem 
Sinne «metaphysischen») Voraussetzungen der Psa. — und schließlich 
überlassen wir eine genauer begründete, eingehendere Darstellung des 
möglichen Beitrages, den die Freudschen Einsichten zu einer umfassenden 
philosophischen Anthropologie liefern könnten, der Abhandlung Schelers. 
Für unser Bemühen war uns Jaspers' «Psychologie der Weltanschauun- 
gen» 4 ) das Vorbild. 

Dabei tritt einerseits gegenständlich das sonst von wissenschaftlichen 
Erkenntnissen überlagerte Bild der psa. Weltanschauung, genauer: der 
psa. Metaphysik des Menschen hervor, andererseits versuchen wir zugleich 
die seelischen Anlässe und Impulse bei der Bildung jener Metaphysik 
aufzudecken (und zwar mehr als idealtypische Konstruktion, nicht als 
reale Analyse Freuds oder gar seiner Schüler, deren Psychologie sehr viel 

56 



. 



einfacher sein dürfte). Beides sind gänzlich verschiedene Dinge; letzteres 
ist selbst ein psychologisches Erkennen, das freilich darüber hinaus zur 
Explikation eines niemals eigentlich erfaßbaren Existenziellen und Meta- 
physischen dient, für das und in welchem man sich entweder entscheidet 
oder es ablehnt. Was es letztlich sei, ist nicht zu sagen. 

Klages hat schon vor langer Zeit gesehen, daß die wesentliche Trieb- 
feder psychologischen Erkennens — versteht sich : eines Erkennens, das 
sich auf die ganze Persönlichkeit richtet, nicht auf abgelöste seelische 
Phänomene — die Enttäuschung ist; und so begreift man gut, wie 
einerseits der Wille zu helfen, leidende Menschen zu heilen, andererseits 
die Nötigung — als Voraussetzung der Heilungsmöglichkeit — ihres 
psychologischen Durchschauens, von Anbeginn den Forscher und Arzt in 
eine im eigentlichen Sinne unlösbare Konfliktspannung zweier Motiv- 
gruppen stößt. Fast proportional dem Erkenntniszuwachs gräbt sich die 
Enttäuschung tiefer, denn was vordem, was in der «gläubigen» Haltung Er- 
kenntnis schien, entpuppt sich als Täuschung des liebenden Blickes. Wahr- 
haft helfen aber kann man nur dem, den man noch irgendwie achtet — 
alles übrige ist Gebärde. Dieser Zwiespalt durchzieht das ganze Werk 
Freuds; Michaelis hat recht glücklich und scharfsinnig den Nachweis 
erbracht, daß das Übersehen der «inneren Idealität» des Menschen durch 
Freud, genauer: die Verdrängung ihrer durch das überwuchernde Trieb- 
hafte, Animalische, wie es seine Lehre behauptet, auf das Leiden Freuds 
zurückgeht. Es rechtfertigt sich wohl von selbst, die beiden Ausgangs- 
situationen: die Enttäuschung und das Helfen etwas eingehender zu 
analysieren. 

Wenngleich wahrscheinlich im individuellen Leben irgendeine primi- 
tive Form der Enttäuschung sehr früh einsetzt — vermutungsweise etwa 
in der gestörten Lust des gestillten Kindes — so hat damit jene, auf die 
wir abzielen, selbstverständlich nur noch wenig zu tun. Es handelt sich 
hier in Wahrheit oft genau genommen nicht um das im Wortlaut Aus- 
gedrückte : nicht um die Aufhebung einer Täuschung, sondern mehr noch 
um das Sehen der Kehrseite des in der «Täuschung» Erfaßten. Das 
Rätselhafte, Geheimnisvolle, Undurchschaubare am Menschen wird vom 
liebenden Blick als überreiche Wertfülle gesehen, seine Fragwürdigkeit 
ins Positive des Unendlichen, Tiefen gewendet. Mit dem Einbruch der 
Enttäuschung wandelt sich dies zunächst nicht unbedingt ins Gegenteil, 
sondern es tritt weiterexistierend an die Seite des neu entdeckten Wert- 
widrigen, Unechten, Bösen, Negativ-Fragwürdigen. Das Bild des Men- 
schen wird so, wenn die beiden Erkenntnisprozesse tief gehen und nicht 
vorzeitig schematisch erstarren, zum Kampfplatz ewiger unlösbarer Anti- 
nomien von Haß und Liebe, Wert und Unwert, Gläubigkeit und Ver- 
zweiflung, von Schuld und Erlösung, Schönheit und Häßlichkeit, Frei- 
heit und Unfreiheit, Wahrhaftigkeit und Verlogenheit usw. 

Der Ursprungsort der Enttäuschung, ihre bewegende Kraft liegt 
primär nicht in der Haltung des reinen Erkennens, sondern im Hasse, der 

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die Antwort ist auf die Verzweiflung in der liebenden, bejahenden Hin- 
gabe. Diese wird zuerst enttäuscht im emotionalen und zuletzt existenzi- 
ellen Sinne, indem sie der tiefen Treulosigkeit des Menschen und ihrer 
eigenen Einsamkeit verzweifelt inne wird und jede Gläubigkeit verliert. 
Demzufolge droht die Enttäuschung des Erkennenden ständig umzu- 
schlagen in gänzliche Verzweiflung, das heißt aber für ihn : daß er ruhlos 
zu kämpfen hat gegen die naheliegende Selbstzerstörung und gegen die 
Flucht in blindes verantwortungsloses Vorübergehen am Menschen. 

Was sich im Blick auf ihn als existenzielle Verzweiflung enthüllt — 
wovon die Enttäuschung das abgleitende Phänomen in das psychologisch 
Faßbare verkörpert — hat zum vorgängigen Stadium, vom späteren Er- 
kennen her gesehen, die Entfremdung des Menschen vor 
sichselbst. Das existenzielle Verstehen seiner selbst, das das Mensch- 
sein impliziert, nicht im gegenständlichen Sinne freilich, sondern als 
gegenständlich verborgenes Sich-selbst-offenbar-wenlen — wovon andere 
Weisen das Schweigen, das Lieben, der Haß, der Kampf, der freie Tod 
sind — wird in der Selbstentfremdung erschüttert. Er sieht dann in äußer- 
ster Verwunderung und mit extremem Staunen gleichsam mit «neuen 
Augen» auf sich zurück: und hier entscheidet es sich, ob er in die Ver- 
zweiflung gestoßen wird, aus der in der Folge die Existenzverneinung, 
der Haß, die Enttäuschung entspringen, oder ob er sich bejahend für den 
Menschen entscheidet, dessen Möglichkeit ihm als Freiheit offensteht, in 
der Folge in «Glaube», Lieben, Opfern usw. ausdifferenziert. 

Freud nun hat faktisch wenigstens zeitweise allen «Glauben» ver- 
loren ; aber er hat sich durch den einzigen möglichen Ausweg vor der Ver- 
zweiflung bewahrt : er hat sich durch Objektivierung seiner verzweifelten 
Erkenntnis in einer Metaphysik des verzweifelten Menschen Halt ge- 
schaffen. Freilich nicht jenes absolut Verzweifelten, wie ihn gelegentlich 
schwer Melancholische oder akut Schizophrene darstellen, deren Quelle 
der Verzweiflung nicht in der Fremderkenntnis ihren Ausgangspunkt 
nimmt. Die Enttäuschung als solche zwar wirkt keinen Halt, so wenig 
wie ihre Steigerung in vollendeten Nihilismus; aber sie befreit und speist 
jene Vernichtungsimpulse zu phantastischem Ausmaß, hält sich so über 
der Selbstauflösung: sie befreit den Haß gegen das Enttäuschungsobjekt, 
sie nimmt Rache an ihm. Und da dem Hasse die faktische Daseinszer- 
störung nicht gelingt, so verneint er wenigstens radikal den Wertgchalt, 
er leugnet das Bild des liebenden Blickes um zur unechten, auf gespielten 
Maske. 

Hier einige Sätze, die Freud zu einer Metaphysik verabsolutiert : «Ich 
glaube nicht an einen solchen inneren .Trieb zur Vervollkommnung' und 
sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schützen. Die bisherige 
Entwicklung des Menschen scheint mir keiner andern Erklärung zu be- 
dürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl von mensch- 
lichen Individuen als rastlosen Drang zur weiteren Vervollkommnung 
beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung ver- 



58 



stehen, auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut 
ist» ; das tiefste Wesen des Menschen seien elementare, allen zukommende 
Triebregungen, «der Kern unseres Wesens besteht aus unfaßbaren, un- 
hemmbaren Wünschen», die primärste ursprünglichste Gefühlsbindung 
seien Haßregungen, die spekulative Konzeption von Todes- oder Destruk- 
tionstrieben, die Schopenhauersche Wendung : «das Ziel alles Lebens ist 
der Tod» und ähnliches : dergleichen Sätze können schlechterdings, auch 
wenn sie tatsächlich Punkt für Punkt restlos das Schwarze treffen sollten, 
nur aus einem endlosen Haß, nur aus einer tief enttäuschten Verachtung 
entsprungen sein. Gesetzt, das tiefste Wesen des Menschen bestände in 
niemals zu sättigender Lust am Vernichten, in hypertropher sexueller 
Triebhaftigkeit — ich meine, es könnte schwerlich ein «reines Erkenntnis- 
vermögen» sein, das jahrtausendealte Gläubigkeit mit ein paar Griffen als 
Illusionen entlarvt. Wenn alles Erkennen — sonderlich das psychologische 
— trieb -und affektbedingt ist, wofür uns ja Freud von neuem die Augen 
geöffnet, sollte das psa. davon eine Ausnahme machen? 

Todestriebe sind eigentlich existenzunmöglich — Freud selbst hat 
gelegentlich ausgesprochen, daß das «Unbewußte» kein Negatives, 
keinen Tod kenne ; wenn ein Trieb ein dem belebten Organischen inne- 
wohnender Drang zur Wiederholung eines früheren Zustandes ist, so 
muß offenbar der frühere Zustand dem Trieb irgendwie «gegeben» sein 
(natürlich nicht bewußt) ; es müßte also die Existenz des Todes, die wir 
lediglich als leere Negation des Lebens denken, aber nie anschaulich 
vorstellen können (allerdings als Möglichkeit des Seins zum Ende existen- 
ziell «wissen»), dem Todestrieb als Ziel vorschweben, das heißt ein Zu- 
stand, der alles Lebendige als das diesem schlechthin Unfaßbare, Fremde 
immanent transzendiert : eine unlösbare Antinomie, die freilich nicht aus 
Gründen der Denkunmöglichkeit nicht existiert, die aber zur Erklärung 
der von Freud gemeinten Beobachtungen durch sehr viel einleuchtendere, 
wahrscheinlichere Annahmen ersetzt werden kann (z. B. durch das Altera 
der Triebe), was genauer auszuführen hier nicht der Ort ist. Abgesehen 
also von der Hinfälligkeit der postulierten Todestriebe, müssen wir zu- 
geben, daß Freud mit den zitierten Sätzen schwer erträgliche Wahrheiten 
festgelegt hat, Wahrheiten, die, wie wir meinen, zwar das Wesen des 
Menschen unausweichbar treffen, aber nicht sein ganzes Wesen. Er 
wußte es immer — man vergleiche den ausführlichen Nachweis bei Micha- 
elis — jedoch mußte sich die andere, wenn es erlaubt, «ideale» Seite eine 
entscheidende Gewichtsau fhebung gefallen lassen; wir verfolgen ihren 
Ursprung, bevor die eigentliche «negative» Metaphysik der Psa. breiter 
ausgeführt und ihre seelischen Befriedigungs- und Stützungsmoghch- 
keiten dargelegt werden sollen. 

Eine allseitige, prinzipiell endgültige Herausarbeitung der philosophi- 
schen Problematik ärztlichen Helfens liegt nicht in unserer Absicht; es 
seien lediglich einige wenige Punkte herausgegriffen. Streichen wir die 
Befriedigungsaussichten finanzieller, machtpolitischer, erotischer und 

59 



anderer Art, die die therapeutische Situation gewährt, als hier irrelevant 
ab, so dürfte als in ihr wesentlich wirkender Impuls zurückbleiben der 
eigentliche Wunsch des Helfens im engen Sinne, das heißt im einfachsten 
Falle: Prozesse, Veränderungen usw. im Patienten zu verursachen, die 
sein vitales Leiden an seinem Leibe lindern oder völlig aufheben. Warum 
wir dies tun, läßt sich restlos rational weder einsehen noch begründen; 
es ist ein Appell an unser Wertgefühl — wir könnten, wenn es auf die 
Vernunft ankäme, ebenso gut blind und unberührt vorübergehen. Denkt 
man sich nun die Situation über schwere chirurgische Eingriffe, bei denen 
das lernbare Wissen und Können neben den unvorhersehbaren Zufällen 
des Glückes eine wichtige Rolle spielt, gesteigert bis zu jener extremen 
Höhe, in der ein analytischer Psychiater von hohem Niveau den Einbruch 
einer schleichenden, aber grauenhaft bewußt gewordenen Schizophrenie 
erträglicher machen will, wo buchstäblich Existenz auf Existenz kämp- 
fend und bis zur Zersetzung sich gegenseitig in Frage stellend aufein- 
ander prallt, wo letzten metaphysischen Verankerungen eine Entwur- 
zelung droht und es nicht nur um das nackte vitale Leben geht, wo schließ- 
lich jedes Mißlingen irgendwie ungewollt und entgegen aller rationalen 
Einsichten als Schuld auf einen zurückfällt — diese zugespitzte Grenz- 
situation (Jaspers) des Arztes mag faktisch nie realisiert werden : die in 
ihr wirksamen Kräfte sind tatsächlich zum mindesten in jeder verant- 
wortungsvollen Psychotherapie mehr oder minder stark tätig. Es erhellt 
daraus, daß letzten Endes alles Helfen eine Art «Erlösung» ist, das trotz 
aller berechtigten Fragwürdigkeit des Menschen auf einem nicht näher 
zu bezeichnenden «Glauben» an ihn ruht. Inhaltlich geht der Glaube auf 
das Geheimnis, das hinter dem durchschauenden Erkennen aufblitzt, ohne 
je von ihm erreicht zu werden; es wird im analytisch-therapeutischen 
Durchleuchtungsprozeß offenbar in jenem plötzlichen Schweigen, das 
weder entlarvt wie gemeinhin noch einen heimlichen Triumph ausdrückt 
und den andern erschlägt, spielerisch nimmt, das vielmehr allen Macht- 
gelüsten des Wissens eine Grenze setzt. Auch das Helfen kommt damit 
an sein Ende, es muß sich abwartend auf das «Geheimnis» verlassen und 
verfällt in unausweichliche Schuld, wenn die Heilung nicht gelingt 5 ). 

Demnach verkörpert die Einstellung des Helfenden lediglich eine 
differenzierte abgeleitete Sonderform einer grundsätzlichen Bejahung der 
Existenz des Menschen aus dem Zentrum der eigenen Existenz heraus ; es 
gibt der Sonderformen noch mehr : z. B. der echte tiefe Kampf, das Lieben, 
die Verehrung, die Selbstopferung usw. Eine Strecke weit lassen sie sich 
freilich psychologisch analysieren, aber man kommt damit nicht an den 
Kern; die psychologische Zergliederung ist nur Mittel, um das nicht 
gegenständlich Formulierbare spürbar zu machen. Das Wesentliche daran, 
das, worauf es ankommt, ist nicht die seelische Motivation ; wer darauf 
das Gewicht legt — wozu der Psychologe immer neigt — verwechselt es 
mit dem Medium seiner Realisation, übersieht das Entscheidende, als 
welches das Wagnis der Freiheit ist — sie liegt jenseits der Möglichkeit 



60 



psychischer Determination. Kampf, Liebe, Selbstopferung, Helfen: sie 
alle sind in der lebendigen Situation mehr oder minder durch ihren 
gemeinsamen Mutterboden der Existenz wirksam; aber sie selber sind 
noch nicht Erkenntnis, so wenig wie der Haß und die Enttäuschung, sie 
weisen ihr lediglich die Richtung. Das ist mit ein Grund, warum sie den 
psychologisch Eingestellten immer wieder zur Meinung verführen, er 
hätte mit der Entwirrung der psychischen Geschehens fäden das Ganze 
erfaßt. Genau so liegt der Fall bei der entgegengesetzten Entscheidung, 
der prinzipiellen Existenzverneinung des Menschen, deren abgeleitete 
Formen die Enttäuschung, der Haß, die Verachtung sind. Jene wird außer 
in einigen Psychosen nie ins Absolute gesteigert, kann es aus durch- 
sichtigen Gründen nicht werden, weshalb seit jeher die Gefahr bestand, 
daß sie ins Spielerische, Unernste abgleitet. Dies wird vermieden ent- 
weder durch Verschiebung des Schwerpunktes von der Existenzvernei- 
nung auf die durch sie richtungsbestimmte Erkenntnis — wie bei Freud — 
oder sie wird zum antinomischen Spannungspol der Existenzbejahung — 
wie bei Nietzsche und Kierkegaard. Logisch bleibt dieser Fall immer ein 
unauflöslicher Widerspruch (als Aufhebung des Satzes davon), faktisch 
aber spielt sich in ihm das intensivste Leben ab. 

Wir meinen gezeigt zu haben, daß die Erkenntnis Freuds von der 
Existenzverneinung als Impuls (der objektiviert zur Metaphysik wird) ge- 
speist wurde ; trotzdem läßt sich bei ihm die Einstellung des Helfers in 
einigen «Bekenntnissen» nachweisen — die freilich am Ende doch wieder 
in erstaunlicher Wendung umgebogen werden. Früher hat er einmal ge- 
schrieben, er möchte «doch den Schrei nach jenen Veränderungen in 
unserer Kultur verstärken helfen, in denen wir allein das Heil für die 
Nachkommenschaft erblicken können», er hat ein Ich-Ideal postuliert und 
gemeint, daß wir nicht nur viel amoralischer seien als wir wüßten, sondern 
auch viel moralischer. Wie immer man dieses «Andere» benennen möge, 
ob das «Hohe», «Geistige», «Ideale», «Göttliche», «Religiöse», «Gute» 
usw- _ für Freud bleibt entscheidend, daß es gegenüber dem Triebhaften 
ein prinzipiell Abgeleitetes, nicht gleich Ursprüngliches, aus jenem Her- 
vorgehendes ist. Spontan sind ihm allein die Triebe, alles übrige reaktiv 
entstanden. Zärtlichkeit, Liebe, Verehrung verkörpern ihm «zielgehemmte» 
sexuelle Begehren, das heißt an sich «grobsinnliche» Strebungen, denen 
lediglich ihre adäquate Erfüllung im Orgasmus versagt wird — zwischen 
der «Liebe» eines Bullen oder eines Idioten oder eines romantischen Men- 
schen besteht im Grundsätzlichen kein Unterschied. Die kulturellen 
Schöpfungen lassen sich restlos als Triebverdrängungen verstehen, die 
ursprünglich allein durch Umweltbedingungen, genauer: durch die von 
der Umwelt gesetzte unmittelbare Triebbefriedigungsunmöglichkeit, ent- 
stehen ; allerdings bleibt ein der Analyse picht durchschaubarer Rest — 
nach dem ausdrücklichen Zugeständnis Freuds in seiner Selbstbiographie 
— als individuelle Begabung übrig, die aus jener Triebverdrängung spezi- 
fische Werke schöpft : daß dieser Rest aber das Wesentliche sei, welches 

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aus dem Triebhaften niemals ableitbar ist, wird kaum geahnt. Güte, Auf- 
opferungsfähigkeit usw. setzen sieh zusammen erstens aus den schon ge- 
nannten zielgehemmten, sublimierten (umgewandelten) Sexualwünschen, 
zweitens aus Eitelkeit, analytisch formuliert: aus der Befriedigung der 
auf das eigene Ich (narzißtisch) gerichteten libidinösen Triebe, und 
schließlich drittens aus den Regungen des Ichideals, d. h. aus jenen Ten- 
denzen, die, ursprünglich durch in sich in Form von Identifikationen mit 
den früh besetzten Triebobjekten (Eltern, Pflegepersonen) aufgenommene 
Außenweltsfaktoren als Konstituierung einer neuen inneren Instanz ent- 
standen, im Namen der Todestriebe in Gestalt des Gewissens, der Schuld- 
gefühle, der Vernichtungsimpulse gegen die eigenen erotischen Triebe 
wüten. (Das Ich, sei hier eingeschaltet, entsteht nach Freud aus dem <:Es», 
d. h. dem Triebreservoir, und zwar durch den direkten Einfluß der Außen- 
welt — auch des eigenen Körpers — unter Vermittlung von Wahrneh- 
mungen; es ist ein abgesonderter Esteil, der die im eigentlichen Es ver- 
bliebenen Triebregungen auf ihre Realitätsfähigkeit hin prüft, den Zu- 
gang zur Motilität regelt usw.). Es ist nicht so, daß Güte, Aufopferungs- 
fähigkeit nur Zuschüsse aus den angeführten Strebungen erhalten, in sich 
aber etwas Ursprüngliches, im Kern Unableitbares bildeten, das irgendwie 
von sexuellen Begehrungen fundiert würde — sie setzen sich restlos 
daraus zusammen. Auch das Überich oder Ichideal, in welches das «Hö- 
here», «Moralische» im Menschen verlegt (und nicht geleugnet) wird, 
entsteht schlechthin reaktiv aus reinem Triebhaften, aus dem libidinösen 
Es — wiederum ist es nicht so, wie man glauben könnte, daß das Ichideal 
sich anläßlich des überragenden Einflusses erster Triebbesetzungen in der 
Kindheit nur gestalte, also lediglich die spezifische Gestaltung sekundär, 
reaktiv, triebabhängig, das «Material» der Gestaltungen dagegen gleich 
ursprünglich wäre. 

Es bleibt demnach entscheidend die Annahme der einzigen «Ursub- 
stanz» des Menschen : das reine vitale Triebhafte, grundsätzlich nicht 
verschieden von dem der Tiere. Freilich verfiel Freud nun nicht einem 
Monismus, er hat aber sehr charakteristisch die dualistische Spannung ent- 
gegen der geschichtlich überkommenen Metaphysik, die von radikal ent- 
gegengesetzten, substanziell differenzierten Urkräften spricht («Gött- 
liches» und «Tierisches», «Gutes» und «Böses», «Apollinisches» und 
«Dionysisches», «Geist» und «Trieb», «Geist» und «Seele»), in die Trieb- 
sphäre selbst verlegt. Darauf kommen wir nochmals zurück. 

Die Psa. hat wiederholt mit Recht gegen Angriffe (im Grunde weltan- 
schaulicher Art), die ihr die Herleitung des Wertvollen (Kunst, Wissen- 
schaft, Religion) aus dem Wertwidrigen, Animalischen vorwarfen, geltend 
gemacht, daß ihr als empirischer Wissenschaft Wertungen gleichgültig 
sein müßten. Wir sagen mit Recht, sofern sie sich auf ihren Wissen- 
schaftscharakter beruft. Entweder lassen sich die einschlägigen Behaup- 
tungen mehr oder minder zwingend beweisen, oder sie sind falsch : das 
allein wissenschaftlich relevante Problem ; jedes Hineintragen von Wer- 

62 



tungen, von enttäuschten, verletzten Sehnsüchten, zerstörten Gläubig- 
keiten wird zur Sentimentalität, die am Pathos der echten Wissenschaft 
Verrat übt. Anders nun liegt es im Falle der vorwissenschaftlichen, meta- 
physischen Entscheidung, die Freud faktisch fällte — denn Aussagen über 
das Wesen des Menschen lassen sich empirisch nur wahrscheinlich machen, 
nie erweisen, zumal noch jene Freuds, die neben einer jahrtausendalten 
Überlieferung auch das schlichte Phänomen gegen sich haben, was wich- 
tiger ist. Wenn man meint, dergleichen metaphysische Entscheidungen 
seien jemals wertindifferent, so gibt man sich, abgesehen davon, daß das 
Wesen der Entscheidung verfälscht, resp. übersehen wird, einer szien- 
tifisch bedingten naiven Selbsttäuschung hin. Die ursprüngliche Existenz- 
bejahung und -Verneinung, die der Freiheit entspringt und psychologisch 
niemals restlos durchschaubar ist — andernfalls wäre sie abgeleitet, unecht, 
spielerisch — setzt unausweichlich mit den positiven Wert, resp. den Un- 
wert des Menschen. Nicht einen bestimmten Wert oder eine bestimmte 
Wertwidrigkeit — der Wertreichtum differenziert sich erst später — 
sondern die Bejahung des existenziellen, über das bloß vitale Leben hin- 
ausreichende Sein trifft den ursprünglichsten Wert des Menschen, die Ver- 
neinung seinen Unwert schlechthin. Kein noch so geschicktes Reden über 
«Voraussetzungslosigkeit», «Moralphilisterei» usw. vermag die Tatsache 
umzuleugnen, daß die Bejahung des dem Tier und dem Menschen gemein- 
samen Triebhaften als Letztes, Entscheidendes, Wesentliches in bezug 
auf diesen einer Verneinung seiner spezifischen Exi- 
stenzweise, also seines Wertes gleichkommt — was schließlich auch 
gegen Nietzsche und Klages gilt, die freilich die grauenhafte Zer- 
störungswollust des Geistes und die wachsende Entseelung des abendlän- 
dischen Menschen mit tiefer Wahrheit warnend als Schicksal herein- 
brechen sahen 6 ). 

Zwar gibt es eine satanische Bejahung des Wertwidrigen, des Bösen, 
der Schuld, der Vernichtung, weil es wertwidrig, bös, schuldhaft ist — sie 
bahnt der Auswirkung des Dämonischen den Weg, wenn sie zudem noch 
aus Angst vor dem Wertvollen, dem Guten, dem Schöpferischen ge- 
schieht, aus einer Angst, die am Ende der sich selbst zerstörenden Über- 
fülle jenes Wertvollen entstammt. Und ebenso gibt es eine satanische 
und dämonische Verneinung des Wertvollen, der Existenz des Menschen. 
Vielleicht daß beide bei F r e u d eine Rolle gespielt — es läßt sich kaum 

nachweisen. 

Keinem Zweifel unterliegt dagegen das Faktum, daß in der psa. 
Forschung jene Haltung des Helfenden als einer abgeleiteten Son- 
derform der metaphysischen Existenzbejahung nur gleichsam als leiser 
Abglanz wirkte. Teilweise mag das bedingt sein durch die heutige Zeit, 
die — nur als e i n Symptom einer endlosen Verflachung und Verarmung 
menschlicher Beziehungen — den Beruf eines Menschen statt von einer 
wahrhaftigen Berufung von ökonomischen Zufälligkeiten abhängen läßt, 
derzufolge die wenigsten Ärzte noch ein Bewußtsein haben von dem, um 

63 



was es in der therapeutischen, zumal nervenärztlichen Situation geht, 
geschweige daß sie aus jenem Wissen heraus handeln. Ich sage, teilweise 
mag die Schwäche der Existenzbejahung bei Freud daraus herleitbar 
sein — der entscheidende Grund ist nie zu erkennen, wahrscheinlich, weil 
es keinen «Grund» außer der Freiheit gibt. Es versteht sich für den von 
selbst, der das Wagnis, die grenzenlose Verantwortung, die drohende Ge- 
fährlichkeit metaphysischer Entscheidungen kennt, es versteht sich von 
selbst, daß dem Sich-Entscheidenden niemals ein Vorwurf gemacht wer- 
den kann und darf, daß er bejahend oder verneinend entschied. Es wäre 
reinste, jeden Sinnes bare Ahnungslosigkeit, wollte man esFrcud ver- 
übeln, daß er letzten Endes den Wert des Menschen negiert hat ; nur wenn 
er die Wertverneinung als empirisch gefordert, als wissenschaftlich be- 
weisbar ausgeben möchte, dann würden wir uns wehren müssen. Einerseits 
gegen die Treulosigkeit am Pathos wissenschaftlichen Forschcns, anderer- 
seits gegen den Verrat am Wagnis und an der Verantwortung metaphy- 
sischer Entscheidung. Wir meinen auch, daß es eine verräterische, sentt- 
mental-spielende Herabsetzung der Großartigkeit und Wucht Freudschen 
Forschens sei, wenn man es wie P f i s t e r etwa zugunsten einer im übri- 
gen sicher echten Menschenfreundlichkeit und Einigungssehnsucht um- 
deuten will zu einer Erlösungsbestrebung. Gewiß : Freud hat die Not des 
modernen Menschen wie nur wenige in ihrer Tiefe gesehen, er hat sie lin- 
dern wollen, es entsprangen daraus auch einige Einsichten — aber die 
Enttäuschung, die Verachtung, der verzweifelte Haß gegen das Bild des 
Menschen, der sein Geheimnis nicht ertragen konnte und schließlich ehr- 
furchtslos wurde, war unendlich viel stärker ; ihm verdanken wir gerade 
die bleibenden Erkenntnisse. Dieser Haß hat an einer starren metaphysi- 
schen Konzeption des Menschen, von der das Forschen ausging und 
zurückkehrte, seinen Halt gefunden; wäre das Erkennen Prozeß ge- 
blieben, ewige ruhlose Bewegung, hätte es — mit Jaspers zu reden — 
den Halt im Unendlichen gesucht : es wäre sich selbst zerstörend einer 
gänzlichen Verzweiflung anheimgefallen. 

Fassen wir jene Metaphysik, die übrigens erstaunlich einfach ist, 
nochmals in wenigen kurzen, zugespitzten, deshalb krassen Sätzen zu- 
sammen : das innerste, tiefste Wesen des Menschen, seine eigentliche Sub- 
stanz, die sich von der des Tieres in nichts unterscheidet, bilden nie zu sät- 
tigende Triebe, die in endloser Wiederholung nach der einmal erlebten 
Lust verlangen. Die einen wollen immer und überall nur den Orgasmus als 
den zeugenden Höhepunkt des rein vitalen Lebens — «ewige Wollust» — 
gleichgültig an wem und für wen, alles zerstörend, was keine Lust ge- 
währt; die andern richten sich gegen diese Lebenstriebe (Eros), im Ster- 
ben die letzte höchste Lust der Vernichtung suchend: das Ziel und der 
Sinn des Lebens der Tod. Daneben gibt es wohl sekundäre, abgeleitete, 
eigentlich aus der Not jener Triebe entstandene Geschehen: Schuld- 
gefühle, Gewissen, Moral, Güte, denen zumal für das soziale Leben eine 
bestimmte Wichtigkeit zukommt — im Grunde aber sind es Störungen, Fa- 



64 



talitäten, die besser nicht wären. So etwa sieht das Bild des Menschen aus 
— mag sein, daß es unsagbar öde und leer und ohne Tiefe ist : es ändert 
nichts an seinem Sein. 

Wir haben zwar früher bemerkt, daß dieses nicht sein ganzes Bild sein 
könne — aber das eine wie das andere bleibt ein Glaube. Jedenfalls ist uns 
die Fragwürdigkeit des Menschen durch Freud erneut eindrücklich ge- 
worden, und es geht nicht mehr an, sich darüber in täuschenden, seligen 
Gläubigkeiten zu wiegen. Vielleicht ist es so, daß jeder Mensch sein Leben 
lang nur nach der Vereinigung mit dem Leibe seiner Eltern sucht, um sie 
zugleich zu töten ; vielleicht ist dieses die «einzige und letzte Liebe» — alle 
andern nur Abklatsch des Unerreichbaren, ewig Ersehnten. Vielleicht will 
jeder muttermordend an den Ursprung seiner Entstehung zurückkehren, 
so daß sein Leben ein einziger Rachezug gegen seine Geburt verkörpert 
(wie Rank ungefähr meint), vielleicht will jeder Mann die Genitalien aller 
Frauen und jede Frau die aller Männer für sich besitzen — nur die Geni- 
talien, gleichgültig, wer der Träger sei — : wenn es schon undenkbar 
grauenhaft klingt, was verschlägt es gegen die Tatsächlichkeit? Wir 
müssen es wohl noch ertragen lernen, denn vielleicht ist es n u r so, oder 
es ist a u c h so — wir haben hier nicht zu entscheiden. 

G r ü n b a u m hat den Versuch gemacht, alle monistischen Welt- 
anschauungen als ursprünglich auf dem Beherrschungsimpuls ruhend 
nachzuweisen, während die dualistischen dagegen der Grundhaltung des 
Liebens entsprungen wären. Der Gedanke läßt sich allgemein und streng 
wohl kaum durchführen, schon weil alles Erkennen irgendwie ein Be- 
herrschen einschließt. In der psa. Weltanschauung — die übrigens deshalb 
zu einer gewissen umfassenden Abgeschlossenheit gelangen konnte, weil 
faktisch ausnahmslos alles menschliche Schaffen (demnach alle Kultur und 
Zivilisation) und Erkennen von Trieben mitbedingt wird; was freilich 
etwas anderes ist, als den Triebanteil zum Wesentlichen und Ganzen zu 
verabsolutieren — spielte das Machtverlangen weniger in der Erkenntnis- 
gewinnung denn als gemeinschaftsbildender Faktor eine wichtige Rolle. 
Es ist möglich, daß auf Freud persönlich eine Machttriebspsychologie bes- 
ser zutrifft als die von ihm geschaffene ; jedenfalls dürfte es einigermaßen 
stimmen — wenn wir uns den Grünbaumschen Darlegungen teilweise an- 
schließen wollen — daß der in der Psychoanalyse nie aufgegebene Dualis- 
mus zwar nicht auf Liebe, sondern Haß zurück geht. Freilich scheint uns 
Freuds Dualismus zwischen Lebens- (Eros, Sexualität) und Todestrieben, 
wie bereits bemerkt, verfehlt. Wir verstehen gut, wie Freud — da er den 
Zugang zum Geiste infolge jener ursprünglichen Entscheidung sich grund- 
sätzlich verbaute — durch die Einsicht in die Unmöglichkeit einer moni- 
stischen Geschehenserklärung zu der Konstruktion von Todestrieben ge- 
drängt wurde; auf die Weise ließ sich seine «negativ-liebende», d. h. eben 
hassende Einstellung am ehesten befriedigen. Es folgen daraus für den 
Anhänger der psa. Weltanschauung noch weitere emotionale Erfüllungs- 

5 Prinzhorn, Psa. ^5 



aussichten, in seelischen Stützbedürfnissen verankerte Konsequenzen, auf 
die wir zurückkommen. 

Vorher aber verfolgen wir einige spezielle objektivierte Gestaltungen 
der analytischen Metaphysik, die da und dort in der — wenn es erlaubt 
ist — esoterischen Literatur zerstreut sich finden, ohne in der Grundhal- 
tung Prinzipielles zu ändern. Während Freud selbst im sog. Leib-Seele- 
Problem wohl dahin tendiert — gemäß dem wissenschaftlichen «Mate- 
rialismus» des vergangenen Jahrhunderts — für die seelischen Vorgänge 
letztlich doch die körperlichen Korrelate, etwa den innersekretorischen 
Chemismus der Triebe verantwortlich zu machen, d. h. in den physiolo- 
gischen Prozessen das Primäre, Ursprüngliche zu sehen, vertritt Alexan- 
der (neben Stegmann und teilweise Schilder) die entgegengesetzte Mei- 
nung, indem er — die intuitive vorwissenschaftliche Wahrheit der 
Psychogenese des Körpers, wie sie z. B. die biblische Schöpfungsge- 
schichte erzählt, rehabilitierend — die Einsicht : daß jede Körperfunktion 
wie der ganze anatomische Aufbau einen psychologischen Sinn besitze, 
ja eigentlich das Resultat ehemaliger psychischer Tendenzen sei, als das 
Wesentlichste der ganzen psa. Lehre erklärt (Prinzip der Körperwer- 
dung der Psyche oder Umsetzung dynamischer psychischer Energie in to- 
nische, automatisierte). Entsprechend der eigenartigen spiritualistischen 
Wendung erblickt derselbe Autor den teleologischen Grund für die Ent- 
wicklung der Psychoanalyse im bewußten Schaffen einer neuen Funktion 
im abendländischen Kulturmenschen : nämlich die anachronistische Wir- 
kungsweise des Überichs (das in seiner starren automatischen Funktions- 
art nur einige infolge frühester Realitätsbewältigung zu körperlichen Re- 
flexen gewordene Triebansprüche zu regeln vermag) auf die realitätsbe- 
wältigende Funktion des Ichs zu übertragen, d. h. ein Stück Körper wieder 
Seele werden zu lassen. — Weniger einen inhaltlich besonderen Zug in 
der analytischen Weltanschauung als eine von ihr — vermeintlich oder 
faktisch — erfüllte Anforderung begreift die freilich etwas primitive und 
leicht zu befriedigende Meinung Ranks : die Analyse habe das Rätsel der 
Menschheitsentwicklung gelöst, indem sie den Verdrängungsvorgang ent- 
deckte, der die Urambivalenz des Psychischen — einerseits die Abhaltung 
von der Urlusterinnerung im Mutterleibe durch die Geburtsangst, anderer- 
seits das Vergessen des schmerzlichen Geburtstraumas durch Erinnerung 
an das vorhergegangene Lusterlebnis — verschleierte. Wie er nun Kunst, 
Religion, Wissenschaft usw. als reaktive Bewältigungsversuche des Ge- 
burtstraumas verstehen will, demgemäß jene Kulturwerke im tiefsten Un- 
bewußten zuletzt nichts anderes als Ausdrucksformen der Sehnsucht, in 
den Mutterleib zurückzukehren, seien, welche Rückkehr übrigens teilweise 
im Geschlechtsakte und im Schlafe gefeiert werde, wie schließlich Ferenczi 
noch tiefer dringt und meint, der Koitus sei ein partielles Zurücksinken ins 
Meer (das in Gestalt des Fruchtwassers gleichsam in den Leib der Mutter 
introjiziert worden ist), die Geburt sei die «ontogenetische Parallele der 
phylogenetischen See-Eintrocknung, jener Katastrophe, anläßlich der sich 



66 



unsere fischartigen Vorfahren an das Landleben anpassen mußten, wobei 
konsequenterweise die Mutterleibsexistenz der höheren Säugetiere ledig- 
lich eine Wiederholung der Existenzform der Fischzeit verkörpere — der- 
gleichen phantastisch-spielerische Spekulationen veranschaulichen, auch 
wenn sie keinen Erkenntnisgewinn abwerfen, eindrücklich den weitaus- 
holenden Impuls psa. Metaphysik : zum mindesten die gesamte Mensch- 
heitsentwicklung läßt sich so auf die Macht des Sexualtriebes zurück- 
führen. 

Freud selbst hat vorher Halt gemacht, indem er bekanntlich die Kul- 
tur- und Zivilisationsentwicklung als Reaktion auf die Tötung des Ur- 
vaters durch dessen Söhne, d. h. als Überwindungsversuch der Ödipus- 
situation auffaßte. Reik malte diese Dinge etwas reicher aus: die Er- 
mordung des Urvaters setzte ein präexistentes Schuldgefühl, das sich als 
Strafbedürfnis gegen seinen Träger richtete und sich in Kunst, Recht, 
Sitte, Religion als soziales Geständnis unbewußt entäußerte. Die Ana- 
lyse dagegen ist kulturgeschichtlich das erste bewußte Geständnis der 
Gesellschaft, das die triebhaften Grundlagen des Einzelnen und der Ge- 
meinschaft einer psychologischen Untersuchung unterwirft. Die Psa. 
habe mit wissenschaftlichen Methoden die Aufgabe vollbracht, die 
die Dämonenabwehr in der animistischen und die Beichte in der reli- 
giösen Kulturentwicklung vergebens versuchte. «Das soziale Geständnis 
der Analyse hat eine Kulturmission, die dahin geht, daß die Menschheit 
die Wahrheit zu sehen sich getraut», nicht auf moralische Gründe sich be- 
rufend, sondern auf die «psychotherapeutische Wirkung der Wahrheit». 

Schließlich sagt Kolnai, an das Wort Freuds anknüpfend, wonach seine 

Wissenschaft neben der Kopernikus' und Darwins der menschlichen Eitel- 
keit die dritte schwerste Kränkung beigebracht : Freud «hat das Zerstö- 
rungswerk an unseren fortschrittshemmenden Selbsttäuschungen zu einem 
einstweiligen Abschluß gebracht». 

Wer bisher noch gezweifelt haben möchte am weltanschaulichen 
Charakter der psa. Wissenschaft, den haben die angeführten «Be- 
kenntnisse» von Anhängern wohl endgültig davon überzeugt. Es 
gibt keine «echte» Wissenschaft — d. h. eine solche, die sich ihrer Gren- 
zen bewußt ist — die ein auch nur ähnliches Pathos der Überschwenglich- 
keit und der Berufung, eine Menschheitsmission zu erfüllen, gewährte. 
Dergleichen Glücksbewußtsein hörte man bislang nur aus den Rufen pro- 
phetischer Geister — eine leise Ahnung eschatologischer Erwartungen 
weht einen an. Und ist dies denn so verwunderlich? Hat man nicht das 
Wissen um das Geheimnis in Händen ? Weiß man nicht endgültig um das, 
was der Mensch sei? Weiß man nicht eine klare Antwort auf die bange 
Frage, was das Tausendjährige, das Himmel-Reich sei? — Man weiß 
zwar im einzelnen noch wenig vom Menschen, aber man kennt sein 
Geheimnis,, man weiß unwiderruflich was er ist: ein im Leben unstill- 
bares ruheloses Verlangen nach der Lust am zuckend sterbenden Leibe 
des anderen, der hinhalten muß an Stelle der Mutter, die das erlösende 

5* 6 7 




Himmelreich birgt und selbst zurücksinkt zu der Urmutter: der 

Erde. 

Wir haben absichtlich die psa. Fachausdrücke in die geläu- 
figere mythisch-religiöse Sprache übersetzt, nur übersetzt, nicht um- 
gedeutet. Was schließlich die großen Religionsgründcr und Methaphy- 
siker in Symbolen andeuteten, die nie ganz durchschaubar sind und deren 
Wesentliches im Dunkel verborgen bleibt, als Geheimnis seine Macht ent- 
faltend und deshalb ewige Frage, darauf hat Freud in Wahrheit eine be- 
grenzte, abgeschlossene, endliche Antwort gegeben. 

Formal ist es richtig, daß die Psa. keine metaphysischen Aus- 
künfte erteilt — die große Anstrengung Fenichcls, dies, vielmehr die 
Unmöglichkeit der Metaphysik überhaupt und die Bezichungslosigkeit der 
Analyse zu ihr zu beweisen, kommt reichlich spät, sofern sie sich auf eine 
veraltete Kantinterpretation stützt — aber faktisch sind die Aussagen 
Freuds über das «tiefste Wesen des Menschen» metaphysische, auch wenn 
sie vermeintlich auf empirische Befunde gestützt werden. Man wird sich 
verwundert haben, daß in unsern bisherigen Darstellungen das sog. «Unbe- 
wußte» kaum Erwähnung fand, obwohl sich doch vermutlich gerade daran 
metaphysische Ansprüche klammern dürften. In der Tat war es die drin- 
gendste Sorge Fenichels, das Unbewußte Freuds gegen Tendenzen (übri- 
gens aus der engen Schule), es mit dem metaphysischen Ding an sich zu 
identifizieren, in Schutz zu nehmen — offenbar aus Angst, jenes könnte so 
seiner Empirie entkleidet und deshalb der Wissenschaftscharakter der 
Analyse geleugnet werden. Es ist hier nicht der Ort, die Verfehltheit 
des Gegensatzes: empirische-metaphysische Realität nachzuweisen ; 
jedenfalls wird sich nachgerade die von idealistischen und rationalistischen 
Vorurteilen befreite Erkenntnistheorie darin einig, daß Erkenntnis — 
auch das Bewußtsein von seelischem, primär nicht bewußtem Geschehen — ■ 
nur möglich ist an vorher Unerkanntem, an vorher unerkannt Existieren- 
dem, dessen Erkanntwerden zufällig geschieht und an seinem Dasein 
nichts ändert, daß es also für sich, an sich, vom Erkennen unabhängig 
existiert. Doch davon sei abgesehen und ebenso von der Frage, ob das Ding 
an sich jeweils inhaltlich bei allen Objekten identisch dasselbe sei — wie 
etwa Schopenhauers «Wille» — oder ob nur das Sein von seienden Din- 
gen im Sinne von Dasein oder Vorhandensein das gleiche ist. 

Freud hat einmal gemeint, vielleicht hänge jedes Individuum an einer 
Stelle seines Unbewußten gleichsam mit einer Nabelschnur mit dem Reiche 
des «Wesenhaften», des «Ansichseienden» zusammen. Den Fall gesetzt, 
man fasse das Unbewußte nicht seinem Wortsinne nach — es wäre so 
nur ein Unerkanntes, das durch das rein negative Merkmal des Nichter- 
kannt-(bewußt-)seins charakterisiert wird, wie etwa das Nichtgesehene, 
Nichtgehörte, nur daß sich bei jenem das Nichtkennen auf Seelisches be- 
zieht — sondern was es inhaltlich (auch nicht als «System») bedeutet, so 
besteht es zweifellos aus Triebregungen. Und da solche das tiefste Wesen 
des Menschen wie der Tiere ausmachen, so ist es lediglich eine Frage der 

68 



selbsttäuschenden Inkonsequenz, wenn man sich gegen seine Identifika- 
tion mit Schopenhauers «Wille» sträubt. Freilich hat sich Freud nie dar- 
über geplagt, was denn das eigentliche ontische Sein der Triebe sei — so- 
wenig wie Schopenhauer, der den Willen unbesehen zur wahren seienden 
Substanz, zum Ding an sich verabsolutierte. Der Unterschied besteht nur 
darin, daß letzterer bewußt eine metaphysische Antwort geben wollte, 
während jener in seiner positiv- wissenschaftlichen Forschung darin grün- 
det, vielleicht ohne es wahr haben zu wollen. Doch legen wir auf die 
Übereinstimmung Freuds mit Schopenhauer kein großes Gewicht. 

Wir wenden zurück zur psychologischen Erhellung der analytischen 
Metaphysik, uns fragend, was die ausgiebige Verwendung des Unbewuß- 
ten motiviert haben könnte, da doch offenbar sein positiver Gehalt — die 
Triebe — bekannt war. Wir meinen, es sei die Wiederkehr der magischen 
Wirkung des Wortes gewesen : einerseits verbarg es das Geheimnisvolle, 
das «Dämonische», das Chaotische, Unberechenbare, Unerkannte, um das 
man andererseits doch wußte, es sich aber offenbar seiner inhaltlichen Ba- 
nalität willen nicht eingestehen wollte. Drastisch hat Schultz-Hencke auf- 
gezählt, was es wolle : «Andern alles wegessen, andre anbeißen, auffressen, 
andern nichts geben, nicht arbeiten, Kot essen, damit spielen, urinieren 
und überhaupt handeln, wann und wo und wie es will ; was in seiner Zu- 
sammensetzung nicht gefällt, zerlegen; was an einem Ganzen Freude 
macht, abreißen und mitnehmen ; alles sehen, ganz egal, ob es dem andern 
paßt oder nicht; sich genital befriedigen, wann und wo und wem gegen- 
über es eine Regung spürt; befriedigt davonlaufen, wenn es mit dem 
Munde oder mit dem Genitale satt ist. Und dann hat es oft fürchterliche 
Angstgefühle. Das ist alles !» — man begreift, daß man darüber einen 
Schleier breiten mußte, um von der «Tiefe» des Menschen etwas zu retten ; 
aber es änderte nichts, wenn das Unbewußte nun zum Es umgetauft wurde 
es blieb eine Fratze. Damit wird selbstverständlich seine terminolo- 
gisch bequeme und berechtigte Verwendung als Zusammenfassung trieb- 
haftcr Geschehen nicht berührt ; lediglich auf das Negative des Begriffes 
sollte hingewiesen werden, welches dann freilich jene schrankenlose Er- 
klärungsmöglichkeit in die Hand gab, die zweifellos durch eine positiv be- 
grenzte Fassung erheblich verringert worden wäre. 

Ähnlich mag die Wirkung des Libidobegriffes gewesen sein ; er be- 
zeichnet das Dynamische, Energetische der sexuellen Triebe, deren eigent- 
liches Sein als «psychophysische Grenzbegriffe» wie gesagt nicht näher 
bestimmt wurde, was übrigens auch nicht Aufgabe der Psa. war. 
Allein jene konsequent durchgeführte eigentümliche «Reduktion» aller 
kulturellen Werke auf ihren «Libidogehalt», handle es sich um Ver- 
drängung, Sublimierung oder sonst welcher Ausdrucksform der Libido, 
und die Verschiebung des Schwerpunktes darauf als ihr eigentlich «Wirk- 
liches» hätte doch eine genauere ontologische Bestimmung wünschens- 
wert gemacht. Wir meinen, daß man auch hier der Magie des Wortes er- 
lag, das trotz aller Definitionen einen unbekannten Rest, von dem nie- 

69 



mand weiß, wie wichtig er sei, durch endloses Wiederholen auf die Länge 
zum Verschwinden brachte: die Sicherheit des Erkennens wurde abso- 
lut und unerschütterlich. 

Doch sind damit lediglich relativ nebensächliche Befriedigungsmög- 
lichkeiten des Erkenntnisbedürfnisses gegeben, mit denen verglichen jener 
Halt, der durch den zentralen metaphysischen Satz Freuds: das tiefste 
Wesen des Menschen bestehe aus Triebhaftem, gesetzt wird, ein unerhör- 
tes Ausmaß gewinnt. Darin gründet auch die Idee der Möglichkeit z. B. 
der Sublimierungslehre ; man muß den heimlichen Klang hinter der — 
sachlich richtigen — Beteuerung heraushören: «daß Hohes und Niedriges 
aus gemeinsamem Boden herausgewachsen» (Hartmann). Wenn es auch 
tatsächlich so sein möchte — woran wir nicht zweifeln, und zwar deshalb : 
weil der «gemeinsame Boden» an sich weder Werthöhe noch Wertniedrig- 
keit bedingt, weshalb «Hohes» gar nicht aus «Niedrigem» sich entwickeln 
kann, sondern alle Werte sind als Werte trotz gegenseitiger Fundicrungs- 
verhältnisse gleich ursprünglich, gleich unablcitbar — so ist die Meinung, 
Werthöheres aus Wertniedrigem zu «erklären», nur zu verstehen als Aus- 
druck einer prinzipiellen Wertnegation des spezifisch Menschlichen. Da- 
mit geht einher eine radikale Nivellierung des Menschen, die sich darin 
genügt, das «Gemeinsame» eines Idioten und eines Leonardo nachzuwei- 
sen ; gewiß gibt es auch dieses Gemeinsame, ein anderes aber ist es, dies 
als Nebensächlichkeit festzustellen — nebensächlich nicht vom Biologi- 
schen her gesehen, sondern vom Geistigen ■ — ein anderes, darauf das Ge- 
wicht als Entscheidendes zu legen. Ich meine, die «angewandten Arbeiten» 
der Schüler Freuds an Kunstwerken, Religionen, Philosophien usw. reden 
eine deutliche, wenngleich verborgene Sprache ; zum letztenmal sei wie- 
derholt : sie treffen im Prinzip Richtiges, sie ändern nichts am ästhetischen 
oder religiösen Wert. Aber wenn man die Herausarbeitung der stets glei- 
chen Motive derart wichtig nimmt, um damit Archive anzufüllen, so ist 
das Symptom der Rache : seht, die ihr als große Männer, als Helden und 
Dichter auf den Schild hebt — sie sind von derselben Erbärmlichkeit wie 
wir auch. 

Aus dem Triebhaften sind Phänomene wie Verantwortung, Schuld, 
Freiheit nie zu begreifen; trotzdem müssen sie irgendwie abgeleitet, se- 
kundär, eigentlich unwesentlich sein — wenn sie überhaupt mehr sind als 
nur Täuschungen. Freud hat zum mindesten das Wirklichsein der Schuld- 
gefühle nachgewiesen, und zwar als entstanden aus der ödipussituation, 
resp. nach der Tötung des Urvaters. Psychologisch ist es wohl richtig: 
in der ambivalenten Stellung des Kindes zu den Eltern manifestieren sich 
jzuerst Schuldgefühle, sekundäre Produkte des Triebkonfliktes. Allein da- 
mit wird nicht der Ursprung des Schuklphänomens aufgezeigt, ledig- 
lich seine erste Manifestation, die zu ihrer Möglichkeit das existenzielle 
Sein der Schuld voraussetzt. Ebenso verhält es sich mit der Verantwor- 
tung und der Freiheit. Psychologisch mag die Freiheit eine Täuschung 
sein — sie selbst zu leugnen ist psychologistischc Selbsttäuschung. Natür- 



70 



lieh sind Freiheit, Schuld, Verantwortung in seelischen Motiven deter- 
miniert ; allein es kommt darauf wesentlich nicht an — es kommt auf den 
Sprung an, der in ihnen geschieht, sofern sie echt sind. Trotz aller De- 
terminierung und Gebundenheit sich aus der Freiheit zu entscheiden, die 
Schuld in der Verantwortung auf sich zu nehmen — obwohl man sich 
ihrer erleichternd verschließen, sie in Selbstvergessenheit und fatalisti- 
scher Stimmung fliehen könnte. 

Das Gemeinte läßt sich z. B. auch am Phänomen der Angst erweisen. 
Freud hat früher geglaubt, sie sei umgewandelte Libido, dies nun aber un- 
längst zurückgenommen und übrigens auch die Theorie Ranks über die 
An^stentwicldung im wesentlichen abgelehnt. Er ließ das Problem offen, 
als einstweilen unlösbar. Die Wahrheit aber ist, daß es sich psycholo- 
gisch niemals restlos lösen läßt ; eine Strecke weit kann es in der Analyse 
aufgedeckt, auf die Art in seinen sekundären Gestaltungen (Phobien usw.) 
zerlegt, weganalysiert werden; aber die Angst selbst ist so wenig jemals 
durch die psychologische Analyse in ein Nichts zu verwandeln wie Schuld, 
Freiheit, Verantwortung. Denn Angst sowohl wie die letzteren Phäno- 
mene sind existenzielle Seinsweisen des Daseins selbst. Angst «ist» das 
«Vorahnen» des Daseins seines existenziellen endgültigen Unterganges 
im Tode, nicht Angst «vor» dem Tode, sondern Angst vor der grenzen- 
losen Einsamkeit und Leere des Daseins zum Tode, woraus sich die Frei- 
heit zur Existenz entwindet. Schuld «ist» der Freiheit Innewerden ihrer 
Grenzen zum Dasein als Existenz, Verantwortung des Sich-einsetzen der 
Freiheit für das existenzielle Sein gegen das Sterben als sichere Möglich- 
keit — gewiß alles nur fragwürdige Hinweise auf ein nie gegenständlich 
sich Offenbarendes, auf welches man stößt, wenn die Grenzen des psycho- 
logischen Durchsichtigmachens durchbrochen werden. 

Es gibt eine Selbstaufgabe des Lebens etwa als maßlos gesteigertes 
Sensationsbedürfnis oder in pathologischer Impulsivität, die zufällig und 
ohne Wagnis geschieht ; sie läßt sich restlos psychologisch motivieren, ab- 
gesehen von den immer bestehenden Schranken. Das Sterben des Empe- 
dokles aber oder Brunos ist, wiewohl natürlich ebenfalls seelisch wirk- 
same Motive von der Art der vorigen nachweisbar sein werden, letzten 
Endes nur zu begreifen als wagender Sprung aus der Freiheit der Existenz 
in den Tod ; sie hätten ebenso gut sich das Leben erhalten können durch 
Flucht oder sonstwie ; daß sie es nicht taten, dies eben ist das psychologisch 
gänzlich Rätselhafte, das, worin alles wissenschaftliche Verstehen an 
seine Grenzen gelangt — von Jaspers Grenzsituation genannt. 

Unsere Aufgabe kann es hier nicht sein, über eine beiläufige Andeu- 
tung hinaus die existenziellen Seinsweisen gegen die gleichnamigen psy- 
chologisch zugänglichen Phänomene eingehend zu differenzieren. Wir 
stellen nur fest, daß Freud in seinen Analysen den übrigbleibenden Rest 
gestrichen hat, obwohl ihm wenigstens im Faktum der Angst ihr existen- 
zieller Gehalt begegnete. Die — psychologisch freilich berechtigte — 
Leugnung der Freiheit, die psychologistische Verkennung der Schuld, 

71 



der Angst usw. als existenzielles Problem liegt in der konsequenten Rich- 
tung jener früher aufgewiesenen Verneinung des Menschen, die selbst 
in ihrer eigentlichen Bedeutung so wenig erfaßt wurde wie die drohende 
Verzweiflung, vor der sie rettete. Durch die Relativierung der Grenz- 
situationen — wie wir kurz sagen können — in psychologisch auflösbare 
Geschehen ist ihnen ihr existenzielles, entscheidendes Gewicht genommen 
worden ; man hat sich damit ungewollt um sie herum gedrückt, sich ihrer 
Gefährlichkeit, ihres Wagnisses, ihres Ernstes spielerisch entledigt, man 
hat sie zu Libidokonflikten reduziert — im Namen der Wahrheit. 

Auch das Dämonische wurde faktisch ins Harmlose, Spielerische 
umgedeutet. Was es eigentlich sei, läßt sich nur annäherungsweise um- 
kreisen und von ähnlichen Phänomenen, dem Satanischen, Grauenhaften 
usw. abgrenzen, nie endgültig formulieren. Das Tier, das reine Natur- 
hafte existiert niemals als solches dämonisch, obwohl das Dämonische 
von ihm herkommt, insofern, als das sich aus innerem Drang zerspren- 
gende Triebhafte von ihm selbst vor sich selbst in die Angst gestoßen 
wird. Man könnte deshalb glauben — und Freud hat es geglaubt — das 
hemmungslose, keine Grenzen kennende Triebhafte sei schon das Dämo- 
nische, sonderlich noch, wenn es letztlich auf Selbstzerstörung geht in Form 
des Wiederholungszwanges. Das Phänomen zeigt aber ein anderes : wo 
uns ein Naturding — worunter alles außer des Menschen verstanden sein 
soll — als dämonisches begegnet, liegt das Dämonische nicht in ihm, son- 
dern darin, daß ein «Etwas» in uns durch jenes überwältigt wird. Das 
sich zersprengende Triebhafte stößt sich wohl in die Angst vor seinem 
eigenen Sein, das eigentliche Sich-Ängstigende, das, welches überwältigt 
wird vom Triebe, ist aber ein gleichursprüngliches Nicht-Triebhaftes — 
Geist, wenn man will. Das Dämonische — das nur im Menschen wirkt und 
nur sein Schicksal entscheidet — greift demnach nicht mit derselben Ur- 
sprünglichkeit wie existenzielle Schuld, Freiheit, Angst ein— es scheint als 
gründe es in diesen. Man kann wohl sagen, es verneine die Freiheit aus 
Freiheit, es wolle die Schuld des Daseins durch Steigerung jener ins Un- 
endliche aufheben und zugleich durch grenzenlose Güte in Schuld ver- 
fallen — damit wird irgendwie etwas Richtiges getroffen. Aber wenn 
man es auf diese und ähnliche Weise endgültig und abgegrenzt zu fixieren 
meint, so hat man es faktisch entdämonisiert. Bei Freud — der übri- 
gens nur die primitivste Form als Dämonie des Triebhaften sah — setzt 
die tatsächliche Entdämonisierung bereits in seiner grundlegenden meta- 
physischen Idee des Menschen ein : wo das antinomische Gegengewicht 
zum Triebe fehlt oder als Sekundäres von diesem abgeleitet wird, fehlt 
auch die Verwirklichungsmöglichkeit des echten Dämonischen. 

So enthüllt sich dem eindringlicheren Blick in die psychoanalytische 
Anthropologie stets von neuem das merkwürdige Faktum : daß der tiefe 
Forschungsimpuls Freuds das, was er zutage förderte, im Grunde nicht 
ernst nahm, insofern er die Verantwortung dafür von sich warf, auf 
wissenschaftlich Beweisbares abschob. Der Mensch ist ein «schmerzliches 



72 



Gelächter», am Ende wert, daß man mit ihm in toternster Miene spiele 
und so seinen Größenwahn — in Gestalt von Freiheit, Verantwortung, 
Schuldverfallenheit usw. — streichelt ; er ist ein müder, von sich selbst 
entzückter Possenreißer, ein durch Versagung der Trieberfüllung er- 
kranktes Tier — darauf kommt es letztlich hinaus, auch wenn weder 
Freud noch seine Schüler es wahr haben wollen. Wendet man Schelers 
Typologie der in der bisherigen Geschichte aufgetretenen Grundideen 
vom Menschen darauf an, so fällt das psychoanalytische Bild jenes frag- 
würdigen «Homo sapiens» weniger unter die naturalistisch-positivi- 
stische» Auffassung als «homo faber», wie Scheler meint, sondern viel- 
mehr unter die «panromantische» — in extremster Steigerung und ohne 
jegliche «Romantik», grauenhafter noch als sie bisher je (von Klages, Fro- 
benius, Spengler, Dacque u. a. ; man vergleiche dazu allerdings die ange- 
deutete wichtige Scheidung Klages' von diesen Forschern wie von Freud in 
der Anmerkung 8 ) ) vertreten wurde. Wenn er noch die «Krankheit» des 
Lebens wäre, so bedürfte er wenigstens der Sorge ; aber er ist es nicht ; 
denn der Geist— ein gänzlich zufälliges, umweltbedingtes Unvermögen der 
Triebbefriedigung — der sich als Todkrankheit des Lebens ausgibt: er 
lügt sich dieses sein Unvermögen, seine Nichtigkeit um zum Leiden, zum 
heroischen Kranksein, aus grenzenloser Hybris. Er will sich noch als 
Leiden ernst nehmen, weil er sich ängstigt, ins eigene Nichts zu fallen; 
er will sich nicht begnügen, das zu sein, was er einzig und allein ist: ein 
kriechender Wurm auf Erden, der es sich hochanrechnet, daß er nicht 
einmal mehr restlos seine Triebe befriedigen kann. 

Das einzige, was ihm schließlich noch bleiben könnte — obgleich auch 
dies vielleicht nur Hochmut ist — wäre : sich selbst offenbar zu werden ; 
d. h. der sog. Geist sollte sich eingestehen, daß er nur und nichts anderes 
ais gehemmter Trieb sei. Der Mensch sollte die Wahrheit seines Daseins 
sehen und ertragen lernen. 

Wird man sich auch gegen die extrem zugespitzte psychoanalytische 
Metaphysik sträuben — die sich nichts destoweniger zwingend aus der 
Grundentscheidung ergibt — so kann man doch schwerlich die über- 
ragende Rolle, die das Bekenntnis zur Wahrheit in ihr spielt, übersehen. 
Es hat etwas Rätselhaftes mit der Wahrheit auf sich ; die merkwürdige 
Macht, die in ihr verborgen weilt, ihr Zauber, der Tausende in einen be- 
sinnungslosen Taumel zwingt, ihr Licht, von dem geblendet Tausende in 
einen verzückten Rausch geraten — woran mag es liegen ? Man kann nicht 
sagen, warum die Wahrheit wertvoll sei, warum man um sie wissen soll 
— vielleicht ist sie eine der heimtückischsten Ideologien? Versuchen wir 
zu differenzieren. 

Es gibt eine Wahrheit des Daseins, die man selber ist, für die man 
sich grundlos entscheidet, im Sprung aus der selbstvergessenen Verloren- 
heit des bloßen Dahinlebens in das Wagnis der Freiheit und der Verant- 
wortung — wir sind anfangs schon auf sie gestoßen. Diese Wahrheit, der 
Metaphysik und Religion entspringen, kann wissenschaftlich gesehen 

73 



I 



durchaus Unwahrheit und Lüge sein, um so mehr, als ihre Explikation 
sich nur in logischen Widersprüchen und Tautologien zu bewegen ver- 
mag ; man kann nie unmittelbar von ihr reden, nur in Symbolen hinweisen. 
Sie ist die selbstgewisse Selbstoffenbarung der Existenz, für die man das 
einzige, einmalige Leben einsetzt. Sie ist nicht selbstvergessene Verloren- 
heit ins Leben, aber um sich selbst wissende Verlorenheit in die Einsam- 
keit zum Tode — Glaube, wenn man will. Für jeden nur Zuschauenden 
lächerliches Schauspiel ; wer selber den Sprung nie wagte, wird nie ahnen, 
um was es geht und keiner kann ihn dem andern abnehmen. Man kann 
vorausgehen — das ist alles. Es bleibt eine täuschende Sehnsucht des 
Opfernden, durch die Selbsthingabe jemals den andern von der Schuld 
und dem Tode «erlösen» zu können. 

Freud hat faktisch den Sprung getan, freilich ohne darum zu wissen, 
den Sprung aus der hassenden Verzweiflung am Menschen in die ver- 
zweifelte Wahrheit : daß der Mensch nur Trieb sei. Aber auch um diese 
Wahrheit hat er sich unbesehen «gedrückt», er hat ihre Last abgeschüttelt 
dadurch, daß er sie zur wissenschaftlich beweisbaren Wahrheit umbog. 
Man erinnert sich der zitierten Worte Reiks ; in ihnen klingt deutlich das 
Pathos existenzieller, metaphysischer Wahrheit durch, das Bewußtsein 
einer Mission, eingetaucht in eschatologische Stimmung — aber ohne Ein- 
satz der eigenen Existenz, ohne Verantwortung: denn jene Wahrheit lasse 
sich ja wissenschaftlich zwingend zur Einsicht bringen, man braucht des- 
halb nichts zu wagen. Und jetzt begreift man wohl die «Wahrheitsorgie», 
den «Wahrheitssadismus» (Seidel), die unendliche Lust am Entzaubern: 
man tut es aus tiefster Überzeugung mit dem einzigartigen Pathos des un- 
erschrockenen Helden — in Wahrheit aber geht es um ein Spiel ohne Wag- 
nis, ohne Gefahr, ohne Verantwortung, ja ohne jeden Einsatz. 

Noch immer wissen wir nicht, warum man die Wahrheit wissen soll, 
welchen Wert sie habe, wohl aber, warum man im Falle der psychoanaly- 
tischen Wissenschaft faktisch darum zu wissen verlangt. Gewiß spielte 
außerdem die Zeitlage, d. h. die langdauernde künstliche Blindheit gegen- 
über der sexuellen Triebhaftigkeit eine gewisse Rolle als Reaktion auf die 
darin beschlossene Verlogenheit des 19. Jahrhunderts, auf welch geistes- 
geschichtliche Voraussetzungen Prinzhorn näher eingehen wird. Allein 
dies erklärt nicht die tiefe Befriedigung, die offenbar das psychoanaly- 
tische Forschen gewährte. Vielleicht liegt es vermutungsweise in folgen- 
dem : die Wahrheit des Menschen zu wissen, ohne sie aus der Entschei- 
dung der Freiheit zu sein, die wissenschaftlich beweisbare Wahrheit also 
muß solange partikulär und deshalb unsicher bleiben, solange das Dasein 
des Menschen nicht erfüllt, ans Ende gekommen ist. Der wissenschaft- 
liche Mensch aber, der keine existenzielle Entscheidung fällt, ihr aus- 
weicht, und trotzdem die Unsicherheit nicht erträgt, trotzdem die Wahr- 
heit des ganzen Menschen endgültig wissen will, der muß zwangsläufig 
das Ende, den Tod «wollen». Seine Wahrheit läuft gleichsam dem Leben 
voraus, um vom fingierten Tode her es ganz zu übersehen. Das Sich- 



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selbst-offenbar-werden des Menschen findet erst im Sterben seinen Ab- 
schluß. Das Vorwegnehmen der Selbstoffenbarung — als Täuschung — 
d. h. der endgültigen Wahrheit kommt deshalb einer Vorwegnahme des 
Todes gleich. Und so mag es schon so sein, daß die Wahrheit tötet, daß 
Bewußtsein zum Verhängnis wird (Seidel) ; wir mögen ahnen, warum die 
großen Religionsstifter auf die Frage, was die Wahrheit sei, keine Ant- 
wort gaben — es sei denn: selbst die Wahrheit zu sein ). 

Doch ist dies nur ein kümmerlicher Versuch, das Rätselhafte zu fas- 
sen ; eines aber scheint uns gewiß : eine Umkehr, eine Flucht vor der 
Wahrheit — wie immer sie sein möge — gibt es für uns nicht mehr; wir 
müssen den Weg zu Ende gehen, ohne Wissen, wohin er führt. 

Damit ist denn auch unsere Stellungnahme zu Freud angedeutet, die 
wir noch etwas genauer zu umschreiben versuchen, soweit dies nicht schon 
unausgesprochen im Vorhergehenden zur Genüge geschah. Seine wissen- 
schaftlichen Forschungsergebnisse halten wir, von der Verabsolutierung 
zum Ganzen abgesehen, für weitgehend richtig. Als methaphysische Idee 
des Menschen hat in ihr jener Entzauberungsprozeß (Max Weber), der 
wesentlich bei Schopenhauer einsetzt und über Kierkegaard und Nietzsche 
zu Klages führte, einstweilen seinen Höhepunkt erreicht. Sofern er die 
Fragwürdigkeit dessen, was der Mensch eigentlich sei, erneut und mit 
guten Gründen aufwarf, soweit müssen wir auch seine Metaphysik aner- 
kennen. Dagegen versagen wir die Nachfolge der Antwort, die er gab, so- 
fern sie den ganzen Menschen treffen soll — ein lediglich sich selbst frag- 
würdig vorkommendes «Triebbündel», in Wahrheit einer Frage nicht 
würdig. Es gibt keine zwingenden Gründe, die es rechtfertigen, an Freuds 
Idee des Menschen zu «glauben» oder nicht zu glauben — es gibt nur die 
einzige einsame Entscheidung aus der Existenz, um deren Verantwortung 
und Wagnis man sich drücken will, wenn man dem endlosen Gerede dar- 
über verfällt 10 ). 



i) Wir brauchen die Begriffe Weltanschauung, Metaphysik und Existenz in 
folgender Bedeutung: Weltanschauung umschließt eine Auswahl von Tatsächlich- 
keiten — die als summenhafte Zusammensetzung mit hypothetischer Abrundung 
zum Ganzen als «Weltbild» die gesamte Gegenständlichkeit aller Wissenschaften 
begreift — unter dem Gesichtspunkte triebhafter, willensmäßiger und emotionaler 
Einstellung in einem Griffe als echtes Ganzes erfaßt, das als solches für Schicksal 
und Lebensgestaltung entscheidend ist. Sie ist in der Unendlichkeit der Idee ge- 
schlossen, obwohl niemals als Totalität vollkommen gegenständlich; sie laßt den 
Menschen nicht gleichgültig — wie etwa das Weltbild im obigen Sinne — , er lew 
in ihr. Metaphysik nun bildet den zentralen «Teil» der Weltanschauung, also ohne 
scharf von ihr geschieden zu sein, Antworten auf die Frage nach dem eigentlichen 
Sein der Phänomene und ihrem Sinn umfassend. Davon ist als weiterer tunda- 
mentaler Begriff der der «Existenz» zu trennen, am meisten gefördert von Kierke- 
gaard und Jaspers, neuerdings von Heidegger, dessen bedeutende Arbeit «Sein und 
Zeit» leider für unsern Versuch nur noch in Einzelheiten berücksichtigt werden 

75 



konnte. In der Existenz, die als solche nie gegenständlich, nur mittelbar hinweisend 
in psychologischen Analysen, die stets zum Mißverstehen verführen, sichtbar ge- 
macht werden kann, liegt der Ursprungsort weltanschaulich-metaphysischer Ent- 
scheidungen, die grundlos aus ihrer Freiheit heraus als Wagnis gefällt werden, in 
einsamer Einzigkeit. Metaphysische Entscheidungen sind also objektivierte existen- 
zielle Entscheidungen; jene gewähren einen Halt, der im Sprung letzterer fehlt. 
Wir scheiden im folgenden die Begriffe nicht scharf, weil sie faktisch in einer ob- 
jektivierten Weltanschauung ineinander «gestoßen» sind. 

2 ) In der historisch gegebenen Lage verwirklicht sich dieser Fall zumeist so, 
daß ein nur teilweise gültiges Prinzip aus metaphysischem Impuls zum allein rich- 
tigen verabsolutiert wird — ein kleines Beispiel dafür bietet Adlers «Individual- 
psychologie». Hier werden bestimmte ethische Postulate von begrenzter Gültig- 
keit — etwa daß die Bewältigung der Gemeinschaftsaufgaben (Beruf, Ehe usw.) das 
Höchste sei — schlechtweg als die einzigen und allein möglichen und wirklichen, ja 
als «absolute Wahrheit» hingestellt, ohne deren Voraussetzung die ganze Neurosen- 
psychologic zusammenfällt, wie wir das a. a. O. eingehend zeigen. Übrigens hat Ad- 
ler seine Lehre in den letzten Jahren bewußt als Weltanschauung proklamiert, die 
freilich von einer schwer zu überbietenden Dürftigkeit und Flachheit ist. 

3 ) Neben Hartmanns «Grundlagen» (Thieme, Leipzig 1927) kommt als die 
beste Darstellung die «Einführung in die Psychoanalyse» von H. Schultz-Hencke 
(Fischer, Jena 1927) in Betracht, die sich im Gegensatz zu den wissenschaftstheore- 
tischen Ausführungen Hartmanns die Veranschaulichung der psychoanalytischen Er- 
kenntnisse an der empirischen Materialfülle zur Aufgabe setzte — was ihr übrigens 
glänzend gelungen. In zwei kleinen Abschnitten : «Psychoanalyse und Philosophie» 
und «Psychoanalyse und Weltanschauung», S. 353 ff., berührt der Autor unser Pro- 
blem sehr klar. Die Frage, ob die Psa. eine Weltanschauung mit emotionaler Stel- 
lungnahme sei, trennt er richtig in die beiden : ob Psa. als Seinswissenschaft oder 
als therapeutische Überzeugung eine Weltanschauung verkörpere, und bejaht letz- 
tere, da u. a. der Therapeut gegen Kinderfurcht und Kindermoral Partei nehmen 
müsse. Die Psa. im ersten Sinn ist nicht Weltanschauung, sie verändert als Lehr- 
gebäude «lediglich einen Teil des Welt b i 1 d e s , ändert nichts an primären Wer- 
ten»; dagegen könne sie aber die Weltanschauung des Patienten sehr stark wan- 
deln, «nicht .wissenschaftlich', sondern durch praktisches Sehen- und Erlcbcnlasscn 
von Dingen und Zusammenhängen». Er faßt zusammen : «Die Psa als Seinswissen- 
schaft hat also nur eine auf das Weltbild bezogene weltanschauliche Bedeutung. 
Die Psa. als die Persönlichkeit verändernde Methode dagegen hat eine für den ein- 
zelnen eminente, unmittelbar weltanschauliche Wirkung.» Demnach leugnet Schultz- 
Hencke offenbar das, was wir behaupten : daß nämlich die Psa. auch als Seinswissen- 
schaft auf einer Weltanschauung spezifischen Gepräges gründe. Er sagt: «Aus 
keinem Tatbestand läßt sich ein Wert — und dieser trägt das Leben — ab- 
leiten» — was richtig ist ; aber er übersieht dabei, daß das Werten eines Tatbestandes 
dem wertindifferenten Sehen des letzteren prinzipiell immer vorausgeht. 
Lehre und Therapie lassen sich in abstracto wohl reinlich trennen, faktisch sind beide 
in ihrer Richtung bereits metaphysisch determiniert. 

*) Neben Jaspers kamen dabei vor allem Dilthey, Schcler, Spranger, Grün- 
baum u. a. in Betracht, neuerdings auch die von Rothacker herausgegebenen «Pro- 
bleme der Weltanschauungslehre» (Reichl, Darmstadt 1927) ; das genauere Zitieren 
der Schriften der obigen Autoren erübrigt sich. Da in die uns gestellte Aufgabe 
weder die Berücksichtigung der von psychoanalytischer Seite gelieferten Beiträge 
einer psychologischen Analyse metaphysischer Systeme, philosophischer 
Probleme usw. (Rank, Winterstein, Ferenczi, Kolnai, Müllcr-Braunschwcig, Hitsch- 
mann, Pfister, Fenichel, Spielrein, Rolfs, Herzberg u. a.) fällt noch die der philoso- 
phischen Grundlegung der psychoanalytischen Wissenschaft (Roffenstein, Schilder, 
Hartmann, Müller-Braunschweig), so führen wir die einschlägige Literatur nicht 

76 



an. Für das, worauf wir abzielen, scheint es einstweilen nur wenige Ansätze zu 
geben, das Beste außerhalb der «Schule»: H. Prinzhorn: Gespräch über Psycho- 
analyse und Um die Persönlichkeit (Kampmann, Heidelberg 1927) A. Seidel: 
Bewußtsein als Verhängnis, hrsg. von Prinzhorn (Cohen, Bonn 1927) ; eine An- 
merkung in Klages : Grundlagen der Charakterkunde (Barth, Leipzig 1926) ; E. Mi- 
chaelis : Die Mcnschheitsproblematik der Freudschen Psychoanalyse (ebenda) ; von 
Mittenzwey außer der schon genannten Abhandlung in: Versuche zu einer Soziologie 
des Wissens, hrsg. von Scheler (Duncker und Humblot, Leipzig und München 1924) 
auch : Geisteswissenschaften und Psychoanalyse, in : Die Dioskuren, IL Bd. (Mün- 
chen 1923) ; H. Keyserling : Wiedergeburt (Reichl, Darmstadt 1927) und schließ- 
lich für unsbesonders wichtig M. Scheler : Mensch und Geschichte («Die Neue Rund- 
schau», Nov. 1926), leider einstweilen der einzige Zugang zu Schelers angekün- 
digter '«Philosophischer Anthropologie». — Von den Schriften Freuds sind alle 
mehr oder minder zu berücksichtigen, vor allem : Jenseits des Lustprinzips. Unter 
seinen eigentlichen Schülern fallen wesentlich die folgenden in Betracht : O. Pfister : 
Zum Kampf um die Psychoanalyse, 1923 ; hier findet sich übrigens eine sehr ausführ- 
liche kritische, aber reichlich oberflächliche Darstellung jener Autoren, die sich 
früher zum Thema «Weltanschauung und Psychoanalyse» geäußert haben (wir 
zitieren diese nicht mehr) ; derselbe : Die menschlichen Einigungsbestrebungen im 
Lichte der Psychoanalyse (Von Kant bis Freud), Imago, 12. J., 1926, S. I26ff.; M. 
Stegmann: Die Psychogenese organischer Krankheiten und das Weltbild, ebenda 
S 106 ff. ; O. Fenichel : Psychoanalyse und Metaphysik, ebenda, 9. J., 1923, S. 3i8ff. ; 
F Alexander: Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges, Internat. 
Zeitschr. f. Psa. 11. J., 1925, S. 157«. ; derselbe: Einige unkritische Gedanken zu 
Ferenczis Genitaltheorie, ebenda S. 4440.; A. Kolnai: Die geistesgeschichtliche Be- 
deutung der Psychoanalyse, ebenda 9. J., 1923, S. 345 ff- ; O. Rank: Das Trauma der 
Ccburt 1924- S Ferenczi: Versuch einer Genitaltheone, 1924 und T. Reik: Ge- 
ständniszwang und Strafbedürfnis, 1925, alle Internat Psa.- Verlag, Leipzig- Wien- 

bn Daß die hier gezeichnete Einstellung des Helfenwollens mit dem psycho- 
eutischen p rop hetentum nichts zu tun hat, bedarf kaum der Erwähnung. Denn 
1 ^ res entspringt zwar, wenn es tief ist und nicht nur maskierte Machtgelüste be- 
f edigen will, ebenfalls einer existenziellen Entscheidung, die weit über das von der 
Cmeinschaf t' oder Gesellschaft Geforderte (worauf sich durchschnittlich therapeu- 
t'sches Handeln stützt) hinausragt. Aber diese achtet im Grunde der fremden 
E -istenz nicht, indem sie sich dem Andern aufdrängt und so sich selbst verrät. Das 
Heilen ist philosophisch gesehen genau so ein fragwürdiges Problem wie z. B. das 

o) Vielleicht haben freilich Nietzsche und Klages — des letzteren Begriff der 
Seele (= Leben) deckt sich übrigens nicht etwa mit Freuds Libido und ebensowenig 
sein «Geist» mit dessen Todestrieben und Überich; es scheinen lediglich partielle 
Übereinstimmungen zu bestehen — mit ihrem positiv gewerteten «Leben» doch mehr 
gemeint als das rein animalisch-vegetative Dahinleben. 

7 ) Den tiefsten Grund der Deutungsmöglichkeit der Kulturentwicklung als 
sublimierte Sexualität erblicken wir in folgendem (wofür allerdings der Beweis 
a. a. O. erbracht werden muß) : der Ursprung des Bewußtseins und folglich des spe- 
zifischen Geistes leitet sich her vom «Innewerden» des Daseins seiner Schuld (exi- 
stenzial-ontologisch, nicht «moralisch» verstanden) im Rufe der unheimlich schwei- 
genden Sorge (Heidegger) ; Bewußtsein meint ursprünglich immer Schuldbewußt- 
sein, wofür es auch zahlreiche empirische Belege gibt. Im Rufe der Sorge rutt 
«eigentlich» der Tod; er ruft darin das Dasein zu dessen sicheren, unausweich- 
lichen, unüberholbaren aber unbestimmten Möglichkeit seines ganzlichen ^u-mciite- 
werdens ; das Dasein ist sich seines Sterbens «dank» des Bewußtseins gewili. Uie 
Gewißheit des Seins zum Tode - in welchem sich Dasein faktisch, wenn auch S1 ch 

77 



e 



selbst verborgen, ständig bewegt — bedeutet die Schuld des Daseins («Dasein ist als 
solches schuldig», Heidegger), da es dem Tode als seiner gewissen Möglichkeit aus- 
geliefert ist, für die es sich nicht aus der Freiheit entscheiden kann, sondern die 
unausweichlich über es hereinbricht. Im Sterben wird das Leben sich selbst «treu- 
los», stößt sich in die schweigende unheimliche Einsamkeit des Zu-Ende-Seins. 

Auf einstweilen noch durchaus rätselhafte Weise hängt mit dieser Schuld div. 
Sexualität zusammen. Fast man die Sexualität oder besser den E r o s — da Sexuali- 
tät im modernen Sinne entseelte, vergeistigte, will sagen zweckgebundene Trieb- 
haftigkeit ist, wie Klages scharf gesehen hat — als den wesentlichen zeugenden Kern 
des «Lebens» (welches bewußtlos verfließendes «Dahinsein» in der Zeit ist, nicht 
eigentlich «stirbt», nur «auslöscht», «verendet» und nicht mit Dasein identisch 
gesetzt werden darf, welch letzteres je schon geistgekoppeltes, bewußtes, deshalb 
auch «zeitloses», «ewiges» Leben ist), so will einem der existcnzial-ontologische 
Grund der empirischen Verbindung von Sexualität und Schuldgefühlen einiger- 
maßen einleuchten : gerade dem «gesteigerten», «intensiven» Leben — als schöpfe- 
rischer, sich sprengender, wenngleich «blinder» Drang — zeigt sich im Dasein des 
Menschen seine Nichtigkeit als Uberantwortung in den Tod, dunkel enthüllt durch 
den Geist, der sich zumeist in der Flucht vor diesem seinem «Werke» hält und so 
der Verzweiflung entgeht. Kurz gesagt: weil in der erotisch-sexuellen Uberschweng- 
lichkeit das Leben sozusagen «verdichtet» ausströmt und die Spannung zum Geiste 
wächst, deshalb bricht auch leichter als Schuldverfallenheit das «daseiende Wissen» 
seines Sterbenmüssens durch (empirisch vor allem in der Pubertät sichtbar). Und 
eben darum konnte die freilich irrige Anschauung entstehen, der Geist (und seine 
objektivierten Gestaltungen in Kultur usw.) sei sublimierte, abgewandelte Sexuali- 
tät, worauf er faktisch allerdings auch ruht. 

8 ) Wenn man aus der Schelerschen Einordnung Klages' in die panromantische 
Richtung, der wir hier teilweise zustimmen, eine Nivellierung zwischen Klages und 
Frobenius, Dacque, Lessing heraushören sollte, so müßten wir selbst dergleichen 
Tendenzen freilich radikal und konzessionslos entgegentreten: es ist ein anderes 
den Wert des Geistes zu verneinen aus dem Pathos und der Teilhabe am schöpfe- 
rischen Reichtum durchseelten Lebens, außerdem verbunden mit einem großen 
Geiste — der Fall Klages — ; ein anderes, dasselbe zu tun aus kleinem Geist und 
entseeltem verarmtem Leben. Und was den Unterschied zu Freud betrifft so ist zu 
sagen: die Psa. kennt «ursprüngliche» triebhafte Vitalität lediglich in ihrer ver- 
fälschten, zweckhaften, mechanisierten — schöner gesagt : vergeistigten Gestalt der 
Sexualität ; wer zumal einen Blick wirft auf das, was sich heute als «Lebensgefühl» 
gebärdet, der müßte hervorragend kurzsichtig sein, darin auch nur einen Abglanz 
echter erotischer Rauschfähigkeit zu sehen — die Pubertätsphase ausgenommen, 
in welcher den einen oder andern noch häufiger jene Überschwenglichkeit dumpf 
überkommt. Klages' Eros ist etwas völlig anderes als Sexualität. Darin dokumen- 
tieren sich unüberbrückbare metaphysische Differenzen und solche primärer Per- 
sönlichkeitssubstanz, worüber sich nicht diskutieren läßt (die deshalb auch nicht 
wissenschaftlich ausgespielt werden). Freud ist sicher ein tiefer, aber engstirniger 
Geist, voll bohrender Impulse des Forschens, worüber wir keinen Zweifel ließen. 
So kann die Koppelung Klages' einerseits an Freud, andererseits an die von Scheler 
zitierten Panromantiker lediglich den einen Sinn haben : den gemeinsamen 
geistverneinenden Zug in der wissenschaftlichen Forschung sowohl wie 
in der «dahinter» wirkenden metaphysischen Überzeugung herauszuheben, abge- 
sehen von den übrigen entscheidenden radikalen Unterschieden nach 
Weite und Tiefe des Weltbildes. 

9 ) Wir hoffen später im Zusammenhange eines «Beitrages zur Theorie des 
psychologischen Erkennens» zeigen zu können, daß der Prozeß des psychologischen 
bewußten Erkennens als solcher einer destruktiven Auflösung des ursprünglichen 
existenziellen Verstehens, als welches nach Heidegger ein Wesensmerkmal des Da- 

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seins ist, gleichkommt. Es wird sich dabei exakt die Berechtigung eines Infrage- 
stellens des Wertes wissenschaftlichen Erkennens und wissenschaftlicher Wahr- 
heit, wie es z. B. Nietzsche in kühner Intuition tat, erweisen, indem sich die Ent- 
persönlichung und Objektivation der Wissenschaft, die ihr hohes Pathos der Sach- 
lichkeit bedingt, zugleich als Verabsolutierung ihrer Wahrheit und demzufolge als 
Verantwortungslosigkeit und Ehrfurchtslosigkeit dem Dasein gegenüber enthüllt. 
Wer meint (wie etwa Rickert), mit dem Hinweis auf den logischen Widerspruch: 
die Wahrheit mit Hilfe von Aussagen, die selbst wahr sein wollen, zu relativieren — 
die verborgene ernste Problematik erledigen zu können, der freilich hat von ihr 
kaum einen Hauch verspürt. Es gilt in der Tat, wissenschaftliche Wahrheit zu- 
gunsten jener, in der man verantwortlich lebt, zu relativieren. Denn das reine wis- 
senschaftliche Erkennen entfremdet den Menschen seiner existenziellen Ver- 
wurzelung. 

10 ) Man könnte übrigens versucht sein, den Prozeß des psychoanalytischen Er- 
kennens und demnach schließlich auch (allerdings psychologistisch verfälschend) 
die psychoanalytische Metaphysik selbst psychoanalytisch zu deuten als denkerische 
Sublimierung der partiellen zeitweiligen Libidoregression auf die pränatale Stufe, 
ähnlich wie schon Rank die «psychoanalytische Situation» sowie die Heilung als 
«Wiederkehr» der Mutterleibsexistenz, resp. als Wiedergeburt auffaßte. Dies ließe 
sich sogar ausdehnen auf die gegenwärtige geistige Lage, in der noch andere Phä- 
nomene, denen ebenfalls eine libidinöse Regression auf die pränatale Phase ent- 
spricht, eine wesentliche Rolle spielen: schöpferische Schizophrene, Okkultismus, 
alle Arten Primitivismen, buddhistische Lehren, «Mystik», Anthroposophie usw., wo- 
bei man etwa annehmen könnte, daß jene partielle intrauterine Libidoregression 
auf der allgemeinen Verdrängung der Sexualität vornehmlich in der zweiten Hälfte 
des letzten Jahrhunderts beruhe. Und am Ende hätte man auch die libidotheore- 
tische Erklärung für die «lebensvernichtende» Tendenz des Wahrheitsverlangens 
in Händen: welch letzteres ja selbst lediglich den kognitiven Ausdruck des trieb- 
haften Zurücksinkens in das vorgeburtliche Stadium darstellt, welches das Lustvolle 
des Wahrheitserkennens verständlich machen würde. Der Abzug der Libido von den 
andern hätte jene radikale Wertnegation des Menschen zur Folge sowie die Ver- 
zweiflung an ihm, da er eben als möglicher Lustspender versinkt ; es bliebe schließ- 
lich nur eine Art Selbstbejahung der Libido übrig. Wir verfolgen hier die denk- 
und konstruierbaren «Parallelitäten» nicht weiter, sehen auch davon ab, die psycho- 
analytische metaphysische Grundidee auf eine sehr tiefe Mutterfixierung — wofür 
die Erde, die «Mütter», das Triebhafte symbolhafter Ausdruck wäre — zurückzu- 
führen und die Leugnung des Geistes als primäre Ursubstanz durch die Verneinung 
des Vaters — wofür eben der «Geist», der «Logos spermatikos» das Sinnbild ver- 
körpern wurde — analog zu erklären. Denn dergleichen Unternehmen gehen einst- 
weilen für uns über spielerisch-phantastische Möglichkeitserwägungen nicht hinaus 
und bergen keinen Erkenntnisgehalt. 



79 






AUSWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYSE 






Prinzhorn, Psa. 



A. GEISTESWISSENSCHAFTEN 



PSYCHOLOGIE UND PSYCHOANALYSE 
von Kuno Mit. tenzwe y 

Psa. ist ihrer inhaltlichen Struktur nach Psychologie. Über die Be- 
ziehungen zwischen Psa. und Psychologie referieren, hieße demnach, die 
ganze prinzipielle Theorie der Psa. abschreiben. Das kann unsere Absicht 
hier nicht sein. Wir nehmen Psychologie nicht ihrer weitesten Idee nach 
(als welcher die Psa. einfach als eine Sondergestalt zu subsumieren wäre, 
dahingestellt ob richtig oder falsch), sondern als bestehende Wissen- 
schaft, also in ihrer konkreten Lehrgestalt, als «Schulpsychologie». 

Da ergibt sich allsogleich, daß die Beziehungen zwischen der also ver- 
standenen Psychologie und der Psa. relativ gering geblieben sind. Den 
Wahrheitswert der Psa. ganz dahingestellt — fraglos ist doch, daß sie rein 
stofflich eine ganze Menge neuer Tatsachen und Zusammenhänge in den 
Bereich wissenschaftlicher Betrachtung gezogen hat. Man sollte meinen, 
daß die Psychologen sich auf diese neuen Tatsachen sofort mit großer Er- 
kenntnisleidenschaft gestürzt hätten. Aber die Psychologen hielten sich 
lieber an die Theorie als an die Tatsachen, begnügten sich mit der Fest- 
stellung, daß die Theorie falsch sei, und überließen alles übrige — dem 
Wissenschaftsschema getreu — dem Mediziner. Diese Haltung ist, so 
enttäuschend sie ist, aus dem Geist der heutigen Psychologie immerhin 
verständlich. Diese ist viel zu sehr auf das Einzelproblem eingestellt, als 
daß sie zu einer solchen, auf die ganze biographische Kurve des Einzel- 
menschen abzielenden Theorie, wie Freud sie versucht hat, sogleich Stellung 
zu nehmen vermöchte. Wenn man sich vorstellen will, die Psychologie 
solle das, was Freud wahrscheinlich mit unzureichenden Mitteln und man- 
ches über das Knie brechend unternommen hat, nun sauber fundiert und 
im kleinsten gesichert liefern : die Zahl der «Vorfragen» ist gar nicht zu 
zählen, die sie — bei ihrer jetzigen methodischen Verfassung — vorher 
«klären» müßte. Wir leben in einer Epoche des psychologischen Einzel- 
problems, des psychologischen Differentials (ungeachtet aller Prinzipien- 
fragen, die fortwährend gestellt werden), und es ist nicht abzusehen, wie 
diese Psychologie auf dem Wege der «Integration» jemals zu den Pro- 
blemstellungen gelangen soll, wie sie Freud allein bewegen, und mit denen 
er die Welt bewegt hat. 

Die Arbeit der psychologischen Kritik ist vornehmlich von den psy- 
chologisch geschulten Ärzten geleistet worden (Isserlin, Kronfeld, J. H. 
Schultz u. a.). Sie nahm alsbald die Form der Methodenkritik an und biß 
sich namentlich beim Begriff des Widerstandes fest. Und in der Tat ist 
dies das Geleis, auf dem die Diskussion unweigerlich festfährt, wenn man 
von der Theorie, und zwar von der psychologischen Theorie her an die 
Dinge herangeht. Die Psa.-tiker erklären, der Zustand des Analysiert- 



82 



Werdens sei eine selbständige Erfahrungsquelle, und wer diese Erfahrung 
nicht besitze, sei nicht kompetent, ein Urteil abzugeben. Die Psychologen 
oder psychologisch Denkenden halten dagegen, um in den Stand des Ana- 
lysiertwerdens hineinzukommen, müsse man den Begriff des Widerstandes 
anerkennen ; im Widerstandsbegriff sei aber die ganze psa, Theorie be- 
reits enthalten. Die Psa.-tiker erwidern, wenn man den «Hilfsbegriff» 
des Widerstandes nicht annehmen wolle, so sei dies ein Zeichen von Vor- 
eingenommenheit, und allerdings würde bei solcher Haltung die Analyse 
ergebnislos verlaufen, so daß man sie lieber bleiben lassen könne. Es sei 
aber unberechtigt, sich gegen den Hilfsbegriff zu sperren, denn jede 
Wissenschaft müsse solche Hilfsbegriffe hypostasieren. Worauf die Psy- 
chologen replizieren, sie würden gern solchen Hilfsbegriff konzedieren, so- 
fern er nur widerspruchsfrei gebildet sei und nicht bereits die ganze Lehre 
als petitio principii enthalte, wie es beim Widerstandsbegriff der Fall ist. 

In diesem Dilemma gibt es, wenn man bei den Begriffen hängen bleibt, 
faktisch kein Entrinnen. Nimmt man den Widerstandsbegriff in seiner 
ganzen Robustheit, wie ihn Freud formuliert hat — alles, was sich dem 
Fortgang der analytischen Arbeit entgegenstellt, ist ein Widerstand, und : 
alles, was unter Überwindung des Widerstandes zutage gefördert wird, 
ist verdrängtes Material und enthält die Determination des Widerstandes 
— so ist die petitio principii offensichtlich. Eine Rettung ist nur zu er- 
hoffen, wenn für den Widerstand noch andere Kriterien an- 
gegeben werden, als nur dies, daß er sich dem Fortgang der analytischen 
Arbeit entgegenstellt. Diepetitio principii liegt bei dem 
«al les». 

Und in der Tat kennt solche Kriterien jeder praktische Analytiker — 
mindestens gefühlsmäßig — vorausgesetzt nur, daß er ein wirklich schür- 
fender Analytiker ist und nicht ein Schematiker, der jeden Fall auf die im 
voraus feststehende Ätiologie breit schlägt. Wie es deren ja auch gibt. Es 
ist eben nicht alles ein Widerstand, was sich dem Fortgang der Ar- 
beit entgegenstellt. Es gibt echte Erinnerungslücken — das Unbewußte 
weiß durchaus nicht alles — es gibt ebenso Kriterien echten Wider- 
standes, mindestens in den Ausdruckssymptomen des Analysanden. 
Gewiß kennen die Psa.-tiker diese Ausdruckssymptome auch ; es ist nichts 
Neues, was wir hier zur Sprache bringen. Aber sie haben den Wider- 
standsbegriff nicht auf die also ausdruckssymptomatisch gekennzeichneten 
Äußerungen begrenzt, sondern haben ihn ausgedehnt auf «alles, was den 
Fortgang usw.» stört. 

Im Gegenteil sind sie gegenüber den Ausdruckskriterien des Wider- 
standes besonders unsicher und doppeldeutig. Wird nach Überwindung 
einer Assoziationslücke ein Material unter heftigsten Affektausbrüchen 
zutage gefördert, so ist es offensichtlich, daß diese Ausbrüche der Indi- 
kator sind für den sich regenden Widerstand ; wird dagegen ein an sich 
ziemlich affekthaltiges Material angeschnitten (oder vom Analytiker aus 
Teilinhalten kombiniert) und der Analysand bleibt gleichgültig oder skep- 

6* 83 



tisch, so ist das nur ein Beweis, daß der Widerstand erst recht am Werke 
ist, daß er die unmittelbare Affektreaktion lähmt und den Assoziations- 
ablauf anamnestisch unterbindet. Hier haben wir die petitio principii in 
abermaliger Gestalt. Dabei gibt es an sich beides: es gibt, einem affektiven 
Thema des persönlichen Lebens gegenüber, sowohl ein aktives, sthenisches, 
ausdrucksstarkes Reagieren wie ein passives, pathisches, die «unmittelbare» 
Ausdrucksrichtung umbiegendes Reagieren. ( Die Klagessche Regel von der 
Doppelwertigkeit sämtlicher Ausdruckssymptome hat auch hier ihre Gül- 
tigkeit.) Die Psa.-tiker haben aber die umfassende Kennzeichnung des 
Widerstandes von den Ausdruckssymptomen her n i e v e r s u c h t, ja sie 
verstehen gar nicht, daß eine Kennzeichnung des Widerstandes von einer 
anderen Seite her, als nur von der Assoziationsunterbrechung, unbedingtes 
Erfordernis ist. wenn ihre Lehre überhaupt logisch haltbar sein soll. Ihnen 
genügt es, daß ein Widerstand ist «alles, was sich dem Fortgang usw.». 
Und damit bleiben sie bei der petitio principii hängen, aller Ableugnung 
zum Trotz. 1 ) 

Wie aber würde die analytische Arbeit aussehen, wenn in der an- 
gedeuteten Weise der Wide rstandsbeg riffrevidiert würde ? 
Wie würde sich die Neurosenätiologie ändern, und damit die psa.-tische 
Theorie selbst ? Ich vermute, es würde sich eine gewaltige Begrenzung der 
heute von den Analytikern behaupteten Ätiologie ergeben, und damit eine 
wesentliche Einschränkung der psa. Indikation. Viele falsche To- 
talisierungen, die in der psa. Theorie heute enthalten sind, wür- 
den beschnitten werden, und damit würde manche summarische Be- 
hauptung richtiggestellt werden, die die Psa. als Theorie für den Unter- 
scheidungsfähigen heute unerträglich macht. Ja ich meine, es wäre nur 
auf diesem Wege eine Kongruenz zwischen Wahrheitsgehalt und Wahr- 
heitsanspruch der Psa. zu erreichen und damit erst die Lehre in den Stand 
gesicherten Wahrheitsbesitzes zu erheben. 

Aber ich weiß es nicht, und einer allein kann es kaum wissen. Denn 
die Aufgabe, die hier zu leisten wäre — an einem genügend großen Mate- 
rial die verschiedenen Erscheinungsformen echten Widerstandes aus- 
druckskundlich exakt zu beschreiten und von da aus einen revidierten Wi- 
derstandsbegriff aufzubauen — ist so umfangreich und enthält so viele 
Täuschungsquellen, daß sie von einem allein kaum geleistet werden kann. 
Hier wäre recht eine Aufgabe für psychologische Institute — wichtiger 
wahrhaftig als manche sinnespsychologischen Messungen. Um dem Psych- 
iater nicht ins Handwerk zu pfuschen, könnte man zunächst mit nor- 
malen Phänomenen beginnen. Wenn wir doch wenigstens eine genügende 
Anzahl von Traumanalysen hätten, darin unvoreingenommene Versuchs- 
leiter mit intelligenten Versuchspersonen erprobten, wie weit man in der 
Traumanalyse kommt, wenn man den Widerstandsbegriff nicht als irre- 
führenden Vorspann benutzt. Wir wären ein gut Stück weiter. Aber wir 
haben nicht einmal das. 

Eines ist sicher : die Psa.-tiker selbst werden diese Arbeit nicht leisten. 



84 



Jetzt weniger denn je. Was wir andeuten, sind für sie längst entschiedene 
Fragen, deren Lösung vor Jahrzehnten gegeben wurde. Sie verstehen die 
Fragestellung gar nicht. Sie sind alle viel zu sehr in vorschneller Sicher- 
heit geborgen. Und begreifen nicht einmal, daß die Vielheit der psa. Schu- 
len, die demselben Material die konträrste Deutung geben, die allerdeut- 
lichste Ironie auf diese Sicherheit darstellt. 

Wer aber soll sonst die Arbeit leisten, wenn die Psychologen der 
Materie fremd bleiben, die Kliniker keine Zeit dafür haben? — 

Wir sind in unserem Referat über die Beziehungen zwischen Psa. 
und Psychologie dem Weg gefolgt, den die tatsächliche Diskussion ein- 
geschlagen hat; das heißt wir sind alsbald auf das methodische Geleis 
geraten und bei dem abusus des Widerstandsbegriffes stecken geblieben. 
Hier führt kein Weg weiter, und weil kein Weg weiterführt, hat die 
offizielle Psychologie (wenigstens in Deutschland) die Diskussion auf- 
gegeben und betrachtet die Psa.-tiker als Außenseiter, damit einen engeren 
Blick bekundend, als die Schulmedizin ihn hat. Wenn in den letzten 
Jahren einige Vertreter der Psychologie sich nicht mehr so absolut intran- 
sigent verhalten und sich für Psa. «interessieren», so ist das der Ein- 
wirkung einiger jüngerer Psychiater zuzuschreiben, nicht einer eigenen 
Initiative der Psychologie. 

Soll unsere Betrachtung nicht ebenso unfruchtbar bleiben, so müssen 
wir das Fleisch der Lehre betrachten. Dies kann bei dem derzeitigen Stand 
der Dinge nur jenseits der Entscheidung über wahr und falsch geschehen. 
Wir betrachten also jetzt den Gehalt der psa. Theorie in seiner Intention, 
in dem, was darin gemeint ist, ohne uns damit zu identifizieren und zu 
wissen, ob dieses Gemeinte wahr oder falsch ist. Eine solche Betrach- 
tungsweise ist nicht ungewöhnlich und nicht zwecklos. Sie entspringt nicht 
ängstlicher Vorsicht. Wir haben ja im Vorstehenden angedeutet, wo zu- 
vor gesäubert werden müßte, ehe eine reinliche Entscheidung möglich ist. <, 
Wir wollen nur bei diesem zuvor nicht stecken bleiben. Es wäre ja mög- 
lich und ist in der Wissenschaftsgeschichte vorgekommen, daß eine metho- 
dische Konzeption falsch war und gleichwohl geholfen hat, inhaltlich 
richtige Resultate zutage zu fördern. Die elektrischen Vorgänge von dem 
Fernwirkungspotential der Gravitationstheorie aus zu konstruieren, hat 
sich nachträglich als unhaltbar herausgestellt, und doch sind mit seiner 
Hilfe die klassischen Elektrizitätsgesetze aufgestellt worden. Vermutlich 
ist ebenso der Widerstandsbegriff ein irriger, und doch könnten mit seiner 
Hilfe wichtige psychologische Vorgänge erkannt worden sein. 

Um nun sofort anzudeuten, worin uns die psychologische Bedeutung 
der inhaltlichen Theorie der Psa. zu bestehen scheint, sei zusammen- 
gefaßt : die Psa. war ursprünglich und in ihrer formulierten Gestalt der 
Versuch einer Vorstellungsdynamik. Unmerklich wandelte sie 
sich im Laufe der Jahre, nur bedingt ausgesprochen und immer wieder in 
frühere Formulierungen zurückfallend, in eine Triebdynamik. Was 
aber Psa. in Wirklichkeit ist und worauf ihre effektive theoretische Bedeu- 

85 



tung, auch zum guten Teil ihre Werbekraft in Laienkreisen beruht: sie ist 
der Versuch einer wirklich personalen Psychologie. 

i. Daß die Psa. in ihrer Ausgangsgestalt Vorstellungsdynamik ist, 
d. h. daß der Versuch gemacht wird, das seelische Geschehen von determi- 
nierenden Vorstellungen her zu begreifen, bedarf wohl kaum besonderer 
Auf Weisung. Wer aber bezweifelt, daß diese Grundansicht eigentlich heute 
noch die Psa. beherrscht und in ihr wirksam ist, der bedenke nur die 
umfangreiche Verwendung des Komplexbegrifles. Denn der Komplex- 
begriff ist recht eigentlich die Verdichtung dieser Grundansicht und des 
ihr innewohnenden Primats der Vorstellungen. Aus diesem Primat be- 
greift sich auch die Bedeutung, die dem Assoziieren zugeschrieben wird. 
Denn die Bahnen, die die Vorstellungen beim Assoziieren einschlagen 
(wenn sie nur ihrer uneingeschränkten Eigenbewegung überlassen bleiben) 
sind dieselben, in denen sie unser seelisches Geschehen überhaupt bestim- 
men: die Assoziationsbewegungen sind die Wiederholungen, das Nach- 
fahren von Kausalprozessen. 

Die ganze Tragweite dessen, was darin enthalten ist, wird vielleicht 
besser von der Gegenseite her deutlich. Niemals kommt Freud der Ge- 
danke, die zureichende Ursache könne etwa nicht auf der Vorstellungs- 
seite liegen, sondern auf der emotionalen Seite, oder, da sich das nicht so 
einfach trennen läßt, es könnte eine primäre Störung der Ausdrucks- 
funktion vorliegen. Fehlt ein Glied in der Kausalkette, so fehlt eine Vor- 
stellung (oder ein Vorstellungskomplex). Das Verhältnis von Vorstel- 
lung und Ausdrucksreaktion aber wird ganz stillschweigend stets als 
intakt angenommen. Niemals kommt ihm beispielsweise der Gedanke, 
den man ganz eindrucksmäßig bei einem gewissen Typ hyperintellektueller 
Neurotiker zwangsneurotischer Färbung (und darunter besonders bei 
solchen semitischer Abstammung) hat, die alle psa. Aufklärungen wissen 
und hinnehmen und anscheinend mehr wissen, als der geriebenste Analy- 
tiker herauszukriegen vermag, dabei aber verhältnismäßig kalt und unbe- 
teiligt bleiben, keinen Augenblick chokiert sind und sich höchstens als 
intellektuelle Zuschauer an ihrem Ich zu interessieren vermögen: der 
Gedanke nämlich, daß hier eine ganz bestimmte Störung der Ausdrucks- 
funktion vorliegt, der mit allem Bewußtmachen nicht beizukommen ist. 
Ausdruckshemmungen als solche gibt es nicht. Liegt solche vor, so liegt 
nur ein ganz großer Widerstand zugrunde, und es gilt weiter im Unbe- 
wußten nach dem pathogenen Komplex zurückzugehen. 

Therapeutisch ist es dasselbe wie ätiologisch. Niemals kommt Freud 
der Gedanke, die Ausdrucksseite direkt zum Angriffspunkt therapeuti- 
scher Bemühung zu machen (auch nicht subsidiär). Niemals denkt er 
daran, etwa Entspannungsübungen vornehmen zu lassen, die heute doch 
jedem Gymnastiklehrer geläufig sind. Liegen Spannungen vor, so liegen 
Vorstellungen zugrunde, welche spannen, und nur bei diesen Vorstel- 
lungen sind die Spannungen anzupacken. Das geschieht, da es sich um 
Vorstellungen handelt, durch Bewußtmachen. Man sieht hier, wie die 



86 



«sokratische Methode» mit dem Vorstellungsprimat verbunden ist. Es 
ist nicht etwa nur Lust am Rubrizieren, wenn wir auf dieses Vorstellungs- 
primat mit solchem Nachdruck hinweisen. Dieses beherrscht vielmehr 
das ganze Grundgefüge der Lehre. 

2. Und so ist es geblieben, so weit auch Freud sich von dieser An- 
fangsphase entfernt hat. Daß Freud mit der Zeit gelernt hat, immer 
emotionaler zu denken, ist dadurch bedingt, daß er als determinierende 
Vorstellungen regelmäßig — wie er behauptet — solche sexuellen Inhalts 
gefunden hat. Der Weg, wie Freud zu dieser Feststellung gelangt ist, 
ist bekannt genug, und doch ist es nötig, ihn hier in der prinzipiellen Art 
seines Vorgehens noch einmal zu überdenken. Freud suchte nach einer 
zureichenden Determination für neurotische Symptome und Reaktions- 
weisen. Wir sahen soeben: liegt zu einem Inhalt eine abnorme (über- 
betonte oder unterwertige) Reaktion vor, so ist gleichwohl das Verhältnis 
von Inhalt und Reagieren intakt. Dies ist beinahe der oberste Satz der 
ganzen Freudschen Theorie. Die betreffende Reaktion ist nur gar nicht 
wirklich die Reaktion auf jenen Inhalt, oder richtiger jener Inhalt ist gar 
nicht die wirkliche Determination jener Reaktion; der wirklich deter- 
minierende Inhalt ist vielmehr ein ganz anderer, liegt im Unbewußten. Im- 
mer an der Forderung festhaltend, daß der Adäquatheit von determinieren- 
dem Inhalt und Reaktion Genüge geschehen müsse, stieg Freud nun immer 
weiter in der individuellen Vergangenkeit des Patienten hinauf und ge- 
langte schließlich bei Inhalten an, die dem naiven Menschen nun erst 
recht als unverhältnismäßige Ursachen neurotischen Re- 
agierens erscheinen: frühinfantilen Sympathieneigungen zur Mutter, 
Haßregungen gegen den Vater, Gedanken über das eigene Genitale usw., 
Regungen, die auf einer gewissen Altersstufe bei jedem Menschen an- 
zutreffen sind. Die Sache wurde noch paradoxer, als sich herausstellte, 
daß diese Inhalte gar nicht als Geschehnisse von außen an den Neurotiker 
herangebracht werden, vielmehr sich im Bereich seines eigenen Phantasie- 
denkens abspielen. Man kennt das Freudsche Argument, daß im Geltungs- 
bereich «neurotischer Währung» Phantasieinhalte den gleichen Wirklich- 
keitswert haben wie reale Geschehnisse. Dieser zweifellos richtige Satz 
hat aber doch die bereitsbestehendeNeurose oder neurotische 
Konstitution zur Voraussetzung ; er schlägt nicht durch, wenn den auf dem 
Boden dieser Währung entsprossenen Phantasien zugleich ätiolo- 
gische Bedeutung zukommen soll. 

Doch wollen wir nicht unversehens in die Polemik über die Richtig- 
keit der Lehre geraten. Der ganze Gedankengang, der nur Bekanntes er- 
innert, soll hier nur folgendes : erst als Freud bei diesen ganz inkommen- 
surablen Ursachen angelangt war, bei diesen Tragödien der Kinderstube, 
die jedem normalen Individuum auch zustoßen, aber alsbald vernarben, 
war er soweit, daß er den Blick von den Vorstellungsinhalten weg auf 
das emotionale Leben selbst direkt lenken konnte, das nunmehr «Libido» 
hieß. Um kürzest in der Sprache der Terminologie zu sprechen : an die 

87 



Stelle der Komplexe trat die «Libidofixierung». In der therapeutischen 
Auswirkung: die Analytiker hielten sich nicht mehr dabei auf, die ein- 
zelnen Komplexe im Detail bloßzulegen, die in ihrer Struktur doch bereits 
bekannt waren, sondern gingen direkt auf die «Widerstände» des Patien- 
ten los. Offensichtlich steht hier «Widerstand» in einem generelleren 
Gebrauch: es ist nicht mehr der augenblickliche Erinnerungswiderstand, 
der das Auftauchen der nächsten Assoziation verwehrt, sondern es ist 
die emotionale Verhaltungsweise des Neurotikcrs, in der sich eben die 
Libidofixierung manifestiert. Im Grunde ist die Bezeichnung «Wider- 
stand» jetzt unangemessen geworden, denn es fehlt jetzt das «Drängen» 
des die Assoziation heischenden Arztes. Das Wort hatte seinen Sinn als 
unmittelbare Korrelation zu diesem Drängen. Unabhängig von der ana- 
lytischen Situation ist das Vulgärwort «Hemmung» angemessener. 

Obwohl nunmehr die emotionalen Verhaltungsweisen selbständig er- 
kannt werden, bleibt ihre Bezeichnung doch immer an die sexuale Ter- 
minologie gebunden. Immer bleibt Elternhaß, wie Haß gegen die eigene 
«Erbmasse», vom Ödipuskomplex her, Verkürztheitsge fühle vom Ka- 
strationskomplex her bezeichnend. Niemals ist Freud dazu übergegangen, 
das emotionale Geschehen als ein autonomes Bereich des seelischen 
Lebens zu betrachten, wie es Adler — wenn auch nur mit dem 
winzigen Teilgebiet des Geltungsstrebens — immerhin getan hat. Wohl 
erkennt er, daß der Sexualtrieb das Sexualobjekt erzeugt. Und ange- 
sichts der Art, wie er das ganze Seelenleben aus der Libido aufzubauen 
sucht, wird manchem unsere eben ausgesprochene Behauptung als 
direkt falsch erscheinen. Gewiß ist er im Laufe seiner Entwick- 
lung, namentlich in seinen metapsychologischen Thesen, immer emotio- 
naler oder, wenn man will, «voluntaristischer» (im Sinn des Schopen- 
hauerschen Willensbegriffes) geworden. Aber der Zugang zu den emo- 
tionalen Vorgängen, das, wodurch er weiß, daß alle diese vielgestaltigen 
Triebvorgänge sexualen Gehaltes seien, bleibt immer von der Vorstellungs- 
seite her gedacht. Am Leitseil der Vorstellungen ist Freud in die Tiefen 
des emotionalen Seelenlebens vorgedrungen; das, was an Hand dieses 
Leitseiles die Vorstellungsfolge des Assoziierens an die Oberfläche treibt, 
nimmt er für den wirklichen Gehalt der jeweiligen Emotion. Niemals ist 
er zu einer unmittelbaren, rein phänomenalen Betrachtung emotionalen 
Geschehens gelangt. 

Wer dies nicht wahr haben will, kann dies an ganz verschiedenen 
Stellen erkennen. Vorstellungsmäßig gedacht ist es, daß therapeutisch das 
emotionale Leben nach wie vor nur durch das sokratische Bewußtmachen 
zu beeinflussen bleibt. Liegen Libidofixierungen zugrunde, inzestuöse 
Wunschbedingungen usw., so könnte man daran denken, daß die Therapie 
von einer Libidolösung und Libidoübung oder Libidoschulung zu erwarten 
sei, jedenfalls von einer direkten Libidobeeinflussung. Entsprechend ver- 
suchen ja die Adlerschüler, dem Geltungswillen des Neurotikers mit 
direkter Willenseinflußnahme entgegenzutreten. Und in der Tat gibt es 

88 



ja auch unter den Freudianern Ärzte, welche meinen, das Werk sei ge- 
lungen, wenn sie den Patienten zu einer «normalen» Libidobefriedigung 
befähigt haben. Freud hat solchem kurzen Denken gegenüber mit Nach- 
druck darauf hingewiesen, daß die Analyse möglichst in Abstinenz durch- 
zuführen sei. Will man also der angeblich als sexuellen Gehalts erkannten 
Libido mit sexuellen Mitteln beikommen, wie es einer naiven Logik schei- 
nen könnte, so ist das falsch (und in der Tat ist es ja auch therapeutisch 
verfehlt). Nur durch das helle Tor des vorstellungsmäßigen Denkens 
hindurch ist die Libido wirklich beeinflußbar. 

Daß übrigens in jeder Analyse, wenn überhaupt sie wirksam ist, sehr 
wohl eine Libidolösung und Libidoschulung — neben und jenseits allen 
sokratischen Bewußtmachens — stattfindet, ist erst verhältnismäßig recht 
spät erkannt worden. Sie findet statt gegenüber dem Arzt in jener Sym- 
pathiebeziehung, die mit dem eigentümlichen Wort «Übertragung» be- 
zeichnet wird. Wir wollen in eine Diskussion dieser Übertragung hier 
nicht eintreten, zumal wir sie an anderer Stelle liefern. Hier sei nur darauf 
hingewiesen, daß der Terminus «Übertragung» allein ein ganzes Stück 
Wissenschaftsgeschichte enthält, die unsere Auffassung vom Vorstel- 
lungsprimat in der Psa. bestätigt. Denn daß dieses Wort heute eine ganze 
Sympathiesituation bezeichnet, eben die zwischen Patient und Arzt, ist 
sozusagen unversehens geschehen. Ursprünglich sah man nur — und 
nur so ist der Terminus verständlich — daß der Patient gewisse Inhalte 
vom Vater auf den Arzt überträgt, gewissermaßen den Vater im Arzt 
wiederfindet, und demgemäß reagiert. Man sah zuerst die feindselige, 
negative Übertragung. Die positive fiel im Anfang nicht besonders auf, 
da man es als selbstverständlich annahm, daß bei ärztlichem Handeln ein 
Kontakt zwischen Patient und Arzt sich herausbildet. Über die ganze 
Leitung und Meisterung dieser Beziehung wissen auch heute die Psa.-tiker 
noch nicht viel mehr, als daß sie in einem gewissen Stadium «abzulösen» 
sei. Auch dieses Ablösen geschieht wiederum durch das helle Tor vor- 
stellungsmäßigen Denkens, indem dem Patienten die Übertragung Punkt 
für Punkt aufgezeigt wird. In Wirklichkeit ist hier die große Gefahren- 
stelle der analytischen Px-axis. Sie zu umschiffen gibt es noch keine zu- 
reichende Schiffskarte, denn die Analytiker wissen kein anderes Mittel als 
das eben genannte vorstellungsmäßige. Tatsächlich ist es mehr Glücks- 
sache, wenn die Behandlung an dieser Stelle nicht scheitert. 

Einen weiteren Beweis für den Vorstellungsprimat in der psa. Theorie 
passierten wir bereits oben bei der Diskussion des Widerstandsbegriffes : 
der Widerstand wirkt in doppelter Weise, er verändert die Ausdrucks- 
reaktion des Neurotikers, und zugleich versperrt er Assoziationsbahnen 
und verändert das Denken. Die zweite Wirkung aber ist die ungleich 
wichtigere ; nur sie ist, wie wir sahen, von den Psa.-tikern wirklich unter- 
sucht worden. Die erstere Wirkung ist vielmehr eine Folge der zweiten : 
ist die Ausdrucksreaktion anscheinend alteriert, so reagiert der Neurotiker 
in Wirklichkeit auf die manifeste, vom Widerstand vorgeschobene Vor- 

8 9 



Stellung ; auf diese aber reagiert er ganz normal. Wenn wir vorhin gerügt 
haben, daß die Psa.-tiker den Widerstand nicht von den Ausdruckssym- 
ptomen her gekennzeichnet und abgegrenzt haben, so erkennen wir jetzt, 
warum sie das gar nicht können. Denn der jeweilige Ausdruck ist — nach 
ihrer Theorie — Ausdruck der vom Widerstand vorgeschobenen Vorstel- 
lung und darum so vielgestaltig und wandlungsfähig, wie der Zauber- 
künstler und Universalpopanz Widerstand. 

Daß Freud den Zugang zum emotionalen Seelenleben über die 
Sexualität genommen hat und zu einer autonomen Betrachtung der Emo- 
tionalität nie gelangt ist, hat eine weitere, sehr kuriose Folge. Da die 
sexuelle Auslösung subjektiv Befriedigung, physiologisch gesehen ein 
Überschußphänomen ist, konnte Freud zu der überraschenden Theorie 
gelangen, daß alle Triebbefriedigung primär auf halluzinatorischem Wege 
erfolge. Erst sekundär, kraft des «Realitätsprinzips», werde der Über- 
gang von der befriedigenden Halluzination zu der Bewegung in der Wirk- 
lichkeit genommen. Offensichtlich ist diese seltsame Theorie an der Be- 
friedigung im Pollutionstraum konzipiert worden. Nur für Überschuß- 
befriedigung ist sie augenblicksweise möglich. Für Ergänzungsbefriedi- 
gung (die ja die Sexualbefriedigung im Grunde auch ist), insbesondere für 
die Befriedigung von Hunger und Durst scheitert sie an dem einfachen 
Gedanken, daß ein also sich «primär» befriedigender Organismus alsbald 
verhungern und verdursten würde. In Wahrheit zeitigt der unbefriedigte 
Trieb primär ungerichtete «Unruhe», d. h. Drang zur Bewegung 
in der Realität. Erst an der Wahrnehmung des tauglichen Bef riedigungs- 
objektes schlägt sich dann der Trieb bildschaffend nieder: Bildwerdung 
und Objektfindung im selben Akt. Zugleich wird das Bild jetzt richtung- 
gebend für die vordem ungerichtete Bewegung. So ist das dürstende Tier 
zunächst nur unruhig; an der Wahrnehmung der Wasserpfütze entzündet 
sich Durst und Trinkreflex. Die Halluzination der Oase aber ist sicher 
kein primärer Vorgang, sondern hat schon einen ganz gewaltigen Grad 
von Befriedigungsverwehrung im dürstenden Wanderer zur Voraus- 
setzung. Ob sie aber im Tierbewußtsein überhaupt ein Analogon hat, ist 
wohl nicht zu entscheiden. — Doch auch für die Überschußbefriedigung 
ist die Theorie von der primär halluzinatorischen Bedürfnisbefriedigung 
nicht haltbar, wie hier in der Schnelligkeit nicht gezeigt werden kann. 
Wir erwähnten die ganze Theorie von den «zwei Prinzipien des seelischen 
Geschehens» auch nur, weil sie aufschlußreich ist für die begrenzte, sexual 
induzierte Perspektive, unter der Freud das emotionale Leben stets ge- 
sehen hat. 

3. Freuds Bedeutung für die Erfassung des seelischen Lebens, seine 
noch kaum angebrochene Auswirkung auf die Psychologie liegt aber gar 
nicht eigentlich in seiner versuchten Vorstellungsdynamik (Komplex- 
begriff), noch auch in seiner sexualistischen Psychologie der Emotionen 
(«Libidofixierung»). Wir würden das Entscheidende verfehlen, wollten 
wir die Sache nicht noch eine Schicht tiefer und prinzipieller anpacken. 



90 



Um aber nicht zu abstrakt zu werden, wollen wir ganz äußerlich heran- 
gehen. 

Belauschen wir doch den Sprachgebrauch. Worte wie Ödipuskom- 
plex, Narzißmus, Kastrationsdrohung, männlicher Protest bei Adler, be- 
treffen das Stoffliche der Lehre. Worte wie Komplex, Verdichtung, Ver- 
schiebung, Verschmelzung usw. eignen der Phase der Vorstellungsdyna- 
mik. Darüber gibt es aber noch Termini ganz anderen Ranges wie Identi- 
fizierung, Ambivalenz, Symbolisierung, Überkompensation, Ersatzbefrie- 
digung, Arrangement, Leitbild usw. usw., die vom Stofflichen unabhängig 
sind, wie sie auch von den Anhängern der verschiedenen Schulen, die in 
der stofflichen Determination Widersacher sind, gleicherweise verwandt 
werden. In diesen Worten verdichtet sich eine ganze Gefühls- und Affekt- 
dynamik. Diese ist von Freud niemals im Zusammenhang entwickelt 
worden. Jene Worte stellten sich Freud sozusagen unversehens ein, kraft 
einer angeborenen seelischen Intuition und zugleich kraft einer eigentüm- 
lichen seelischen Zähigkeit und Flexibilität, man möchte sagen Einschmieg- 
samkeit, mittels deren er verwickelten seelischen Verlagerungen nach- 
zuspüren befähigt ist. (Von der hierdurch bedingten spezifischen «psa. 
Verwickeltheit» sprechen wir an anderem Orte.) Alle diese meist selbst- 
erfundenen Termini stehen im Dienst derselben Erkenntnisabsicht : deut- 
lich zu machen, wie eine Regung, eine Handlung aus dem Zentrum der 
Persönlichkeit erfließt. 

Wir verkennen dabei keinen Augenblick die Gefahren und den viel- 
verbreiteten Mißbrauch dieser Termini, darin bestehend, daß man damit 
alles aus allem ableiten kann. So leitet Freud mit ihrer Hilfe alles aus 
der infantilen Sexualität, Adler alles aus dem Geltungsstreben ab. Eine 
Kaffeehauspsychologie hat sich entwickelt, welche in ihrer Praxis ebenso 
sorglos, wie im Erklärungsdünkel selbstgefällig ist. Bald kommt kein 
Gerichtsreporter mehr ohne Freuds oder Adlers Phrasenschatz aus. Alles 
das schließt nicht aus, daß jenen Termini echte seelische Erfahrung zu- 
grunde Hegt. Das Eindringen dieser Termini in die Literatur, an Er- 
kenntniswert fragwürdig wie alle Literatur, ist doch zugleich an Sym- 
ptomwert nicht zu unterschätzen. Denn die Literatur, so vielgestaltig sie 
ist, kann doch nichts aufnehmen, worin sie nicht ein taugliches Mittel er- 
blickt für ihre Aufgabe: Seelisches mit dem Medium der Sprache zur An- 
schauung zu bringen. Wie außerordentlich gering ist doch sonst der Bei- 
trag, den die Literatur aus den Kunstworten wissenschaftlicher Psycho- 
logie aufgenommen hat. Von ausgesprochenen Experimentierern wie 
Bourget abgesehen: im allgemeinen beschränkt sich das übernommene 
Sprachgut bei uns auf die Verdeutschungsworte, die beim Übergang der 
lateinischen Gelehrtensprache in die deutsche Sprache gebildet wurden, 
wie Bewußtsein, Gewissen, Einbildung usw., wie auf einige Worte der 
sprachstarken Gelehrten der Romantik. Alles das liegt vor der «modernen» 
Psychologie. Deren Laboratoriumsworte, die angeblich tiefe seelische Ein- 
sichten enthielten, blieben alle außerhalb der Literatur. Wenn plötzlich 

91 



die Literatur eine Menge Termini — und mehr noch, die in diesen Ter- 
minis enthaltene Art zu denken — aufnimmt, kann es zufällig nicht sein. 
Anderseits ist Freuds Kraft seelischen Sehens so ursprünglich, daß er 
gelegentlich einfache deutsche Wortstämme zum Rang eines wissenschaft- 
lichen Terminus erhebt, das heißt neugesehene Zusammenhänge in sie 
hineinsieht, die in der Richtung des naiven Wortes liegen, ohne daß sie 
bisher darin gesehen wurden. Man denke an seine Verwendung von 
«rächen» oder «opfern». Wie neu und stark gebraucht er diese Worte. 
Und über allen das psa. Urwort «verdrängen». 

Man wird einwenden, alle diese Termini, wie die Mechanismen, die 
mit ihnen bezeichnet werden, seien «nicht exakt». Die Täuschungsquellen 
und die Möglichkeiten mißbräuchlicher Verwendung haben wir bereits er- 
wähnt. Die Mechanismen selbst aber werden erfaßt mit jenem Erkenntnis- 
organ, welches für die Vorgänge des emotionalen Lebens das einzig auf- 
nehmende ist : sie werden «verstanden». In die Diskussion verstehenden 
Erfassens können wir hier gewiß nicht eintreten. Aussichtsreicher scheint 
es, wenn wir mit wenigen Worten die Sache von der Gegenseite her deut- 
lich machen. Das rasche Aufnehmen der psa. Denkweise und ihrer Ter- 
minologie in der Literatur hätte sich wohl kaum ereignet, wenn nicht ein 
vollkommenes Vakuum dagewesen wäre. Man muß sich nur klar machen, 
daß die Psychologie zur Erklärung des Hervorgehens einer Handlung aus 
einer anderen bisher überhaupt nichts geleistet hat. Die ältere 
Psychologie erklärte menschliches Handeln und Verhalten, indem sie zu 
jeder Klasse von Handlungen und Regungen (meist rein stofflich nach 
ihrem Inhalt bezeichnet) einen entsprechenden Trieb oder Vermögen hin- 
zuhypostasierte. Die moderne Psychologie nahm den physikalischen Funk- 
tionsbegriff zum Vorbild. Diesem entsprechend, hat sie in ihren Messun- 
gen zur Erforschung der Willensvorgänge meist den Zeitparameter zu 
bestimmen. Will man uns wirklich glauben machen, daß in den Reaktions- 
zeiten das Hervorgehen der Reaktionshandlung aus der reagierenden Ver- 
suchsperson irgendwie enthalten sei ? Dieses Hervorgehen ist in dem Ent- 
schluß enthalten, in verabredeter Weise Experimente zu machen, welchen 
Entschluß die Vp. gefaßt hat, bevor sie sich an den Reaktionstaster setzt. 
Mit anderen Worten : in der Ebene zeitlichen Ablaufs, den die Experi- 
mentalpsychologie exakt zu beschreiben ausschließlich unternimmt, ist 
eine Aufklärung des emotionalen Bewußtseinslebens überhaupt nicht zu 
erwarten. 

Die Termini, die wir bezeichnet haben, haben nun alle dies gemein- 
sam, daß sie das Hervorgehen einer Handlung oder einer Regung aus dem 
Zentrum der Persönlichkeit, oder die Verkuppelung einer periphereren 
Regung mit einer zentraleren, eine Stellvertretung etwa oder eine sonstige 
Verlagerung zwischen zentraler Intention und peripherer Äußerung aus- 
sagen. Die Richtung der Relationsbildung ist eine andere: nicht in der 
Ebene der physikalischen Zeit, sondern im Tiefenschritt von der Peri- 
pherie zum Zentrum der Person wird die erklärende Beziehung gesucht. 



92 



Dieses Zentrum der Person ist nicht einfach identisch mit dem «Ich» 
der «Ichpsychologie». Dieses Ich als Subjekt psychischer Akte verschie- 
denster Art, als Gegenpol der im Akt geschehenden Gegenstandssetzung, 
ist von der phänomenologisch gerichteten Psychologie vielfältig unter- 
sucht, auf Äquivokationen gesiebt, in aller Abstraktheit herausdestilliert 
worden. Es wäre falsch zu sagen, die psa. Psychologie wäre in diesem 
Sinne «Ichpsychologie». Das «Zentrum der Person», auf das der einzelne 
emotionale Vorgang bezogen wird, ist wohl abstrakt und generell gegen- 
über der einzelnen manifestierenden Äußerung, zugleich aber doch abso- 
lut konkret und individuell als das Zentrum dieser einmaligen Person. Es 
ist nicht in der physikalischen Zeit, sondern manifestiert sich nur in ihr, 
ist aber doch zugleich vollkommen zeitgebunden und lebt und stirbt in der 
Zeit. Mit anderen Worten : das Zentrum der Person, welches Freud aus- 
schließlich interessiert, ist das Ich der Biographie. Seine Psychologie ist 
stets biographische Psychologie. Allen Mißverständnissen zum Trotz, 
die er sich selbst gegenüber begangen hat, wenn er bald assoziationspsycho- 
logisch, bald voluntaristisch, bald metapsychologisch seine Einsichten for- 
mulierte. Und in dem Sinne, als nur die Person eine Biographie hat, 
nennen wir seine Psychologie eine personale Psychologie. Ihr 
Inhalt ist die überzeitliche Person, welche in einem zeitlichen, unvergleich- 
lichen Lebenslauf sich verwirklicht und auswirkt. Daß als dieses Zentrum 
der Person die Libido angenommen wird, oder aber das Geltungsstreben, 
kann uns nicht verführen, den Blick in gleicher Weise zu begrenzen und 
veröden. 

Wir haben, um deutlich zu machen, daß die Lehre weder mit der 
Vorstellungsdynamik, noch mit der Libidodynamik steht und fällt, den 
Nachdruck gelegt auf diese mehr formalen Prozesse emotionaler Seelen- 
i erfassung, auf diese Schritte «von der Peripherie zum Zentrum», die wir 
zu Beginn dieses Abschnittes genannt haben. Die haltbare Leistung 
Freuds zu einer biographischen Psychologie ist nicht auf diese Prozesse 
ausschließlich beschränkt. Sie reicht schon noch einen Schritt weiter ins 
Stoffliche, ist freilich so ganz in die sexualistische Sprache seines Libido- 
begriffes verstrickt, daß die Scheidung des Haltbaren vom Verfälschenden 
nicht leicht ist und unmöglich ist, wenn man in Freuds Terminologie 
bleiben wollte. Das Haltbare, ja entdeckerisch Großartige liegt dabei auf 
der Seite des biographischen Ablaufs, das Verfälschende auf der Seite der 
sexualistisch-vorstellungsmäßigen Perspektive. Was Freud über die Ty- 
pik des Familienromans, über die Phasenentwicklung der Sexualität erst- 
malig gesehen hat, sind ganz große Würfe. Nötig aber ist, das Gesehene 
aus der Enge der Sexualperspektive herauszuheben ; das heranwachsende 
Individuum nicht nur als ein Befriedigung suchendes Lustzentrum oder 
Wollustzentrum, sondern als ein in vitale Beziehungen verwobenes, neue 
Beziehungen schichtenweis erzeugendes Sympathiezentrum zu fassen. 
Damit wird der Blick nicht durch Widerstände verengt und die Freudsche 
Entdeckung nicht verwässert. Sondern im Gegenteil, das Bild, wie der 

93 



junge Mensch «von der Nabelschnur her» in das Leben und die Lebens- 
beziehungen hineinwächst, frühe Konflikte erlebt und bald wieder ab- 
stößt, wird ungeheuer reich und dramatisch. 

Die drei Schichten der psa. Theorie, die wir aufgezeigt haben — es 
sind Entwicklungsphasen und doch keine Abfolgen, da das Denken dieser 
Phasen ständig ineinander verwoben bleibt — bezeichnen zugleich ebenso 
viele Zugänge, von denen aus die Psychologie mit dem psa. Tatsachen- 
bereich in Kontakt kommen kann. Der größte Teil der psychologischen 
Kritik — soweit sie nicht, wie besprochen, Methodenkritik war — faßt 
die Psa. von der Vorstellungsdynamik her. Es sind die Kritiken der 
Traumsymbolik, der Theorie der Fehlleistungen usw., welche Theorien in 
der Tat sämtlich nicht haltbar sind. Die sexualistische Triebdynamik be- 
stimmt den heute gängigen Vordergrundsbegriff von der Psa. Er ent- 
spricht jener Phase, da die Theorie sich im Sexualismus überschlug, da 
der Abfall der Sezessionen erfolgte. Beide Phasen können beim kritischen 
Psychologen nur das Urteil der Ablehnung erzeugen. 

Die wirkliche gegenseitige Befruchtung von Psychologie und Psa. 
steht erst bevor. Sie wird mit Sicherheit beginnen, sobald die Psychologie 
erst wirklich das große Tor des Problems des Verstehens passiert hat und 
begriffen hat, daß sie von da aus ihre gesamten Prinzipien umdenken muß. 
So langsam das vorangeht — der Kongreß in Groningen hat überraschen- 
derweise gezeigt, daß die Deutschen immerhin am weitesten sind und völlig 
allein stehen, Die anderen verstehen nicht einmal die Fragestellung. 

Noch ist die Diskussion des Verstehensproblems nach echter Syste- 
matikerart ganz ins Prinzipielle verstrickt. Wird dieser Streit einmal ge- 
löst sein, so werden die Psychologen erst erkennen, wieviel sie vor ihren 
Reaktionsapparaten, selbst mit aller Mühe phänomenologischer Vergewis- 
serung, von seelischen Prozessen — nicht verstehen. Denn alle diese Ex- 
perimente, so wertvoll sie in ihrem Bereich immer sind, bleiben in den 
Grenzen des «intellektualistischen Reservats». Von der «Seele» des Ex- 
perimentierenden (oder der Versuchsperson) im Sinne der «biographi- 
schen» Seele ist nichts in ihnen enthalten. Höchstens dies, daß der Be- 
treffende psychologischen Experimenten zugänglich sei. 

Was wird dann helfen können? Vom klinischen Material ist, sobald 
die Verstehensarbeit hart auf hart geht, nur Begrenztes zu erwarten : es 
ist zu labil und taugt nicht zur Verstehenserklärung des Normallebens. 
Was die Psa.-tiker geliefert haben, hält kritischen Anforderungen fast aus- 
nahmslos nicht stand. Außerdem wird bis dahin der Zerfall der Psa. in 
ein Sektieren vermutlich sich vollzogen haben. Es wird nichts weiter 
übrig bleiben, als daß die Psychologen zum erstenmal wortwörtlich «ihre 
Seele hergeben». Mit jener Selbstentäußerung, die Freuds unvergleich- 
liche Gelehrtenleistung war und bleiben wird, auch wenn von seinen in- 
haltlichen Aufstellungen nichts bleiben sollte. 

Denn wir werden zu einer «Psychologie mit Seele» nicht schon da- 
durch kommen, daß wir das Ich, das geheimnisvolle aktsetzende Zentrum, 

94 



nach allen Richtungen hin durchpflügen und abgrenzen. So groß der Ab- 
stand gegenüber der assoziationspsychologischen Psychologie ohne Seele 
unzweifelhaft ist : daß der Psychologie die Seele noch lange nicht zurück- 
gewonnen ist, erkennt man schon darin, daß sie noch lange nichts von 
der «Seelenstelle» weiß, wo die Seele ein Schicksal hat und Geschichte zu 
bilden vermag. Soll je eine erfüllte Psychologie mit Seele geschaffen 
werden, mit einer Seele, die ein Schicksal hat oder doch Schicksals fähig 
ist — denn nicht das konkrete Einzelschicksal stünde zur Aufgabe, son- 
dern die schicksalbildende Kraft — so könnte das nur geschehen, wenn 
die Forscher ihre eigene Seele, die abstrakte nicht sowohl wie die konkrete, 
biographische Seele, selbst erschauen und sichtbar machen. 



x ) Die sehr klugen Äußerungen Binswaugcrs zum Vorwurf der petitio prinzipii 
(im Geburtstagsband der Zeitschrift) verfangen nicht. Wir können uns hier mit 
ihnen nicht auseinandersetzen, da wir diesen Aufsatz nicht mit Methodologie über- 
lasten wollen. 



CHARAKTEROLOGIE UND PSYCHOANALYSE 
von Hans Prinzhorn 

/. Geschichtliches 

Während die Psa. die meisten Wissenschaften in reifem ausgewach- 
senem Zustande antraf und sich als Eindringling gegen den festen Halt 
von Traditionen durchzusetzen hatte, die oft über Jahrhunderte zurück- 
reichen, mußte die Beziehung zu einigen jungen oder gleichzeitig ent- 
stehenden Wissenschaften von vornherein ganz andersartig sein. Es han- 
delt sich dabei in erster Linie um Soziologie und Charakterologie. Und im 
letzteren Falle hat sich nun die Beziehung ganz paradox gestaltet, indem 
nämlich der Ausbau der Charakterologie durch Klages etwa um ein Jahr- 
zehnt dem ersten Ausbau der Psa. durch Freud folgte und bewußt in einem 
Gegensatz dazu gehalten wurde, so daß z. B. die biologische Trieblehre, die 
im System der Psa. die Hauptrolle spielte, geradezu vernachlässigt wurde. 
In der Zeit der stärksten Entwicklung der psa. Lehre 1900— 1910 existierte 

95 



also eine Charakterologie in vollem Sinne, die durch das gedruckte Wort 
jedermann zugänglich gewesen wäre, noch nicht. Wohl aber lagen in den 
unter Psychologen sehr verbreiteten «Graphologischen Monatsheften» die 
Aufsätze und Grundlinien der Psychologie von Klages um die Jahr- 
hundertwende bereits vor. 

Die wertvollen aber methodisch unzulänglichen Versuche einer Cha- 
rakterologie von Bahnsen, hauptsächlich 1860 — 70 veröffentlicht, waren 
fast unbeachtet geblieben. Charakterologie im vollen Sinne, mit haltbaren 
Grundbegriffen, weitem Horizont und einem festumrissenen Forschungs- 
gegenstand gibt es erst, seit Klages 1910 seine «Prinzipien der Charaktero- 
logie» veröffentlichte, die seither als fruchtbarer Keim einen stark wach- 
senden Baum im Walde der Forschung haben entstehen lassen. Er berief 
sich sowohl auf Bahnsen als Wegbereiter, wie auch vor allem auf Nietzsche 
als den Begründer der künftigen eigentlichen Seelenkunde und auf C. G. 
Carus als den letzten Träger eines (Goetheschen) Weltbildes, in dem der 
Mensch richtig eingeordnet war in das Reich der Natur formen und 
-kräfte. 1 ) Dieser Entwurf einer Charakterologie, zuerst von Jaspers 1913 
in seiner Bedeutung für alle Persönlichkeitspsychologie richtig erkannt, 
wuchs sich inzwischen einerseits zu einer genauen Lehre von den Einzel- 
zügen, den Nuancen der verschiedenen Charaktere aus und andrerseits 
zu einem philosophisch unterbauten Gesamtbild vom Menschen als einem 
mit Geist begabten Lebewesen. 

Da nun der Ausbau der Charakterologie zeitlich auf weite Strecken mit 
dem der Psa. parallel läuft, so wären an sich verschiedene Möglichkeiten 
der Auswirkung von der einen auf die andere Lehre gegeben. Auffal- 
lenderweise ist für beide Lehren die Zeit der großen Expansion um 1920 
angebrochen, und zwar zugleich in verschiedenen Fachwissenschaften wie 
im allgemeinen Zeitinteresse. Der Problemkreis «Persönlichkeit» trat 
in Psychologie, Biologie, Medizin in den Vordergrund — wer kann 
sagen, aus welchen tieferen Gründen? Und wieweit dabei Nietzsche 
direkt in den führenden Köpfen seine Wirkung tat oder ob erst 
Freud, oder Klages den Hauptanstoß gaben? Jedenfalls ist es natürlich, 
daß man sich hauptsächlich um diese beiden Systeme einer Persönlichkeits- 
Psychologie bemüht, da sie eine gewisse Geschlossenheit besitzen, ohne 
pädagogisch oder ethisch auf praktische Ziele festgelegt zu sein. Aber 
wichtiger ist wohl eine andere gemeinsame Eigenschaft der psa. und cha- 
rakterologischen Erfassung des Menschen : beide beruhen auf einer sehr 
breiten Erfahrungsgrundlage, die bei Klages zwar durch das Vorwalten 
graphologischer Methoden bei riesigem Material zeitweilig ein wenig 
eingeengt war auf bestimmte Fragestellungen, bei Freud auf bestimmte 
Typen des dem Leben gegenüber versagenden Menschen (durch sein 
Neurosen-Material), aber dennoch in beiden Fällen einen gewaltigen Vor- 
sprung sicherte vor allen gleichgerichteten Versuchen seitens der Schul- 
psychologie. Diese war und blieb in erster Linie angewiesen auf Material 
aus zweiter Hand, was den persönlichen Aufbau des Individuums anlangt. 



96 



Selbstbeobachtung und Experimente unter künstlichen Bedingungen kön- 
nen solche Erfahrungen am Lebendigen unter verantwortlicher Einsetzung 
der eigenen Persönlichkeit nie ersetzen — eher schon alltäglicher Lebens- 
kampf. 

Aber auch dieser gemeinsame Vorsprung durch reiche praktische Er- 
fahrung kennzeichnet noch nicht die intime Beziehung beider Betrach- 
tungsweisen und den tiefsten Grund der Gegenspannung, die bis heute 
zwischen ihnen besteht. Diese untergründige Problematik enthüllt sich 
erst, wenn man sich klar macht, daß beide Sprossen an einem Stamme sind, 
freilich aus höchst konträren Substanz-Mischungen gezeugt : die ent- 
larvende Psychologie FriedrichNietzsches ist für 
beide wesentlich verantwortlich 2 ). So herrscht zwischen 
beiden etwas von der bittersten Feindschaft, die es gibt, der zwischen un- 
gleichen Brüdern, die im Geiste desselben Ahnen Verschiedenes tun und 
preisen, aber aus so verschiedener Gesinnung, daß eine Einigung unmög- 
lich ist. Während nun die Psa. einen einzelnen Strahl aus Nietzsches Geist 
verabsolutiert und gleichsam durch das Prisma einer raffiniert angelegten 
Methode aufspaltet bis in seine letzten Konsequenzen, ringt Klages offen 
mit dem übermächtigen und gefährlichen Ahnen, um in weitesten Mensch- 
heits-Horizonten das Menschenbild rein herauszustellen, das Nietzsche in 
großen Umrissen entworfen hat. So ist noch seine vernichtendste kri- 
tische Bloßstellung menschlicher Schäbigkeit getragen von Ehrfurcht und 
Dienst an der Instanz, in deren Namen sie geschieht : in sich ruhende Voll- 
endung des schöpferischen Lebens, Ablehnung der gefährlichsten aller 
Selbsttäuschungen, die im 19. Jahrhundert gipfelte, als sage die «Evidenz» 
eines Urteils und gar die logische Schlüssigkeit irgend etwas Gültiges aus 
über die Lebenswirklichkeit, auf die sie sich beziehen. Nietzsches tiefes 
Wort : «Ein anderes ist die Tat, ein anderes das Bild der Tat — das Rad 
des Grundes rollt nicht zwischen ihnen» ist nur eines von vielen ähnlich 
gerichteten Wahrworten, die um die Erkenntnis kreisen, daß der sensua- 
listische und der logizistische Irrtum unser Weltbild am schlimmsten ver- 
fälscht haben. In dieser Hinsicht ist Klages sein Vollstrecker — vielleicht 
sein Vollender, 3 ) 

Indem die Psa. hingegen eine Art Exegese von Nietzsches einem Satze 
treibt : «Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen ragt bis in 
die letzten Gipfel seines Geistes hinauf», und diese Facette am Bilde des 
Menschen zunächst für das Wesentliche erklärt, entsteht ein Dogma, von 
dem aus alle anderen Facetten als sekundäre dargestellt werden. So ist es 
aus dem Denkprinzip der Psa. wohl zu verstehen, daß die charakterolo- 
gischen Unterschiede der Individuen zunächst keine Rolle spielen konnten, 
da sie das unter logischen Gesichtspunkten abgesteckte Arbeitsfeld der 
Methode störten. Ebenso versteht man aber von hier aus die Entwicklung 
der psa. Lehre seit etwa 19 20 : mit der wachsenden Geltung, die Charakte- 
rologie, Konstitutionslehre, Erbforschung als Glieder einer entstehenden 
Persönlichkeits-Psychologie fanden, drängte sich die Notwendigkeit auf, 

7 Prinzhorn, Psa. 97 



die ursprüngliche einfache Trieblehre zu erweitern. An Beobachtungs- 
material kann es ja bei der intimen Arbeitsweise der Psa. nicht gefehlt ha- 
ben. Aber in der psa. Literatur erschien wenig davon (Freuds Studie 
«Charakter und Analerotik», 1908, blieb ohne methodische Folgen). Wir 
erörtern einige sehr interessante Einzelheiten der Wandlung seit 1920 spä- 
ter noch und verweisen hier nur auf den Beitrag von H. Kunz, in dem die 
immanente Grund-Einstellung der Psa. zum Menschen und zum Leben 
systematisch festgelegt und auf ihren metaphysischen und weltanschau- 
lichen Gehalt geprüft wird. 4 ) Zum Verständnis der seit einigen Jahren 
regen Bemühungen, eine psa. Charakterologie aufzubauen, ist es wichtig, 
ganz klar herauszustellen, inwiefern über die grundverschiedene Einstel- 
lung zum Lebensganzen hinaus schon der einfache Gegenstand des 
Forschungsinteresses bei beiden Betrachtungsweisen streng genommen ein 
anderer ist. 

//. Der begrenzte Gegenstand der Psychoanalyse und seine natürliche 
Erweiterung durch Charakterologie 

War auch, wie erwähnt, beiden psychologischen Systemen eine Haupt- 
richtung gemeinsam : jene entlarvende Tendenz, wie sie Schopenhauer und 
Nietzsche als kulturkritische Grundhaltung eingeführt haben, so legte sich 
doch die psa. Lehre zunächst mit großer methodischer Konsequenz auf 
eine Art Koordinaten-Achse des psychologischen Denkens fest, in die sie 
alle Einzelbefunde konstruktiv einordnete. In dieser Scheinklarheit eines 
Bezugssystems für die Mannigfaltigkeit menschlicher Verhaltungsweisen 
beruhte großenteils die suggestive Kraft, aber auch die irritierende Ein- 
tönigkeit der früheren Lehre. Es darf nicht abgeleugnet werden, daß For- 
mulierungen von dem Typus : ein Kunstwerk ist kausal abzuleiten aus der 
Libido-Entwicklung seines Urhebers, oder gar: nichts als Sublimierung 
eines Sexualwunsches, dessen Verdrängung andernfalls zur Neurose ge- 
führt hätte u. dergl. m., damals veröffentlicht worden sind mit dem Unter- 
klang, als werde hiermit Wesens-Erkenntnis geboten. Erst recht aber 
galten Libido, Verdrängung, Sublimierung, als wichtige Faktoren für den 
Aufbau des Menschen, wie zum Verständnis seines Wesens. 

So richtig gesehen die triebhaften Wurzeln aller menschlichen Ent- 
wicklungsstufen immer sein mochten, damals war es selbst Gutwilligen 
schwer, sich mit der psa. Theorie einzulassen. Denn Voraussetzung jeder 
Diskussion war doch (und ist auch heute noch vielfach), daß man zugab, 
es lasse sich mit dieser Methode nicht nur das eigentlich Wirkende in je- 
dem Menschen feststellen, sondern auch das Kulturganze erklären. Ge- 
genstand des psa. Forschungs-Interesses war aber ganz eindeutig : die Be- 
ziehung aller menschlichen Kulturgebilde zur Triebschicht, und das hieß 
fast uneingeschränkt zur Sexualität. So gut wie ein Mythos, ein Sprich- 
wort ein Kunstwerk, ein Traum usf. Material zu Sinndeutungen in dieser 
Richtung auf die Triebsphäre waren, und einer methodischen analytischen 
Reduktion den ihnen zugrunde liegenden Gedanken preisgeben sollten, 

98 



ebenso gut verstand es sich für die frühere psa. Theorie von selbst, daß 
Charaktereigenschaften nicht nur Fehlbildungen der Libido-Entwieklung 
sein könnten, sondern sein müßten. In der Zeit der Symptom- Analyse, 
die man im Namen reiner Empirie über fast 20 Jahre unbeirrt beibe- 
hielt, wurde man wohl einmal auf die gesetzmäßige Verbindung eines 
Charakterzuges mit einem Symptom aufmerksam — am bekanntesten: 
Geiz und Eigensinn mit dem Haften der Libido an der Anal-Zone — aber 
damit war eben wiederum der Theorie ein Beweisstück erobert, nicht der 
Beobachtung eine neue Richtung gegeben. Gegenstand der Psa. blieb noch 
die Triebanalyse als Rückführung der bunten Persönlichkeitswelt auf we- 
nige Triebfaktoren oder Auflösung der Sublimierungen bis zur Trieb- 
schicht, wo das Eigentliche, das Wirkende geschehe. Bei dieser Zentrie- 
rung auf die kausale Genese jeglicher Persönlichkeit wie jegliches Kultur- 
gebildes kamen Fragen der Struktur, der Qualität, der Substanz fast gar 
nicht zur Geltung, jedenfalls nicht soweit, daß sich die Notwendigkeit er- 
geben hätte, durch charakterologische Fragestellungen den Gegenstand 
der psa. Forschung zu erweitern. 

Diese starre Konsequenz wirkte, zumal wo sie sich an kulturell hoch- 
stehenden Werken versuchte, ungemein peinlich, war aber, was nicht ver- 
gessen werden darf, methodisch begründet in der Forderung, vom Boden 
der Libidotheorie aus möglichst ohne begriffliche Anleihen rein psycho- 
logisch das Kulturganze zu durchdringen. Erst mit Freuds Schrift «Das 
Ich und das Es» (1923) ist der Bann gebrochen, wie das aus dem engsten 
Kreise seiner Anhänger wiederholt ausdrücklich geschildert worden ist, 
am übersichtlichsten in der Einleitung des Buches von W. Reich : «Der 
triebhafte Charakter» (1925) 5 ). Die Psa. hat es, so heißt es dort, «eifrigst 
vermieden, mit fertigen, konstruktiven Theorien an die Persönlichkeit des 
Kranken heranzutreten; im Prinzip auf genetisches Begreifen eingestellt, 
sozusagen als Embryologie der Psyche, mußte sie den mühevolleren und 
längeren Weg der Detailuntersuchung gehen, was durchaus auf die Thera- 
pie einwirkte ... Es ist daher die psa. Therapie derzeit ebenso unab- 
geschlossen, wie ihre Theorie. Die ideale Voraussetzung der psa. Thera- 
pie wäre aber das vollkommene genetische Erfassen des 
Kranken.» (S. 6.) 

Dem methodisch denkenden Analytiker bietet sich nur eine Brücke 
zur Wiederentdeckung des sonst geläufigen Tatbestandes «Charakter», 
«Persönlichkeit» u. ä. : als Freud den Akzent «vom Erraten des un- 
bewußten Sinnes eines Symptoms und dessen Mitteilung an den Patien- 
ten» auf das «Erkennen und Beheben der Widerstände» verlegte (um 
1914), war der erste Stein zu dieser Brücke gehauen. Auf die Einzel- 
heiten des Umschwunges, an dem Ferenczi, Rank, Abraham, Alexander, 
Reich am lebhaftesten beteiligt waren, wollen wir nicht eingehen, man 
liest sie am besten bei Reich nach. Unter der Fiktion, durch Auflösung 
von neurotischen Symptomen und den (formal) als parallel-laufend auf- 
gefaßten Sublimierungen das eigentlich Wirkende zu finden und alle 

7* 99 



Hemmungen auf diesem Deutungswege einheitlich als rein dynamisch- 
unpersönliche «Widerstände» uniformieren zu dürfen, wurden inter- 
essante und wertvolle Funde gemacht: die Reichweite des Erinnerungs- 
vermögens erwies sich als erheblich tiefer, die Rolle der Sexualität als 
vielseitiger und vor allem typischer, als man bis dahin anzunehmen geneigt 
war (Klärung der Organisationsstufen der Libido!). Zugleich freilich, 
blendete die theoretische Konstruktion, in der man diese Funde ordnete, 
ganze Lebensbereiche ab : die Wertsphäre, die metaphysische und religiöse 
Sphäre, die Gemeinschaftssphäre (Soziologie), ja, die Persönlichkeits- 
sphäre (Charakterologie). In diesen letzteren beiden aber bewegte sich 
doch die ganze Bemühung. Insoweit sind kritische Bedenken grundsätz- 
licher Art berechtigt : der Gegenstand der Forschung — die Persönlichkeit 
— wurde nicht nur nicht analytisch durchleuchtet, sondern vielmehr prak- 
tisch wegdisputiert durch Verabsolutierung des sexuell zentrierten bio- 
logischen Grundwesens als eigentlich wirkender Instanz und durch Rela- 
tivierung der menschlich-persönlichen Entwicklung als eines täuschenden 
sekundären Überbaus. 

Der Wendepunkt war erreicht, als man sich gezwungen sah, die an- 
gedeutete «Abbiendung» aufzuheben. Daß der «Widerstand» lediglich 
das Verdrängte und das Verdrängende enthalte, mußte sich auf die Dauer 
als eine allzu inhaltsarme und konstruktive Formel erweisen ) — schließ- 
lich setzte sich die lebendige Erkenntnis durch, die sich dem Unbefangenen 
nie verborgen hat: «jeder Widerstand erhält sozusagen von der Gesamt- 
persönlichkeit seinen spezifischen Charakter». — «Ist man aber einmal 
über den Standpunkt der reinen Symptomanalyse hinausgekommen, hat 
man einsehen gelernt, daß es nicht auf die analytische Beseitigung des 
Symptoms, sondern auf die der neurotischen Reaktionsbasis, d. h. des neu- 
rotischen Charakters ankommt, wenn man Unfähigkeit zu Rezidiven, 
m. a. W., wirkliche Heilung erreichen will, so muß auch an Stelle der 
Symptomanalyse die Charakteranalyse treten. Es ist aber noch nicht lange 
her, daß die Charakteranalyse in den Vordergrund der analytischen Ar- 
beit gestellt wurde.» (W. Reich, S. 7.) «Mochte die wissenschaftliche 
Genugtuung des ärztlichen Analytikers noch so groß sein, Symptome ver- 
stehen, einzelne Charakterzüge auf ihre Quelle zurückführen und kau- 
sale Therapie ausüben zu können — man konnte sich niemals über den 
Mangel einer systematischen Charakterologie hinwegtäuschen, der um so 
empfindlicher wurde, als die therapeutischen Erfahrungen eindringlich 
auf die überragende Bedeutung der Charakteranalyse hinzuweisen be- 
gannen.» (Ebenda S. 9.) 

Damit ist der Bann gebrochen, der die Psa. trotz ihrer weiten Ver- 
breitung durch systematische Propaganda von dem freien Gedankenaus- 
tausch mit der nächstverwandten Wissenschaft trennte. Das Tabu, das 
auf «Person», «Charakter», «Ich», lag, ist aufgehoben. Auch die letzte 
Veröffentlichung über die «Grundlagen der Psa.» von Heinz Hartmann 7 ), 
zugleich die einzige weitangelegte Arbeit dieser Art vom psa. Boden aus, 



100 



i 



gelangt erfreulicherweise zu einem Urteil über diese nachbarlichen Be- 
ziehungen, mit dem man sich befreunden kann: «Die Psa. kann ihrer 
Forschungsrichtung entsprechend nur Beiträge zu einer Charakterologie 
liefern und bleibt auf diesem Gebiet mehr noch als auf anderen auf die 
Ergänzung durch typenpsychologische und deskriptive Arbeit angewiesen» 
(S. 152). Diese Einsicht ruht auf der von Hartmann verfochtenen These : 
«Psa. ist nur als rein empirische Naturwissenschaft zu begründen». Hier 
wäre höchstens anzufügen, daß es zur Realisierung dieser bislang von psa. 
Seite keineswegs anerkannten Rangordnung innerhalb der Persönlich- 
keitspsychologie höchste Zeit ist, sonst werden alle Einigungsbemühungen, 
wie einzelne Forscher sie seit Jahren meist unter sauersüßer Neutralität 
von seiten der Psychologen und ex cathedra-Ablehnung von seiten des 
psa. Kreises versuchen, umsonst sein. 

III. Der Gegenstand der Charakterologie und die Anknüpf ungsstellcn für 
psychoanalytische Gesichtspunkte 

Wie stellt sich einer Charakterologie im strengen Sinne ihr For- 
schungsgegenstand dar, wenn man sie von Biologie, Soziologie und Welt- 
anschauungslehre säubert? 8 ) Soviel wir sehen, ist die Grundvoraus- 
setzung reiner Charakterologie, daß eine Schichtenlehre den richtigen Ort 
des Person-Seins innerhalb des menschlichen Seins überhaupt kenntlich 
macht. Mit der unseres Erachtens einzig möglichen Ordnung solcher 
Schichten, wie wir sie im Anschluß an Carus, Nietzsche und Klages ver- 
sucht haben («Um die Persönlichkeit», S. 90 ff.), stimmen in dem neueren 
Schrifttum vorwiegend zusammen : Scheler, Pfänder, Häberlin, Allers. 
«In einer äußeren „W irkungs- oder Leistungsschicht" 
tritt uns der Mensch objektiviert, gleichsam ohne Ansehung der Person 
entgegen. Erst durch eine zweite „Schicht der latenten Fä- 
higkeiten oder des Wissens und Könnens" dringen wir in die dritte 
des „persönlichenSein s", wo wir den Privatmenschen mit seinen 
Anlagen, Eigenschaften, Gefühlen, Wünschen, Impulsen, Trieben finden. 
In den Schranken eines Temperamentes, eines Charakters erleben wir die 
Sonderart eines Menschen — ob darin ein psychologisch „nicht auflös- 
barer Wesenskern" oder aber nur ein reduzierbares vorläufiges Resultat 
der umweit-bestimmten individuellen Entwicklungskurve zu sehen ist, das 
bleibt eine der erfreulicherweise experimentell nicht lösbaren Fragen, die 
eben deshalb die Forschung dauernd in Atem halten. Aber jenseits dieses 
Ortes aller charakterologischen Einzelprobleme stoßen wir auf eine tiefste 
Schicht, die verschieden benannt wird, z. B. die „Schicht des rei- 
nen, allgemeinen (besser: elementaren) Seins, des 
Selbst, des Grundwesens, des Unbewußten" hier 
verblaßt der empirische Eigencharakter vor der Gewalt der Urphänomene 
und wiederum geschieht alles hier, wie in der äußeren Leistungsschicht 
„ohne Ansehung der Person".» 

101 



«Die Erkenntnisse ethnologischer und im weitesten Sinne völker- 
psychologischer Forschung können uns, z. T. unter psychoanalytischen An- 
regungen, lehren, daß in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit 
der Versuch, eine ähnliche Schichten-Ordnung anzulegen, sinnvolle Auf- 
schlüsse ergibt. Hier würde es sich so verhalten, daß unter primitiven 
Verhältnissen die beiden unpersönlichen äußersten Grenzschichten ein- 
ander noch ganz nahe sind, weil die Schicht des Person-Seins ebenso wie 
die der differenzierten Fähigkeiten eine geringe Rolle spielt. Aus der tie- 
fen Schicht des elementaren Seins schlägt der Lebensvorgang gleich durch 
auf die Leistung, ohne in persönlichen Nuancen gebrochen zu werden. Mit 
fortschreitender Zivilisation gewinnt die mittlere Persönlichkeits-Schicht 
das Übergewicht und gefährdet die Geltung der Grenzschichten. Neigt 
sich der Akzent dabei nach der Seite der unpersönlichen Leistung, so be- 
deutet das Rationalisierung. Neigt sich der Akzent umgekehrt nach der 
Seite des unpersönlichen elementaren Seins, so wird das Grundwesen ge- 
sucht — in allen Spielarten des «Irrationalismus», wenn dieser wolkige 
Terminus als Sammelbegriff für religiöse und metaphysische Tendenzen 
einmal gelten darf.» 

«Charakterologie müßte ihren Gegenstand in den mittleren Schichten 
abgrenzen, sich aber jeden Augenblick bewußt bleiben, daß sie zwar 
mittlere Schichten bearbeitet, daß aber alles, was sich an Einzelzügen vor- 
findet, oder heraushebt aus dem Bestände von Einzelcharakteren, aus- 
nahmslos eingespannt ist in zwei gegensätzliche Kraftfelder. Ein solches 
vollkommen freies Beobachtungsfeld ist freilich nur wenigen zugänglich, 
wie es scheint — ihnen aber ordnet es sich in großen Zügen dieser Skizze 
entsprechend, so daß erst bei der Einordnung kultureller Einzelgebilde 
Meinungsverschiedenheiten entstehen.» 

Das Hauptanliegen einer echten, ihres Gegenstandes bewußten Cha- 
rakterologie (und d.h. bis etwa 1920: das Hauptanliegen von Klages) mußte 
also sein, noch die feinste Nuance eines persönlichen Zustandes, einer 
Eigenschaft, einer Verhaltungsweise zu «charakterisieren» vom 
Standpunkt desLeben sganzen — dazu verpflichtet die eigens 
angerufene Ahnenschaft von Goethe-Carus, Nietzsche und, auf engerem 
Boden, Bahnsen. Hier liegt schon ein radikaler Gegensatz zu dem psa. An- 
satz, der unbedingt im Namen der Ratio erfolgt. Es ist aber 
zum Verständnis der reinen Charakterologie von Klages unerläßlich zu 
wissen, welcher Art denn jenes Lebensganze eigentlich ist, in dessen Na- 
men oder unter dessen gebieterischem Gesetz «Eigenschaften» geschieden 
werden. Dies Lebensganze ist keineswegs enthalten in dem mechanisti- 
schen oder vitalistischen Lehrgebäude der Biologie von 1900. Noch ist es 
ein Leben, das aus «Tatsachen des Bewußtseins» und einer materiellen 
Grundlage dazu psycho-physisch sich koppeln ließe, noch ein ethisch- 
religiös gerichtetes Leben. Sondern es ist ein leib-seelisch einheitliches, 
schöpferisch wachsendes Geschehen, das in rhythmischen Abläufen pola- 
risiert ist, ohne Bewußtsein, in sich vollendet. Auf dieser elementaren, 

102 



tiefen Stufe «leben» Mensch, Tier, Pflanze, Erdnatur und Kosmos im 
wesentlichen unter gleichen Gesetzen, so daß die Unterscheidung von 
«lebloser» und «belebter» Natur angesichts der Gewalt dieser Einheit 
wenig wichtig bleibt. Der «Geist» des Menschen aber, am reinsten sich 
auswirkend in seinem zielstrebig bewußten Willen, setzt die große Spal- 
tung und Spannung in dies elementare Leben, indem er den Menschen 
aus diesen Naturbindungen löst, ihm Freiheit schenkt. Mit dem Bewußt- 
sein entsteht die Person, das Ich, das Denken. 

Alle menschliche Lebensentwicklung ist also unter zwei Urmächten zu 
verstehen: der elementaren, aus dem Einklang mit den vom Menschen 
unabhängigen Wachstumskräften sich nährenden, unbewußten, schöpfe- 
rischen auf der einen Seite, die man als beseeltes Leben abgrenzen kann — 
und dem nur menschlichen Geist, der in Bewußtsein, Sprache, zielstre- 
bigem Denken und Wollen sich kundgibt, auf der anderen Seite. Zum 
Gegenstande der Charakterologie gehört es aber nicht nur, Eigenart und 
Struktur einzelner Persönlichkeiten deskriptiv zu erfassen, sondern ge- 
rade auch, Wesenskern und Beiwerk (zumal soziologischer Art) ausein- 
anderzuhalten, ein richtiges Gesamtbild des Menschen zu entwerfen und 
dieses in den Zusammenhang des Lebensganzen und des Weltganzen ein- 
zuordnen. Das Wirklichkeits-Relief, das wir rein herausarbeiten müssen, 
soll uns zwingen, der Sonderart des menschlich Lebendigen gerecht zu 
werden, indem wir sowohl die unergründliche Tiefe des Ursprungs für 
jedes Einzelwesen anerkennen und einsichtig zu machen suchen, als auch 
die unendliche Mannigfaltigkeit der Endformen bewußter Persönlichkeits- 
ausprägung einer sorgsamen Betrachtung für wert erachten. 

Entschließen wir uns also dazu, in einer nur mehr metaphysisch zu 
nennenden Tiefenschicht, im Grundwesen jegliches Einzelmenschen et- 
was von Substanz, von Tönung, von Richtung, von Gestaltmöglichkeit, 
von Idee anzunehmen, so ist das entscheidend für die gesamte Auffassung 
von Anlage, Vererbung, Begabung. Jedenfalls aber widerstreitet diese 
Annahme eines «Grundwesen» (die über Klages hinaus A. Pfänder bei- 
nahe bis zur christlichen Individualseele durchführt) nicht etwa der An- 
erkennung einer Entwicklungskurve, die vom Milieu und zahlreichen «Zu- 
fällen» des individuellen Daseins geformt, verbogen, unterdrückt ist. Und 
ebensowenig einer typischen Genese gemäß einem Schema «Organisations- 
stufen der Libido» und deren regelrechter oder gestörten Abfolge. 9 ) 

Wir gewinnen, wenn wir uns an die Vorstellung gewöhnen, es wurzele 
jede «Eigenschaft» in irgendeiner Schicht, sei es in einer der peripheren, 
der Leistung, der latenten Fähigkeiten, des persönlichen Seins, sei es 
schließlich im unbewußten Grundwesen, eine ganz bestimmte Perspektive 
für alle Charakterologie: wir gewöhnen uns, an die zwei Fronten zu 
denken, die allem persönlichen Sein eigen sind. Und zugleich sind wir da- 
mit gesichert gegen das gefährlichste Mißverständnis, das von der psa. 
Lehre ausgegangen ist, und von Freud erst in jüngster Zeit etwas aus- 
geglichen wird : als sei nämlich «das Unbewußte» wesentlich gleich «dem 

103 



Triebhaften», oder gar «der Sexualität», dieser rein menschlichen Parodie 
auf die schöpferischen Wachstums-Wallungen des unbegeisteten Lebens, 
mit seiner unverwirrbaren rhythmischen Gliederung und Strenge. 

An unserem Schichten-Gleichnis kann man sich leicht anschaulich 
machen, wie die Einengung des psa. Forschungs-Gegenstandes zustande 
kommt : der Mensch wird hier von seiner äußersten, unpersönlichsten 
Leistungsschicht aus sozusagen visiert auf die Schicht des Unbewußten 
hin, die künstlich auf «Trieb» zentriert ist. Die mittleren Schichten gelten 
als unwesentliche Trübungen. Bei dieser Blickrichtung erscheint das ratio- 
nale Gerüst der bewußten Leistung projiziert auf die unbewußte Trieb- 
schicht und beide Schichten werden mit den gleichen Kategorien bearbeitet, 
nämlich der Ratio, der Logik und der Kausalität, die in der genetischen 
Verbindung von dem triebhaft-unbewußten Geschehen zum bewußten 
Verhalten hin «ohne Ansehung der Person» herrschen sollen. Denn Phä- 
nomene wie «Persönlichkeit» (ebenso wie «Werte») bedeuten dieser An- 
schauungsweise nur unwichtig-störende Brechungen des eindeutigen bio- 
logischen Ablaufs. 

IV. Aus der psychoanalytischen Charakterlchre 

Wenn für die Psa. rein empirisch der Zwang entstand, sich mit cha- 
rakterologischen Problemen zu beschäftigen, so bietet sich uns nun anschau- 
lich die Erklärung: weil sich die Fiktion, als geschehe in den mittleren 
Schichten nichts von Belang, für die Dauer nicht aufrechterhalten ließ. Da- 
bei fand sich sogleich eine willkommene Erleichterung. Die Gewohnheit, 
jede Regung womöglich genetisch zu verstehen und alles Konstitutionelle 
soweit irgend angängig in genetisch verständliche Hergänge aufzulösen, 
legte die Formulierung nahe, daß der Charakter des Ich ein Niederschlag 
der aufgegebenen Objektbesetzungen sei, die «Geschichte dieser Objekt- 
wahlen» enthalte. (Freud.) Dies heißt, es forme sich eine Charakter- 
eigenschaft etwa aus Liebe zum Vater («Objektbesetzung») und werde 
verstärkt oder abgewandelt dadurch, daß ein Führerfreund durch (unbe- 
wußte) Gleichsetzung mit dem Vater dessen Rolle in der Entwicklung 
übernehme. «Wir haben seither verstanden, daß solche Ersetzung einen 
großen Anteil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, 
das herzustellen, was man seinen Charakter heißt» (Freud). 10 ) 

Die Wandlungen in Freuds Lehre, die 1920 — 23 sich vollzogen haben, 
lassen sich in ihrer Bedeutung für die Anhänger der strengen Psa. nur vom 
Boden der strengen früheren Lehre ganz erfassen. Von außen, vom Stand- 
punkt eines freien Persönlichkeits- Psychologen, der einfach den psa. Be- 
mühungen offen ist, wie allen anderen Erkenntnissen auch, sieht es so 
aus: als die ursprüngliche Libido-Theorie die unausweichlichen Sach- 
verhalte der wachsenden Erfahrung nicht mehr trug, folgte die Unter- 
scheidung von Sexualtrieben, die nach dem Lustprinzip u. a. der Arterhal- 
tung dienen, und Ichtrieben, die nach dem Realitätsprinzip für verständige 
Umwelts- Anpassung des Individuums sorgen. Aber auch diese in mancher 

104 



Hinsicht praktische Einteilung faßte die immer wieder andrängende Fülle 
der seelischen Wirklichkeiten nicht. Und so geschah die menschlich so feine, 
seltene und aufrührende Wendung in dem fast Siebzigjährigen: Freud 
gab zu, daß der Boden seiner durch 30 Jahre verfochtenen Lehre zu eng 
sei, ja, er ließ ein Grunddogma fallen, in dessen Namen manche Verdam- 
mung ergangen ist — das Dogma von der einlinig-einheitlichen Erklär- 
barkeit aller Lebensvorgänge mittels der Libido-Theorie. Am wichtigsten 
ist der Übergang der «Metapsychologie» (wie man diese neue philoso- 
phische Phase der Freud'schen Lehre gern nennt) zu einem Ur-Dualismus, 
der nicht mehr im Umkreise des täglichen Lebens die Gegenspieler-In- 
stanzen sucht («Zensur» u. dergl.), sondern ins Metaphysische vorstößt. 
Es ist nun von Lebenstrieben, vom Wiederholungszwang und Todes- 
trieben die Rede. (Näheres darüber in den Abschnitten Metaphysik und 
Biologie.) Freuds Sprache hat sich gewandelt. Wo früher die Haltung 
des wissenden Interpreten, des Priesters einer Sache (die doch er selbst 
war) den Ton bestimmte, da ringt jetzt ein weise gewordener Mensch mit 
den letzten Dingen um seine reichen Erfahrungen und oft um die Revi- 
sion der vorschnellen Dogmen, in die sie einst gekleidet wurden. Es muß 
gerade an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß die aus persön- 
lichem Zwange konstruierten Schranken der Psa. Jahrzehnte hindurch den 
Weg zu einer Persönlichkeitspsychologie versperrt haben, die doch 
ihr natürliches Ziel bedeutet. Auf keinem anderen Fachgebiete spielen 
solche inneren Wandlungen eine annähernd gleich wichtige Rolle — über- 
all sonst wirken in erster Linie die Hauptbefunde anregend und 
dann stört die unzulängliche theoretische Formulierung nicht so sehr, da 
nun einmal jedes Fach seine Privat-Formulierungen prägt. Aber für die 
Psychologie der Person, die seit Nietzsche im Entstehen ist, war es ver- 
hängnisvoll, daß die Psa. kompromittiert ist durch Formulierungen von 
dem Typus : wir wissen seit Freud, daß diese oder jene Eigenschaft «nichts 
als» verdrängte oder sublimierte Sexualität verrate. — 

Wie stellt sich nun der neuen dualistischen psa.Lehre die menschliche 
Persönlichkeit dar? «Das Unbewußte» war früher im wesentlichen der 
Ort der verdrängten Wünsche, hauptsächlich aus infantil sexueller Wur- 
zel. Heute ist es, nach einem Schema, das Freud im «Ich und Es» gibt, 
das weite Wirkungsfeld aller Triebe und Leidenschaften, amoralisch, den 
Anteil des Einzelnen am überpersönlich-lebendigen .Sein repräsentierend. 
Die neue Auffassung wird nun auch durch einen neuen Namen kundgetan : 
auf Anregungen aus seinem engeren Kreis (Groddeck) wählt Freud zur 
Kennzeichnung der anonymen vitalen Macht, der gegenüber man auf ra- 
tionale Nachrechnung von Kausalzusammenhängen verzichten muß, das 
«Es». Mit diesem sehr suggestiven und nicht leicht mißverständlichen 
Wort hat Nietzsche am nachdrücklichsten den unpersönlichen Charakter 
des Lebensgeschehens festzuhalten gesucht — auch die Formulierung: 
«Du wirst gelebt», stammt von ihm. In dieser Anschauung ist Nietzsche 
einig mit C. G. Carus. Und auf beide hat sich 1910 Klages berufen, als er 

105 



den grundlegenden Unterschied von Gefühl und Wollung durch eine Fi- 
gur verdeutlichte, auf der das Ich, in der Mitte stehend, in entgegen- 
gesetzter Richtung mit dem Es durch hin und her gehende Gefühlspfeile 
verbunden war, mit der Handlung aber durch den einseitig gerichteten 
Pfeil : Wollung. 

Das Freudsche «Es» rettet die Psa. aus der drohenden Überratio- 
nalisierung, symbolisiert die unentrinnbare Einigung mit Jung (dessen 
Terminus «kollektives Unbewußtes» für denselben Lebensbereich vager 
ist), und, was wichtiger ist, mit der Charakterologie, die auf den Namen 
Carus-Nietzsche-Klages ruht. Das kommt in den Veröffentlichungen des 
Freud-Kreises seither zögernd zutage. Auf dieser neuen Basis wird das 
Vorläufige der psa. Lehre rasch zurücktreten hinter dem Allgemeingül- 
tigen, das jeden wissenschaftlich Denkenden verpflichtet. Allein schon die 
Einsicht, daß im weiten Reiche des wirkenden Es das Verdrängte nur 
einen ganz kleinen Raum einnimmt ; daß nicht mehr, wie früher, ein fast 
unpersönliches Lust-Ich und ein Real-Ich allein angenommen wird, son- 
dern ein organisiertes Ich von bestimmter individueller Struktur anerkannt 
werden muß, erleichtert jetzt den Kontakt mit der psa. Lehre ganz er- 
heblich. 

Die andere Seite der neuen Theorie betrifft die Abspaltung des soge- 
nannten Ideal-Ich oder Über-Ich, das nun an Stelle der früheren «Zensur» 
eine Rolle spielt, die etwa zwischen dem Pfänderschen Grundwesen steht 
und der Adlerschen Leitlinie und sich als Gewissen auswirkt, weil der 
Kontrast zwischen Forderung und realem Verhalten darin erscheint. Da- 
mit geht Hand in Hand die Anerkennung eines entsexualisierten Eros, 
der nun als gewaltige Macht in dem vielfältigen Spiel der Lebens- und der 
Todestriebe gilt. Von den Zerstörungstendenzen, der Angst, dem Gel- 
tungsdrang ist jetzt öfters die Rede, ohne daß die Beziehung zur Sexuali- 
tät überwertet wird. Die sehr tiefen Erwägungen über ein unbewußtes 
Schuldgefühl, Strafbedürfnis u. dergl. zeigen, daß die Spannung gegen 
die Abtrünnigen, Adler und Jung vor allem, im Schwinden ist, so daß die 
wirklichen Befunde dieser Psychologen nicht mehr als gleichsam un- 
statthafte, private Schüler-Ausflüge verboten, sondern wenigstens indi- 
rekt angenommen, oder vom eigenen System her nunmehr authentisch ge- 
macht werden. Wir Außenstehende freuen uns dieser Humanität, die 
der Sache der Persönlichkeitsforschung mehr zugute kommt, als jene 
Unduldsamkeit, die jetzt noch bei einigen Schülern wie ein wunderlicher 
Nachklang aus früheren Stadien des Meisters anmutet. 

Mit Freuds Aufspaltung des Ich in mehrere Instanzen hat es ge- 
nauer folgende Bewandtnis : während früher das Ich ein dynamisch-ener- 
getisch charakterisiertes Teilgebiet der psychischen Person war, das auf 
der Seite des Bewußtseins stand und für die Verdrängungen verantwort- 
lich war, die in ein Unter-Ich, das Unbewußte führten, gilt der späteren 
Lehre Freuds auch ein Teil des Ich als unbewußt — eben der Teil, der das 
Es repräsentiert. Hingegen hat sich «nach oben» ein ganz neuer, früher 

106 



nicht bemerkter Teil entwickelt — das Über-Ich oder Ich-Ideal, das dem 
realen Ich als Forderung vorschwebt. Erreicht das Ich dies Vorbild nicht, 
so regt sich in ihm ein Schuldgefühl, ein schlechtes Gewissen. Woraus 
baut sich aber dieses Über-Ich auf? Ist es ein allgemeines, d. h. ganzen 
Menschengruppen gemeinsames Ideal, von der Art, wie man früher Vor- 
bilder, Helden der Wunschphantasie einprägte? Nein, sagt Freud, jeder 
bildet sich sein Ich-Ideal zwangsläufig aus seinen Liebesobjekten von 
früher Kindheit an. Der Vater spielt die Hauptrolle, nach ihm andere ge- 
liebte und geachtete Menschen, auf die einmal die Libido des Heran- 
wachsenden fiel. Mit dem neutralen Wort «Objektbesetzung» werden im- 
mer noch die lebhaftesten Schwingungen des liebenden Menschen bezeich- 
net. Aber wichtiger erscheint Freud heute für die Charakterbildung die 
«Identifizierung» (etwa des Knaben mit dem Vater, dem Lehrer, um in 
dieser Gleichsetzung zu wachsen). Vielleicht ist diese Identifizierung über- 
haupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt! Wenn 
Freud den Charakter des Ich als die «Geschichte dieser Objektwahlen» 
und als «Niederschlag der aufgegebenen Objektbeziehungen» bezeichnet, 
so fällt uns die schöne Formulierung von Carus ein, daß der Mensch «ge- 
prägt werde von seiner affektiven Vergangenheit». Jedenfalls wird hier 
nun echt psychoanalytische Charakterologie getrieben, d. h. besser gesagt 
Charakter-Ätiologie. Die Genese des empirischen Charakters wird er- 
forscht, und zwar aus der Reihenfolge, der Eigenart und der Erledigung 
der Objektbesetzungen und Identifikationen. Es versteht sich, daß dabei 
die sexuelle Entwicklung als kennzeichnend für die Entwicklung der Ge- 
sirntpersönlichkeit genommen wird. In diesem Sinne spricht Freud vom 
nsycho-sexuellen Parallelismus. Wir denken da an Nietzsches Satz: 
«Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in die 
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.» 

Die hohe Bewertung des Über-Ichs oder Ich-Ideals in Freuds letzten 
Schriften gibt mancherlei zu denken. Wir begrüßen es, wenn an Stelle 
einer konstruierten, anonymen Zensur jetzt eine so persönlich-lebensvolle 
Instanz sich einstellt. Und wir begrüßen zumal die Formulierung : «Das 
Es ist ganz amoralisch, das Ich ist bemüht, moralisch zu sein, das Über-Ich 
kann hypermoralisch sein und dann so grausam werden, wie nur das 
Es». Die Staffelung der Moralen ist nicht ganz eindeutig, aber sie meint 
wohl Ähnliches wie Nietzsche in der «Genealogie der Moral» (II, 6) : 
«Alle Instinkte, welche sich nicht nach außen entladen, wenden sich nach 
innen», und «der Ursprung des schlechten Gewissens» liegt da, wo natür- 
liche Neigungen, «die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an der Ver- 
folgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung» gehemmt und ver- 
mieden werden, wodurch sie sich gegen den Menschen selbst wenden. Der 
Kern dieser Lehre vom Ich-Ideal und vom Es stimmt mit den Anschau- 
ungen von Jung und Adler gut überein und liefert einen wertvollen Bei- 
trag zur Persönlichkeits-Psychologie. Vorausgesetzt ist hier freilich, daß 
die unentrinnbare Konflikt-Situation des neurotischen Menschen von 

107 



heute d i e menschliche Situation überhaupt sei. Hier ist das Frage- 
zeichen zu machen. So gewiß der jüdisch-christliche Mensch seinem We- 
sen nach ein schlechtes Gewissen hat, sich strebend nach einem Ideal be- 
müht und durch überstrenge Disziplinierung sein Ich gegen das Es 
schützen muß, das für ihn nicht den elementaren Lebensgrund in seiner 
ganzen Fülle, sondern das hirnwütige, an Triebhypertrophie kranke Le- 
bensgefühl der Zivilisationsmenschen enthält, so gewiß ist dies eine weit 
verbreitete Abart des Menschen, nicht seine Urform ! 

V. Gegensatz zwischen psychoanalytischer und charakterologischer 

Betrachtungsweise 

Damit stoßen wir auf den tiefsten Gegensatz zwischen Charaktero- 
logie und Psa., der nicht methodisch und nicht mehr aus der Einstellung 
auf diese oder jene Schicht der Persönlichkeit zu verstehen ist, sondern 
nur aus den unvermeidlichen immanenten Wertungen, in denen beide 
Forschungsrichtungen sich bewegen. Hier liegen auch die Beweg- 
gründe, die es der Zeit- Wissenschaft so schwer machen, sich mit Freud 
und Klages zu einigen. Ziehen wir unter Vernachlässigung alles Details 
die metaphysischen Voraussetzungen ans Tageslicht, die sich in F r e u d s 
Psa. kundgeben, so würde auch in letzter Zeit noch dieKernformel 
lauten : der Mensch ein Triebwesen auf der Spitze der Tierreihe, durch 
Moralen (Zensur, Über-Ich) sich und sein Spielzeug, die Kulturen, er- 
haltend. Und die weltanschauliche Stimmungsformel : alles ist eitel, wir 
sind allzumal Sünder, der Tod ist der Sünde Sold und das einzig Ge- 
wisse, daher ist er das Ziel unserer Gedanken und vielleicht gar der 
Urtriebe. Wer rettet mich vom Elende dieses Todes? Das Denken, der 
Wille ! — Und die Kernformel für Klages : das Leben jen- 
seits des Geist-Einbruches beim Menschen ist vollendet in rhythmischen 
Wallungen. Die Vorrechte des Menschen (Trennung von Ich und Dingen, 
Zweckdenken, Willen) legen ihm schwere Leistungen auf, die eine im 
Laufe der Geschichte sich immer höher schraubende Gegensatzspannung 
zwischen der elementaren, beseelten, schöpferischen Lebensseite und der 
voll-bewußten, auf Iche, Dinge, Zwecke, gestellten Geist-Seite zur Folge 
haben. Die weltanschauliche Stimmungsformel würde hier lauten: lassen 
sich heute noch Einzelmenschen finden, die trotz der Geist-Zerspaltung in 
dem Sinne «echt» heißen können, wie elementare Lebensformen? Worin 
beruht die Eigenart solcher Menschen? Wie läßt sich die Tyrannis des 
Geistes in Schranken halten, des Geistes, der so viel Leben verfälscht ? — 
Indem man mit den Waffen des Geistes — für die Unversehrtheit des 
elementaren Lebens (des Es) und gegen die Übergriffe der Ratio 
kämpft !") 

Die Paradoxie alles Menschlichen will es, daß diese Position, die im 
Namen des Lebens aufgerichtet wird, eine gewisse Grausamkeit gegen 
ihre lebenden Objekte, die charakterologisch erkannten Einzelmenschen, 

108 



in sich birgt. Denn sie zwingt zu Unterscheidungen, Wertungen, bei 
denen einige Exemplare gestützt und anerkannt, andere im Namen des 
tieferen Lebens gerichtet, gebrandmarkt, geistig vernichtet werden. Was 
Nietzsche, Klages und anderen vorschwebt und als drohendes Pathos in 
den Prägungen ihrer Persönlichkeits-Psychologie sich auswirkt, das ist ein 
kulturphilosophischer Pessimismus, der im Namen der elementaren Le- 
bensfülle, die noch in Hochkulturen blühte, entweder die rationalisierte 
Lebensform der Zivilisation höhnisch verwirft, oder denn im Hinblick auf 
einen möglichen Reinigungsprozeß Ideale verkündet (Übermensch). 
Keineswegs muß hieraus ein schroffer Individualismus als Endziel folgen, 
wohl aber das Bild einer natürlichen Gliederung, als der einzig sinn- 
vollen Lebensform durch alle Variationen des Einzel- und Gruppen- 
Seins hindurch. 

Demgegenüber enthält schon der Ansatz der Psa., wenn er zunächst 
auf psychologische Auflösung aller persönlichen Prägung und zuletzt aller 
Formkräfte überhaupt führt, eine Relativierung aller Situationen, eine 
Atomisierung aller (an sich doch vitalen, nicht mechanischen) Gruppen, 
die Angleichung der Persönlichkeiten an ein Klischee- Wesen, das jeder 
Gliederung gegenüber mit dem Rechte aller oder des Durchschnittes ant- 
wortet. Und dies heißt: es bildet sich hier eine Gemeinschaft derer, 
denen an dem Beweis liegt, es sei im Vergleich mit der einheitlichen Trieb- 
grundlage die Mannigfaltigkeit der Formenwelt im gesamten Lebens- 
bereich nur abgeleitet, eine trügerische Vorspiegelung, ein bizarrer Um- 
weg zum Eigentlichen — als welches eben der Sexus erscheint, mit allem, 
W as man in seinem Namen erleben und denken könne. In der Einsamkeit 
seiner neurotischen Verstrickung erwächst einem gewaltigen Bruchteil 
der Zeitgenossen aus solchen Hirngespinsten Trost. Diese Communio 
pseudomystica, über der sich das freie Reich des Geistes erheben soll, als 
eine Demokratie privater Unternehmungen, deren relative Bedeutung teils 
der Erfolg bestimme, teils ihre Eignung, der Lehre eine neue Stütze zu 
liefern, fesselt freilich eine große Zahl unserer besseren Köpfe und viele 
der feineren Naturen unserer Zeit. Dadurch hat sie eine wichtige kultur- 
psychologische Funktion. Ob sie diese zu erfüllen vermag, steht dahin. 
Jedenfalls besteht ein Struktur-Zusammenhang zwischen der Einstellung 
zum Lebensganzen, der Opposition des Einzelnen gegen geschlossene 
Kulturformen, sei diese Opposition nun privat-charakterologisch (oder 
neurotisch) bestimmt, oder ideell durch kulturelle Denkgebilde : erhält die 
Formel «vor dem Triebe sind alle Menschen gleich» eine politische Wen- 
dung, so liefert sie eine unwiderlegbare biologische Fundierung für jeden 
Radikalismus zugunsten der großen Zahl. Wird diese Formel hoch ge- 
wertet, so folgt daraus eine unaufhaltsame Nivellierung der Menschen, 
wenigstens formal, im Denkapparat des so orientierten Betrachters. Dieser 
wird bei passivem Naturell als skeptischer Besserwisser gegen alle vitale 
Sonderung und Eigenart ironische Entlarvung versuchen. Bei aktivem 
Naturell wird er mit verschiedenartiger Intensität des Hasses, je nach 

109 



seinem Ressentimentsfonds, eine politische Form anstreben, in der diese 
materiell unwiderlegliche Triebgleichheit maßgebend ist. Dabei kann 
ebensowohl die humane, wie die frei-demokratische, wie die tendenziös 
kultur-nihilistische Seite dieser Gleichheitsideologie überwiegen. Die 
Rolle der Psa. in der Schweiz, in Amerika und in Rußland liefert gute 
Illustrationen zu den angedeuteten Spielarten der Auswirkung. 

Die Beziehungen zwischen Psa. und Charakterologie wurden hier 
vorwiegend in dem besonderen Sinne geprüft, wie weit innerhalb der Psa. 
im Laufe der Zeit Gesichtspunkte Platz griffen, die etwa zu der gleich- 
zeitig sich entwickelnden Charakterologie Brücken zu schlagen erlaubten. 
Dieses Vorgehen rechtfertigt sich dadurch, daß die Psychoanalyse ur- 
sprünglich den Gegenstand der Charakterologie, wie wir ihn heute deut- 
licher zu sehen beginnen, nicht nur nicht sah und nicht anerkannte, son- 
dern ausdrücklich als Fiktion wegzuschaffen trachtete. Trotzdem : sofern 
die Psa. eine von Nietzsche ausgehende Linie der entlarvenden Psycho- 
logie verfolgt und dabei, in starker zwangsneurotischer Fesselung des 
Blicks durch die Sexualsphäre, wertvolle Befunde erhebt, die teils ver- 
gessen, teils nie so gesehen waren, hat sie erheblichen Erkenntniswert 
für künftige Persönlichkeitspsychologie. Aber erst ihre letzte Phase 
ermöglicht es uns, die psa. Erfahrungen der Charakterologie direkt an- 
zugliedern, während bislang noch ein unvereinbarer Gegensatz zu bestehen 
schien. Wir zeigten, daß dieser nicht methodisch, sondern weltanschaulich- 
metaphysisch aufzuweisen, also nicht «ausgleichbar» sei. Aber angesichts 
der Wirklichkeit, die auf die Dauer aller Konstruktionen spottet, werden 
sich eben gewisse Befunde, die von beiden Seiten gemacht werden, als 
gültig erweisen. 

Keinesfalls darf die Situation so bleiben wie sie die letzten Jahre war : 
ängstliche oder streitbare Ablehnung von beiden Seiten. Auf die Ver- 
suche, mit Hilfe von Psa. und Charakterologie unter Umgehung von 
Klages eine Persönlichkeitslehre zu entwerfen, braucht hier nicht ein- 
gegangen zu werden. Wichtig sind in diesen Grundfragen nur die Führer, 
die Initiatoren. Häberlin ist bis heute der einzige, der auf Freud und 
Klages fußend eine freilich moralisierende Charakterologie mit eigen- 
artigen Konturen aufgebaut hat. 

Es bleibt übrig, auf die beiden konstruktiv stärksten der Schüler 
Freuds einzugehen, die sich von ihm getrennt und ein eigenes System 
analytischer Psychologie entworfen haben. Zunächst schien Adler einen 
Vorsprung zu haben, als er sich der psa. Systematik entzog und mit etwas 
magerem Ansatz eine praktische Alltagspsychologie baute, die durch 
offene Anknüpfung an Nietzsche anfangs einen gewissen Rang vor- 
täuschte. In seinem ersten selbständigen Buch «Über den nervösen Cha- 
rakter» (1912) suchte Adler zu beweisen, daß aus Minderwertigkeitsgefühl 
und fiktivem Persönlichkeitsideal der Lebensplan jedes Einzelnen ent- 
stehe unter dem Anreiz des Willens zur Macht. Diese Konstruktion, 

von einem guten Menschenkenner und sozialistischen Fürsorgepolitiker 

110 




geschickt gehandhabt, ergibt eine recht praktische «Menschenkenntnis» 
(1927), die sich kein Erzieher entgehen lassen sollte. Aber sie gibt einen 
Ausschnitt und überwertet ihn, sie kann nicht das Lebensganze deuten. 

Jung baute um 1915 seine später erst ausführlich veröffentlichte 
Typenlehre aus, in der er versuchte, der großen Mannigfaltigkeit der 
persönlichen Anlagen und Verhaltungsweisen dadurch gerecht zu werden, 
daß er zwei im Wesenskern verschiedene Einstellungstypen zeichnete, in 
denen die Umwelt sich unvergleichbar gegensätzlich spiegele : den intro- 
vertierten und den extravertierten. Indem er diese Einstellungen in Be- 
ziehung setzte zu der Scheidung von bewußtem und unbewußtem Seelen- 
leben und obendrein vier Grundfunktionen unterschied, gewann er einen 
freilich nur scheinklaren Schematismus, mit dessen Hilfe aber psa. Er- 
kenntnisse den charakterologischen Einzelfällen besser gerecht werden 
konnten 13 ). Der Gang der Entwicklung kann uns Zuversicht geben, daß 
mit der Zeit vor dem Gemeinsamen, das alle Zweige der Persönlichkeits- 
forschung eint rderganzeMenschalsGegenstandderEr- 
kenntnisbemühung, das Trennende zurücktritt. Dazu gehört 
wahrscheinlich, daß alle Führer alle Methoden gegen sich selbst anwen- 
den. Was dann als unangreifbar übrigbleibt, ist das Bild eines wirklich 
souveränen Menschen, und eine Lehre, die vielleicht ganz abgesehen von 
der Person dessen, der sie fügte, den Rang einer Erleuchtung über die 
Zeiten hin besitzt. Psa. ist, auch wo sie irrte, eine der wertvollsten Säu- 
len dieses künftigen Menschenbildes. 



x ) Vgl. die ausführlichere Darstellung dieses geistesgeschichtlich sehr wich- 
tigen, aber wenig beachteten Tatbestandes in der Abhandlung des Verf.: Die Be- 
gründung einer reinen Charakterologie durch L. Klages ; Jahrbuch d. Char. IV., wie- 
der abgedruckt in «Um die Persönlichkeit», Ges. Abhandl. Bd. I. 1927. 

'-) Diese Beziehung hat Verf. deutlich gemacht in dem Buch «Leib-Seele- 
Einheit, ein Kernproblem der neuen Psychologie». (Bd. 3 der Bücherei «Das Welt- 
bild») 1928. Auch die Rede auf der Weimarer Nietzsche-Tagung Oktober 1927 
kreiste um diese These. Sie erscheint soeben bei Niels Kampmann, Heidelberg: 
«N ietzsche und das 20. Jahrhundert. Prägung eines neuen- Menschen- 
bildes. Begründung einer neuen Psychologie». 

3 ) Darüber kann erst das philosophische Hauptwerk von Klages: «Geist 
und Seele» (3 Bde.), das vor Jahresfrist erscheint, Klarheit schaffen. Bis dahin ha- 
ben Tagesgrößen noch Gelegenheit, ihre persönliche Geltung in dem von ihnen ab- 
hängigen Kreise für wichtiger zu nehmen, als das Werk eines, der sein Leben buch- 
stäblich dem Kampfe gegen den Zeitgeist, für wenige tiefe unwillkommene Ein- 
sichten rückhaltlos gewidmet hat, um heute, wo man endlich zum Verständnis die- 
ser Einsichten befähigt ist, zusehen zu müssen, wie jedermann beliebig mit seinem 
Erkenntnisgut umspringt, während jede Mediokrität als Urheber von Hirngespin- 
sten bereits feierlich geehrt wird. 

4 ) Kunz hat diese Fragen bereits mit bedeutendem psychologischem Fein- 
gefühl in einem Aufsatz in der Neuen Schweizer Rundschau 1926 erörtert. Auch in 
S c h e 1 e r s Auseinandersetzung mit der Psa., deren ausführlichstes Stück in dem 
psychologisch wichtigsten Buch dieses Autors: «Formen der Sympathie», 3. Aufl., 
Bonn 1926, steht, regt sich nachdrücklich der gesunde Widerstand des freien 
Denkers gegen die konstruktive Überlastung an sich wichtiger Stützen für einen 
Aufbau des Menschen aus biologischen Faktoren ohne genügende Loslösung dieser 

III 



Theorie von tendenziösen und zeitgebundenen weltanschaulichen Voraussetzun- 
gen. — Weniger überlegen, aber in den Hauptpunkten zutreffend, hat das 
Michaelis getan : «Die Menschheitsproblematik der Freudschen Psa. — Urbild 
und Maske. Leipzig 1925. 

5 ) W. Reich: «Der triebhafte Charakter. Eine psa. Studie zur Pathologie des 
Ich.» (Neue Arb. z. ärztl. Psa., IV) Wien 1925. Hier wird zum ersten Male das 
Problem des Charakters von Seiten eines Analytikers so gesehen und dargestellt, 
daß man sich mit ihm darüber verständigen kann. — In grundsätzlichen Erwägun- 
gen geschieht das noch prägnanter bei Heinz H artmann (s. u. Anm. 7). 
Abrah ams «Psa. Studien zur Charakterbildung» 1925 bedeuten den ersten zö- 
gernden Schritt auf eine Anerkennung des Charakterproblems hin. Alexander: 
«Psa. der Gesamtpersönlichkeit», 1927, hält nicht was der Titel verspricht, sondern 
nimmt nur den Begriff der Persönlichkeit als fernen Richtpunkt der Studien, die 
sich eng im Kreise der strengen psa. Trieblehre halten. J o 1 o w i c z : «Die Persön- 
lichkeitsanalyse», Leipzig 1926, verwendet frei psa. und charakterologische Gesichts- 
punkte mit praktisch-therapeutischem Ziel. Kronfeld; «Psychotherapie», 2. Aufl., 
Berlin 1927, entwirft eine Charakterologie, die zwischen philosophisch-dialektischer, 
praktisch-therapeutischer und moralischer Motivierung eingespannt ist, dabei aber 
auf biologische Verwurzelung Wert legt. Bei Freud und Adler werden offen An- 
leihen gemacht, ohne daß jedoch eine überzeugende Einheit des Menschenbildes 
herauskommt, auf das die zahlreichen guten Formulierungen sich letzten Endes be- 
ziehen. Auf der Tagung der «Ges. f.Sexual- u.Konstit.-Forschung», Berlin, Nov.1927, 
gab Kr. die tieferen Gründe für seine schwer durchschaubare, komplizierte und doch 
im Ansatz einseitige Methodik der Charakterologie preis: er warnte nicht nur im 
Namen der Wissenschaft, sondern unter Betonung ethischer Ideale vor der Rich- 
tung der Persönlichkeitspsychologie, die von seiten Nietzsches, Klages' komme. Da- 
mit ist über die affektive Motivierung einiger Bestrebungen, die Leistungen der 
führenden Geister zu umgehen, endlich Klarheit geschaffen : es geschieht im Namen 
«reiner Wissenschaft» und (zugleich!) Moral, weil die Erforschung von Konstitution, 
Charakter u. dergl. irgendwie mit Ethik zu tun haben soll, welche Meinung auch 
Friedrich Kraus und weniger drastisch Utitz ausdrückten. Hierdurch werden 
interessante Perspektiven in Nietzsches Sinne eröffnet — der Rückschluß «von 
jeder Denk- und Wertungsweise auf das dahinter kommandierende Bedürfnis» 
sollte doch auf die wahre Struktur dieses Knäuels von Entwertungstendenzen, Wis- 
senschaftsideologie und ethischer Forderung führen, der sich anmaßt, über eine Er- 
kenner- und Denkerpotenz ersten Ranges zur Tagesordnung überzugehen, während 
das 6te-toi que je m'y mette des Geltungssüchtigen jedem Psychologen ins Auge sticht. 

8 ) Vgl. die eingehende Erörterung des «Widerstandsproblems» durch Mitten- 
z w e y in seinem Beitrag zu diesem Bande : «Psa. und Psychologie». Seite 82. 

7 Heinz Hartmann: «Die Grundlagen der Psa.», Leipzig 1927, die erste 
Brücke von der Psa., aufgefaßt als «rein empirische Naturwissenschaft» zur Welt 
der traditionellen Wissenschaften. Daß dabei die begriffliche Bindung an Denk- 
systemc, die uns nicht mehr tragfähig genug für die uns auferlegte Forschungs- 
arbeit erscheinen (Rickert !), eine engere Fesselung ergibt, als es erwünscht ist, spielt 
gegenüber der sorglichen Bemühung um wissenschaftliche Rehabilitierung des 
haltbaren Kernes der Psa. eine Nebenrolle. Hier ist jedenfalls ein Anfang gemacht 
mit der Diskussion auf einer Ebene, auf die sich Analytiker und Forscher der fach- 
wissenschaftlichen Sondergebiete ohne sacrificium intellectus begeben können. Darin, 
nicht in der Bündigkeit von H.s dialektischen Beweisen seiner Hauptthese mit an- 
sehnlichen wissenschaftstheoretischen Hilfsmitteln bei fester therapeutischer und 
klinischer Fundierung sehen wir den bedeutenden Wert des Buches. Schultz- 
H c n c k c : «Einführung in die Psa.» (Fischer, Jena 1927) erscheint erst nach Ab- 
schluß dieser Arbeit. Der Autor verselbständigt sich, auf dem Boden Freuds 
stehend, am weitesten und am zukunftsreichsten. Sogar ein großer Teil der her- 

112 



kömmlichen Terminologie ist ausgemerzt und durch Besseres ersetzt. Hier be- 
ginnt die Entwicklung, deren Notwendigkeit in dem vorliegenden Sammelbande 
gezeigt werden sollte. 

8 ) Verf. hat diesen Problemkreis nach verschiedenen Richtungen durchquert 
in dem Buche : «Um die Persönlichkeit», Ges. Abhandl. z. Charakterologie u. Psycho- 
pathologie. Bd. I. Heidelberg 1927. 

8 ) Darüber hat sich auch K 1 a g e s unmißverständlich geäußert in seinem 
neuesten Buch: «Persönlichkeit. Einführung in die Charakterologie». (Bd. II der 
Bücherei «Das Weltbild») 1928. In dieser ganz knappen Darstellung finden sich 
überhaupt zahlreiche scharfe Formulierungen für strittige Grundfragen und zudem 
eine Skizze seiner TheorievonTriebund Willen, die auch dem Ferner- 
stchenden deren Inhalt rasch vertraut machen dürfte. 

10 ) Außer den schon genannten psa. Arbeiten spielen von Freuds Werken 
für unser Problemgebiet die Hauptrolle : «Jenseits des Lustprinzips» 1919, «Massen- 
psychologie und Ichanalyse» 1920, «Das Ich und das Es», 1922, «Hemmung Sym- 
ptom, Angst» 1926. 

X1 ) Klages wird deshalb so selten richtig verstanden, weil seine Schriften 
a) durchweg einen scharf umrissenen Gegenstand haben, der in der Zeitwissenschaft 
vor ihm so nicht vorkam oder nicht üblich war, b) eine durchaus eigenartige Me- 
thodik des «psychologischen Verstehens» anwenden, die nur wenigen Zeitgenossen 
zugänglich oder gar geläufig ist, c) von einer eindeutigen metaphysischen Konzep- 
tion des Lebensganzen getragen ist, die ihre allgemeine Bedeutung jetzt erst be- 
kommt, d) jede ethische, pädagogische, weltanschauliche Zielsetzung für das prak- 
tische Handeln vermieden hat. Diese letzte Eigenart hat wohl am meisten Ver- 
wirrung und Mißverständnisse zur Folge gehabt. Denn nun haben Müller und 
Schultze und Meier ihre persönlichen bürgerlichen Ideale oder aber die Schreck- 
gespenster ihrer Angstphantasie hineingedeutet und machen nachher Klages dafür 
verantwortlich. In Wahrheit gäbe es klare ethische Folgerungen aus der Lebens- 
ichre und Metaphysik von Klages zu ziehen, die genau so eindeutig, radikal, streng 
un d _ gefährlich für Logizisten und Relativisten aller Art wären, wie die Hauptsätze 
seiner bisher veröffentlichten Werke. Vor allem aber gibt die mit der Psa. irgendwie 
oarallel gehende Richtung seiner entlarvenden Psychologie nicht Endziel und 
Wesensgehalt der Forschungen von Klages, sondern lediglich einen harten Weg der 
Selbstbesinnung auf die lebendigen Wirklichkeiten und die Rangstufen der mensch- 
lichen Wertsetzungen. Die Gesamt-Konzeption des^ metaphysischen Weltbildes 
ging (vor 1900) voran, wurde nicht «neuerdings», wie Kronfeld fälschlich behauptet, 
als Fundicrung zur Charakterologie hinzuerfunden, sondern ist deren Mutter- 
boden. Diese ist lediglich ein Gegenstand in jenem Ganzen, was heute auch schon 
Fernerstehenden geläufig ist. Unter solcher Perspektive gesehen werden die beiden 
hier hauptsächlich in Frage kommenden Werke von Klages ihren eigentlichen Ge- 
halt leichter hergeben: «Die Grundlagen der Charakterkunde», IV. Aufl. Leipzig 
1926 und «Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches», 1926. 

' J2 ) Adlers Sammelband: «Über den nervösen Charakter», III. Aufl. Mün- 
chen 1923, gibt noch vorwiegend ärztliche Beobachtungen, gedeutet unter den Ge- 
sichtspunkten der «Individualpsychologie», die A. in etwas überspitztem Gegensatz 
zu der von ihm überwundenen Lehre der Psa. ausgebaut hat. Die Aufsatzsammlung 
«Praxis und Theorie der Individualpsychologie», II. Aufl. München 1924, verfolgt 
diese Linie weiter, wie auch die «Zeitschrift für Individualpsychologie». Das Buch 
«Menschenkenntnis», Leipzig 1927, rundet die gemachten Erfahrungen zu einer 

praktischen Lehre. # 

13 ) Jungs Buch : «Das Unbewußte im gesunden und kranken Seelenleben», 
III. Aufl. Zürich 1926, gibt einen sehr guten Überblick über seinen Weg aus der 
strengen Psa. heraus, zugleich ein gutes Bild von den inneren Hergängen bei psa. 
Arbeit und dem Zwang, daraus eine Persönlichkeitspsychologie zu entwickeln. Das 
umfangreiche Werk «Psychologische Typen», II. Aufl. Zürich 1926, bringt eine 
Fülle von feinen Einzelheiten, ohne in der Konstruktion des Grundschemas ganz zu 
überzeugen. Soeben veröffentlicht Jung eine geschlossene Darstellung seiner bisher 
schwer zugänglichen Orientierung im Reiche des überpersönlichen oder kollektiven 
Unbewußten: «Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten», Keicnei, 
Darmstadt 1928. 



1 1 n 

<$ Prinzliorn, Psa. * 



ETHNOLOGIE UND PSYCHOANALYSE 

von R. Thurnwald 

Der psa. Lehre liegt der Gedanke zugrunde, daß aus gewissen bio- 
logischen Grundlagen der Menschennatur des Einzelnen im Zusam- 
menleben Konflikte entstehen, die sich in Erscheinungen psychischer 
Art auswirken. Von diesen biologischen Grundlagen ist eine besonders 
wichtige, die sexuelle, von der einerseits der Bestand der Art abhängt und 
die anderseits wesentlich auf eine wechselseitige Beziehung und Wirkung 
unter den Menschen hinausläuft. 

Damit hängen Heirat, Ehe, Familie und Erziehung der Kinder zu- 
sammen. Aber das Familienleben in seinen verschiedenen Phasen und 
Folgen, in seinen Vorbereitungen und Auswirkungen ist nichts Unab- 
hängiges, sondern eingebettet in das Leben bestimmter menschlicher 
Vergesellungen. Die Menschheit gleicht nicht identischen Sandkör- 
nern, sie besteht auch nicht aus isolierten Kleinfamilien, sondern die 
Familien, die sich aus biologisch verschiedenen Persönlichkeiten beiderlei 
Geschlechts und verschiedenen Alters zusammensetzen, leben miteinan- 
der zusammen. Diese Gesellungen können als größere oder kleinere 
Gruppen auftreten und werden vorwiegend von den Männern getragen, 
sind a-sexueller Natur und verschiedenen Zwecken gewidmet, von denen 
der eine oder der andere je nach den Zeitläuften mehr oder minder be- 
deutungsvoll hervortritt. So haben wir es heute mit Staaten, Nationen, 
Schichten, Klassen, Parteien, Wirtschafts-, Handels- und Finanzver- 
bänden, mit Berufsgenossenschaften, Religionsgemeinschaften, Angestell- 
ten- und Arbeiterorganisationen usw. zu tun. In früheren Zeiten und in 
primitiveren Kulturen kennen wir außer politischen und kriegerischen Bal- 
lungen auch solche um hervorragende Redner, Zauberer, Jäger, Aben- 
teuerer usw. 

Alle diese Gruppen werden von lebendigen Menschen getragen und 
dieselbe Person gehört gleichzeitig verschiedenen Ver- 
bänden an: einer Familie, einem Staat, einer Nationalität, einem Berufs- 
oder Wirtschaftsverband, nimmt dort eine leitende oder untergeordnete 
Stellung ein, gehört einer Konfession an, usw. 

Dadurch entstehen ununterbrochen psychische Auseinandersetzun- 
gen zwischen der biologisch gebundenen Seite der Persönlichkeit, ihrer 
sexuellen Erdenschwere, und den Verbänden und Gruppen, den sie er- 
füllenden ideellen Strömungen, oder dem Nahrungserwerb. 

Einem Teil dieser Auseinandersetzungen, vor allem innerhalb des 
Familienlebens, hat die Psa. ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt. 
Diese Auseinandersetzungen gehen in jeder einzelnen Person 
vor sich und sie wirken sich ganz besonders unter den in der Familie ver- 
bundenen Menschen aus. Diese Auswirkungen sind hier aber deshalb 
von einem besonderen Gewicht, weil die Intensität der Gesellung 

114 



keineswegs in allen Gruppen gleich ist, die Gesellung in der Familie aber 
einen besonders emotionsgeladenen Charakter trägt. 

Man ersieht daraus, an wie außerordentlich wichtige Probleme die 
Psa. durch die Behandlung des Familienlebens und der darin möglichen 
Konflikte herangegangen ist. Es sind Fragen, die für alle sozial- und 
völkerpsychologischen Untersuchungen überhaupt von grundlegender Be- 
deutung sind. — 

Diese Zeilen sollen nur einen Teil aus diesem Untersuchungsgebiet 
in Betracht ziehen, soweit es nämlich in Beziehung zur Ethnologie steht, 
also nur den Ausschnitt, der mit anderen und fremden Formen und 
Phasen des Kulturlebens zusammenhängt. Wir werden somit vor die 
Frage gestellt, wie die biologischen Grundlagen der Einzelexistenz in 
anderen Gesellschaftsordnungen als unseren modernen europäo- 
amerikanischen mit den dort geltenden Einrichtungen und Traditionen 
psychische Auseinandersetzungen hervorrufen. 

Obwohl die so gefaßte Problemstellung vom kulturgeschichtlichen 
Standpunkt aus als eine Selbstverständlichkeit erscheint, wird sie doch ge- 
wöhnlich mit ihren eingreifenden psychologischen und soziologischen 
Unterschieden übersehen. Denn eingebettet in die Denkgewohnheiten und 
Wertungen der eigenen Kultur, sei es im positiven Sinn, sei es in negativ- 
kritischer Einstellung zu der traditionellen Familie, dem traditionellen 
Staat, der traditionellen Wirtschaft, hingegeben an die aus der besonderen 
Kulturlage entsprossenen ideellen, religiösen oder politischen Bestre- 
bungen und Ziele usw. vermögen nur wenige die Bereitwilligkeit und 
Fähigkeit aufzubringen, sich in die Lebens- und Seelenlage anderer Zeiten 
oder Gesellschaften zu versetzen. Sie übertragen gewöhnlich die Probleme 
ihrer Epoche auf fremde Kulturen und Völker. 

Darin liegt, kurz gesagt, der Kernpunkt der Kritik, der vom Stand- 
punkt einer Kultur- und Völkerwissenschaft auch der Psa. nicht erspart 
werden kann. 

Anschließend daran stellt sich aber auch die Frage ein, wie weit 
der gekennzeichneten Problemstellung : Familie gegenüber Gesellschafts- 
tradition allgemeiner Charakter beizumessen ist, wie weit ihr kul- 
turelle oder zeitliche Besonderheit zukommt. 

Die Psa.-tiker neigen dazu, den allgemeinen Charakter der von ihnen 
gefundenen Problemstellung zu betonen und lassen in der Regel die Ver- 
schiedenheiten der kulturellen Besonderheiten im Bann ihrer eigenen 
Kulturgebundenheit verschwommen. 

Zweifellos gibt es allgemeine, in jeder Gesellschaft wiederkehrende 
Konflikte, die sexuellen Ursprungs sind, die mit dem Heranwachsen der 
Kinder zusammenhängen und der Auseinandersetzung der kindlichen 
Persönlichkeit mit den von den Alten getragenen Traditionen und Ein- 
richtungen, die unvermeidlicherweise von der heranwachsenden Gene- 
ration als Schranken empfunden werden und während der Pubertätszeit 
mitunter zu einer besonderen Steigerung der Konflikte führen können. 

8* 115 



Sie betreffen also die Stellung des Einzelnen in der Familie als Mitglied 
derselben, die Familie selbst jedoch wird in ihren Traditionen vor allem 
durch die ihr angehörigen erwachsenen Personen bestimmt. Unter diesen 
Personen ist in formaler Beziehung der Einfluß der Geschlechter ungleich 
verteilt, während wir wieder von der formalen Verteilung des Ein- 
flusses die tatsächlich in den einzelnen konkreten Familien ausge- 
übte Macht der einen oder anderen Persönlichkeit der Frau oder des 
Mannes in dieser oder jener Hinsicht unterscheiden müssen. Die aufwach- 
senden Kinder stoßen sich ebenfalls an gewissen formalen oder tatsäch- 
lichen Forderungen der verschiedenen älteren Persönlichkeiten ; immer 
wieder werden die Kinder mehr oder minder empfindlich gezwungen, in 
die Schranken gewisser Traditionen hineinzuwachsen. Daraus quellen die 
allgemeinen Konfliktsstoffe sowohl unter den Erwachsenen, als auch 
zwischen Kindern und den Erwachsenen als Repräsentanten und Schran- 
kenträgern einer gegebenen Gesellschaft. 

Alle diese Schranken können dem Grade und der Art nach ver- 
schieden sein und mehr oder minder Konfliktstoff bergen. In einer 
mutterrechtlichen Gesellschaft (wie sie etwa von Malinowski aus den Tro- 
briand-Inseln der Südsee berichtet wird) mit weitgehender sexueller Frei- 
heit der Geschlechter während der Pubertätszeit sind sie ganz anderer Art, 
wie in einer auf strenge Abschließung gebauten höheren patriarchalischen 
Gesellschaft, z. B. der durch Westermark eingehend beschriebenen marok- 
kanischen ! Doch wäre es ein Irrtum, zu meinen, daß die mutterrechtliche 
Gesellschaft aller Bindungen ledig sei. Hier besteht, um bei dem Beispiel 
der Trobriander zu bleiben, eine strenge Trennung von Brüdern und 
Schwestern, die sich bei anderen Stämmen sehr häufig auch auf die 
Vettern und Basen, ja mitunter auf alle Frauen derselben Sippe, manch- 
mal des halben Stammes erstreckt. Dazu kommt bei den Trobriandern, 
daß trotz aller sexueller Ungebundenheit des Geschlechtsverkehrs wäh- 
rend der Pubertäts jähre es für ein unverheiratetes Mädchen als unan- 
ständig gilt, ein Kind zu bekommen. Obwohl ferner das Verhältnis zwi- 
schen dem Manne der Frau und deren Tochter, also zwischen «Vater 
und Tochter», gar nicht als «Blutsverwandtschaft» angesehen wird, weil 
man dogmatisch an der Herkunft der Kinder von Geistern, ohne Zutat 
des Vaters, festhält, gilt doch ein Sexualverkehr zwischen den beiden als 
tadelnswert. Denn man hält es für unrecht, wenn der Mann mit der 
Tochter der Frau, mit der er zusammen lebt, sexuellen Umgang hat (wohl 
wegen der Eifersucht, die sich geltend machen kann). Wir sehen an 
diesem Beispiel das Inzestmotiv von einer ganz anderen Seite. Wenn 
die mutter rechtlichen Auffassungen auch nicht überall zu dem gleichen 
Extrem gediehen sind, so können die angeführten Beispiele doch als 
typisch betrachtet werden. Daraus ist ersichtlich, daß auch in der mutter- 
rechtlichen Gesellschaft Schranken bestehen, nur anderer Art. Sie sind 
allerdings manchmal in gewisser Richtung milder und namentlich in den 
Beziehungen zwischen Kindern und Vater anders. Bei jedem einzelnen 

116 



Stamm treten sie in etwas verschiedener Gestalt auf .Namentlich ist auch die 
Stellung zum vorehelichen Verkehr außerordentlich wechselnd : bei vielen 
Polynesiern (Südsee) z. B. weitgehend erlaubt, bei anderen z. B. Melanesi- 
en! (Südsee) verboten und mitunter mit dem Tode bedroht (s. T. , 
«Keuschheit», «Promiskutät», «Nebenehe»). 

Einen Punkt von scheinbar allgemein gültiger Bedeutung bilden die 
Träume, aus denen die Psa. bekanntlich außerordentlich fruchtbares 
Material schöpft. Es sollte auf den ersten Blick scheinen, als ob den 
Träumen, ihrem Ablauf und ihrer Symbolik ein durchaus allgemein gül- 
tiger Charakter zukäme. Doch auch hier sind die Grenzen enger gezogen, 
als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Die Traumsymbolik ist sicher 
nicht von einer so unbedingten Gleichheit, wie man etwa vermuten würde. 
Sie wurzelt in den Beziehungen, die durch die vielerlei mit Emotionen 
belasteten Nöte und Sorgen des Alltags, mit den Erfahrungen und 
Schwierigkeiten des Lebens zusammenhängen. Nur ein Beispiel aus einer 
nicht einmal niedrigen Gesellschaft. 

Bei den Arabern des Mittelalters wurden die Beziehungen zwischen 
Traum und Leben in ein fein ausgebautes System gebracht. Weizen, 
Gerste, Häcksel und Mehl als Ackerbauprodukte; Milch und Wolle als 
Erzeugnisse der Viehzucht ; Honig, der Ertrag des Sammeins, ferner der 
Erdboden, aus dem die Pflanzen sprießen; weiterhin Salz; sowie das 
wichtige Eisen bedeuten Besitz. Als männlich galten Roß, Löwe, 
Wolf, Bär, Baum, Wild und Vogel. Letzterer wird als Mann gedeutet, 
weil er Reisen unternimmt. Als Symbol der Frauen wurde betrachtet : 
der Sattel für Pferd und Esel, Unterhosen, weibliche Vögel und Vier- 
füßler. Als Diener und Sklaven wurden Sattelkissen und Kopf- 
kissen, Gießkanne und Becken gedeutet. — Abgesehen von solchen grund- 
sätzlichen Bildbeziehungen wurden aber noch mancherlei andere Zu- 
sammenhänge aus den Träumen gewonnen, deren Deutung überdies genau 
die Worte zu berücksichtigen hatte, die der Erzähler des Traumes bei der 
Berichterstattung wählte. Dabei wurde sowohl auf die Etymologie der 
Wörter Rücksicht genommen, als auch insbesondere auf die Beziehungen 
zum Koran. Träumte z. B. jemand, er stehe auf einem Schiff, so bedeutete 
das Errettung aus gefahrvoller Lage, da man sich auf die Sure 29, 14 
bezog, in der es heißt : «da retteten wir ihn und die (anderen) Leute im 
Schiff» (von Noah bei der Sündflut). Träumte jemand, daß er in einen 
Brunnen gefallen war, so besinnt man sich auf Mohammeds Ausspruch: 
«... Brunnenarbeitern und anderen, die darin verunglücken». Der Traum 
bedeutete somit, daß der Mann sich betrogen sehen wird. — Diese religiöse 
Bezugnahme der Symbole vernachlässigt auch nicht die Anlage des 
Träumers, denn es heißt später bei «Abdalgani an Nabulusis» : der Schla- 
fende sieht im Traume, was von den vier Naturanlagen, Temperamenten, 
bei ihm überwiegt (Schwarz, S. 473 ff.). 

*) T. bezieht sich auf des Verfassers am Ende dieses Aufsatzes angeführten 
einschlägige Artikel im «Reallexikon der Vorgeschichte», hg. v. Max Ebert, 1924—28. 

II 7 



_ 



Dieses Beispiel, das leicht auch aus anderen Kulturgebieten variiert 
werden könnte, zeigt, daß die Traumsymbolik keineswegs eine lingua 
frcnca der Menschheit ist, sondern daß die Wahl der Symbole von ganz 
bestimmten Auffassungen und Meinungen über sie und ihre Zusammen- 
hänge abhängt. — 

Der primitiven Symbolik kommt ein ganz anderer, viel stärkerer 
Wirklichkeitswert zu, als unserer modernen. Allerdings liegt in dieser 
intensiveren Gebundenheit des Symbolisierten an das Symbol gerade 
etwas, das an den Mechanismus bei Neurotikern erinnert. Die Gründe 
sind jedoch verschiedene. Beim Naturmenschen ist es die geringe gedank- 
liche Loslösung des Symbols, die ihre Wurzel in einer allgemeinen Un- 
ausgebildetheit des Denkens hat (s. T., «Primitives Denken» und «Das 
Symbol im Lichte der Völkerkunde», Zeitschrift für Ästhetik und allge- 
meine Kunstwissenschaft 21, 1927, S. 218 ff.) ; beim Neurotiker handelt 
es sich um eine Art atavistischen Rückfall in schwächliches und bequemes 
Denken. — 

Traum und Symbolik spielen in den Mythen, Sagen und Mär- 
chen eine außerordentliche Rolle, und die Gedankenketten dieser Ge- 
bilde erbringen in der Tat Zeugnisse für viele Verdrängungen, Er- 
satzhandlungen, Zeichen u. dergl. wie sie die Psa. fordert (vergl. dazu 
Thurnwald 1912 und z. B. Speiser, Wirtzu. a.). Vielleicht ist 
das Gebiet von Mythen und Sage dasjenige, auf dem die Psa. am erfolg- 
reichsten operierte. Die Arbeiten sowohl von Freud, wie von Rank, 
Abraham, Riklin, Roheira u. a. haben in der Tat die Sagen- 
und Mythenforschung mit neuen und wichtigen Gesichtspunkten erfüllt. 
Die Auffassung von der «Allmacht der Gedanken» ist eine der glücklich- 
sten und richtigsten, die insbesondere Freud zu danken ist. 

Doch auch hier wird man bei aller Anerkennung vor einseitigen und 
voreiligen Verallgemeinerungen auf der Hut sein müssen. Denn Mythen 
und Sagen sind in steter Umformung, teils Angleichung, teils neuer Va- 
riation begriffen ; auch sie müssen als historische Gebilde verstan- 
den werden, wie das z. B. L u r i a (S. 290 ff.) gerade in bezug auf die 
Ödipussage nachwies. — 

In manchen Fällen, wie z. B. bei dem Ödipus-Komplex, auf den noch 
ausführlich eingegangen werden soll, mag es sich um Vorgänge handeln, 
die auf ein sehr viel späteres Datum der Kulturentwicklung anzusetzen sind, 
die vielleicht mit der Entstehung einer autoritativen Häuptlingschaft, 
eines sakralen Fürstentums, zusammenhängen (s.T., «Häuptling, Staat»), 
aber nicht ohne weiteres an den «Urbeginn» des Menschentums verlegt 
werden dürfen. Für ein solches späteres Zeitalter mag in beschränkterem 
Rahmen manches aus den Bestandteilen der Freudschen psychologischen 
Deutung zu Recht bestehen. — 

Im folgenden sollen nur einige besonders wichtige Gedankengänge 
des Begründers und Führers der Psa. herausgegriffen und vom Stand- 
punkt des völkerkundlichen Materials betrachtet werden. Die überwiegend 

118 



kritische Einstellung wird allerdings zeigen, daß der Ausgangspunkt 
Freuds nicht immer zutreffend ist. Trotzdem bedingt das nicht notwendig, 
die psychologischen Deutungen selbst unbedingt als verfehlt zu verurteilen. 

Ähnlichkeiten im Erscheinungsbild haben Freud und seine Anhänger 
schon in ihren früheren Schriften veranlaßt, auf eine Parallele zwischen 
Verhaltungsweisen und Geistesgebilden bei Neurotikern und Natur- 
völkern aufmerksam zu machen. Bei Neurotikern zeigen sich gewisse 
Zwangshandlungen, die darin bestehen, daß etwa das Betreten 
von Orten oder das Aussprechen von Namen oder Worten vermieden wird, 
daß unter Umständen bestimmte Bewegungen zwangsläufig ausgeführt 
werden u. dergl. Bei Naturvölkern findet man analoge Meidungen und 
Verhaltungsweisen, die hier allerdings von allen Angehörigen der Gruppe, 
nicht bloß von einzelnen neurotischen Individuen, befolgt werden: das 
Betreten gewisser Plätze oder Häuser, die Berührung bestimmter Gegen- 
stände oder Menschen, das Aussprechen ihrer Namen, das Führen einer 
Unterhaltung mit gewissen Verwandten wird vermieden, während man 
etwa beim Vorbeigehen an einem bestimmten Stein gewisse Handlungen 
ausführen muß, z. B. Farrenkräuter auf ihn legen oder Pfeile auf ihn ab- 
schießen (vergl. Thurnwald, 1925). Bei vielen Stämmen dürfen Bruder 
und Schwester einander nicht anblicken oder Schwiegersohn und Schwie- 
germutter dürfen nicht gleichzeitig unter demselben Dache anwesend 
sein u. dergl. 

Kann man nun diese Parallelen im Erscheinungsbild auf dieselben 
psychischen Wurzeln zurückführen ? Ist das Verhalten vieler Naturvölker 
in gleicher Weise zu begründen und zu deuten wie das unserer zeitgenös- 
sischen Neurotiker? Liegen beiden dieselben Denkvorgänge zugrunde? 
Oder wurzeln sie doch in den gleichen Emotionen ? Oder liegen vielleicht 
die Ähnlichkeiten nur an der Oberfläche, sind sie durch ein analoges Er- 
scheinungsbild verbunden, aber verschieden durch die psychischen Pro- 
zesse? Kann man somit nur von «Konvergenzerscheinungen» reden, wie 
etwa bei den Säugetieren, die in irgendeinen vergangenen Periode der 
Erdgeschichte ins Wasser gingen, sich dem Leben in der See angepaßt 
haben, wie z. B. der Delphin, der Dugong oder der Walfisch, und die uns 
heute das Erscheinungsbild eines Fisches vortäuschen, während sie phy- 
siologisch einer ganz anderen Klasse von Tieren zuzurechnen sind ? 

Aber noch eine andere Frage tritt an uns heran. Die gekennzeich- 
neten Verhaltungsweisen bei den Naturvölkern sind, wie schon erwähnt, 
njcht vereinzelte Vorkommnisse, sondern «Einrichtungen», d. h. in her- 
gebrachter Weise wird von allen Angehörigen der betreffenden Gruppe 
eine derartige M e i d u n g eingehalten, ein Tabu beobachtet, ein ge- 
wisses Verhalten, etwa Tieren gegenüber, befolgt, wie z. B. im Totemis- 
mus. Es handelt sich hier also um «Massenvorgänge», die als «normale» 
Kulturgestaltungen gelten. Derjenige, der die Meidung oder ein derartiges 
konventionelles Verhalten nicht beobachten würde, fiele aus dem Rahmen 
seiner Gruppe heraus und wird auch tatsächlich nicht nur moralisch ver- 

119 



urteilt, sondern auch als ein Verbrecher gegen Sitte und Satzung gewöhn- 
lich mit dem Tode bestraft oder verfällt doch der Ausstoßung aus seiner 
Gemeinde. 

Der moderne Neurotiker dagegen fällt gerade durch sein Verhalten 
auf und tritt in einen gewissen Gegensatz zu den Auffassungen 
seiner Umgebung; sein Verhalten gilt wenigstens als etwas Ungewöhn- 
liches — ohne dabei die Frage einer Abgrenzung des Krankhaften in 
Rechnung zu setzen. 

Diese und ähnliche Fragen drängen sich bei den Deutungen Freuds 
und seiner Schule in bezug auf das «Tabu» auf. 

Im Mittelpunkt der Freudschen Theorie vom Totemismus steht 
der Glaube an die Ö d i p u s t a t , die er in dramatisch bewegter Weise 
schildert und die für ihn gleichzeitig zur Erklärung von Tabu wie Tote- 
mismus führt. Freud malt folgenden Vorgang, den er späterhin und auch 
noch in seinen letzten Schriften («Die Zukunft einer Illusion») als eine 
«erwiesene historische Tatsache» hinstellt. 

Ursprünglich hätte der Mensch in sogenannten zyklopischen Fa- 
milien gelebt, in denen alle sexuellen Rechte durch den herrschenden Alten 
monopolisiert gewesen seien, während die jüngeren Männer, seine Söhne, 
sich der Tyrannei des Alten zu fügen hatten oder aber Gefahr liefen, 
von ihm getötet oder vertrieben zu werden. Der herrschende Alte, der 
Vater der Horde, wurde von den anderen wegen seiner Kraft und seiner 
Kenntnisse verehrt, jedoch gleichzeitig auch ob seiner angemaßten Macht 
gehaßt. Eines Tages trug sich in einer solchen primitiven Gemeinde eine 
erschütternde Tragödie zu. Die Söhne, die vielleicht eine neue Waffe erfun- 
den hatten, rotteten sich zusammen und gaben ihrem Haß gegen den Vater 
Ausdruck, sie mordeten ihn. Dann verzehrten sie seinen Leichnam, um 
dadurch seine Fähigkeiten zu erlangen. Nach der Tat wurden die Söhne 
jedoch von Gewissensbissen gepeinigt, ihre ursprünglich ambivalente 
Einstellung gegen den Vater glitt von der Emotion des Hasses zu der 
anderen Seite, der Verehrung gegen ihn, hinüber. Der Gehorsam gegen 
ihn, an den sie gewöhnt waren, gewann wieder Oberhand und sie be- 
schlossen, die «Tabus», die sie eigentlich bedrückten, weiterhin fortzu- 
setzen und sich der sexuellen Beziehung zu den Frauen ihrer Gruppe zu 
enthalten. Das Bewußtsein gemeinsamer Schuld wurde zur Wurzel einer 
neuen sozialen Bindung. Auf diese Weise entstand nach Freud die 
Brudersippe, die schon wegen des gekennzeichneten Vorgangs die Tötung 
eines Sippenangehörigen verbot, damit nicht das Schicksal des Vaters 
einen der Brüder treffe. s 

Das Sippentotem stellt nach Freud nichts weiter dar, als die 
umgestaltete Erinnerung an den Vater. Daran schließt Freud auch seine 
Auffassung von dem bei gewissen Stämmen vorkommenden Toten- 
opfer. Er erblickt darin eine Gelegenheit für die ambivalente Äuße- 
rung von Freude und Schmerz. Nach ihm ist es die dramatische Wie- 
derbelebung einer in fernen Zeiten vorgekommenen, historisch wirk- 






120 



liehen Tragödie, bei der die Triumphierenden ihren tyrannischen Vater 
ermordeten und nach der Missetat sich im Namen des Ermordeten 
die Tabubeschränkungen auferlegten. In der griechischen Ödipustragodie 
muß der Held leiden, weil er die dramatisierte Erinnerung an den Vater- 
mord darstellt. Den Chor bilden die vatermörderischen Brüder. Der neuen 
Gesellschaftsordnung der Brudersippe, die an Stelle der despotischen 
Vaterfamilie trat, liegt die Erinnerung an gemeinsame Schuld zugrunde. 
Dieses Schuldbewußtsein gegenüber dem Vater stellt die früheste Religion 
dar. Zur Sühne der Missetat hat man sich das Gesetz der Exogamie auf- 
erlegt, das große Sexualtabu, das sexuelle Beziehungen innerhalb der 
Brüdergemeinde verbot und so die ersten Moralvorschriften begründete. 
Die Darstellung der alten Tat im Gewände einer Sühnehandlung bildete 
in der griechischen Tragödie einen wichtigen Bestandteil der Kunst. Schließ- 
lich gelangt Freud zu dem Ergebnis, «daß im Ödipus-Komplex die An- 
fänge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, 
in voller Übereinstimmung mit der Feststellung der Psa., daß dieser Kom- 
plex den Kern aller Neurosen bildet». Er fährt fort : «es erscheint mir 
als eine große Überraschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelen- 
lebens eine Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es 
das Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten» (S. 188). 

Um die Analogie zwischen Tabu und Totemismus einer «Urzeit» 
und dem Verhalten heutiger Neurotiker im Sinne Freuds recht zu ver- 
stehen, ist vor allem der Gedanke kennzeichnend, den er am Ende seiner 
Abhandlung über «Totem und Tabu» Ausdruck gibt. Die ersten Moral- 
vorschriften und sittlichen Beschränkungen der primitiven Gesellschaft 
werden von Freud als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche ihren 
Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat und 
beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, «weil ihre Aus- 
führung keinen Gewinn gebracht habe». Dies schöpferische Schuldbe- 
wußtsein sei nun unter uns nicht erloschen. «Wir finden es bei den Neuro- 
tikern ina-sozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, fort- 
gesetzte Einschränkungen, zu produzieren, als Sühne für die begangenen 
und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten. Wenn wir aber bei 
diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche Reaktionen 
wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden nicht Taten, 
sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem Bösen verlan- 
gen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem Schuldbe- 
wußtsein der Neurotiker liegen nur psychischeRealitäten zu- 
grunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß sie 
die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken ebenso 
ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklichkeit.» 

Hierin sieht Freud den springenden Punkt für die Ähnlichkeit mit 
den Primitiven: «Wir sind berechtigt, ihnen eine außer ° rdenthch c e .Y rV l: 
Schätzung ihrer psychischen Akte als Teilerscheinung ihrer narzist1 ^™ 
Organisation zuzuschreiben.» Ja, Freud meint schließlich, gerade wegen 



121 






dieser «Allmacht der Gedanken» könnten die bloßen Impulse von 
Feindseligkeit gegen den Vater, «die Existenz der Wunschphantasie, ihn 
zu töten und ihn zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische 
Reaktion zu erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat. 

Bei einer Kritik der dargelegten Gedankengänge Freuds werden wir 
zunächst überlegen müssen, ob und wie weit das Material, auf das sich 
Freud für seine Theorien über Totem und Tabu beruft, stichhaltig ist. 
Sodann soll unabhängig davon der psychologische Mechanismus unter- 
sucht werden, den Freud für die Vorgänge in den primitiven Gesellschaf- 
ten aufstellt. 

Was zunächst die von Freud angenommene Urhorde betrifft, die er 
für den Ausgangspunkt seiner als tatsächliches historisches Ereignis hin- 
gestellten Ödipustragödie so ergreifend malt, so wird man versucht sein 
zu glauben, daß Freud hier selbst ein Opfer seiner «Allmacht des Gedan- 
kens» geworden ist. Freud beruft sich vor allem auf die Hypothese von 
Ch. Darwin über den sozialen Urzustand des Menschen. Aber er wählt 
von den Alternativen, die Darwin aufstellt, nur eine aus. Denn Darwin 
sagt : «Wenn wir im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und nach 
den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schließen, 
ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprünglich in klei- 
nen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau oder, hatte er die 
Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen alle anderen Männer 
verteidigte; oder er mag kein soziales Tier gewesen sein und doch mit 
mehreren Frauen für sich allein gelebt haben, wie der Gorilla, denn alle 
Eingeborenen stimmen darin überein, daß nur e i n erwachsenes Männ- 
chen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge Männchen heran, 
so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der Stärkste setzt sich 
dann, nachdem er die anderen getötet oder vertrieben hat, als Oberhaupt 
der Gesellschaft fest. Die jüngeren Männchen, welche hierdurch ausge- 
stoßen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim 
Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der 
Glieder einer und derselben Familie verhüten.» 

Liest man diese Äußerungen Darwins aufmerksam durch, so findet 
man, daß er die Frage, wie die Urhorde organisiert gewesen sein mag, 
eigentlich offen läßt, und nur durch eine Nachricht über das Leben der 
Gorillas die Hypothese einer despotischen Familien-Urhorde aufstellt. 
Die letztere Ansicht ist nachträglich zu der einzigen, Darwin zuge- 
schriebenen geworden, und in dieser Form hat sie nun Freud aufgegriffen. 
Neuere Forschungen haben nur gerade gezeigt, daß man im Grunde 
über das Leben der Gorilla kaum etwas ganz Zuverlässiges weiß, daß es 
indessen wahrscheinlicher ist, daß sie in kleinen Rudeln leben. Der west- 
afrikanische Gorilla lebt in Banden von zehn bis zwanzig, der ostafrika- 
nische in solchen von zwanzig bis dreißig Köpfen. Tagsüber verteilt 
sich die Herde über ein ziemlich weites Gelände, um sich abends zu sam- 
meln. Nach Reichenow lebt der Gorilla im Herdenverband nicht 

122 



polygam, sondern monogam ; die Geschlechter vereinigen sich nicht etwa 
jedesmal nur zur Brunstzeit, sondern sind viele Jahre lang zusammen. 
Die halbwüchsigen Tiere bleiben offenbar lange in Gemeinschaft mit 
den Eltern, vielleicht so lange, bis sie eine eigene Familie gründen. Die 
Herde besteht also aus einer Anzahl monogamer Paare mit ihren Jungen. 
In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis etwa die Mitglieder einer 
Herde zueinander stehen, ist unbekannt. Reichenow sah, daß eine Herde 
im Höchstfall von fünf Familien gebildet wurde. Einen Ausdruck findet 
diese Gliederung der Horde in Familien sogar bei der täglichen Anlage 
der Nester. Im nördlichen Gebiet fand Reichenow die Nester einer Herde 
nicht regellos nebeneinander gemacht, sondern gruppenweise angeordnet. 
Die Gruppen trennt ein Abstand von 8 — 15 Meter. In jeder Gruppe sind 
zwei große Nester anzutreffen, diejenigen der beiden Elterntiere, und mit- 
unter ein bis zwei kleinere Nester der halbwüchsigen Jungen, die etwa vom 
dritten bis vierten Lebensjahre an eigene Lagerstätten beziehen. Sind die 
Jungen noch ganz klein, so nächtigen sie bei der Mutter, und diese baut 
ein besonderes, weiches und erhöhtes Nest. V. Koppenfels schildert, 
daß der Familienvater sich von Weibchen und Jungen Früchte pflücken 
und zutragen läßt und Ohrfeigen austeilt, wenn dies nicht reichlich und 
schnell genug geschieht ; ähnliches berichtet Zenker. Nur alte Gorilla- 
männchen, die keine sexuellen Bedürfnisse mehr besitzen und dadurch 
den Familienzusammenhang verloren, leben als Einzelgänger. Ob es vor- 
kommt, daß alternde Männchen durch jüngere Männchen oder eines der- 
selben vertrieben werden, ist unbekannt. Ebenso fehlen Nachrichten, wie 
sich das Schicksal alleinstehender alter Weibchen innerhalb der Herde ge- 
staltet; als Einzelgänger werden sie nicht getroffen (Alverdes, 

S. 31 ff-)- 

Man mag es als willkürlich bezeichnen, daß Freud gerade das 
Leben des Gorilla herausgriff, um an diesem Schema seine Theorie auf- 
zubauen. Überraschen muß, daß er nicht spätere Quellen heranzog, son- 
dern zu der für sein Gedankengebäude so überaus wichtigen Grundlage 
auf die immerhin recht alten Beobachtungen zurückgriff, die Darwin selbst 
aus zweiter Hand anführt, und die von ihm überdies als eine hypothetische 
Alternative hingestellt werden. Die neuere Forschung zeigt jedenfalls, 
daß die mit lebendigen Strichen gezeichnete «zyklopische Urhorde» ein 
Phantasie-, vielleicht ein Wunschgebilde der theoretischen Gestaltungs- 
kraft Freuds ist. 

Wie leben die anderen Menschenaffen? Findet sich bei den einen oder 
anderen der verschiedenen Gattungen der von Freud postulierte Zustand ? 
Soweit man weiß, nicht. Denn die Schimpansen trifft man in Banden von 
zwanzig bis dreißig Stück. In monogamer solitärer Dauerehe lebt nach 
V o 1 z der Urang-Utan. Irgendwelches Verhalten, das auf Ödipus-Kom- 
plexe oder auf einen diesen Vorgängen entsprechenden «früheren» Zu- 
stand deutet, wurde bisher verbürgterweise bei den Affen nicht beob- 
achtet. 

123 



I 



Wie steht es in dieser Beziehung mit Nachrichten von den auf nied- 
rigster Stufe lebenden Naturvölkern, bei denen die Männer Jäger und 
Fänger, die Frauen Sammlerinnen sind ? Im allgemeinen kann man sagen, 
daß diese Stämme, wie etwa die Veddas von Ceylon, die Kongo-Zwerge 
oder die Bergdama Südwestafrikas, in kleinen Horden von etwa fünfzehn 
bis fünfzig Seelen leben, also in der Tat den Banden der Gorillas oder 
Schimpansen vergleichbar. Man könnte also vielleicht eine Analogie auf- 
stellen, nur würde diese auf einer anderen Grundlage von Gleichheit be- 
ruhen. 

Besteht nicht Altenherrschaft bei diesen niedrigen Primitiven ? So- 
weit diese Völker wirklich in verläßlicher Weise studiert wurden, kann 
man bei einigen wirklich von Altenherrschaft sprechen, wie etwa 
bei den durch V e d d e r in mustergültiger Art untersuchten Bergdama 
Südwestafrikas oder auch bei vielen australischen Stämmen. Ob 
dies jedoch tatsächlich «das ursprüngliche» gewesen ist, muß dahingestellt 
bleiben. Wenn auch im allgemeinen der Einfluß der älteren Leute ent- 
scheidend zu sein pflegt, so haben wir es doch bei allen diesen niedrigen 
Völkern, und selbst bei höheren, bei denen etwa die Frauen Gärten 
anlegen, überhaupt fast niemals mit tyrannischer Herrschaft 
zu tun, wie Freud sie sich vorstellt. Man kann sagen, daß dem sozialen 
Leben der niedrigeren Naturvölker nichts fremder ist, als «Herrschaft». 
In den Berichten wird Herrschaft und Führung gewöhnlich durchein- 
ander geworfen. Modern geschulte Beobachter weisen darauf hin, daß 
es sich bei den niedrigen Stämmen stets nur um Ballungen freiwilliger 
oder traditioneller Art um eine Führerpersönlichkeit handelt. Von den 
Jägern und Fängern der Andamaneninseln erzählt z. B. B rown (S. 44fr-)» 
daß die jüngeren Angehörigen der Gemeinde den Älteren Respekt be- 
weisen und sich ihnen in vielen Beziehungen fügen ; insbesondere wenn es 
sich darum handelt, das Lager nach einem anderen Platz zu verlegen, 
um dort bessere Jagd zu erzielen, fällt die Ansicht der Älteren entschei- 
dend in die Wagschale. Man darf jedoch nicht glauben, unterstreicht 
Brown, daß die Älteren tyrannisch oder selbstisch seien. Nur ein ein- 
ziges Mal hörte Brown eine Beschwerde darüber, daß die Älteren das 
Bessere von aller Beute erhalten. Die Tradition wird durch die Tatsache 
gefestigt, daß die Älteren eine reifere Erfahrung haben. Gerade in einer 
Gesellschaft, die so wenig inhaltlich überliefern kann, wie die primitive, 
muß ja die persönliche Erfahrung besonders stark wiegen. Neben dem 
Respekt für das Alter tritt noch der Respekt für gewisse persönliche 
Fähigkeiten und Eigenschaften. Diese bestehen in der Geschicklichkeit 
der Jagd und des Kampfes, aber auch in Großmut und Wohlwollen, und 
dem Fehlen von Launenhaftigkeit. Es ist also keineswegs ein neurotischer 
Trieb, der nach Brown (S. 45) einen besonderen Einfluß auf die Ge- 
meinde zu erlangen befähigt. Die Ansicht einer solchen ausbalanzierten 
Persönlichkeit kann in der Gemeinde selbst gegen einen älteren Mann in 
die Wagschale geworfen werden. Die jüngeren Leute schließen sich ihm 

124 




an und sind bemüht, durch Geschenke oder durch Arbeitshilfe, etwa beim 
Aushauen eines Einbaums, ihm zu Gefallen zu sein und begleiten ihn auf 
die Jagd oder auf Schildkrötenfang. In jeder Gemeinde findet sich in der 
Regel ein Mann, der vermöge seiner Persönlichkeit einen solchen Einfluß 
auf die anderen ausübt und sie zu leiten vermag. Unter diesen Führern ver- 
schiedener Gemeinden mag sich wieder einer finden, der die anderen über- 
ragt. Die jüngeren Leute, selbst anderer Gruppen, schließen sich dann 
gerne einem solchen überlegenen Führer an. Dieser gelangt dann zu einem 
allgemeinen Ansehen bei den jährlichen Zusammenkünften der verschie- 
denen Gruppen, und sein Einfluß erweitert sich oft über die engen Grenzen 
seiner eigenen kleinen Gemeinde hinaus. Neben derartigen Führern ge- 
langen auch Frauen manchmal zu starkem Einfluß, insbesondere aber auch 
Persönlichkeiten, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden, 
Zauberer oder Schamanen. 

Ganz ähnliche Zustände werden von den Eskimos, von nordost-sibi- 
rischen Völkern und auch von einzelnen indianischen Stämmen berichtet. 
Fast alle diese niedrigen Primitiven leben verhältnismäßig friedlich, und 
Streitigkeiten oder gar Mordtaten kommen selten vor, wenigstens nicht in- 
nerhalb der gleichen Gemeinde. Kommt es aber zu Mißhelligkeiten, so ge- 
nügt nach Brown (S. 47) das geringste Maß von Autorität, um eine solche 
Szene zu beendigen. Ein Mann von Einfluß vermag gewöhnlich ernstliche 
Zwistigkeiten in seiner Gemeinde beizulegen. Kommt es aber dennoch 
zu einer Mordtat, so pflegt der Mörder gewöhnlich das Lager zu verlassen 
und sich im Dickicht zu verbergen, wo sich ihm vielleicht seine Freunde 
zugesellen, die bereit sind, seine Partei zu ergreifen. Dann kommt es 
zu Blutrachetaten, wenn der Täter nicht entwischt. 

Dazu tritt noch etwas anderes. Die Freudsche Ödipustragödie 
trägt gewisse Züge moderner Familienbildung in die primitiven Zustände 
hinein. Die primitive Familie, wenigstens die der Stämme, bei denen die 
Männer der Jagd und dem Fang nachgehen, die Frauen Sammlerinnen 
oder Gärtnerinnen sind, bildet einen innig mit dem Leben der Gruppe 
verwachsenen Bestandteil derselben. Das Verhältnis der Kinder zu ihren 
Eltern verschwimmt vielfach in dem der jüngeren Generation, der «Ju- 
nioren», zu den «Älteren» der Gruppe, den «Senioren». Es fehlt also die 
Voraussetzung für die Entstehung eines Ödipus-Komplexes, der Art, wie 
Freud ihn zeichnet. Der Freudsche Ödipus-Komplex setzt für seine Ent- 
stehung eine viel höhere soziale Gestaltung voraus, namentlich eine weit- 
gehende Verselbständigung der Einzelfamilie, wie sie vor allem durch 
die Ausbildung des Privateigentums, der politischen Schichtung usw. 
sich ausgebildet hat (s. T., «Familie, Klan, Sippe, Schichtung, Häupt- 
ling»). Darum ist es auch charakteristisch, daß er bei den Griechen in 
Erscheinung tritt, von denen Freud Namen und Vorgang irrtümlich 
in das Allgemeinmenschliche generalisiert hat. Freud verfällt in den Fehler 
jener älteren Schule, welche die Geschichte der sozialen Einrichtungen 
über das klassische Altertum hinaus nur wenig kennt, den Weg von da 

125 



1 



zu den Naturvölkern viel zu kurz einschätzt, und deren reiche Stufen- 
gliederung und zahllose Varianten nicht in Betracht zieht. Nur so ist 
der Sprung möglich, den das Freudsche Ödipus-Ereignis vom Gorilla 
zu Sophokles macht. 

Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang auch die Stellung 
Freuds zum Mutterrecht bleiben. Er geht nämlich davon aus, daß 
das Inzestverbot die Situation war, «welche den Keim zu den von Bach- 
ofen erkannten Institutionen des Mutterrechts legte». Auch hier liegt ein 
Widerspruch zu den Tatsachen vor. Gerade die Stämme mit stark aus- 
geprägten mutterrechtlichen Zügen kennen gewöhnlich weniger sexuelle 
Schranken als andere, wie schon oben angedeutet. Während der 
Pubertätszeit herrscht bei diesen sogar eine manchmal zu fast voll- 
ständiger Promiskuität gesteigerte sexuelle Hemmungslosigkeit. Für die 
spätere Paarung gelten gewöhnlich bei einer Stammeshalbierung Schran- 
ken, die einen verhältnismäßig weiten Spielraum für die Wahl des Partners 
gestatten (s. T., «Mutterrecht»). 

Das, was jedoch Freud vor allem interessiert, ist die E x o ga m i e , 
die sich darauf gründet, daß die Angehörigen bestimmter Gruppen nur 
mit anderen in Verbindung treten dürfen, nicht mit den Gemeindege- 
nossen. Allerdings muß hier gleich bemerkt werden, daß diese strenge 
Exogamie gerade den niedrigen Primitiven, deren Männer Jagd und Fang 
treiben, und deren Frauen vom Sammeln von Früchten, Wurzeln, Schal- 
tieren u. dergl. leben, fehlt. Außerdem muß darauf hingewiesen werden, 
daß das, was Freud im Banne unserer Kultur als «Inzest» bezeichnet, 
bei vielen Naturvölkern, wie schon dargelegt, keineswegs als Blutschande 
gewertet wird. Als Verbrechen gilt nur die Übertretung des sozialen Ge- 
botes, der Tradition, und diese nimmt in den Einzelfällen eine sehr ver- 
schiedene Gestalt an. 

Um Exogamie und Inzest richtig zu verstehen, genügt es nicht, nur 
auf Vorgänge in den Einzelindividuen zurückzugehen. Denn es handelt 
sich bei der Exogamie um eine soziale Einrichtung, bei dem Inzest 
um eine konventionelle Auffassung und Wertung, die unlöslich 
mit Vorgängen und Einrichtungen der Gemeinde verknüpft sind. Der alte 
Fehler wiederholt sich bei Freud wie bei so vielen anderen, nämlich der, 
daß jeder in seinem engen Bereich befangen bleibt und von da aus einzig 
und allein die Vorgänge des Lebens sehen und meistern zu können ver- 
meint. Während der Soziologe so häufig im mechanischen Formalismus 
stecken bleibt, ohne Rücksicht auf die mit den sozialen Vorgängen ver- 
bundenen psychischen Motive oder Auswirkungen, so ist es im Falle 
Freuds der von der Psa. gefesselte Forscher und Psychologe, der über 
die komplizierten Mechanismen des sozialen Prozesses hinweggleitet, diese 
völlig ignorieren zu können vermeint. 

Als Ausgangspunkt für das Verständnis der Exogamie, für die Heirat 
in andere Gruppen überhaupt, sind die Heiratsordnungen zu 
betrachten. Freud sieht das Problem der Entstehung von Heiratsord- 

126 



j 



nungen ausschließlich unter dem Gesichtswinkel der Inzestscheu. Er 
verfällt somit, ganz ähnlich wie Spencer und vor ihm Rousseau, 
in den Fehler, soziale Einrichtungen so zu betrachten, als würde es sich 
bloß um Gewohnheiten handeln, zu denen ein einzelnes Individuum über- 
gegangen ist. Dagegen ist gerade in der primitiven Gesellschaft das Indi- 
viduum in außerordentlichem Maß durch die Gruppe gebunden, ein Um- 
stand, der Dürkheim und auch noch seinen Nachfolger Levy- 
Brühl zu Übertreibungen nach dem anderen Extrem verleitete, über- 
haupt nur diese Gruppenvorgänge ins Auge zu fassen und von «Kollektiv- 
vorstellungen» zu sprechen, in dem Sinne als würden diese ganz unabhän- 
gig von den Individuen bestehen. 

Für die Heiratsordnungen und ihre sehr verschiedenartigen Ausgestal- 
tungen kommt sicher nicht ein Faktor allein, kommen nicht nur sexuelle 
Motive in Betracht, sondern auch solche des Gemeindelebens. Wir müssen 
uns, worauf übrigens auch schon W u n d t , wenigstens theoretisch, hin- 
gewiesen hat, der Mannigfaltigkeit der Motive und auch ihres 
Wechsels bewußt bleiben ; obgleich Wundt dieser seiner eigenen For- 
derung bei der Durchführung seiner Theorien nicht treu genug blieb, 
sondern in den verhängnisvollen Fehler einer zu großen Einlinigkeit zu- 
rückglitt, dem vor allem Spencer und seine Schar von Nachfolgern unein- 
geschränkt verfallen war (vgl. T. «Primitive Kultur»). 

Zweifellos wird man Freud recht geben dürfen, wenn er eine 
Reihe sexueller Verbote und Meidungen, wie etwa zwischen Schwieger- 
mutter und Schwiegersohn, zwischen Bruder und Schwester, zwischen 
Schwiegervater und Schwiegertochter, wo sie vorkommen, zwischen Vater 
und Tochter usw., auf sexuelle Motive zurückleitet. Nur ist nicht aus 
dem Auge zu verlieren, daß es sich bei den beispielsweise genannten 
Meidungen nicht um eine bestimmte Entwicklungsstufe von allge- 
meiner und durchgängiger Verbreitung handelt, sondern vielmehr um 
Einzelerscheinungen, die unter dem Zusammenwirken ganz be- 
stimmter lo k al geb u n d en er sozialer Bedingungen 
(zu denen auch Einwirkungen durch Übertragungen zu rechnen sind und 
Nachahmungen fremder Sitten) entstanden sind. 

Dagegen spielt der Austausch von Frauen für die Begrün- 
dung und Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen unter ver- 
schiedenen Gruppen eine außerordentlich große Rolle. Wenn auch die 
Heiraten sexuelle Vorgänge sind, so bezwecken sie doch tatsächlich 
eine Vergesellung unter den beteiligten Gruppen. Der sexuelle Faktor ist 
also, ähnlich etwa wie früher bei Heiraten unter modernen Fürsten- 
häusern, politischen Interessen dienstbar gemacht. In 
den verschiedenstenFormen treten derartige «politische Zweckhei- 
raten», insbesondere beim Friedensschluß unter sich befehdenden Ge- 
meinden auf. Ganz besonders ist das der Fall bei der Einwanderung und 
Ansiedlung fremder Stämme, wie etwa in der melanesischen Südsee, an 
der Küste von Neu-Guinea oder auf den großen Inseln des Bismarck-Ar- 

127 



chipeis und der Salomonen-Gruppe, wo ich selbst derartige Frauentausch- 
beziehungen in ihrer Entstehung und Einbürgerung feststellen konnte, z. B. 
zwischen den melanesischen Salomoniem und den Bergbewohnern der 
Insel Bougainville (s. T., «Heiratsordnung»). 

Bei nach dieser Richtung hin untersuchten Jäger-, Fänger- und 
Sammlerinnenstämmen bestehen gewöhnlich keine weiteren Heiratsver- 
bote, wie z. B. bei den ^wm-Buschmännern, als daß ein Mann nicht seine 
eigene Schwester oder Mutter, ein Vater nicht seine Tochter heiratet. 
In der Regel finden die Verbindungen nicht in der eigenen Familie 
statt, auch nicht innerhalb der eigenen Sippenhorde. Die Frauen wer- 
den mit Vorliebe weit hergeholt, oft von Stämmen anderer Sprache, 
den Naomn, Genkuin oder Hei-Um. Ganz ähnlich liegt es bei den 
altsibirischen Jäger- und Hirtenvölkern. Als Grund wird von den 
Forschern angeführt, daß bei den letzteren der sexuelle Verkehr sehr 
früh anfängt, und der Keuschheit keine Bedeutung beigemessen wird. 
Die meisten beginnen ihr sexuelles Leben mit den ersten Spuren der 
Reife zwischen fünfzehn und sechzehn, manchmal zwischen zwölf und 
dreizehn Jahren, oft auch noch früher. Nach B o g o r a s kommen 
alle Arten von Verwandtschaftsverkehr in den Familien vor. Doch wird 
es nicht gern gesehen, wenn sehr junge Mädchen schon Kinder haben, 
weil man das nicht gut für die Gesundheit von Mutter und Kind hält. 
Heiraten unter Verwandten, namentlich unter Vettern und Basen, sind 
bei den Tschuktschen häufig. Auch solche zwischen Onkel und Nichte 
kommen vor. Doch wurde im letzteren Falle der Gatte von den Nachbarn 
lächerlich gemacht. Auch zwei Fälle von Sexualbeziehungen zwischen 
Vater und Tochter wurden von B o g o r a s beobachtet, und viele der- 
artige Beispiele aus Geschichten der Tschuktschen angeführt, in denen 
von einer Heirat zwischen Bruder und Schwester die Rede ist, obgleich 
heute eine solche als «Blutschande» betrachtet wird. Vielfach werden jetzt 
die Kinder von Verwandten oder befreundeten Familien einander ver- 
sprochen. Diese Kinder wachsen zusammen auf und sollen dann später, 
wenn sie verheiratet sind, sehr anhänglich aneinander sein. Selbst unge- 
borene Kinder werden für spätere Heirat einander versprochen. Vielfach 
werden Paare gegeneinander getauscht, dabei wird auf das Alter der 
Kinder keine Rücksicht genommen, z. B. ein fünf Jahre alter Knabe an 
ein Mädchen von zwanzig Jahren verheiratet, wogegen die Nichte von 
zwölf Jahren an einen Mann von über zwanzig Jahren gegeben wurde. 
In manchen dieser Fälle hat die Frau inzwischen einen Bettgenossen und 
ihr eigenes Kind, für das dann ihr rechter Ehemann auch mit sorgt. Dies 
geschieht, wie die Tschuktschen sagen, um «die Liebe des Gatten zu 
sichern» (C z a p 1 i c k a, S. 70. ff.). Bei den papuanischen Baining-Leuten 
der Gazelle-Halbinsel von Neupommern (Südsee) habe ich z. B. ein klei- 
nes Spottlied gefunden, in dem ein Vater wegen seines Verkehrs mit sei- 
ner Tochter verhöhnt wird. 

Aus den angeführten Beispielen geht hervor, daß die sogenannte 

128 



Inzestscheu als nichts Ursprüngliches betrachtet werden kann, son- 
dern offenbar bei verschiedenen Stämmen, teilweise noch bis auf den 
heutigen Tag, nicht vorhanden ist. Dabei will ich die Beispiele von 
Verbindungen zwischen Bruder und Schwester in Süd-China (Hoklo- 
Leute) und Westafrika (Südnigerien) übergehen (s. Thurnwald 1921 
und F r a z e r II, S. 424). 

Die rein sexual-psychologische Motivierung Freuds für die «In- 
zestscheu» scheint mir nicht auszureichen. Primitive sind nicht Neuro- 
tiker, Neurotiker nicht Primitive, trotz gewisser äußerlicher Ähnlichkeiten 
im Verhalten hier und da. Politische und wirtschaftliche Faktoren machen 
ihren Einfluß geltend, und zwar namentlich auf die Heirat. Da die Heirat 
vielfach eine politische oder eine wirtschaftliche Angelegenheit ist, muß sie 
vom bloß sexuellen Verkehr abgesondert betrachtet werden. Unter den 
Gilyaken führen die Sippen, welche durch Heiratsbande zusammen- 
hängen, einen besonderen Namen: «pandf». Sie bilden einen Freund- 
schaftsverband, dessen Pflichten hauptsächlich in Gastlichkeit, Anbieten 
von Essen und im Austausch von Geschenken besteht (Sternberg, 
S. 79ff-)- Heiraten zwischen Vetter und Base ersten Grades oder auch 
unter entfernteren Blutsverwandten schließen die £/»a/»7-Eskimos der 
Beringstraße mit dem Gedanken, daß in einem solchen Fall die Frau dem 
Manne näher steht und im Falle der Not die Frau den Mann nicht be- 
stiehlt und ihn nicht verhungern läßt, sondern für ihn sorgt; so, meint 
man, wird auch die Frau mehr ein Teil der Familie des Mannes (Nel- 
son, S. 291). 

In diesem Zusammenhang muß auch auf die Heirat unter 
Ungleichaltrigen hingewiesen werden, wie sie in verschiedenen 
Gegenden als alte Einrichtung überliefert wird. Ohne auf kompliziertere 
Heiratsordnungen einzugehen, seien die Verbindungen bei den Tupi in Bra- 
silien angeführt, von denen als Begründung angegeben wurde, daß das ältere 
Geschlecht immer mehr Erfahrung als das jüngere habe, und es wegen 
der Erziehung und des Unterrichts angebracht sei, eine ältere Person 
mit einer jüngeren zu verbinden (Quevedo, S. 422). Wenn man 
diese rationalistische Erklärung nicht gerade für den Ursprung dieser 
Sitte verantwortlich machen kann, so dürften derartige Erwägungen 
doch wenigstens zu ihrer Festigung beigetragen haben (Ausführliches s. 
Thurnwald, 1921, S. 131, 184, 186, 188). 

Man wird zu der Annahme berechtigt sein, daß zur Ausbildung der 
Heiratsordnungen, namentlich wie wir sie etwa in Australien finden, die 
Altenherrschaft von großer Bedeutung war. Hier dürften wie- 
der gewisse Freudsche Gedankengänge zu Recht bestehen. Denn wir 
wissen von verschiedenen australischen Stämmen, wie z. B. von den 
Aranda Zentral- Australiens nach S t r e h 1 o w , daß die heranwachsende 
Generation vielfach erst dann auf Beweibung rechnen kann, wenn den 
Männern graue Haare im Bart zu sprießen beginnen. Wie wir indessen 
gesehen haben, ist die Altenherrschaft eine Variante, die sich nur bei 

9 Prinzhorn, Psa. I2 9 



mehreren Jäger- und Fängerstämmen findet und zwar, wie ich hinzu- 
fügen muß, bei solchen, bei denen eine gewisse Vergesellung 
dereinzelnen Horden Platz gegriffen hat, bei denen man auch 
schon eine gewisse politische Führung bemerkt, die also zweifellos sozio- 
logisch auf einer höheren Stufe steht, als etwa die erwähnten Gemein- 
den der Andamaneninseln. 

Außerordentlich wichtig für die Entstehung der Heiratsordnungen 
ist die sog. «crosscousi n»-Heirat, die man als «Bölken- Vetternehe» 
oder besser als «Vettern-Wechselehe» bezeichnen kann und darin besteht, 
daß die Kinder von Schwester und Bruder sich miteinander verbinden! 
Mitunter wird die Heirat aber erst in der folgenden Generation, näm- 
lich zwischen den Enkelkindern von Bruder und Schwester gestattet. 
Man kann sagen, daß eine große Mehrzahl der Heiratsordnungen auf 
dieses Grundprinzip zurückzuleiten ist. 

Wenn eine Gilyaken-Frau einen Sohn hat, so bittet sie gewöhnlich 
ihren Bruder, den Jungen mit seiner Tochter zu verheiraten. Die Ver- 
lobung findet im Kindesalter statt und im Alter von fünf oder sechs 
Jahren kommt das Mädchen bereits in das Haus ihres zukünftigen Gat- 
ten, mit dem sie zusammen aufwächst. Vielleicht kann man diese Ver- 
bindung als Ersatz für die in Verruf geratenen Verbindungen zwi- 
schen Bruder und Schwester ansehen. Was aber kann entscheidend da- 
für gewesen sein, daß derartige Heiraten unstatthaft wurden, daß man 
sie als «Blutschande» brandmarkte? Wenn man seine Zuflucht in der 
Ausbildung der Altenherrschaft sucht, so dürfte man kaum fehlgehen. 
Denn die Tendenz zu einer Monopolisierung der Frauen durch die füh- 
renden Alten der Horde ist bei vielen der niedrigen Naturvölker unver- 
kennbar. Die ganze schöne Ödipus-Tragödie hineinzudichten ist jedoch 
überflüssig. Man wird vielmehr anzunehmen haben, daß bei wandern- 
den oder abenteuernden Stämmen die Führerschaft der Alten von großer 
Bedeutung wurde, und sie daher in die Lage versetzt wurden, einen 
übermächtigen Einfluß in ihrer Gemeinde zum eigenen Vorteil geltend 
zu machen. Neben den Leckerbissen reservierten sie sich auch sexuelle 
Vorrechte. Insbesondere dürfte so ein A u s t a u s c h der den einzelnen 
miteinander vergesellten Familien zugehörigen Frauen Platz gegriffen 
haben und auf diese Weise zunächst einmal eine familialeExoga- 
m i e als Sitte begründet worden sein. Die Folge dieser Sitte machte sich 
zunächst dann geltend, daß gewisse Verbindungen als unstatthaft ge- 
brandmarkt wurden. Wenn wir die vielerlei Gestaltungen der «Blut- 
schande» unter den Naturvölkern untersuchen, so finden wir sie vor allem 
als Verletzungen gewisser das Zusammenleben ordnender Moralvorschrif- 
ten, als «Gesellschaftsschande». Ist doch bei manchen Heiratsordnungen die 
Verbindung etwa zwischen Vater und Tochter möglich und gestattet, wäh- 
rend Verbindungen mit dem dritten oder vierten oder noch höheren Grade 
in der Linie der Vatersippe verboten erscheint. Das, was wir «Inzest» 
nennen, und was auch für Freud den Ausgangspunkt bildet, ist für jene 



130 



Völker, die von ganz anderen Auffassungen der Verwandtschaft aus- 
gehen, keineswegs Inzest. 

Die familiale Exogamie war offenbar das Vorbild, nach dem sich 
die Exogamie später unter Sippen oder Siedlungen oder Stämmen aus- 
gestaltete ; und zwar in der Weise, wie ihre politische Vergesellung vor 
sich ging. 

Auf einen Punkt weist Freud mit besonderem Nachdruck hin, 
nämlich darauf, daß diese verschiedenen Sitten und Meidungen «mit ge- 
radezu religiöser Strenge» eingehalten werden. Dies verleitet 
ihn, besonders das zwangsmäßige Verhalten der Neurotiker zum Ver- 
gleich heranzuziehen. Er meint (S. 36) : «wenn er (der Psa.-tiker) nicht 
gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen (Neurotiker) als , Zwangs- 
kranke' zu bezeichnen, würde er den Namen ,Tabu-Krankheit' für deren 
Zustand angemessen finden müssen.» Zweifellos werden die Heiratsvor- 
schriften, wie auch die sexuellen Verbote mit großer Strenge durchge- 
führt und es handelt sich bei diesen Geboten und Verboten darum um 
etwas, das man nicht unberechtigterweise ,T a b u' bezeichnen kann, weil 
damit auch eine transzendente Sanktion mitverbunden gedacht wird. 

Kommt den Heiratsverboten einzig und allein eine derartige tran- 
szendente Sanktion zu? Keineswegs! Alle Vorschriften werden bei den 
niedrigen und mittleren Naturvölkern in tabuistischem Sinne verstan- 
den. Stehen sie alle also unter einem neurotischen Zwang? Freud 
meint weiterhin, eine Übereinstimmung der Zwangsverbote (der Neuro- 
tiker) mit dem Tabu der Naturvölker darin sehen zu müssen, «daß diese 
Verbote ebenso unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft sind. Sie 
sind irgend einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwing- 
baren Angst gehalten werden. Eine äußere Strafandrohung ist über- 
flüssig, weil eine innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretun- 
gen werden zu einem unerträglichen Unheil führen. Das Äußerste, was 
die Zwangskranken mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es 
werde eine gewisse Person ihrer Umgebung durch die Übertretung zu 
Schaden kommen. Welches diese Schädigung sein soll, wird nicht er- 
kannt» . . . «ein Teil der Verbote ist nach seiner Ansicht ohne weiteres 
verständlich, ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läp- 
pisch, sinnlos. Wir bezeichnen solche Gebote als .Zeremoniell' und 
finden, daß die Tabugebräuche (der Naturvölker) dieselbe Verschieden- 
heit erkennen lassen.» 

Ein so großer Seelendeuter Freud sein mag, einen ernstlichen 
Versuch, in das so andersartige Denken der Naturvölker und fremder 
Kulturen einzudringen, hat er nicht unternommen. Er kennt den Neuro- 
tiker gründlich und sieht überall nur den Mechanismus eines Neurotikers. 
Er urteilt von seinem Standpunkt des modernen Kulturmenschen der 
Stadt durchaus egozentrisch, wenn er die Verbote der Naturvölker in 
solche einteilt, die «verständlich» und solche, die «unbegreiflich, läppisch 
und sinnlos» sind. 

9* 131 



Wenn wir uns an die Art des Denkens der Naturvölker herantasten 
wollen, so müssen wir vor allem unser ganzes Wissen von heute über 
Bord werfen, aber auch die Technik unseres geschliffenen und gefeilten 
Denkens, unsere durch die Mathematik geschulte Logik, unsere Kenntnis 
von Erde, Tier, Pflanze und Gestein, von Klima und Kosmos. Arm ist 
die Technik, die Bewältigung der Umwelt des Naturmenschen, er ist ihr 
Untertan, während wir Herren der Erde geworden sind. Mit der fort- 
schreitenden Technik ging auch ein verfeinertes Denken Hand in Hand, 
wenigstens in bezug auf die Spitzenleistungen. Die Spitzenleistungen 
haben das Alltagsgedenken mehr oder minder widerstrebend nach sich 
gezogen, so daß wir heute mit sehr verschiedenen Denkleistungen zu tun 
haben, die nicht nur nach Volks- und Berufsschichten abgestuft sind, nicht 
nur nach Erziehung und Bildung, sondern die auch in demselben Men- 
schen zu sehr verschiedenen Graden von Höchstleistungen gelangen, je 
nach dem es sich um berufliche Fachtätigkeit handelt oder um den All- 
tag. Das Familienleben spielt sich jedoch im Alltag ab und gerade darum 
werden auch die Probleme, die sich, wie wir sahen, aus dem Konflikt 
zwischen biologisch-sexuellen Forderungen des Individuums und der 
Gesellschaft mit ihren tausend Schranken ergeben, nicht auf Grund der 
Spitzenleistungen des Denkens bewältigt, sondern hingegeben primitiven 
Emotionen und Impulsen. Wir haben es also in unserer Kultur selbst 
vielfach mit einem saloppen und bequemen Denken und Verhalten zu 
tun, das durchaus an die Problemlösungen der Naturvölker erinnert. 

Die Verbote haben, wie gezeigt, bei den Naturvölkern transzenden- 
ten Charakter wegen der Enge ihres Weltbildes, in dem alle Ordnungen 
ohne entsprechende Plastik und Staffelung verschwimmen. Darum bringt 
das Übertreten von Schranken jeder Art in ihren Augen eine Gefähr- 
dung der gesamten Welt- und Lebensordnung mit sich. Jede Störung 
einer Ordnung erschüttert das gesamte geistige System und erhält da- 
durch transzendenten Charakter, mag es sich um einen Bruch von 
Brauch und Sitte handeln oder um eine Übertretung sexueller Schran- 
ken. Liegt nicht die Ähnlichkeit mit dem Neurotiker darin, daß bei diesem 
eine Art «atavistischer Konfusion», ein Mangel an Plastik, sich geltend 
macht ? 

Wenn wir Freud und seiner Schule auch nach manchen Richtungen 
hin zustimmen, vor allem sein Verdienst nicht genug unterstreichen 
können, daß er zu einer Zeit, da emotionelle und namentlich sexuelle Pro- 
bleme zu erörtern verpönt war, mutig auftrat und ein weites Gebiet der 
Forschung neu erschloß, so dürfen wir doch vor den Einseitigkeiten 
unsere Augen nicht verschließen. Aus dem inzwischen aufgefundenen 
neuen Tatsachenmaterial, für deren Heranschaffung ihm indirekt sicher 
manch Verdienst nicht abgesprochen werden kann, ergeben sich neuartige 
Problemstellungen, an denen wohl auch die Psa. nicht achtlos vorüber- 
gehen kann. 



132 



Erwähnte und einschlägige Schriften. 
Karl Abraham, Traum und Mythus, 1909; Friedrich Alverdes, 
Tiersoziologie, 1925; A. R. Brown, The Andaman Islanders, 1922; M. A. 
C z a p li c k a , Aboriginal Siberia, a Study in Social Anthropology, 1914 ; James 
Frazer.TÄe Golden Bough, 191 1 ; S i g m. F r e u d , Der Wahn und die Traume 
in W. Jensens zGradivay, 1908 ; ders., Totem und Tabu in «Gesammelte Schriften*, 
1924; ders., Kleine Beiträge zur Traumlehre, 1925 \ ders., Die Zukunft einer Illusion, 
1927 • S.Luria, Die Ödipussage und Verwandtes in <Raccolta scritti in onore d\ 
Feiice Ramorinoy, 1927 ; B. Malinowski, Argonauts of the Western Pacific, 
1922; ders., Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex, Imago 10, 1924; Nel- 
son', The Eskimo about Bering Strait, 1899; Q u e v e do , Guarani Kinship Terms, 
Am. Anthrop. 21, 1919; Otto Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 
1022; ders., das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage, 1926; Franz Riklin, 
Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908; Geza Röheim, Mondmytho- 
logie und Mondreligion, 1927; G. H. S c hübe rt, Die Symbolik des Traumes, 
1814; Schwarz, Traum und Traumdeutung nach Abdalganian-Nabulusi ZDMG, 
igi3; Seligmann, Presidential Address, Journ. Anthrop. Institut. 55, 1925; 
FelixSpeiser, Schlange, Phallus und Feuer in der Mythologie Australiens und 
Melanesiens, Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel, Bd. 38, 
1927 ; Sternberg, The Gilyak, 1905 ; S t r e h 1 o w , Die Aranda- und Loritja- 
Stämme in Zentralaustralien, i907;Eckardtv. Sydow, Primitive Kunst und 
Psychoanalyse, 1927 ; A. G. T a n s 1 e y , Die neue Psychologie und ihre Beziehung 
zum Leben, 192Z ;RichardThurnwald, Forschungen auf den Salomo-Inseln 
und dem Bismarck-Archipel, I. Lieder und Sagen, 1912; ders., Die Gemeinde der 
Banaro, 1921 ; ders. Artikel im Reallexikon der Vorgeschichte (hg. v. Max Ebert), 
1924/28, unter den Stichworten, Altenherrschaft, Altersstufen, Blutschande, Brüder- 
schaft, künstliche Ehe, Eid, Familie, Familienformen, Fluch, Frau, Fraueneinfluß, 
Gottesurteil, Häuptling, Heirat, Heiratsordnung, Horde, Jünglingsweihe, Kanniba- 
lismus, Kaste, Keuschheit, Kind, Klan, Mädchenweihe, Mannbarkeit, Menschenopfer, 
Moral, Mutterrecht, Nebenehe, Omen, Opfer, Orakel, Patriarchat, Politische Ent- 
wicklung, Primitives Denken, Promiskuität, Reinigung, Schichtung, Sippe, Soziale 
Entwicklung, Strafe, Symbol, Vaterrecht, Verbrechen, Verwandtschaft, Zauber; 
V e d d e r , Die Bergdama, 192Z ; Wirz, Die Marina — A nim, I, 1922, II, 1925. 



133 



LITERATURWISSENSCHAFT UND 
PSYCHOANALYSE 
von Ewald Volhard 

Der G e g e n s t a n d der Literaturwissenschaft scheint sich in dem 
Begriff selbst bereits hinreichend darzustellen, so daß, da über den 
Begriff «Literatur» eine verbindliche Vorstellung unter Wissenschaftlern 
wie Laien geläufig sei, eine nähere Wesensbestimmung und Abgrenzung 
überflüssig wäre. Versuchen wir gleichwohl, einiges über diesen Gegen- 
stand und seine Betrachtungsmöglichkeiten in aller Kürze vorauszustellen. 

Wenn man unter Literatur — wie üblich — zunächst alles Geschrie- 
bene, d. h. im Stoff der Sprache Fixierte versteht, so ist ziemlich belang- 
los, ob man Rechnungen oder geschäftliche Mitteilungen — sie seien 
etwa von Goethe — noch mit zur Literatur rechnet oder nicht. Und doch 
wird gemeinhin ein gewisser freilich schwer bestimmbarer Grad mehr oder 
minder bewußter und absichtlicher Formung als Ausweis allem abverlangt, 
was im eigentlichen Sinne als «Literatur» gelten will. Jede Fixierung 
aber, so wäre dagegen einzuwenden, ist eine mehr oder weniger bewußte 
Formung, d. h. eine Durchdringung irgendeines Stoffes, hier der Sprache, 
mit der sei es auch noch so verdünnten Individualität, mit der einmaligen 
Eigenheit, der «Seele» des Schreibenden. Den GradderFormung 
also wird man nur schwer als entscheidend über die Zugehörigkeit zur 
Literatur ansetzen dürfen, wenn auch in ihm ein wesentliches Kriterium 
für die Rangordnung innerhalb der Literatur sich bietet. 

Sofern nun der Mensch sich das Weltganze in der Sprache noch ein- 
mal gibt und schafft, erscheint das, was gern als «Inhalt» zum eigentlichen 
Forschungsobjekt der Literaturwissenschaft gemacht wird, lediglich als 
geformter Stoff, während als der wirkliche Inhalt nur die Individualität, 
die Seele des Schaffenden zu gelten hat. «Niemand schreibt, der nicht seine 
Selbstbiographie schriebe, und dann am besten, wenn er am wenigsten 
davon weiß» (Hebbel). Je bedeutender nun, je welthaltiger diese «Seele» 
ist, um so lebhafter wird sie sich dem ergriffenen Stoff, der Wort- Welt 
mitteilen, um so breiter werden die dem Chaos durch die Gestaltung ent- 
rissenen Weltsektoren sein, zu um so dichterer Formung wird die Fülle 
des Stoffes und die Intensität des Durchdringens den Schaffenden nötigen. 

Betrachten wir also als den Gegenstand der Literaturwissenschaft eine 
im Stoff der Wort- Welt sich ausformende und gestaltende Individualität, 
so wird S1 ch diese Wissenschaft von drei Seiten aus ihres Gegenstandes 
bemächtigen : 

i. indem sie den S t o f f untersucht und sich fragt, worin denn 
die Individualität sich forme; 

2. indem sie die F o r m u n g ihrer Betrachtung unterwirft und 
festzustellen sucht, w i e sich die Individualität in ihrem Stoff ausdrücke; 

3. indem sie dem G e h a 1 1 des Geformten nachgeht durch die Frage, 
was eigentlich diese Seele sei, die sich hier darstelle. 

134 






Diesen drei Möglichkeiten, die dem Wesen des Gegenstandes allein 
entnommen sind, gesellen sich nun drei weitere, die der Literaturwissen- 
schaft als historisch orientierter Wissenschaft eignen und die der 
zeitlichen Gebundenheit des Gegenstandes entspringen. Hiernach kann der 
Betrachter seinen Gegenstand (oder einen Teil seines Gegenstandes) 

1. aus dessen Zeit selbst heraus sehen, erklären und deuten, indem er 
etwa fragt, wie stellt sich dar, wie galt ein Wort, eine Sprache, eine 
Meinung, ein Vers, ein Werk, ein Dichter zu seiner Zeit? 

2. in einem entwicklungsgeschichtlichen Zusammen- 
hang sehen und etwa fragen : wie wirkt er und was hat auf ihn gewirkt, 
oder welche Vergleichsmöglichkeiten bieten sich zu anderen Zeiten ? 

3. in seiner heutigen Geltung und Bedeutung erfassen und 
fragen, was Bleibendes an ihm sei. 

Dieses Koordinatensystem von Möglichkeiten läßt nun beliebige 
Mischungen zu und ist durch die verschiedensten Methoden, Techniken, 
Gesinnungen, Weltanschauungen zu füllen. Von den einzelnen Teilmög- 
lichkeiten, etwa der reinen Philologie, der annalistischen Biographie, der 
vergleichenden Stoffsammlung, der beschreibenden Inhaltsangabe, der 
Feuilletondeutung, um nur einige Beispiele zu nennen, muß hier natür- 
lich geschwiegen werden. Wenn wir ferner absehen von der zeitlichen 
Gebundenheit des literaturwissenschaftlichen Gegenstandes und ihren 
Folgen, wenn wir die Literaturwissenschaft mehr von ihrer psychologisch- 
anthropologischen als von der historischen Seite nehmen, so dürfen wir 
wohl als ihre wichtigste, ja vielleicht ihre eigentliche Idee bezeichnen die 
Darstellung, Erklärung, Deutung einer im Stoff der Wort- Welt sich aus- 
formenden und gestaltenden Individualität. 

Es soll damit noch keineswegs gesagt sein, daß die Literaturwissen- 
schaft nur eine Unterabteilung der Psychologie sei, wohl aber, daß auch 
sie immer wieder um das Problem «Mensch» kreise und in ihrer höchsten 
Form dieses letzte Problem nie aus den Augen verlieren dürfe. In unse- 
rem Zusammenhang jedenfalls werden wir von Literaturwissenschaft nur 
insoweit reden, als sie es mit diesem — letzten — Problem zu tun hat, 
und werden ohne Rücksicht auf Einzelfragen lediglich ganz allgemein 
und prinzipiell untersuchen, wieweit die grundsätzlichen Bedingungen 
der Literaturwissenschaft in dieser Hinsicht Beziehungen zur Psa. ge- 
statten. 

Daß die Wissenschaft dem Bedürfnis nach einer für die jeweils ge- 
pflegte oder geforderte Lebenshaltung sinnvollen Deutung der Welt, der 
Natur, der Geschichte, des Menschen ihr Dasein verdankt, bedarf für die 
Literaturwissenschaft heute kaum noch einer Betonung, nachdem die Er- 
kenntnismißwüchse einer Generation, die im Erkennen um seiner selbst 
willen den wichtigsten Lebensgehalt fand, im allgemeinen überwunden 
sind. Da heute wieder eine menschliche Ganzheit teils gelebt, teils ge- 
fordert wird, so kann auch die Geschichtsdeutung sich nicht mehr auf 

135 



reine Stoffsammlung und -sichtung beschränken, sondern ist genötigt, 
sich auch rückschauend wieder der menschlichen Ganzheit bewußt zu 
werden und anzunehmen. So trennt die Literaturwissenschaft heute nicht 
mehr das Kunstwerk als ein gesondert zu behandelndes lebloses Produkt 
eines mehr oder minder beliebigen Artifekten von seinem Ursprung ab. 
sondern sieht in ihm eine Erscheinungsform der einmaligen Individuali- 
tät des Schaffenden, der sich selbst dort am dichtesten darstellt, wo er 
sich in seiner höchsten Intensität als essentielle Ganzheit dem Stoffe ein- 
prägt, in der Dichtung. Die Einheit von Dichter und Werk zu verdeut- 
lichen wird sich also heute jede Literaturwissenschaft angelegen sein 
lassen. 

Damit wäre freilich nichts Neues erreicht, wenn nicht die Einheit 
in einer tieferen Schicht aufgesucht werden müßte, als es die beliebten 
Stoffsammlungen unter dem Titel : «XYs Leben und Werke» vermochten, 
die sich auf die meist primitive Aufzeigung sinnfälliger Übereinstim- 
mungen zwischen Biographie und Dichtung beschränkten, und selten mehr 
boten, als die gutmütige Schilderung eines freundlichen Bürgers, der sich 
auf Grund eines meist zugebilligten Talentes dem Beruf des Dichters 
hingab. Dichtung als ausgeschmückte Beschreibung bürgerlicher Lebens- 
ereignisse ist eine Sage des neunzehnten Jahrhunderts. 

Die Einwirkungen, die der Literaturwissenschaft eine tiefere Er- 
fassung der Einheit von Dichter und Werk möglich gemacht haben, sind 
verschiedenen Ursprungs. Vor allem ist hier Nietzsche zu nennen, 
dessen Vertiefung des Menschbildes auch der Literaturwissenschaft — 
teils direkt, teils auf Umwegen, wie über die neuere Psychologie — zu- 
gute kam. Ihm entstammt auf der einen Seite die Möglichkeit, das 
Schicksal eines Menschen, sein Tun und Leiden, Leben und Wirken, 
Denken und Handeln, als sinnbildliche «Darlebung» seiner einmaligen 
und besonderen Einheit von Blut und Geist aus der Idee dieser Einheit 
heraus zu deuten und in dem jeweiligen geschichtlichen Raum im Wechsel- 
spiel von Geben und Nehmen aufzuzeigen. Auf der anderen Seite geht 
auf ihn ebensowohl das Bestreben zurück, in die triebhaften Untergründe 
und Abgründe des Unbewußten vorzudringen und von hier aus — gewis- 
sermaßen von unten her — auf die eigentlichen, aller beschönigenden 
Schleier beraubten Beweggründe und Antriebe des menschlichen Lebens 
und Schaffens neue Lichter fallen zu lassen. Von dieser wahren Trieb- 
psychologie aus stellt sich die Einheit von Dichter und Werk je nach den 
besonderen weltanschaulichen Voraussetzungen wieder sehr verschieden 
dar. Mag man nun etwa den Willen zur Macht als Antrieb zu der Stoff- 
durchdringung und -bewältigung des Schaffenden in den Vordergrund 
stellen, mag man den Dichter durch Enthüllung seiner triebhaften Mensch- 
lichkeiten zu enträtseln glauben, oder auf der anderen Seite gerade die 
Durchdringung auch seiner höchsten Geistigkeit mit den erdgebundenen 
Kräften seines Blutes bewundern und hierin das Kriterium für seine 
Echtheit sehen ; mag man in der Dichtung Selbsterlösungsversuche von 

136 



unbewußten oder bewußten Seelenleiden finden, oder sie als euphemi- 
stische Idealisierungen bloßer Sinnlichkeiten aufdecken ; — in die 
Schicht, in der sich Leben und Werk als verschiedene Emanationen der 
gleichen triebhaft-geistigen Einheit darstellen, wird man heute stets hinab- 
steigen müssen, wenn man sich dem Rätsel dichterischen Schaffens durch 
eine sinnvolle Deutung zu nähern bestrebt ist. 

Die Frage, von welchem Menschbilde aus und zur Förderung welchen 
Lebens dieser Vorstoß in die Untergründe des Unbewußten, Triebhaften, 
Erdgebundenen, Vorgestaltigen eigentlich vorgenommen werde, ist in 
unserer Zeit, in der jeder aus mehr oder minder privaten metaphysischen 
Gesinnungen lebt, unlösbar. Weder die Tiefe, noch die Sinnfälligkeit einer 
Deutung können heute über echt oder unecht entscheiden, geschweige 
denn über recht oder unrecht, und nur die Hoffnung, gestützt auf die 
verwandte Gesinnung der edelsten Ahnen, einem gemeinverbindlichen 
Menschbilde zuzuwirken, enthebt den Forscher dem Bewußtsein privater 
Eigenbrötelei. Eben darum aber wird er bestrebt sein, sein Menschbild 
mit allen Mitteln und durch alle die Techniken der Weltbetrachtung, die 
sich ihm heute bieten, zu vertiefen und zu erweitern, oder es anderen 
gegenüber nach gründlicher Prüfung abzugrenzen. 

Als eine dieser Techniken der sinnvollen Deutung des menschlichen 
Wesens stellt sich uns heute die Psa. dar, die den Anspruch erhebt, von 
wenigen, empirisch gefundenen Grundtatsachen aus das ganze scheinbar 
unenträtselbare Chaos menschlicher Daseinsmöglichkeiten aufzuklären. 
Dieses völlig in sich geschlossene System der Weltbetrachtung, das in sich» 
unwiderlegbar und nur von einem anderen Menschbilde, von anderen 
metaphysischen Voraussetzungen aus abzulehnen ist, ist nun einerseits 
bereits die Grundlage zahlreicher moderner Literaturgebilde, mit denen 
sich der Literaturwissenschaftler nur bei gründlicher Kenntnis der Psa. 
auseinandersetzen kann, zweitens aber hat sich dieses System auch seiner- 
seits bereits mit dem Gegenstand der Literaturwissenschaft selbst ins Be- 
nehmen gesetzt, teils um Kronzeugen eigener Anschauungen in der histo- 
rischen Literatur aufzuweisen, teils um die Methode der Menschbetrach- 
tung auch an geschichtlichen Objekten zu erproben. Daß also Kenntnis 
der Psa. dem Literaturwissenschaftler, soweit er die moderne Literatur 
seinem Blickfeld einbezieht, unerläßlich ist, daß ferner eine auf der Psa. 
aufgebaute Literaturwissenschaft möglich ist, unterliegt keinem Zweifel 
mehr. 

Halten wir als den Unterton unserer Untersuchung die Frage offen, 
wieweit die Psa. uns wirklich sinnfällig zu machen weiß, daß sie ihrem 
Anspruch gemäß die G a n z h e i t der vielfältigen menschlichen Erschei- 
nungsformen einheitlich zu erklären versteht, so ergeben sich für die 
heutige Literaturwissenschaft etwa folgende Grundprobleme : 

i. Ermöglicht das psa. Menschbild dem literaturwissenschaftlichen 
Forscher, — wenn er weder durch seinen (modernen) Gegenstand zu 
einer Auseinandersetzung mit der Psa. genötigt, noch zu einer bedingungs- 

*37 






losen Annahme der Lehre gewillt ist, — eine Vertiefung und Erweiterung 
seines Menschbildes? 

2. Ist es für den Literaturwissenschaftler möglich, statthaft oder 
nützlich, von der psa. Methode der Lebensdeutung dem Gegenstand seiner 
Forschung gegenüber Gebrauch zu machen ? 

3. Lassen sich besondere Voraussetzungen oder Bedingungen fest- 
stellen, unter denen die Anwendung psa. Methoden zu neuen fruchtbaren 
Erkenntnissen und Erklärungsmöglichkeiten führen kann? 

Daß darüber hinaus sich eine Fülle von Einzelbeziehungen auf- 
zeigen ließe, die selbst auf dem dreifachen Raum, als dem hier gebotenen 
nicht erschöpft werden könnte, ist selbstverständlich. Im Zusammenhang 
dieses Bandes erscheint es jedoch als wichtiger, erst einmal die Mög- 
lichkeit solcher Beziehungen prinzipiell zu klären und gleichzeitig 
ihre Grenzen wenigstens andeutungsweise aufzuzeigen. 

Versuchen wir also zu diesen Fragen in der erforderlichen Kürze 
Stellung zu nehmen, so werden wir uns zunächst über den Gegenstand 
der psa. Forschung und über das ihr zugrunde liegende Menschbild zu 
verständigen haben. Daß die Psa. sich aus der Medizin entwickelt 
und sich von vornherein als psychotherapeutisches Verfahren ge- 
geben und auch fernerhin ausgestaltet hat, legt die Vermutung nahe, 
es handle sich hier um eine ganz andere Art von Mensch, als bei der 
literaturwissenschaftlichen Forschung, nämlich — kurz gesagt — um den 
kranken, den anormalen, den psychisch defekten Menschen, als welchen 
einen seiner Dichter zu sehen nicht nur der gesunde Bürger berechtigte 
Scheu trägt. Gibt es doch auch heute noch viele Laien und selbst Forscher, 
die sich durch die Tatsache, daß bei einigen Dichtern eine unverkennbare 
Geistesgestörtheit zum Ausbruch kam, keineswegs zu einer Revision ihrer 
Einsichten bestimmen lassen, sondern sie als einen Einwand gegen die 
künstlerische Geltung der also gestörten glauben ansetzen zu dürfen, ob- 
gleich Nietzsche, gestützt auf eine lange Ahnenreihe sich ernstlich und 
zwar m seiner gesundesten Zeit gegen solche billigen Einwände von selten 
des Bildungsphihsters verwahrt und obgleich Dilthey bereits vor 
40 Jahren sorgfältige Untersuchungen über den Zusammenhang von 
«Dichterischer Einbildungskraft und Wahnsinn» angestellt hat, nicht zu 
gedenken der vielen Versuche von anderen Seiten. 

Aber sehen wir ab von den wenigen wirklich Geisteskranken unter 
den Dichtern, von den wenigen, die in früheren — und nicht den «un- 
gesundesten» — Zeiten als vom «heiligen Wahnsinn» besessene mit 
frommer Scheu verehrt worden wären, als Wesen, die den Schleier des 
Intellekts zerrissen hatten, und mit dem Weltganzen in unmittelbarere 
Fühlung getreten waren, so müssen wir doch allzuhäufig auch unter den 
nicht als «geisteskrank» zu bezeichnenden geschichtlichen Erscheinungen 
psychische Strukturen erkennen, die in beträchtlicher Weise von den ge- 
meinhin als Norm geltenden Verhältnissen gewöhnlicher Durchschnitts- 

138 



menschen abweichen und deren Krankheitsbild uns von ärztlicher und 
psa. Seite unter dem Namen Neurose, Seelenkrankheit, d. h. gestörte 
Aft'ektibilität, vorgestellt und das von der Psychose, der eigentlichen 
Geisteskrankheit, d. h. etwa Erkrankung der Affektibilität u n d des In- 
tellekts von den meisten Forschern durchaus abgerückt wird. 

So wäre etwa eine ganze Reihe schöpferischer Persönlichkeiten zu 
zeigen, die mit einer ganz ähnlich auch bei psychisch defekten, bei Psycho- 
pathen oder Neurotikern zu findenden seelischen Reizbarkeit behaftet waren, 
die sie vielleicht gerade zu ihren Werken, keineswegs aber dazu befähigte, 
sich in den Erfordernissen des «realen», des «normalen» Lebens in der 
vom Durchschnitt angestrebten Weise zurechtzufinden. Ja, die Hart- 
näckigkeit, mit der sich die Dichter immer wieder in einen überschweng- 
lichen Zustand gedrängt fühlen, in dem sich ihnen Bilder entfalten und 
verknüpfen «unabhängig von den Bedingungen, die sonst Vorstellungen 
regulieren und in klaren richtigen Verhältnissen zur Wirklichkeit er- 
halten» (Dilthey), dieses hartnäckige Eintauchen der Dichter in eine dem 
normalen Menschen unzugängliche Wirklichkeit vor oder über dem intel- 
lektuellen Bereich findet sich ganz ähnlich auch bei Irren, wie bei Träu- 
menden. Auf die psychische Anomalie, die dieser Fähigkeit des Dichters 
zugrunde liegen könnte, mag sich wohl die oft wiederholte Bemerkung von 
dem «heiligen Wahnsinn» der Dichter stützen. Von Demokrit ab, der 
schon erklärte, einen großen Dichter nicht ohne einen gewissen göttlichen 
Wahnsinn denken zu können, hat Dilthey in dem genannten Vortrag eine 
Reihe ähnlicher Urteile bis auf seine Zeit in übersichtlicher Kürze zu- 
sammengetragen. 

Daß also die Literaturwissenschaft sich nur mit «gesunden, nor- 
malen» Menschen zu befassen habe, wird immerhin fraglich, ja fast 
könnte es scheinen, als habe sie es im Gegenteil nur mit «kranken», d. h. 
von der bürgerlichen Norm auch in ihrer psychischen Struktur abweichen- 
den Menschen zu tun, soweit sie sich nicht auf Handwerker einzu- 
schränken beabsichtigt. Der Gegenstand der Literaturwissenschaft nähert 
sich dem der Psa. — dies zugebilligt — nicht unbeträchtlich. 

Die Absicht jedoch, der Zweck, mit dem der Psa.-tiker seinem Objekt, 
dem Kranken, gegenübertritt, ist völlig anders, so könnte es scheinen, 
als der Zweck des literaturwissenschaftlichen Forschers : Hier wird Er- 
kenntnis dort wird Heilung erstrebt. Und doch finden sich auch hier 
bedenkliche Beziehungspunkte, wenn man sich die Mittel vergegenwärtigt, 
deren sich die Psa. auf ihrem Wege zur Heilung bedient. 

Gegeben ist dem Psa.-tiker zunächst eine in den Ausdrucksformen 
des menschlichen Organismus sich darstellende psychische Störung, die 
man sich aus einem in das Unbewußte verdrängten unerwünschten 
Affekt, der sich auf Umwegen Ersatzbefriedigung zu schaffen sucht, er- 
klärte. Dieser auf falsche Bahnen geratene Affekt sollte anfangs — wir 
folgen dem historischen Werdegang der Psa. — durch eine vom Arzt her- 
beizuführende Affektentladung abreagiert werden, ein Prozeß, der als 

139 









«Katharsis> bezeichnet wurde. Die eigentliche Entwicklung der Psa. 
begann jedoch erst, als man die Katharsis durch Affektentladung fallen 
ließ und nun in der Aufdeckung, d. h. Bewußtmachung der Verdrängun- 
gen und deren Ablösung durch Urteilsbildungen Ziel und Aufgabe sah. 

Als Mittel hierzu fand man die freie Assoziation, in der 
sich zwanglos zu ergehen der Patient aufgefordert wird, wobei zwar das 
Verdrängte nicht selbst zutage gefördert werden braucht, wohl aber 
sich in Anspielungen der Deutungskunst des Arztes darbietet. Wenn auch 
nicht ohne Widerstand, kommen hier die tieferen unbewußten Schichten 
des Seelenlebens zu Wort, und zwar — so wird uns von Psa.-tikern ver- 
sichert — in häufig geradezu dichterischer Form (eine Bemerkung, die 
dem Literaturwissenschaftler als neue psychologische Bestätigung von 
Hamanns Deutung der Poesie als der Muttersprache des Menschenge- 
schlechts willkommen sein mag). 

Zeigen sich schon von hier aus manche Zugänge zur Literaturwissen- 
schaft, so mehr noch von einer Erfahrung Freuds aus, die aus der Psa. 
statt einer bloßen Hilfswissenschaft der Psychopathologie den «Ansatz 
einer neuen, gründlicheren Seelenkunde macht, die auch für das Ver- 
ständnis des Normalen unentbehrlich wurde» (Freud). Zu der beim 
Kranken herbeigeführten «freien Assoziation» fand sich nämlich eine 
Parallele auch beim gesunden Menschen, der Traum, der sich in glei- 
cher Weise wie jene deuten ließ. Auf die nahe Beziehung zwischen Traum 
und Dichtung aber haben die Dichter selbst oft genug hingewiesen und 
Freuds Auffassung der Traumarbeit läßt einige Verbindungspunkte 
deutlich anklingen: $ie besteht «in einer eigenartigen Behandlung des 
vorbewußten Gedankenmaterials, bei welcher dessen Bestandteile ver- 
dichtet, seine psychischen Akzente verschoben, das Ganze in 
visuelle Bilder umgesetzt, dramatisiert, und durch eine 
mißverständliche sekundäre Bearbeitung ergänzt wird» 
(Freud). 

Von hier aus scheinen sich nun allerdings einige nicht unwichtige 
Zugänge zur Literaturwissenschaft zu öffnen. Halten wir daran fest, daß 
nach Freuds Erfahrungen die freie Assoziation sowohl, wie die Traum- 
arbeit keineswegs, wie etwa bei schwer Geisteskranken, völlig «unabhängig 
von den Bedingungen, die sonst Vorstellungen regulieren», wie noch 
Dilthey meinte, sondern nur bei einem mehr oder weniger beträchtlich 
verminderten Widerstand einer «zensurierenden Macht im Ich» verlaufen, 
so könnten wir wohl in der Dichtung verwandte «freie Assoziationen» 
sehen, ergänzt und geformt durch verschieden lebhafte sekundäre Be- 
arbeitung. Fügen wir noch hinzu, daß für den Dichter diese mehr oder 
minder freie Assoziation gleichzeitig die Bedeutung einer Affektentladung, 
eines Abreagierens seelischer Spannungen vertreten kann, was ja oft be- 
merkt wurde, so findet sich nun der Literaturwissenschaftler seinem 
Gegenstand gegenüber in einer Lage, die der des Psa.-tikers nicht mehr 
so fern steht, wie es zunächst scheinen mochte. Gegeben ist ihm eine Art 

140 









freier Assoziationen, die er für tiefere seelische Spannungen symbolisch 
zu nehmen, und an die er mit seiner Deutungskunst heranzutreten hat, 
nicht zwar zum Zwecke der Heilung, wohl aber zum Zwecke des tieferen 
Verständnisses, das ja auch für den Psa.-tiker eine zentrale Bedingung der 
Heilung darstellt. 

Soweit nun wird der literaturwissenschaftliche Forscher, der den 
seelischen Untergründen eines Dichters nachschürft, wesentliche Ein- 
wände nicht zu machen brauchen. Mag er nun die Hypothese der freien 
Assoziation für das dichterische Schaffen annehmen oder rektifizieren, 

d a ß in der Dichtung seelische Vorgänge in symbolischer Gestalt sich 

ausdrücken, und zwar gleichgültig, ob der Symbolcharakter der Bilder 
oder auch die seelischen Vorgänge selbst dem Dichter zum Bewußtsein 
drangen oder im Unbewußten verliefen, daß ferner diese Sinnbilder see- 
lischen Geschehens sich der Deutungskunst des Forschers darbieten und 
ein tieferes Verständnis fordern, das sind Erkenntnisse, die sich seit 
Nietzsche auch in der Literaturwissenschaft immer mehr Bahn brechen. 

Auch die Auffassung, als handle es sich bei dieser dichterischen 
Umsetzung seelischer Vorgänge ganz wesentlich um einen Ausweg, den 
sich vor oder nach ihrem Eintritt ins Bewußtsein infolge äußerer oder 
innerer Hemmungen verdrängte Affekte zum Zwecke des Abreagierens 
oder einer Entäußerung mittels etwas wie freier Assoziation zu schaffen 
wüßten, auch diese Auffassung ist dem literaturwissenschaftlichen For- 
scher zugänglich. Er kann sich sehr wohl vorstellen, daß die ihm vor- 
liegenden Gebilde und Ergüsse — man gedenke etwa der Lyrik — nur 
einer der normalen unmittelbaren Verausgabung fremden Aufstauung 
affektiver seelischer Kräfte ihre Dichte und Fülle verdanken, zumal ihn 
die Erfahrung belehrt, daß gerade die größten Dichter sich hinsichtlich 
der Kleinmünze täglicher Seelenverausgabungen besonderer Ökonomie 
befleißigt haben. Er würde dann im Dichter etwa einen Charakter sehen, 
der infolge einer ungewöhnlichen psychischen Reizbarkeit (Sensibilität) 
an der freien Auswirkung seiner affektiven Seelenkräfte verhindert, diesen 
Seelenkräften in verdichteten Gebilden einen Ausweg zu schaffen genötigt 

oder befähigt ist. 

Die Terminologie der Psa. dürfte der Forscher dabei ruhig ihrer Ent- 
stehung und Entstehungszeit zugute halten, ohne sich veranlaßt zu sehen, 
Dichtung etwa als Autoanalyse zu bezeichnen, oder sich gar zu schmei- 
cheln, in der Neurose endlich die Göttin gefunden zu haben, die den 
Dichtern die Gabe gibt, zu sagen, was sie leiden (Stekel). Wichtiger wird 
ihm sein, festzustellen, wie und warum der Dichter sich von dem 
Neurotiker und Hysteriker unterscheidet, wie und warum er in der 
Lage ist, «wie ein Vulkan die zurückgedrängten Feuerfluten nach außen 
zu werfen» (Stekel), während jene an ihren Seelenkämpfen ersticken. 
Begnügen wir uns aber zunächst mit der Feststellung, d a ß ein solcher 
Unterschied besteht, daß der Dichter aus überstarken psychischen Span- 

141 



nungen und Erregungen, wie sie ähnlich vielleicht der Neurose zugrunde 
liegen, sich einen Ausweg zu schaffen weiß durch einen Prozeß, den die 
Psa. — wie bereits Schopenhauer und Nietzsche — als S u b 1 i m i e - 
r u n g bezeichnet. Man stellt sich dabei vor, daß den an sich anders orien- 
tierten Triebkräften durch eine gewisse Umbildung oder Umbiegung 

nun sozusagen im Einverständnis mit dem «zensurierenden Ich» — «Ab- 
fluß und Verwendung auf andere Gebiete eröffnet wird, so daß eine nicht 
unerheblichen Steigerung der psychischen Leistungsfähigkeit aus der an 
sich gefährlichen Veranlagung resultiert» (Rank). 

Ausgerüstet mit einer zureichenden Deutungskunst wird sich auf 
Grund solcher Voraussetzungen der literaturwissenschaftliche Forscher, 
bemüht, dem Rätsel dichterischen Schaffens durch eine Analyse der Dicht- 
werke näher zu kommen, wohl befähigt finden, von den dichterischen 
Gebilden bis zu einem gewissen Grade auf die Triebkräfte zurückzu- 
schließen, als deren symbolischen Ausdruck er sie aufzufassen sich ge- 
halten sieht. Hierzu benötigt er allerdings einer genaueren Vorstellung 
von Artung und Entstehen, Aufbau und Werden der Triebe, einer 
Trieblehre einerseits und andererseits einer Deutungskunst, 
die er als zureichend anerkennen könnte. Beides bietet ihm die Psa. an.' 

Die psa. Trieblehre verblüfft den Forscher zunächst durch eine Ein- 
fachheit, die er sich bisher seelischen Vorgängen gegenüber anzunehmen 
nicht für berechtigt hielt. Zudem aber findet sich diese Einfachheit in 
einer Lebenssphäre, die nur mit der äußersten Vorsicht anzurühren oder 
gar aufzudecken ihm die moralische Gesinnung seiner Zeit nahelegte. 
Trotz zahlreicher Wandlungen aber hält die Psa. auch heute noch an 
ihrer Grunderkenntnis fest, daß nämlich in der Energie der Sexualtriebe, 
der L i b i d o , die eigentliche Quelle des menschlichen Seelenlebens zu 
finden sei. Man weiß, daß es gerade diese Auffassung war, die — auch 
dem Literaturwissenschaftler — eine verständige Auseinandersetzung mit 
der Psa. immer wieder erschwert hat. Betrachten wir aber einmal diese 
Theorie gewissermaßen von einem erhöhten Standpunkt aus als Entwick- 
lungssymptom, so haben wir sie aus einer Zeit zu verstehen, die wie keine 
andere in orgastischem Geistkultus die natürliche Leibgebundenheit des 
menschlichen Lebens als beschämende Entwürdigung am liebsten in Ver- 
gessenheit gebracht hätte. Gegenüber solchen Tendenzen nun — Leib, 
Seele und Geist in sauberer Sonderung zu behandeln — entstand, gestützt 
auf die Worte der Dichter, angeregt durch die Mahn- und Weckrufe 
Nietzsches, die Erkenntnis, daß nur aus den bluthaften Kräften, nur aus 
den erdgebundenen Trieben das Leben sich deuten lasse, daß selbst die 
höchste Geistigkeit des Menschen in seinen elementaren Schichten ver- 
wurzelt sei und aus diesen Tiefen sich nähre. In die Entwicklung dieser 
heute nicht mehr fragwürdigen Erkenntnis reiht sich nun auch die Psa. 
ein, indem sie zunächst die Bedeutung der lange ängstlich umgangenen 
Sexualtriebe für den Aufbau des menschlichen Lebens, für das Werden 

142 



seiner psychischen Struktur ins rechte Licht setzte, dann aber in stetem 
Fortschreiten den Begriff der Libido so stark erweiterte, daß er in dem 
alten Lustprinzip nicht mehr Platz fand und in ein System von triebhaf- 
ten Tendenzen aufgelöst werden mußte, wobei in bewußter Annäherung 
an die Antike statt vom Sexus jetzt mehr vom Eros, ja einfach von 
Lebenstrieben die Rede ist. 

Diese spätere Entwicklung der Lehre kommt zwar den Bedürfnissen 
des literaturwissenschaftlichen Forschers beträchtlich entgegen, ist aber 
für die Psa. so wenig charakteristisch — zumal sie auch im eigenen Lager 
keineswegs völlig gebilligt, ja von Freud selbst mit einiger Zurückhaltung 
vorgetragen wird — , daß wir sie hier beiseite lassen und uns darauf be- 
schränken müssen, die Richtpunkte aufzuzeigen, die der Aufbau der psa. 
Trieblehre dem Literaturwissenschaftler zu geben vermag. 

Daß die Libido sich aus Partialtrieben erst allmählich kon- 
solidiert und zentriert, so daß also Restbestände nicht mitaufgenommener 
Partialtriebe übrig bleiben können, kann gelegentlich für die biographische 
Betrachtung von Belang sein, interessiert uns hier aber wenig. Wichtiger 
sind die weiteren Organisationsformen der Libido, von denen 
der «normale» Mensch eine ganze Reihe zu durchlaufen hat, bevor er 
zu der Genitalorganisation des Vollreifen Erwachsenen gelangt. Wo sich 
diese Entwicklung nicht glatt vollzieht, entstehen abnorme Fixierungen 
der Libido auf früheren Entwicklungsstufen, Fehlbildungen, die 
zu Neurosen, Perversionen, Abnormitäten führen. 

Auf einer solchen als «N a r z i s m u s» bezeichneten früheren Ent- 
wicklungsstufe hat sich nun nach psa. Lehre die Libido des Träumers, 
des Dichters und des Neurotikers fixiert. Bei ihnen glaubte man wie beim 
Kind nur ein Minimum von Objektbesetzungen der Libido erkennen und 
daraus etwa die Geschlossenheit und gewisse «Wirklichkeitsferne» des 
dichterischen Weltbildes erklären zu können. Der Dichter, so wäre etwa 
zu sagen, lebt nicht in der Welt der Objekte, sondern, wie das Kind, in 
seiner Welt, in der Welt seiner Ideen, Wünsche und Träume. Voraus- 
gesetzt wird dabei eine objektive Wirklichkeit, als welche sich das All- 
tagsleben in der Sphäre der bürgerlichen Nützlichkeit hinlänglich dar- 
zustellen schien. Allmählich jedoch folgte auch die Psa. der Zeitentwick- 
lung, indem sie die sogenannte Wirklichkeit relativer nahm und sich nun 
jedes Ich vorstellt als ein «Reservoir von — narzistisch genannter — Li- 
bido, aus welchem die Libidobesetzungen der Objekte erfließen und in 
welches diese wieder einbezogen werden können» (Freud). Danach frei- 
lich wäre es nicht so leicht, wie man zunächst glaubte, zu unterscheiden, 
welcher Wirklichkeitsauffassung die größere Realität und Objektivität 
zukäme, wenn man nicht etwa die Tatsache, daß bei den meisten Men- 
schen eine allmähliche Loslösung von der «nazistischen» Stufe zu be- 
merken ist, für die Richtigkeit dieses Ablaufs in Anspruch nehmen will, 
wodurch denn allerdings nichts bewiesen würde als das, wovon man 
ausging. 



143 



Der Dichter also hat mehr als gewohnliche Menschen die Fähigkeit, 
seine affektiven Seelenkräfte unabhängig von den gemeingültigen Spiel- 
regeln der bürgerlichen Majorität in der Welt der Objekte zu spiegeln, 
weil die «nazistische» Organisationsstufe seiner Libido — nicht unter- 
drückt durch die Erfordernisse des Tages — zu freier Entfaltung gelangen 
kann. Er teilt diese Fähigkeit mit den Kindern, die wie er allein aus dem 
eigenen Ich heraus eine Un- Mittelbarkeit des Welt-Erlenbens = Ich-Er- 
lebens besitzen und betätigen. Aber er besitzt diese Gabe nicht, so wür- 
den wir glauben, weil sein Liebesdrang auf einer früheren Stufe fixiert 
wäre, vielmehr, weil ihm die Stufen seiner Entwicklung nicht wie anderen 
verloren, sondern noch stets zugänglich sind : Er kann über die Organisa- 
tionsformen seines Wesens in höherem Maße frei verfügen, als der ge- 
wöhnliche Mensch, der in der letzten Form erstarrt. 

Daß also der Dichter mit der höchsten Weisheit des Alters ewige 
Jugend verbindet, kann sich uns nun auch von seiner Triebseite aus er- 
klären. Wo sonst die Triebschicht sich auf einer bestimmten Stufe blei- 
bend festigen mag, ist er genötigt, aus den elementaren Grundlagen seines 
Wesens und seiner Entwicklung heraus sie immer neu zu formen und zu 
organisieren und alle Stadien des Durchganges können ihm noch geläufig 
und unbewußt gegenwärtig wirksam sein. «Solche Männer und ihres- 
gleichen sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat ; 
sie erleben eine wiederholte Pubertät, während andere Leute 
nur einmal jung sind» (Goethe zu Eckermann). Nur wer wie der Dichter 
das Ganze der menschlichen Möglichkeiten immer neu umfassen und er- 
leben kann, vermag das Ganze zu sagen, und nicht zufällig sind die seinem 
Wort am nächsten, die noch die Möglichkeiten ihres Lebens, die ver- 
schiedenen Organisationsformen ihrer Triebkräfte nicht infolge einer 
Fixierung des Endausganges «vergessen» haben. Wollte man freilich 
solche Möglichkeiten des Dichters als Fehlbildungen durch Fixierung der 
Libido auf frühen Entwicklungsstufen bezeichnen, so dürfte der Literatur- 
wissenschaftler einer solchen Verdünnung seiner Vorstellung vom Men- 
schen wenig Geschmack abgewinnen können. (Die Schenkenlieder z. B. 
dicht neben den Suleimaliedern des Diwans auf Grund solcher Fehlbil- 
dungen — Fixierung der Libido auf der ambivalenten Kindheitsstufe 
etwa — erklären zu wollen, ist nur von dem Menschbilde um 1890 aus 
nicht absurd.) 

Stellen wir aber die Frage nach dem psa. Menschbild und seiner Be- 
deutung für die Literaturwissenschaft noch einmal zurück, um den Auf- 
bau der Libido weiter zu verfolgen. Nach der frühesten, nazistischen, 
Stufe, die kurz bezeichnet wurde, folgt in der Entwicklung der Libido 
die Epoche, in der die Welt der äußeren Objekte sich der Libido zu öffnen 
beginnt. Naturgemäß spielen hierbei die Personen der nächsten Umgebung 
die wichtigste Rolle, die Mutter zunächst, dann der Vater, der anfangs 
so etwas wie den lieben Gott in alttestamentarischem Gewand repräsen- 
tieren soll, wobei sich das Ichideal und Gewissen vorbereitet. Im weiteren 

J44 



Verlauf folgt dieser Idealisierung die I d e n t i f i z i e r u n g mit dem 
Vater, folgt der Angst, Ehrfurcht oder Bewunderung vor dem Vater das 
Bestreben, ihm gleich zu sein, besonders gegenüber der Mutter. So be- 
reitet sich die sogenannte Ödipussituation vor, die weitaus die 
größte Bedeutung für die spätere Libidoentwicklung desMenschen hat. 
«Der normale Ausgang der Ödipussituation», d. h. der Liebe zur Mutter 
und Identifizierung mit dem Vater, der als Rivale empfunden wird, «ist 
(für den Knaben) eine Verstärkung der ursprünglichen Vateridentifi- 
zierung; dadurch muß die .Männlichkeit im Charakter des Knaben eine 
Festigung erfahren' (Freud)» (Hartmann). Infolge der ambivalenten 
Einstellung auf früheren Entwicklungsstufen findet aber gleichzeitig eine 
freilich schwächere Identifizierung mit der Mutter statt und aus der 
Verbindung der beiden Identifizierungen baut sich nach Überwindung 
der Ödipussituation, die frühere Entwicklung fortsetzend, das Ich- 
ideal, oder Überich, das Gewissen oder die Zensur auf. 

Lassen wir die Frage beiseite, wie weit wirklich Ödipus für die ge- 
meinte Situation in Anspruch genommen werden darf, so leuchtet doch 
ohne weiteres ein, daß hier ein Problemkreis getroffen ist, der mehr Be- 
achtung als bisher — auch von Seiten der Literaturwissenschaft — ver- 
dient. Halten wir uns auch hierbei weniger an die enge Theorie und 
Terminologie, mehr an den eigentlichen Sinn, so handelt es sich einerseits 
um die ersten Objekte des Liebesdranges und andererseits um die erste 
Abgrenzung des jungen Menschen gegenüber der vorausgehenden Gene- 
ration. Diese beiden Prozesse fallen insofern zusammen, als sie sich beide 
auf die Eltern richten, und beginnen bereits in frühester Jugend, um im 
Pubertätsalter zum Austrag zu kommen. In welcher Weise sie sich voll- 
ziehen, kann natürlich höchst bedeutsam für die ganze weitere Entwick- 
lung des Menschen sein. 

Wir können uns vorstellen, daß im Kind vor dem Erwachen des Ich- 
bewußtseins ein Gefühl des Einsseins mit dem mütterlichen Schoß, dem 
schaffenden und nährenden Grund noch lebhaft ist, daß die Einheit und 
Ganzheit der inneren Welt noch nicht gebrochen ist durch eine Bewußt- 
seinsprojektion nach außen, daß also das Kind gewissermaßen noch ruht 
im Schoß der Welt, mit der es sich eins fühlt im unbewußten Erleben. 
Allmählich erst löst sich die Nabelschnur auch seines inneren Wesens 
von der Mutter los und mit dem Werden des Ichbewußtseins findet es sich 
erstmals in der eigentümlichen Spannung, die den Menschen von der 
übrigen organischen Welt unterscheidet : als Naturwesen strebt es zurück 
zu der verlassenen Welteinheit und als ichbewußtes Wesen drängt es 
vorwärts zu einer neuen Durchdringung, zur Bewußtseinsaneignung der 
immer mehr als Außen empfundenen Welt. So verlangt das Kind nach 
der Mutter zurück, mit der es sich eins fühlt als Natur, und wirft doch 
als Ich den Blick vorwärts auf den Vater, dem es gleich zu werden sucht 
als Bewußtsein, den es vielleicht haßt als seiner bisherigen Welt Fremdes 
und Neues und an dem es doch die Unausweichlichkeit des eigenen Wachs- 

10 Prinzhorn, Päa. 145 



tums verehrend oder liebend erstmals spürt. Je mehr sich aber das Ichbe- 
wußtsein festigt, um so entfernter rücken die beiden Sinnbilder der eige- 
nen Seelenspannung; das junge Ich empfindet sich als neuen Anfang, als 
ein Weiter, dem die Geschlossenheit des Vaters, seine Endschaft im Wege 
steht ; es muß sich trennen von dem Vergangenen, um selbst in sein Wer- 
den hineinzugehen. Gewiß mag hier das väterliche Wesen bedeutsam das 
Ziel mitbestimmen, das die junge Seele aus sich herauswirft, aber gerade 
das Eigene gegen den Vater abzugrenzen, in sich selbst den Vater zu 
überwinden — zu unterjochen oder zu töten — , der sich dem Streben nach 
dem mütterlichen Schoß der Welt und einer neuen Welt vielleicht in 
den Weg legt, ist wohl die härteste Not, die erst dem Werdenden die Tore 
ins Leben öffnet. 

Dieser innere Kampf und sein Ausgang spiegeln sich immer wieder 
im späteren Leben des Menschen ; «Niemand glaube, die ersten Eindrücke 
der Jugend verwinden zu können» (Goethe). Wie sich der junge Mensch 
hier löst, zeigt uns die Kraft und Fülle seines Wesens, was er seinem Eige- 
nen anglich, zeigt uns, wie er sich in die Kette der Geschlechter einreiht, 
kurz, wie aus dem ersten Zusammenstoß seiner eigenen Substanz mit der 
Außenwelt sich das aufbaut, was man als «Ichideal» mag gelten lassen, 
wird uns vom Wesen und Wert einer menschlichen Individualität manches 
sagen können. Dagegen müßten wir den Versuch, dieses Überich lediglich 
aus Identifizierungen erklären zu wollen, ablehnen, da er an der uns 
wichtigeren Frage vorbeiführt, was eigentlich sich identifiziere; wir wer- 
den in der sogenannten ödipussituation zwar ein wesentliches Erklärungs- 
mittel, nicht aber die Erklärung des Ichideals finden, das Jean Paul, 
auf den sich die Psa. glaubt berufen zu dürfen, in der «Levana» beschreibt : 
«Jeder von uns hat seinen idealen Preismenschen in sich, den er heimlich 
von Jugend auf frei oder ruhig zu machen strebt. Am hellsten schauet 
jeder diesen heiligen Seelengeist an in der Blütezeit aller Kräfte, im Jüng- 
lingsalter.» Zur Erklärung des bürgerlichen Gewissens und des im Sinne 
der allgemeinen Moral zensurierenden Ich mag wohl die Theorie der Iden- 
tifizierung ausreichen, der «ideale Preismensch» aber, den jeder einmal 
über sich hinauswirft und den vielleicht nur die Dichter über das Jüng- 
lingsalter lebendig zu erhalten wissen, ist ein sehr viel positiverer Dämon 
und nährt sich aus viel tieferen und eigeneren Quellen. Über sein Werden 
wird sich wohl kaum mehr ausmachen lassen, als daß er zuerst in der Ab- 
grenzung des Ich gegen das Außen sich darstelle, sich festige und forme. 
Sein Entstehungsgrund liegt in dem Kern der menschlichen Seele, den 
die Psa. uns nicht aufgehellt hat. 

Der literaturwissenschaftliche Forscher wird also die brieflichen, 
biographischen, literarischen Äußerungen eines Dichters, zu schweigen 
von den zahlreichen Darstellungen des Ödipusmotivs, einmal zur Deutung 
seines Verhaltens zur Umwelt in Leben und Werk, und andererseits zur 
Deutung des Ichideals, wie es in der Dichtung seinen Niederschlag ge- 
funden hat, mit Vorteil heranziehen können, falls er sich der Grenzen 

146 



seiner Bemühungen bewußt bleibt und nicht das Ganze zu erklären glaubt, 
wo sich ihm nur ein Teilausschnitt öffnet. Leider haben die von psa. 
Seiten angestellten literaturwissenschaftlichen Untersuchungen, in der 
Meinung nun endlich den Schlüssel zur Erklärung des Seelenlebens ge- 
funden zu haben, gerade hiergegen so häufig gesündigt, daß eine gewisse 
Zurückhaltung von seiten der Literaturwissenschaft nur allzu verständlich 
ist ; gleichwohl wird man hier einige als Vorarbeiten beträchtliche Unter- 
suchungen solcher Teilprobleme finden, wenn man sich über die meist 
sehr enge Deutungskunst der Psa. hinwegzusetzen weiß, von der noch kurz 
zu sprechen ist. 

Halten wir zunächst unser Mißtrauen gegen den Wert angeblich 
reiner Erfahrung zurück, so ist uns wichtig zu hören, daß die Psa. sich 
lediglich auf Erfahrungstatsachen aufzubauen vorgibt und den Anspruch 
erhebt, schlechthin als die empirische Wissenschaft von der Seele zu 
gelten. Eine Deutungskunst aber — und mag sie noch so sehr in 
Zusammenhang mit der Erfahrung bleiben — geht über derartige An- 
sprüche weit hinaus; schon die Wortzusammensetzung zeigt selbst dem 
Laien, daß es hier um ganz andere als die vorgegebenen Dinge geht. Der 
Glaube an die rationale Erfaßbarkeit des Lebensganzen — selbst schon 
metaphysisch bedingt — hebt sich in diesem Begriff ausdrücklich selbst 
auf und die irrationalen Elemente, mit deren Hilfe eine sinnvolle Erfassung 
des Lebens sich freilich allein aufbauen kann, kommen in ihm zur Geltung. 
Nun wäre dagegen nichts einzuwenden — vorausgesetzt, man bliebe sich 
des Tatbestandes voll und ganz bewußt — , wenn man nicht versuchte, 
auf Grund einer Erfahrung — der Reduzierbarkeit mancher seelischer 
Vorgänge auf Sexualtriebe — nun alle seelischen Vorgänge dieser 
einen Erfahrung anzupassen. In nichts anderem aber besteht die Deutungs- 
kunst der Psa., als daß sie die Mittel zu diesem Prozeß zu schaffen sucht, 
wodurch denn ihre Bemühungen einen gewissen krampfhaften und er- 
zwungenen Charakter aufweisen, durch den sich ernsthafte Forscher und 
selbst gutwillige Beurteiler nicht selten an das ergötzliche Bestreben des 
Examenskandidaten erinnert fühlen, der möglichst rasch von dem unbe- 
kannten Elefanten auf die bekannte Mücke zu kommen sucht. Ist aber 
der letztere bei einem solchen Verblüffungsmanöver immerhin berechtigt, 
sich eine biogenetische Betrachtungsweise zunutze zu machen, so wird 
sich der Psychologe seelischen Vorgängen gegenüber eines solchen un- 
rektifizierbaren Vorgehens schwerlich ohne weiteres bedienen dürfen. 
Denn ob sich die Entwicklung des Seelenlebens gesetzmäßig aus einer 
Urzelle heraus, wenn man so sagen darf, vollziehe, oder aber ob sich über 
diese Urzelle irgend Bestimmendes sagen lasse über den allgemeinen Be- 
griff des Lebens hinaus, bleibt durchaus offen, und nichts rechtfertigt, 
zum mindesten in den letzten Fragen, die einfache Übertragung rein 
mechanisch-naturwissenschaftlicher Vorstellungen auf das Seelenleben, 
das allem Anschein nach wenigstens m i t bestimmt wird durch ganz 

10* 147 



andere Gesetze- als das etwa der Kausalität und das offenbar in eine 
Sphäre hineinreicht, auf die sich die in der neueren Physik selbst für 
die anorganische Welt als unzulänglich erkannten Naturgesetze nicht an- 
wenden lassen. So wenig man einen Kreis als die Folge des Mittelpunktes 
ansehen wird, so wenig wird man alle seelischen Vorgänge als Wirkungen 
einer Ursache ansehen dürfen, statt sich etwa damit zu begnügen, sie als 
Symptome einer Seinsart zu erkennen. 

Hier rächt sich der psa. Ausgangspunkt, der kranke Mensch, und 
die psa. Absicht, die Heilung. Denn für die Therapie genügt es, auf den 
Punkt gestoßen zu sein, von dem aus sich eine Heilung ergeben kann. 
Daß aber nun die Heilung beweisen sollte, man sei auf das Zentrum 
des Seelenlebens gestoßen, und daß nun alle Tatsachen mittels einer hier- 
auf abgestimmten Deutungskunst unter diesen Zentralaspekt gezwängt 
werden müssen, läßt sich nur aus irrationalen Motiven erklären. Wer 
aber gar, wie es gelegentlich geschieht, die Heilung als Maßstab für die 
Richtigkeit der Theorie ansetzen möchte, dem stünde die vielfach be- 
stätigte ärztliche Erfahrung entgegen, daß oft mit einer falschen Theorie 
bessere Resultate erzielt werden als mit einer richtigen. 

Auch der Literaturwissenschaftler kann sich natürlich auf diesen — 
ärztlichen — Standpunkt stellen, ja muß vielleicht weniger nach der Rich- 
tigkeit einer Theorie, als nach ihrer Brauchbarkeit und der Güte der mit 
ihr erzielten Resultate fragen. An unserer Stelle jedenfalls haben wir uns 
der Psa. gegenüber auf diese Frage zu beschränken und hätten nunmehr 
zu untersuchen, wie sich uns nach den bisherigen Feststellungen das 
Menschbild der Psa. denn eigentlich darstelle und wie weit uns von dieser 
Seite Hilfsmittel zur Analyse und Deutung einer künstlerischen Erschei- 
nung geboten werden. 

Zunächst wird der literaturwissenschaftliche Forscher sich auf den 
Glauben an die rationale Erklärbarkeit des menschlichen Seelenlebens 
nur ungern festlegen, wird vielmehr in dem analytischen Forschungsver- 
fahren nur eine Seite seiner Tätigkeit sehen. Gewohnt, sich stets einem 
anscheinend unauflösbaren Rätsel von Besonderheit, Originalität, Be- 
gabung, einmaliger Eigenheit gegenüber zu finden, wird er seine Deutungs- 
kunst vor allem auf diesen Zentralpunkt einzurichten haben und min- 
destens auch von hier aus zum Verständnis einer menschlichen Er- 
scheinung vorzudringen suchen. Über den Kern des Menschen aber, über 
das, was wir als gegeben, als Begabung hinnehmen müssen, weiß uns die 
Psa. Deutungsmittel nicht an die Hand zu geben, ja wird das von ihrer 
Position aus auch nicht können und nur «Abtrünnige», wie etwa C. G. 
Jung, finden von anderen metaphysischen Voraussetzungen aus einen Zu- 
gang zu diesem Problem. 

In der konsequenten Lehre unterscheidet sich das Libidoreservoir, 
aus dem der Mensch in der Berührung mit der Außenwelt sich formt, 
bildet oder fehlbildet, bei verschiedenen Menschen lediglich quantitativ. 



T48 



/f 



Eine Erklärung, warum es nur so wächst und nicht anders, warum es 
von vornherein nach bestimmten Seiten tendiert, wird nicht angestrebt 
und kann im Grunde nur durch den dürftigen Hinweis auf äußere Ein- 
wirkungen erhellt werden. Warum etwa die Libido des Dichters zu einer 
Fixierung auf der narzistischen Stufe führt, warum oder woher dem Dich- 
ter eine erhöhte psychische Reizbarkeit eignet, warum e r gerade nicht an 
seinen Verdrängungen erstickt, wie der Neurotiker, oder sie nicht frei ver- 
strömt, wie der Träumer, das sind Fragen, deren Beantwortung wir von 
der Psa. nicht erwarten dürfen. Sie führen uns eben zu dem Kern von Be- 
gabung, der nicht rational erklärbar ist. Sie führen uns dazu, das Trieb- 
reservoir nicht nur quantitativ, sondern qualitativ verschieden angefüllt zu 
glauben und das «Eigentliche» im Menschen als ein Einmaliges zu sehen, 
das die Möglichkeiten seiner besonderen Entwicklung bereits keimhaft in 
sich trägt und im Wechselspiel mit der Außenwelt nur ausbreitet, erprobt 
und formt. Damit erst würden wir uns in eine Schicht des Seelenlebens 
begeben, die zwar dem nivellierenden Zugriff der Gleichheitsgläubigen 
entzogen ist, die aber allein zu einer Deutung der menschlichen Verschie- 
denheit zureichend wäre. Denn gerade den Literaturwissenschaftler wird 
d i e Schicht des Seelenlebens, in der sich die Menschen mehr oder minder 
gleich sind — er zweifelt nicht an ihrer Existenz — stets weniger zu 
beschäftigen haben, als die, in der jeder vom andern sich unterscheidet. 
Die Libidoentwicklung aber zeigt ihm nur die Variationsmöglichkeiten 
des Allgemeinen, nicht aber die einmaligen Gegebenheiten des Beson- 
deren, woran im Prinzip auch dann nichts geändert wird, wenn man 
den Begriff der ursprünglichen Partialtriebe so weit faßt und so in- 
dividuelle Mischungsmöglichkeiten zuläßt, daß der Begriff der Libido 
durch eine neue Trieblehre unterbaut wird, wohin die Entwicklung der 
Psa. in den letzten Jahren zu tendieren scheint. 

Es wird dadurch ebensowenig geändert, wie durch metaphysische 
Spekulationen auf eine Polarität von Lebens- und Todestrieben oder durch 
die Theorie vom Ich, vom Es und vom Überich, denn die Vorstellung 
vom Menschen als einer rational erfaßbaren Entwick- 
lung aus menschlichen Gemeinsamkeiten bleibt auch 
•dann bestehen, wenn die Inhalte dieses Menschbildes den Erfordernissen 
der Zeit oder den Bedürfnissen historischer Wissenschaften angeglichen 
werden. Denn dieses Menschbild bleibt stets gestützt auf die Ideen der 
Aufklärung, auf ihren Rationalismus, ihren Fortschrittsglauben und ihren 
Normbegriff. 

Der Normbegriff der Psa. gründet sich auf die Vorstellung einer 
allgemein menschlichen objektiven «Natur» und einer «natürlichen Ent- 
wicklung», die man als organisches Wachstum durch Abstraktion von 
allem Erkünstelten, Gemachten, Verbildeten glaubt aufdecken zu können. 
Der normale, d. h. gesunde und richtige Mensch ist der natürliche, durch 
keine Verdrängungen gequälte, durch keine Hemmungen belastete, zu 
keinen Sublimierungen genötigte Alltagsmensch. 

149 



Jede derartige Vorstellung nun dokumentiert — auch wenn sie sich 
scheinbar von jedem Wertproblem fernhält — eine Auflehnung gegen die 
Kulturgesinnung der Zeit, insbesondere gegen deren Moralität, und erfüllt 
als solche ihre bedingte Aufgabe. Einer überstrengen Tyrannei gegen- 
über erhebt sich der Grundsatz des laisser .aller und der «Natürlichkeit», 
wodurch denn sehr wohl verschüttete Kräfte wieder aufgedeckt wer-i 
den können. So entstand die Psa. als Reaktion gegen die Verfemung der 
Sexualität in den bürgerlichen Kreisen des ausgehenden Jahrhunderts, 
gegen die Leibfeindschaft, die zu den Verdrängungen gerade sexueller 
Triebe geführt hatte. Es war zweifellos wichtig, daß die Bedeutung 
dieser Triebe für das Seelenleben, ja für die Kultur wieder einmal ein- 
dringlich hervorgehoben wurde, wie es unsere Dichter seit Winckelmann, 
Heinse und Goethe immer wieder getan haben, zuletzt Nietzsche, der 
die ganze Problemstellung der Psa. ohne Einseitigkeit vorwegnahm. 

Darüber hinaus aber bekundet der Appell an die «Natur», wie ihn 
die Psa. vertritt, eine Auflehnung nicht nur gegen die zeitbedingte, son- 
dern gegen jede Moral. Denn «jede Moral ist im Gegensatz zum laisser 
aller und der , Natürlichkeit' ein Stück Tyrannei gegen die .Natur', auch 
gegen die .Vernunft' : aber « — und das vergessen alle auf diese angebliche 
,Natur' abgestimmten Philosopheme immer wieder — » das ist noch kein 
Einwand gegen sie, man müßte denn selbst schon wieder von irgendeiner 
Moral aus dekretieren, daß alle Art Tyrannei und Unvernunft unerlaubt 
(noch deutlicher: »unnatürlich') sei» (Nietzsche). 

Wenn also die Psa. eine bestimmte Form der — angeblich freien 
— Entwicklung der Triebe für «natürlich» ausgibt und zur Norm er- 
hebt, so bedeutet das — aus der Sphäre des sogenannten objektiven 
Empirismus in die ihm zugrunde liegende und folgende Wertsphäre 
übersetzt — nichts anderes als eben diese Auflehnung gegen jede Ty- 
rannei und Moral, nicht zwar, wie man der Psa. böswillig unterstellt 
hat, in den praktisch-ethischen Forderungen (freies Ausleben oder dergl.) 
wohl aber in ihrer weltanschaulichen Gesinnung, nach der der «eigent- 
liche» Mensch eben der «natürliche», unkomplizierte Mensch in der 
geschilderten Gestalt ist, auch wenn man sich gleichwohl aus beliebigen 
Gründen zu der Kulturform des Menschen bekennen mag. 



I 



Wir haben am Anfang dieser Untersuchung den Gegenstand der Lite- 
raturwissenschaft dem der Psa. dadurch zu nähern gesucht, daß wir den 
Begriff der Krankheit auf die Dichter in Anwendung brachten, ohne zu- 
nächst zu untersuchen, von wo aus denn die schöpferischen Menschen 
diesem Begriff unterstellt werden können. Wir sehen jetzt, daß dies eben 
von einer bestimmten Vorstellung von «Natur» und «natürlicher Ent- 
wicklung», kurz von dem geschilderten Normbegriff aus geschieht. 
Denn das ist ja nach dem Vorausgegangenen ohne weiteres klar, daß 
die von psa. Seite hypostasierte «natürliche» Entwicklung zu dichte- 
rischen und künstlerischen Gebilden nicht führen kann, daß vielmehr 



150 



deren Entstehung irgendeinen Bruch oder Knick, irgendeine « Fehlbil- 
dung», «Verdrängung», oder dergleichen zur Voraussetzung hat, daß 
also der Dichter, auch wenn man ihn positiv bewertet, wie es die Psa. 
tut, eine — schöne — Entartung der Gattung darstellt. Ferner aber, so 
belehrt uns Nietzsche, weiß jeder Künstler, «wie fem vom Gefühl des 
Sich-gehen-lassen sein .natürlicher' Zustand ist, das freie 
Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den Augenblicken der Inspira- 
tion, — und wie streng und fein er gerade da tausendfältigen Gesetzen ge- 
horcht.» 

Sollte also der Literaturwissenschaftler auf den Dichter einen Norm- 
begriff anwenden können, der offenbar gerade an dem Wesentlichsten 
von dessenNatur vorbeigreift ? Sollte er nicht vielmehr den Wesens- 
kern, die Natur des Dichters jenseits von seiner Triebentwicklung auf- 
suchen und diese aus jener erklären müssen? Er würde dann aller- 
dings das als Reaktion gegen das bürgerliche Geistheldentum des seeli- 
lischen Mittelstandes erwachsene und selbst noch wesentlich darin ver- 
haftete Menschbild der Psa. durch eine tiefere Auffassung zu ersetzen 
haben und hätte als Wertmaßstab des Menschen und als Kriterium 
seiner Natur nicht die Reibungslosigkeit seiner Entwicklung oder den 
Mangel an Gegensätzen, sondern etwa die Kraft, diese Gegensätze zu 
bewältigen, anzusetzen. Denn «allen Ernstes, die Wahrscheinlichkeit 
dafür ist nicht gering, daß gerade dies .Natur* und .natürlich' 
sei — und nicht jenes laisser aller!» (Nietzsche.) 

Die Revision unserer Einsichten, die durch die Annahme eines sol- 
chen Naturbegriffs notwendig würde, kann hier natürlich nicht aus- 
gedeutet werden. Daß aber damit ein Normbegriff jenseits von gesund 
und krank gewonnen würde, der dem Literaturwissenschaftler eine ge- 
mäßere Handhabe zur Beurteilung seines Gegenstandes bieten dürfte, 
leuchtet ohne weiteres ein. Denn gegenüber der zeitgemäßen Verflachung 
des Menschbildes und der immer weiter um sich greifenden Amerikani- 
sierung der Seelen kann gerade der Literaturwissenschaftler immer wieder 
auf die schöpferischen Persönlichkeiten als die eigentlichen Repräsen- 
tanten der Gattung Mensch hinweisen und in der gestaltenden Bewälti- 
gung der tiefsten Spannungen zwischen Ich und Welt, Trieb und Bewußt- 
sein das Kriterium des natürlichen, gesunden und normalen Menschen 
finden, womit er sich denn an die Vorstellung vom Menschen anschlösse, 
die ihm die Dichter selbst an die Hand geben. 



Literatur 
(Auswahl) 
A. Allgemeines. 
Sigmund Freud, (Autobiographie in :) Die Medizin der Gegenwart in 
Selbstdarstellungen. Herausgegeben von L. R. Grote. Bd. IV. Leipzig 1927. Hand- 
wörterbuch der Sexualwissenschaft. Enzyklopädie der natur- und 

151 



kulturwissenschaftlichen Sexualkunde des Menschen. Herausgegeben von Max Mar- 
cuse. 2. Aufl. Bonn 1926. (Insbes. Artikel : Psa., Libido, Narzißmus etc., alle von 
Freud.) . Heinrich Hartmann, Die Grundlagen der Psa. Leipzig 1927. 
Das psa. Volksbuch, herausgegeben von Paul Federn und Heinrich Meng, 
Bücher des Werdenden. Stuttgart, Berlin 1926. Insbes. : Hans Sachs, Psa. und 
Dichtung. S. 456 ff. Richard Müller-Freienfels, Psychologie der Kunst. 
3 Bände. 2. Aufl. Leipzig 1920. HermannHesse, Künstler und Psa. Almanach 
1926. Internationaler psa. Verlag, Wien. OttoRank, Der Künstler und andere 
Beiträge zur Psa. des künstlerischen Schaffens, Imago-Bücher I. 4. verm. Aufl. 
Leipzig 1926. Wilhelm Stekel, Dichtung und Neurose. Bausteine zur Psy- 
chologie des Künstlers und des Kunstwerkes. Wiesbaden 1909, Wilhelm 
D i 1 1 h e y , Dichterische Einbildungskraft und Wahnsinn. (Rede 1886.) Gesammelte 
Schriften. Bd. VI. S. 90 ff. Wilhelm Lange, Hölderlin. Eine Pathographie. 
Stuttgart 1909. KurtHildebrandt, Gesundheit und Krankheit in Nietzsches 
Leben und Werk. Berlin 1926. De r s., Norm und Entartung des Menschen. Dres- 
den 1920. D e r s., Norm und Verfall des Staates. Dresden 1920. 

B. Literaturwissenschaftliche Schriften der Psa. 
E. Hitschmann, Zum Tagträumen der Dichter. Imago IX, S. 4. Otto 
Rank, Der Doppelgänger. Eine psa. Studie. Imago III, S. 97. D e r s., Das Insest- 
motiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer Psychologie des dichterischen Schaf- 
fens. Leipzig, Wien 1912. Wilhelm Stekel, Die Träume der Dichter. Eine ver- 
gleichende Untersuchung der unbewußten Triebkräfte bei Dichtern, Neurotikern und 
Verbrechern. Bausteine zur Psychologie des Künstlers und des Kunstwerkes. Wies- 
baden 1912. A. Winterstein, Der Ursprung der Tragödie. Ein psa. Beitrag 
zur Geschichte des griechischen Theaters. Imago-Bücher VIII. 1925. Sigmund 
Freud, Der Wahn und die Träume in W. Jensens «Gradiva». Schriften zur an- 
gewandten Seelenkunde. (Herg. S. Freud.) Heft I. 2. Aufl. 1912. Ders., Eine 
Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit . Imago V. S. 49. E. H i t s ch - 
mann, Gottfried Keller. Internationale psa. Bibliothek. Nr. 7. 1919. Ders., Zum 
Werden des Romandichters. Imago I, S. 49. Der s., Ein Dichter und sein Vater. 
Beitrag zur Psychologie religiöser Bekehrungen und telepathischer Phänomene. 
Imago IV, S. 337. A. K i e 1 h o 1 z , Jakob Böhme. Ein pathographischer Beitrag zur 
Psychologie der Mystik. Schriften zur angewandten Seelenkunde. (Herg. S. Freud.) 
17. Heft. E. Lorenz, Die Geschichte des Bergmannes von Falun. Imago III, 
S. 250. Heinrich Mutschmann, Milton und das Licht. Die Geschichte einer 
Seelenerkrankung. Beiblatt zur Angelia. Heft 11/12. Ders., Der andere Milton. 
Bonn, Leipzig 1920. Iolan Neufeld, Dostojewski. Skizze zu seiner Psa. Imago- 
Bücher IV. 1923. N. Ossipow, Tolstois Kindheitserinnerungen. Ein Beitrag zu 
Freuds Libido-Theorie. Imago-Bücher II. 1923. OskarPfister, Die Frömmig- 
keit des. Grafen Ludwig von Zinzendorf. Ein psa. Beitrag zur Kenntnis des religiö- 
sen Sublimierungsprozesses und zur Erklärung des Pietismus. Leipzig, Wien. 1910. 
OttoRank, Das «Schauspiel» im «Hamlet». Beitrag zur Analyse und zum dyna- 
mischen Verständnis der Dichtung. Imago IV, S. 41. Hans Sachs, Schillers 
Geisterseher. Imago IV, S. 69 u. 145. J. S a d g e r , Conrad Ferdinand Meyer. Eine 
pathographisch-psychologische Studie. Wiesbaden 1908. Ders., Heinrich von Kleist. 
Eine pathographisch-psychologische Studie. Wiesbaden 1910. 



152 



KUNSTWISSENSCHAFT UND 
PSYCHOANALYSE 

von Eckart von Sydow 
/. Allgemeine kunstphilosophische Grundlage 
Die allgemeine ästhetische Theoretik der Psa. hat vornehmlich der 
Analyse und Konstruktion des künstle ri sehen Schaf fens- 
Prozesses ihre Aufmerksamkeit gewidmet. Das Verhalten des auf- 
nehmenden Menschen zum Kunstwerk steht für sie erst in zweiter Linie. 
Zwar findet keine radikale Abschneidung der Beziehungen zwischen 
Künstler und Publikum statt, — wohl wird der Schaffende immer im Ver- 
hältnis zu den Menschen betrachtet, für die er arbeitet, aber die Freud- 
schule legt bei aller Anerkennung der soziologischen Verknüpfung den 
Hauptakzent auf die Analyse des produzierenden Menschen. Wir nehmen 
daher auch in dieser Überschau den Ausgang von der psa. Interpretation 
der Kunstschöpfung. 

Das Hauptbuch der Freudschule über die Kunst ist ein Fruhwerk 
O. Ranks: «D er Künstler» ( 1905 geschrieben, 1907 veröffentlicht, 
4 Aufl. 1925), in welchem eine Unmenge verschiedenartiger Probleme, 
die mit der Sexualpsychologie und auch dem Künstlertum zusammen- 
hängen aufgegriffen, entwickelt, durcheinander gewirbelt sind, — Pro- 
bleme bei deren Darstellung und hypothetischer Lösung nebulose Be- 
hauptungen und abrupte geistreiche Bemerkungen und mannigfache präg- 
nante Formulierungen eine große Rolle spielen. Das relative Verdienst, 
zuerst eine Sexualpsychologie des Künstlertums geschrieben zu haben, 
wird noch dadurch vermindert, daß die ideelle Figur des Künstlers nicht 
rein herausgearbeitet wird, sondern immer wieder mit der allgemeinen 
Konzeption des «Heros» zusammenschmilzt, so daß tatsächlich ein ver- 
hältnismäßig geringer Bruchteil der behaupteten Erkenntnis dem spezi- 
fischen Künstlertum zugute kommt. Gleichwohl sind in diesem verwir- 
renden Buche Leitmotive angeschlagen, denen später Freud, Sachs, Pfistcr 
US w vielfach gefolgt sind, um da und dort zu begrenzen, weiter auszu- 
bauen, oder auch wie W. Stekel in einseitiger Weise abzuirren. Die grund- 
sätzliche Einstellung ist aber innerhalb der Freudschule im ganzen die 
gleiche geblieben, so daß wir die Möglichkeit einer ziemlich homogenen 
Gesamtschau haben. 

Der Schaffensprozeß 
Im Laufe der letzten Jahrzehnte der kunstwissenschaftlichen Ent- 
wicklung haben wir uns gewöhnt, unter dem Schaffensprozeß hauptsach- 
lich jenen Teil der künstlerischen Arbeit zu verstehen, in welchem sien 
das Werk selbst absetzt und kristallisiert, den Gestaltungsprozeli, den 
Formungsakt. Alles was an psychischen Erlebnissen und Tendenzen zur 
Gestaltung als solcher gehört, erscheint als ein Anhängsel und den for- 

153 



malen Mächten gegenüber als ein Ballast, oft mehr hemmender als nützlich 
fördernder Art. Die Psa. hat sich einhellig mit bemerkenswerter Konse- 
quenz auf den entgegengesetzten Standpunkt gestellt. Von der Kristalli- 
sation der Werke erfahren wir nichts, sondern alle Aufmerksamkeit wird 
auf die allgemeinen Zusammenhänge zwischen Künstlertum und Sexuali- 
tät gelenkt. Es versteht sich hierbei, daß die Bezüge zwischen beiden Po- 
len nicht in jener rohen Art behandelt werden, wie sie etwa der Nitzsche- 
aner Naumann in seinem oft und mit Recht getadelten Buch gezeigt hat, 
sondern daß ein vielgewandter, taktvoller Intellekt die Zügel führt. 

Das Künstlertum wird von der Psa. nicht als eine originäre Erschei- 
nung aufgefaßt, sondern eine der möglichen Kompromißbildun- 
gen zwischen den kontradiktorischen Tendenzen der sexuellen Triebe 
und der kulturellen Triebverdrängung. Dieser Konflikt durchwaltet 
nach der grundsätzlichen Auffassung der Psa. die ganze Menschenwelt 
und führt zu verschiedenen Auswegen aus dem Dilemma der Situation: 
Traum, Neurose und Perversion oder aber Sublimierung. Der 
künstlerisch produktive Mensch repräsentiert den letzten Weg. Ihm ge- 
lingt es, ein positives Ergebnis des Zwiespaltes zwischen Lustprinzip 
und Realitätsprinzip zu erzielen. Die klarste und in gewissem Sinne klas- 
sische Formulierung dieser Auffassung hat Freud gegeben : «Die Kunst 
bringt auf einem eigentümlichen Wege eine Versöhnung beider Prinzipien 
zustande. Der Künstler ist ursprünglich ein Mensch, welcher sich von der 
Realität abwendet, weil er sich mit dem von ihr zunächst geforderten Ver- 
zicht auf Triebbefriedigung nicht befreunden kann und seine erotischen 
und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren läßt. Er findet 
aber den Rückweg aus der Phantasiewelt zur Realität, indem er dank be- 
sonderer Begabungen seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklich- 
keit gestaltet, die von den Menschen als wertvolle Abbilder der Realität zur 
Geltung zugelassen werden. Er wird so auf eine gewisse Weise wirklich 
der Held, König, Schöpfer, Liebling, der er werden wollte, ohne den ge- 
waltigen Umweg über die wirkliche Veränderung der Außenwelt einzu- 
schlagen». («Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Ge- 
schehen», Jahrbuch, III [1912], S. 6). In jenem Zwiespalt zwischen Lust- 
prinzip und Realitätsprinzip oder zwischen Sexualtrieb und Verdrän- 
gung durch die kulturelle Umwelt steht der künstlerische Mensch in der 
Mitte zwischen traumhafter Vorspiegelung der Wunscherfüllung und ner- 
vöser Erkrankung: er projiziert eine Erregung, die durch den Konflikt 
ausgelöst ist, nach außen, wenn der Konflikt schon überreif für den 
Traum, aber noch nicht zur Krankheit verfestigt ist. Er befreit sich also 
von seinem seelischen Druck durch sein Werk, in welchem der primäre 
Reizzustand, der aus dem Konflikt zwischen Verdrängung und Trieb re- 
sultiert, seine zeitweilige Beschwichtigung durch die mehr oder minder 
stark symbolisierte Darstellung des verdrängten Komplexes und des Voll- 
zuges der treibenden Wünsche findet. Das künstlerische Schaffen wird 
somit als ein Ersatz der Libidobef riedigung interpretiert. Je nach der ur- 



154 



Sprünglichen, infantilen Organsexualität entwickelt sich, lautet Ranks 
Dogma, die künstlerische Tatkraft : bei dem Maler drängt eine übermäßig 
libidinöse Betonung der Schaulust zum Kunstwerk, beim Bildhauer eine 
solche der Tastempfindung und des Bemächtigungstriebes, bei dem Mu- 
siker eine libidinöse Betonung der Gehörsempfindung usw. 

Als Grundstimmung des Künstlers wird folgerichtig das Leiden 
angegeben, da die Quelle seiner Produktivität die untragbare Qual der 
Verdrängung ist, — um so mehr als es sich nur um einen Ersatz und um 
eine zeitweilige Beilegung des Konfliktes handelt, die Spannung selbst aber 
in ihrer schmerzlichen Schärfe unberührt bleibt. 

Die grundsätzliche Auffassung, wie sie hier vor uns steht, hat die all- 
gemeine Zustimmung der Analytiker gewonnen. Nur O. Pfister hat Vor- 
behalte gemacht : «Niemals kann es sich darum handeln, aus der Primär- 
erotik allein die höchsten Geistestaten zu erklären. Jede Sublimierung ist 
Aktivierung nichtsexueller Anlagen.» («Die primären Gefühle 
als Bedingungen der höchsten Geistesfunktionen», Imago VIII. Bd. 
[1922], S. 53). Aber auch er kann im gleichen Aufsatz nicht umhin zu 
zeigen, wie in mehreren Fällen die Verdrängung der primären Triebe die 
Entfaltung der höchsten geistigen Fähigkeiten teils verhinderte, teils in die 
Tiefe riß. Und man würde im Ganzen die Ästhetik der Psa. unter das 
volkstümliche Schlagwort der Pansexualität zu rubrizieren haben, wenn 
nicht hinsichtlich des formalen Gestaltungsprozesses Einschränkungen 
des Sexualismus vorlägen, auf die wir später zu sprechen kommen. 

Es ist hier noch kurz Wilh. Stekelszu gedenken, der in seiner 
Aphorismensammlung «Dichtung und Neurose» (1909) behauptet: 
«Meine Forschungen haben mir den sicheren Beweis erbracht, daß zwi- 
schen dem Neurotiker und dem Dichter gar kein Unterschied besteht. 
Nicht jeder Neurotiker ist ein Dichter. Aber jeder Dichter ist ein Neu- 
rotiker.» Man darf diese (gegen Rank gerichtete) Behauptungen auf sich 
beruhen lassen, da es nicht klar ist, ob die erste Behauptung der Wesens- 
gleichheit oder die zweite des Wesensunterschiedes in Wahrheit gemeint 
sei. Übrigens ist Stekel ein Außenseiter der psa. Bewegung, der trotz 
rastloser Produktion keinen erheblichen Einfluß gewonnen hat. — 

Aus jenem Zusammenhange zwischen Künstlertum und Konflikt von 
Trieb und Kultur erläutert sich die «Inspiration» des Schaffenden. Nach- 
dem Rank auf jene allgemeine Grundlage hingewiesen hatte, unternahm 
es O. Pfister: «Die Entstehung der künstlerischen Inspiration» 
(Imago, II. Bd. [1913], S- 481 ff.) auf Grund der ausgedehnten Analyse 
künstlerisch minderwertiger Produkte eines Zeichners zu bestimmen. Er 
kam hierbei zu dem Resultat, daß die künstlerische Inspiration als Mani- 
festation eines verdrängten Komplexes anzusehen ist und den Gesetzen 
gemäß sich aufbaut, in die Freud die bei der Entstehung des neurotischen 
Symptoms, des Traums, der Halluzination usw. beteiligten Prozesse faßte, 
— nur daß ein sinnvolles Ganzes geschaffen wird, dessen tiefere psycho- 
logische Bedeutung allerdings dem Künstler nicht völlig klar ist. So ent- 

155 



hielten manche Arbeiten böse Wünsche gegen die Mutter, Haß gegen den 
Vater, — eine ganze Serie schilderte die Sublimierung seiner Libido, den 
Übergang vom physischen zum mystischen Todeswunsch und zur sittlich 
religiösen Wiedergeburt. 

Diese Auffassung der Kunst als andeutende Äußerung verdrängter 
Triebregungen führte zur intensiven Beschäftigung mit dem Symbol- 
begriff und seiner Bedeutung im Rahmen der Kunstgebilde, — führte 
um so mehr dahin, als ja die analytische Deutung des Traums und seiner 
Symbolik als eine der positiven Hauptleistungen Freuds gilt. J.Land- 
q u i s t hat in seinem wertvollen Aufsatz über «Das künstlerische Sym- 
bol» (Imago, VI. Bd. [1920], S. 297 ff.) den Symbolbegriff an der Hand 
von Freuds und Silberers Ausführungen näher zu bestimmen versucht. 
Er faßt hierbei das Symbol zunächst als ein individuelles Bild, das die 
Erinnerung an andere, gleichfalls individuelle Bilder in sich vereinigt und 
das an Bedeutung in dem Maße gewinnt, als es mit solchen individuellen 
Bildern gesättigt ist, — und späterhin als die Vereinigung von individu- 
ellem Bild, Mehrdeutigkeit und verhülltem Sinn. Das Hauptprinzip der 
Symbolbildung ist das Prinzip der Ä h n 1 i c h k e i t. Landquist erläutert 
seine Auffassung an Goethes Gedicht «König von Thule» : der Becher ist 
nicht nur als Gefäß betrachtet, sondern auch als Symbol des Weibes ge- 
meint, ferner auch als besondere Erinnerung an die Frau und das ver- 
gangene Leben mit ihr, — auf jede der möglichen Fragen nach der «eigent- 
lichen» Identifizierbarkeit des Bechers mit einem jener Symbolinhalte 
kann man nur ja und nein antworten! Daß die verschiedenen Bedeu- 
tungen gleichzeitig festgehalten werden und zusammenschmelzen, gibt 
dem Gedicht die poetische Stimmung, — daß das Symbolbild sein eigenes 
selbständiges Leben lebt, wie die Traumbilder es tun, gibt ihm anderer- 
seits die nötige Festigkeit. 

Tag-Traum und Kunstwerk 
Der Vergleich des Kunstwerks mit den Gebilden des Traumlebens, 
wie er eben laut wurde, beherrscht die psa. Literatur in weitem Umfange. 
Im Traume ist ja die von der rationalistischen Logik kaum berührte Pro- 
duktivität des unbewußten Geisteslebens zu finden. Wäre es möglich, das 
Kunstwerk als ein mit Bewußtsein fixiertes Traumgebilde zu betrachten, 
so wäre es ohne weiteres einzubeziehen in den Kreis der psa. Symbol- 
deutung. Den interessantesten Beitrag hierzu hat H. S a c h s in seinem 
Buche «Gemeinsame Tagträume» (1924) gegeben. Aber bei aller Be- 
mühung, einen genetischen Zusammenhang zwischen Tagtraum und Dich- 
tung aufzuweisen, zeigt sich doch immer wieder, wie sehr der Tagtraum 
vom Kunstwerk sich unterscheidet. Denn der Tagtraum hat die folgenden 
Kennzeichen : im Mittelpunkte dieser Träume steht der Träumer selbst, — 
der Tagtraum ist formlos, er huscht über die Einleitung fort, vernach- 
lässigt den Aufbau und die Motivierung, kennt weder Reim, noch Stil, noch 
Rhythmus, noch Satzbau, — einzelne Szenen werden mit geringer Variation 

1.56 



bis ins Unendliche wiederholt, — Wortvorstellungen und Bilder ver- 
mischen sich, — den Inhalt bildet zumeist Angenehmes, Erwünschtes, — 
der Tagtraum ist asozial, ein «Privatroman». Das Kunstwerk ist fast in 
jedem Punkte das Gegenteil vom Tagtraum, insbesondere ist es «eine 
große soziale Leistung». Hier sucht nun Sachs den Übergang vom Tag- 
traum zum Kunstgebilde zu finden. In der Tat gibt es gemeinsame Tag- 
träume für zwei gleichgerichtete Menschen. Aber eine solche Traum- 
gemeinschaft geht nicht über 2 Personen hinaus, die dem gleichen Ge- 
schlecht angehören müssen. So sehr man manchen Ausführungen von 
Sachs beipflichten kann, so wenig ist ihm doch der Versuch einer gene- 
tischen Überleitung vom Tagtraum zum Dichtwerk gelungen. Und in der 
Tat hat Sachs gleich zu Anfang (S. 3 f.) die angeborene Bega- 
b u n g als einen Faktor bezeichnet, der für die psychologische Forschung 
dauernd unzugänglich bleiben muß. — Hält man sich dies Anerkenntnis 
des Einflusses eines grundsätzlich unableitbaren, also nur feststellbaren 
elementaren Faktors vor Augen, so wird man die weiteren Thesen vielfach 
mit Interesse verfolgen. So meint Sachs, daß der Tagträumer, in die 
Nähe der Wiederholung des Ödipuskomplexes geführt, sich von dieser 
Gefahr befreie, indem er sich zum Dichter verwandele, denn dann hat der 
Vereinzelte den Weg zu den Brüdern wieder zurückgefunden. Der dich- 
terische Antrieb des Tagträumers sei der scheinbar aufgeopferte Nar- 
zismus, der für seine eigene Person unverwendbar geworden, von ihr 
aus auf das Werk verschoben sei, das ja nur ein 1 Stück des Ich bedeute. 
Aus dem jeweiligen Überwiegen bald des einen, bald des anderen Ele- 
mentes will Sachs sogar die Verschiedenheit aller literarischen Schulen 
und Stile erklären ! 

Der Gestaltlingsakt 

Die Bewertung des Formgebungsprozesses ist in der gesamten psa. 
Literatur sehr geringfügig. Wohl hat Rank als eigentliche Leistung des 
Künstlers die Formung der unbewußten Phantasien bezeichnet, aber zu- 
gleich die «übergroße Sorgfalt» in der Anordnung des Ganzen und in der 
Ausführung mancher Einzelheiten als Verschiebung der psychischen In- 
tensivität angegeben, deren sich der V o r 1 u s t-M echanismus be- 
diene. Somit ist die ästhetische Lust nur Vor-Lust, die die eigentliche 
Lustquelle verdeckt, den Effekt daraus aber sichert und stärkt («D. Künst- 
ler», S. 72, analog Rank und Sachs : «Bedeutung der Psa.», S. 88 f.). Dieser 
Auffassung hat sich Freud leider ausdrücklich angeschlossen : «Ich bin der 
Meinung, daß alle ästhetische Lust . . . den Charakter solcher Vorlust 
trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dichtwerks aus der Befreiung 
von Spannungen in unserer Seele hervorgeht.» («Dichten und Phanta- 
sieren», S. 239.) Solche Entwertung der Prägung wird verständlich, wenn 
wir bei Rank und Sachs lesen : «Den Gipfel des Kunstgenusses finden wir 
darin, wenn uns ein Werk vor Spannung fast den Atem raubt, vor Schreck 
die Haare sträubt, um uns zuletzt Tränen des tiefsten Leidens und Mit- 

157 



leidens abzufordern.» Der aufsteigende Zweifel, ob man derartige 
Schauer romantik zweckmäßigerweise für ernsthafte kunstwissenschaft- 
liche Festlegungen verwenden sollte, wird auch durch die analoge An- 
regung Freuds nicht beschwichtigt, der den Ausgang von Werken emp- 
fiehlt, die nicht von der Kritik, sondern vom Publikum am höchsten ge- 
schätzt werden und dafür die meisten Leser haben! («Dichten und 
Phantasieren», S. 235.) 

Es fragt sich nun, ob nicht etwa diese ganze Sphäreder eigen t- 

HchenGestaltungaußerhalbdesGeltungsbereiches 
der P s a. steht. In der Tat ist dies die Auffassung der Freudschule. So 
hören wir von Reik: «Die psychologische Erforschung der Probleme, 
welche sich an künstlerische Stoffe oder künstlerischen Genuß knüpfen, 
ist notwendigerweise eine begrenzte. Sie verzichtet z. B. von Haus aus 
auf den Anspruch, das Rätsel der künstlerischen Begabung lösen zu 
wollen» (Referat im Jahrbuch VI. Bd. (1914), S. 388), wie denn vorher 
auch Freud formuliert hatte : «Woher dem Künstler die Fähigkeit zum 
Schaffen kommt, ist keine Frage der Psychologie» («Interesse an der 
Psa.» Ges. WW. IV, 339). Die gleichartige Auffassung lasen wir oben 
bei Hanns Sachs und wir finden sie auch bei J. Hennann (Imago VIII. Bd. 
[1922], S. 6). — Diese kritische Auffassung ist wohl berechtigt, — wir 
kommen im Schlußkapitel noch darauf zu sprechen. Übrigens widerlegt 
ihr Ausspruch den Doppelirrtum der volkstümlichen Interpretation der 
Psa., als wolle diese das Kunstwerk lediglich aus sexuellen Gesichts- 
punkten erklären, — in der Tat beschäftigt sie sich vielmehr ex officio aus- 
schließlich mit seelischen Impulsen, die außerhalb des eigentlichen Künst- 
lertums liegen. 

Kunstgenuß 

Die Anteilnahme des Publikums am Kunstwerk hat in der Psa. eine 
tiefgreifende Begründung erfahren. Der oft bedachte Widerspruch zwi- 
schen der Freude an Menschen und Handlungen, die im Kunstwerk eine 
Rolle spielen, und andererseits dem Widerwillen gegen die gleichen Men- 
schen und Handlungen im realen Leben wird hier in einer Weise gelöst, 
die den Vorzug erstaunlicher Einfachheit hat. Die Verbindungsbrücke 
zwischen Werk — Künstler — Publikum wird durch die Auffassung der 
Kunstwerke als allgemein menschlicher Symbolsprache geschlagen. Das 
Wichtige ist ja für die Psa. nicht das Werk als solches, sondern seine Be- 
deutung als Symbol tief verdrängter infantiler Regungen des Künstlers. 
Diese Regungen können aber nur dann Widerhall finden im Herzen an- 
derer Menschen, wenn sie allgemein menschlicher Natur sind. Dies ist 
denn auch bei den Kunstwerken in mehr oder minder hohem Maße der 
Fall : die Komplexe bleiben, nur ihr Ausdruck wechselt. Das Publikum 
fühlt also den gleichen Komplex in sich, den der stärker belastete, aber 
auch stärker kraft der Projektion abreaktionsfähige Künstler gestaltet. 
Und was diesem das Kunstwerk leistet, vollbringt es analog auch für das 
Publikum: die Abfuhr und Phantasiebefriedigung der beiden Parteien 

158 



gemeinsamen, unbewußten Wünsche. Sehr präzis hat Rank diesen Sach- 
verhalt, den man grundsätzlich wohl als zutreffend ansehen darf, formu- 
liert : «Der Genießende imaginiert sich dann, von der Form verlockt, an 
die Stelle des Künstlers (Mitschaffen), was ihm leicht gelingt, denn der 
Empfänger liebt nur das Kunstwerk, das die Erfüllung seiner eignen 
Wünsche widerspiegelt, das er beinahe selbst gemacht haben könnte» 
(«D. Künstler», S. 72). 

Die Kritik dieserallgemeinenGrundlegung kann 
sich zunächst auf das doppelte Einverständnis der Psychoanalytiker be- 
ziehen, daß weder die Stärke der Verdrängung, welche die Voraussetzung 
der Sublimierung ist, noch der eigentliche Akt des Künstlertums, die 
Werk-Prägung, von der Psa. erfaßt wird. In dieser Werkprägung sind 
aber zwei Momente enthalten: das Künstlertum der Formgebung über- 
haupt und zweitens die Stufe der Qualität. Die drei wichtigsten Elemente 
der spezifischen künstlerischen Produktivität bleiben danach außerhalb 
des Bereiches, in welchem sich die Analyse fruchtbar betätigen kann. 

Es ließe sich jedoch ein Einfluß der seelischen Komplexbildung auf 
das künstlerische Schaffen mit verschiedenen Möglichkeiten der Durch- 
setzung denken. Unter diesen Möglichkeiten hat tatsächlich die Psa. den 
einen Typus des leidenden Menschen : den Romantiker, heraus- 
gegriffen. Es ist aber klar, daß der romantische Typus nur einer von 
vielen ist und daß ihm auf der anderen Seite in der frühchristlichen Kunst, 
Romantik, Renaissance, Barock, Rokoko eine Fülle von andersartigen 
Künstlertypen gegenübersteht, auf welche jenes Losungswort, nach wel- 
chem die Kunst ein leidvolles Abreagieren verdrängter Komplexe sei, 
keine Anwendung finden kann. Die Ergebnisse der psa. Forschung ordnen 
sich dieser kritischen Einschränkung ein, denn wir haben fast ausschließ- 
lich im Gebiete der Romantik, also abseits des strengen Stils, Beweisdoku- 
mente für die wahrscheinlich zutreffende Interpretation seitens der Psa. 
vor uns. Hier darf man vielfach von einer ganz erstaunlichen Bereiche- 
rung unserer psychologischen Einsicht reden, die auch der nicht in der 
Biographie der Künstler wird vermissen wollen, der das Wesent- 
liche des Künstlertums in der Werkleistung proklamiert. Es ist aber an- 
dererseits kennzeichnend, daß die Werke der nicht romantischen Künst- 
ler oder der nicht romantischen Epoche z. B. Schillers, Goethes keinen 
Psychoanalytiker zur Bearbeitung verlockt haben. Man wird also sagen 
dürfen, daß nach dem bisherigen Ergebnis der Psa. sich ihre Wirksamkeit 
wesentlich bezieht auf den frei schwebenden Bezirk des romantischen 
Künstlerdaseins und auf dessen möglichen Einfluß auf seine Leistung. 

//. Die ästhetischen Kategorien 

Von den üblichen Kategorien haben nur wenige eine eingehendere 
Behandlung erfahren, — das Unheimliche, das Tragische, das Witzige. 

Als das Unheimliche bezeichnet Freud («Das Unheimliche», 
Ges. WW, X. Bd., S. 369 ff.) jene Art des Schreckhaften, welche auf das 

159 



Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht, — unheimlich sei irgendwie 
eine Art von «heimlich». In der Analyse der Hoffmannschen Novelle vom 
Sandmann zeigt sich, daß die Angst um die Augen eine Hauptrolle spielt, 

Angst um Augen ist als Ersatz für die Kastrationsangst bekannt, — die 

Zentralfigur voll Unheimlichkeit ist in dieser Erzählung eine Deckgestalt 
für den Vater. Somit geht das Unheimliche des Sandmannes auf die 
Angst des kindlichen Kastrationskomplexes zurück. Eine andere Unheim- 
lichkeit umgibt auch die Figur des Doppelgängers usw. Als Momente des 
Unheimlichen zeigen sich endlich : Wiederauflebende Animistik und Ma- 
gie, ferner Beziehungen zum Tode, unbeabsichtigte Wiederholung, Ka- 
strationskomplex. «Das Unheimliche des Erlebens (um dies handelt es 
sich wesentlich) kommt zustande, wenn verdrängte infantile Kom- 
plexe durch einen Eindruck wiederbelebt werden, oder wenn überwun- 
dene primitive Überzeugungen wieder bestätigt werden». Das Unheim- 
liche der Phantasie umfaßt dieses Unheimliche des Erlebens und auch 
noch manches andere, aber auch in der Dichtung bleibt das Unheimliche 
der verdrängten Komplexe ebenso unheimlich wie im Leben. 

Das Tragische ist im Zusammenhang mit der Analyse verschie- 
dener Tragödien vielfach betrachtet worden. Man darf wohl sagen, daß 
die Tragödie gewissermaßen das Sprungbrett zum psa. Verständnis oder 
doch Interesse für Kunstschöpfungen geboten hat. Im Grunde sind alle 
Definitionen der Kunstschöpfung und des Künstlertums dem schöpfe- 
rischen oder aufnehmenden Verhalten zur Tragödie, wie es sich dem Ver- 
ständnis der Analytiker darstellte, auf den Leib geschrieben. Man kann 
das Tragische zunächst als den Ausdruck der auf dem «Sohne» gegen- 
über dem «Vater» lastenden Schuld, fernerhin aber auch als Ausdruck der 
dem Sohne aus a 1 1 e n Inzest- Vergehen erwachsenden Schuld bezeichnen. 
In summa ist es also die aktualisierte und ins praktische Leben übergrei- 
fende Dramatik verdrängter infantiler Komplexe, aus der das Tragische 
erwächst. 

In einer kurzen und sehr unzulänglich dokumentierten Studie «Zur 
Psychologie der Komödie» (Imago, XII. Bd. [1926], S. 328 ff.) hat L. J e - 
k e 1 s ganz geistreich die Komödie als den dialektischen Gegensatz 
zur Tragödie bezeichnet und demgemäß behauptet : «das in der Tragödie 
auf dem Sohne lastende Schuldgefühl erscheint in dem komischen Drama 
auf den Vater verschoben, — der Vater ist schuldig.» 

In breiter Ausführlichkeit hat F r e u d das W i t z i g e in seiner Ar- 
beit: «Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten» (1. Aufl. 1905, 
Ges. WW. IX. Bd., S. 1—269) behandelt. In der Darstellung der Technik 
des Witzes zeigt er, wie die Witzarbeit sich der Verdichtung, des Doppel- 
sinns, der Verschiebung, des Widersinns zur Herstellung des witzigen 
Ausdrucks bedient. Ihr innerer Sinn besteht in der Zusammendrängung, 
vielmehr Ersparnis, — der Lustgewinn stammt aus der Ersparnis an geisti- 
gem Arbeitsaufwand. Es werden die Tendenzen des Witzes untersucht, 
dann der Lustmechanismus und die Psychogenese des Witzes, die Motive 

160 



des Witzes und schließlich die Beziehung des Witzes zum Traum und zum 
Unbewußten, das Verhältnis des Witzes zu den Arten des Komischen be- 
handelt. — In kurzen Bemerkungen hat T h. R e i k den «Zynischen Witz» 
(Imago, IL Bd. [1913], S. 51 ff.) besprochen. 

III. Die einseinen Künste 

Den Ursprung der Musik haben zwei Untersuchungen sich zurecht 
zu legen versucht. T h. R e i k ging in seiner Abhandlung über «Das 
Schofar» (das Widderhorn) (in «Probleme der Religionspsychologie, 
I. Teil: das Ritual» 1919, S. 178 ff.), das einzige uralte Instrument, das 
noch im Ritus des Judentums eine Rolle spielt und das überhaupt eines der 
ältesten Blasinstrumente der Welt ist, von der Analyse einer unklaren 
Stelle der Bibel aus, die sich auf den Gesetzgebungsakt auf dem Sinai be- 
zieht. Er deutet ihren Sinn dahin, daß der Klang des Hornes als die 
Stimme Gottes zu betrachten sei und folgert weiter, daß der Priester mit 
dem Schofar im Kultus die Stimme Gottes nachahme. Im Anschluß an die 
Auffassung des semitischen Urgottes als Stier oder Widder und die damit 
angedeutete totemistische Grundlage greift Reik zu einer Kombination mit 
der Urhordentheorie Freuds : die Stimme des Schofars sei zugleich die 
Gottes, also auch die des Urvaters, — und so erwecke sie die Erinnerung 
an die von Freud vermutete «alte Untat» des Vatermordes : der Ton des 
Schofar stellt im unbewußten Seelenleben des Zuhörers die Angst und den 
letzten Todeskampf des Vaters dar: Wie aber, gemäß der Freudschen 
Darstellung, der positive Teil des Totemismus sich in nachträglichen Ge- 
horsam gegenüber der Vatergestalt äußert, so ahmen nun die Söhne die 
väterliche Stimme durch onomatopoetische Laute nach : das nachgeahmte 
Tiergebrüll bedeutet nun sowohl die Anwesenheit des Gottes inmitten 
seiner Verehrer, als auch deren Gleichsetzung mit ihm. Reik läßt sich 
die sexualsymbolische Bedeutung des Hornes nicht entgehen. Und so ge- 
winnt dies einfache Instrument den ganzen Zauber mythologischer Be- 
deutsamkeit. Die Kernthese Reiks besteht also in der Behauptung, daß 
die T o n k u n s t a u f d i e N a c h a h m u n g d e r U r v ä t e r s t i m m e 
zurückgehe. 

Die Kritik wird diese Ableitung fast in jedem Punkte bezweifeln 
müssen. Der ganze Urhordenkomplex (wohl die verfehlteste Hypothese 
Freuds überhaupt) ist nicht haltbar. Auch psa. Überlegungen sprechen 
dagegen, denn bei einer noch so großen Parallelisierung von infantiler 
und stammesgeschichtlicher Entwicklung gäbe die allein kontrollierbare 
infantile Entwicklung doch nur das Recht, von einem theoretischen Ödi- 
puskomplex der Urmenschheit zu sprechen, — da es im allgemeinen nicht 
üblich ist, daß kleine Kinder Mordversuche an ihrem Papa vornehmen! 
Es ist ferner nicht einzusehen, warum der Schwanengesang des Urvaters 
in Musik transponiert worden sein sollte, — das allgemeine Stöhnen der 
Versammelten würde viel einfacher und ergreifender sein. Aber auch 
abseits von solcher Überlegung ist die Überführung der einen zur anders- 

ll Prinzhorn, Psa. l6l 






artigen Gefühlsäußerung ein schöpferischer Akt, der von Reik nicht ver- 
ständlich gemacht worden ist. Gilt dies schon vom Musikalischen über- 
haupt, so in noch höherem Maße von der Frage, wie denn von hier aus 
der gesamte komplizierte Apparat der Musikinstrumente und ihres Ge- 
brauches erklärt werden kann. Auch hier würde man nicht um die An- 
nahme eines schöpferischen Aktes herumkommen. 

S. Pfeifer knüpft in seinen «Musikpsychologischen Problemen» 
(Imago, IX. Bd. [1923], S. 43 ff.) an die These vom Ursprünge der Musik 
in der biologischen Sphäre an und sucht ihn in dem Versuch zur Abführung 
der Libido auf einer früheren Stufe als der der Genitalität, denn die 
Musik sei narzistisch und autoerotisch, und er leitet davon die Unfähig- 
keit der Musik zur Darstellung von Objekten ab : «Die Objektswelt wird 
in der Musik nur als Störer des narzistischen Befriedigungszustandes, als 
Hindernis und Stauung auf dem Wege zur Wunscherfüllung dargestellt, 
in der Hauptsache durch die verschiedenen Kontraste, Konflikte, Dis- 
sonanzen, Zurückhaltungen . . .». Die Darstellung der vor allem analeroti- 
schen Organlust sei die Grenze, bis zu der die Musik in der objektiven 
Darstellung gehen könne, also «bis zur Darstellung des eigenen Körpers, 
des materiellen Ich». — Als Weltauffassung der Musik wird die des Ani- 
mismus bezeichnet, aus dem viele Regeln der Musik zu erklären seien. — 
Kritisch wird man zu den Ausführungen Pfeifers leider anmerken 
müssen, daß der Titel seines Aufsatzes zu weitgehend ist, — nicht um 
musikpsychologische, sondern um gesangspsychologische Probleme han- 
delt es sich bei ihm tatsächlich, — aus dem Gesang ist aber die Herstellung 
eines Musikinstrumentes noch nicht ohne weiteres zu begreifen. Im übri- 
gen ist der Aufsatz von allzu großer Vagheit, insbesondere fehlt jeglicher 
Versuch, eine innere Verbindung zwischen einer Abfuhr der prägenitalen 
Libido und der Mannigfaltigkeit der musikalischen Phänomene aufzu- 
zeigen. 

Die Dichtkunst 

Das Leitmotiv für die Konstruktion der dichterischen Probleme hat 
Rank und Freud durch den Vergleich des Dichters mit dem Tagträumer 
gegeben. Im Rahmen dieser Einstellung hat O. R a n k bedeutsame The- 
mata untersucht : «Die Nacktheit in Sage und Dichtung» (Imago, II. Bd. 
I I 9 I 3]); «Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage» [1912]. Wir unter- 
lassen nähere Hinweise auf diese und die anderen zahlreichen Arbeiten, 
welche biographische Inhalte haben, da sie in den Bereich der literatur- 
wissenschaftlichen Abhandlung fallen. 

Die eigentlich kunstwissenschaftliche Problematik der Formprägung 
wurde nur von K. Weiß in einem Aufsatz «Von Reim und Refrain» 
(Imago, IL Bd. [1913], & 552 ff.) gestreift. Sein Leitmotiv ist die Ab- 
leitung der Formmittel aus dem Lustprinzip. Als Grundlage der Rhythmik 
sieht Weiß das Ludein der Kinder an, — «der Affekt der Lust, der vom 
Ludein her in der unbewußten Erinnerung der Kinder lebt, wird auf die 

162 









Sprachleistung verschoben und gibt dieser ein neues Motiv für die 
Wiederholung». Der Reim sei die ins Künstlerische erhobene Form der 
infantilen Sprachbildung. Gleichklang und Rhythmus sind lediglich Mittel, 
die augenblickliche psychische Situation von der Realität loszulösen und 
dem Lustprinzip einzuordnen. — Übrigens geben Rank und S a c h s in 
ihrem Buche «Die Bedeutung der Psa.» (1913, S. 88) als Ursprung des 
Gleichklanges den Wunsch nach Lustgewinn, erfüllt durch Aufmerksam- 
keitsersparnis, und als Ursprung des Rhythmus die Gleichartigkeit mit 
dem Sexualakt an. 

Die bildenden Künste 

Ein paar kurze Beiträge sind zunächst nennenswert, die sich auf 
die Baukunst und auf die zeichnerischen Künste beziehen. So hat 
H. Kühnen «Psa. und Baukunst» (Imago, X. Bd. [1924], S. 374 ff.) 
behandelt. Er zeigt in der Analyse des selbstverfertigten Planes einer 
Gartenanlage, daß man für sie allerhand sexuelle Analogien aufzeigen 
kann, so daß der Gedanke naheliegt, es handele sich hier um Vorstel- 
lungen, in denen sich verdrängte Wünsche erfüllen. Die Raumvorstellung 
erklärt Kühnen als den Ausdruck der Mutterleibsphantasie. In den groß- 
städtischen Grünflächen, Siedlungsgedanken usw. sieht er die Rückkehr 
zum Mütterlichen. 

Die «Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung» von 
J. Hermann (Imago, VIII. Bd. [1922], S. 54 ff.) gehen von zwei Ana- 
lysen aus, in denen die Hand nicht als ein gewöhnlicher Körperteil, sondern 
als ein libidinös besonders ausgezeichnetes Organ betrachtet wird. Hieraus 
zieht Hermann die Folgerung, daß die Hand im weitesten Umfange aller 
zugehörigen Muskel-, Knochen- und seelischen Komplexe bei den zeich- 
nerisch Begabten libidinös besetzt ist, — erklärt sich dann für die An- 
nahme der Primarität der Libidobetontheit der Hand und für die Sekun- 
darität der zeichnerischen Begabung, — muß aber schließlich die Lücke 
der Einsicht in den genetischen Zusammenhang zugestehen : wir gelangen 
auf solche Weise nur zum Verständnis von besonderen Handfertigkeiten, 
nicht aber zu der besonderen Form dieser Geschicklichkeit, zur zeichneri- 
schen Begabung. 

Während sich Kühnen und Hermann mit zufälligen zeitgenössischen 
Gegebenheiten beschäftigen, versucht E. v. S y d o w in seinem Buche 
«Primitive Kunst und Psa.» (1927) einen systematischen Grundriß der 
bildenden Künste der Naturvölker zu geben. Architektur, Plastik, zeich- 
nerische Künste werden an der Hand umfänglichen ethnographischen 
Materials behandelt, indem jeweils der Gang der Untersuchung sich in 
der folgenden Reihenfolge vollzieht: Vorstufe, Formenwelt, wesentliche 
Charakteristica : das Urbild, Entwicklungsgang und schließlich psa. Deu- 
tung des Urbildes. Diese Darlegungen verzichten auf die Analyse der inhalt- 
lichen Themata und beziehen sich lediglich auf die F o r m als solche. Es 
ergibt sich für die B a u k u n s t mit ihren drei Merkmalen der räumlichen 

11* 163 



Geschlossenheit, dem Streben zur Einräumigkeit und dem Übergewicht des 
Daches die Zurückführung auf die Mutterleibshöhle, — für die Plastik 
mit ihren drei Kennzeichen : Blockeinheit, Übergewicht des Kopfes gegen- 
über dem Körper, Tendenz zur Einfigürlichkeit, die Zurückführung auf 
den Phallus, — für die zeichnendenKünste mit ihren zwei Eigen- 
tümlichkeiten : Flächeneinheit und Flächigkeit die Zurückführung auf die 
Körperoberfläche. Es wird fernerhin ein genetischer Zusammenhang zwi- 
schen «Körper-Kunst» (Tatauierung usw.) und der freien Kunst wahr- 
scheinlich gemacht. 

Das bisher noch ganz vernachlässigte Gebiet der «Farbensymbolik» 
hat H. Christoffel (Imago, XII. Bd. [1926], S. 305 ff .) mit einer 
Reihe interessanter Hinweise betreten, aus denen eine besonders enge 
Beziehung zwischen Weiß und dem weiblichen Prinzip, Schwarz und dem 
männlichen Prinzip hervorzugehen scheint. 



IV. Kunst-Entwicklung und Kunst-Epochen 

Eine allgemeine Entwicklungsgeschichte der Kunst findet sich in der 
Psa. noch nicht. E. v. S y d o w stellte im Zusammenhange seiner Unter- 
suchung über «Primitive Kunst und Psa.» (1927) der statischen Kunst 
der Naturvölker die dynamische Kunst der Kulturvölker gegenüber, die 
an die Stelle der phallushaften Plastik mehr oder minder bewegte Figuren 
setzt, — die geschlossene Einräumigkeit durch Zerlegung und Überord- 
nung auflöst, — die Flächigkeit der zeichnerischen Künste durch die Ein- 
führung der Perspektive überwindet. Bei diesen Thesen spielt jedoch die 
Annahme der Souveränität schöpferischer Kulturkraft eine Rolle, die 
ihr sonst in der psa. Literatur keineswegs zugewiesen wird. — Für die 
zeitliche Entwicklung der Künste tritt dies Buch aus psa. Gründen für die 
folgende Reihung ein : «Körperkunst» — Malerei — Plastik — Baukunst. 

Speziell mit der Epoche der Gotik hat sich R. S t e r b a be- 
schäftigt (Imago, X. Bd. [1924], S. 361fr.). Auf Grund einer unzu- 
reichenden Definition der gotischen Eigenart interpretiert er lediglich den 
gotischen Pfeiler und Spitzbogen. Den Bogen an sich faßt er als Produkt 
eines Versuchs der Ablösung von der zwangshaften Reminiszenz an die 
intrauterine Ursituation auf und sieht in seiner gotischen Abart (Schlank- 
heit, Grazilität) die Tendenz zur Männlichkeit ebenso ausgesprochen, wie 
im gotischen Pfeiler. Auch die Erfindung des Turms schreibt er der goti- 
schen Maskulinisierungstendenz zu. Diese dreifach ausgedrückte Tendenz 
entfaltet sich aber innerhalb der Kathedrale, die ein «exquisites Mutter- 
leibs-Symbol» darstelle. Trotzdem also jene Elemente dem Kirchenbau 
eingegliedert sind, proklamiert Sterba die Gotik als Abwehrkampf gegen 
die Fixierung an die Ursituation. Er streift auch die Plastik der Gotik 
und findet in ihren puppenhaften Typen tagträumender Neurotiker den 
Ausdruck der Hypertrophie des unbewußten Anteils auf Kosten des Reali- 
tätsanteils. 

164 



V. Die Psychologie der bildenden Künstler 

Die eigentliche Bedeutung der rein psa. eingestellten Kunstforschung 
hat bislang auf dem Gebiete der Künstler- Psychologie gelegen, — in der 
Eruierung also all der Einflüsse, die im Leben der künstlerisch Tätigen 
als richtunggebend oder doch als sehr wichtig betrachtet werden können. 
Zu einer Analyse, die gründlich das ganze Leben und das ganze Werk 
eines Mannes durchforscht hätte, ist es freilich noch nicht gekommen, 
auch der verhältnismäßig umfassende Versuch Abrahams um die Erkennt- 
nis der Wesensstruktur Segantinis hat es über eine interessante Skizze 
nicht hinausgebracht. Im allgemeinen wird von einer Seltsamkeit der Aus- 
gang genommen, um dann aus der Erkenntnis dieses Sonderfalles eine 
Einsicht in das Wesen des Künstlers zu finden, die infolge der verschie- 
denen, unumgänglichen Hypothesen überwiegend den Charakter der In- 
tuition aufweist. Nun wird man freilich sagen müssen, daß jede syn- 
thetische Auffassung einer so komplexen Erscheinung, wie es oft das 
Leben und Arbeiten der Künstler ist, diese Eigenart der intuitiven Wesens- 
schau, die zugleich immer eine hypothetische Konstruktion ist, zeigt. Man 
muß dann auch jegliche Erklärung einer auffallenden Erscheinung dank- 
bar begrüßen, auch wenn vielleicht von ihrer Interpretation aus das Ge- 
samtbild des analysierten Wesens vergewaltigt wird. So sehr nun diese 
letzte Möglichkeit in gewissen literargeschichtlichen Pathographien tat- 
sächlich in hohem Maße ausgenutzt scheint, so wenig kann man gegen die 
Psa. den gleichen Vorwurf bezüglich ihrer Betrachtung bildender Künstler 
erheben. In den Schriften Freuds über Leonardo, Abrahams über Segan- 
tini haben wir die Formulierung von Erkenntnissen vor uns, die man als 
wertvoll bezeichnen darf. 

Freud analysiert in seiner Schrift : «Eine Kindheitserinnerung des 
Leonardo da Vinci» (i. Aufl. 1910, Ges. WW. IX. Bd., S. 371 ff.) zunächst 
eine Notiz Leonardos, nach der ein Geier zu ihm herabgeflogen sein sollte, 
als er noch in der Wiege lag, seinen kindlichen Mund mit den Schwanz- 
federn geöffnet und viele Male seinen Schwanz gegen seine Lippen ge- 
stoßen habe. Von der sexuellen Interpretation dieser Erzählung aus- 
gehend, und unter Heranziehung einer Fülle interessanten Materials aus 
der Renaissancezeit entwickelt nun Freud ein Bild der inneren Struktur 
des Wesens Leonardos, dem man den Anschein grundsätzlicher Berech- 
tigung nicht absprechen kann. Die intime Verbindung, in die Leonardos 
ideelle Homosexualität, das vielgerühmte Lächeln seiner weiblichen Fi- 
guren, die radikale Unabhängigkeit seines Geistes, die mannigfachen 
Widersprüche seiner Natur usw. gebracht werden, läßt eine Wesensschau 
vor uns erstehen, die dem großen Künstler adäquat zu sein scheint. Aus 
den mannigfachen Zufälligkeiten seines Lebens tritt uns hier eine Einheit 
entgegen, die uns früher verborgen war. Allerdings wird auch auf diese 
Weise nicht alles kausal erklärt, sondern es bleibt ein zwiefacher Rest- 
bestand, der von Freud als durch psa. Bemühungen unerklärbar anerkannt 
wird: Leonardos «ganz besondere Neigung zur Triebverdrängung und 

165 



seine außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe. 
Da die künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimie- 
rung innig zusammenhängt, so müssen wir zugestehen, daß auch das 
Wesen der künstlerischen Leistung uns psa. unzugänglich ist». 

In größerem Ausmaß als Freud für Leonardo, hat K. Abraham 
in seiner Schrift über «G i o v. S e g a n t i n b (IL Aufl., 1925) die psa. 
Theoretik für die Erkenntnis jenes Malers verwertet. Er zeigt, wie die 
hohe Vergeistigung der Mutterliebe, die aus Segantinis Gemälden spricht, 
auf sexuellem Untergrunde ruht. Aus dem Mangel einer Vater-Darstel- 
lung in Segantinis Bildern, im Verschweigen, Totschweigen des Vaters 
meint Abraham den Ausdruck scharfer Feindseligkeit gegen ihn zu er- 
kennen. Die Art und Weise, wie aus der frühzeitigen Gebundenheit durch 
den dreifachen Komplex : Mutter, Heimat, Natur, charakteristische Eigen- 
tümlichkeiten Segantinis und merkwürdige Bilder abgeleitet werden, hat 
im einzelnen, besonders bei diesen sogenannten Nirwana-Gemälden, man- 
ches Gewaltsame an sich, aber man sieht auch in diesem Falle eine Einheit 
vor sich erstehen, die vorher unerschaut war. Die eigentliche künstlerische 
Leistung Segantinis wird freilich nur in ihrer inhaltlichen Seite be- 
sprochen, — ihr formaler Charakter bleibt, bis auf wenige Punkte, wie 
gedämpfte und helle Lichtgebung, außer Betracht! 

Neben diesen beiden beträchtlichen Arbeiten stehen kleinere Arbeiten 
von zweifelhafterem Erkenntniswert. So hat E. Jones «Andrea 
del Sartos Kunst und der Einfluß seiner Gattin» (Imago, IL Bd. 
[ I 9 I 3]> S. 468 ff.) analysiert. Jones führt die seelische Leerheit und den 
Niedergang der Sartoschen Kunstübung auf die allzu große Gebundenheit 
des Malers an seine Frau auf Grund eines starken Einschlags von Maso- 
chismus und homosexueller Einstellung zurück, — eine Auffassung, die 
bei der Unkenntnis von Sartos Jugend und Kindheit ohne beträchtliche 
Beweiskraft ist. 

Von etwas größerem Interesse ist dann wieder A. J. Wester- 
man-Holstijns: «Die psychologische Entwicklung Vincent 
yanGoghs» (Imago, X. Bd. [1924], S. 389 ff.). Die Situation ist hier 
in der Tat für eine psychologische Zergliederung wesentlich günstiger, 
als im Falle des Sarto, weil van Gogh gewissermaßen kein eigentlicher 
Künstler war, sondern erst nach mannigfachen anderweitigen Lebens- 
experimenten bei der Malerei als zusagender und leidenschaftlich ge- 
pflogener Übung anlangte, — seine größten Werke stellen nicht seine Ge- 
mälde, sondern seine Briefe dar. Es darf wohl bezweifelt werden, ob 
Westerman-Holstijn die Gunst seiner Lage ganz ausgenutzt hat. Aber 
immerhin ist die These, zu der er sich gedrängt fühlt, wichtig genug, um 
von aller späteren van Gogh-Forschung ernsthaft diskutiert zu werden. 
Er glaubt nämlich in van Goghs Religiosität die Vorherrschaft des Vater- 
komplexes zu erkennen und proklamiert van Goghs Kunst als Ausweg aus 
einer Libidostauung. Für die Erkenntnis der Perioden seiner Kunstübung 
fällt bei der Untersuchung mancherlei ab. 

166 



In einem kleineren Aufsatz hat schließlich J. Hermann «Die Re- 
gression zum zeichnerischen Ausdruck bei G o e t h e» behandelt (Imago, 
X. Bd. [1924], S. 424 ff.). Sie sucht hier wahrscheinlich zu machen, daß 
die Liebe Goethes zu Gretchen sich in die Liebe zu seiner Schwester ge- 
rettet habe, als seine Neigung zur Gretchen scheiterte, und daß aus dem 
gleichen negativen Grund Goethe sich der Zeichenkunst zeitweise zuwen- 
dete, obwohl er doch des ihm adäquateren dichterischen Ausdrucks voll- 
kommen mächtig war. Zum vollen Beweis dieser These, die nur auf die 
regressive Besetzung der Handerotik verweist, fehlt noch viel, — beson- 
ders vermißt man die Dokumentierung solcher regressiven Haltung im 
Inhalte und in der Form der Zeichnungen Goethes. 

VI. Der Einfluß der Psa. auf die kunstwissenschaftliche Literatur 

Von einem solchen Einfluß ist kaum zu sprechen. Blättert man die 
bekannten großen Lehrbücher durch oder auch die Zeitschrift für Ästhe- 
tik und allgemeine Kunstwissenschaft, in denen der offizielle Wissen- 
schaftsbetrieb zu Worte kommt, so trifft man fast nur auf Buchbesprechun- 
gen, meist sehr ablehnender Art. Eine Ausnahme bildet Müller- 
Freienfels, der in semer «Psychologie der Kunst» (2. Aufl. I. Bd. 
[1922], S. 37) sich einigermaßen anerkennend über die «gewiß interessan- 
ten, aber vielfach übertriebenen Theorien S. Freuds» äußert. Sonst aber 
stößt man auf die mehr oder minder nachdrückliche Ablehnung der Psa. 
bei O. E. Hesse, E. Utitz, M. Dessoir, Meumann usw. oder auf vielsagen- 
des Totschweigen. Es wird an dieser Lage auch nichts durch die ebenso 
laut preisenden, wie laut verurteilenden Sätze geändert, mit denen E. Utitz 
in seiner «Kultur der Gegenwart» (1921, S. 261) die Lehre Freuds be- 
denkt, da man nicht erfährt, welchem Lehrstück der Lobpreis und welchem 
das Anathema gilt. Diese allseitige Ablehnung der Psa. durch die Ästhe- 
tiker hat es mit sich gebracht, daß die Ernte, die mit der psa. Methode zu 
erzielen gewesen wäre, ungleich geringer ist, als sie vermutlich hätte sein 
können. Man hat es einer Reihe von Ärzten überlassen, auf einem Ge- 
biete, das ihnen bei aller persönlichen Hingebung doch irgendwie sachlich 
fremd ist, zu arbeiten. Gewiß ist ihr Erfolg in subjektiver Hinsicht das 
Gefühl einer großen Achtung vor der so vielseitigen und auf ihre Art 
gründlichen Betrachtungsweise. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß der 
definitive, objektive Ertrag, insofern er die kunstwissenschaftliche Theo- 
retik und die bildenden Künste im besonderen betrifft, durch den Mangel 
einer sachkundigen Mitarbeiterschar eingeschränkt worden ist, — eine 
Feststellung, die in keiner Weise die Freudschule, sondern nur die zeit- 
genössischen Kunstwissenschaftler belastet. 

Übrigens ist es wohl kein Zufall, daß das gleiche Schicksal, welches 
gegenwärtig die Psa. trifft, seinerzeit auch der Parapsychologie in Deutsch- 
land zuteil ward: längst in England, Frankreich usw. praktisch und 
theoretisch betrieben, wurde sie in Deutschland abgelehnt oder tot- 
geschwiegen. Es gilt von beiden Wissenschaften: von der Psa. und der 

167 



Parapsychologie, daß sie sich um die Erkenntnis des Unterbewußten be- 
mühen und seine Triebkräfte feststellen wollen. Man darf aus diesen 
Analogien den Schluß ziehen, daß in absehbarer Zeit auch die offizielle 
Kunstwissenschaft der Psa. ihr Interesse bezeugen wird, da auch die 
psychologische Wissenschaft der Parapsychologie ihren Tribut zu ent- 
richten sich genötigt gesehen hat. Schon hat es Utitz ausgesprochen : «Das 
Vor-Freudsche Stadium ist unmöglich». 

VII. Resultate und Desiderate 
Überblicken wir die Theoretik und praktische Anwendung der Psa. 
auf kunstwissenschaftlichem Gebiet, so betrachten wir unsererseits die 
folgenden Punkte als positiven Gewinn : 

i. Die Vertiefung und Bereicherung der Lehre vom künstle- 
rischen Symbol. 

2. Neues Verständnis der inneren Verbundenheitzwischen 
Künstler und Publikum. 

3- Die Bearbeitung der Kategorien des Unheimlichen 
und des Witzes. 

4- Die systematische Grundlegungderbildenden Künste 
derNaturvölker. 

5- Den Hinweis auf die im Leben mancher Künstler zu vermutende 
Wirksamkeit der von Freud eruierten Triebe 
und Triebverdrängungen und ihren Widerhall 
in den Kunstwerken. 

Dies Resultat ist nicht eben sehr umfangreich, wenn man die Pro- 
blemreihe zum Vergleich heranzieht, die in jeder Ästhetik behandelt wird. 
Es ergibt sich überall, daß der Beitrag, den die Psa. geliefert hat, mit wenig 
Ausnahmen (Leonardo, Symbolbegriff, Witz) den Charakter eines Be- 
ginnes aufweist. Auf der anderen Seite mag man bedenken, daß die an- 
geführten Ergebnisse und dann die vielfältigen Anregungen ein sehr be- 
trächtliches Aktivum darstellen, wenn man sich vor Augen hält, daß es 
sich um Resultate einer Nebenbeschäftigung der betreffenden Forscher 
handelt. Immerhin scheint es an der Zeit, daß dasjenige Problem endlich, 
wenn auch nicht gelöst, so doch genauer ins Auge gefaßt wird, dessen 
Außerachtlassung nicht nur die Schuld an der äußeren Einfiußlosigkeit 
dei psa. Ästhetik, sondern auch ihre innere Begrenzung zur Folge gehabt 
hat: das Verhältnis der Formgebung zu den psy- 
chischen Erlebnissen und Haltungen. Ist die Form- 
pragung abhangig von den anderen seelisch-geistigen Kräften und in wel- 
chem Umfange? und ferner: sind die geistig-seelischen Kräfte abhängig 
von der Formgebung und in welchem Umfange? Mit diesen beiden Fra- 
gen ist die doppelte Seite desjenigen Problems bezeichnet, das sich auf 
Grund unserer Darstellung und Kritik alsdasaktuelle Problem 
der psa. Kunstwissenschaft herausgestellt hat. 

168 



Vergegenwärtigen wir uns noch einmal das problematische Verhält- 
nis zwischen Seelenleben und Künstlertum. Wir sahen, daß es der Psa. 
nicht möglich war, anzugeben : auf welchen Gründen es beruht, 

i. daß ein unter Verdrängung leidender Mensch diese Verdrän- 
gung in großem Ausmaß vornimmt, 

2. daß eine solche Verdrängung der SublimierungzumKünst- 
lertum überhaupt fähig ist, 

3. daß innerhalb des Künstlertums die jeweilige Qualitäts- 
stufe erreicht wird. 

Diese dreifach gestufte Problematik läßt die Psa. unbeantwortet und 
verhält sich damit dem eigentlichen künstlerischen Charakter gegenüber, 
den wir in der Gabe der Form-Prägung zu suchen haben, ratlos. Es ent- 
steht die Vermutung, daß mit jener Problematik ein Element berührt wor- 
den ist, das außerhalb der psa. Bemühungen steht. Dies wäre um so in- 
teressanter, als der Ruhmestitel der Psa., der in der Aufklärung der unter- 
bewußten Triebkomponenten beruht, durch solchen Ausfall etwas gemin- 
dert würde, da es sich bei dem spezifisch künstlerischen Prinzip zum über- 
wiegenden Teil auch um unbewußte Geistestätigkeit handelt. 

Der theoretisch begründete Zweifel an dem innigen Zusammenhang 
zwischen Künstlertum und Künstlerleben, der in jenen Fragen so scharf 
zum Ausdruck kam, drängt sich freilich auch auf Grund praktischer Er- 
fahrungen auf. Nehmen wir z. B. die lebensvollen, symbolkräftigen In- 
halte der Gedichte und die Kunstform Charles Baudelaires, so 
scheint eine Parallelität keineswegs sichtbar zu sein. Den Inhalt seiner 
«Fleurs du mal» bildet der prägnanteste Ausdruck seelischer Ne- 
gativ ität (vergl. E. v. Sydow: «Die Kultur der Dekadenz», 1921, 
S. 233 ff.)> die Formung der gleichen Gedichte ist jedoch von erstaun- 
licher Kraft und Schönheit und Sicherheit. Mag man 
also nun die Inhalte seiner Poesien mit dem Inhalte seiner Tagebücher usw. 
vergleichen und vermutlich zu dem Resultat gelangen, daß der Dichter 
zeitlebens oder doch sehr lange und sehr intensiv im Banne des Mutter- 
komplexes gestanden habe und daß aus diesem der Negativismus seiner 
Weltauffassung abzuleiten sei, — wie will man aus dieser psychologischen 
Erkenntnis den Formcharakter seiner Gedichte begreifen? Wohl mag man 
meinen, daß der oft aufregende und seltsam berührende Inhalt seiner Ge- 
dichte vorzugsweise seine relative Volkstümlichkeit verschuldet habe, sp 
wird man doch nicht bestreiten können, daß es die einzigartige Präzision 
und Selbstbeherrschung als Gabe der dichterischen Formulierung gewesen 
ist, die ihm seinen Ruf als Künstler eingetragen hat. Hier ist wirklich das 
geschehen, was R. M. Rilke einmal im «Requiem» umschreibt als Rettung 
des leidcrfüllten Künstlers: daß «sich der Steinmetz einer Kathedrale 
verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut». 

Das Beispiel Baudelaires beweist, zunächst nur für diesen einen Fall, 
eine grundsätzliche Unabhängigkeit der künstlerischen Kraft der Prä- 

169 



gung von dem Einfluß der Stimmung, die sich auf infantile Erlebnisse 
gründet und die mit starrer Einseitigkeit festgehalten wird. Auf beiden 
Seiten, die sich gegensätzlich zueinander verhalten: Form und Inhalt- 
Gehalt, haben wir polare Ausprägungen vor uns. 

Baudelaire steht nun aber keineswegs allein da. Unter den Parnas- 
siens seiner Zeit wäre etwa noch Leconte de Lisle zu nennen. Aber auch 
sonst wird die relative Selbständigkeit der ästhetischen Schöpferkraft von 
den anderen seelischen Kräften immer deutlicher, je weiter man um sich 
blickt. Denn die gleichen Inhalte, etwa der christlichen Religion, haben so 
verschiedenartige Formulierungen erfahren, daß der Schluß von jenen 
auf diese keineswegs vertrauenerweckend sicher fundiert erscheint. Und 
andererseits hat die gleiche Periode künstlerischer Ausdrucksart über eine 
solche Fülle verschiedenartiger Individuen geherrscht und, wie in Ägypten, 
so außerordentlich lange gedauert, daß die Versicherung, die gleichen per- 
sönlichen Sexual-Schicksale kämen hier zum Ausdruck, durchaus un- 
glaubwürdig erscheinen muß. Dies Bedenken wird dann um so dringlicher, 
wenn man erwägt, daß auch im naiven, unkünstlerischen Dasein der Bann 
des möglichen Komplexes nicht allmächtig ist. Man braucht nur zu er- 
wägen, wie verschieden sich die Schicksale verschiedener Individuen der 
gleichen Familienabkunft sich gestalten, um auch im Bezirk des unmittel- 
baren Lebens schon einen Kern der Persönlichkeit oder doch eine partielle 
Festigkeit zu vermuten, deren Verhalten gegenüber den bedrohenden Ein- 
flußwellen der familiären Umgebung von bedeutendem, oft ausschlag- 
gebendem Gewicht sein muß. Es findet hier offenbar etwas Ähnliches statt, 
wie bei der Beeinflussung durch die Sternkonstellation in der Geburts- 
stunde. Wie hier, falls die astrologischen Vermutungen überhaupt zu recht 
bestehen, die zur selben Stunde unter den gleichen Bedingungen Geborenen 
dennoch eine unterschiedliche Lebensbahn gehen, so haben wir uns auch 
den Einfluß der Komplexkonstellation' vorzustellen. Gilt dies schon von 
dem gewöhnlichen Leben, wie viel mehr nicht von geistigen Bezirken, die 
kraft der symbolisierenden Verwandlung und der Projektion weit entfernt 
von dem Bereich gerückt sind, in welchem die Herrschaft des Komplexes 
an sich schon beschränkt ist ? Das Fragwürdige des Versuches einer Ab- 
leitung ohne Rechnung der schöpferischen Kraft der Lebensgestaltung 
tritt bei den hochwertigen kulturellen Phänomenen mit potenzierter 
Kraft auf. 

Auf der anderen Seite. steht solchem vielfachen Bedenken die Er- 
innerung an die vermutliche Wirksamkeit infantiler sexueller Lebens- 
bedingungen uns entgegen, wie wir sie bei Leonardo und Segantini auf- 
gewiesen sahen. Es steht ferner die weit monumentalere Tatsache der na- 
turvölkischen Kunst mit ihrer offensichtlichen Gebundenheit durch se- 
xuelle Tendenzen vor uns. Und wir sehen in diesem Zusammenhange, wie 
mit dem Erlöschen all der erotisch gefärbten Instinkte der Wildheit usw. 
auch das künstlerische Produktionsvermögen im Laufe der Befriedung 
rasch und innerlich entscheidend abwärts geht. Aber auch hier im Ge- 

170 



biete der sog. Primitivität ist die Uniformität keine absolute, in den glei- 
chen Gebieten kommen oft sehr gegensätzliche Formtendenzen zum 
Ausdruck. 

In summa wird man also prinzipiell an einer relativenUnab- 
hängigkeit der künstlerischen Funktion gegen- 
über der sexuellen Einstellung festhalten müssen und die 
Frage nach der Abhängigkeit jeweils im einzelnen Fall zu prüfen haben. 
Dazu mahnt auch der Befund der psa. Forschung, den wir einmal als 
richtig annehmen wollen. Denn jene Gemälde Segantinis, in denen Abra- 
ham die sichtbarsten Spuren der Abhängigkeit des Malers von Jugend- 
eindrücken aufweisen wollte, gehören gerade zu den von der Kritik ab- 
gelehnten Arbeiten Segantinis. Oder überlegen wir die Analyse Leonardos 
durch Freud, so zeigte sich auch hier der manifeste Einfluß des zugrunde 
liegenden Komplexes in verfehlter Zeichnung und unklarer Tuchdrapie- 
rung. Auch die Persönlichkeit van Goghs mit ihrem unruhigen Schillern 
und jähen Umschwüngen ist gewiß ein geeigneteres Thema für die Dis- 
kussion des Einflusses allgemein psychischer Strömungen auf die Voll- 
zugskraft der Formprägung, als etwa die unerschütterliche Kristallklarheit 
P. Cezannes. In all diesen Fällen ist es deutlich, daß die Einwirkung des 
Unterbewußtseins keine Förderung der spezifisch künstlerischen Bega- 
bung bedeutete, sondern eine Abschwächung. Dies Resultat aber ist ein 
Ereignis innerhalb der modernen Kulturwelt. Es braucht darum keines- 
wegs für andere Kulturen oder gar die Naturvölker zu gelten, in deren 
Kreis wir früher eher den umgekehrten Sachverhalt zu entdecken glaubten. 

Wir meinen also, es sei bei dem gegenwärtigen Stande der Forschung 
das Gebotene, der Möglichkeit nach zwei polare Typen zu unterscheiden : 
die erosbeherrschte und die erosbeherrschende Kunstübung. Soweit wir 
sehen können, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß die 
Primitivität ein Kunstgebilde erzeugte, in welchem Formprägung und 
Sexualität in gleichem Maße beteiligt waren, und daß die moderne Hoch- 
kultur die Stätte der erosbeherrschenden Kunst sei. 






171 



MYTHOLOGIE, RELIGIONSGESCHICHTE 
UND PSYCHOANALYSE 

von Carl Cleraen 

Die zahlreichen Beiträge Freuds und seiner Schüler zur Mythologie 
und Religionsgeschichte, die zum Teil wiederholt aufgelegt worden sind 
und selbst außerhalb des deutschen Sprachgebiets (vielfach in Über- 
setzungen) Verbreitung gefunden haben, sind bei uns bisher, außer von 
den Vertretern der Psa., wenig oder überhaupt nicht beachtet worden. Das 
wird von diesen mit vollem Recht bitter beklagt und bezeichnet angesichts 
der Bedeutung, die die Forschungsrichtung gewonnen hat, in der Tat eine 
Unterlassungssünde der mythologischen und religionsgeschichtlichen 
Fachwissenschaft, die längst wieder gut gemacht hätte werden sollen. Na- 
türlich muß eine solche Nachprüfung vom Standpunkt der Schule selbst 
aus stattfinden ; ehe ihre mythologischen und religionsgeschichtlichen Theo- 
rien untersucht werden (die letzteren allerdings mit Rücksicht auf den zur 
Verfügung stehenden Raum nur, soweit sie ein zusammenhängendes Gan- 
zes bilden, d. h. sich im wesentlichen auf die primitive Religion beziehen), 
sind also die für sie maßgebenden Voraussetzungen kurz darzustellen. 

Freud nimmt an, daß bereits das Kind nicht nur im weiteren Sinne, 
worauf es hier nicht ankommt, sondern auch insofern sexuell ein- 
gestellt sei, als der Knabe anstelle des Vaters seine Mutter und das 
Mädchen anstelle der Mutter seinen Vater besitzen möchte. Er sagt in 
dieser Beziehung in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psa. 
(4. Aufl., S. 381 ff.) : «Man sieht leicht, daß der kleine Mann die Mutter 
für sich allein haben will, die Anwesenheit des Vaters als störend empfin- 
det, unwillig wird, wenn dieser sich Zärtlichkeiten gegen die Mutter er- 
laubt, seine Zufriedenheit äußert, wenn der Vater verreist oder abwesend 
ist. Häufig gibt er seinen Gefühlen direkten Ausdruck in Worten, ver- 
spricht der Mutter, daß er sie heiraten werde . . . Zeigt der Knabe die un- 
verhüllteste sexuelle Neugierde für seine Mutter, verlangt er nachts bei ihr 
zu schlafen, drängt sich zur Anwesenheit bei ihrer Toilette auf und unter- 
nimmt er gar Verführungsversuche, wie es die Mutter so oft feststellen 
und lachend berichten kann, so ist die erotische Natur der Bindung an 
die Mutter doch gegen jeden Zweifel versichert. Für das kleine Mädchen 
gestaltet sich das Verhältnis zu den Eltern mit den notwendigen Abän- 
derungen ganz ähnlich. Die zärtliche Anhänglichkeit an den Vater, das 
Bedürfnis, die Mutter als überflüssig zu beseitigen und ihre Stelle einzu- 
nehmen, eine bereits mit den Mitteln der späteren Weiblichkeit arbeitende 
Koketterie ergeben gerade beim kleinen Mädchen ein reizvolles Bild, wel- 
ches uns den Ernst und die möglichen schweren Folgen hinter dieser in- 
fantilen Situation vergessen läßt». 

Auf einige Bedenken gegen diese Theorie macht Freud selbst auf- 
merksam, ohne sie doch für durchschlagend zu halten. So weist er darauf 

172 



hin, daß ein Knabe oft auch für seinen Vater große Zärtlichkeit an den 
Tag lege; aber er hält das für weniger ursprünglich. In der Tat ist die 
Zärtlichkeit für die Mutter in der Regel größer — freilich ganz einfach 
deshalb, weil diese für das Kind eine größere Bedeutung hat als der Vater. 
Denn wenn Freud meint, bei dem Mädchen erziele die Fürsorge der Mutter 
nicht dieselbe Wirkung, so ist das einfach zu bestreiten. Wo aber tatsäch- 
lich der Knabe die Mutter, das Mädchen den Vater bevor- 
zugt, da liegt das, wie Freud selbst in seiner Traumdeutung (4. Aufl., 
S. 194) bemerkt, in der Regel an dem entsprechenden Verhalten der Eltern, 
und wo etwa ein Knabe die Mutter zu heiraten verspricht, handelt es sich, 
wie Freud ebenfalls andeutet, nur um eine Äußerung des kindlichen Nach- 
ahmungstriebs. 

Doch er behauptet weiter (Vorlesungen, S. 387) : «Die infantile Ob- 
jektwahl ist nur ein schwächliches, aber Richtung gebendes Vorspiel der 
Pubertät. Hier spielen sich nun sehr intensive Gefühlsvorgänge in 
der Richtung desselben Komplexes oder in der Reaktion auf ihn ab, die 
aber, weil ihre Voraussetzungen unerträglich geworden sind, zum großen 
Teil dem Bewußtsein fernbleiben müssen». 

Freud glaubt diese Gefühlsvorgänge an Neurotikern beobachten zu 
können und führt zum Beweis dafür namentlich den Fall eines neunzehn- 
jährigen Mädchens an, dessen sehr eigentümliches sog. Schlaf zeremoniell 
er in jener Weise erklärt. Daß die Patientin das, wenn auch erst nach 
längerem Widerstreben, guthieß und dadurch geheilt wurde, möchte ich 
freilich nicht als entscheidend ansehen (denn trotz Freuds Widerspruch 
könnte er ihr beides unbewußt suggeriert haben), und noch weniger ist, 
wie doch Freud und seine Schule tut, für alle Neurosen der gleiche Ur- 
sprung zu postulieren; denn wenn er zum Beweis dafür daran erinnert, 
daß in der Kindheit alle Menschen solche Empfindungen 
hätten, so hat sich uns das soeben nichtbestätigt. Ja selbst wenn es 
anders wäre, dürften wir hier so wenig wie sonst von unseren Kin- 
dern ohne weiteres auf die Kindheit der Menschheit in 
irgendwelchem Sinne des Wortes zurückschließen, wohl aber müßten wir, 
wenn auch nur eine Neurose so, wie Freud will, zu erklären wäre, uns 
fragen, ob das nicht auch von gewissen Mythen und religiösen Anschau- 
ungen oder Gebräuchen, die wir bei Primitiven finden, gilt. Denn wenn- 
gleich gewiß normale Menschen wieder nicht nach Neurotikern zu denken 
sind, so könnten doch die sonst jetzt verdrängten Empfindungen früher 
deutlicher geäußert oder, soweit die Verdrängung schon begonnen hatte, 
Heroen und Göttern zugeschrieben worden sein, denen, wie der eine 
Hauptschüler Freuds auf dem uns hier interessierenden Gebiet, Rank, in 
seinen psa. Beiträgen zur Mythen forschung (2. Aufl. S. 7) sagt, das dem 
Menschen anstößig Gewordene noch erlaubt zu sein scheinen mochte. 



I 



Freud selbst hat so schon in seiner Traumdeutung (S. 197fr.) die 
griechischeödipussage erklärt, die uns nach ihm nur darum so 
ergreift, «weil das Schicksal des Ödipus auch das unsrige hätte werden 
können ; uns allen vielleicht war es beschieden, die erste sexuelle Er- 
regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalttätigen Wunsch gegen 
den Vater zu richten». Freud beruft sich für diese Deutung der Sage, die 
seine Schüler wohl ausnahmslos übernommen und zum Teil in verschie- 
denen, hier nicht zu schildernden Richtungen weitergebildet haben, be- 
sonders auf das Wort, das Sophokles im König Ödipus (Vers 980 f.) der 
Jokaste in den Mund legt : 

Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
sich zugesellt der Mutter. 

Aber selbst wenn Sophokles noch den etwaigen ursprünglichen Sinn 
der viel älteren Ödipussage gekannt haben könnte, so läßt er in dem an- 
geführten Wort Jokaste solchen Träumen doch keine Bedeutung zu- 
schreiben, ja die ganze Mantik verwerfen. Daß derartige Träume sonst 
gelegentlich sogenannte Wunschträume seien, könnte man ja zu- 
geben, und ebenso daß unbewußte Mordimpulse eines jungen Mannes 
gegen seinen Vater vorkommen, ja wenn jenes Schlafzeremoniell eines 
neunzehnjährigen Mädchens so, wie Freud will, zu deuten sein sollte, 
könnte umgekehrt bei einem jungen Manne auch Liebe zu seiner Mutter 
sich einmal gefunden haben. Selbst daß in der Ödipussage dieser ganze 
Komplex, den man eben deshalb Ödipuskomplex nennt, dahin 
verschoben worden sein sollte, daß Ödipus seine Mutter erst liebt, 
nachdem er seinen Vater, ohne ihn zu erkennen, getötet hat 
und ohne sie selbst zu erkennen, könnte man sich gefallen 
lassen; aber deutet denn in der Sage irgend etwas auf diesen für sie an- 
genommenen ursprünglichen Sinn hin, oder liegt es nicht viel näher, in 
ihr vielmehr von vornherein die Frevel geschildert zu finden, die ein 
Mann und seine Mutter, ohne es zu wissen, begehen können? 

Vergleichen wir eine andere griechische Sage, die auch von den 
griechischen Tragikern viel behandelt worden ist, die Tantalidensage, so 
sucht allerdings Rank in seinem Buch : Das Inzestmotiv in Dichtung und 
Sage (S. 320 ff.) verschiedene Züge in ihr ähnlich zu deuten, muß sie zu 
diesem Zweck aber sämtlich umgestalten oder etwas in sie hineinlesen, was 
nicht darin liegt. Einfacher ist die Sage daher wohl so zu erklären, daß 
sie zeigen soll, wie in e i n e r Familie Frevel auf Frevel folgen kann, — 
und ebenso die Ödipussage, die ja auch in dieser Richtung weitergeht. 

Und doch könnte der Ödipuskomplex nun einem vor Rank schon von 
Abraham in seiner Schrift : Traum und Mythus herangezogenen grie- 
chischen Mythus, der sich ähnlich auch bei einigen Naturvölkern 
findet, zugrunde liegen : bei Hesiod entmannt Kronos seinen Vater Uranos, 
während dieser seine (des Kronos) Mutter umarmt. Aber notwendig ist 
diese Erklärung nicht; denn auf inzestuöse Liebe des Kronos zu seiner 
Mutter (oder gar des Zeus, der, ohne daß das des näheren beschrieben wird, 

174 



in der orphischen Theogonie seinen Vater Kronos ebenfalls entmannt, zu 
der seinigen) deutet nichts hin. So könnte jener Zug in dem Mythus von 
der Entmannung des Uranos nur eingefügt worden sein, um diese desto 
grauenhafter erscheinen zu lassen, während sie selbst (und in der orphi- 
schen Theogonie die des Kronos) angenommen wurde, weil dergleichen in 
der Tat vorkam. Wohl aber heißt es in einer spätbuddhistischen 
Schrift, die die Psa.-tiker noch nicht verglichen haben, dem Abhi- 
dharmakosha des Vasubandhu, das Zwischenwesen, das, ohne mit dem 
Verstorbenen identisch zu sein, seine Reinkarnation bewirke, fühle sich 
zu dem Ort, wo diese stattfinden solle, hingezogen und empfinde, wenn 
es seine künftigen Eltern vereinigt sehe, entweder, falls es ein m ä n n - 
lichesWesen werden solle, Liebe zur Mutter und Haß gegen den 
Vater oder, falls es ein weibliches Wesen werden solle, Liebe 
zum Vater und Haß gegen die Mutter. Nun könnte ja auch dies, um 
das verschiedene Geschlecht des Kindes zu erklären, nur postuliert 
worden sein, aber näher liegt es allerdings wohl, bei dem Inder, der diese 
Theorie aufgestellt haben wird, Bekanntschaft mit dem Ödipuskomplex 
vorauszusetzen. Auf andere ist daraus bei der Besonderheit der Inder in 
der in Rede stehenden Beziehung noch nicht zu schließen, und nament- 
lich die entsprechende Erklärung der Ödipussage, dieses Glanz- und Kabi- 
nettstück der psa. Mythen-, oder richtiger Sagendeutung, ist nicht not- 
wendig oder auch nur wahrscheinlich. 

* * * 

Die Ödipussage enthält noch einen Zug, der bisher nicht erwähnt 
worden ist, aber mit anderen, sich ebenfalls wiederholenden Zügen zu- 
sammen auch sonst vorkommt. Rank hat diese Sagen, die wir ähnlich 
bei manchen Primitiven, den Babyloniern, Ägyptern, Israeliten, Indern, 
Persern, Griechen, Römern, Germanen und Finnen finden, in seiner 
Schrift : Der Mythus von der Geburt des Helden (2. Aufl. S. 79 f.) auf 
folgendes Schema gebracht : 

«Der Held ist das Kind vornehmster Eltern, meist ein Königssohn. 

Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten voraus, wie Enthaltsam- 
keit oder lange Unfruchtbarkeit oder heimlicher Verkehr der Eltern in- 
folge äußerer Verbote oder Hindernisse. Während der Schwangerschaft 
oder schon früher erfolgt eine vor seiner Geburt warnende Verkündigung 
(Traum, Orakel), die meist dem Vater Gefahr droht. 

Infolgedessen wird das neugeborene Kind, meist auf Veranlassung 
des Vaters oder der ihn vertretenden Person, zur Tötung oder Aussetzung 
bestimmt ; in der Regel wird es in einem Kästchen dem Wasser übergeben. 

Es wird dann von Tieren oder geringen Leuten (Hirten) gerettet 
und von einem weiblichen Tier oder einem geringen Weibe gesäugt. 

Herangewachsen, findet es auf einem seiner wechselvollen Wege die 
vornehmen Eltern wieder, rächt sich am Vater einerseits, wird anerkannt 
andererseits und gelangt zu Größe und Ruhm». 

175 



Eine naturmythologische Erklärung dieser Sagen, die wir also rich- 
tiger alsSagenausderKindheitvonHelden bezeichnen wer- 
den, lehnt Rank mit vollem Rechte ab und beruhigt sich begreiflicherweise 
auch nicht bei der zuerst von ihm aufgestellten Theorie, sie folgten aus 
der mit einer gewissen Regelmäßigkeit für den Helden sich ergebenden 
Notwendigkeit, seine Eltern zu verleugnen. Vielmehr versucht er auf 
Freuds Anregung hin und mit seiner Unterstützung noch eine andere 
psychologische Erklärung, indem er auf eigentümliche seelische Regungen 
verweist, die sich beim Kinde und beim Neurotiker fänden. Bei jenem 
trete nämlich häufig die Empfindung auf, daß die eignen Neigungen zu 
den Eltern nicht voll erwidert würden, und mache sich dann in der Idee 
Luft, man sei ein Stief- oder angenommenes Kind. Später suche die 
Phantasie des Kindes die jetzt geringgeschätzten Eltern loszuwerden und 
durch in der Regel sozial höherstehende zu ersetzen. Weiterhin begnüge 
sich das Kind damit, den Vater zu erhöhen, die Abkunft von der 
Mutter aber als etwas Unabänderliches nicht weiter in Zweifel zu 
ziehen. Doch suche es die letztere zugleich in die Situation von geheimer 
Untreue und geheimen Liebesverhältnissen zu bringen. 

Bewiesen wird das alles von Rank bzw. Freud nicht; geben wir 
es aber einmal zu und setzen wir außerdem voraus, daß nicht nur das erste, 
sondern auch das spätere Stadium dieses sogenannten Familienromans 
in der Erinnerung, und zwar nicht nur von Neurotikern, fortlebt, dann 
könnte man aus ihm in der Tat jene Sagen zu erklären versuchen. Es 
fragt sich nur, ob das auch im einzelnen angeht oder wenigstens, ob es 
naheliegt. 

Rank meint zunächst, die beiden Elternpaare des «Mythus» ent- 
sprächen dem realen und idealen Elternpaare der Romanphantasie, d. h. 
vornehme Eltern wurden dem Helden nur zugeschrieben, weil sie sich 
das Kind wünsche. Aber in denjenigen Sagen, in denen sie vorkommen 
(in allen ist das nicht der Fall), gehören sie doch ganz einfach zu der 
künftigen StellungdesHelden;es bedarf für sie also nicht erst 
einer solchen andersartigen und künstlichen Erklärung. 

Noch weniger braucht die A u s s e t z u n g des Kindes, durch die es 
zu geringen Leuten kommt, die Entschuldigung für die feindseligen Ge- 
fühle zu sein, die das Kind gegen den Vater hegt und die es auf den Vater 
projiziert. Die Psa.-tiker nehmen derartige Vertauschungen allerdings 
auch bei der Deutung von Träumen und Zwangsvorstellungen häufig an, 
aber hier hält eine solche doch Rank selbst nur dann für erwiesen, wenn 
sich bei dieser Annahme auch «gewisse, konstant wiederkehrende Details 
des Mythus» (S. 88) erklären. Genauer denkt er dabei zunächst und vor 
allem an die Aussetzung i n W a s s e r , die er wohl (obgleich das wieder 
etwas anderes ist und die Geburt doch neben und vor der Aussetzung 
berichtet wird) auf die Geburt aus dem Fruchtwasser zurückführt, 
während sie sich natürlich viel einfacher daraus erklären läßt, daß der- 
gleichen eben tatsächlich vorkommt. Und selbst wenn man sich Ranks 

176 



Ableitung des Zuges (obwohl jener Vorgang doch wohl nicht in der Er- 
innerung derjenigen, die die Sagen ausgebildet haben werden, fortleben 
dürfte) gefallen lassen wollte, so wäre damit offenbar seine ganz anders- 
artige Deutung der Aussetzung selbst noch in keiner Weise ge- 
rechtfertigt. Und dasselbe gilt von der Zurückführung des andern Kindes, 
das an Stelle des geretteten seinen Verfolgern manchmal untergeschoben 
worden sein soll, oder des Zwillingsbruders, der diesem letzteren 
beigegeben wird, auf die Nachgeburt: auch sie würde jene damit 
nicht zusammenhängende Deutung der Aussetzung keineswegs wahr- 
scheinlicher machen. Wenn endlich das Tier, das das ausgesetzte Kind 
häufig gesäugt haben soll, ebenso wie das Ungeheuer, das der Held später 
tötet, als Totem gedeutet wird, so hängt das mit der nachher zu besprechen- 
den Erklärung desselben durch Freud zusammen, ist aber insofern schon 
hier abzulehnen, als das Totem, wie wir sehen werden, ein Va t e r Surrogat 
sein soll, während das säugende Tier hier natürlich weiblich gedacht 
wird. Die Einführung eines solchen lag bei der Annahme einer vergeb- 
lichen Aussetzung gewiß nahe, und diese selbst konnte, da dergleichen auch 
sonst vorkam, ebenso wie der Kampf mit einem Ungeheuer einfach er- 
zählt werden, weil ein Held schon in der Jugend allerlei Gefahren be- 
stehen zu müssen schien ; daß sich der Schluß der Sage dann von selbst 
ergab, bemerkt ja Rank auch selbst. Seine sonstige Deutung derselben ist 
entbehrlich und äußerst künstlich; selbst wenn man sie 
aber trotzdem akzeptieren wollte (und nach dem buchhändlerischen Er- 
folg seiner Arbeit zu urteilen ist das wohl von manchen geschehen), 
würde es sich bei ihr, da jener sogenannte Familienroman zum Teil wenig- 
stens bewußt erinnert werden soll, insoweit gar nicht um eine psa. Er- 
klärung handeln. 

* * * 

Es wurde eben schon auf die Arbeit Freuds über Totem und Tabu 
angespielt, die sein anderer Hauptschüler in diesen Dingen neben Rank, 
Reik, in seinen später noch zu besprechenden Problemen der Religions- 
psychologie (I, S. XV) «die bisher bedeutendste und wohl für immer 
grundlegende Leistung, welche die Psa. auf dem Gebiete der Geisteswissen- 
schaften zu verzeichnen hat», nennt, während noch ein anderer Freudianer, 
Roheim, in seinem Buch : Australian Totemism, a Psycho-analytic Study 
in Anthropology (S. 15) sogar sagt : / am convinced that the historian of 
Anthropology in future ages will note three great ages in our science: 1871 
for Primitive Cidture, 1890 for The Golden Bough, IQ12 (oder vielmehr 
13) for Totem and Taboo, and it is only with the third that we have begun 
to see behind the curtain of the stage on which the great Drama of Man- 
kind is acted. In der Tat stellt die Arbeit — das mag von vornherein durch- 
aus anerkannt werden — eine außerordentlich scharfsinnige und geist- 
reiche Leistung dar : es ist schlechthin staunenswert, mit welcher Gründ- 
lichkeit sich Freud neben all seiner sonstigen Tätigkeit in schwierige 
Fragen und die umfangreichen Werke über sie hineingearbeitet hat, die 

12 Prinzhorn, Psa. jjj 



nicht nur seinen nächsten Fachgenossen, sondern auch den meisten Ge- 
lehrten überhaupt doch recht fern liegen; es ist auch geradezu fabelhaft, 
wie er fast alle Mängel seiner Theorien selbst gefühlt, fast alle Einwen- 
dungen, die man ihm machen kann, im voraus zu widerlegen versucht hat, 
und es ist endlich zweifellos, daß er in vielen Einzelheiten, namentlich in 
der Widerlegung fremder Ansichten, recht hat. 

So trifft es gewiß zu, daß die Exogamie, d. h. die Sitte, nur 
außerhalb des eigenen Stammes zu heiraten, die sich oft mit dem 
Totemismus, der Annahme einer Verwandtschaft zwischen einer Gruppe 
von Menschen und (ursprünglich wenigstens) einem Tier, verbindet, 
wenngleich sie auch getrennt davon vorkommt, nicht in der Weise von 
McLennan, Atkinson und Westermark zu erklären ist, wenigstens sofern 
letzterer sie auf die Schädigung der Gattung infolge der Inzucht, die schon 
die Primitiven beobachtet hätten, zurückführt. Aber anders steht es doch 
wohl mit der zweiten Annahme Westermarcks, «daß zwischen Personen, 
die von Kindheit an beisammenleben, eine angeborene Abneigung gegen 
den geschlechtlichen Verkehr herrscht» (Freud, Totem, S. 164) ; diese 
Erklärung der Exogamie wird daher z. B. auch von Graebner (Ethnologie, 
Kultur der Gegenwart, III, 5, S. 546) vertreten. 

Freud dagegen führt zunächst die Scheu vor Inzest in unserem 
Sinne auf eine im Hintergrund stehende Neigung zu diesen Ver- 
wandten zurück, die er wieder durch folgende Beobachtungen zu be- 
weisen sucht. 

1. Die Fijiinsulaner kennen «heilige Orgien, in denen eben diese 
verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung auf- 
suchen» (S. 14). Aber das wird sich später anders erklären. 

2. «Die historische Erfahrung lehrt Fälle kennen, in denen die in- 
zestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Pflicht gemacht wird». 
Aber diese Fälle erklärt Frazer (The Golden Bough, 3. Aufl. I, 2, S. 280 ff., 
III, S. 193 f., IV, I, S. 43 f.) nicht unwahrscheinlich daraus, daß die Erb- 
folge in weiblicher Linie stattfand, der Sohn des Königs, um ihm nach- 
zufolgen, also seine Schwester oder auch Mutter heiraten mußte. Freilich 
versteht man danach noch nicht recht, wie die Geschwisterehe in Ägypten 
und die Verwandtenehe in Persien auchsonst üblich werden konnte ; 
aber dafür gibt Frazer wieder eine ganz plausible Erklärung, darin be- 
stehend, daß Schwestern und Mütter erbberechtigt waren und deshalb 
von ihren Brüdern und Söhnen geheiratet wurden. 

3. «Der Inzest ist kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heu- 
tigen Gesellschaft». Aber da das immer besondere Gründe hat, ist 
daraus auch nicht auf ursprünglich allgemeine Verbreitung dieser Nei- 
gungen zu schließen. Ja selbst wenn das anginge, wäre es eine psa. Er- 
klärung nur insofern, als Freud solche Neigungen vielleicht auch im 
Unbewußten nachgewiesen hat. 

Außerdem handelt es sich bei der Exogamie ja nicht nur um das 
Verbot der Ehe mit eigentlichen Verwandten, sondern mit einem 

178 






weiteren Kreis, und in ihm soll nun nach Freud ursprünglich die so- 
genannte Gruppenehe geherrscht haben, «deren Wesen darin besteht, daß 
eine gewisse Anzahl von Männern eheliche Rechte über eine gewisse An- 
zahl von Frauen ausübt» (S. 6). Aber Freud selbst weiß, daß dieser 
Theorie von manchen Gelehrten, wie z. B. Westermarck, widersprochen 
wird, und wiederum Graebner sagt (Das Weltbild der Primitiven, S. n) : 
«Die genauere Bekanntschaft mit den Naturvölkern, gerade den primi- 
tivsten, hat uns gelehrt, daß selbst die etwa vorhandenen Spuren von 
Gruppenehe nicht als ursprüngliche, sondern als sekundäre Gebilde an- 
gesehen werden müssen, daß gerade die primitivsten Völker in ausge- 
sprochener Einzelehe leben». Ja auch wenn es anders wäre, würde natür- 
lich so wenig wie durch das vorher Angeführte die Inzest scheu im 
engeren, so durch diese Annahme dieselbe Scheu im weiteren 
Sinne, um die es sich doch tatsächlich handelt, erklärt sein. Insofern 
ist es verständlich, daß Freud noch eine andere psa. Ableitung derselben 
oder zunächst des Totemismus versucht, mit dem, wie wir sahen, die 
Exogamie zwar nicht notwendig zusammenhängt, aber doch vielleicht ver- 
bunden ist. 

Denn auch damit hat Freud zweifellos wieder recht, daß nicht nur 
die von ihm sogenannten nominalistischen und psychologischen, sondern 
auch die ihm bekannt gewordenen soziologischen Theorien über den Tote- 
mismus nicht genügen. Aber anders steht es doch wohl mit der Annahme 
von Reuterskiöld (Der Totemismus, Archiv für Religionswissenschaft, 
1912, S. 20), daß der primitive Mensch sich zunächst mit einer Tierart, 
mit der er seinen Wohnort teilte, eng verwandt gefühlt habe ; als Totem 
erscheint ja in Australien fast immer dasjenige Tier, das in dem Wohn- 
und Jagdgebiet des betreffenden Stammes tatsächlich vorkommt. Frei- 
lich sind damit eben nur die Tier- (und entsprechend die Pflanzen- )totems 
erklärt, die anderen müßten per analogiam angenommen worden sein, 
aber im übrigen würde diese Erklärung des Totemismus genügen. Und 
doch könnte Freud wieder richtig vermuten, daß nicht nur die Religion 
überhaupt, sondern auch der Totemismus, an der er ja tatsächlich denkt 
und der freilich zunächst n i c h t zur Religion gehört, ausverschie- 
denen Wurzeln herzuleiten ist ; auch eine psa. Erklärung darf also nicht 
von vornherein abgelehnt werden. 

Vielmehr trifft es von neuem durchaus zu, wenn Freud dem Primi- 
tiven ein anderes Verhältnis zum Tier (dem wohl ursprünglichsten 
Totem, wie wir sahen) zuschreibt, als dem Kulturmenschen. 
Anders steht es schon, wenn er die gleiche Behauptung für das Kind 
aufstellt und namentlich die Meinung vertritt, daß in dessen Tierphobien 
«die infantile Wiederkehr des Totemismus» zu erkennen sei. In dem 
ersten der von ihm mitgeteilten Fälle, die das beweisen sollen, handelt es 
sich nämlich gar nicht um etwas diesem Ähnliches : ein vierjähriger Knabe 
sagte zu einem Hund : Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will artig sein, 
d. h. etwas nicht tun, was ihm der Vater verboten hatte ; der Hund war 

12* 179 



also allerdings gewissermaßen an die Stelle des Vaters getreten, spielte 
aber nicht irgendwie die Rolle eines Totems. Auch in dem zweiten Falle, 
dem des berühmten «kleinen Hans», erinnert an den Totemismus noch 
nicht, daß der fünfjährige Knabe fürchtet, ein Pferd würde ins Zimmer 
kommen, und zwar nach Freud deshalb, weil er w ü n s c h t , es, oder viel- 
mehr sein Vater möchte sterben, sondern höchstens, daß der Knabe 
sich mit dem gefürchteten Tier identifiziert, als Pferd herum- 
springt und nun seinerseits seinen Vater beißt, auch die Eltern mit andern 
großen Tieren identifiziert. Endlich der klein Arpad, der mit fünf Jahren 
am liebsten Hühnerschlachten spielte, dann aber die geschlachteten Tiere 
küßte und streichelte, braucht in ihnen, obwohl er seinen Vater einmal 
den Hahn nannte, noch nicht diesen gesehen zu haben — es handelte 
sich ja auch in seinem Spiel nicht nur um Hühner, die er schlachtete — 
geschweige denn so etwas wie sein Totemtier. Vor allem aber würde, 
selbst wenn das zuträfe, daraus allein bei dem oben geschilderten Ver- 
hältnis von Kind und Primitivem noch nicht folgen, wie es doch wohl 
Freuds Meinung ist, daß auch für letzteren das Totemtier ein Ersatz 
fürdenVater sei. Vielmehr hält Freud selbst für diese Behauptung 
noch einen anderen Beweis für nötig. 

Er greift zu diesem Zwecke zunächst auf die Theorie Robertson 
Smiths zurück, daß das Opfer zuerst «eine Kommunion der Gläubigen mit 
ihrem Gott» gewesen sei, und zwar in dem Totemtier bestanden habe. 
Aber beides ist längst widerlegt, es gibt gar keinen sogenannten genießen- 
den Totemismus, und noch weniger kann man mit Freud behaupten: 
«Nach der Tat wird das hingemordete Tier beweint und beklagt; aber 
nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung aller 
Triebe und Gestattung aller Befriedigungen». Dann aber ist hier auch 
nicht «die ambivalente Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute 
noch bei unseren Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Er- 
wachsenen fortsetzt», zu vergleichen und aus jenem angeblichen Verhal- 
ten gegenüber dem Totemtier zu schließen, daß dieses ein Ersatz für 
den Vater sei. 

Trotzdem stellt Freud nun unter Anknüpfung an die Darwinsche 
Theorie von der Urhorde, in der der stärkste Mann alle Frauen besessen 
und die anderen Männer, auch seine Söhne, vertrieben habe, ähnlich wie 
übrigens schon Atkinson, folgende Hypothese über den Ursprung des 
Totemismus auf (S. 190 ff.) : 

«Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, er- 
schlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein 
Ende . . . Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen 
Wilden selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das be- 
neidete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. 
Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, 
eigneten sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeit, 

180 



vielleicht das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die 
Gedenkfeier dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat . . .». 

«Sie haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen 
Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten 
ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren 
Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich 
die dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. Es 
geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches 
hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote 
wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es 
noch heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine 
Existenz verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychi- 
schen Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten «nach- 
träglichen Gehorsams». Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung 
des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten und verzichteten 
auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen versagten. 
So schufen sie aus dem Schuldbewußtsein des Sohnes die beiden fundamen- 
talen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden verdrängten 
Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten». 

Genau genommen handelt es sich freilich doch nicht um diesen; 
denn die Söhne strebten ja wohl, wenn überhaupt, dann nicht nur nach 
der Mutter, sondern auch den andern Frauen der Urhorde. Daß 
Freud von dem Ödipuskomplex spricht, erklärt sich also wohl aus seiner 
Vorliebe für diesen, die, wie wir sehen werden, auch bei seinen Schülern 
zu beobachten ist ; aber daß der Komplex in Wahrheit hier nicht hin- 
gehört, gibt Freud selbst wieder dadurch zu verstehen, daß er für den 
Verzicht auf die freigewordenen Frauen noch einen andern Grund an- 
führt. Er sagt nämlich (S. 193) : 

«Hatten sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, 
so war jeder des andern Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie 
der Vater alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle 
wäre die neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch kein Über- 
starker mehr da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen 
können. Somit blieb den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, 
nichts übrig, als — vielleicht nach Überwindung schwerer Zwischenfälle 
— das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von 
ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deinen wegen sie doch in erster 
Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche 
sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betäti- 
gungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei ihnen 
eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, welche 
den Keim zu den von Bachofen erkannten Institutionen des Mutter- 
rechts legte, bis dieses von der patriarchalischen Familienordnung ab- 
gelöst wurde». 

Das soll wohl heißen, die Mütter hätten, wie Atkinson ausdrücklich 

181 



annahm, es durchgesetzt, daß die Brüder sich vertrugen; aber Mutter- 
recht in irgendwelchem Sinne dieses vieldeutigen Begriffs wäre das nicht 
gewesen, und dieses selbst ist, wie wir jetzt wissen, dem Vaterrecht nicht 
vorangegangen, sondern (stellenweise) gefolgt. Daß die Brüder sich nach 
ihrer Vertreibung homosexuell betätigt hätten, ist natürlich auch nicht zu 
beweisen, und wie steht es mit der Theorie im übrigen? 

Freud sagt selbst, sie möge phantastisch erscheinen, wäll nicht für 
die letzte Sicherheit der Entscheidung eintreten und erklärt in seinen Vor- 
lesungen (S. 381) sogar, ihm sei «die Vermutung nahegekommen, 
daß v i e 1 1 e i c h t die Menschheit als ganze ihr Schuldbewußtsein zu Be- 
ginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben hat». Tatsächlich sind 
gegen die Hypothese vielmehr die verschiedensten Einwendungen zu er- 
heben, zunächst drei, die schon gelegentlich erwähnt wurden : 

1. Die Identität von Totem und Vater ist nicht bewiesen; 

2. es gibt keine Totemmahlzeit ; 

3. die Exogamie braucht nicht mit dem Totemismus innerlich zu- 
sammenzuhängen. 

Ja zu diesen bereits erwähnten kommen drei weitere Bedenken. 

1. Die Theorie von der Urhorde, von der Freud ausgeht, ist zu be- 
streiten ; denn in den Berichten aus alter und neuer Zeit, auf die man sich 
für sie beruft, handelt es sich um etwas anderes. «Die Hypothese Bach- 
ofens und Späterer, daß solche Zustände ursprünglich und allgemein 
waren», sagt daher Ploß-Renz (Das Kind, 3. Aufl. II, S. 816) mit Recht, 
«ist wissenschaftlich nicht bestätigt». 

2. Die Annahme, daß in den Söhnen, wenn sie den Vater getötet 
hatten, später doch zärtliche Regungen gegen ihn aufgetaucht seien, ist 
wenig wahrscheinlich, denn wie Freud selbst (Totem, S. 213) sagt, liegen 
diesem «schöpferischen Schuldbewußtsein» bei den Neurotikern, nach 
denen die Primitiven ja hier gedacht werden, «nicht Täte n» zugrunde, 
«sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem 
Bösen verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden 
sind». Wenn er dem gegenüber unter Hinweis auf die außerordentliche 
Überschätzung ihrer psychischen Akte durch die Primitiven behauptet, 
«es könnten die bloßen Impulse von Feindseligkeit gegen den Vater 
hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu erzeugen», so gibt er 
damit seine ganze Theorie über den Ursprung des Totemismus und der 
Exogamie preis. Wenn er aber weiter (S. 215) sagt, in ihrer Kindheit 
hätten diese Neurotiker «die bösen Impulse, insoweit sie konnten, auch 
in Handlungen umgesetzt», so bleibt doch, selbst wenn sich das 
nachweisen ließe, immer noch ein Unterschied zwischen diesem 
Verhalten von Neurotikern und dem angenommenen von Primitiven. So 
erklärt Freud zum Schluß (S. 216) : «Allzu weit dürfen wir unser Urteil 
über die Primitiven auch nicht durch die Analogie mit den Neurotikern 
beeinflussen lassen . . . Der Neurotiker ist vor allem im Handeln gehemmt, 
bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat. Der Primitive ist un- 

182 



gehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat um, . . . und darum 
meine ich . . . man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen : 
im Anfang war die T a t». Freud verzichtet also auf eine wirkliche psa. 
Begründung seiner Theorie und charakterisiert sie dadurch selbst als 
zweifelhaft. 

3. Auch auf eine letzte Schwierigkeit macht er noch aufmerksam, 
indem er (S. 211 f.) bemerkt: «Es kann zunächst niemandem entgangen 
sein, daß wir überall die Annahme einer Massen psyche zugrunde legen, 
in welcher sich die seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben 
eines einzelnen. Wir lassen vor allem das Schuldbewußtsein wegen 
einer Tat über viele Jahrtausende fortleben und in Generationen wirksam 
bleiben, welche von dieser Tat nichts wissen konnten». Und das ist doch 
wohl noch etwas anderes, als wenn die Völkerpsychologie sonst mit einer 
Massenpsyche operiert, etwas, das daher auch Freud besonders erklären zu 
müssen glaubt. Er sagt nämlich (S. 212 f.) : «Die Psa. hat uns nämlich ge- 
lehrt, daß jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Appa- 
rat besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, 
d. h. die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere 
an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem 
Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und 
Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurück- 
gelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme jener 
Gefühlserbschaft gelungen sein». Die späteren Generationen sollen sich 
also wohl vorgestellt haben, daß auch sie ihren Vater hätten töten können 
und deshalb eine Totemmahlzeit hätten einrichten, zugleich aber die 
sonstige Tötung des Totems und den Verkehr mit den freigewordenen 
Frauen für unerlaubt hätten erklären müssen. Aber hätten sie das des- 
halb, weil sie nämlich ihren Vater nur hätten töten können, getan ? 
Ja konnten sie sich jenes auch nur vorstellen, wenn sie mindestens 
nichtmehrin jener Urhorde lebten ? 

So erweist sich Freuds Erklärung des Totemismus, die seine Schüler 
sämtlich unbesehen übernehmen, von allen Seiten als unhaltbar, und 
dies um so mehr, als sich, wie wir sahen, wenigstens der ursprüngliche 
Totemismus auf andere Weise durchaus befriedigend verstehen läßt. Auch 
die Exogamie ist oben ohne Rücksicht auf den Totemismus erklärt wor- 
den und wird deshalb in der Tat ursprünglich nicht mit ihm zusammen- 
hängen. 

Indes Freud läßt mit jener «denkwürdigen, verbrecherischen Tat» 
noch ganz andere Dinge, nicht weniger als «die sozialen Organisatio- 
nen, die sittlichen Einschränkungen und die Religion» ihren Anfang 
nehmen. Zwar will er die letztere nicht lediglich aus jener erklären, aber 
doch in einer doppelten Beziehung. 

Er sagt zunächst (S. 193, f .) : «Bot sich dem Empfinden der Söhne das 
Tier als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand in 
der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr 

183 



Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es 
konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das bren- 
nende Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem 
Vater zu bewerkstelligen». Das Urteil über diesen habe sich nämlich nach 
seiner Beseitigung durch die Söhne ändern müssen (S. 199) ; «Es konnte 
und durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen 
nach der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer 
Zeiten die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nach- 
lassen, die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal ent- 
stehen, welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpf- 
ten Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt 
hatte». Aber das hätte doch wieder schon bei Lebzeiten der Söhne ge- 
schehen müssen, also nicht «im Laufe langer Zeiten» ; das nimmt Freud 
vielmehr wohl nur an, weil er sieht, auf diese Weise wäre jenes Ideal noch 
nicht zum Gott geworden. Trotzdem sagt er weiterhin (S. 201) : «Die 
unterworfenen Söhne haben das neue Verhältnis dazu benutzt, um ihr 
Schuldbewußtsein noch weiter zu entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, 
fällt ganz aus ihrer Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt 
und angeordnet». Von Schuldbewußtsein kann eben nur bei den S ö h n e n 
die Rede sein ; deshalb redet Freud auch hier wieder von ihnen, d. h. er 
gibt stillschweigend zu, daß sich die spätere Entwicklung so nicht er- 
klären läßt. 

Andererseits läßt er auch den «Sohnestrotz», der zur Tötung des 
Urvaters geführt habe, weiterwirken, zunächst in dem Zug der jähr- 
lichen Opferung oder Selbstopferung eines Gottes. Wie sie (und der aus 
ihr tatsächlich erst entstandene Mythus) sich in Wahrheit erklärt, werden 
wir später sehen ; aber hier schon kann es wohl als ganz abwegig bezeichnet 
werden, wenn Freud (S. 206) sagt :« Wenn nun Christus die Menschen von 
dem Drucke der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so 
zwingt er uns zu dem Schlüsse, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach 
dem im menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein 
Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden ; die 
belbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück. Und wenn dieses 
Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so 
kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater 
gewesen sein. So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Mensch- 
heit am unverhülltesten ( !) zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie 
nun im Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie ge- 
funden hat». ö 

Die anderen Ausführungen oder vielmehr Andeutungen, die Freud 
in diesem Zusammenhang noch macht, haben nichts mit der Psa. zu tun 
und können deshalb hier außer Betracht bleiben. 

Dagegen die T a b u , die er neben dem Totemismus behandelt, ver- 
gleicht er mit den Zwangsverboten, die sich Kranke auferlegten, nachdem 
sie ihnen früher von anderen auferlegt worden seien, und zwar, weil die 

184 






Kranken Lust gehabt hätten, eine spezielle Berührung auszuführen; er 
erklärt sie deshalb ebenfalls aus einer «AmbivalenzderGefühls- 
regungen». Gewisse Menschen führten nämlich andere in Ver- 
suchung, ein Gebot zu übertreten — entweder, weil sie das selbst getan 
hätten oder weil sie sich in einem Zustand befänden, der die Eignung habe, 
die verbotenen Gelüste der andern anzuregen. Oder, wie es (S. 44.) ge- 
nauer heißt : «Der König oder Häuptling erweckt den Neid auf seine Vor- 
rechte ; es möchte vielleicht jeder König sein. Der Tote, das Neugeborene, 
die Frau in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre besondere Hilflosig- 
keit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum durch den neuen 
Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen und alle diese 
Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben werden». 
Daß auch Gegenstände tabu werden können, erklärt Freud weiterhin aus 
der bei der Neurose nachgewiesenen Neigung des unbewußten Triebes, 
sich auf assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben, und 
endlich findet er es wohl wegen dieser Parallele auch verständlich, daß die 
Übertretung eines Tabu wieder gutgemacht werden kann. Ja er sagt 
(S. 46) : wenn das durch eine Sühne oder Buße geschehen kann, «die ja 
einen V e r z i c h t auf irgendein Gut oder eine Freiheit bedeuten, so ist 
hiedurch der Beweis erbracht, daß die Befolgung der Tabuvorschrift 
selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gern gewünscht hätte». 

Aber diese allgemeinen Ausführungen, durch die ja die T a b u - 
i e r u n g noch in keiner Weise erklärt wird, befriedigen Freud selber 
nicht ; er sucht wenigstens einige Verbote auch im einzelnen aus 
einer Ambivalenz der Gefühlsregungen abzuleiten. Nicht zwar die vorhin 
zuletzt erwähnten, die sich auf das Neugeborene, die Frau in ihren Lei- 
denszuständen und das eben geschlechtsreif gewordene Individuum be- 
ziehen, wohl aber die vorher genannten, die den König oder Häuptling und 
dem Toten gelten, sowie, und zwar in erster Linie, die den getöteten Feind 
betreffen. Ich spreche indes, eben weil von ihr bereits die Rede war, zu- 
nächst von der Tabuierung der Herrscher und Toten, und beginne mit 

der ersteren. 

1. Freud sagt zunächst (S. 55 f.) sehr richtig: «Das Benehmen primi- 
tiver Völker gegen ihre Könige, Häuptlinge, Priester wird 
von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu ergänzen als zu wider- 
sprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen hüten und man muß sie b e - 
hüten. Beides geschieht vermittels einer Unzahl von Tabuvorschriften». 
Man muß sich vor den Herrschern hüten, «weil sie die Träger jener ge- 
heimnisvollen und gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektri- 
sche Ladung durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine 
ähnliche Ladung geschützten Tod und Verderben bringt». Fährt dann (S. 
58) fort : «Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher laßt 
sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen zurückfuhren. Der 
andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das 
Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat 

185 



an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der höfischen 
Etikette den deutlichsten Anteil gehabt». — So ist das gar kein Tabu ; 
wenn Freud also dieses Verhalten gegen die Herrscher, das sie 
schützen soll (meist übrigens nicht überzeugend), aus einer Ambi- 
valenz der Gefühlsregungen herleitet, so beweist das für die wirk- 
liche Tabuierung gar nichts. Und sie bedarf nach dem vorher An- 
geführten auch keiner weiteren Erklärung. 

2. Auch unter der Überschrift «Das Tabu der Toten» behandelt 
Freud einige Gebräuche, die nichts mit dieser Anschauung zu tun haben. 
Wenn man aber den Namen eines Toten nicht nennt, weil man ihn sonst 
herbeizurufen glaubt, und dies wieder vermeiden zu müssen meint, weil 
man sich vor dem Toten fürchtet, so braucht das gewiß nicht den Grund 
zu haben, daß man diesem gegenüber bei Lebzeiten eine ambivalente Stel- 
lung einnahm, d. h. im stillen den Tod wünschte, den man jetzt be- 
dauert. Vielmehr fürchtete man sich ursprünglich vielleicht doch nur, wie 
auch später noch vor allem, vor solchen Toten, denen man ein beson- 
deres Recht zum Groll einräumen mußte, den Ermordeten, unverheiratet, 
kinderlos oder zu früh Gestorbenen, und später auch vor den übrigen, 
weil man annahm, sie beneideten die Überlebenden. 

3. Endlich das Verhalten gegenüber den getöteten Feinden 
erklärt sich aus Ambivalenz nicht einmal dort, wo keine Tabuierung 
derselben vorliegt, d. h. wo man vielmehr die getöteten Feinde, bezw. ihre 
Köpfe zu versöhnen sucht. Wo sich 'aber ihre siegreichen Gegner, 
bzw. wenigstens ihre Führer von andern, namentlich ihren Frauen, fern- 
halten müssen und auch ihre Nahrung nicht mit den Händen anrühren 
dürfen, spricht Freud selbst nicht von Ambivalenz der Gefühlsregungen ; 
die Genannten sind vielmehr (auch für sich selbst) tabu, weil man meint, 
die Kräfte oder Geister der getöteten Feinde sind noch bei ihnen und 
könnten nicht nur anderen, sondern auch ihren siegreichen Gegnern, 
w e n n sie sie sich mit der Nahrung von neuem zuführen wollten, 
gefährlich werden. Es geschieht also nur seiner Theorie zu- 
liebe, wenn Freud (S. 55) «alle diese Vorschriften aus der Ambivalenz 
der Gefühlsregungen gegen den Feind ableiten» will; in Wahrheit er- 
weist sich jene auch hier wieder als unhaltbar — obwohl sie Freud 
selbst im Vorwort zu seinem Buch im Unterschied von der Erklärung des 
Totemismus «als durchaus gesicherten, das Problem erschöpfenden Lö- 
sungsversuch» bezeichnet. Auch dies trifft nämlich nicht zu; denn selbst 
wenn seine Erklärung in einigen Fällen haltbar wäre, so würde doch damit 
noch nicht das Tabu überhaupt verständlich gemacht sein. Frazer, 
von dem Freud hier durchweg abhängig ist, bezeichnet allerdings im zwei- 
ten Teil der dritten Auflage seines Golden Bough manche Dinge als 
tabuiert, die n i c h t so aufzufassen sind und Freud daher mit Recht bei- 
seite lassen konnte. Aber außerdem behandelt Frazer doch einige Dinge, 
die tatsächlich als tabu gelten, auch eine Kategorie von Menschen, die so 

186 



angesehen werden, nämlich die Fremden — und darauf geht Freud mit 
keinem Worte ein. 

Vielleicht ist er deshalb selbst seiner Sache nicht ganz sicher und 
versucht daher wieder später noch zwei andere Erklärungen von Vor- 
schriften, von denen freilich nur die eine wirklich psa. ist und uns somit 
hier interessiert. Er sagt: «Bei vielen wilden Völkern ist es unter 
verschiedenen Verhältnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende 
Instrumente im Hause zu halten. Soll man in diesem Tabu nicht die 
Ahnung gewisser .Symptomhandlungen' erkennen, zu denen die scharfe 
Waffe durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte ?» Aber 
die betreffenden Völker selbst erklären diese Verbote aus der Rücksicht 
auf Geister, vielleicht von Verstorbenen ; und das kann sehr wohl ihr ur- 
sprünglicher Sinn sein. Ja selbst wenn sie anders zu deuten wären, würde 
damit für die Erklärung des Tabu nichts geleistet ; denn mit diesem 
werden jene Verbote nur irreführenderweise zusammengebracht. 

Es bleibt also bei dem vorher formulierten Urteil, wie über Freuds 
Theorie des Totemismus, so seine Deutung des Tabu, und es ist eins von 
jenen Rätseln, deren die Geschichte des menschlichen Geisteslebens ja 
zahlreiche aufweist, daß sein Buch mehr noch als Ranks «Mythus» 
solchen Erfolg hatte, daß es immer wieder aufgelegt und in fremde 
Sprachen übersetzt werden konnte. Ja von Reik sind an Freuds Theorie 
des Totemismus noch weitere Theorien angeknüpft worden, die zum Teil 
auch andere und der Meister selbst übernommen haben, wir aber nur in 
Verbindung mit den sonstigen von ersterem versuchten psa. Erklärungen 
primitiver Gebräuche betrachten können. 



Reik behandelt in seinen Problemen der Religionspsychologie zu- 
nächst die C o u v a d e , die er vorläufig (S. 2) als «die bei vielen Völkern 
beobachtete Sitte» definiert, «daß der Vater eines neugeborenen Kindes 
sich längere oder kürzere Zeit ins Bett legt, eine bestimmte Diät einhält, 
sich der schweren Arbeit und der Jagd enthält usw., während seine Frau, 
die eben ein Kind zur Welt gebracht hat, ihrer gewöhnlichen Beschäfti- 
gung nachgeht». Dann bespricht er die bisherigen Erklärungen dieser 
Sitte, teils kritisch, teils, weil er sie in gewisser Weise akzeptiert, nur 
referierend; namentlich übernimmt er von Frazer die Unterscheidung 
einer prä- und postnatalen oder, wie er, ebenfalls im Anschluß an jenen, 
lieber sagen will, einer diätetischen und pseudomütterlichen 
Couvade. 

Zunächst die letztere erklärt er nun, sofern sie die der Wöchnerin 
nachstellenden Dämonen täuschen solle, daraus, daß der Mann, wie sonst, 
neben den zärtlichen feindselige Empfindungen gegen seine Frau hege und 
auf Dämonen projiziere. Auf solche Empfindungen deute es nämlich hin, 
wenn bei den Tagais auf den Philippinen die Männer ihre Frauen dadurch 



187 



I 



ängstigten, daß sie «Feuer um die Hütte legen und in unmittelbarer Nähe 
der Leidenden ihre Geschosse abfeuern» (S. 22), oder wenn die nomadi- 
schen Türken in Zentralasien unter das Lager der Frau ein Schwert legen 
und sie mit einem Stock schlagen. Weiterhin rufe die Unterdrückung 
dieser sadistischen Wünsche «die masochistische Triebkomponente in 
relativ gesteigerter Intensität wach» (S.25); deshalb ließen sich die 
Männer behandeln, als wenn sie krank und elend wären. Endlich habe 
dieses Festhalten des Mannes auf dem Lager den Sinn, «die Frau vor seinen 
sexuellen und feindseligen Wünschen zu schützen» ; er habe ja «in der 
letzten Zeit keinen geschlechtlichen Verkehr mit der hochschwangeren 
Frau gepflegt und ihre durch ihren Zustand erhöhte Hilflosigkeit werde 
für ihn zur steten Versuchung» ; anderseits verbiete ihm «abergläubische 
Furcht die sexuelle Vereinigung» und «die gehemmte Libido» werde «in 
latenten Haß gegen die Frau umgesetzt» (S. 26). Aber um dem Mann den 
Verkehr mit seiner Frau und, w e n n sie ihm naheliegen sollten, Nach- 
stellungen gegen sie unmöglich zu machen, wäre es doch wohl das denk- 
bar Verkehrteste gewesen, ihn ans Bett zu fesseln, und auch sonst kann 
auf Sadismus oder Masochismus mindestens diese Form der Couvade 
nicht zurückgeführt werden ; denn der Mann t u t j a n u r s o , als ob er 
krank und elend wäre; und die Frau soll dadurch, daß man um ihre 
Hütte Feuer anzündet, in ihrer Nähe seine Geschosse abfeuert, unter ihr 
Lager ein Schwert legt oder sie selbst schlägt, nicht geängstigt werden. 
Das letztere soll ihr vielmehr vielleicht die Kräfte des Stocks zuwenden 
oder, wie das übrige, feindliche Dämonen von ihr fernhalten, von denen 
man annimmt, daß sie ihr wegen ihrer Schwäche besonders nachstellen. 
Mit der pseudomütterlichen Couvade hat das alles also nichts zu tun ; sie 
wird sich vielmehr erst im Zusammenhang mit der von Reik sogenannten 
diätetischen erklären. 

Doch behandelt er zunächst nicht die tatsächlich so zu nennenden Vor- 
schriften, sondern das Verbot, «schwere Arbeiten zu verrichten, Plätze, wo ' 
ein Tier getötet wurde, zu betreten, gewisse Tiere zu töten» (S. 30) und er- 
klärt diese eventuellen Handlungen des Mannes als «Ersatzhandlungen der 
verbotenen Realisierung seines Todes wunsches gegen das Kind» (S.3 1 ) . Zur 
Begründung dieser Deutung aber bemerkt Reik zunächst: «Versuchen 
wir uns die seelische Situation des Vaters, welcher eben Vater geworden 
Jst, vorzustellen. Von väterlicher Zärtlichkeit wird man bei ihm wenig 
vermuten können. Ein fremdes Wesen ist in sein Heim gekommen, und 
er fühlt keine Lust, diesen kleinen Erdenbürger zu ernähren. Ja im Gegen- 
teil, er verspürt den Impuls, das Kind zu töten und zu verzehren». Und 
zum Beweis für diese von ihm selbst später zum Teil widerrufene Schilde- 
rung erinnert Reik vorläufig daran, «daß noch jetzt einzelnen Völkern 
Kindesmord und Verzehren von Kindern nicht unbekannt sind», geht 
aber ausführlicher auf diese Sitte erst später ein. Wenn er weiterhin 
(S. 32) auf «aggressive Tendenzen des Mannes» gegen den Neugeborenen 
daraus schließt, daß er und seine Mutter tabu sind, so gilt dieses Verbot 

188 



doch nicht nur dem Vater und Gatten, sondern jedermann; es läßt sich 
also gewiß nicht so, wie Reik will, erklären. Ja vielleicht hat dieser selbst, 
wie in ähnlichen Fällen Freud, ein Gefühl dafür, daß das Bisherige zum 
Beweis seiner These nicht genügt; er versucht daher, «einige Bräuche 
innerhalb der diätetischen Couvade», die aber auch noch nicht wirklich 
diätetischer Art sind, noch besonders aus jener angenommenen Stellung 
des Vaters gegenüber seinem Kinde zu erklären. 

Er vergleicht zu diesem Zwecke z. B. die Sitte der Karaiben, den 
Vater gewissen, später noch zu schildernden Quälereien zu unterwerfen, 
mit einem Gebrauch, den Hartland bei den Ureinwohnern von Celebes 
nachgewiesen hat, und Reik (S. 32 f.) in folgender Weise beschreibt und 
erklärt : «Nach der Geburt des Kindes geht der Vater baden. Wenn er aus 
dem Wasser steigt, erwarten ihn seine Nachbarn und schlagen ihn den 
ganzen Weg bis zu seiner Wohnung mit Rohrstäben. Zu Hause angelangt, 
ergreift der Vater drei Pfeile, schießt sie über die Hütte, indem er sagt : 
,Ich wünsche meinem Sohne viel Glück, möge er wachsen und ein kräftiger 
Mann werden'. Diese Minahasseezeremonie besteht also in einer Züch- 
tigung des Vaters und einem Zauberspruche. Wir wissen (?), daß die 
Zauberformeln etwa den Schutz formein der Neurotiker entsprechen : sie 
sollen die eigenen bösen Regungen abwehren. Jener Minahasseemann, 
welcher seinem Sohne viel Glück und das Emporwachsen zur kräftigen 
Männlichkeit wünscht, hat eine Regung in sich zu bekämpfen, welche ihn 
zur Ermordung eben jenes Sohnes treiben will. Der kleine Zug, daß er 
Pfeile über die Hütte schießt, gibt uns einen symptomatischen Anhalts- 
punkt, wen eigentlich der Pfeil treffen sollte. Der Schuß wird zu einer 
Kompromißhandlung, in der feindselige und zärtliche Regungen sich zu 
einem gemeinsamen Ausdruck zusammenfinden». 

Es ist wohl klar, daß diese Deutung des Schusses sehr unsicher ist ; 
Reik aber nimmt an, daß auch der Karaibe, der jenen Quälereien unter- 
worfen wird, damit für das Verbrechen, nach dem es ihn unbewußt ge- 
lüstete, bestraft werden sollte. Da Reik selbst das damit aber wohl wieder 
noch nicht bewiesen zu sein scheint, erinnert er noch daran, daß das Blut 
des Vaters, wie wir sehen werden, dem Kinde ins Gesicht geschmiert wird ; 
denn er will (S. 34) nicht daran zweifeln, «daß in dieser Handlung die 
Erinnerung daran fortlebt, daß das Blut ursprünglich dem Kinde an- 
gehörte, daß das Kind selbst einst das Opfer der grausamen Triebbefrie- 
digung war, welche jetzt am Vater zur Kräftigung seines Babys (jene 
Manipulation soll nämlich das Kind mutig machen) ein geeignetes Objekt 
findet». Aber tatsächlich bleibt wohl auch so (und trotz der Zustimmung 
Roheims) Reiks Deutung des karaibischen Gebrauchs sehr zweifelhaft ; 
wie er sich tatsächlich erklären dürfte, werden wir später sehen. 

Hier sind zunächst noch für den Fall, daß es dessen bedürfen sollte, 
zwei Reiksche Deutungen des für den Vater geltenden (aber natürlich 
erst recht nicht als diätetisch zu bezeichnenden) Verbots, das Haus zu 
verlassen, zurückzuweisen ; eine dritte wird sich später als richtig erweisen. 

189 



Die erste führt (S. 35) jenes Verbot (offenbar im Anschluß an die oben 
[S. 187] erwähnte Theorie Freuds) auf die «Angst vor der Infektions- 
fähigkeit des Tabu» zurück, richtiger wohl vor der Versuchung, die für 
andere darin liegt, wenn ein Vater sein Kind tötete oder töten wollte. 
Die Deutung erscheint aber Reik selbst offenbar wieder als ungenügend. 
Deshalb sagt er von jenem Verbot weiterhin: «Bei dem Vater wird es 
sich darauf stützen können, daß ihm die Versuchung, Verbotenes zu tun 
(etwa : Tiere zu töten, Bäume zu fällen usw.) außerhalb des Hauses näher 
tritt als zu Hause. Doch wird uns noch eine Determinierung dafür nahe- 
gelegt durch die Angst, es könne dem Kind während seiner Abwesenheit 
etwas zustoßen, was durch die Allmacht der Gedanken sich erfüllen 
könnte, wenn er es wünscht». Zum Beweis dafür erinnert Reik an eine 
von Freud behandelte Hysterika, die eine überzärtliche Besorgnis für ihre 
Mutter zeigte und von überall ängstlich nach Hause eilen mußte, um sich 
zu überzeugen, daß der Mutter nichts widerfahren sei, während die Ana- 
lyse nachgewiesen habe, «daß diese Überbesorgnis nur scheinbar unbe- 
gründet war ; denn es war in ihr die Furcht wirksam, böswillige Wünsche, 
welche die Patientin einst gegen ihre Mutter gehegt hatte, könnten sich 
während ihrer Abwesenheit erfüllen» (S. 35 f.). Aber obschon der Vater, 
wenn er zu Haus bleiben muß, natürlich keine Tiere töten oder Bäume 
fällen kann, so kann er doch gerade dann seinem Kinde nicht nur Böses 
wünschen, sondern auch zufügen, und insofern wäre vielmehr 
zu erwarten gewesen, daß man ihm das Haus verboten hätte. 

Vielleicht ist es wieder ein Beweis für das bei Reik selbst vorhandene 
Gefühl von dem unbefriedigenden Charakter seiner bisherigen Theorien, 
wenn er das Verbot der Tötung gewisser Tiere, das er durchaus mit Un- 
recht (S. 40) als «das durchgängige und hervorstechendste Merkmal der 
diätetischen Couvade» bezeichnet — es gehört offenbar weder zu dieser, 
geschweige denn als ihr hervorstechendstes Merkmal, noch findet es sich 
durchweg — noch anders, und zum Teil wirklich psa., zu erklären ver- 
sucht. Er meint, jene Tötung von Tieren solle den vorhin schon erwähnten 
Kindesmord oder das Kindesopfer ersetzen und erklärt dieses, da die Psa. 
zeige, «daß die Gottesvorstellung im Leben des einzelnen und der Völker 
in der Vaterverehrung und -erhöhung ihren Ursprung hat» (S. 43), als 
Darbringung des Enkels an den Großvater. Aber, so fragt er : «Welches 
Vergehen des primitiven Menschen soll dadurch gut gemacht werden und 
warum gerade durch diese so grausame, so unmenschliche Sitte?» Die 
Antwort lautet (S. 45 f.) : «Die psa. Forschung sagt uns, daß die Situation 
des Vaterwerdens die Erfüllung einer alten Sehnsucht bedeutet, welche 
dem infantilen Ödipuskomplex entstammt. Der Sohn, welcher einst in 
Kindeszeiten dem Vater den Tod wünschte, um seine Stelle bei der Mutter 
einzunehmen, ist nun selbst zum Mann und zum Vater geworden. Diese 
Situation ist geeignet, ein Triumphgefühl in ihm zu erwecken; auf der 
anderen Seite sind Reue und Zärtlichkeitsregungen so stark, wirkt der 
nachträgliche Gehorsam, so daß es geboten scheint, den erzürnten Vater 

190 



zu versöhnen». Und wenn sich dadurch noch nicht erklärt, weshalb ihm 
sein Enkel dargebracht wird, so fügt Reik (S. 45) hinzu: «Der neue 
Vater fürchtet ein ähnliches Verhalten des Sohnes gegen ihn selbst, wie 
es sein früheres gegen den eigenen Vater war». Ja er bildet nun hier 
Freuds Hypothese über die Entstehung des Totemismus dahin fort, daß 
schon die Söhne, die den Vater getötet und verzehrt hatten, das nun in 
der Tötung und Verzehrung ihrer Söhne noch einmal taten. 
Aber wie jene Theorie aus den verschiedensten Gründen sich als 
unhaltbar erwies, so scheitert auch diese Weiterbildung schon daran, daß 
ja nicht nur die Söhne, sondern auch die Töchter getötet werden. 
Wie Frazer, von dem Reik hier abhängig ist, redet auch dieser immer von 
Kindern und versteht nur seiner Theorie zuliebe darunter Söhne. 
Darauf aber, daß etwa ursprünglich nur diese getötet worden seien, 
deutet schlechterdings nichts hin ; im Gegenteil, bei manchen Völkern trifft 
dieses Geschick gerade nur die Töchter. 

Daß an die Stelle dieses Menschenopfers, dessen tatsächlichen Ur- 
sprung Frazer (III, S. 188 ff.) aufgeklärt hat, manchmal das eines Tieres 
trat, ist gewiß richtig ; aber daß diese Tiere zugleich T o t e m s waren, 
die sonst als tabu gelten, wurde schon oben (S. 180) zurückgewiesen. Und 
wenn Reik weiter (S. 51) sagt: «Das Gebot wurde verschärft und aus- 
gedehnt ; es wurde schließlich soweit verschoben, daß auch die Tötung der 
Tiere in der Zeit des Vater w e r d e n s dem Verbot unterlag», so fragt 
man, warum denn das alles geschehen sein soll. Außerdem handelt es 
sich bei diesem Verbot vielfach nicht um die T ö t u n g von Tieren, son- 
dern um ihren G e n u ß ; die w i r k 1 i c h diätetische Couvade ist also von 
Reik so wenig erklärt, wie die anderen für den Mann geltenden Vor- 
schriften — auf seine Deutung jener diesem zugefügten Quälereien gehe 
ich nicht erst ein, wiel sich für diese im Zusammenhang mit den anderen 
genannten Gebräuchen sofort eine natürlichere Erklärung ergeben wird. 

Wenn nämlich die Karaiben nach de Rochefort und de la Brede 
glauben, daß das den Kindern ins Gesicht geschmierte Blut ihres Vaters 
sie tapfer und mutig mache, so handelt es sich dabei gewiß um eine spätere 
Deutung eines auch erst späteren Gebrauchs ; um die ursprüngliche Sitte 
zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß jene Quälereien a m E n d e 
des dem Vater auferlegten Fastens stattfinden, an dem er in Südindien 
zugleich ein Bad nimmt — vorher ist es ihm bei den Dayaks vier Tage 
lang verboten. Wie dieses also den Zweck haben wird, die Kräfte, die bei 
der Geburt eines Kindes auf den Mann einwirken, wieder zu entfernen, 
so werden ihm mit dem ihm abgezapften Blut die Einflüsse entzogen 
werden sollen, die sogar i n ihn eingedrungen sind ; ja von da aus versteht 
man auch, daß die Wunden mit einem Aufguß von Piment oder Pfeffer, 
bzw. mit Tabaksjauche ausgewaschen werden. Vorher muß sich der 
Mann gewisser Tiere enthalten — vielleicht nicht nur, weil ihre Eigen- 
schaften sonst auf das Kind übergehen würden (auch die Tötung eines 
Tieres oder eine sonstige verbotene Tätigkeit würde ihm schaden), son- 

191 



dem weil sich jene mit den jetzt in dem Mann vorhandenen Kräften nicht 
vertragen könnten. Und ebenso erklärt es sich, daß nicht nur die Mutter, 
sondern auch der Vater sich von andern fernhalten muß, bzw. während 
die Frau wieder ihrer Arbeit nachzugehen hat, sich ins Bett oder die 
Hängematte legen kann. So wird mit der diätetischen Couvade zugleich 
die pseudomütterliche verständlich; was an dieser darüber hinausgeht, 
wie z. B daß auf einem chinesischen Bilde der Mann das neugeborene 
Baby an der Brust hält, wird spätere Zutat sein. 

Wenn Reik darin zugleich die Annullierung der Geburt des Kindes 
durch die Mutter sehen will, durch die der Vater die Liebe seines Kindes 
auf sich übertragen wolle, so glaubt er das selbst erst aus den Puber- 
tätsriten der Primitiven schließen zu können, von denen er 
im dritten Kapitel seiner Probleme handelt. 



* 



Um sie zu deuten, weist er zunächst darauf hin, daß der Geist oder 
das Ungeheuer, das bei den meisten der hier in Betracht kommenden 
Stämme die mannbaren jungen Leute verschlingen soll, als Geist eines 
Toten oder als Großvater bezeichnet wird, und schließt daraus, daß 
es das Totemtier darstellt, das die Primitiven ja als ihren Ahnherrn 
verehrten. Da das keineswegs allgemein gilt, können wir wohl diese 
Deutung beiseite lassen; ja auch die auf den Großvater findet sich nur 
bei den Kai auf Neu-Guinea. So spricht Reik selbst weiterhin nicht mehr 
von ihm, sondern fragt, welche Rolle die V ä t e r der Knaben in dem 
ganzen Drama spielen, und antwortet (S. 6;i.) : «Die erwachsenen Männer 
des Stammes sind es, welche die jungen Leute zu dem Ungeheuer schlep- 
pen, welche sie erschrecken und an ihnen die Beschneidung aus- 
führen». 

Diese aber deutet er (S. 71) als «Kastrationsäquivalent, angeregt 
durch die unbewußte Vergeltungsfurcht des zum Vater gewordenen 
Mannes. In ihm lebt noch», so sagt er, «die unbewußte Erinnerung an die 
inzestuösen und feindseligen Regungen der Kindheit, die seinen Eltern 
zugewandt waren. Er fürchtet die Realisierung dieser Wünsche, deren 
geschädigtes Objekt er selbst sein könnte, vom eigenen Kinde». Aber 
wenn jene Regungen bisher wenigstens beim Primitiven nicht nachge- 
wiesen sind, so wird auch diese Erklärung der Beschneidung fraglich 
bleiben — obwohl ihr nicht nur Rank in seinem «Inzestmotiv», Zeller in 
seinen «Knabenweihen», Winterstein in seinem «Ursprung der Tragödie», 
Roheim in seinem «Australiern Totemism», sondern auch Freud selbst, 
nachdem er ihr in seinem «Totem und Tabu» vorgearbeitet, in seinen Vor- 
lesungen zugestimmt hat. Ist die Beschneidung doch außerdem namentlich 
von Ploß bereits auf andere Weise durchaus einleuchtend verständlich ge- 
macht worden. 

Die Gebräuche, die den Tod der mannbar werdenden jungen Leute 
darstellen sollen, glaubt Reik (S. 75), wieder unter dem Beifall von Win- 

192 



terstein und Roheim, namentlich deshalb als «Androhung der Todesstrafe 
für ihre unbewußten böswilligen Wünsche gegen die Väter» auffassen 
zu müssen, weil bei manchen Stämmen an der Südküste von Neusüdwales 
gelegentlich der Pubertätsfeier und auf Viti Levu, der größten der Fiji- 
inseln, bei der Einführung in den Nangabund der Tod von erwach- 
senen Männern dargestellt werde, ja weil dabei die Novizen beschuldigt 
würden, s i e seien am Tod jener schuld. Aber das ist wohl eine spätere 
Zutat zu dem Gebrauch, und dieser selbst erklärt sich zur Genüge daraus, 
daß hier den jungen Leuten ihr eigenes Geschick an anderen vorgeführt 
werden soll. Welches das freilich ist, können wir nur erkennen, wenn wir 
dasjenige hinzunehmen, was sowohl auf den scheinbaren Tod der jungen 
Leute selbst als der erwachsenen Männer folgt. 

Reik sucht diesen von ihm sogenannten Auferstehungsritus, der 
ebenfalls entweder an den jungen Leuten selbst oder an erwachsenen Män- 
nern vollzogen wird, auf zärtliche Wünsche der Väter gegenüber 
den Söhnen zurückzuführen. Aber daß ihn das selbst nicht befriedigt, 
verrät er wohl wieder dadurch, daß er — immer unter Zustimmung Win- 
tersteins — noch andere, freilich ganz künstliche und unnatürliche Er- 
klärungen dafür gibt, auf die ich deshalb gar nicht erst eingehe. Auch die 
Orgien, die vielfach nach Abschluß der Pubertätsfeier stattfinden, sind, 
trotz Reik (S. 97), gewiß nicht «ein Ersatz für das unerreichbare Inzest- 
ziel», sondern eine Entschädigung für das frühere Verbot des Geschlechts- 
verkehrs überhaupt. Vor allem aber liegt ja für den Tötungs- und Auf- 
erstehungsritus eine andere Deutung sozusagen auf der Hand : die jungen 
Leute werden scheinbar getötet und wieder ins Leben zurückgerufen, weil 
sie in der Pubertätszeit zu neuen Menschen werden, oder vielmehr : der 
Primitive begnügt sich, wie in anderen, ähnlichen Fällen, nicht damit, 
das zu konstatieren, sondern er meint es durch diese Riten be- 
wirken zu können und zu m ü s s e n. So erklärt es sich auch, daß 
die jungen Leute häufig weiß oder schwarz, d. h. wie Tote angemalt 
werden, namentlich aber, daß sie, wenn sie in die Gesellschaft der übrigen 
zurückkehren, so tun müssen, als ob sie alles vergessen hätten und von 
neuem lernen müßten. Denn daß sich diese Amnesie eigentlich auf den 
Ödipuskomplex beziehe und daß nur, «um jene zwei Urwünsche aus dem 
Seelenleben der jungen Leute zu verbannen, auch die ganze frühere 
Existenz, das Leben des Alltags, mit dem sie so innig verknüpft sind, der 
Vergessenheit verfallen» müßte, hat Reik (S. 103) in keiner Weise wahr- 
scheinlich gemacht. 

Wohl aber versteht sich das auch, wenn die jungen Leute vielmehr 
als wiedergeboren angesehen werden, und dies wieder, weil sie 
tatsächlich zu neuen Menschen geworden sind — nicht, weil sie von einem 
männlichen Wesen wiedergeboren werden müßten, um sie «aus der in- 
zestuösen Libidofixierung zu lösen» (S. 110), oder «als wäre die Geburt 
des Knaben durch seine Mutter die Ursache der erotischen Anziehung 
zwischen der Frau und ihrem Sohn» (S. in). Und ebenso unwahrschein- 

13 Prinzhorn, Psa. I93 



lieh ist die entsprechende Erklärung der Couvade, die Reik, wie wir sahen, 
auch vorträgt. 

Gegen ihre sonstige psa. Deutung und ebenso die des Totemismus und 
der Exogamie, sowie der Pubertätsriten läßt sich übrigens auch noch ein- 
wenden, daß, wenn sie zuträfe, diese Erscheinungen wohl bei allen 
Primitiven vorkommen müßten, was indes namentlich von den ersterwähn- 
ten nicht zutrifft. Andererseits die Erklärung der Pubertätsriten scheitert, 
von allem übrigen abgesehen, von vornherein daran, daß sie nur auf die 
für junge Männer üblichen Riten paßt, denen die für Mädchen 
wohl nicht erst nachgebildet sein werden : daß Reik auf diese Gebräuche 
nirgends eingeht, ist ebenso rätselhaft, wie daß dieser Mangel von seinen 
mehrfach genannten Nachfolgern nicht bemerkt worden zu sein scheint. 

Wenn Reik am Schluß seiner Abhandlung über die Pubertätsriten 
mit diesen die Mythen von Tammuz, Adonis, Attis, Osiris, so wie 
Dionysos-Zagreus und schließlich Christus zusammenbringt, so sucht das 
ausführlicher Winterstein in seinem bereits erwähnten Buch «Der Ur- 
sprung der Tragödie» zu begründen. Doch spricht er zunächst von ge- 
wissen Riten, namentlich dem Karneval von Viza in Thrakien, in dem 
die Heirat, Tötung und Wiederbelebung eines Men- 
schen dargestellt wird. Winterstein sieht in ihm den Vegetations- 
geist, den man auch sonst vielfach in Gestalt eines Menschen scheinbar 
oder wirklich getötet hat, um ihn nicht an Altersschwäche sterben zu 
lassen, sondern um seine Kräfte noch zu verwenden, vor allem aber um 
ihn im nächsten Jahr (und im Bilde wirklich oder scheinbar sofort) wieder 
lebendig werden zu lassen. Winterstein deutet in diesem Sinn auch viele 
einzelne Züge des Ritus — und verwirft die wenigstens im allgemeinen 
durchaus einleuchtende Erklärung desselben dann doch, um sie durch 
eine psa. zu ersetzen. 

Zu diesem Zweck sieht er in dem Mann, der einen anderen tötet, 
dessen Vater, und in seiner Frau seine Mutter, d. h. er findet auch 
hier den Ödipuskomplex wieder. Aber das wäre doch nur berechtigt, wenn 
sich ein durchschlagender Grund für diese Umdeutung anführen ließe, und 
ihn findet Winterstein in dem von ihm sogenannten magisch-dramatischen 
Element in den Einweihungsriten, d. h. der Darstellung von Tod und 
Wiederlebendigwerden, die er ja ebenso wie Reik deutet. Aber daß aus 
diesen Riten die uns hier interessierenden Gebräuche stammten, ist doch 
damit noch nicht gesagt ; im Gegenteil, da die Auffassung des Verwelkens 
und Neugrünens der Vegetation als eines Sterbens und Wiederauf erstehens 
wohl näher lag, als die der Mannbarwerdung, könnte man eher vermuten, 
daß die entsprechende Darstellung dieser, zumal wenn sie nicht an 
den jungen Leuten selbst, sondern an einigen Erwachsenen statt- 
findet, der Darstellung des Sterbens und Wiederauf erstehens des Vege- 
tationsgeistes nachgebildet worden sei. Indes von einer solchen 
wissen wir, wenn wir von den Albanern an der Westseite des Kaspischen 
Meeres absehen, bei eigentlichen Primitiven wohl nichts ; es ist wohl auch. 

194 



nicht sehr wahrscheinlich, daß diese auf den Wechsel der Jahreszeiten 
schon soviel Wert gelegt hätten, daß sie ihn in jener Weise hervorrufen 
zu müssen glaubten. So sind die beiden Gebräuche, den Vegetations- 
geist zu töten und wieder lebendig werden zu lassen, und ebenso, den 
alten Menschen indenjungenLeutenin Gestalt von Erwachsenen 
scheinbar zu töten und den neuen, mannbaren Menschen in ihnen in der- 
selben Weise lebendig werden zu lassen, wohl doch unabhängig vonein- 
ander entstanden; ja selbst wenn man ohne jeden Beweis jene Ge- 
bräuche auf diese zurückführen wollte, so wären sie damit nur dann aus 
dem Ödipuskomplex erklärt, wenn die Pubertätsriten auf diesen zurück- 
gingen. Das haben wir aber als undenkbar erkannt, und einen direkten 
Beweis für ihre Deutung der uns hier beschäftigenden Gebräuche und 
der aus ihnen erst entstandenen Mythen haben Reik und Winterstein nicht 

einmal versucht. 

* * * 

Der Ödipuskomplex ist überhaupt nicht, wie es Witteis (Sigmund 
Freud, S. ioo) — mit einem Bilde, das uns vielleicht nur wegen seiner 
vorläufigen Neuheit geschmacklos erscheint — ausdrückt, «die Lokomo- 
tive geworden, die den Triumphwagen Freuds rund um den Erdball ge- 
zogen hat» ; er liegt höchstens einem bei Hesiod erhaltenen und ähnlich 
bei Primitiven vorkommenden Mythus und wahrscheinlicher noch einer 
eigenartigen buddhistischen Anschauung zugrunde. Aber auch die nur 
zum Teil psa. Deutung der Sagen aus der Kindheit von Helden und die- 
jenige der verschiedenen Tabus ist höchst zweifelhaft, und wenn Reik 
nach den Schlußworten des ersten Bandes seiner Probleme (S. 311) der 
Religionswissenschaft einen neuen Weg zeigen will, «der in ein unerkann- 
tes Reich führen soll», und weiter bemerkt : «Wir grüßen die Wahrheit, 
die aufsteigt, wie Moses das gelobte Land, als er es von jenem Berge 
Nebo verdämmernd vor sich sah, sehnsüchtig aus weiter Ferne», so ge- 
steht er damit selbst unbewußt ein, daß er es noch nicht gefunden hat. 
Die bisherigen Beiträge der Psa. zur Mythologie und Religionsgeschichte 
soweit sie hier zur Sprache kommen konnten, sind zwar durch das in 
ihnen zusammengetragene Material und die an anderen Anschauungen 
geübte Kritik, sowie zahlreiche Einzelbemerkungen höchst wertvoll, aber 
in ihren hauptsächlichen Ergebnissen fast durchweg unbefriedigend. 
Natürlich ist damit nicht gesagt, daß die Psa. im übrigen nicht doch der 
Religionswissenschaft gute Dienste geleistet hätte und noch leisten könnte ; 
aber in welcher Weise, kann hier nicht mehr erörtert werden. 



13* 



195 



DIE IDEE DER PSYCHOANALYSE UND DIE 

ERKENNTNISTHEORIE 

von A. A. Grünbaum 

Wenn eine neue, formell und inhaltlich eigenartige Lehre in ein Ent- 
wicklungsstadium kommt, wobei ihre allgemeinen Sätze und Einzel-Fest- 
stellungen zu den Einsichten der traditionellen Wissenschaft in nähere 
Beziehung gebracht werden, sucht diese Lehre auch nach der erkenntnis- 
theoretischen Einordnung in den gangbaren Wissenschaftsbetrieb. Dies 
wird vor allem durch Betonung derjenigen allgemeinen Voraussetzungen 
und Orientierungen erreicht, welche der neuen Lehre mit der gegebenen 
wissenschaftstheoretischen Situation gemeinsam sind. 

Diese Situation ist in der Neuzeit vor allem charakterisiert durch 
starke Betonung der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung als des Mit- 
tels zur Erfüllung des Wissenschaftsideals. Und so ist es verständlich, 
warum die Psa. uns durch neuerliche Anwendung der naturwissenschaft- 
lichen Theorien und auch durch erkenntnistheoretische Überlegungen 
sich als eine «Naturwissenschaft der Seele» präsentiert. *) 

Mit dieser wissenschaftspolitisch zweckmäßigen Einordnung werden 
aber diejenigen Richtlinien der Psa. verwischt, in denen eine anderswo 
sich auch vorbereitende Umzentrierung unseres Erkenntnisbegriffes lang- 
samerhand zutagetritt. Ihre eigene wissenschaftsgeschichtliche Position 
wird die Psa. daher nicht durch Anlehnung an gangbare Denk formen 
und Voraussetzungen erringen können, sondern nur dadurch, daß auch 
in ihrem Schulbegriff ein Impuls zum radikalen Umdenken der Erkennt- 
nisidee deutlich betont wird. 

Nur in diesem Sinne würde es möglich sein, über die Auswirkung der 
Psa. in der Erkenntnistheorie zu fragen und nachzuforschen. Denn kon- 
frontiert man die Sachgebiete beider Disziplinen im Hinblick auf ideale 
Begriffsabgrenzungen, so muß man eine methodologische und inhaltliche 
Diskrepanz der Sachgebiete konstatieren, deren Überbrückung nur beim 
Umwerfen der eben angewandten Scheidungskriterien möglich wäre. Ist 
die Psa., wie vorgegeben wird, im Sinne der idealen Naturwissenschaft 
auf eine wertfreie Analyse der psychischen Tatsächlichkeiten eingestellt, 
so sind Logik und Erkenntnistheorie dagegen — in der traditionellen Ab- 
grenzung — nur an den Fragen der Richtigkeit und der Berechtigung des 
Wissens und der Wissenschaft, also an dem wertenden Kriterienbegriff, 
orientiert. Konstatiert weiter die Psa. konkrete Mechanismen der persön- 
lichen oder ichbezogenen psychischen Systeme, so bewegt sich die Logik 
und Erkenntnistheorie nur im Milieu der idealen ichindifferenten all- 
gemeinsten Gegenstände, als welche für sie die formalen Kategorien des 
objektiven Wissens und die rationellen Zusammenhänge im Sein abge- 
zirkelt sind. 

Die Psa. und Erkenntnistheorie sind somit getrennt durch sich nicht 
kreuzende wissenschaftliche Zielsetzungen, Inhalts- und Begriffsquellen. 

196 



Infolge dieser verschiedenen wissenschaftslogischen Provenienz würden 
Forschungen über die Auswirkungen der Psa. in der Erkenntnistheorie 
und Logik den Zielsetzungen der letzteren Disziplinen Gewalt antun und 
sie z. B. in eine Psychologie des Denkens und seiner konkreten Onto- und 
Phylogenese umbiegen. So sind z. B. Versuche wie die von Imre Her- 
mann zu bewerten. 2 ) 

Man könnte auch versuchen, die verschiedenen erkenntnistheoreti- 
schen Richtungen im allgemeinen als Stufen in der Entwicklung der Li- 
bido-Mechanismen aufzufassen. Die idealistischen und realistischen Er- 
kenntnistheorien würden sich vom psa. Standpunkt aus etwa folgender- 
maßen unterscheiden. Das Bewußtsein überhaupt oder das Subjekt der 
Erfahrung, m. a. W. das theoretische Ich, wäre, seiner Genese nach, nichts 
anderes als Sublimierung des konkreten Ichs. Da die idealistische Er- 
kenntnistheorie den Gegenstand der Erkenntnis durch das theoretische 
Ich Zustandekommen läßt, wäre diese Urposition des Idealismus nichts 
anderes als ein theoretischer, also sublimierter Ausdruck der narzistischen 
Tendenz, nämlich das Objekt, das vom Ich abgespalten ist, wiederum 
in das Ich aufzunehmen. 

Die realistische Erkenntnistheorie, in welcher sich das Ich nach den be- 
wußtseinsunabhängigen Realitäten richtet, wäre dagegen der Ausdruck 
der Tendenz, an die Stelle des Ich-Ideals die objektive Welt als Ganzes 
einzusetzen, wobei gerade zu Ungunsten der ursprünglichen narzistischen 
Komponente die ganze libidinöse Besetzung dem Objekte zukäme. 

Solche Versuche, die immerhin ihren guten Sinn haben und auf die 
Verankerung der abstrakten Begriffe der Erkenntnistheorie in den ur- 
sprünglichen seelischen Tendenzen ein scharfes Licht werfen, sind sicher- 
lich selbst nicht Erkenntnistheorie im üblichen Sinne des Wortes, sondern 
«Tiefenpsychologie» der Erkenntnistheorie. 

Der Zusammenhang zwischen der Psa. und Erkenntnistheorie kann 
bei sachlicher Rangordnung ihrer Erkenntnisziele bloß der einer erkennt- 
nistheoretischen Fundierung der Psa. sein und nicht der psa. Fundierung 
der Erkenntnistheorie. Wenn die Erkenntnistheorie auch durch einen 
Psychoanalytiker gemacht werden würde, so würde sie allein dadurch 
weder als eine psa. Erkenntnistheorie noch als die Erkenntnistheorie der 
Psa. anzusprechen sein. 

Wenn trotz der wissenschaftlich systematischen und logischen Dis- 
krepanz zwischen beiden fraglichen Disziplinen doch noch ein guter Sinn 
in der Problemstellung liegt : Welche Auswirkungen die Psa. auf die Er- 
kenntnistheorie hat oder haben kann, so müssen beide Disziplinen nicht 
auf der Basis ihrer momentan fixierten Begriffsbestimmungen überblickt 
werden, sondern in ihren ideengeschichtlichen Tendenzen genommen wer- 
den als Kristallisationsprozesse an verschiedenen Kernen innerhalb einer 
gemeinsamen Bezugsquelle. 

Einen gemeinsamen Bezug kann für beide Disziplinen nur eine regu- 
lative Idee der Wissenschaft und der Erkenntnis bilden, die in der Psa. 

197 



an den Inhalten ihres speziellen Wissensgebietes zur konkreten Gestal- 
tung drängt, und in der Erkenntnistheorie nur ihre begriffliche Reflexion 
findet. 

Wie die Naturwissenschaften nicht bloß die Struktur der Natur- 
Realität zu bestimmen suchen, sondern darin schon durch einen bestimm- 
ten Begriff der Beziehung zwischen Erkenntnis und Sein geleitet werden, 
so gibt auch die Psa. nicht nur Bestimmungen der psychischen Realität, 
sondern verarbeitet darin auch einen eigenen Begriff der Erkenntnis- und 
(psychischen) Seins-Beziehung. In allgemeinen Zügen läßt sich die psa. 
Orientierung in dieser Frage etwa in folgenden Sätzen formulieren. Die 
psychische Realität ist nicht so wie sie uns im Erlebnis oder in bewußter 
Konstatierung derselben erscheint, sondern durch ihr Anderssein be- 
stimmt sie diese bewußten Äußerungen des Erlebnisses. Hinter der be- 
wußt erlebbaren psychischen Wirklichkeit wirkt die psychische Realität 
als ein Unbewußtes. Nun wird aber — und dies ist für den psa. Begriff 
der Beziehung zwischen der Erkenntnis und dem Sein charakteristisch 
— die psychische Realität in Ausdrücken beschrieben, die aus der Phä- 
nomenologie des Bewußtseins stammen. Ja, diese Charakteristiken der 
psychischen Realität sind nicht bloße Umschreibungen eines Andersseins, 
sondern meinen gerade das So-Sein des Unbewußten zu treffen. Es gibt 
in der psa. Erkenntnis nicht nur unbewußte Wünsche und Vorstellungen 
sondern auch unbewußte Ideale, unbewußte moralische Ideen und For- 
derungen, unbewußte Schlauheiten in der Substitution der bewußten In- 
halte durch andere usw. Die unbewußte Realität wirkt hinter dem Er- 
lebnis so, als ob sie ein bewußtes Ziel verfolge und eine völlige Kenntnis 
von dem Zusammenhang zwischen dem Ziel und den Mitteln der Errei- 
chung dieses Ziels besitze. Die ganze Teleologie des Unbewußten ist der 
Teleologie unserer bewußten Handlungen analog. Und nur aus diesem 
Grunde, nämlich weil die psychische Realität an sich genommen phäno- 
menale Charakteristiken besitzt, ist das phänomenale Erlebnis auch deut- 
bar. Die Erkenntnis der psychischen Realität besteht in der objektiven 
reflektierenden Deutung der erlebten Wirklichkeit. Mit anderen Worten, 
die Realität und das Phänomenale stehen nicht in der Beziehung : Das un- 
erkennbare Ding an sich und die Erscheinung, welche ihre eigenen Kate- 
gorien hat, sondern sie sind von vornherein wesensgleich. Das psychische 
Sein hat die gleiche ontische Charakteristik wie die Erkenntnis desselben. 
Aus dieser Eigenart der psa. Erkenntnis ergibt sich für die Erkenntnis- 
theorie eine doppelte Konsequenz : Einerseits ist im Gebiet des Psychischen 
eine qualitative Realitätsbestimmung möglich, andererseits ist das 
Bewußtsein für die Erkenntnis nicht die letzte Instanz. Wir wissen etwas 
nicht auf Grund des Bewußtseins, sondern wir haben das Bewußtsein auf 
Grund der Wirksamkeit eines realpsychischen Unbewußten, wovon auch 
das Wissen nicht nur abhängt, sondern in dem dieses Wissen auch als 
Wissen schon besteht. Die Aufgabe der Erkenntnistheorie verschiebt sich 
daher in ungeahnte Tiefen einer Realforschung des Unbewußten. Denn 

198 



— wie K 1 a g e s eine analoge Forderung formuliert — «Wer (also) die 
Bedingungen schlechthin der Erkenntnis zu ermitteln unternimmt, muß 
entweder die Bedingungen des Bewußtseins ermitteln oder er hat gar 
nichts ermittelt». 3 ) 

Nimmt man die Psa. in ihrem «Schulbegriff», um die Bezeichnung 
Kants zu gebrauchen, so wird man freilich bis heute noch kaum die Spuren 
ihrer Auswirkungen in der Erkenntnistheorie in dieser Richtung entdecken 
können. Betrachtet man aber die Psa. in ihrem «Weltbegriff», so lassen 
sich in diesem schon neue regulative Ideen der Wissenschaft und der 
Erkenntnis andeuten, die auf eine Neu-Orientierung der Erkenntnis- 
theorie von Einfluß sein müssen. 

Ein analoger Prozeß der Auswirkung eines ganz bestimmten Wissen- 
schaftszweiges in der Erkenntnistheorie, liegt in der heute schon ab- 
geschlossenen geistesgeschichtlichen Situation die durch die Vorherrschaft 
der naturwissenschaftlichen Problemstellungen und Begriffsbildungen 
charakterisiert ist. Die großartige Entwicklung der neuzeitlichen mathe- 
matisch fundierten Naturwissenschaft und ihre ausschließliche Rolle in der 
Bemächtigung der Naturkräfte und daher auch in der Gestaltung der mo- 
dernen Weltanschauung, ist der historische Boden für die Auffassung, daß 
die ideale Erkenntnis in der Rationalisierung der äußeren Natur verkörpert 
ist, und daß eine gute Wissenschaft die konstitutiven Merkmale der Natur- 
wissenschaft nicht entbehren kann. Die Gleichsetzung des Wissenschafts- 
ideales mit der Naturwissenschaft par excellence klingt noch in der Bedeu- 
tungsnuance des französischen Wortes «science» nach, mit welchem Ter- 
minus gerade Mathematik und mathematische Naturwissenschaften be- 
zeichnet werden. Diese Akzentuierung der Naturwissenschaft als Para- 
digma für Erkenntnis spiegelt sich auch in der neueren Erkenntnistheorie. 
Einerseits ist diese letztere hauptsächlich an dem Problem der Erkenntnis 
der äußeren Welt orientiert, andererseits bezieht sich ihr axiomatisches 
Streben und die Herausarbeitung der Erkenntniskriterien nur auf natur- 
wissenschaftliche Realitätssetzungen. Das Schulbeispiel dafür ist die 
Orientierung der Erkenntnistheorie von Kant an der mathematischen Na- 
turwissenschaft und die Unzulänglichkeit dieser Theorie hinsichtlich an- 
derer Gebiete des objektiven Geistes. 

Durch die Festsetzung der äußeren Natur und der Naturwissenschaft 
als des Ausganges für die Theorie der Erkenntnis, geht dieselbe, ohne die 
Berechtigung dafür prüfen zu können, von einem ganz bestimmten Begriff 
der Erkenntnis aus : Die Naturwissenschaft operiert mit den an sich wert- 
unbezogenen oder wertleeren Gegenständen, führt zu allgemein gültigen 
Wissenssätzen, stellt die allgemeinsten, die Totalität des naturhaften Seins 
umfassenden Gesetze fest, und drückt ihre notwendigen Zusammenhänge 
restlos in der rationellen Mathesis aus. Der entsprechende Erkenntnis - 
begriff ist ein Derivat des schon in der Wissenschaft verarbeiteten Wissens 
und kann daher nur konstituiert werden durch Inhalte, die der Allgemein- 
gültigkeit und Allgemeingesetzlichkeit unterworfen werden können. Damit 

199 



steht in wesensgemäßem Zusammenhang, daß der Weg (die Methode) zur 
Erreichung solcher Inhalte seinen Ausgang nur von einem wertungs freien 
und in keiner Weise aktiven Konstatieren nimmt und nur durch subjekt- 
unabhängige Operationen zum Ziel führen kann. Diese dem Sinne nach 
subjektunabhängigen Operationen selbst haben einen streng rationellen 
Charakter, d. h. sie betreffen den Gegenstand einzig und allein in der Di- 
mension, wo Klarheit, Einfachheit und Deutlichkeit herrschen, lauter Mo- 
mente, die im Satz vom Widerspruch ihre logische Verwertung finden. 

Der Begriff der Erkenntnis, der aus den Forderungen der idealen 
Naturwissenschaft abgeleitet ist und die neuzeitliche Erkenntnistheorie 
beherrscht, hat somit den folgenden Aspekt. Erkenntnis ist ein 

wertungsfreies, klaresunddeutliches.indie Sache 
selbst nicht eingreifendes Konstatieren der all- 
gemein gesetzlichen Verläufe in der Form eines 
widerspruchslosen Systems allgemein gültiger 
Satze. Diese Bestimmungen der Erkenntnis sind involviert in der all- 
gemeinsten Forderung der Rationalität : Erkenntnis als das Reich des ob- 
jektiven Logos ist völlig abgegrenzt und in keinen Stücken bestimmt durch 
den subjektiven Telos, wie er sich in Trieben, im Fühlen, Wollen und Han- 
deln offenbart. Zwischen Wahrheit und Wert, zwischen Erkenntnis und 
Arbeit, zwischen Sein und Sollen gibt es keine Wesensgemeinschaft. Die 
Erkenntnis ist Seins- Abbildung und nicht ein Mo- 
ment in der Seins-Bildung. 

Die «Gegenständlichkeit» des physischen Seins eignet sich in hohem 
Maße für die Fundierung des Erkenntnisbegriffes in diesem scientistischen 
Sinne, denn als reine Faktizität, die dem Fühlen und Wollen schlechter- 
dings transzendent ist, ist die physische Natur in ihrem eigenen So-Sein 
wertindifferent und jenseits der personalen Zielsetzungen. Sogar noch in 
der Beeinflussung durch den menschlichen Eingriff folgt die Natur ihren 
eigenen, autonomen, durch das menschliche Wollen und Sollen nicht vor- 
gezeichneten und nicht dirigierten Gesetzen. 

Das nicht gegenständliche und das personal akzentuierte psychische 
Leben ist ein Reich, das sich der scientistischen Beherrschung am meisten 
widersetzt. So ist es erklärlich, daß der Kampf gegen den Naturscientis- 
mus vor allem seitens der Geisteswissenschaften und der «anthropolo- 
gisch» orientierten Philosophie geführt wird, obgleich es an radikalen Ver- 
suchen, auch das Erkenntnisideal der reinen Naturwissenschaften vom Sci- 
entismus zu befreien, nicht fehlt. 4 ) 

Hier ist nicht der Ort, auf diesen Kampf einzugehen, ebenso wie ich 
mir versagen muß, auch nur andeutungsweise auf die Etappen im Drama 
der Philosophie einzugehen, die dem scientistischen Erkenntnisbegriff ein 
Erkenntnisideal gegenüberzustellen sich bemüht, das nicht vom Natur- 
phänomen und nicht von seiner rationalen Erklärung ausgeht. ) 

Die Eros-Lehre von Piaton, die Erlösungs-Metaphysik von 
Schopenhauer, ja der amor intellectualis dei von Spinoza und 




200 



das Primat der praktischen Vernunft von K a n t , um nicht von christ- 
lichen Theologien, Buddhismus und Nietzsche zu sprechen — alle 
geben Anweisungen für das Leben u n d die Erkenntnis zugleich, wobei die 
Metaphysik des Seins, die Theorie der Wahrheit, und die Ethik des Sollens 
in einer originären Einheit verbunden sind. Die ganze Geschichte der 
Philosophie kann unter dem Gesichtspunkte des Kampfes zwischen Scien- 
tismus und entgegengesetzten Erkenntnisidealen dargestellt werden. 

Wenn nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir heute an der Schwelle 
einer entschiedenen antiscientistischen Orientierung des Erkenntnisideals. 
Ich möchte diesen neuen Weg, den zum Teile auch die Psa., wie wir sehen 
werden, gegangen ist, kurz als Technosophie bezeichnen und im fol- 
genden wenigstens einige ihrer allgemeinsten Züge andeuten. 

Basis und Ausgangspunkt für dieses Erkenntnisideal ist nicht die 
reine Position der gegenständlichen Natur, der eine tätigkeitslose und 
wertleere Ratio gegenübersteht, sondern das bis heute erkenntniskritisch 
fast gar nicht gewürdigte Faktum, daß personale Ziele, geistige Werte, so- 
ziale Sollungen, vitale Willensforderungen und ökonomische Intentionen 
nur durch «technische» Eingriffe in die Natur und die Seele verwirklicht 
werden können. Natur und Seele treten uns nicht als das Material einer 
indifferenten theoretischen Konstatierung, sondern vor allem als Anlässe 
zu realen Umgestaltungen im Sinne des subjektiven Telos entgegen. Falls 
diese Beherrschbarkeit des Gegebenen und seine produktive Umgestaltung 
in der materiellen und der geistig-psychischen Sphäre nur ein Derivat der 
Scientia wäre, wie wäre dann die Verwirklichung der technischen Auf- 
gaben möglich, angesichts der anerkannten rationellen Unzulänglichkeiten 
und theoretischen Unentschiedenheiten und Unabgeschlossenheiten der 
reinen Wissenschaften? Dies ist eine ernste Frage, deren evtl. Lösung viel- 
leicht in der Richtung liegt, daß das ideale Primat der sogenannten reinen 
wissenschaftlichen Erkenntnis und ihrer völligen Autonomie von tech- 
nischen, d. h. volitiven wirklichkeitsumbildenden Setzungen, gar nicht 
besteht. Welche Bedeutung das tätige Verhältnis des Subjektes zur Welt 
und zum Ich für die Theorie der Erkenntnis hat, wurde neuerdings durch 
Max Scheler meisterhaft beleuchtet. ) Ich verweise daher auf sein Werk 
und will hier nur bemerken, daß er bei der Ausarbeitung des relativen 
Wertes des Pragmatismus die Ideologie der Technik als einer selbstän- 
digen geistigen Provinz noch nicht genug würdigen konnte. Für unser heu- 
tiges Kulturbewußtsein ist die Technik fast immer noch eine bloße Tech- 
nik, bloß mechanisch erworbene Fertigkeit oder bloße Anwendung der 
Erkenntnisse auf Nützlichkeitsgebiete, im besten Falle die Summe der 
Mittel zur Beherrschung der Welt und des Ichs. Diese Verarmung der ur- 
sprünglichen Idee «techne» verdanken wir dem Einfluß der scientistischen 
Erkenntnisrichtung. Was das Phänomen «Technik» für die philosophische 
Weltanschauung bedeutet, beginnt erst in allerletzter Zeit durch die Be- 
sinnung der Techniker selbst deutlich zu werden. 7 ) 

Im Anfange des europäischen Philosophierens war die Idee der 

201 



«Techne» noch fruchtbringend für die Besinnung über das Wesen der Er- 
kenntnis. Sokrates ist es ja, der vom Begriff Techne immerfort aus- 
gegangen ist. Nach Sokrates müssen theoretisches Wissen und praktisches 
Können primär wesensgemäß eins sein. Im Gebiete der Technik — der 
handwerkmäßigen Kunde — ist noch deutlich, daß Können und Kennen 
nicht voneinander geschieden sind, da die theoretische Regel, das Prinzip 
des Handelns, dasselbe wirklich nur dann bestimmen kann, wenn dies 
Prinzip in der tatsächlichen Ausübung der Tätigkeit gewonnen ist. Wenn 
Avir von einem Handwerker heute sagen, «er versteht seine Sache», so ist 
in diesem «Verstehen», welches das Wissen und Können zugleich bedeutet, 
die theoretische Kunde und die praktische Fertigkeit noch eine originäre 
Einheit. Im Begriff der Techne sind das reine Wissen und das praktische 
Können so miteinander verbunden, daß eigentlich weder das Wissen ganz 
rein noch das Können bloß praktisch ist. Unter dem Gesichtspunkte dieses 
Begriffes versteht man, warum Sokrates die Erkenntnis immer durch 
Qualitäten des Handwerks oder der Tätigkeit, welche in die lebende Natur 
eingreift, erläutert, «Erkenntnis bedeutet (aber), ein Gebiet so beherr- 
schen, wie der Meister einer Kunst, eines Handwerkes das seine be- 
herrscht — in jeder Lage wissen, was richtiger- und zweckmäßigerweise 
zu tun ist, und über Warum und Wozu dieses Tuns Rechenschaft ablegen 
können. So verhält sich der Arzt in Fragen der Gesundheit, der Steuer- 
mann in Fragen der Seefahrt, der Schuster in Fragen der Fußbekleidung, 
wenn anders diese alle ihre Kunst, ihr Handwerk verstehen». 8 ) 

An der sokratischen Lehre der Erkenntnis, deren Begriff ursprüng- 
lich das Theoretische und das Praktische in der Ungeschiedenheit einer 
Techne verkörpert, kann auch der andere Zug des technosophischen Er- 
kenntnisbegriffes deutlich gemacht werden, nämlich seine Beziehung zur 
«Sophia» — zur Weisheit und zum Wertverhalten. Wahrhaft wertvoll ist 
nach Sokrates einzig die Erkenntnis, aber warum? Weil der Mensch es 
ihr allein verdankt, wenn er «etwas Gutes . . . oder Nützliches erreicht und 
davon . . . einen vernünftigen zweckmäßigen Gebrauch macht». 9 ) Nach 
Sokrates kann der Weg der Erkenntnis kein anderer sein, als schließlich 
zu einer Einsicht zu führen, die nicht nur praktisch opportun, sondern 
auch moralisch gut ist. Wenn Sokrates überzeugt ist, daß die Erkenntnis 
allein ausreiche, um das Gute zu tun, wenn für ihn Tugend — die per- 
sönliche moralisch tätige Qualität der Gesamtpersönlichkeit — und Er- 
kenntnis der Tugend einund dasselbe sind, so ist damit 
in die Ethik kein Rationalismus gesetzt, wie viele Autoren, wie z. B. auch 
Windelband, annehmen. Denn der Weg zum Guten, die Erkenntnis selbst, 
hat nicht den rationellen Charakter des tatenlosen, wertfreien, rein kon- 
statierenden und analysierenden Wissens, sondern alle ursprünglichen 
Merkmale der Tüchtigkeit (Apetf|) in ihrer doppelten Bedeutung 

des Wortes. 

Dieser Doppelsinn, der einmal die konstatierende Erkenntnis und tä- 
tige Technik, das andere Mal die Einsicht in die «Sache» und die Teleo- 



202 



aktivität der Wertsphäre verbindet, ist nicht eine theoretisch minder- 
wertige Äquivokation, wie öfters angenommen wurde, sondern eine posi- 
tive Wesensbestimmung der ursprünglichen lebendigen Funktion der Er- 
kenntnis, die uns abhanden gekommen ist und die für uns in scharf von- 
einander geschiedene geistige Sphären auseinandergefallen ist: Scientia, 
Ethos, Technik und personale Teleologie. 

Nachdem die Erkenntnistheorie die Sphären des reinen Bewußtseins 
und der Werte, der Kausalität und der Teleologie, des Noumenon und des 
Phaenomenon sauber auseinandergetrieben hat, ist es nicht abzusehen, 
welche Probleme der technosophische Begriff der Erkenntnistheorie noch 
aufbürden wird. Auf alle Fälle wird das Kategorien-System nicht bloß 
rationelle Gegenstands-Bestimmungen enthalten müssen, sondern auch 
Haltungen zum Ausdruck bringen, in welchen die vitalen Be- 
ziehungen der ganzen Persönlichkeit zur Welt verkörpert sind. Vorarbeit 
zu einer solchen technosophisch orientierten Erkenntnistheorie habe ich 
versucht, durch eine «psychognostische» Betrachtung der philosophischen 
Weltanschauung. Damit meine ich die Aufdeckung der ursprünglichen 
Geisteshaltungen, die den Weltanschauungen und philosophischen Syste- 
men idealtypisch zugrunde liegen und die letzten Endes konkrete Katego- 
rien des Kulturbewußtseins sind. Als solche habe ich in erster Linie den 
Willen zur Beherrschung und die Liebe als diejenigen metaphysischen Ur- 
taten hervorgehoben, nach welchen die philosophischen Weltanschauungen 
sich unterscheiden lassen. Auch in der Sphäre des objektiv Geistigen, wo 
nicht die Intention des individuellen Bewußtseins maßgebend ist, sondern 
wo das objektive Wesen der Phänomene gilt, kann man konstatieren, daß 
das «reine» Wissen nur ein Sonderfall der anthropologischen» Beherr- 
schungsideale ist. In diesem Sinne ist der technosophische Erkenntnisbe- 
griff das a priori des seien tischen. 10 ) 

Der technosophische Erkundungsbegriff ist nun in der Psa. tatsäch- 
lich verkörpert, wodurch eine in sich geschlossene Haltung in bezug 
auf psychische Objektivität verwirklicht ist. Gegenüber dem Scientismus 
bedeutet das aber eineeigeneWissensform. Nur sind freilich 
die Elemente der Technosophie von der Psa. im Laufe ihrer Entwicklung 
mit wesensfremden Zielsetzungen vermengt worden. Diese Zielsetzungen 
stammen aus der scientistischen Haltung und sind unter dem Drang, die 
Psa. zu einer Wissenschaft auszubauen, in diese hineingezogen worden. 
Dadurch droht die ursprüngliche Erkenntnisidee, die in der Psa. ver- 
treten war, zu verschwinden. In der Interferenz beider Ideen, der scien- 
tistischen und der technosophischen, liegen die erkenntnistheoretischen 
Schwierigkeiten der Psa. und die kritischen Stellen für die Geschlossen- 
heit ihres Systems. Die Kritik, die gegenüber der Psa. vom Standpunkt der 
positiven Wissenschaft geübt wird, zielt auf ihre technosophischen Ele- 
mente, ohne die Eigenart ihrer Wissensform und der Synthesis des Prak- 
tischen und des Theoretischen, des Teleologischen und des Kausalen, zu 
erkennen. Die Antikritik der Psa. begibt sich meistens auf dasselbe scien- 

203 



tistische Feld, anstatt die Nichtzuständigkeit der scientistischen Kritik 
gegenüber der Technosophie scharf herauszuarbeiten. 

Wie die Psa. sich unter diesen Umständen entwickeln wird, ist schwer 
vorauszusagen. Wird die technosophische Erkenntnisrichtung in der Psa. 
im Laufe ihrer Entwicklung aufgelöst, so wird sie der Erkenntnistheorie 
kaum andere Probleme aufgeben können als die anderen genetisch-biologi- 
schen Systeme der Psychologie. An dieser Stelle sehe ich daher meine 
Aufgabe darin, diejenigen Züge der Psa. zu betonen, die in der Rich- 
tung der technosophischen Erkenntnis form liegen, ohne die Interferenzen 
mit den scientistischen Begriffsbildungen immer zu berücksichtigen. 

Für den eigenartigen technosophischen, nicht scientistischen Cha- 
rakter der Psa. spricht vor allem die vom Standpunkt der Wissenschaft 
merkwürdige Forderung von Freud und seiner ganzen Gefolgschaft, 
daß nur derjenige in Sachen der Psa. mitsprechen darf, der sich einer psa. 
Behandlung unterworfen hat. Sich psa. lassen, die Psa. — mit allen ihren 
Etappen der Bewußtwerdung der latenten Traum gedanken, dem Abbrechen 
der Widerstände, dem Zurückgreifen in die infantilen Perioden, der Über- 
tragung auf den Analysator und der schließlichen Loslösung von dem- 
selben — an eigenem Leib oder vielmehr an eigener Seele wirklich er- 
lebt zu haben — soll die Bedingung für die Möglichkeit der wissenschaft- 
lichen Diskussion des psa. Systems sein. Ja, sogar das bloße Verstehen der 
Psa. wäre an die Tätigkeit als Analysandus gebunden. «Sie (Vertreter der 
Geisteswissenschaft A. G.) werden die Analyse verstehen lernen müssen 
auf dem einzigen Wege, der dazu offensteht, indem sie sich selbst einer 
Analyse unterziehen. u ) 

Nun, sobald sich die Psa. als Naturwissenschaft der Seele präsentiert, 
sobald die Psa., wie Freud sagt, wie jede Wissenschaft nur die Absicht 
kennt, ein Stück Realität widerspruchsfrei zu erfassen, sobald die Psycho- 
analytiker ihre Beobachtungen, Hypothesen und Konstruktionen nicht 
nur für eigenen Gebrauch aufstellen, sondern sie dem Forum der wissen- 
schaftlichen Welt unterbreiten und dafür die scientistische Qualifikation 
der Allgemeingültigkeit beanspruchen, geben sie eo ipso zu, daß ihre Lehre 
einer empirischen, logischen, wissenschaftstheoretischen und philosophi- 
schen Prüfung unterworfen werden kann und darf. Von allen diesen Ge- 
sichtspunkten, außer der Frage nach der Zuverlässigkeit des gegebenen 
empirischen Materials, aber auch schon im Hinblick auf die Methode 
seiner Gewinnung, dürfte jedes wissenschaftliche System sich kritisch 
durchleuchten lassen. Und kein noch so begeisterter Anhänger eines 
Systems würde die Dignität dieses kritischen Geschäftes von dem vorher- 
gehenden praktischen Mitmachen der Anwendungen dieses Systems am 
eigenen Leibe abhängig machen. 

Auch die materialistische Geschichtsauffassung darf kritisch behandelt 
werden, ohne daß gefordert wird, der Kritiker müsse zuvor selbst ein Pro- 
letarier oder Sozialdemokrat gewesen sein. 

Jedenfalls wurden die empirischen Grundlagen der Psa. zuerst er- 

204 



kannt und in ihrer Bedeutung anerkannt, ohne daß dieser Erkenntnis 
und diesem Verstehen eine tätige Analyse bei einem. Psychoanalytiker 
(der ja noch nirgends existierte) vorangegangen war. 

Woher denn diese vom Standpunkt der Wissenschaft nicht 
zu rechtfertigende hartnäckige Forderung der Psa., die eine allgemeine 
wissenschaftliche Erkenntnis vom praktischen Erleiden eines provo- 
zierten persönlichen psa. Schicksals abhängig macht? Die Antwort 
auf diese Frage lautet: Diese Abhängigkeit der Erkenntnis des theo- 
retischen Systems von dem Erlebnis und der Technik der Behand- 
lung ist nicht eine persönliche Überhebung der Psychoanalytiker, auch 
nichteinemethodologischelnkonsequenz, sondern ist 
ein vollwertiger Ausdruck der richtigen , aber nicht zu 
voller Klarheit gebrachten Einsicht, daß Psa. keine Seien- 
tia, sondern eine Technosophie der Seele ist. Nur in 
der technosophischen Erkenntnisart ist die Erkenntnis zu gleicher Zeit ein 
praktisches, tätiges Mitmachen der ganzen konkreten Situation, ein Leben 
in der Erkenntnis mit der ganzen konkreten Persönlichkeit. 

Das, was das eigentliche innere Wesen der Psa. ausmacht und 
was sie von anderen Disziplinen unterscheidet, ist nicht die dua- 
listische Metaphysik der Todes- und Eros-Triebe, nicht das topisch-öko- 
nomisch-dynamische Vokabularium der physikalischen und biologischen 
Analogie-Anleihen, sondern ihre besondere Wissensform. Sie ist er- 
kenntnistheoretisch nicht eine allgemeine Begriffsbestimmung, die nur 
mit eigenartigen Inhalten der betreffenden Materie erfüllt ist, sondern 
eine Umzentrierung des Erkenntnisbegriffes selbst in der Richtung vom 
bloß wissenschaftlichen Wissen auf die tätige Teilnahme des Subjektes an 
dem Gegenstand, auf Durchdringung der ganzen personalen Einheit mit 
dem Erkenntnisstoff. Erkenntnis ist in dieser Umzentrierung nicht ein 
bloß allgemein gültiges Wissen um den Gegenstand, sondern ein perso- 
nales Seinsverhältnis mit dem Gegenstand — ein Verhältnis, das in un- 
serem Falle nur in dem aktiven Mitmachen, im Erlebnis der Kur von Per- 
son zu Person verwirklicht werden kann. Nur wenn die Psa. eine der- 
artige technosophische Wissensform in erster Linie verkörpert, haben die 
folgenden Bekenntnisse über die theoretischen Schwierigkeiten der Psa. 
einen greifbaren Sinn. «Nichts ist so schwer reintheoretischdar- 
zustellen (A. G.) als die Psa., beruht sie doch im wesentlichen auf 
einem Experiment, das man nicht von außen vorführen kann, sondern das 
man a n s i c h s e 1 b s t e r 1 e b t h a b e n m u ß (A. G.). Dasjenige, was 
ich . . . als Experiment zu bezeichnen pflege ... ist identisch mit der psa. 
Kur, der praktischen Analyse». 12 ) 

Die Psa. als Theorie ist an den Situationskomplex der psa. Kur nicht 
nur historisch gebunden, sondern bezieht von ihr auch ihre Eigenart als 
Wissensform. Daß am seelisch kranken Menschen bestimmte Grundmecha- 
nismen der Seele am deutlichsten faßbar sind — wie von der Psa. be- 
hauptet wird — tritt nur dann in Erscheinung, wenn dieser seelisch Kranke 

205 






in einen Kontakt mit dem Arzt tritt und wenn aus der Wechselwirkung 
innerhalb der so entstandenen Gemeinschaft der Prozeß der Genesung, 
also der psychischen Umformung, aktiviert wird. Die Verschiebung in der 
Richtimg der Technosophie ist im Laufe der Entwicklung der Psa. gerade 
in der Kur immer deutlicher geworden: man sieht jetzt ein, daß thera- 
peutisch wirksam nicht das Wissen ist, welches dem Patienten während 
der Kur vermittelt wurde, sondern die Erlebensmomente, z. B. 
die Übertragung auf den Arzt. 13 ) 

Diese Situation der Kur, die Gemeinschaft von Patient und Arzt mit 
dem Ziele der Genesung und der hieraus folgende Prozeß der psychischen 
Umzentrierung ist für die Psa. auch als Theorie so wesentlich, daß Freud 
in seiner allgemeinen Theorie des Ichs diese Situation zur Aufklärung 
eines wesentlichen Punktes heranzieht. «Als Grenzwesen will das Ich zwi- 
schen der Welt und dem Es vermitteln ... es benimmt sich eigentlich wie 
ein Arzt in einer analytischen Kur, indem es sich selbst mit seiner Rück- 
sichtnahme auf die reale Welt dem Es als Libido-Objekt empfiehlt und 
dessen Libido auf sich lenken will». 14 ) 

Zum richtigen Verständnis des Zusammenhanges zwischen der Psa. 
als Theorie und der praktischen Kur muß betont werden, daß die letztere 
die Theorie nicht durch die Tatsache des Heilungserfolges wesentlich 
bestimmt, sondern durch ihren Situationscharakter als tätige Er- 
kenntnis zu zweien. Nur in dieser Gemeinschaft wird eine tat- 
kräftige, bildende und umbildende Aktivität der psychischen Energie des 
Ichs ausgelöst, wobei das Erkennen und das Erleben — Wissen und 
Sein — in einer originären Einheit gebunden werden. In dieser Situation 
haben wir eine typische technosophische Erkenntnisform vor uns. 

Der technosophische Charakter des psa. Erkenntnisbegriffes tritt 
außer dieser originären Verbindung zwischen dem unpersönlichen Wissen 
und dem personalen Werden auch in einer anderen Eigenart des betreffen- 
den Erkenntnisziels zutage, nämlich in der Tendenz der Psa. zur konkreten 
Erfassung der ganzen Persönlichkeit und ihres Kerns. 

Wie paradox es auch klingen mag, die scientistische Erkenntnis inter- 
essiert sich eigentlich sehr wenig für die Wirklichkeit, d. h. für das konkret 
Gegebene. Was die scientistische Erkenntnis interessiert, ist nicht der 
wirkliche Einzelfall, sondern das allgemeine Gesetz, die Regel. Darum muß 
der Scientismus alle Einzelfälle, von denen er ausgeht, irgendwie schema- 
tisieren, und die vorgefundenen konkreten Akzente vernachlässigen, von 
vornherein als nicht wesentlich behandeln. Die Psa. dagegen, und darin 
liegt zum Teil ihre Faszinierung, will ja gerade diese konkreten Akzente, 
die durch scientistische, auf die rein formellen Verläufe eingestellte Psy- 
chologie als «bloßer» Inhalt abgestempelt werden, in der Erkenntnis durch- 
leuchten. Psa. mit ihrem Ideal der durchgängigen Determinierung aller 
inhaltlichen Momente des Psychischen, will nicht von der Wirklichkeit 
zur Regel, sondern vielmehr umgekehrt von der Regel zur Wirklichkeit 
des Einzelfalls gelangen und seine ganze quantitative Mannigfaltigkeit zu 

206 



ihrem Recht kommen lassen. Wie eine technische Aufgabe erst dann wirk- 
lich gelöst werden kann, wenn die im allgemeinen Gesetz vernachlässigten 
konkreten Eigenarten des Einzelfalls in das Konstruktionsschema mit 
eingerechnet werden, genau so ist die psa. Aufgabe erst gelöst, wenn in 
der typischen Form die ganze personale Geschichte des Einzelfalls nebst 
den Konstitutionsfaktoren und seinen prospektiven bewußten und 
unbewußten Tendenzen ihren Platz gefunden haben. Ich meine dabei 
natürlich nicht nur den Einzelvorgang einer psa. Kur, sondern den Sinn 
der psa. Wissenschaft, wie sie durch Freud selbst gehandhabt wird, 
gleichgültig, ob auf einen Krankheitsfall, ein künstlerisches Erzeugnis oder 
eine Kulturerscheinung angewandt. 

Geht die Psa. nicht bis auf die letzten konkreten Akzente des Einzel- 
falls ein — was leider in den Publikationen der Freudianer sehr oft der 
Fall ist — dann muß der Eindruck entstehen, den H. Hartmann zu- 
recht als «Eintönigkeit» bezeichnet, «welche den Erklärungen der Psa. 
immer wieder zum Vorwurf gemacht wird». 15 ) Hartmann meint dabei 
aber, daß diese Eintönigkeit nur dann als methodischer Mangel anzusehen 
wäre, wenn die Aufgabe der Psa. die Erfassung der seelischen Zustände 
in ihrer anschaulichen Mannigfaltigkeit wäre. Da ihr Ziel aber ein in 
engerem Sinn naturwissenschaftliches, nämlich die Aufstellung von Re- 
geln oder Gesetzen ist, kann für sie nicht die Anschaulichkeit, muß viel- 
mehr der Erklärungswert ihrer Hypothesen entscheidend sein. 16 ) 

Ich meinerseits kann diesen Ausführungen von Hartmann nicht bei- 
stimmen und sehe in dem Vorwurf, der dem psa. Verfahren gemacht wird, 
gerade einen Hinweis auf die nicht naturwissenschaftlichen Ziele der Psa. 
Denn den Erklärungen der echten Naturwissenschaft, welche immer mit 
denselben physikalischen Kategorien und Begriffen arbeitet, wird niemals 
der Vorwurf der Eintönigkeit gemacht. So wenig wie jemals der Natur- 
wissenschaft in ihrem Geschäft der Vorwurf des Schematismus gemacht 
wurde, der gegen jede psa. Leistung, die rein «naturwissenschaftlich» vor- 
gehen möchte, erhoben werden muß! Man müßte sich in allem Ernst 
fragen, woher diese Verschiedenheit der Bewertung kommt, wenn die 
Methoden und Ziele der Psa. und der Naturwissenschaft dieselben sind. Ich 
meine, daß die Bewertung des psa. Vorgehens, sofem es sich naturwissen- 
schaftlich gebärdet, als Eintönigkeit und Schematismus daher kommt, 
daß die Psa. in diesem Fall den Kern der analysierten psychischen Äuße- 
rungen nicht trifft. Mit den Hypothesen und Gesetzen der Naturwissen- 
schaft wird aber bei der Anwendung auf die Phänomene der Natur das 
Wesen der Sache getroffen, oder dasjenige, was uns einzig und allein inter- 
essiert. Durch die naturwissenschaftliche Erklärung, durch die Reduktion 
der psychischen Qualitäten auf Elemente und ihre gesetzlichen Zusam- 
menhänge wird der Sinn des konkreten psychischen Geschehens innerhalb 
der Persönlichkeitsstruktur gar nicht getroffen. Wenn die Psa. den Sinn 
des Psychischen treffen will, so erklärt sie tatsächlich nicht 
naturwissenschaftlich, sondern sie deutet ! Durch die Deutungs- 

207 



methode dringt die Psa. zu dem Sinn der Einzeläußerungen innerhalb des 
psa. Systems durch und handelt in diesem Falle genau so wie die geistes- 
wissenschaftliche Heuristik und Hermeneutik. 17 ) 

Die Voraussetzung für das Deutungsverfahren bildet das Prinzip 
des objektiven Sinnzusammenhanges unter den Einzeläußerungen und der 
psychischen Realität, denn nur dort, wo ein solcher Zusammenhang be- 
steht, kann man nach der nichterlebten Bedeutung einer Äußerung für das 
Ganze des psychischen Verlaufs sinnvoll fragen. Dieses ganze Deutungs- 
verfahren hat im naturwissenschaftlichen Scientismus gar keine Ana- 
logien. Die Äußerungen der Natur hängen miteinander nicht in einem 
Sinn verband zusammen, sondern sind nur in funktionellen und rationellen 
Abhängigkeiten aufeinander bezogen. Im scientistischen Sinne wäre das 
«bloße» Deuten dementsprechend auch eine minderwertige Methode. Für 
die Psa. ist es aber ein Hauptbestandteil ihres Verfahrens. 

Auch dort, wo es nicht mehr um ein Deuten, sondern um ein Erklären, 
geht, nämlich in der psa. Mechanik, sind die Elemente dieser Mechanik 
irgendwie nur im Hinblick auf einen Sinnverband konstruiert. Die ganze 
unbewußte Energetik der Psyche beruht für die Psa. auf Hemmungen, 
und Enthemmungen, die nicht sinnleer energetisch sind. Die Hemmun- 
gen haben sozialhaften oder geisthaften Charakter. Ob Kompromiß 
zwischen Lust- und Realitätsprinzip, ob die Rivalität mit dem Vater und 
die Angst vor seiner Macht — es sind immer Instanzen, die, wenn auch 
unbewußt, doch so sind, daß sie ins Bewußte übersetzt an das Wollen 
appellieren und für die Verhaltungsweise des Menschen die Sphäre des 
objektiven Sollens bilden. Ohne einen bewußt erlebbaren Sinnverband 
zwischen dieser Sphäre und dem Triebleben würde die psychische Mecha- 
nik nicht als System der Regulationen für die Verhaltungsweise des Men- 
schen darstellbar sein. Auch könnte diese Deutung der realen Mechanik sich 
nicht nähern, wenn nicht ein Sinnverband der obigen Art da wäre und wenn 
seine Elemente selbst nicht einen Sinn hätten. Hartmann versucht 
zwar, diesen Sinn selbst in die metapsychologische, objektiv scientistisch- 
energetische Nomenklatur aufzulösen. Er führt z. B. aus : «Für den Begriff 
Ich-Ideal im Sinne der Psa. ist weder das Ich noch das Idealerlebnis das 
Wesentliche. Das Ich-Ideal ist vielmehr topisch-dynamisch-energetisch 
charakterisiert, d. h. durch seine Stellung zum Gegensatz Bewußt-Un- 
bewußt, durch seine Wirkungen, in unserem Beispiel die Zensur, und 
durch seine Stellung im psychischen Energie-Haushalt. Ähnlich wie das 
Wesentliche am Chlor nicht in seiner grünen Farbe liegt, sondern im Atom- 
gewicht und in seiner Kernladungszahl, in Begriffselementen also, die 
sich weit vom anschaulich Gegebenen entfernen». ls ) 

Gegenüber dieser Ausführung ist folgendes zu bemerken : Zugegeben 
sei, daß das Wesentliche des Ich-Ideals nicht im E r 1 e b n i s eines In- 
haltes besteht, d. h. nicht in seiner bewußten Gegebenheit als bestimmt 
intendierter Gegenstand mit dem erlebten Akzent des Sein-Sollens. Aber 
das Wesentliche des Ich-Ideals ist, daß es immerhin ein Ich-Ideal ist. 



208 



d. h. diejenige objektive Funktion hat, die dem Erlebensverlauf eine Rich- 
tung gibt. Auf diese Richtung erhalten wir nur dann einen Hinweis, wenn 
nachträglich das Erlebnis des Ich-Ideals prinzipiell wenigstens aufkommen 
kann. Ohne diese geistige Zielstellung innerhalb der psychischen Struktur, 
die nur im Hinblick auf das entsprechende Erlebnis oder Nachfühlen 
sinnerfüllt wird, würde das Ich-Ideal auch keine topisch-dynamische Cha- 
rakteristik haben. Die Darstellung des psychischen Energie-Haushaltes in 
der dynamisch-ökonomischen Nomenklatur hat nur insofern einen Er- 
kenntnisinhalt, als wir sie ohne Lücken in die ursprüngliche Sprache des 
schließlich erlebbaren Telos der Person zurückzuübersetzen vermögen. 
Und schließlich — genau so wie im Erkenntnissystem der Psa. alles Ge- 
schehen irgendeinem primären Ziel dient, also teleoklin ist, ist auch der 
Sinn des Systems selbst nur aus seinem Dienstverhältnis verständlich: 
Nicht nur in einer analytischen Kur dienen die durch den Patienten 
gewonnenen Erkenntnisse und Erlebnisse seiner Heilung und erhalten 
ihren Sinn von dem inneren Zusammenhang mit dieser letzteren. Auch die 
Psa. selbst als eine Wissensform ist nichts anderes als eine Psycho-Technik, 
eine innere Technik der Seele selbst, ein Zusammenhang der Ziele und 
Handgriffe, welcher dem Ausgleich der Spannungen zwischen Lust- und 
Realitätsprinzip, zwischen Eros und Todestrieben dient. Oder wie Freud 
sich gelegentlich selbst ausdrückt: «Die Psa. ist ein Werkzeug, welches 
dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es erleichtern soll». 18 ) 

In diesem Dienstverhältnis der Psa., aus welchem auch das ganze 
System zu verstehen ist, offenbart sich wiederum die technosophiche Eigen- 
art ihrer Erkenntnisse, in welcher Wissen und Wirken noch nicht ge- 
schieden sind, und wo «die widerspruchsfreie Erfassung von einem Stück 
Realität» 20 ) nur auf Grund des zielbewußten Eingriffes in diese Realität 
möglich ist, durch welchen Eingriff diese Realität erst zu ihrer Selbstent- 
faltung gelangen kann. 

Von dieser Fassung der Erkenntnis als eines wirksamen Zusammen- 
hanges der subjektiven Erkenntnissphäre mit der Realität führt die er- 
kenntnistheoretische Vertiefung unmittelbar zu dem für die Psa. charak- 
teristischen und schon oben (S. 198) angedeuteten Ontologismus der Er- 
kenntnis. Besteht zwischen der Erkenntnis und der Realität ein Realzu- 
sammenhang, so können seine Glieder einander nicht wesensfremd sein ; 
mit anderen Worten, die Kategorien der Erkenntnis und die erkannte 
Realität müssen dieselbe Realstruktur haben. Die moderne ontologiseh 
orientierte Erkenntnistheorie kommt auf einem anderen Wege zu ähn- 
lichen Gedanken. Für sie treffen die Erkenntnis-Kategorien auf die Gegen- 
stände der Erfahrung nicht zu, weil sieFormen des Bewußtseins sind, durch 
welche der Gegenstand erst konstituiert wird, sondern weil sie Prinzipien 
des Seins schlechthin sind. Das heißt, die Kategorien sind dasjenige, was 
dem realen Gegenstand und dem Subjekt als Seienden überhaupt erst 
gemeinsam ist. 21 ) 

Wenn bestimmte Kategorien etwas dem realen Gegenstand und dem 



14 



Prinzhorn, Psa. 209 



erkennenden Subjekt Gemeinsames und daher auch Wesensgleiches sind 
so muß auch in der konkreten Forschung diese Wesensgleichheit irgendwie 
zum Ausdruck kommen. Es will mir scheinen, daß in der psa. Begriffs- 
bildung diese Belastungsprobe für den Ontologismus geliefert wird. Denn 
ohne sich um erkenntnistheoretische Ableitungen zu kümmern, rein aus 
Bedürfnis, konkrete Ordnungsformen für die psychische Realität und 
ihre Zusammenhänge mit dem Bewußtsein zu bilden, hat die Psa. ein 
Kategoriensystem in Gebrauch, das ontologisch gemeint ist. Sucht man 
nämlich die allgemeinen Merkmale des psa. Begriffsapparates zu bestim- 
men, so findet man, daß die entsprechenden Kategorien nicht statisch, son- 
dern dynamisch gemeint sind, nicht formell logisch, sondern inhaltlich 
sachlich sind. Sie beziehen sich nicht auf Bewußtseinscharaktere allein, 
sondern auf totale (vitale) Bestimmungen des psychischen Seins. Mit an- 
deren Worten, sie tragen alle das Stigma der psa. Realität des Unbewußten. 
Die Kategorien in diesem Sinne sind dann auch für die Psa. nicht nur For- 
men des Wahrnehmens und des Begreifens der psychischen Realität, son- 
dern zu gleicher Zeit Ordnungsfunktionen, die der Realität selbst inhärent 
sind. Dies ist auch der letzte erkenntnistheoretische Grund, warum in der 
Psa. das Verstehen und Erklären ineinandergreifen und ineinandergehen, 
so daß sie im Idealgebilde jenseits des Gegensatzes der geisteswissen- 
schaftlichen und naturwissenschaftlichen Psychologie liegt. 

Wenn Kategorien Seinsbestimmungen des Realverhältnisses zwi- 
schen Subjekt und Realität sind, so kann schließlich auch nicht befrem- 
dend sein, daß die Realität im Plane der wirklichen Erkenntnis erst durch 
Herausarbeitung der Kategorien selbst «realisiert» wird. Und damit kom- 
men wir zu der letzten hier zu erwähnenden Konsequenz der technosophi- 
schen Erkenntnisart, nämlich zur echten Umbildung der geistigen Objek- 
tivitäten durch den werktätigen Eingriff in die Materie der Erkenntnis. 
Eine solche Umbildung, wie sonderbar dieser Gedanke auch dem 
scientistischen Geiste unserer Zeit scheinen mag, die an die Unwandel- 
barkeit der Verstandeskategorien und an die völlige Autonomie der Reali- 
tät als Voraussetzung der Naturerkenntnis glaubt, eine solche Umbildung 
ist auch für die allgemeinen Inhalte dieser Erkenntnis nachzuweisen. Die 
Raumanschauung ist z. B. im Laufe der Geistesgeschichte sicher modi- 
fiziert worden. Der runde endliche Raum der griechischen Kosmogonien, 
den ja auch Aristoteles als selbstverständliche Anschauungstatsache 
hinnahm, mußte unter dem Einflüsse der tätigen Eingriffe in den Raum 
(Fernrohr !) und der rationellen Bearbeitung durch mathematische Astro- 
nomie Platz machen für den heutigen, auch im vulgären Bewußtsein per- 
sistierenden Raumbegriff. Die runde Endlichkeit ist durch unendliche 
formlose Homogenität ersetzt. Auf die mögliche weitere Modifikation des 
Raumbegriffes unter dem Einfluß der E i n s t e i n sehen Befunde und 
Überlegungen soll hier bloß hingewiesen werden. 

Daß das Gebiet der Realität durch die spät wiederentdeckten Tat- 
sachen des psychischen Seins und seine Eigengesetzlichkeit um eine neue 



210 



Provinz bereichert ist, und daß dadurch überhaupt eine Verschiebung in 
dieser Kategorie stattfindet, ist ein Zeichen, unter dem die ganze Neu- 
entwicklung des europäischen Kulturbewußtseins steht. 

Ja selbst die mathematischen Kriterien, was vernunftgemäß ist und 
was nicht, sind im Laufe der Bearbeitung der entsprechenden geistigen 
Gebiete verschoben. Waren die irrationalen Zahlen erst ein «Skandalon 
des Denkens», heute kann das mathematische Denken ihrer nicht mehr 

entbehren. 22 ) 

Der letzte Grund für die Möglichkeit einer Umbildung der geistigen 
Objektivitäten durch die Erkenntnis liegt darin, daß beide Wesenheiten 
von derselben Materie sind. Die Erkenntniskategorien gehören je selbst 
zum Reiche der geistigen Objektivität und stehen daher mit anderen 
Objektivitäten nicht in einer formalen Beziehung, sondern in einem onti- 

schen Verhältnis. 

Nun, insofern die psa. Kategorien auf die Objektivität des Psychi- 
schen zielen und diese der Erkenntnis zugänglich machen wollen, scheint 
es mir, daß auch hier nicht eine statisch- formale Beziehung zwischen 
Ordnungsform und Gegenstandsmaterie obwaltet, sondern ein in das 
Wesen beider eingreifendes dynamisches Umbildungsverhältnis. Die Er- 
kenntniskategorien der Psa. werden langsamerhand im Bewußtsein der 
Zeit, die sich von der Naturrealität mehr und mehr der psychischen Reali- 
tät zuwendet, selbst schon zur kategorialen Erkenntnis und dadurch zu 
den wirksamen Gestaltungsformen der Psyche selbst. Daß das Psychische 
zweckhaft eingerichtet ist und zweckmäßig funktioniert, daß ein realer 
Gegensatz der Triebe im Zentrum der psychischen Mechanik steht, daß 
der Inhalt des Psychischen weitgehend determiniert ist, daß die psychische 
Realität ihrem Wesen nach unbewußt ist und daß sie mit der Realität des 
Lebens zusammenfällt, daß das Bewußte im Sinne der psa. Mechanismen 
deutbar ist, das alles wird langsamerhand zu den Voraussetzungen 
der psychologischen Erkenntnis überhaupt, mit denen man an jede psy- 
chische Äußerung herantritt. Indem die psa. Erkenntnisse zum a priori 
des Psychischen selbst werden, wird das Psychische als Kulturgut haupt- 
sächlich in den entsprechenden Richtungen objektiviert. Und so beginnt 
die psa. Wissensart heute schon zur Charakteristik des Psychischen selbst 
zu gehören. Die Theorie der Erkenntnis des Psychischen, die noch zu 
schreiben ist, wird daher z. T. eine Theorie des psa. umgeformten Psy- 
chischen sein müssen. 



Anmerkungen und Literaturangaben: *) Heins Hartmann: Die Grundlagen der 
Psychoanalyse, Leipzig 1927. — 2 ) Imre Hermann: Psychologie und Logik, Imago- 
Bücher Nr. 7. — 3 ) Ludwig Klages: Vom Wesen des Bewußtseins, Leipzig 1921, 
S. 2. — 4 ) Vor allem in der französischen Philosophie: Meyerson, L'explication 
dans les Sciences, Paris 1922. Milhaud, Essai sur les conditions et les limites de la 

14* 211 



certitude logique, Paris 1894. — B ) Man vergleiche zu diesem Thema z. B. den 
neuen Aufsatz von H. Schestow: Was ist Wahrheit? (Über Ethik und Ontologie) 
Philosophischer Anzeiger, Band 2, 1927. — e ) Max Scheler: Erkenntnis und Arbeit, 
in seinem Buche : Die Wissensformen und die Gesellschaft, Leipzig 1926. — 7 ) Ver- 
gleiche dazu : Viktor Engelhardt, Weltanschauung und Technik, Leipzig 1922. Eber- 
hard Zschimmer, Philosophie der Technik, Jena 1919. Friedrich Dessauer, Philo- 
sophie der Technik, Bonn 1927. — 8 ) H. Gomperz.Psychologische Beobachtungen, 
an griechischen Philosophen, Imago-Band X, 1924, S. 47- — 9 ) Ibidem. — 10 ) A. A. 
Grünbaum: Herrschen und Lieben als Grundmotive der philosophischen Weltan- 
schauungen, Bonn 1925. — ") 5". Freud: Die Frage der Laien- Analyse. — 12 ) Carl 
Müller-Braunschweig : Über das Verhältnis der Psycho-Analyse zur Philosophie, 
Imago-Band XI, 1925, S. 2. — 13 ) Vergleiche dazu : Ferenczi und Rank, Entwick- 
lungsziele der Psychoanalyse, 1924- — ") 5". Freud: Das Ich und das Es, Wien 
1923, S. 73. — 1B ) Heins Hartmann: a. a. O., S. 14- — 18 ) Ibidem. ") Zur Frage des 
Deutens und der Analogie mit geisteswissenschaftlichen Verfahren s. Ludwig Bins- 
wanger, Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse, Imago-Band XII, 
I92 6. — 18 ) A. a. O., S. i3. — 18 ) S. Freud, Das Ich und das Es, S. 7?>. — 20 ) So for- 
muliert Freud das Ziel der Psychoanalyse in scientistischem Sinne. S. seinen Auf- 
satz : Libido-Theorie im Handwörterbuch der Sexualwissenschaft, 1926. — 21 ) Vergl. 
dazu Nicolai Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, zweite Auf- 
lage 1925. F. Weinhandl, Zum Problem der Real-Transzendenz in der modernen On- 
totogie, Philosophischer Anzeiger Band I, 1926. — **) Vergl. dazu : Brunschwieg, 
Les etappes de la Philosophie mathematique, Paris 1914- 



ETHIK, PÄDAGOGIK UND PSYCHOANALYSE 

von Paul Häberlin 

Der Begrenztheit des zur Verfügung stehenden Raumes entsprechend 
beschränke ich mich auf die grundsätzliche Erörterung der Frage, was 
Psa. für die Ethik und die mit ihr unlösbar zusammenhängende Pädagogik 
bedeuten könne, unter Verzicht auf wissenschaftshistorische und ein- 
zelkritische Ausführungen. Es soll nicht, oder nur nebenbei, die Rede sein 
von den tatsächlich vorgekommenen Einstrahlungen der Psa. in jene Ge- 
biete noch von ethisch-pädagogischen Gestaltungsversuchen der Psa.-tiker 
selber sondern lediglich von den — sinnvollen — Möglichkeiten 
ethisch-pädagogischer Auswirkung der Psa. Aus der Einsicht in diese 
Möglichkeiten werden die Gesichtspunkte zur Beurteilung jener Tatsäch- 
lichkeiten sich für jedermann von selber ergeben. 



212 



/. Was ist Ethik? 

In den Kreisen, in denen die F r a g e nach der möglichen Bedeutung 
der Psa. für Ethik und Pädagogik noch existiert, insbesondere dort, wo 
sich mit dieser Frage entweder gewisse grundsätzliche Befürchtungen 
oder ebensolche Hoffnungen verbinden, scheint es mir vor allem an der 
Klarheit über das Wesen aller E t h i k zu fehlen. Denn wo diese Klarheit 
vorhanden wäre, da wäre die Frage in der Hauptsache gelöst. Ich halte 
es daher für die in unserm Zusammenhang wichtigste und jedenfalls für 
die erste Aufgabe, zu sagen, was Ethik ist. Selbstverständlich nicht unter 
Bevorzugung einer inhaltlich bestimmten Ethik, die neben andern mög- 
lichen Auffassungen als d i e Ethik erklärt würde, sondern allgemein, so 
daß die Wesensbestimmung für jede Ethik gilt. Wir wollen ja nicht 
wissen, was Psa. im Rahmen dieses oder jenes ethischen Standpunktes 
bedeuten könne, sondern welche mögliche Auswirkung ihr in der Ethik 
überhaupt beschieden sei. 

Ethik ist stets, in allen ihren Arten und Formen, Theorie des 
richtigen Lebens. Theorie, Lehre vom Leben also ; aber nicht 
Lehre vom Leben als solchem — das wäre, jenachdem, vielleicht Biologie 
oder Psychologie oder Metaphysik — sondern Lehre vom richtigen 
Leben. Sie beschreibt nicht das Leben wie es ist, sondern sie beschreibt 
das richtige Leben, das Leben, wie es sein müßte, wenn es richtig wäre. Sie 
erforscht nicht Tatsächliches, sondern sie stellt ein Gesetz auf — oder 
ein System von Gesetzen — für das tatsächliche Leben. Oder, wenn wir 
auch die zurückhaltendsten Formen der Ethik berücksichtigen : Ethik be- 
faßt sich mit der Frage des richtigen Lebens. Sie gibt vielleicht keine 
Antwort, ja sie leugnet vielleicht die Möglichkeit einer Antwort. Aber 
auch so hat sie es nicht mit dem tatsächlichen, sondern mit dem richtigen 
Leben zu tun. Darnach geht ihre Frage, und die Fragestellung ist das 
Entscheidende. Ethik ist ihrer Fragestellung nach und daher prinzipiell, 
wie immer die Antwort ausfalle, Theorie des richtigen Lebens. 

Man muß auch verstehen, daß diese Fragestellung nicht etwa wissen 
will, ob in der Wirklichkeit irgendwo richtiges Leben vorkomme. 
Das wäre — unter Voraussetzung eines ethischen Standpunktes und also 
eines inhaltlich bestimmten Begriffes der Richtigkeit — wieder eine Tat- 
sachenfrage. Wer sie lösen wollte, der triebe, von einem bestimmten 
ethischen Standpunkt aus, wiederum Psychologie oder Kulturgeschichte 
oder derartiges. Jedenfalls arbeitete er nicht an der ethischen Frage, 
— deren Lösung er vielmehr, in seinem Begriff des richtigen Lebens, 
bereits voraussetzte. Ob die Menschen tatsächlich gut oder böse seien, 
ob eine historische Bewegung richtig oder falsch sei, ob reine Sittlichkeit 
vorkomme : derartige Fragen sind nicht Fragen der Ethik, sondern empi- 
rische, psychologische, historische Fragen. Denn sie sind nicht Bestand- 
teile der wahrhaft ethischen Frage nach dem Richtigen oder Guten, son- 
dern sie setzen die Antwort auf d i e s e Frage bereits voraus, setzen einen 
Begriff, eine Norm des richtigen Lebens voraus, und untersuchen nun, 

213 



unter dieser Voraussetzung, lediglich die Tatsächlichkeiten, um fest- 
zustellen, wie weit sie jener Norm entsprechen. Nicht anders, als wenn 
jemand nach dem Vorkommen, der Verbreitung, der Reinheit des indo- 
germanischen Sprachtypus fragt, nachdem einmal dieser Typus fest- 
gestellt ist. Gewiß ist jene Art der Tatsachenfragen nicht «ohne Ethik» 
möglich. Aber deshalb sind sie doch nicht Fragen der Ethik, sondern 
eben Tatsachenfragen auf Grund einer durch die Ethik bereits fest- 
gestellten Antwort auf die Frage der Ethik. 

Auf jeden Fall also, und dies gilt es hier zu betonen, ist die Frage- 
stellung der Ethik eine durchaus andere als diejenige z. B. der Psychologie, 
und darum ist der Wissenschaftscharakter der Psychologie von dem- 
jenigen der Ethik toto genere verschieden. Psychologie fragt immer: was 
ist da ? Ethik fragt nie, was da sei, sondern stets, was richtig sei, und 
zwar nicht, was unter dem Daseienden richtig sei, sondern was über- 
haupt richtig sei, mag es nun irgendwo dasein oder nicht. Es ist darum 
ganz selbstverständlich, daß keine psychologische Antwort (Beobachtung, 
Gesetz, Theorie) irgendwie bedeutungsvoll oder aufschlußreich sein 
kann für die Frage der Ethik, so wenig wie andererseits irgendeine ethische 
Position belangreiche Antwort geben kann auf eine Frage der Psychologie. 
Für die Frage des Daseins ist es gleichgültig, was richtig sei, und für die 
Frage der Richtigkeit ist es irrelevant, was faktisch da sei. 

Damit aber diese allgemeinen und vorläufigen Feststellungen richtig 
verstanden werden, ist es nötig, daß wir tiefer in das Wesen der Ethik 
eindringen. Es ist nötig, zu sagen, was die Richtigkeitsfrage bedeutet 
oder bedeuten kann, und welche prinzipiellen Möglichkeiten darnach für 
die Beantwortung bestehen. 

Wie immer die Richtigkeitsfrage von vornherein verstanden werde, 
sicher ist, daß sie schon als Frage die Problematik voraussetzt, 
welche durch den Gegensatz richtig — unrichtig angedeutet ist. Nach 
dem richtigen Leben kann nur gefragt werden, wenn das Leben pro- 
blematisch ist. Der Dualismus muß im Leben selber stecken, wenn die auf 
ihn gegründete Frage möglich sein soll. Ohne Problematik des Lebens 
keine Frage nach der Richtigkeit des Lebens, also keine Ethik. — Em- 
pirisch gesprochen : wer den Gegensatz richtig — unrichtig nicht erlebt 
hätte, der kätte keine «Idee» von Richtigkeit, also könnte er nicht die 
ethische Frage stellen. Umgekehrt : wo die ethische Frage gestellt ist, setzt 
sie den Gegensatz richtig — unrichtig als erlebten Gegensatz voraus. 
Alle Ethik, d. h. alle Fragestellung, die sich mit der Richtigkeit befaßt, 
anerkennt also p r a k t i s c h jene Problematik, jenen Gegensatz, mag sie 
sich dann theoretisch dazu stellen wie immer es sei. Sie anerkennt sie 
praktisch dadurch, daß eben die F r a g e existiert. Wie könnte Richtigkeit 
zum Inhalt oder Gegenstand einer Frage werden, wenn sie, die Richtig- 
keit, nicht zusammen mit ihrem Gegensatz (also als Problematik) i m 
Leben selbst «anwesend» und daher «gelebt» und eben dadurch prak- 
tisch anerkannt wäre? — Wohlverstanden : wir urteilen nicht, ob jener 



2T4 



Gegensatz richtig — unrichtig eine «objektive Bedeutung» habe oder nicht, 
sondern wir konstatieren nur, daß er von aller Ethik als Lebensgegensatz 
(Erlebnis-Gegensatz) notwendig vorausgesetzt ist. 

Die Frage nach der Richtigkeit und die in ihr steckende Voraussetzung 
sind aller Ethik gemeinsam ; denn wo nicht nach Richtigkeit gefragt 
würde, da wäre nicht Ethik. Die Arten der Ethik unterscheiden sich 
daher nicht schon in dieser Frage oder jener Voraussetzung, sondern erst 
in dem, was auf sie folgt, d. h. in den «Antworten». Versuchen wir, 
systematisch die vorhandenen Möglichkeiten zu charakterisieren. 

Die erste große Scheidung ist durch die Existenz des ethischen R e - 
1 a t i v i s m u s bezeichnet. Er ist diejenige ethische Theorie, welche den 
objektiven Sinn der ethischen Frage leugnet. Nach dem richtigen Leben 
zu fragen ist sinnlos, weil es ein objektiv richtiges überhaupt nicht gibt. 
Alle mögliche «Richtigkeit» ist relativ, d. h. bezogen auf das wertende 
Subjekt: richtig ist immer nur, was jemand gerade für richtig hält, und 
eine andere als diese subjektive Richtigkeit gibt es nicht. Also ist die 
ganze ethische Frage — sie fragt ja nach dem objektiv richtigen Leben, 
denn das subjektiv Richtige ist eine Angelegenheit der Willkür und nie- 
mals ein Problem — von vornherein nicht etwa nur unlösbar, sondern 
schon als Frage sinnlos. Man sieht, daß der Relativismus sich damit von 
aller Ethik abkehrt ; denn wenn die ethische Frage schon sinnlos ist, so 
gibt es keine (sinnvolle) Ethik. Trotzdem ist er eine ethische Theorie, — 
und das ist ja gerade sein «Pech». Denn nicht allein hat er die ethische 
Frage gestellt (unbeschadet der späteren Sinnlos-Erklärung), sondern er 
involviert auch, trotz dieser Erklärung, eine ethische Antwort. Sie lautet : 
Es ist objektiv richtig, daß es eine objektive Richtigkeit nicht gibt; also 
ist es das objektiv Richtige, alle Richtigkeitsfragen (Skrupel und dergl.) 
als bedeutungslos zu betrachten und den ganzen etwa erlebten Gegensatz 
richtig — unrichtig prinzipiell zu negligieren. Auch der Relativismus an- 
erkennt also, und nimmt für seine eigene Theorie in Anspruch, eine 
objektive Richtigkeit, — dieselbe, die er leugnet. Auch er enthält eine 
Theorie des Richtigen (objektiv Richtigen), auch er gibt eine Anweisung 
zum richtigen Leben, — wenn dies Leben nach ihm auch nur darin besteht, 
daß alle praktische Problematik als objektiv bedeutungslos angesehen und 
behandelt werde. — Wir begnügen uns mit dieser Feststellung seines merk- 
würdigen Charakters, als einer Ethik der Leugnung aller Ethik, denn es ist 
uns nicht um Kritik, sondern um systematische Darstellung der möglichen 
Arten der Ethik zu tun. 

Die erste Scheidung, von der wir sprachen, ist die Scheidung in 
relativistische und nichtrelativistische (positive) Ethik. Diese letztere 
stellt und anerkennt die Frage nach dem richtigen Leben als eine sinnvolle, 
objektiv bedeutungsvolle Frage. Sie ist also dem Relativismus gegenüber 
insofern im Vorteil, als sie, wenn sie nun eine objektiv gemeinte Behaup- 
tung (Antwort) über das Richtige aufstellt, sich nicht von vornherein 
widerspricht. Ein Widerspruch ist nur dort, wo etwas als objektiv richtig 

215 



behauptet und doch die objektive Richtigkeit prinzipiell geleugnet wird, — 
wie es eben für den Relativismus charakteristisch ist. 

Für den Grundcharakter der positiven (richtigkeitsgläubigen) Ethik 
ist es nicht von Bedeutung, ob «das Richtige», die Norm des richtigen 
Lebens, für erkennbar gehalten werde oder nicht. Wesentlich ist nur, 
daß eine objektive Richtigkeit, also eine über allem Leben stehende Idee 
des Lebens, geglaubt und anerkannt wird. Diese Anerkennung erlitte 
keinen Schaden, wenn daneben die Überzeugung bestände, daß uns ewig 
verborgen bleibe, was jene Idee enthalte, wie also das richtige Leben be- 
schaffen sein müßte. Darum ist auch aller ethische Skeptizismus 
durchaus anti-relativistische, positive Ethik; denn gerade indem er die 
Erkennbarkeit des Richtigen leugnet, anerkennt er die objektive «Exi- 
stenz» des — unerkennbaren — Richtigen. Er ist überzeugt, daß das 
Leben unter objektivem Wertgesetz steht; aber er traut sich nicht zu, 
dieses Gesetz zu erfassen. 

Immerhin markiert der Skeptizismus die zweite Scheidung innerhalb 
der Ethik. Denn zufolge seines skeptischen Charakters enthält er sich 
jeder Antwort auf die Frage nach dem Inhalt des Richtigen. Er i s t 
Ethik, und zwar positive, richtigkeitsgläubige Ethik ; aber er ist inhaltlich 
unbestimmte oder besser : stumme Ethik, Ethik eingestandener ethischer 
Resignation. (Auch dies soll keine Kritik bedeuten.) Ihm steht, innerhalb 
der positiven Art, alle diejenige Ethik gegenüber, welche das Richtige für 
«erkennbar» hält, auch wenn sie nicht so weit geht, es heute oder irgend- 
wann schon für unzweifelhaft erkannt zu halten. Wir könnten diese 
nichtskeptische Variante als die im e n g e r e n Sinne positive Ethik zu- 
sammenfassend bezeichnen, weil sie allein inhaltlich bestimmte ethische 
Positionen ermöglicht, positive Aufstellungen über das richtige Leben. 
Nur innerhalb solcher Ethik kann sich die Tendenz aller Ethik er- 
füllen, kann die Frage nach dem richtigen Leben eine Antwort finden, 
ist eine wirkliche Theorie des Lebens möglich. An s i e denkt man 
daher allgemein, wenn man überhaupt von Ethik spricht; und insofern 
ist sie Ethik im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Auch wer z. B. die Frage 
nach der Bedeutung der Psa. für «die Ethik» stellt, wird vermutlich spe- 
ziell an diese nichtrelativistische und nichtskeptische Ethik denken, 
an die Ethik der ethischen Behauptungen. Denn sie allein ist die Ethik, die 
für eine bestimmte Moral eintritt. 

Die dritte Scheidung vollzieht sich in ihr, nämlich eben bei der in- 
haltlichen Bestimmung des Richtigen. Nur dies steht ja in ihr noch zur 
Diskussion: wie denn die Norm des Lebens beschaffen sei. Da die hier 
möglichen Scheidungen nicht mehr nur formalen, sondern inhaltlichen 
Charakter haben müssen (mögen sie auch in formalistischem Gewände 
auftreten), so kann man sie nur dadurch verstehen, daß man auf den In- 
halt der Problematik zurückgeht, welche aller ethischen Fragestellung 
zugrunde liegt. Wir wollen, um den Leser nicht mehr als hier nötig zu 
beanspruchen, nicht auf die metaphysische d. h. letztgültige Bedeutung 

216 



dieser Problematik eingehen, sondern lediglich ihre empirisch-psycholo- 
gische Erscheinung heranziehen. 

Wenn das Erlebnis des Gegensatzes richtig — unrichtig aller ethischen 
Fragestellung vorausgesetzt ist : wie oder woran wird denn dieser Gegen- 
satz erlebt ? Richtig — unrichtig bezeichnet die F o r m aller Problematik ; 
welches ist ihr allgemeiner Inhalt? Die Antwort ergibt sich, wenn man 
sich klar macht, daß die erlebte Richtigkeit oder Unrichtigkeit (oder 
vielmehr der erlebte Widerspruch zwischen beiden) sich immer auf die 
Richtung, die Tendenz, ja das Prinzip des eigenen Verhaltens bezieht. 
Es steht hinter der Möglichkeit des Problems ein realer Widerstreit prak- 
tischer «Lebensrichtungen». Und zwar ein prinzipieller Wider- 
streit ; denn ohne seinen grundsätzlichen Charakter gäbe es zwar «Schwie- 
rigkeiten der Entscheidung», aber kein Problem. Die Ethik geht auf 
Grundsätze, ihre Frage schon ist grundsätzlich gemeint ; nur auf grund- 
sätzlicher Unsicherheit kann eine grundsätzliche Frage beruhen. — 
Gegenüber dieser Feststellung eines für alle Ethik vorausgesetzten prinzi- 
piellen Widerstreites in der Lebensrichtung ist es zwar von sekundärer 
Bedeutung, die an jenem Widerstreit beteiligten «Tendenzen» (Rich- 
tungen des Wollens und Handelns) oder Interessen mit ihren psycholo- 
gischen Namen zu bezeichnen; wichtig für die E t h i k ist ja nur, daß ein 
prinzipieller Widerstreit überhaupt da ist (auch der Relativismus leugnet 
ihn nicht, er behauptet nur seine objektive Bedeutungslosigkeit). Allein 
gerade zum Verständnis der Scheidungen innerhalb der im engeren Sinne 
positiven Ethik müssen wir doch wohl jene psychologische Bestimmung 
wagen, auf die Gefahr hin, daß, da sie nur im Zusammenhang der ganzen 
Psychologie begründet werden könnte, viele hier nicht ohne weiteres 
werden mitgehen können. 

Es gibt nur zwei prinzipiell im Widerstreit stehende Lebens- 
oder Interessenrichtungen. Sie scheiden sich darnach, ob die (bewußte 
oder unbewußte) Absicht (Tendenz, Wertgesichtspunkt) des Verhaltens am 
handelnden Subjekt als solchem orientiert ist, so daß dieses Subjekt 
«im Mittelpunkte der Welt» steht, — oder ob der Orientierungspunkt des 
Verhaltens außerhalb aller Subjektivität liege, in einem «Werte», für 
dessen Wertcharakter es völlig irrelevant ist, ob er für den Handelnden 
oder für irgend jemand einen subjektiven Wert bedeute (zum subjektiven 
Wert erkoren werde) oder nicht. Beispiel dieser zwiefach-gegensätzlichen 
Orientiertheit : Man kann auf irgendeinem Gebiete forschen, weil diese 
Forschung Gewinn verspricht oder technische Möglichkeiten (für mich 
oder die «Allgemeinheit») in Aussicht stellt, oder mir «Vergnügen macht» 
oder meinem Ehrgeiz dient usw. ; man kann aber auch forschen um der 
Wahrheit willen, in dem Sinne, daß es gerade für die Idee der Wahrheit 
völlig irrelevant ist, ob sie «brauchbar» oder sonstwie nach subjektiver 
Orientierung wertvoll sei. Zwei Anmerkungen dazu. Erstens : es kommt 
hier nicht darauf an, ob die eine oder die andere Orientierung des For- 
schens irgendwo rein vorkomme ; es genügt, daß sie, als Richtungen 

217 



in allem möglichen Forschen, unterschieden werden. Zweitens: Selbst- 
verständlich wird für den, der im Namen der Wahrheit forscht, diese 
Wahrheit auch zum «subjektiven Wert»; aber wesentlich ist, daß sie 
zum subjektiven Wert deshalb und eben deshalb erwählt wird, weil sie 
an sich einen «objektiven» Wert bedeutet, für dessen Wertcharakter es 
gerade nicht darauf ankommt, o b jemand sie in seine subjektive Zweck- 
setzung aufnehme oder nicht. Das gilt von den anderen genannten Wer- 
ten (Brauchbarkeit usw.) nicht; denn diese beziehen ihren Wertcharakter 
vom Subjekt her, sie sind Werte nur dadurch, daß sie subjektiv erkoren 
werden. Nur der forscht wirklich um der Wahrheit willen, der «weiß» 
(fühlt), daß Wahrheit unter allen Umständen Wert sei, der sie also nicht 
um seinetwillen, sondern «um ihretwillen» verfolgt. Wer um der Wahr- 
heit willen forscht, dient einem Wert; wer unter jener anderen Orien- 
tierung forscht, dient nicht einem (von ihm unabhängigen) Wert, er 
«dient» nur sich selber, oder dann einem Subjekt, mit dem er sich «identi- 
fiziert» («Allgemeinheit» z. B.). 

Daß es sich hier, in diesen beiden Orientierungen, um einen prinzi- 
piellen Widerstreit handelt, ist klar. Man kann, um beim Beispiel zu blei- 
ben, nur entweder um der Wahrheit willen oder dann zu subjektiven 
Zwecken forschen. Oder besser : mögen auch beide Richtungen «in Per- 
sonalunion» in unseren Motiven sich verquicken, so vertragen sie sich doch 
grundsätzlich nicht, und die eine stört die andere. — Andererseits 
ist mit dieser Dualität der Orientierungsmöglichkeit alles umschlossen, 
was an prinzipieller Unverträglichkeit im Verhalten möglich ist. 
Denn subjektive Wünsche unter sich können zwar verschieden sein, aber 
es handelt sich dann nur um ein Abwägen und nicht um grundsätzliche 
Entscheidung; und ebenso kann der «Dienst am Objektiven» sich zwar ver- 
schiedenen Werten zuwenden, er bleibt trotzdem in der gleichen Orientie- 
rung, er bleibt objektiv orientiertes Verhalten, und leidet daher höchstens 
an Kraftzersplitterung, aber nicht an einem grundsätzlichen Widerspruch. 
Es kommt für das Verständnis der verschiedenen Bildungen inner- 
halb der positiven Ethik alles darauf an, daß man diese Natur der Proble- 
matik alles Lebens begreift. Nennen wir die beiden Interessenrichtungen 
kurzweg Subjektivität und Objektivität (der Orientierung), so haben wir 
den Grund aller möglichen Konflikte, den Grund aller möglichen Unter- 
scheidung von richtig und unrichtig, den Grund aller ethischen Frage- 
stellung damit bezeichnet. Wohlverstanden : wir beschreiben hier 
die von der Ethik vorausgesetzte Problematik, und es fällt uns nicht ein, 
zu den beiden Seiten des Dualismus wertend Stellung zu nehmen. Wir 
treten nicht ein für die «Richtigkeit» weder der subjektiven noch der ob- 
jektiven Orientierung. Sondern wir konstatieren, daß, psycholo- 
gisch betrachtet, der ethischen Frage dieser und kein anderer Dualis- 
mus zugrunde liegt. Und wir freuen uns, feststellen zu können, daß im 
Grunde keine Psychologie, die sich überhaupt mit ethischen Konflikten be- 
faßte, je andrer Meinung gewesen ist. Man hat (zwar nicht aus psycho- 

218 



* 



logischen, aber aus selber ethischen Gesichtspunkten) den prinzipiellen 
Widerstreit oder seine Partner verschieden bewertet, aber man hat 
ihn überall konstatiert. Sogar innerhalb der Psa., — «sogar» sagen 
wir, weil erfahrungsgemäß die überwiegende Mehrzahl ihrer Vertreter — 
in diesem Punkte als Ethiker und nicht als Psychologen — zu rela- 
tivistischer Stellungnahme neigt, infolgedessen jenen Widerstreit als ob- 
jektiv sinnlos beurteilen möchte und also ein gewisses Interesse daran hat, 
ihn als «unrichtig» zu behandeln, womit begreiflicherweise ein Nachlassen 
der Aufmerksamkeit auch für seine subjektive Tatsächlichkeit sich leicht 
verbindet. Trotzdem, sagen wir, konnte sogar die Psa. nicht umhin, den 
prinzipiellen Widerstreit zu konstatieren und in ihm die Grundlage der 
ethischen Frage, den Inhalt der eigentlichen Lebensproblematik, zu sehen. 
Man braucht nur an Begriffe wie Zensur oder Sublimierung zu denken. 
Daß die Theorie behauptet, jene «objektive Orientierung» sei nicht indi- 
viduell-ursprünglich, sondern auf subjektiven Umwegen von außen herein- 
gekommen oder dann aus Umwandlungen subjektiver Tendenzen autogen 
entstanden, ist dabei — ganz abgesehen von der Frage der Haltbarkeit 
dieser vom Relativismus diktierten Theorie — hier völlig irrelevant. Mag 
der innere Widerstreit herkommen woher es sei : wesentlich ist, daß er da 
ist und daß auf ihm alle Ethik sich aufbaut, — und eben dies sieht sogar 

die Psa. 

Ist aber der Grund- Widerstreit derjenige zwischen Subjektivität und 

Objektivität in uns, genommen als divergente Orientierungsrichtungen, — 
bedeutet jeder grundsätzliche Konflikt die Aktualisierung dieses Wider- 
streites, besteht darin die erlebte Problematik, so kann sich die ethische 
Frage nach richtig und unrichtig nur um die Entscheidung in eben diesem 
Dualismus drehen. Es kann sich für alle inhaltlich bestimmt sein wollende 
Ethik nur darum handeln, den Anspruch der Subjektivität oder denjenigen 
der Objektivität zu sanktionieren (sich prinzipiell dafür zu entscheiden), 

oder dann eine «Vereinigung» der widerstreitenden Orientiertheiten zu 

suchen. Der Gegensatz richtig — unrichtig wird a m Widerstreit zweier 
Richtungsmöglichkeiten erlebt, von denen jede die andere «unrichtig 
nennt» ; w a s richtig und was unrichtig sei, kann daher nur durch Ent- 
scheidung gegenüber diesen Möglichkeiten beschlossen werden. Dieser 
Beschluß ergibt den Grundzug so oder so bestimmter positiver Ethik. 

So versteht man die historische Möglichkeit und den systematischen 
Zusammenhang der im folgenden kurz zu charakterisierenden Richtungen 
innerhalb derjenigen Ethik, die über das Richtige überhaupt Aussagen zu 
machen wagt. Alle diese Ethik ist generelle und prinzipielle Entscheidung 
im Streite zwischen subjektiver und objektiver Orientierung des Verhal- 
tens, oder, wie man dafür auch wohl sagt : zwischen Trieb und Geist (es 
soll auf die Terminologie kein Gewicht gelegt werden). 

Problematik ist prinzipielle Zweideutigkeit. Alle Entscheidung auf 
Grund der Problematik will Eindeutigkeit. Das ethische Problem ist die 
Frage der Eindeutigkeit der Orientierung. Sie kann nur so gelöst werden, 

219 



daß einer Orientierung der Charakter der Richtigkeit zugesprochen 
wird. Damit wäre dann zwar nicht der Dualismus der Möglichkeiten be- 
seitigt, wohl aber — und darauf kommt es in der ethischen Theorie 
allein an — eine prinzipielle Eindeutigkeit gefunden. 

Man sieht sogleich, daß, bei vorhandener Problemlage, zwei Typen 
ethischer Lösung zunächst vorhanden sind. Daraus ergibt sich die erste 
Scheidung innerhalb der eigentlich positiven Ethik. Entweder wird 
das Richtige über den beiden widerstreitenden Orientierungen gesucht, 
als ihre Überhöhung gewissermaßen, oder es wird i n einer der beiden 
grundsätzlichen Verhaltensweisen gesehen. Im letzteren Falle sprechen wir 
von Radikalismus, weil in der ethischen Theorie entweder die Sub- 
jektivität (Triebanspruch) oder die Objektivität («geistiger» Anspruch) 
radikal sanktioniert und die Gegenrichtung ebenso radikal verurteilt, 
als «böse» gebrandmarkt wird. Darum gibt es zwei untereinander ent- 
gegengesetzte Radikalismen in der Ethik, den subjektivistischen (kurz 
Subjektivismus genannt) und den objektivistischen, der wohl als 
Rigorismus bezeichnet wird, weil er den subjektiven Allsprüchen rigoros 
entgegentritt. Als typische Vertreter gelten (die Richtigkeit dieses 
Urteils sei hier nicht untersucht) etwa Nietzsche (der sicher eher 
Subjektivist als Relativist genannt werden muß) und Kant. Jeden- 
falls ist für den subjektivistischen Radikalismus charakteristisch, 
daß er für den Anspruch des «natürlichen» Menschen prinzipiell 
eintritt, d. h. für den Anspruch der am Subjekt orientierten Werte, so 
daß er ebenso grundsätzlich «geistfeindlich» ist, im Sinne der Degradation, 
ja der moralischen Verurteilung aller nicht subjektiven Orientierung. 
(«Gott ist tot», — Gott gemeint als Setzer objektiver Werte; und wenn er 
nicht tot wäre, so müßte man ihn zum Tode verurteilen.) — Es ver- 
schlägt auch hier gar nichts, daß diese Richtungen in völliger Reinheit oder 
Konsequenz vielleicht nirgends tatsächlich vorkommen, — was auch für 
das Folgende gilt. 

Den Radikalismen steht alle «Ethik der Einheit» gegenüber, in dem 
Sinne, daß das Richtige (Gute) in einem Verhalten gesehen wird, welches 
sowohl der Subjektivität als auch der Objektivität in uns Rechnung trägt, 
— alle Ethik also, welche beiden Ansprüchen prinzipiell gerecht wer- 
den möchte. Auch diese Ethik sucht Eindeutigkeit, aber sie will sie nicht 
herstellen durch Elimination einer der beiden Interessenrichtungen, son- 
dern durch ein einheitliches Drittes, in welchem jene beiden aufgehoben 
wären und ihr Zwiespalt überwunden wäre. Man könnte diese Ethik auch 
Ethik des Glücks nennen, aus folgendem Grunde. Jeder Radikalismus tut 
einem der beiden «Bedürfnisse» in uns prinzipiell weh, entweder dem sub- 
jektiven Bedürfnis unsrer am Individuum orientierten Ansprüche (Trieb- 
bedürfnis, also z. B. Bedürfnis der Selbsterhaltung oder der Erotik), oder 
dann dem ebenfalls vorhandenen «Bedürfnis» der Objektivität, Sachlichkeit, 
Geistigkeit ; so tut alle subjektivistische Ethik z. B. dem Gemeinschaftssinn 
oder dem Gerechtigkeitsbedürfnis oder dem Verantwortlichkeitssinn oder 



220 






auch dem logischen oder sachlich-ästhetischen «Geschmack» prinzipiell 
Abbruch, weil ja alle diese objektiv orientierten Interessen gerade nicht 
zu ihrem Rechte kommen, wenn nur dasjenige richtig sein soll, was dem 
Subjekt als solchem, um seinetwillen, dient oder angenehm ist (der Dienst 
am objektiv orientierten Ziel ist unter Umständen sehr wenig «angenehm», 
und Kant hat nicht mit Unrecht gesagt, daß man nur dann sicher sein 
könne, dem Objektiven zu dienen, wenn die Sache subjektiv nicht an- 
genehm sei). — In der Durchführung radikalistischer Ethik, sei sie 
subjektivistisch oder rigoristisch, müßte also eines unserer beiden Grund- 
interessen nicht nur zu kurz kommen, sondern es müßte geradezu be- 
kämpft werden. Und je mehr dies gelänge, um so mehr wäre das Ergebnis 
für uns zwar Befriedigung des einen, aber dafür akute Verletzung des an- 
dern Interesses. Nennt man allgemein die Befriedigtheit eines Interesses 
«Glück», so schüfe die Durchführung radikalistischer Ethik zwar Glück 
auf der einen, aber Schmerz (Unglück) auf der andern Seite, m. a. W. ein- 
seitiges und daher getrübtes Glück. Radikaler Dienst an objektiven Wer- 
ten verlangt das Opfer der Subjektivität, also Schmerz am ich-orien- 
tierten Interesse (Wunsch). Radikaler Dienst am «Ich» verlangt das 
Opfer nicht-subjektivistischer Gesinnungen («Ideale»), bringt also 
Schmerz von dieser Art (Scham, «schlechtes Gewissen» moralischer oder 
logischer oder ästhetischer Art usw.). Auf keinen Fall also ist radika- 
listische Ethik eine «Ethik des Glückes» in dem Sinne, daß das «Gute» 
(Richtige) mit dem «Guten» im Sinne des Glückhaften identisch wäre. 

Gerade diese Identität aber verfolgt alle Ethik der Einheit. Sie möchte 
ein Prinzip des Verhaltens finden, in welchem nicht eines der Grund- 
interessen prinzipiell verletzt würde, in welchem vielmehr beide zu ihrem 
(wenn auch vielleicht nur relativen) Rechte kämen. So daß die D u r c h - 
führung dieser Ethik auf keiner Seite notwendig Unglück brächte, 
sondern Befriedigung subjektiver wie geistiger Art, — nicht einseitiges, 
sondern «volles» Glück. Das also beschaffene Verhalten wäre dann als 
richtiges (ethisch gefordertes) zugleich auch glückhaft; das Gute im 
ethischen Sinn fiele mit dem Guten im Glücks-Sinn (bonum) zusammen. 
Darum «Ethik des Glücks» (Aristoteles sagt von Plato, er habe die Men- 
schen gelehrt, daß der Sterbliche gut und glücklich nur zugleich werden 
könne). 

Wiederum ist ohne weiteres verständlich, daß es z w e i Typen solcher 
Einheits-Ethik gibt. Entweder nämlich kann die Einheit der sich wider- 
streitenden Mächte in einer Vereinigung der Ansprüche gesucht 
werden, in welcher sie sich nicht mehr wehetäten, — oder in einem sie 
beide überhöhenden Prinzip, in welchem sie «aufgehoben», ihres Gegen- 
satzes beraubt und doch nicht eliminiert wären. Die Ethik der ersten Art 
kommt notwendig auf einen so oder so dosierten Kompromiß hinaus. 
Denn da die beiden Richtungen prinzipiell gegensätzlich sind, lassen sie 
sich nicht anders «vereinigen» als so, daß die Subjektivität ein Stück 
weit eingeschränkt wird, damit Raum für den Anspruch des geistigen 

221 



Interesses bleibe, und daß umgekehrt die Ansprüche des letztern mehr 
oder weniger «ermäßigt» werden, auf daß doch auch die am Ich orien- 
tierten Bedürfnisse noch mehr oder weniger zu ihrem Rechte kommen. 
Das also geforderte Verhalten kann nur ein wohltemperiertes Mittleres 
zwischen radikaler Subjektivität und radikaler «Sachlichkeit» repräsen- 
tieren, — in verschiedener möglicher Mischung (wonach sich dann die 
Unterformen dieser Kompromißethik unterscheiden) . Die allgemeine For- 
mel lautet daher : Es ist richtig, in der Befriedigung subjektiver Ansprüche 
Maß zu halten zugunsten sachlicher Werte (Kultur !), und außerdem, da- 
mit gleichzeitig, jene Bedürfnisse zu «kultivieren», d. h. so zu modifizieren, 
daß ihre Befriedigung ein gewisses Maß von Kultur (von geistigem Le- 
ben) möglich macht. Hierzu wäre etwa der Begriff der Sublimierung zu 
vergleichen. Das Gute besteht nach dieser Ethik gerade in einem «weisen» 
Mittelweg zwischen den beiden extremen Ansprüchen. Ihr Ideal ist das 
«kultiviertes» Individuum, welches es versteht, i n seiner Kultiviertheit 
seine subjektive Befriedigung zu finden. Darum wird das «geistige Ver- 
gnügen», werden die «höheren Bedürfnisse» gepriesen, gegenüber den- 
jenigen, deren Geistfeindlichkeit ohne weiteres in die Augen fällt. Darum 
ist hier von «Gütern» die Rede, welche es zu schaffen und zu wahren gelte : 
diese Güter sind Besitztümer und Institutionen, welche bei all ihrem sach- 
lichen Wertcharakter dem Individuum, wenigstens eben dem Kultivierten, 
ein ausreichendes Maß von subjektiver Befriedigung verschaffen oder 
doch gestatten. Es ist unschwer zu erkennen, daß unsere faktisch ver- 
wirklichte Kultur (wie diejenige aller Zeiten) im Schaffen oder im 
Besitz von Gütern eben dieses Charakters besteht. Wir wollen eine Kultur, 
in der sich «leben läßt» und die uns doch das Bewußtsein gibt, «höhere 
Wesen» zu sein. Wir wollen vital-subjektive Befriedigung und ein gu- 
tes Gewissen. So daß also jene Kompromißethik (das Wort soll keinen 
Tadel enthalten) sich in ihrer Forderung nicht allzuweit von der Realität 
entfernen wird : sie ist die eigentliche Ethik der «faktischen Kultur». Sie 
ist zugleich diejenige Ethik, die man gewöhnlich meint, wenn man von 
Eudämonismus spricht. Denn wenn auch das Wort schließlich für 
alle Glücksethik verwendet werden könnte, so hat man sich doch gewöhnt, 
nur diese eine Art damit zu bezeichnen : eben die Ethik, welche aus- 
rechnet, auf welchem mittleren Wege zwischen den Extremen für 
uns ein Maximum an Glück — an kombiniertem Glück beider Rich- 
tungen — zu erreichen sei. Diese Ethik erwählt eben grundsatzlich das- 
jenige Verhalten zum Richtigen (Richtunggebenden), welches ein maxi- 
males Glück verspricht, und das kann nur ein Verhalten sein, welches in 
kluger Dosierung beiden Ansprüchen Rechnung trägt. 

Dieser Ethik direkt gegenüber steht die andere Art der Einheitsethik. 
Sie glaubt von vornherein nicht an die Möglichkeit einer derartigen «Ver- 
einigung» des an sich Widersprechenden. Darum will sie von einem Kom- 
promiß nichts wissen, so wenig wie irgendein Radikalismus es will. Ihr 
wie dem Radikalismus erscheint die Annahme eines «Ausgleiches» oder 



222 



einer Verträglichkeit der Ansprüche naiv ; sie nimmt die Problematik des 
Lebens vollkommen ernst, so wie sie in uns vorhanden ist. Will sie trotz- 
dem eine prinzipielle Lösung im Sinne der Einheit und des Gerechtwerdensj 
nach beiden Seiten, so kann sie daher nur ein solches Verhalten, im Sinne 
des Richtigen, suchen, in welchem der Widerspruch der Mächte «erhalten 
bleibt» und praktisch anerkannt ist, doch so, daß dieser Widerspruch von 
einem höheren Prinzip aus als relativ «erkannt», d. h. praktisch be- 
handelt und gelebt würde. Da nun aber die Prinzipien unseres wirklichen 
Lebens in eben jenen beiden prinzipiell widerstreitenden Interessenrich- 
tungen gegeben sind, und da dieser Gegensatz unser mögliches Verhalten 
vollkommen durchzieht und restlos ausfüllt, so kann ein sie überragendes, 
höheres Prinzip nicht «in uns gefunden» werden; es kann kein «Prinzip 
der Wirklichkeit» sein. Sondern es kann nur in einer Sphäre gesucht wer- 
den, welche aller Wirklichkeit übergeordnet ist. Mit andern Worten : es 
kann nur als überreales Prinzip geglaubt werden, im vollen reli- 
giösen Sinn dieses Wortes. Es muß zugleich absolutes Prinzip sein, 
d. h. es muß jener Realitiviertheit entzogen sein, welche jedes der wirk- 
lichen Prinzipien des Verhaltens darum charakterisiert, weil jedes von 
ihnen seinen Widerpart hat und daher in Wirklichkeit nicht als absolutes 
(schlechthin geltendes, unwidersprechliches) existiert. Nur ein absolutes 
Prinzip kann einheitlich-eindeutiges Prinzip sein, und ein derartiges 
Prinzip ist ja gesucht. 

Es kann hier nicht weiter ausgeführt werden, warum eine solche 
Ethik nur als religiöse Ethik existieren kann, wiewohl die Begrün- 
dung dieses Satzes nicht ganz überflüssig wäre (man könnte ja sagen, das 
Absolute müsse nicht notwendig religiös gedacht werden). Ebensowenig 
können wir auf die Meinung eintreten, daß ja auch eine andersartige Ethik, 
z. B. der radikalistische Rigorismus oder sogar der Eudämonismus, reli- 
giösen Charakter haben könne, — dann nämlich, wenn z. B. geglaubt 
werde, die ethische Forderung, die solche Ethik aufstellt, stamme «von 
Gott». Wir wollen zu diesem Punkt nur nebenher das eine bemerken : es ist 
nicht jede Haltung religiös, die sich auf Gott beruft, und es ist nicht jede 
Theorie religiös begründet und darum von religiösem Charakter, in wel- 
cher «Gott vorkommt». — Aber wir lassen das auf sich beruhen und wen- 
den uns wieder der hier in Frage stehenden Ethik selber zu. 

Ihr Charakter ist dieser. Es wird geglaubt, daß es ein schlechthin 
Richtiges, ein für die Wirklichkeit Geltendes gebe, welches nicht in jenen 
beiden unsre Problematik ausmachenden Verhaltensprinzipien aufgehe, 
sondern sie beide, trotz ihres Widerspruches, umschließe. So daß also 
dieser Widerspruch für uns zwar unvermeidlich da ist, daß er aber «im 
Absoluten», unter absolutem Gesichtspunkt, aufgehoben, d. h. als Wider- 
spruch relativ ist. Dieses absolut Richtige können w i r nicht tun, weil wir 
ja im Widerspruch, in der Relativität, in der praktischen Zwiespältigkeit 
leben. Aber es i s t getan oder wird getan, eben weil es, als absolut 
Richtiges, gar nicht nicht-sein kann (um nichtsein zu können, müßte es 

223 



einen Widerpart haben, und dann wäre es nicht absolut). — Auf die ver- 
schiedenen möglichen Ausprägungen dieses Glaubens wollen wir nicht ein- 
gehen. Wesentlich ist nur dies : wenn das Richtige getan wird, mit ab- 
soluter «Notwendigkeit», so hat es also im absoluten Sinn «nichts 
zu bedeuten», daß w i r stets im Widerstreit leben und also «das Rich- 
tige» nie treffen können. Dieser Widerstreit sinkt zu relativer Bedeutung 
herab. Vielmehr : er ist gerade notwendig «richtig» : denn er ist, und 
nur das absolut «Gewollte» ist. Es wird also geglaubt, daß unsere 
«Unvollkommenheit», die im stetigen inneren Kampf (Problematik) ihren 
Ausdruck findet, gerade zur absoluten Vollkommenheit, d. h. zur 
Richtigkeit des Lebens gehöre. S o ist der Widerspruch im höheren Prin- 
zip aufgehoben. 

Aber ist das noch Ethik? Ist damit, was doch Ethik will, ein Prinzip 
des richtigen Verhaltens, ein Prinzip des Guten, angegeben ? Schein- 
bar nicht, und scheinbar mündet diese Ethik in die Skepsis, wenn nicht in 
den Relativismus zurück. Aber nur scheinbar. Denn sie lehrt doch etwas, 
was wir tun können und tun sollen, im Sinn des absolut Richtigen, besser : 
in seinem Dienst. Zwar können wir nicht das absolut Richtige tun, aber 
wir können jenen Glauben haben und eben durch ihn am Absoluten Anteil 
nehmen, es glaubend, ihm uns beugend, in seinem Dienst und in seinem 
Namen — auf seine höhere Richtigkeit vertrauend — unsere Proble- 
matik aktivieren, d. h. den Kampf des Lebens kämpfen, immer ringend 
um «u n s e r e R i c h t i g k e i t», d. h. um das, was unseren Augen als 
Richtigkeit (als Ausdruck oder Abglanz der Richtigkeit) erscheinen 
mag. Das eine und große Gebot dieser Ethik heißt darum : Glaube, und 
nichts als Glaube ! Und wenn auch das Glauben -Können selber wieder 
der Problematik untersteht, wenn also der Glaube ständig neu erkämpft 
und gegen widerstreitende «Anwandlungen» verteidigt werden muß : so 
ist doch eben gerade hier die erste wesentliche Aufgabe für diese Ethik 
gegeben. 

Diese Andeutungen über den Charakter der religiösen Ethik mögen 
genügen. Auch sie ist, wie der Eudämonismus, Ethik der Einheit, jedoch 
ohne Kompromiß. Auch sie ist Ethik des Glücks, jedoch ohne Abwägen 
und Ausrechnen einer optimalen Mischung aus beiden Arten des Inter- 
essenglücks. Vielmehr kennt sie ü b e r oder i n diesen Arten ein «höheres» 
Glück, das deshalb mit dem «Guten» zusammenfällt, weil es das Glück des 
Glaubens, des ruhigen Vertrauens in das absolut Richtige und seine «Wirk- 
samkeit» ist. Diese Ethik nimmt das der Problematik entsprechende und 
notwendige Leiden nicht im letzten Sinne tragisch, sondern sie trägt es 
als das absolut Notwendige, Richtige, Gute. So will sie das «Unglück», 
ohne es zu fliehen (wie der Eudämonismus will), überwinden. 

Damit sind, wie wir glauben, in den großen Zügen die möglichen 
Arten der Ethik charakterisiert und systematisch zueinander und zum 
ethischen Problem in Beziehung gebracht. Wenn wir darlegen sollten, was 
Ethik ist, so war es nötig, auf diese ihre möglichen Ausprägungen ein- 

224 



zutreten. Es hätte nicht genügt, Ethik allein durch ihre allgemeine Frage- 
stellung zu charakterisieren, weil jedermann diese Frage von vornherein 
in einer Bedeutung aufzufassen pflegt, welche der ihm am nächsten liegen- 
den Antwort entspricht, — womit sie dann von vornherein eben einseitig 
und nicht in der Fülle ihrer Tragweite verstanden wäre. 

II. Offizielle Psychoanalyse und Ethik 

Die Darstellung dessen, was Ethik ist, sollte der Beantwortung unserer 
Hauptfrage dienen, nämlich : welche Bedeutung Psa. für die Ethik haben 
könne. Wir haben gleich am Anfang behauptet, daß diese Frage in der 
Hauptsache beantwortet sei, sobald Klarheit über das Wesen der Ethik 
herrsche. Es bleibt uns die Aufgabe, zu zeigen, daß und wieso dies der 
Fall sei. Dafür wird es allerdings nötig sein, wenigstens in kurzer Charak- 
teristik das Bild der Psa. uns präsent zu machen. 

Was man Psa. nennt, ist darum nicht leicht in eindeutiger Weise zu 
definieren, weil es sich um ein komplexes Gebilde handelt, das mehr oder 
weniger heterogene Elemente in sich vereinigt. Ich glaube, man wird ihr 
am ehesten gerecht, wenn man diese Elemente untereinander in histori- 
schen und damit in gewissem Sinne auch in psychologischen Zusammen- 
hang bringt. Indem wir das tun, beachten wir zunächst nur ihre «offizielle 
Gestalt», das, was von ihr ausgesprochen, kodifiziert und sozusagen dog- 
matisiert ist. 

Psa. ist ursprünglich ein therapeutisches Verfahren, 
eine Methode oder Technik zur Behandlung gewisser psychischer oder 
psycho-physischer Störungen. Das Ziel des Verfahrens ist ihr nicht allein 
eigentümlich: Gesundheit des Patienten, in mehr oder weniger klar er- 
faßtem Sinne, wollen und wollten auch andere Methoden. Die der Psa. 
eigentümlichen Vor-Ziele aber (Aufdeckung des Unbewußten, Ablösung 
der ursprünglichen Übertragung oder Fixation usw.) sind eben Vor- 
Ziele, Etappen im Dienste der Gesundheit, und gehören daher zur Me- 
thode. Wir brauchen hier diese Methode nicht zu charakterisieren ; sie 
kann als bekannt vorausgesetzt werden, und es kommt für unsere Frage 
auf die Einzelheiten auch gar nicht an. 

Psa. ist aber, nachdem sie in den Anfängen auf gewissen noch unver- 
arbeiteten Intuitionen basierte, zweitens eine besondere psychologische 
Forschungsmethode geworden. Und zwar mit doppelter innerer 
Notwendigkeit : einmal im Interesse der auszugestaltenden Therapie, und 
sodann als Frucht der fortschreitenden therapeutischen Erfahrung selbst. 
Die psychologische Aufmerksamkeit mußte sich den bei der Behand- 
lung auftretenden Phänomenen und ihren Hintergründen zuwenden, 
sollte die Behandlung selbst ihre Sicherheit gewinnen. Und andererseits 
führte die Behandlung auf psychologische Gesichtspunkte und Erkenntnis- 
möglichkeiten, die vorher nicht oder kaum beachtet worden waren. Der 
enge Zusammenhang der Forschungsmethode mit der «Praxis» (dem 
therapeutischen Verfahren) ist charakteristisch ; man merkt ihr ihren Ur- 

15 Prinzhorn, Psa. 225 



Sprung überall an, — was natürlich weder unbedingt ein Vorzug noch 
unbedingt ein Nachteil ist. — Trotzdem ist die psa. Forschung nicht 
identisch mit der psa. Therapie. Abgesehen davon, daß die erstere 
sich in gewissem Maße verselbständigt hat : sie dient einem anderen Ziel 
als die Therapie, — sofern sie nämlich in der Tat wissenschaftlich-psycho- 
logische Forschung ist. Das Ziel der Therapie ist die Gesundheit des 
Patienten, das Ziel der Forschung ist die Wahrheit. Und mag auch 
diese Wahrheit dann, wenn sie für gefunden gilt, wiederum in der The- 
rapie verwertet werden : für die Forschung als solche ist die Wahrheit der 
zu realisierende Wert, und sie bliebe es auch dann, wenn gar keine Aus- 
sicht bestände, sie technisch zu verwerten. 

Ich glaube, man täte der Psa. Unrecht, wenn man ihr dieses Element 
der Wissenschaftlichkeit in der Absicht nicht zubilligte. Es gibt eine 
psa. Methode der Forschung, es gibt eine solche Forschung selbst, d. h. es 
lebt in der Psa. (ob bei allen ihren Vertretern, das ist hier gleichgültig) 
ein wissenschaftlicher Wille, ein psychologisch gewendeter Wille zur 
Wahrheit. Auch wenn Freud selber gelegentlich sich geäußert haben 
mag, die Psychologie interessiere ihn nur soweit sie für seine Praxis not- 
wendig sei, so zeugen doch gerade seine Arbeiten vom Gegenteil, näm- 
lich von ausgesprochener Hingabe an den reinen Wert der Wahrheit; man 
muß dies anerkennen, auch wenn man seine Ergebnisse nicht für so wahr 
halten sollte wie er selber es tut. Wo aber Wahrheitswille ist, da ist wissen- 
schaftlich gemeinte Forschung, und wo jener Wille sich einen Weg zu- 
rechtgelegt hat, da ist Forschungsmethode. — Auf die Charakteristik 
dieser Methode in ihrer psa. Ausprägung kann wiederum verzichtet 
werden. 

Psa. ist endlich drittens, wiederum mit innerer Konsequenz, eine (im 
wesentlichen psychologische) Theorie geworden, oder hat eine solche 
Theorie hervorgebracht, — eine mehr oder weniger geschlossene psycho- 
logische Gesamtanschauung, in welcher Forschungsresultate und Prin- 
zipien festgelegt und systematisch verbunden sind. Es ist ein psa. Lehr- 
gebäude entstanden, und dieses gehört mit zum Bilde, wenn man von Psa. 
spricht. Es hier zu rekapitulieren ist nicht notwendig, so wenig wie es 
nötig sein dürfte, überhaupt seine Existenz aufzuzeigen; das ist ja alles 
bekannt. 

Mit diesen drei Elementen, therapeutische Methode, Forschungs- 
methode, Psychologische Theorie (welche selbstverständlich mannigfach 
ineinandergreifen, ohne doch zusammenzufallen) scheinen mir alle In- 
gredienzien genannt zu sein, welche das Bild der «offiziellen Psa.» be- 
stimmen. Wir fragen, ohne vorerst eventuell vorhandene «inoffizielle» 
Züge zu beachten, jetzt nach ihrer möglichen Bedeutung für die Ethik. 

Psa. als therapeutische Methode lehrt einen Weg zur 
Gesundheit des Patienten. Gesundheit ist der bestimmende Wert. Psa. 
setzt also insofern zweifellos eine Wert-Entscheidung voraus. Es ist ihr 
selbstverständlich, daß es «das Richtige» sei, gesund zu sein, und daß 

226 



daher Heilung ein sinnvolles Unternehmen sei. Vermöge dieser Wert- 
Orientierung steckt, wie man sieht, ein ethisches Element in der psa. 
Therapie. Sie will Methode zur Schaffung eines als richtig vorausgesetzten 
Zustandes sein. So scheint sich eine ethische Bedeutsamkeit ohne weiteres 
zu ergeben. 

Allein es ist zuerst zu bedenken, daß jene Setzung des Gesundheits- 
Wertes nicht der Psa. eigentümlich, sondern aller Therapie, und darüber 
hinaus der weitaus verbreitetsten Lebenseinstellung, gemeinsam ist. 
Wenn also die Anerkennung der Gesundheit als eines Wertes ethisch 
bedeutsam ist, so läge darin doch nicht eine besondere und eigentümliche 
ethische Bedeutsamkeit gerade der psa. Therapie oder Methode. 

Aber mehr als dies. Wohl steckt in jener Wertanerkennung ein ethi- 
sches Moment, aber es ist ethisch vollkommen unbestimmt. Alle 
Ethik besteht, wie wir wissen, in einer Antwort auf die Frage nach dem 
Richtigen, und zwar so, daß entweder das Richtige inhaltlich angegeben 
wird (wie im subjektivistischen oder im rigoristischen Radikalismus oder 
im Eudämonismus oder in religiöser Ethik), oder daß die Frage selber als 
unlösbar (Skeptizismus) oder als sinnlos (Relativismus) erklärt wird. 
Ethisch einigermaßen bestimmte Bedeutsamkeit einer Wertsetzung 
läge also dort vor, wo diese Wertsetzung für eine von diesen ethischen 
Möglichkeiten Partei nähme, wo sie, m. a. W., eine bestimmte Antwort 
auf die ethische Grundfrage involvierte oder voraussetzte. Das trifft nun 
aber gerade für die Setzung des Gesundheitswertes durchaus nicht zu. 
Denn diese Setzung kann injederEthik vorkommen. Es fragt sich 
nur, in welchem Sinne. Und eben darauf kommt es an. Ethisch be- 
stimmt wird die Setzung des Gesundheitswertes erst durch den Sinn oder 
die Bedeutung, welche, in der ethischen Gesamtanschauung, der Gesund- 
heit vindiziert wird. Ohne Angabe dieses Sinnes ist die Setzung ethisch 
unbestimmt und darum auch ethisch bedeutungslos. Zur näheren Er- 
klärung dessen, was damit gemeint ist, diene folgende Überlegung. 

Der Relativist kann sagen: Es ist Unsinn, nach objektiven Werten 
(Richtigkeit) zu fragen, und eben darum Unsinn, Werte im Sinne von ob- 
jektiven Werten zu setzen. Das hindert aber nicht, daß gewisse Dinge 
oder Zustände subjektiv-willkürlich zu Werten erklärt werden. Dem 
Patienten, der zu mir kommt, ist offenbar seine Gesundheit ein solcher 
subjektiver Wert. Nichts hindert mich, darauf einzugehen, und als Arzt 
bin ich ja schon von vornherein darauf eingegangen. — Die Setzung des 
Gesundheitswertes ist hier, wie man sieht, durchaus möglich ; ihre ethische 
Bedeutung ist relativistisch. — Ganz Analoges gilt innerhalb des 
Skeptizismus. Dem Skeptiker ist es f r a g 1 i c h , ob Gesundheit objektiv 
ein Wert sei, ob es sub specie aeterni richtig sei, gesund zu sein. Aber 
warum soll er nicht, entsprechend dem Wunsche des Patienten und seinem 
einmal gewählten ärztlichen Beruf, den sicher wenigstens subjek- 
tive n Gesundheitswert zum Orientierungspunkt seiner Methode machen? 
Seine Setzung ist auch innerhalb des Skeptizismus möglich ; ihre ethische 

15* 227 



Bedeutung aber ist hier eine andere als innerhalb des Relativismus. 
■ — Vom Subjektivismus und vom Eudämonismus ist ohne weiteres klar, 
daß sie zur Setzung des Gesundheitswertes gelangen können, jener aus 
Objektivierung subjektiver Wünsche, dieser wegen des Glücksgehaltes 
der Gesundheit. Aber es ist ebenso klar, daß der Gesundheitswert in 
beiden Auffassungen eine verschiedene ethische Bedeutung hat, von 
denen jede wieder anders ist als diejenige, welche in skeptischer oder 
relativistischer Grundrichtung dem gesetzten Werte zukommt. — Wenn 
der R i g o r i s t der Gesundheit einen Wert zuspricht, so wird es nur in 
dem Sinne geschehen können, daß sie als Voraussetzung eines erfolgreichen 
Kampfes gegen die Subjektivität angesehen wird. Sie wird als sekundärer 
oder Mittel- Wert gesetzt werden, — auf jeden Fall aber wird ihr Wert- 
charakter ein ganz anderer sein als etwa derjenige, den der Eudämonis- 
mus ihr zubilligt. — Und endlich wird eine Glaubens-Ethik die Gesundheit 
als Wert — wenn auch wieder nur als relativen — zu setzen imstande sein ; 
aber wenn sie dies tut, so wird in ihr Gesundheit wiederum an einer ganz 
anderen Stelle im «Wertsystem» stehen als innerhalb rigoristischer oder 
eudämonistischer oder überhaupt andersartiger Ethik. 

Man sieht, daß die Setzung des Gesundheitswertes ethisch nichts- 
sagend ist, solange nicht gesagt ist, welcher Wert-Charakter, welcher 
ethische Charakter der Gesundheit zugesprochen sei. Gerade dies aber 
ist durch die psa. Methode nicht gesagt (so wenig wie übrigens durch 
irgendeine therapeutische Methode). Gewollt ist Gesundheit ; aber warum, 
wozu, in welchem Sinne, unter welchem ethischen Gesichtspunkt sie ge- 
wollt sei, das bleibt völlig unbestimmt. 

Was nun ethisch unbestimmt ist, kann in der Ethik nicht bestimmend 
wirken. Die psa. Methode kann wohl in eine — unabhängig von ihr bereits 
bestehende — Ethik eingebettet werden, aber sie kann niemals von sich 
aus für die Ethik bestimmend sein. Sie ist ja selber unbestimmt, ihrer 
Zielsetzung nach, und bedarf daher ihrerseits, um ethisch bedeu- 
tungsvoll zu sein, erst der Sinngebung d u r c h die — so oder so gerich- 
tete — Ethik. 

Aber man wird sagen, dies alles gelte nur von der mit der Methode 
gegebenen Zielsetzung. Diese Zielsetzung — Gesundheit — sei allerdings 
ethisch unbestimmt, und i n s o f e r n sei Psa. für die Ethik bedeutungs- 
los. Aber als Methode selber, abgesehen von ihrem Ziel, vertrete und 
lehre sie doch eine Art der Menschenbehandlung, welche ethisch durchaus 
nicht neutral oder irrelevant sei, sondern entschieden Stellung nehme. 
Der eine Beurteiler findet diese — behauptete — Stellungnahme bedenk- 
lich, der andere erfreulich, und im ganzen Streit um die Psa. hat diese 
ethische Beurteilung der psa. Behandlungsweise nicht am wenigsten 
die Geister geschieden. Es ist hier gleichgültig, w o r i n, in welcher Eigen- 
tümlichkeit der Methode, das ethisch Erfreuliche oder Bedenkliche, kurz 
die ethische Bedeutsamkeit gesehen werde, ob z. B. in der Bewußtmachung 
des Unbewußten oder in der Betonung des Sexuallebens oder anderswo. 

228 



Wesentlich ist für uns nur die These, daß die Methode überhaupt eine 
bestimmte ethische Stellungnahme involviere und daher ethisch bedeu- 
tungsvoll sei. 

Dazu ist nun zunächst zu sagen, daß die psa. Methode durchaus auf 
die Gesundheit des Patienten eingestellt ist und kein anderes Ziel ver- 
folgt. Mag «Gesundheit» dabei ein mehr oder weniger unbestimmter Be- 
griff sein, so gilt dies sicher ebenso sehr vom Gesundheitsbegriff anderer 
therapeutischer Methoden, — ist übrigens für unsere Frage irrelevant, 
soweit nur logische Unbestimmtheit gemeint ist (von der ethischen Un- 
bestimmtheit ist schon gesprochen). Aber es bedeutete eine ungerecht- 
fertigte Schmähung der Psa., wollte man behaupten, sie wolle mit ihrer 
Behandlungsmethode anderen Zielen dienen als der Gesundheit des 
Patienten, andere Bedürfnisse befriedigen, — was dann wohl hieße : sie 
wolle subjektiven Gelüsten des Analytikers Genüge tun. Man hat diesen 
Vorwurf offen erhoben ; man sprach davon, daß die Psa. der eigenen Sen- 
sationslust oder der (mehr oder weniger perversen) Sexualität des Ana- 
lytikers diene, oder daß sie zum mindesten eine Art von Bauernfängerei 
aus gewinnsüchtiger Absicht sei. Wohlverstanden : solche Urteile können 

uns nur insofern hier beschäftigen, als sie der psa. Methode gelten 

nicht etwa insofern, als sie etwa persönliche Entgleisungen einzelner Ana- 
lytiker treffen wollen. Daß Mißbräuche der angedeuteten Art vorkommen, 
das mag sein, aber das geht uns hier nichts an (welche Methode oder 
Lehre könnte übrigens nicht mißbraucht werden?). Ich erinnere mich 
bei dieser Gelegenheit eines Wortes aus Freuds eigenem Munde : «Ich 
habe immer gewußt, daß sich auf meine Lehre zunächst Schweine und 
Spekulanten werfen würden». Aber nicht wahr, Schweine und Speku- 
lanten beuten manchmal auch noch ganz andere «Methoden» aus, Me- 
thoden, die als solche nichts mit Schweinerei und Spekulation zu tun haben. 

Bleiben wir sachlich und fragen wir, was die Methode wolle, so 
kann die oben gegebene Antwort nicht umgangen werden. Sie ist eine ihrer 
Absicht nach ernsthafte therapeutische Methode. Wenn aber dies der 
Fall ist, dann sind ihr Nebenabsichten irgendwelcher Art (neben der Hei- 
lungsabsicht) prinzipiell fremd, und jedes Hineintragen solcher 
Absichten bedeutet, selbst wenn es von führenden Persönlichkeiten der 
psa. Bewegung ausginge, eine Verfälschung der Methode. Die Methode 
ist, ihrer rein therapeutischen Absicht gemäß, durchgängig vom Ge- 
sundheitsziel beherrscht. Darum ist sie notwendigerweise e t h i s c h ge- 
nau in der Weise und in dem Sinne relevant oder nicht, wie dieses Ziel 
relevant oder irrelevant ist. Sie k a n n , als Methode, keine andere ethische 
Stellungnahme involvieren als diejenige, die mit jenem Ziel gegeben ist. 
Da nun, wie wir sahen, das Ziel ethisch unbestimmt ist, so muß die 
gesamte Methode, welche ihm und nur ihm dienen will, ethisch genau im 
gleichen Sinne unbestimmt sein. Die Art der Menschenbehandlung, die sie 
lehrt, darf daher nur am Gesundheitsziele und nicht an einem anderen 
Maßstab gemessen werden. M. a. W. : Die Methode als solche kann nur 

229 



als zweckmäßig oder unzweckmäßig beurteilt werden in 
Ansehung ihres Zieles ; sie hat keinen ethischen Eigenwert, sondern emp- 
fängt ihren ethischen Charakter ausschließlich vom Ziele her, — von der 
Art, wie dieses ethisch gemeint ist. M i t diesem Ziele ist sie ethisch 
unbestimmt ; eine ethische Stellungnahme kann sie als Methode, abgesehen 
vom Ziele, nicht bedeuten. 

Wenn also behauptet wird, es liege doch eine — erfreuliche oder be- 
denkliche — Stellungnahme in ihr (z. B. in ihrer Behandlung des Sexual- 
lebens), so bestehen für die Beurteilung des Rechtes dieser Behauptung 
nur folgende Möglichkeiten. Erstens : die Behauptung gilt gar nicht der 
Methode, sondern dem persönlichen Verhalten einzelner (oder schließlich 
aller) Analytiker. Dann aber ist sie für uns bedeutungslos, da sie nur 
auf eine menschliche Befangenheit von Individuen, nicht auf eine «Be- 
fangenheit» der Methode als solcher hinweist. Zweitens : Die Behauptung 
gilt der Methode selbst, abgesehen von ihrer persönlichen, tatsächlichen 
Anwendungsweise. Dann aber kann sie nur entweder dem Ziel der 
Methode gelten oder der Art, wie sie dieses Ziel erreichen will. Bezieht 
sie sich ausschließlich auf diese letztere Art, so geht sie, wie gezeigt wurde, 
nicht in Wahrheit auf die ethische Bedeutsamkeit, sondern sie beurteilt nur 
die Zweckmäßigkeit der Methode. Bezieht sie sich aber, als wirk- 
lich ethische Beurteilung, auf das Ziel, so ist sie falsch, weil dieses Ziel 
ethisch unbestimmt ist. Nur dann hätte sie recht, wenn die psa. Methode 
ihr Gesundheitsziel sich wirklich in einer ethisch entschiedenen, bestimm- 
ten Weise vorstellte, also z. B. im eudämonistischen Sinne. Dann könnte 
dieses Ziel als ethisch erfreulich oder bedenklich beurteilt werden, je- 
nachdem der Beurteiler jenen z. B. eudämonistischen Standpunkt teilt oder 
nicht. Und mit dem Ziel wäre dann auch der Weg — seine relative Zweck- 
mäßigkeit vorausgesetzt — in derselben Weise ethisch beurteilt. 

Zu diesem abstrakt-logischen Gedankengang zwei Anmerkungen. Es 
mag sein, daß jeder Psa-tiker für sich eine ethische Weltauffassung hat 
und daß f ü r i h n deshalb die Gesundheit des Patienten ein ethisch be- 
stimmter Wert ist. Dann wird er die Methode, in allen ihren Teilen, 
so anwenden, daß überall sein ethischer Standpunkt mitspricht ; seine 
Methode wird also allerdings ethisch nicht neutral sein. Aber nichts in 
der «offiziellen» Gestalt der psa. Methode weist darauf hin, daß sie in 
ethisch bestimmtem Sinn aufgefaßt und angewendet werden müsse, 
und die Erfahrung zeigt denn auch, daß nicht alle, die sie anwenden, sie 
unter dem gleichen ethischen Standpunkt anwenden. Die ethische 
Bestimmtheit liegt also nicht in ihr, sondern in der persönlichen Weltauf- 
fassung des Analytikers, und diese, nicht die psa. Methode, wird ge- 
billigt oder verurteilt, wenn man dafür oder dagegen Stellung nimmt. 
Jedes billigende oder verwerfende Urteil wird übrigens von einem eigenen 
ethischen Standpunkt des Beurteilers aus gefällt. Das ist zwar selbstver- 
ständlich, ist aber trotzdem nicht immer klar bewußt. 

Zweitens : Wenn man z. B. urteilt, die ganze Behandlung des Sexual- 



230 






lebens in der psa. Methode sei «unmoralisch», weil sie die Moralität des Pa- 
tienten schädige, so geben wir zu diesem Urteil folgendes zu bedenken. Als 
Urteil über die Methode (nicht über das Vorgehen einzelner Ana- 
lytiker) hat es nur dann ethischen Sinn, wenn es sagen will, daß die Wir- 
kung, welche der Urteilende als moralische Schädigung auffaßt, von der 
Methode beabsichtigt sei, zu ihrem Wesen gehöre und nicht etwa nur 
als unerwünschte Nebenwirkung gelegentlich oder auch regelmäßig auf- 
trete. Dann aber ist die Meinung notwendigerweise entweder die, daß jene 
Schädigung (oder was eben als solche aufgefaßt wird) im Interesse des 
von der Psa. gesetzten Zieles notwendig sei, — oder dann die : daß 
die Schädigung eine zur Erreichung des Gesundheitszieles nicht not- 
wendige Eigentümlichkeit der psa. Methode bedeute. Im ersten Fall gälte 
das Urteil offenbar nicht der Methode, sondern dem Ziel; denn ein n o t - 
wendiges Mittel kann nicht abgelehnt werden, wenn das Ziel als 
solches gebilligt wird; es könnte nur dann abgelehnt werden, wenn das 
Ziel entweder überhaupt oder doch «unter Umständen» als verwerflich 
beurteilt würde. Das Urteil würde also besagen, das Ziel der psa. Methode 
sei, mindestens unter Umständen, ethisch verwerflich. Damit aber wäre 
entweder der «Gesundheit», so wie die Psa. sie faßt, eine ethisch bestimmte 
(und zwar bedenkliche) Bedeutung untergeschoben und dies wäre, wie 
wir sahen, angesichts der ethischen Unbestimmtheit des Gesundheitszieles 
falsch. Oder es wäre gesagt, daß Gesundheit in der Psa. gelegentlich 
in einem ethisch bedenklichen — jedenfalls also bestimmten — Sinne 
aufgefaßt werde; dann aber gälte das Urteil nicht der Psa. als solcher, 
sondern einer möglichen Auffassung und also zuletzt der Persönlichkeit 
des sie so auffassenden Analytikers. 

Ist aber das verwerfende Urteil so gemeint, daß die psa. Methode sich 
mit der Sexualität des Patienten in einer für dessen Gesundheit durchaus 
nicht notwendigen, dafür aber moralisch schädigenden Weise 
beschäftige (und dies wird wohl gewöhnlich die Meinung des Urteils sein), 
so hat man nicht die e t h i s c h e Bedeutung der Methode, sondern deren 
Zweckmäßigkeit beurteilt. Denn offenbar will man sagen, die 
Methode erkaufe ihr Ziel zu teuer, oder verfehle es gar, dadurch, daß 
sie zufolge ihrer die Sexualität betreffenden Behandlungsweise moralische 
Schädigungen herbeiführe, welche im Interesse des Zieles gar nicht not- 
wendig wären ; sie «schade mehr als sie nütze». Man will sagen, jene Be- 
handlungsweise sei in Anbetracht des Zieles unzweckmäßig ; denn 
unzweckmäßig ist eine Methode, die notwendig das Ziel verfehlt oder den 
Vorteil, der im erreichten Ziele liegt, durch andersartige Nachteile wieder 
aufhebt. Man will sagen, die Psa. vergreife sich in den Mitteln, und 
zwar greife sie unnötigerweise zu moralisch schädlichen Mitteln. Man 
will nicht die M e t h o d e als «unmoralisch» bezeichnen, sondern ein von 
ihr verwendetes Mittel. Was man der Methode vorwirft, ist dies : daß 
sie unnötigerweise dieses Mittel verwende. Man billigt der Methode zu, 
daß sie g 1 a u b e , das Mittel sei notwendig ; aber eben diesen Glau- 

231 



ben beurteilt man als Irrtum. Man wirft also der Methode Irrtum (Un- 
z weckmäßigkeit) und nicht etwa «bösen Willen» vor; wenigstens wäre 
es eine durchaus ungerechtfertigte Verunglimpfung, das letztere zu tun 
(man müßte ja dann direkt behaupten, Psa. gehe absichtlich und bewußt 
auf moralische Schädigung des Patienten aus). Wo man aber Irrtum 
und nicht bösen Willen vorwirft, da beurteilt man nicht die Ethizität, son- 
dern den — Intellekt, hier genauer : die psychologische Einsicht und daher 
— innerhalb einer Methode — die Zweckmäßigkeit des Verhaltens. 

Nennt man also die psa. Behandlungsweise z. B. der Sexualität un- 
moralisch, so ist damit ethisch über die psa. Methode gar nichts gesagt, 
sondern nur wissenschaftlich. Es ist keine Frage ethischer Entscheidung] 
sondern eine Frage der Erkenntnis und der therapeutischen Erfahrung, 
ob jene Behandlungsweise notwendig sei oder nicht (nämlich für die Ge- 
sundheit des Patienten). Erweist sie sich als nicht notwendig, so ist die 
Methode deshalb nicht ethisch verurteilenswert, sondern sie ist unzweck- 
mäßig (immer vorausgesetzt, daß die angefochtene Behandlungsweise tat- 
sächlich eine Schädigung bedeute, — eine Frage, die hier gar nicht zur 
Diskussion steht, weil sie nur von einem bestimmten ethischen Standpunkt 
aus entschieden werden könnte). Erweist sich aber in sachlicher Prü- 
fung jene Behandlungsweise als gesundheits-notwendig, und hält man 
daran fest, daß sie eine moralische Schädigung bedeute, so wird dadurch 
das ganze Gesundheitsziel ethisch fraglich, aber wiederum nicht die psa. 
Methode als solche. 

Mit dieser Klarstellung der Urteils- Verhältnisse soll nun ja nicht 
gesagt sein, daß die ganze Frage nach der Berechtigung der psa. Behand- 
lungsweise sinnlos sei. Es soll nur betont werden, daß es sich, unter 
Voraussetzung des Gesundheitszieles, nicht um eine ethische, sondern um 
eine psychologisch-therapeutische Zweckmäßigkeitsfrage handelt. Wie sie 
zu entscheiden sei, das haben wir darum nicht hier, im Zusammenhang mit 
der Ethik, zu untersuchen ; das wird Sache anderer Beiträge dieses Bandes 
sein, eben derjenigen, die sich mit der p s y c h o 1 o g i s c h e n und t h e - 
rapeutischen Haltbarkeit der psa. Methode beschäftigen. — Für uns 
ist wesentlich, festgestellt zu haben, daß der psa. Methode, wie immer 
man sie betrachte, eine ethische Bedeutsamkeit nicht zukommt ; sie 
setzt keine bestimmte Ethik voraus noch präjudiziell sie eine solche. 
Darum kann sie auch «für die Ethik» in keiner Weise bedeutsam sein oder 
werden. K e i n e E t h i k kann sich auf sie berufen noch positiv oder 
negativ durch sie angeregt werden. Sie, die Methode, kann ethisch relevant 
nur m der Hand dessen werden, der schon einen ethischen Standpunkt 
hat und die Methode im Sinne dieses Standpunktes anwendet, interpretiert 
oder modifiziert. Aber dann kommt die ethische Bedeutsamkeit, werde sie 
positiv oder negativ eingeschätzt, nicht der Methode als solcher zu, sondern 
eben jenem von ihr unabhängigen «vor» ihr bereits vorhandenen Stand- 
punkt. 

Soviel über das Verhältnis zwischen Ethik und Psa., sofern diese 

232 



letztere als therapeutische Methode genommen wird. Nimmt man sie aber 
als Methode psychologischerForschung oder als T h e o r i e , 
welche aus dieser Forschung hervorgegangen ist, so ist ihre ethische Irre- 
levanz noch deutlicher und unmittelbarer einzusehen. Zwar involviert sie 
auch nach dieser Seite die Setzung eines Wertes, nämlich des Wahrheits- 
wertes, und insofern enthält sie ein ethisches Moment. Aber es gilt 
davon genau das, was vom Gesundheitswert im Zusammenhang mit der 
Therapie gesagt wurde : erstens ist der Wahrheitswert nicht speziell gerade 
der p s a. Psychologie eigentümlich, und zweitens repräsentiert er nicht 
eine bestimmte ethische Stellungnahme, sondern kann innerhalb 
jeder Ethik Platz haben. Es kommt immer darauf an, in welchem Sinne, 
unter welchem obersten Gesichtspunkt, mit welcher prinzipiellen Ein- 
stellung Wahrheit gesucht oder als Wert gesetzt werde. Darüber sagt die 
Psa. nichts. Wahrheit als Wert setzen kann der Relativist wie der Skep- 
tiker oder der Rigorist oder Eudämonist. Man kann Wahrheit für wert- 
voll halten im Sinne der bloßen Nützlichkeit oder der objektiven Geltung, 
der geistigen Selbstüberwindung oder des sportlichen Vergnügens. Psa. 
aber schreibt nirgends vor und sagt nirgends aus, unter welchem von diesen 
Gesichtspunkten Wahrheit ein Wert sei. Eben deshalb ist ihre Wert- 
setzung ethisch nichtssagend. 

Sollte man aber gar der Meinung sein, nicht diese Wertsetzung, son- 
dern die Resultate psa. Forschung seien ethisch bedeutsam, so wäre 
dies ein beinahe kindlich zu nennender Irrtum, dessen Aufdeckung nur 
weniger Worte bedarf. Denn Psa., als Forschung oder Theorie, gibt doch 
unter allen Umständen nichts anderes als «Tatsachen», richtig oder un- 
richtig geschaute Tatsachen, aber nichts anderes. Aus Tatsachen aber 
«folgt» keine Ethik. Denn Ethik ist Entscheidungpraktischer 
Art, Stellungnahme zur praktischen Problematik des Lebens, Antwort 
auf die Frage der Richtigkeit des Verhaltens. Irgendwelche 
Einsicht in tatsächliche Vorkommnisse kann uns doch nicht sagen, ob diese 
Vorkommnisse — oder welche sonst — richtig, gut, edel oder gemein 
seien ; und sie kann uns doch nicht eine Entscheidung oder einen Gesichts- 
punkt der Entscheidung in dieser Frage diktieren. Wer Vorkommnisse, 
Tatsachen irgendwelcher Art, ethisch bewertet, indem er sie feststellt, 
der verdankt diese Bewertung nicht der Feststellung, sondern seinem 
ethischen Standpunkt, der vor aller Tatsachen feststellung sein eigen war. 
Man kann wohl aus ethischer «Voreingenommenheit» Tatsachen fär- 
ben; aber niemals können aus Tatsachen ethische Entscheidungen sich 
ableiten. Wenn es den Anschein hat, daß aus einer bestimmten Psy- 
chologie bestimmte ethische Prinzipien folgen, so ist dies eben immer ein 
Schein ; das wahre Verhältnis ist dieses : daß in der Feststellung der Tat- 
sachen schon ein ethischer Standpunkt mitsprach, so daß die scheinbar 
aus den Tatsachen folgenden Prinzipien in Wahrheit in die Forschung 
und ihre Resultate schon hineingetragen waren; dann natürlich 
kann man sie auch wieder daraus «ablesen». — Alles das ist so selbstver- 

233 



ständlich, daß es für alle Beteiligten beschämend wäre, länger dabei zu 
verweilen. Das Ergebnis ist dieses : So wenig wie die psa. Therapie eine 
bestimmte Ethik voraussetzt oder präjudiziell, ebensowenig kann die psa. 
Forschung oder Theorie für die Ethik irgendwie bestimmend oder be- 
deutungsvoll sein ; liest jemand eine ethische Bedeutsamkeit aus ihr heraus, 
so hat er sie zuvor hineingetragen. 

Aber nun wird man vielleicht sagen, die Ergebnisse der psa. Forschung 
seien zwar nicht für die ethische Prinzipienlehre (die grundsätzliche 
ethische Stellungnahme) bestimmend oder bedeutungsvoll, wohl aber für 
die ethische Technik. Und darauf scheint die Antwort nicht so selbst- 
verständlich zu sein. 

Ethische Technik ist die Methodik der Wirklichkeitsbearbeitung 
unter ethischem Gesichtspunkt, — sei die Wirklichkeit ich selber oder ein 
mir gegenüberstehendes Objekt, handle es sich also um ethische Selbst- 
gestaltung oder um ethische Gestaltung der «Welt», z. B. andrer Menschen. 
Diese ethische Technik ist Technik, insofern sie Bearbeitung einer 
Realität ist (will) ; sie ist e t h i s c h , sofern diese Bearbeitung im Dienste 
einer — stets vorauszusetzenden — sittlichen Idee stattfindet. Darnach 
entscheidet sich unsere Frage. 

Wer von ethisch-technischer Bedeutsamkeit der Psa. spricht, der 
will sagen, daß die Ergebnisse psa. Forschung wertvolle Fingerzeige für 
die ethisch orientierte Menschenbehandlung geben, z. B. gerade für die 
Pädagogik; jene Ergebnisse gestatten ein zweckentsprechendes, rascher 
oder sicherer zum Ziele führendes Handeln, als es ohne die Psa. möglich 
gewesen wäre. Oder man will sagen (wenn man nämlich zu den Gegnern 
der Psa. gehört), die psa. Psychologie führe in ihrer Anwendung zu einer 
gerade ethisch falschen, d. h. in Ansehung des Zieles unzweckmäßigen und 
verwirrenden Praxis. — Man sieht wohl ohne weiteres, daß diese Urteile 
zwar der technischen, aber durchaus nicht der ethischen Be- 
deutsamkeit der Psa. gelten. Alle Technik ist, in ihrer größeren oder ge- 
ringeren Zweckmäßigkeit, abhängig von der besseren oder minder guten 
Einsicht in die Tatsachen, die als Objekte oder Mittel in Betracht kommen. 
Insofern ist j e d e psychologische Auffassung des Menschen bedeutungs- 
voll (im positiven oder negativen Sinne) für die Technik der Menschen- 
behandlung. So hat selbstverständlich auch die psa. Auffassung technische 
Bedeutsamkeit, im guten oder schlimmen Sinne. Aber was geht das alles 
die Ethik an ? 

Ethische Technik ruht doch auf zwei Faktoren : auf ethischer Ent- 
scheidung, welche das Ziel oder den Sinn der Objektbearbeitung setzt, und 
auf Tatsachenkenntnis, welche die Möglichkeiten der Realisation zeigt 
und also mehr oder weniger zweckmäßiges Handeln im Dienste der 
ethischen Idee gestattet. Tatsachenkenntnis allein ergibt keine ethische 
Entscheidung und keine Zielsetzung, sondern nur «Zweckmäßigkeit» 
(zweckmäßige Technik) unter Voraussetzung eines vor jener 
Kenntnis und unabhängig von ihr gesetzten Zieles. Gibt Psa. eine gute 

234 






oder schlechte Vorstellung von den Tatsachen, so baut sich auf ihr eine 
zweckmäßige oder unzweckmäßige Technik zur Realisation irgend- 
eines Menschenbehandlungszieles auf. Ist die psa. Psychologie gut, so 
läßt sich damit technisch etwas anfangen im Dienste jedes beliebigen 
Zieles, das man aufstellen mag. Ganz gleich, ob dieses Ziel ein «mora- 
lisches» oder «unmoralisches», im Sinne dieses oder jenes ethischen Stand- 
punktes, sei. Eine gute Psychologie ist ein brauchbares Werkzeug in der 
Hand des Führers wie des Verführers, eines Engels oder eines Teufels, 
eines ethischen Relativismus oder Rigorismus oder Eudämonismus. Die 
Technik als solche, und mit ihr jedes Hilfsmittel der Technik, ist e t h i s c h 
vollkommen unbestimmt und daher bedeutungslos. 

Gesetzt, die Psa. liefere gute Psychologie, so ist sie somit allerdings 
wertvoll für eine (jede) ethische Technik, so gut wie eben für jede Technik 
überhaupt, die es mit der «Psyche» zu tun hat. Aber damit sie e t h i s c h 
wertvoll sei, muß die Ethizität der Technik, muß also ein ethischer Stand- 
punkt oder Gesichtspunkt der Menschenbehandlung bereits vorausgesetzt 
sein. Psa. Psychologie, wenn sie gut ist, ist somit einfach technisch 
brauchbar, im Sinne der Zweckmäßigkeit, völlig unabhängig von der ethi- 
schen Art der Zielsetzung. Die Frage der ethisch-technischen Bedeut- 
samkeit der Psa. reduziert sich also auf die Frage der technischen Bedeut- 
samkeit überhaupt, und daher zuletzt auf die Frage, ob Psa. gute oder 
minder gute Psychologie (Tatsachenkenntnis) liefere. Diese Frage 
aber ist nicht eine Frage ethischer Bedeutsamkeit, sondern eine Frage 
wissenschaftlicher Kritik. Sie wird an anderer Stelle dieses Sammelwerkes 
gewürdigt werden. Für uns fällt sie außer Betracht, weil ihre Beantwor- 
tung nichts ergeben kann, was für die Frage der Bedeutung der Psa. 
für die Ethik von Belang wäre ; sie kann nur über die ethisch völlig neu- 
trale technische Brauchbarkeit der Psa. entscheiden. Fällt dieser 
Entscheid positiv aus, so besagt er allerdings, daß psa. Psychologie auch 
für die e t h i s c h e Technik brauchbar sei. Da sie aber dann f ür j e d e 
ethische Technik, und dazu für jede unmoralische wie für jede moralische 
Technik ebensogut brauchbar ist, so ist damit über ihre e t h i s c h e Be- 
deutsamkeit nicht das geringste gesagt. 

Hier nun ist der Ort, die Betrachtung, welche bisher nur dem Ver- 
hältnis von Psa. und Ethik galt, auf die Pädagogik auszudehnen. 
Denn Pädagogik ist eine Art ethischer Technik, in ihrer weitesten Be- 
deutung wohl überhaupt identisch mit ethischer Technik, wenigstens so- 
fern man an menschliche Behandlungsobjekte denkt. Ihren ethischen 
Charakter und ihre ethische Bedeutung bekommt jede Pädagogik von dem 
ethischen Standpunkt her, unter welchem die Erziehung gewollt und also 
das Ziel der Erziehung gesetzt ist. Diese Zielsetzung, mit ihr die 
ethische Bedeutsamkeit einer Pädagogik, ist vollkommen unabhängig von 
der besseren oder schlechteren Kenntnis der Tatsachen und also von der 
dadurch bedingten technischen Methodik. Für die pädagogische Technik 
ist psa. Psychologie selbstverständlich bedeutungsvoll, — ob im guten oder 

235 



schlimmen Sinne, das zu entscheiden ist Sache der psychologisch-wissen- 
schaftlichen, nicht der ethischen Prüfung der Psa. Auf jeden Fall ist sie 
aber auch für die Pädagogik nicht ethisch, sondern eben technisch 
bedeutungsvoll : das Herz der Pädagogik, ihre ethische Orientierung, wird 
von der Psa. unter keinen Umständen betroffen, und jede Pädagogik 
kann sie in ihrem eventuellen Guten mit Vorteil, in ihrem eventuellen 
Schlechten nur eben zu ihrem Nachteil verwenden (gut und schlecht sind 
hier im wissenschaftlichen, nicht im ethischen Sinne gemeint). 



III. Das inoffizielle Verhältnis der Psychoanalyse zur Ethik 

Soviel über die Psa. in ihrer offiziellen Gestalt. Sie ist, in dieser 
Gestalt, ethisch vollkommen neutral, unbestimmt, daher ohne jede mög- 
liche Bedeutung und ohne jeden möglichen Einfluß auf die Gestaltung der 
Ethik. Wo etwa ein Ethiker von ihr in e t h i s c h e r Hinsicht scheinbar 
beeinflußt wäre, da könnte der Fall nur so liegen, daß er selber irrtüm- 
licherweise seine ethische Stellungnahme (oder deren Änderung) 
dem Einfluß der Psa. zuschriebe, während sie in Wirklichkeit sich ganz 
anderswie vollzogen hat, — oder daß er tatsächlich «von der Psa.» ethisch 
beeinflußt ist, jedoch so, daß diese «Psa.» nicht die offizielle wäre, son- 
dern eine Psa., in welche bereits ein (ihr sachlich fremder) ethischer Stand- 
punkt hineingetragen war, — also eine Psa. mit «inoffiziellen» 
und zwar ethischen Zügen, eine ethisch präokkupierte oder «belastete» Psa. 
Diese letztere Möglichkeit führt zur Frage der «inoffiziellen Gestalt» der 
Psa. überhaupt. 

Die offizielle Gestalt der Psa. ist das, als was sie im Bewußtsein ihrer 
verantwortlichen Führer gemeint ist und als was sie daher ausgegeben 
wird. In dieser Form vertrüge sie sich grundsätzlich mit jeder Ethik, 
weil sie keine bestimmte Ethik voraussetzt noch präjudiziell. Aber es 
läßt sich nun wohl kaum übersehen, daß sie so, wie sie in ihren maßgeben- 
den Vertretern tatsächlich lebt, wie sie tradiert und praktisch ange- 
wendet wird, in jener ihrer offiziellen Gestalt nicht restlos aufgeht. Es 
klingt wohl überall, wo sie auftritt, ein Unterton vonweltanschau- 
1 1 c h e r Bedeutung mit, und dieser Ton ist es im wesentlichen, welcher 
die Psa. zu einer kulturellen Angelegenheit macht, bei ihren Freun- 
den wie bei ihren Gegnern. Es wird mehr um die inoffizielle als um die 
offizielle Gestalt der Psa. gekämpft. Die praktischen Positionen sind 
auch hier mächtiger als die theoretischen, und in ihrem inoffiziellen Grunde 
vertritt Psa. eine praktische Position, eine Willensentscheidung, wenn auch 
nicht überall die gleiche und nicht überall auf eindeutige Weise. Anders 
ausgedrückt : zwischen den Zeilen der psa. Theorie wird eine mehr oder 
minder bestimmte Ethik sichtbar oder doch fühlbar; diese Ethik gibt 
der Theorie eine praktische Tönung, verleiht ihr eine Art von Affinität zu 
der oder jener ethischen Weltauffassung und lehnt andere Auffassungen 
mehr oder weniger deutlich ab. 

23.6 




Es ist nicht ganz leicht, diese inoffizielle ethische Parteinahme un- 
zweideutig zu fassen. Das kommt daher, daß sie einerseits eben inoffiziell 
ist, nicht klar und bestimmt herausgestellt und verkündet wird, sondern ein 
mehr oder weniger verschämtes Hintergrundsdasein führt, — und daß 
sie andererseits selber wohl nirgends ganz eindeutig bestimmt, jedenfalls 
aber nicht durch die ganze Breite der psa. Bewegung ganz dieselbe ist. 
Wenn wir im folgenden versuchen, das nirgends klar Eingestandene beim 
Namen zu nennen, so kann dies deshalb nur mit gewissen Vorbehalten 
geschehen. 

Am deutlichsten schimmert durch die Fugen der offiziellen Psa. wohl 
diejenige ethische Parteinahme, die wir Relativismus genannt 
haben, also die Leugnung der ethischen Problematik als einer quasi ernst- 
haften, objektiv bedeutsamen Angelegenheit. Wohl wird die Problematik 
gesehen, sogar schärfer vielleicht als es sonst in der neueren Psycho- 
logie der Fall war. Aber sie wird als eine subjektive Angelegenheit be- 
handelt, als eine den subjektiven Frieden des Individuums (und dadurch 
wohl auch der Gesellschaft) störende Dissonanz, die eben nur deshalb 
fatal ist, weil sie ihrem Träger und wohl auch andern persönliche Schmerzen 
macht. Wohl wird daher, therapeutisch, die «Richtigkeit» des Lebens, 
d. h. seine Eindeutigkeit und daher die Überwindimg der Problematik, 
gesucht; aber diese «Richtigkeit» hat keine objektive, normative, ewige 
Bedeutung, sondern sie ist nur subjektiv bedeutungsvoll : richtig ist, was 
ich als (für mich und eventuell für andere) richtig empfinde, genauer noch : 
was angenehm ist. Ein Richtiges, das nicht mit dem relativ Erträg- 
lichsten zusammenfiele, kennt dieser Relativismus nicht. Die Lösung der 
problematischen Situation ist daher eine rein subjektive Angelegenheit, 
und sie bleibt es auch dann, wenn durch sie auch der Gemeinschaft gedient 
ist. «Gesundheit» wird nicht deshalb gewollt, weil sie objektiv oder absolut 
gesetzte Aufgabe oder doch Mittel zur Erfüllung einer solchen Aufgabe 
wäre, sondern weil sie alles in allem im Grunde doch noch das höhere sub- 
jektive Gut ist als das Kranksein; und die Vorteile, welche damit verbunden 
sind. Auf jeden Fall wird die Wertung der Problematik sowohl wie ihrer 
Lösung (Gesundheit) als einer objektiven, vom Bedürfnis und Belieben 
des Subjekts prinzipiell unabhängigen Angelegenheit durchaus abgelehnt. 
Alle Werte sind relativ, d. h. bezogen auf das wertsetzende Subjekt; der 
Gedanke eines Wertes-an-sich, als einer objektiven Verpflichtung, wird 
verworfen. 

Eben hier ist der Punkt, an welchem dann der Relativismus leicht 
in den ethischen Subjektivismus übergeht, und auch davon finden 
sich in der lebendigen Psa. deutliche Spuren. Der Subjektivismus leugnet 
nicht, wie der Relativismus, das Vorhandensein einer objektiven, unab- 
hängig vom Subjekt gültigen Richtigkeit ; er k e n n t eine Norm, ein Rich- 
tiges und Falsches im objektiven Sinn. Aber er behauptet, es sei objektiv 
richtig, nur die subjektiven Bedürfnisse als sinnvoll, nur ihren 
Anspruch als objektiv begründet zu betrachten; alle Moral, welche ein 

237 



Opfer des subjektiven Wohlbefindens und der subjektiven Wunsche (kurz : 
der Subjektivität) zugunsten «geistiger», objektiver Verpflichtun- 
gen verlange, sei objektiv falsch. Der Subjektivismus hat eine, und 
zwar eine radikale, ethische Überzeugung (daher kann er fanatisch sein) ; 
der Relativismus leugnet den Sinn jeder derartigen Überzeugung. — 
Trotzdem können beide ethischen Theorien in ihren Auswirkungen 
sich sehr nahe kommen. Eben weil beide die Subjektivität als das Letzte 
anerkennen: der Relativismus anerkennt sie, oder ihren Anspruch, als 
das einzig Tatsächliche, der Subjektivismus anerkennt denselben An- 
spruch als das einzig Richtige. 

Eher subjektivistisch als relativistisch b e g r ü n d e t ist in der Psa. 
(inoffiziell natürlich) das deutliche Bestreben, die aller Triebhaftigkeit 
(Subjektivität) in uns prinzipiell gegenüberstehende Instanz, 
die wir Geistigkeit genannt haben, ontogenetisch oder phylogenetisch auf 
die Triebhaftigkeit zurückzuführen. Unbequem ist die geistige 
Sehnsucht in uns, jene prinzipielle «Scham» gegenüber den Ansprüchen 
aller Triebhaftigkeit, — unbequem ist diese Tatsache, die ja auch in der 
Psa. (Zensurbegriff!) nicht geleugnet wird, in der Tat nur dem ethischen 
Subjektivismus. Denn wenn der «Geist» wirklich eine Tatsache ist, 
dann würde ja die «Bevorzugung» der Subjektivität eine Vergewaltigung 
unserer «anderen Natur» bedeuten, eine Verletzung eines ebenfalls vor- 
handenen, aber der Triebhaftigkeit entgegengesetzten Anspruchs, — und 
dies ließe der Subjektivismus nicht gern auf sich sitzen. Zugleich ist 
ja der Geist, wenn er Tatsache ist, eine Bejahung gerade objektiver 
Gesetze, ein «normativer Faktor» ; wenn also der Subjektivismus das 
Recht der Anerkennung objektiver ethischer Ansprüche leugnet, so 
leugnet er das Recht des «Geistes» in uns. Aber es ist gerade für ihn 
fatal, dies Existenzrecht eines Faktors zu leugnen und doch dessen Exi- 
stenz andererseits anerkennen zu sollen. Aus diesen Gründen hat er ein 
Interesse daran, nachzuweisen, daß jener andere Faktor zwar «da sei» 
(dies kann ja nicht geleugnet werden), aber so, daß er «im Grunde» kein 
anderer Faktor sei, d. h. nicht eine von der Triebhaftigkeit prinzipiell 
verschiedene oder gar ihr entgegengesetzte Größe. So kommt der Sub- 
jektivismus (vgl. Nietzsche) zu dem Bestreben, die geistigen Phänomene 
aus der Triebhaftigkeit zu erklären, den Geist selber als mehr oder 
weniger pervertierte oder «sublimierte» (ein problematisches Wort!) 
Modifikation der triebhaften Subjektivität aufzufassen. Und dies 
Bestreben ist in der Psa. weithin nicht zu verkennen, wenn auch gerade 
die Begriffe der Zensur und der Sublimierung merken lassen, daß da nicht 
alles stimmt oder erledigt scheint. Darin jedenfalls leuchtet ethisch-sub- 
jektivistische Tendenz durch. 

Auf der anderen Seite kommt dem Relativismus in der Auswir- 
kung der ethische Eudämonismus nahe. Auch diese Theorie 
kennt zwar ein Richtiges in mehr oder minder scharf erfaßtem objektiven 
Sinn, und ist insofern nicht Relativismus. Allein der Maßstab dieses Rich- 

238 



tigen liegt doch schließlich im subjektiven Glück; richtig ist, was ein 
Maximum dieses Glücks (für mich oder wen ich mit mir zusammenzählen 
will) garantiert. Da nun auch der Relativismus keinen anderen Maßstab 
für das Verhalten kennt als die subjektive Befriedigung (wiewohl er 
diesen Maßstab nicht als ein irgendwie objektiv Richtiges anerkennt), 
so muß er im Effekt dem Eudämonismus nahe kommen. In der Psa. findet 
sich zweifellos auch die Spur dieser relativistisch-eudämonistischen «Kom- 
bination» oder Koinzidenz, in mehr individualistischer oder mehr sozia- 
listischer Färbung. Hinter dem Begriff der Gesundheit steht, bestimmter 
oder weniger bestimmt, doch wohl da und dort die Idee, Gesundheit 
gehöre zu den wesentlichen Garantien des individuellen oder sozialen 
Wohlbefindens, und eben deshalb, und nur deshalb, sei sie 
anzustreben. Dies ist genau die eudämonistische Position : richtig ist es, 
einen Kompromiß der Ansprüche (auch die Gesundung und das Gesund- 
bleiben fordern ja gewisse Opfer) zu suchen, welcher alles in allem doch 
ein Maximum des Wohlbefindens garantiert. 

Wir haben versucht, die inoffiziellen Züge der Psa. nach ihrer ethi- 
schen Seite hervortreten zu lassen, wenigstens diejenigen, die uns in 
dem nicht ganz eindeutigen Bilde am ehesten zu herrschen, am weitesten 
verbreitet zu sein scheinen. Jetzt erst können wir die Hauptfrage stellen : 
was ergibt sich für das Verhältnis von Psa. und Ethik, wenn man die 
erstere nach dieser ihrer inoffiziellen Gestalt betrachtet? Die Antwort 
kann sehr kurz ausfallen. 

Vor allem ist die ethische Stellungnahme in der Psa. zwar wohl überall 
vorhanden, aber nicht so eindeutig bestimmt, daß man von einer «psa. 
Ethik» sprechen könnte. Bestimmte ethische Stellungnahme wird, 
innerhalb vielleicht der Gruppe Relativismus-Subjektivismus-Eudämonis- 
mus, immer Sache des einzelnen Psa.-tikers sein; eine «Vorschrift» 
existiert jedenfalls nicht. So daß also Psa., wenigstens inoffiziell, zwar 
ethisch nach einer gewissen Seite hin tendiert oder Affinität besitzt, aber 
doch nicht für eine bestimmte Ethik eindeutig in Anspruch genommen 
werden kann. 

Aber auch wenn wir davon absehen, wenn wir einmal (inoffizielle) 
ethische Bestimmtheit annehmen wollten, etwa im Sinne eines rela- 
tivistisch gefärbten Subjektivismus, auch dann ergäbe sich in der Frage 
der Bedeutsamkeit der Psa. für die Ethik kein positives Resultat. 
Denn jene ethisch also bestimmte Psa. schafft nicht eine Ethik, noch 
begründet sie eine ethische Stellungnahme, sondern sie setzt eine be- 
stimmte Ethik bereits voraus und schließt sich ihr, nämlich dem 
uralten relativistischen Subjektivismus, a n. Der ethische Standpunkt geht 
nicht aus der Psa. hervor noch verdankt er ihr seine Existenz; viel eher 
könnte man, wenn man schon eine Abhängigkeit will, sagen, die typisch 
psa. Psychologie und Methode sei aus einem bereits vorhandenen ethischen 
Standpunkt geboren oder doch genährt. Einen Einfluß auf die Ge- 
staltungen zukünftiger Ethik kann daher Psa., auch wenn man sie nach 

239 



ihrem inoffiziellen Gesicht nimmt, nicht haben, oder höchstens in dem 
Sinn, daß sie unentschiedene Gemüter für ihren ethischen Standpunkt 
gewinnt (was nicht einen Einfluß auf die Ethik bedeutete). Sie be- 
findet sich (vielleicht ohne es zu wissen) selber i m G e f o 1 g e eines mehr 
oder weniger eindeutigen ethischen Standpunktes, eines Standpunktes, 
der seinerseits gewiß nicht auf psa. oder anderer Forschung noch thera- 
peutischer Erfahrung, sondern auf praktischer Lebens-Entscheidung 
beruht. 









240 



B. NATU R W ISSENSCHAFTEN 

EXAKTE NATURWISSENSCHAFT. UND 
PSYCHOANALYSE 
von L'u d w i g Hopf 

Von Einwirkungen der Psa. auf dife Forschung in den sogenannten 
exakten Naturwissenschaften kann wohl nicht die Rede sein. Es können 
sich psychologische Probleme am Einzelindividuum darbieten, das diese 
Forschungen betreibt ; es wurde auch schon auf manche interessante Be- 
obachtung hingewiesen, welche besondere theoretische Vorstellungen mit 
individuellem Traumleben oder allgemeiner verbreitete Gedankengänge 
mit tieferen unbewußten Schichten verknüpft ; man denke etwa an alchi- 
mistische Vorstellungen, Homunkulus, an die Sexualisierung chemischer 
Vorgänge, etwa des Destillierens u. dergl. Es scheint durchaus glaubhaft, 
daß hier in wissenschaftlichen Fragen unbewußte Vorgänge zum Aus- 
druck drängen, wie im Kunstwerk oder bei den psychologisch leichter er- 
faßbaren Erscheinungen. Aber wir sprechen von einer exakten Wissen- 
schaft doch erst, seit sie die Umklammerung durch diese psychisch be- 
dingten Gedankenketten gesprengt hat, seit keine sexuellen Vorstellungen 
für chemische Vorgänge, keine menschliche Bedeutungen für den Lauf 
der Gestirne angenommen werden. 

Der F o r s c h e r ist ein Mensch, seine Gedanken sind im Unbewuß- 
ten verankert, wie die Gedanken anderer Menschen auch, seine Fähig- 
keiten und Leidenschaften, seine psychische Energie fließt aus demselben 
Libidostrom ; hier liegen psychologische Probleme. Aber das wissen- 
schaftliche Ergebnis ist unabhängig davon, ist vollständig ab- 
trennbar von seinem Schöpfer und bedarf zu seiner Erfassung keiner ver- 
wandten unbewußten Erlebnisse im aufnehmenden Menschen. Ohne 
Shakespeare und ohne Vaterkomplex der Leser existiert Hamlet nicht; 
aber das Gravitationsgesetz ist unabhängig von Newtons oder Einsteins 
unbewußtem Seelenleben. Seine Begrenztheit ist nicht durch eine Zensur 
bedingt, die Newton persönlich verhindert zu erkennen, was Einstein er- 
kennen kann; sondern die Meßtechnik und die tatsächliche Erfahrung 
seiner Zeit ist so beschaffen, daß der einfache Ausdruck des Gesetzes 
genügt, während nach zwei Jahrhunderten eine genauere Fassung not- 
wendig wird. Hier fällt alles individuelle oder auch überindividuelle Un- 
bewußte als Schale weg; der Kern, der allein einen Teil der exakten Wis- 
senschaft bildet, ist von der Forscherpersönlichkeit unabhängig, und somit 
auch der Wissenschaft vom unbewußten Seelenleben entzogen. Man mag 
manche Gesichtspunkte gegen diese Formulierung anführen, und auf man- 
ches Allzumenschliche selbst in den Ergebnissen der exakten Wissen- 
schaften hinweisen; als Ideal, das mehr oder weniger vollkommen er- 
reicht werden kann, muß doch der geschilderte Begriff jedem Forscher 

16 Prinzhorn, Psa. 24 1 



vorschweben, und in der Erreichbarkeit liegt das, was die exakte Wissen- 
schaft von allen andern geistigen Leistungen des Menschen unterscheidet 
und vor allen auszeichnet. 

Wo liegt also eine Beziehung zwischen exakter Wissenschaft und 
Psa., die erwähnenswert ist ? Ich möchte antworten : Im gleichen Ziel, im 
gleichen Streben, in der ÜbertragungdesGeistesd er Natur- 
wissenschaften auf die Seelenforschung. Damit soll 
nicht gesagt sein, daß nicht auch andere psychologische Richtungen natur- 
wissenschaftliche Methodik zugrunde legen ; aber die Gesamtheit der psy- 
chischen Vorgänge ist nirgends so energisch mit dem Geiste der exakten 
Naturwissenschaften angegangen wie in der Psa.; nirgends eröffnet sich 
eine so weitreichende Aussicht der Zusammenfassung und Einordnung 
in das System der Naturwissenschaften als in der Psa., deren erster 
Schöpfer besonders vollgesogen vom Geiste der exakten Wissenschaften 
erscheint. Dies gilt indes nicht für alle Vertreter der Psa., noch weniger 
für alle Laien und Denker, die dazu Stellung nehmen. Es geht, wie bei 
manchen andern großen Ideen der letzten Jahrhunderte, daß sich Reli- 
gionsstiftung und Naturwissenschaft darum streiten, wie Teufel und Engel 
um die arme Seele ; und deshalb darf wohl hier etwas über die Gesichts- 
punkte gesprochen werden, mit denen der Engel seine Ansprüche recht- 
fertigen mag. Denn gerade vom Standpunkt des «Weltbildes» aus ist diese 
Frage entscheidend. 

Die Psa. wird den Naturwissenschaften in erster Linie gesellt durch 
den Begriff desUnbewußten und seine radikale Fassung. Die 
moderne Naturwissenschaft sieht die Natur als nur durch Erfahrung ver- 
mittelt an und lehnt es ab, den Menschen und den menschlichen Verstand 
in den Mittelpunkt des Weltganzen zu setzen. Ihre wesentliche Methode 
ist es, die Sinneseindrücke zu bestimmten, womöglich reproduzierbaren 
Erscheinungen zusammenzufassen, und die Verknüpfung dieser Erschei- 
nungen als ganz unabhängig von den in unserm Verstand vorgebildeten 
Möglichkeiten anzusehen. Nicht irgendwelche große Idee wird an die 
Dinge herangebracht, um diese als Ausfluß und Ausdruck eines erratenen 
oder geoffenbarten Weltgrundes zu deuten, sondern die Erscheinungen, 
und zwar immer nur kleine Gruppen, die im Laufe der Zeit sich ver- 
größern, werden durch kleine Ideen verbunden. Diese kleinen Ideen, die 
naturwissenschaftlichen Theorien, enthüllen keinen Weltgrund ; sie 
geben nicht Antwort auf tief philosophische Fragen ; sie tragen, wenn sie 
brauchbar sind, etwas weiter als die Erfahrungen reichen, aus denen sie 
geschöpft sind. So schaffen sie neue Tatsachen, neue Erfahrungen ans 
Licht und gleichzeitig neue Probleme vor den Menschengeist; sie sind 
keine ewigen Formen, sondern eher Generationen vergleichbar, die neue 
Generationen erzeugen und dann absterben; sie sind vergänglich wie 
Menschengeschlechter, aber auch ewig, wie das Erbgut, welches ein Ge- 
schlecht dem andern überantwortet, und wir sehen ihre Entwicklung als 
eine Entfaltung, als einen Aufstieg an. 

242 



Damit ist der Unterschied der naturwissenschaftlichen 
von der philosophischen (oder gar religiösen) Idee bezeichnet. 
In der Philosophie liegt die Betonung auf der Idee, auf dem großen Zu- 
sammenhang, hinter dem die Einzeltatsache an Interesse zurücktritt, in der 
Naturwissenschaft ist die Tatsache, die Vermehrung der Kenntnisse das 
Wichtige, die Theorie faßt nur verschiedene Tatsachen einheitlich zu- 
sammen ; ihre zeitliche Begrenztheit sowie ihre Gültigkeit nur innerhalb 
gewisser mehr oder weniger enger Problemgruppen unterliegt von vorn- 
herein keinem Zweifel. Als Beispiel diene nur das Gesetz von der 
Erhaltung der Energie, eine der fruchtbarsten Theorien der modernen Na- 
turwissenschaft, so fruchtbar und weittragend, daß es schon als Erkennt- 
nis a priori angesprochen worden ist; als allgemeine «Wahrheit» ist es 
heute sogar innerhalb der Physik überholt und gilt nur als Spezialfall und 
Näherungsausdruck des heute allgemeinsten Gesetzes von der Erhaltung 
der Summe von Energie und Materie; dennoch bleibt es in seiner Pro- 
blemgruppe von derselben Wirksamkeit wie dereinst und fördert ständig 
neue Tatsachen, neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse zutage. 

Die Bedeutung der Psa. für die Welt der Naturwissenschaften ist nun 
die Übertragung dieser Methode auf die Seelen- 
erscheinungen. Hier liegt zunächst die große Schwierigkeit für die 
Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode; denn wir glauben ja 
unser Seelenleben unmittelbar zu kennen ; wir wehren uns unbedingt zu- 
nächst dagegen, daß ein Anderes als die uns bewußten Gedanken und Ge- 
fühle in der Seele leben, ja sie beherrschen soll; hier scheint eine Welt von 
unmittelbarer Gegenwart, von höherer Gewißheit der Existenz und der 
Klarheit vorhanden zu sein, aus welcher Erkenntnisse von höherer Sicher- 
heit und größerer Tiefe fließen können, als aus den durch die Sinne ver- 
mittelten Erfahrungen der körperlichen Natur. Hier scheint die unüber- 
steigliche Grenze für ein naturwissenschaftliches «W e 1 1 - 
b i 1 d» ; und ich glaube, daß die große Mehrheit der Denker diese Grenze 
noch zieht. Die Psa. hingegen verneint folgerichtig diese Grenze mit ihrem 
Begriff des Unbewußten; nur aus Erfahrung kennen wir einzelne psy- 
chische Tatsachen, wenn auch eine ganze Fülle. Die zeitliche und die kau- 
sale Verknüpfung können wir aus Erfahrung lernen, das Gesetz der Ver- 
knüpfung ist uns so unbekannt, wie der Lauf der Gestirne. Wir werden 
uns ihm mehr und mehr annähern, je mehr wir uns von der Er- 
fahrung leiten lassen, je weniger wir glauben, den Zusammenhang aus un- 
mittelbarem Erleben zu kennen. Von diesem Standpunkt aus scheint uns 
der Gedanke an die unmittelbare Kenntnis des Seelenlebens, die Ableh- 
nung des Unbewußten, als analog zu der Anschauung, die Sterne seien 
Lichtpunkte, die den Menschen das für sein Leben Wichtige zublinken. 
Freuds Tat hat die psychischen Sterne zu Wesen für sich gemacht und uns 
hoffen lassen, daß wir auch ihren Lauf mit steigender Erfahrung genauer 
und genauer kennen lernen und einen immer bessern Ausdruck für die 
ihnen innewohnende Gesetzlichkeit finden werden. So erweitert die Psa. 

16* 243 



das Problem eines naturwissenschaftlichen Weltbildes und sucht vom an- 
deren Ende der erfahrbaren Welt aus der Physik die Hand zu reichen. 

Um aber Erfahrungen zu verknüpfen, dazu bedarf es wenigstens am 
Anfang und weit bis in die Tiefe hinein, einer bildhaftenVorstel- 
1 u n g für das, was nicht unmittelbar sinnlich wahrgenommen wird. Diese 
Vorstellung wird in der Wissenschaft zunächst den Erscheinungen der 
Umwelt entnommen, indem irgend ein beobachteter Vorgang zum Proto- 
typ für alle Vorgänge genommen wird ; Beispiel ist etwa die Übertragung 
der Wasserwellenbeobachtung als Theorie auf Licht- und Schallvorgänge. 
Oder ein erkannter Zusammenhang selbst gibt ein neues Bild her, das einer 
undurchschauten Erscheinungsgruppe als theoretischer Gesichtspunkt die- 
nen kann ; Beispiel etwa die Stoßvorgänge bei festen Körpern und die 
zwischen Körpern angenommenen Fernkräfte als Bild für die thermischen 
Eigenschaften der Gase und Flüssigkeiten. Dabei dient immer diejenige 
Erscheinungsgruppe als die für das Weltbild maßgebende Grundlage, 
welche die einfachste zu sein scheint. Aber die Zeit und die Tatsachen ge- 
hen über das Vorurteil der Einfachheit immer wieder hinweg, und die Er- 
scheinungsgruppe, welche die tiefsten Untergründe zu enthalten schien, 
kann zum Spezialfall einer anderen werden, welche komplizierter schien 
und nur unsern Sinnen und unsrer alltäglichen Erfahrung näher lag. Bei- 
spiel etwa die Umwandlung des mechanischen in das elektromagnetische 
Weltbild im letzten Jahrhundert. Eine neue Naturwissenschaft wird zu- 
nächst ihre Erscheinungen mit ad hoc gewählten Bildern verknüpfen, wird 
aber bald dahin streben, diese Bilder an solche anzugleichen, welche von 
andern Erscheinungen stammen und zunächst übergeordnet erscheinen; 
hierbei kann es vorkommen, daß die neue Gruppe die alte verschlingt, daß 
die neuen Begriffe weiter sind, als die alten. Der Begriff der chemischen 
Kräfte bietet in dieser Hinsicht reizvolle Beispiele. 

Betrachtet man die Entwicklung der Psa. unter diesen Ge- 
sichtspunkten, so muß man über die Verwirrung hinwegkommen, welche 
von gegnerischer Seite in den Streit um ihre Bedeutung hineingetragen 
wurde. Man läßt der Psa. die rechte Gerechtigkeit nur widerfahren, wenn 
man sieinersterLiniealsNaturwissenschaft betrachtet ; 
in dieser Hinsicht ist ihre Schöpfung eine Großtat ; in einem Gebiet, das 
vorher nur Dichter und Schwärmer anrühren konnten, hat sie eine Fülle 
von Tatsachen, die zum Teil gut reproduzierbar sind, ans Licht gebracht, 
Verknüpfungen gesehen, die zum Teil paradox erscheinen konnten, und 
Anschluß an benachbarte Wissensgebiete gefunden. Man kann über 
Sicherheit einzelner Tatsachen streiten, man kann — bei der Sterblichkeit 
aller Götter in der Naturwissenschaft — sicher sein, daß die Theorien noch 
unvollkommene Ausdrücke für die wirklichen Zusammenhänge bedeuten 
(was Freud selbst hundertmal betont hat) ; aber Gesichtspunkte ästhe- 
tischer, moralischer Art oder der Hinweis auf noch ungeklärte Erschei- 
nungen, der Vorwurf einer unberechtigten Verallgemeinerung verfangen 
hier nicht. Es ist auch von diesem Standpunkt gleichgültig, ob Patienten 

244 



gesund werden oder sterben ; die Explosion eines Benzinmotors beweist 
ja auch nichts gegen die Richtigkeit der thermodynamischen Hauptsätze 
und der daraus folgenden Tatsachen. Alle diese Schwierigkeiten werden 
erst hineingetragen, wenn man Psa. als eine Weltanschauung oder anderer- 
seits als reine Technik ansieht. 

Die Psa. hat zunächst psychische Erscheinungen nur 
wieder aufpsychische zurückgeführt, ohne sich um ihre 
physiologische Bedingtheit zu kümmern; dann psychische Zusammen- 
hänge — etwa zwischen Kindheitserlebnissen und Träumen Erwachsener 
— formuliert ; dann für diese Zusammenhänge einen Ausdruck gesucht, 
der dem anscheinend fundamentaleren — naturwissenschaftlichen Nach- 
bargebiet, der Biologie entgegenstrebte. Da fand sich der Begriff der 
Sexualität, der mit einiger Erweiterung in dem neuen Gebiet an- 
wendbar war und zuerst eine größere Systematik der neuen Erscheinungen 
ermöglichte. Hier von Verfälschung oder Überspannung zu reden, ist 
sinnlos ; was heute in der Physik Elektrodynamik heißt, enthält das, was 
man vor hundert Jahren als Elektrizität bezeichnete, auch nur als speziellen 
Fall in sich. Und mußte man nicht erwarten, daß einer der mächtigsten 
Faktoren im bewußten Triebleben die Form und den Ausdruck für die 
unbewußt psychischen Vorgänge liefern würde ? Wenn man sich auf den 
Standpunkt stellt, in der psa. Forschung zunächst naturwissenschaftliche 
Forschung zu sehen, so kann man auch nicht von Einseitigkeit oder gar 
Monomanie reden. Jede derartig befriedigende theoretische Zusammen- 
fassung m u ß in der Naturwissenschaft durchgeführt werden, solange es 
eben geht ; nur dann ist sie voll fruchtbar und nur dann kommen ihre wah- 
ren Grenzen, die den besseren Ausdruck hervortreten lassen, klar zum 
Vorschein. Die mechanische Anschauung mußte auf optische, ther- 
mische, elektrische Erscheinungen ausgedehnt werden, ehe sie endgültig 
im letztgenannten Gebiet ihre Grenzen erkennen und zugleich zu neuer 
Fassung geführt werden konnte. So m u ß t e der Begriff der Libido er- 
weitert werden, bis die Erscheinungen des Antagonismus zweier Kräfte 
so deutlich hervortraten, daß sie mehr in den Mittelpunkt rückten. 

Der Libidobegriff scheint sich im Laufe der Forschung immer 
mehr dem Energiebegriff der Physik anzunähern und das zu 
leisten, was dieser vorzeichnet, nämlich eine Art von Bilanz der psychischen 
Energien zu ermöglichen. Solange die Libido als eine Art Kraft an- 
gesehen und mit dem Hunger in eine Linie gerückt wird, bleibt ihre funda- 
mentale Rolle dunkel. Andererseits gilt aber auch hier, wie in der Physik, 
daß die Energiebeziehung allein keine volle Klarheit bringt ; die Kräfte, 
welche die Energieumwandlungen besorgen, sind Probleme für sich. Sie 
treten in den späteren Arbeiten Freuds als Lebens- und Todestriebe her- 
vor. Es ist hier nicht der Ort, über diese Andeutungen hinauszugehen ; nur 
auf die weitere tiefgehende Analogie des Libido- und des Energiebegrif- 
fes sei kurz hingewiesen. Die Energieformen sind ja in einer physikalisch 
ganz klar formulierbaren Weise ungleichwertig; der Übergang von an- 

245 



derer Energieform in Wärme entspricht größerer «Wahrscheinlichkeit» 
wie der umgekehrte Übergang (Entropiesatz) . So geht der Libidostrom, 
wenn er nicht durch ganz bestimmte psychische Kräfte, deren Natur kei- 
neswegs klar ist, in sublimierte «höhere» Formen, etwa in der Richtung 
des Freudschen «Realitätsprinzips» gezwungen wird, von selbst offenbar 
leicht in Bahnen des Lustprinzips, autistische Formen oder wie man diesen 
Begriff sonst formulieren mag. Will man ganz optimistisch sein, so kann 
man hoffen, von dieser Stelle aus einmal zu einer naturwissen- 
schaftlichenOrdnungvonWertenzu kommen. 

Man könnte die Einzelbeispiele vermehren, und in der Ideen- 
geschichte aller Naturwissenschaft, nicht nur der Psa., psa. Probleme 
sehen. Am Anfang aller Theorienbildung steht immer das dem Verstand 
am nächsten Liegende, und das sind Beseelungen, Übertragungen psy- 
chischer Erlebnisse auf die (sinnliche und seelische) Welt der Erscheinun- 
gen. Bei wachsender Tatsachenkenntnis gehen die so vermuteten Zu- 
sammenhänge immer mehr verloren zugunsten von Verknüpfungen, deren 
Existenz man vorher nicht ahnen konnte, die paradox, revolutionär, 
lästerlich erscheinen. Die vorher geglaubte Verknüpfung erscheint als 
Sinnentrug im weitesten Sinne, die Anschauung versagt, die Zusammen- 
hänge zwingen die ihnen gemäße Form langsam dem Geiste auf, der sich 
widerwillig ändert, um überhaupt die brauchbare Form finden zu können. 
So ist die moderne Naturwissenschaft ein Anpassungsprozeß 
des forschenden Geistes andieNatur. 

Dieser Prozeß ist aber gerade inunsererZeitauf einen Höhe- 
punkt gekommen, und hier liegt das zeitgeschichtlich Bedeu- 
tungsvolle an der Psa. In der Entwicklung eines Jahrhunderts hat die 
Physik den Boden der Mechanik unter den Füßen verloren und ist zu Vor- 
stellungen übergegangen, die eine andere, nicht mechanisch verstehbare, 
nicht in unserer alltäglichen sinnlichen Erfahrung gelegene Erscheinungs- 
gruppe in den Mittelpunkt ihrer Welt gerückt. In unserer Zeit kulminierte 
diese Entwicklung in der Relativitätstheorie, welche den 
letzten Rest von Vorstellungen entfernte, die aus der alltäglichen Erfah- 
rung der Anschauung leicht eingingen. An ihre Stelle rücken Gesetze, die 
nicht sinnlich faßbar, wenn auch mathematisch vollkommen bestimmt 
sind ; die Natur folgt keinem Bild des Menschengeistes mehr, sondern der 
Geist hat sich zu wandeln, seine Anschauungsfähigkeit zu 
vergewaltigen, um die Naturerscheinungen fassen zu können. In der- 
selben Zeit, in der die Spitze der Naturwissenschaften, die nicht an eine 
Erscheinungsgruppe höherer Gewißheit anknüpfen kann, hinausstrebt 
über das, was faßbar scheint, tritt von der andern Seite der Naturkenntnis 
her die Forderung, das eigentlich Psychische als etwas über der seelischen 
Anschauungsgewohnheit Liegendes anzusehen, die Verknüpfung der 
psychischen Vorgänge in Zusammenhängen zu erkennen, die nicht in un- 
serer psychischen Erfahrungswelt vorgebildet liegen. Dies ist eine Ver- 
gewaltigung unserer Anschauung, wie die Relativitätstheorie und 

2. ,f -< 



die moderne Quantentheorie es sind ; aber es ist auch eine Höherent- 
wicklung unserer Anschauungsfähigkeit, eine höhere Anpassung. Wir 
streifen in dieser Hinsicht den alten Adam ab und dringen zu tieferen Vor- 
stellungen und Erkenntnissen vor. Dies ist meiner Ansicht nach die tiefe 
Gemeinsamkeit, welche heute gerade die exakte Naturwissenschaft und 
die Psa. verbindet, die Brücke, welche von Einstein zu Freud führt. 

Ich verkenne natürlich nicht, daß es noch andere Seiten des Weltbildes 
der Psa. geben muß ; und mancher Leser wird vielleicht die hier behandelte 
Seite des Problems als uninteressant empfinden und erwidern, die Seele 
sei «n o c h etwas a n d e r e s» als nur ein Objekt der Naturforschung. 
Aber ist das nicht mit jeder anderen Naturerscheinung, ja mit jeder 
Schöpfung des Menschen ebenso ? Die Erkenntnis psychischer Zusammen- 
hänge allein liefert nicht die Lösung des individuellen Konflikts. Die Be- 
handlung eines Kranken oder sonst ein psychischer Eingriff sind nicht 
allein mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis erledigt, der Arzt muß 
z. B. individuell alles Unbekannte berücksichtigen, er muß wissen, was 
nützlich und schädlich ist und intuitiv entscheiden, wo er nicht wissen 
kann. Aber eine Dampfmaschine ist auch «noch etwas anderes» als eine 
Anwendung der Thermodynamik ; sie erfordert Konstruktion, sie ist eine 
Leistung der Ingenieurphantasie, ein Faktor, um Brot zu schaffen, und 
vieles mehr. In dieser Hinsicht kann ich nicht zugeben, daß die Seele eine 
Sonderstellung vor anderen Naturobjekten einnimmt ; und darum glaube 
ich auch, daß der Psa. ewiger Kern da liegt, wo sie reine Naturwissen- 
schaft ist. 



PSYCHOANALYSE UND BIOLOGIE 

von RudolfEhrenberg 

Die Problematik, welche in der Themastellung «Leib und Seele» 
gipfelt, wirkt sich im Entwicklungsgange der Wissenschaften dahin aus, 
daß die Theorienbildung in Biologie und Psychologie in immerwährender 
wechselseitiger Bedingtheit vor sich geht. Eine biologische Theorie, welche 
die von der Psychologie erfaßte Tatsächlichkeit im Bereiche des Leben- 
digen nicht als eine Möglichkeit von bestimmter logischer Struktur in sich 
enthält, muß auch für die außerseelische Lebenswirklichkeit unzureichend 

247 



sein. Eine Seelenanschauung, welche die Erscheinungsformen des mate- 
riellen Lebens nicht voll berücksichtigt, kann auch die Mannigfaltigkeit 
der seelischen Vorgänge nicht innerhalb des Ganzen der Erfahrungs- 
wirklichkeit meistern. 

Der Forderung, die in diesen beiden Behauptungen gestellt ist, hat die 
Begriffsbildung in Biologie und Psychologie immer — mehr oder weniger 
bewußt — Genüge zu tun gesucht, zumeist freilich in einseitiger und ge- 
waltsamer Weise. Sie hat die Problematik zu lösen versucht, anstatt ihre 
Tatsächlichkeit als mit dem Verhältnis der beiden Realitätsbereiche zu- 
einander identisch aufzuweisen, sie hat die eine Wirklichkeit für die 
«eigentliche» erklärt und die andre auf sie zurückgeführt, also geleugnet 
oder — was im Grunde das gleiche ist — für minderwesentlich erkennen 
wollen. Die unter dem Schlagwort «Mechanismus-Vitalismus» fortgehende 
Kontroverse in der Biologie ist das Paradigma dieser Lösungsversuche. 
DerMechanismus leugnet die Sonderexistenz oder — was auf dasselbe 
hinausläuft — die Rationalisierbarkeit eines Seelischen. Der Vitalismus 
in all seinen Formen läßt das Seelische oder ein Quasi-Seelisches (Im- 
materielles) das Eigentliche des Lebens ausmachen und leugnet damit 
die Erfahrbarkeit, Rationalisierbarkeit des Lebens innerhalb der physika- 
lisch-chemischen Naturerkenntnis. Ein Ausgleich innerhalb der Kontro- 
verse wird nicht gefunden oder doch nur typologisch unter den Forscher- 
individuen, die Gewichtsverteilung der Geltung beider Theorien bestimmt 
sich wesentlich durch die gesamte Denkrichtung der Zeit. Wertlos ist die 
von zahlreichen Denkern fortgesponnene Kontroverse darum gewiß 
nicht, beide Anschauungen entwickeln die in ihnen enthaltenen darstel- 
lerischen und heuristischen Möglichkeiten, und der Fortbestand der 
Kontroverse erhält das Bewußtsein einer eigengesetzlichen biologischen 
Wissenschaft. 

Zu Beginn der psa. Forschungsrichtung war die Biologie, und zwar 
eine mechanische Biologie vorherrschend und bestimmend auch für die 
psychologische Theorienbildung, die messende Psychophysik, die Asso- 
ziationspsychologie und Lokalisationsforschung war das Ergebnis. Von 
einer Einwirkung der psychologischen Forschung auf das biologische 
Denken kann zu jener Zeit kaum die Rede sein. Das hat sich gründlich 
gewandelt. Man kann darüber diskutieren, ob das Aufkommen der unter 
dem Namen Psa. zusammengefaßten Forschungsrichtung in der Psycho- 
logie und das Erstarken des vitalistischen oder organismischen Denkens 
in der Biologie zwei unabhängige Parallelerscheinungen im Geistesgange 
der Zeiten seien. Uns wird die Frage wichtiger sein, ob denn etwa die 
antimechanistische Einstellung einer wachsenden Zahl biologischer For- 
scher die einzige oder die wesentliche, ja überhaupt die legitime Aus- 
wirkung der Psa. auf biologischem Gebiete sei, einerlei, ob es sich um 
echte Auswirkung des einen auf das andre handelt oder um reine 
Parallelität. 

Die von Freud inaugurierte Psa. hat zwei Momente in die Theorie 

248 



und Praxis der Seelenkunde eingeführt, deren Bedeutung für die Lebens- 
forschung sich erst auszuwirken beginnt, ein methodisches und ein be- 
griffliches : die Methode der Deutung und die Lehre vom Unbewußten. 

Die Möglichkeit der Deutung seelischer Erscheinungen setzt vor- 
aus, daß es hinter diesen ein Eigentlich-Lebendes der Seele gibt, etwas, das 
sich in diesen Erscheinungen als das, was es ist, offenbart, aber außer ihnen 
noch lebensunmittelbarere Manifestationen seines Seins hat. In der Deu- 
tung geht die Erkenntnis gleichsam von der Ertastung der Form zur 
Erfühlung der formtragenden Substanz, geleitet von der Idee, daß der 
Inhalt des geformten seelischen Ausdrucks in der Gleichnisbeziehung zu 
den der Formgebung zugrunde liegenden lebendigen Wesenheiten stehe. 
Dieses Hintergründige, Aktuell-Lebendige, auf das die Deutung führt, 
muß ein Bereich von einem dem Psychischen wie dem Physischen gegen- 
über besonderen Erfahrbarkeitsgehalt sein, weder psychologische noch 
physiologische Begiffe können zu seiner Erfassung ausreichen. Grade 
in dem Prinzip der «Deutung» ist vielmehr ausgedrückt, daß nicht irgend- 
welche Phänomene der einen Erfahrungskategorie durch Rückführung 
auf solche der anderen «erklärt» werden sollen, sondern in der Deutung 
wird der Gleichnischarakter, die inhaltliche Wesensbeziehung der bei- 
den Lebenserscheinungen aussprechbar gemacht und als existent statuiert. 
Es ist einzusehen, daß die Begriffe, mit deren Hilfe diese Forschung ihre 
Ergebnisse darstellt, vom Standpunkt jeder der beiden Wissenschaften 
— der Psychologie wie der Physiologie — aus logisch anfechtbar erscheinen 
müssen. Der Begriff eines psychischen «Unbewußten» auf der einen 
Seite hebt die Möglichkeit einer einfachen Bezeichnung dessen, was das 
Seelische sei, auf ; der Begriff eines physischen «Triebes» auf der andern 
Seite führt eine Spontaneität in das nur im zeitlichen Ablauf rationalisier- 
bare Naturgeschehen des Lebens ein, die mit dem Charakter der Biologie 
als Naturwissenschaft unverträglich ist. Bezeichnenderweise wird diese 
Begriffsbildung auch in der psa. Literatur, besonders in den späteren 
Schriften Freuds, als durchaus vorläufig empfunden, die Aufteilung des 
Unbewußten in verschiedene Wesenheiten, die Analyse von «Ich und 
Es» zeigt den Weiterweg an, ebenso wie auf der andren Seite die Wand- 
lung des Libidobegriffes. 

Am lehrreichsten für die Fragestellung dieses Abschnittes ist es, 
die Stellung der Libido in der Theorie und Praxis der Psa. zu be- 
trachten. Sie ist es ja, die der Freudschen Schule den Vorwurf des 
Biologismus, der «Entwertung» des Seelischen eingetragen hat und die 
manche ihrer Gegner in Adlers «Individualpsychologie» mit ihrem Fiktio- 
nalismus einen Fortschritt zu einer psychologisch reineren Theorie er- 
blicken läßt. Der Vorwurf des Pansexualismus, sofern er aus wissen- 
schaftlichen, nicht aus moralpädagogischen Gründen gemacht wird 
von der therapeutisch-praktischen Frage ist hier nicht zu handeln 
wäre berechtigt, wenn die Analyse nicht Deutung, sondern Erklärung der 
psychischen Erscheinungen leisten wollte, wenn sie also gewissermaßen 

249 



Irrtümer der Seele korrigierte, einen Schein zerstörte, um eine Wahr- 
heit frei zu machen. Was sie im Enderfolg bewirkt, ist vielmehr die 
Vollendung einer seelischen Gestaltung, die Erfüllung eines seelischen 
Schicksals — Bewußtwerden ist Vollendung — , um der Möglichkeit 
willen, den Gestaltungsgang der Seele aus den Urgründen ihres Lebens, 
dem «Es» heraus neu beginnen und damit überhaupt fortgehen zu lassen. 
Nur im Gestaltungs gange aber ist die Seele lebendig, und jeder indi- 
viduelle Gestaltungsgang ist möglich, d. h. realitätsgerecht, der fortgehen 
kann, der weder in sich beendet, noch aus Situationsgründen gehemmt 
ist. Der andre Vorwurf, der auch mehr aus moralpädagogischen Gründen 
der Psa. gemacht wird, der, daß sie das «Ausleben» propagiere, ist vor 
der Biologie ihr Richtigkeitserweis, denn es gibt im Leben keinen an- 
deren Fortgang als auf die Vollendung des Begonnenen hin, mit der 
Möglichkeit des Neubeginns jenseits des Vollendeten. Daß trotzdem die 
Libidotheorie grade in der psychologischen Deutung nicht wirklich be- 
friedigen kann, ist nicht Schuld der Psa., sondern der Biologie, die in 
ihrer begrifflichen Entwicklung hinter der psychologischen Forschung 
zurückgeblieben ist. 

Die modernen biologischen Theorien, wie sie in der Abwendung 
von der mechanistischen Anschauung aufgestellt worden sind, denken 
in den Kategorien des Organischen, der «Ganzheit», sie sehen in der in- 
dividuellen Gestalt das Eigentlich-Lebende, und in der Rückprojektion 
die Gestalt als eines wirkenden Prinzipes auf die physikalisch-chemischen 
Prozesse glauben sie das Leben zu erfassen. Sie treiben damit eine Art 
Psa. des Nichtpsychischen, kommen auf ihrem Deutungswege unaus- 
bleiblich zu solchen der Libido verwandten Begriffen wie Wachs- 
tumstrieb, Entwicklungstendenz, prospektive Potenz. Sie leisten aber 
der Psychologie grade das nicht, was sie ihr leisten sollten: ein psycho- 
logiefreies, in sich analysierbares Naturgeschehen darzustellen, das der 
psa. Deutung die andre, wirklich andre Seite des Gleichnisses lieferte. 
Es ist sehr bezeichnend für den Zeitstand der Wissenschaft, daß eine 
Gruppe der Nachfolger Freuds sich dieser biologischen Theorie der 
Gegenwart angepaßt hat, die Adlersche, und daß sie vielfach als die 
fortgeschrittenere Form der Psa. gilt. Auch sie projiziert die Form, 
hier die seelische, zurück in eine schöpferische Spontaneität, einen Gel- 
tungstrieb, der auf der Basis eines individuell verschiedenen organischen 
Gleichgewichts die «Lebensfiktion» schafft. Der Einbruch der Psycho- 
logie in die Physiologie, der in den biologischen Theorien um der Biologie 
willen vorgenommen wurde, wird hier als biologische Wirklichkeit vor- 
ausgesetzt und mit umgekehrten Vorzeichen, also in Wahrheit zur Ent- 
wertung der seelischen Wirklichkeit verwendet. 

Die eigentliche Gegenwartsaufgabe scheint aber doch von der Psy- 
chologie an die Biologie gestellt und in der Psa. formuliert zu wer- 
den: den Begriffen des Unbewußten, der Verdrängung, der Identi- 
fizierung usw. biologische Entsprechungen aufzuzeigen, natürlich nicht 

250 






im Sinne eines psychophysischen Parallelismus, der zentralnervösen Loka- 
lisationen oder endokrinen Aktualisierungen etwa, sondern als allgemeine 
Gesetzmäßigkeiten des lebendigen Geschehens. Dem Totalitätsanspruch 
der Seele, den ihre Selbstverwirklichung aus dem Materiale der ge- 
samten Realität bedeutet, kann im stofflichen Leben nur eine allen 
Lebensvorgängen grundsätzlich gleiche gründende Gesetzmäßigkeit ent- 
sprechen. Diese Gesetzmäßigkeit muß im Stofflichen gleicherweise die 
Unendlichkeit des Mannigfaltigen umfassen, wie die psa. Deutung die 
Unerschöpflichkeit der seelischen Erscheinungsformen unbeeinträchtigt 
läßt. Wie hier alles Fiktion ist oder nichts, d. h. jede seelische Selbst- 
darstellung die Realität des Kosmos bewährt, ob im neurotischen Kon- 
flikt oder in der erfolgreichen Lebenspraxis, so muß im Stofflichen auch 
der «unmögliche» Lebensversuch zum Ganzen des Lebens gehören, seine 
Gesetzmäßigkeit offenbaren, solange er im Stadium des aktuellen Ver- 
suches ist. Auch der acephale Foetus lebt im Uterus, auch die zweck- 
widrigste experimentelle Monstrosität lebt — so paradox es klingt — in 
der Erfüllung ihrer Zweckwidrigkeit, nur ein Lebensfortgang jenseits 
dieser Erfüllung ist ihr erschwert oder versagt. 

Man mißversteht die Stellung der Libidotheorie in der Psa., wenn 
man ihr Einseitigkeit zum Vorwurf macht. Einseitig im echten Wort- 
sinne muß die andre Seite der Gleichnisbeziehung sein, wenn Deutung 
Deutung sein soll. Solange der Psa. von Biologie wegen kein andres 
Entsprechendes als der Trieb-Begriff zu Gebote steht, muß sie einen 
einzigen Trieb annehmen, auf den die Deutung hinführt mit einer Viel- 
heit von Trieben würde die Analyse gegenüber der Mannigfaltigkeit der 
seelischen Erscheinungen sinnlos. 

Solange es aber mit einem Triebbegriff geleistet werden muß, so- 
lange kann es nur der der Libido sein, weil allein ein solcher vorläufig 
genügen kann, der so vital paradigmatisch in seinen Manifestationen ist 
wie eben nur dieser. Er enthält in sich die vitale Intensität, die Lebens- 
inbrunst, und die Kapazität, das Individuum und die Vielheit. Vor allem 
aber — er ist fortbildungsfähig zu einem tieferen Erfassen der Lebens- 
wirklichkeit, und die biologische wie die psa. Forschung lassen den Fort- 
gang dieser Umbildung erkennen. Die Biologie in der zunehmenden Er- 
kenntnis der allgemeinen sexuellen Polarität über die eigentlich-genitale 
Sphäre hinaus in Form und Stoff. Die Psa. in einer Abwandlung des 
Begriffes, die, ähnlich wie die Physik vom Kraft- zum Energiebegriff 
fortging, von der Spontaneität eines Triebes zur Potentialität einer 
Energie fortschreitet oder — wie ich an Stelle des physikalisch zu fest- 
gelegten Wortes Energie bevorzugen möchte — von Trieb zu Ge- 
fälle. Dies aber wäre nun die Stelle, wo die Biologie die von der 
Psa. geleistete Arbeit aufnehmen und fortführen muß, wo sie allein 
über den Triebbegriff hinausgelangen und damit der Seelenforschung 
das konkrete Wiederfinden des Seelischen im Lebendigen ermög- 
lichen kann. 

2 5 I 



Bevor wir aber die biologische Theorie im Anschluß an die psa. 
Begriffsbildung zu entwickeln versuchen, muß noch einem Einwand 
gegenüber der hier gegebenen Verteidigung der Einseitigkeit des Libi- 
dobegriffes begegnet werden, der sich grade auf die neuere psa. Li- 
teratur berufen kann. Bekanntlich hat Freud in seinen letzten Schriften 
neben der Libido noch einen Todestrieb eingeführt und die Deutung 
der psychischen Phänomene teilweise auf ihn auslaufen lassen. In der 
Art, wie Freud diese zwei Triebbegriffe verwendet, wird aber deut- 
lich, daß es sich nicht um ein Nebeneinander zweier Momente han- 
delt, von denen bald das eine bald das andre sich auswirkt, sondern 
um einen echten Dual, um die Zwiefältigkeit einer Wesenheit, vergleich- 
bar etwa der Zwiefältigkeit des Geschlechts, eine Zwiefältigkeit also, 
deren aktuelles Sein die Einswerdung ist. Freud selbst betont die tiefe 
Verwandtschaft von Liebe und Tod, wie sie im Erlebnis der sexuellen 
Erfüllung erfahren wird, und wie sie in Religion und Philosophie von je 
in das Bewußtsein der Menschen getreten ist. Liebe und Tod, beide be- 
deuten die Aufhebung des Individuums, Liebe in der Überwindung seiner 
raum-zeitlich begrenzten Gestalt, Tod in ihrer Vollendung. Wir dürfen 
darum erwarten, mit dieser Dualisierung des Triebes, auf den die psa. 
Deutung führt, einen Schritt weitergelangt zu sein in der Überwindung 
des Triebbegriffes, seiner Analyse von der Seite der Biologie her. Denn 
«Todestrieb» ist die in die Sprache der Spontaneität übersetzte Wahr- 
heit, daß alles Leben Lebens a b 1 a u f ist, daß ein vitales Gefälle besteht, 
dessen Tiefpunkt der Tod, die Vollendung, und zwar eben die Vollendung 
der individuellen Gestalt ist. 

Die Biologie, die mechanistische wie die teleologische, denkt in den 
Kategorien des Morphologischen und des Funktionalen, die mechanistische 
analysiert die Form in Systembedingungen der funktionalen Prozesse, 
die teleologische sieht Form und Geschehen in verbundener Abhängig- 
keit von der kategorial jenseitigen aber individuell zugeordneten Wesen- 
heit, der Ganzheit, Entelechie u. ä. Eine dieser Biologie zugehörige Psy- 
chologie muß die seelischen Erscheinungen auf ein ruhendes oder zirkulär 
funktionierendes vitales Wirkendes beziehen, als Funktion des Zentral- 
organs, analysierbar innerhalb der äußeren und inneren Systembedin- 
gungen des lebenden Ganzen, oder als Mitbedingtes des bedingenden 
vitalen Telos. Im einen Falle verflüchtigt sich die Seele in die Unendlich- 
keit des seelischen Widerhalls der gesamten Naturwirklichkeit, im andren 
Falle zergeht das Seelische in die Unzahl der einzelnen Seelen. Es kann 
aber keine analysierende Wissenschaft von der Seele geben, wenn es nicht 
das Seelische gibt, sowenig wie eine eigenständige Wissenschaft vom 
Leben möglich ist, wenn es nicht das Lebende gibt. 

Die Freudsche Psa. ist als Methode und Theorie aus dem Be- 
dürfnis des Seelenarztes entstanden, also aus dem Glauben, daß der 
Seele eine Heilfähigkeit eignet und daß es ein Bereich der Seele gibt, wo 
diese Heilfähigkeit im einigen Wirken des Innen und Außen der Seele 

252 



Ereignis wird, Heilung bedeutet. Die Möglichkeit der Seelenbehandlung 
ist gebunden an die Existenz des Unbewußten, ihr Wirken besteht darin, 
daß sie durch die Bereitung des Außen der Seele dem Innen ermöglicht, 
Ereignis zu werden. Das Bereich dieses Ereignisses ist das Bewußtsein, 
der Vorgang Bewußtwerdung, der Erfolg hängt ab von der Wirkung des 
Ereignisses im Außen und damit wiederum auf das Innen der Seele im 
Hinblick auf die Ermöglichung des nächsten Ereignisses. Die von der 
Psa. erwiesene Möglichkeit, zu dieser Heilfähigkeit der Seele eine 
Behandlungsmethode auszubilden, erweist, daß es eine Gesetzmäßig- 
keit des Seelischen gibt, unabhängig, begrifflich lösbar von Gestalt und 
Schicksal der einzelnen Seelen. Natürlich hat es schon vor der Psa. 
den Arzt der Seele gegeben, den, der aus der tiefen Einheit alles 
Lebens heraus die jeweils heilsame seelische Situation herbeiführen 
konnte, und aus dieser Tatsache ist auch ein wachsender Erfahrungs- 
schatz in dem menschlichen Bewußtsein entstanden und zu Heilslehren 
der Seele ausgeformt worden. Das unterstützt nur unsre Schlußfolgerung 
auf die Gesetzmäßigkeit des Seelischen und auf die Notwendigkeit, ihr 
Entsprechendes in der Gesetzmäßigkeit des Lebendigen aufzuweisen. 

Die Gesetzmäßigkeit des Seelischen kann sich nur auf das beziehen, 
was wir das «aktuelle» Leben der Seele nennen wollen, was also in der 
Sprache der Spontaneität als Trieb bezeichnet, in der Topographie der 
Seele im Unbewußten lokalisiert wird. Sie kann keine Aussagen machen 
zur Systematisierung der seelischen Gestaltungen, sie geht nicht auf die 
Dinglichkeit, sondern auf die Aktualität des seelischen Lebens. Die wissen- 
schaftliche Erforschung der seelischen Formwirklichkeit führt jenseits 
der reinen Systematik der Formen zu metaphysischen Erkenntnissen, 
gleichwie die wissenschaftliche Erforschung der biologischen Formwirk- 
lichkeit in physikalischen Gesetzen ausmündet. Das Seelische oder das 
Lebendige kann sich nur gemäß den Bedingungen der außerseelischen 
oder außerlebendigen Wirklichkeit realisieren, in den individuellen Ver- 
wirklichungen bewährt es die Erlebbarkeit von Geist und Natur. Seine 
Gesetzmäßigkeit muß also die Notwendigkeit solcher Ver- 
wirklichung überhaupt als identisch mit «Leben» 
aufzeigen und analysieren ; die Notwendigkeit der besonderen von 
der Erfahrung erfaßten Verwirklichung dagegen ergibt sich nicht aus 
dieser Gesetzmäßigkeit, sondern aus der des außer- oder überindividuellen 
Wirklichkeitsbereiches, in dem sie geschehen. Anders ausgedrückt: 
Leben geschieht im Reich des Geistes und im Reich der Natur, aber daß 
es geschieht, die Gesetzmäßigkeit seines Geschehens ist eigener Denk- 
barkeit, weder aus den Seinsgesetzen eines der beiden Reiche allein, noch 
aus einer Synthese beider ableitbar, wohl aber innerhalb jedes der beiden 
Reiche für sich zu erforschen, mit dem Ergebnis einer einigen Gesetz- 
mäßigkeit in zwei gleichnismäßig einander zugeordneten Aussagen. 

Diese Gesetzmäßigkeit des Seelischen oder des Lebendigen, also des 
«aktuellen» Lebens von Seele und Leib, ist nicht gleichbedeutend mit 

253 



einer Theorie der Seele oder des Lebens. Zu einer solchen gehören die 
Erkenntnisse des Metaphysischen und des Physischen oder — wie man 
deutlicher sagen könnte — des Ultrapsychischen und des Infrabiischen,. 
sie treten hinzu, wenn jene Gesetzmäßigkeit wirkend erschaut werden 
soll. Die Analyse muß inhaltlich für die Biologie zu materiellen, die Psy- 
chologie zu spirituellen Aussagen führen, aber gleichsam die Grammatik 
muß in beiden Aussagenreihen jene Gesetzmäßigkeit des seelischen und 
leiblichen Lebens enthalten. 

Die wesentliche Leistung, welche die Psa. auch für die Biologie 
geleistet hat, scheint mir die Erforschung und begriffliche Darstellung 
dieser Gesetzmäßigkeit des «Aktuell-Lebendigen» zu sein, denn das 
Aktuell-Lebendige ist getroffen, wenn die psa. Deutung auf den «Trieb» 
geführt hat. Entsprechend ihrer topographischen Darstellungsweise er- 
gibt die analytische Theorie ein Bereich der Triebgeladenheit, ein 
dynamisches Letztes vor der Sphäre der gestalteten seelischen Wirk- 
lichkeit. Die biologische Theorie, die ein Entsprechendes aufzeigen 
will, muß — in der aktivistischen Sprache ausgedrückt — ein Be- 
reich der Form-Triebgeladenheit suchen, ebenfalls ein dynamisches 
Letztes, hier vor der räumlich geformten Wirklichkeit. Es ist klar, daß 
dieses Bereich nicht selbst schon durch morphologische Lokalisation de- 
finiert sein kann, räumlich angesehen muß es innerhalb des belebten 
Raumteiles überall sein. Ebensowenig kann es als Funktion der schon 
gebildeten Form aufgefaßt werden, der Trieb kann nicht seiner Er- 
füllung nachfolgen. Der Ausweg in ein der Materie jenseitiges Gebiet 
widerspricht der Aufgabe, die wir im Voraufgehenden einer biologischen 
Theorie gestellt haben. 

Dem Bereiche nach kann dieses aktuelle Leben nur im Stofflichen, 
nicht in der Form gesucht werden, aber um eine stofflich-statische Fest- 
legung — eine chemische Struktur also — kann es sich ebensowenig 
handeln wie um die morphologische. Es verbleibt als einzige Lösung des 
Problems die Identifizierung des Übergangs von U n - 
form zu Form mit «Lebe n», die Potentialität dieses Vorgangs, 
das, was wir vorläufig als Formtriebgeladenheit bezeichneten, muß ein 
Gefälle stofflichen Geschehens sein in Richtung auf die 
vollendete Gestalt, das individuelle Gesamtgeschehen ist ge- 
kennzeichnet durch die allmähliche Abnahme dieses Gefälles mit der 
wachsenden Formerfüllung des belebten Raumteiles, der virtuelle Tief- 
punkt des Gefälles ist die vollendete Gestalt, der Tod in Erstarrung. Die 
grundlegende Gesetzmäßigkeit des Lebendigen kann man demnach im 
Hinblick auf den individuellen Lebensträger bezeichnen als das «Gesetz 
von der Notwendigkeit des Todes», seine begriffliche Analyse und empi- 
rische Begründung ist an anderer Stelle zu leisten versucht worden 1 ). 

In der vorstehenden Formulierung ist die innere Verwandtschaft 
zu dem «Todestrieb» der Freudschen Seelendeutung ersichtlich, die Be- 
ziehung zu der Libido der Psa. ergibt sich aus der Problemstel- 

254 



. 



lung: wie wird in Auswirkung des vitalen Gefälles zum Tode hin das 
Maximum an individueller Lebensdauer und der Fortgang des Lebens 
durch die Generationen geleistet? Alles, was innerhalb des ununter- 
brochen fortgehenden Durchformungsganges die Vollendung der Gestalt 
verzögert, das Gesamtmaß der werdenden Gestalt vergrößert oder neue 
Ausformungswege öffnet, dient dem Fortgange des Lebens im Indivi- 
duum und durch die Individuen hindurch. 

Wie im Seelischen das Heilsame in der Entlastung des «aktuellen 
Lebens», der Öffnung oder Erweiterung des Werderaumes der Seele be- 
steht, dieses Raumes, dessen individuelles Maß von der außerseelischen 
Wirklichkeit und der innerseelischen Gewordenheit her für jeden Augen- 
blick der Seelenzeit bestimmt ist, so ist in jedem Moment das aktuelle 
Leben im Organismus nach Intensität und Potentialität definiert durch 
das vorhandene Gestaltungsgefälle und das gewordene Formschicksal. 
Im seelischen wie im organischen Leben bedeutet jede erfüllte Gestalt- 
wirklichkeit den Verlust zahlreicher Möglichkeiten, der Weg des aktuellen 
Lebensfortganges ist bezeichnet durch Gestaltung, die in ihrer Gesamtheit 
ebensowohl eine Einbeziehung, Durchlebung des Außen, in dem Gestalt 
wurde, darstellt, wie eine Entäußerung, Entaktualisierung des Innen, 
von dem aus Gestalt wird. Der Fortgang des Lebens im Organismus und 
in der Seele vollzieht sich zugleich dezentralisierend und kon- 
zentrierend, die Bedingtheit des aktuellen Lebensfortgangs durch 
das gelebte Leben, die gewordene Gestaltung, nimmt im Ablauf des 
Lebens dauernd zu, aber zugleich wird von dem bereits individuell ge- 
formten Bereich immer mehr zum «Außen» des aktuellen Lebens fort- 
gangs. 

Die Biologie nennt diesen Vorgang in der Frühzeit des Individuums 
den Übergang von Entwicklung zu Funktion, sie sieht die Form von ihrer 
Bestimmung im lebenden Ganzen aus — organisch — , aber das Ganze 
selbst ist kein Seiendes, sondern bleibt ein Werdendes, seine organische 
Gestalt ist die räumliche Projektion der sich erfüllenden Lebenszeit. Im 
Entwicklungsgange des Individuums ist dieser Konzentrationsgang des 
aktuellen Lebensablaufs bezeichnet als der Übergang von abhängiger zu 
Selbstdifferenzierung. Ein Teil des Ganzen nach dem anderen wird 
«dezentralisiert», er entwickelt sich zur Vollendung in der ihm in der 
Vorphase gewordenen Norm, er bedarf keiner «Leitung» mehr, er er- 
füllt seine «Bestimmung», einerlei ob er damit im speziellen Falle «zweck- 
mäßig» wirkt oder nicht. Was ist dieser Vorgang, wenn wir ihn von der 
Seite der Naturwirklichkeit her betrachten ? Er ist die fortgehende Ein- 
beziehung, Eroberung der Naturwirklichkeit durch das Leben und zu- 
gleich die Einschaltung dieses Teiles einbezogener, individualisierter 
Naturwirklichkeit zwischen das Außen des Lebensträgers und die Sphäre 
des aktuellen Lebens fortgangs. Er ist das Entsprechende zu dem, was in 
dem werdenden «Ich» Freuds zwischen der Außenwelt und dem «Es« 
entsteht. 



255 



Das Einheitliche des Vorganges in beiden Bereichen wird noch ein- 
leuchtender, wenn wir das Verhältnis des Individuums zur Außenwelt 
an verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens betrachten. Bekanntlich 
lehrt die Psa., daß die entscheidenden Ereignisse im werdenden 
Ich, zwischen Außen und Es also, in die früheste Kindheit fallen, sie 
unterscheidet zwei Arten des libidinösen Geschehens: die Objektbeset- 
zungen und die Identifikationen. Am Keim des Frühstadiums der Em- 
bryonalentwicklung können wir das Entsprechende dieser psychischen 
Vorgänge wiederfinden, die Objektbesetzungen in den Normierungen 
der werdenden Teile zur nach außen gerichteten Funktion, die Identi- 
fikation in der — experimentell erzeugten — unmittelbaren Verleiblichung 
der Einwirkung des Außen, Verkörperung des erlittenen Schicksals. 
Im ersteren Falle lebt das aktuelle Leben sich aus — ■ im wörtlichen 
Sinne — , es gestaltet, beherrscht die Wirklichkeit, es ist gleichsam aktiv 
nach außen gerichtet. In anderen Falle — etwa dem des durchtrennten 
Zweizellerkeimes — wird das erlittene Schicksal unmittelbar verkörpert 
durch das Formergebnis, die beiden Vollindividuen. Diese totale Schick- 
salsverleiblichung ist aber nur in der Lebensfrühe möglich, zur Zeit, wo 
noch keine normierte, individualisierte Wirklichkeit als Schicksalsemp- 
fänger eingeschaltet ist. Mit der Zunahme der dem werdenden Indivi- 
duum einbezogenen Welt geht die Identifikation mehr und mehr auf vor- 
herige Objektbesetzungen, es entsteht die «richtige», d. h. fortlebensmäch- 
tige Wirklichkeitsbeantwortung, sie ist das, was wir das organische Ganze, 
psychologisch das Ich nennen. 

Aber unser erstes Anliegen war, von der Biologie her der Analyse 
den Fortgang über den Triebbegriff hinaus frei zu machen. Die Psa. 
beschreibt Objektbesetzung und Identifikation als zwei Erscheinungs- 
formen der Libido, wir beschrieben normtragenden Funktionsteil und 
normierendes Ganzes als zwei mögliche Entwicklungsresultate ein und 
desselben Keimteiles, resp. seines «Gestaltungstriebes». Wir kommen 
zwangläufig zu der Frage nach «dem» Seelischen, «dem» Lebendigen 
zurück. Von welcher Gesetzmäßigkeit ist dieses aktuelle Leben, dessen 
innere Notwendigkeit die Formverwirklichung überhaupt ist, dessen tat- 
sächliche Form Verwirklichungen so voller Schicksalsentscheidungen er- 
scheinen ? 

Erinnern wir uns, daß die Psa. von der Heiltatsache ausgeht; 
in gleicher Weise muß die Erforschung des Lebendigen die Heiltat- 
sache, d. i. die Ermöglichung des Leben sf ortganges in die Mitte stellen. 
Wenn die Gestaltung der Seele, der Ablauf des individuellen Lebens 
eine reine Entwicklung wäre, eine bloße Erfüllung innerer Gesetze des 
Geschehens, so brauchte es keine Heilfähigkeit zu geben. Es ist auch 
keine tiefgehende Erkenntnisweise, wenn man die Heilfähigkeit nur als 
ein Attribut des Lebens auffaßt, teleologisch bedingt durch die Inkonstanz 
der Außenbedingungen. Die Heilfähigkeit muß ebenso wie der Tod 
Wesensausdruck des Lebens, das organische Leben muß ein immerwähren- 

256 



des Gesunden sein. Es ist ja doch ein allgemeines Gesetz des Lebens : 
nur was ein Mensch aus innerer Erfüllungsnot muß, nur das vermag er 
auch in dem Außen der Wirklichkeit. Müßten wir nicht immerwährend 
in uns selbst genesen, wir könnten es auch nicht in dem Außen. 

Was kann diese Feststellung im Bereich des stofflichen aktuellen 
Lebens besagen? Es war das «Gesetz von der Notwendigkeit des Todes», 
die Statuierung eines Gefälles stofflichen Geschehens in Richtung auf die 
vollendete Gestalt hin als grundlegende Gesetzmäßigkeit des Lebendigen 
angenommen worden. Nun ist bekanntlich die Eigenart des Organischen 
bestimmt durch die Wiederkehr der konstituierenden Eigenschaften des 
Ganzen in den nachgeordneten Einheiten, jedes Organ, jede Zelle ist 
wiederum eine lebende Ganzheit, räumlich in ihrer Form abgegrenzt, zeit- 
lich in ihren besonderen Lebensablauf beschlossen, in ihren tragenden 
Funktionen ein Repräsentant der Haupt funktionen auch der obersten 
lebenden Ganzheit. Wir folgern aus dieser allgemeinen Erfahrung über 
das Organische, daß auch dem Ganzen des individuellen Lebensablaufs 
grundsätzlich gleiche Teilabläufe nachgeordnet sind, welche den ersteren 
ebenso resultieren lassen, wie die morphologischen Untereinheiten das 
Ganze des Organismus. Und weiter kommen wir so zu der Annahme 
letzter, unterster Lebensabläufe, gewissermaßen zeitlicher Atome des 
Lebens nämlich in einer Richtung verlaufender stofflicher Prozesse, 
die in ihren allgemeinen Zügen den Ablauf im ganzen widerspiegeln 
müssen. Diese Elementarabläufe («Biorheusen») stellen die wirkende 
Existenz des vitalen Gefälles dar, als welches wir den «Trieb» zu er- 
kennen glauben, sie sind das aktuelle Leben, sie müssen demnach in 
sich das Gefälle aufbrauchen, indem sie von ungeformter zu formtragen- 
der Substanz führen, sie repräsentieren jenen bis heute undurchsichtigsten 
stofflichen Vorgang, den die Physiologie «Assimilation» nennt. Die stoff- 
liche Mannigfaltigkeit dieser Elementarabläufe ist unbegrenzt, gemein- 
sam ist allen, daß ihre Produkte, die formtragenden Substanzen, End- 
produkte reaktionskinetischer Gefälle sind, daß ein Fortgang des Ab- 
laufes schließlich nur durch die Entfernung der Produkte aus dem be- 
treffenden belebten Raumteil möglich ist oder durch Vergrößerung des 
diesen Abläufen zu Gebote stehenden räumlichen Bereiches. Weiterhin 
ist zu erschließen, daß die Abläufe ihre Richtung, also die besonderen 
Endprodukte, ändern können, wenn aus irgendwelchen den betr. Ab- 
läufen gegenüber äußeren Gründen der Ablauf in der bisherigen Rich- 
tung gehemmt ist. 

Das Gleichnis der beschriebenen Vorgänge bietet der Strom, dessen 
Strömungsgeschwindigkeit eine Funktion des Gefälles ist, dessen Strom- 
richtung und Strömungsverläufe durch die Bedingungen des Strömungs- 
geländes bestimmt werden. 

Die Verdrängung, wohl der fruchtbarste Begriff der psa. Theo- 
rie, hat zwei Hypothesen im Gefolge gehabt, die dem allgemein-biologi- 
schen Verständnis nicht unerhebliche Schwierigkeiten verursacht haben. 

17 Prinzhorn, Psa. 2 57 



Zur Annahme einer seelischenEnergieistdie Psychologie, 
auch unabhängig von der Libidotheorie, aber von dieser mächtig geför- 
dert, anscheinend unabweislich gezwungen. Es ist in der Seele etwas, das 
sich «entladen» will, dessen Entladung nach außen gehemmt werden kann 
mit dem Erfolg schädigender Rückwirkung auf das Innere, etwas, das 
den seelischen Ort, den es besetzt hält, verändern, dessen Auswirkung in 
verschiedenen Richtungen gehen kann, dessen Wirkungsdrang aber nicht 
anders als in der erfolgenden Wirkung zu beseitigen ist. Mehr oder 
weniger deutlich ausgesprochen statuiert diese Hypothese eine Art von 
Aufladung der Seele, eine Aufladung, deren Potential um so höher steigt, 
je länger die Auswirkung gehemmt, der Energieabfluß gestaut wird. Man 
beschreibt die Erscheinungen dieser seelischen Energie vielfach unter 
dem Bilde eines Flüssigkeitsquantums, das in dem Seelenraum bald hier- 
hin bald dorthin verschoben wird, sich staut und abfließt, wobei das Ab- 
flußgefälle resp. die Stauhöhe Intensität und Wirkungskraft der seeli- 
schen Äußerungen bedingt, mag es sich um Entladung in unmittelbarer 
Außentat handeln oder um die Akzentuierung innerseelischer Phäno- 
mene. Daß es sich hierbei um keine — auch keine noch unerforschte — 
Form physikalischer Energie handeln kann, darin scheint Übereinstim- 
mung zu herrschen, und ebenso können wir uns die Erörterung einer 
«geistigen» Energie ersparen, «Geist» ist ohne Energie, ist die Sphäre 
einer Wirklichkeit, aber nicht ihre Aktualisierung. 

Andererseits werden wir uns hier wiederum vor der Versuchung 
hüten, psychophysische Parallelität herzustellen, etwa Stoffwechselinten- 
sitäten des Zentralorgans oder hormonale Produktionsgrade mit der seeli- 
schen Energie zu identifizieren. So berechtigt solche Untersuchungen unter 
physiologischer Fragestellung sind, so handelt es sich hier doch darum, 
die seelische Gesetzmäßigkeit, die wir mit dem Energiebegriff zu be- 
schreiben suchen, deutungsgemäß, gleichnishaft in der Gesetzmäßigkeit 
des stofflichen Lebenden wiederzufinden. 

Und das leistet uns die Theorie von dem aus zahllosen Elementar- 
abläufen resultierenden Gesamtablauf. Das wechselnde Ablaufgefälle, 
das sich jeweils verschieden verteilt,ist mit keiner einfachen physikalischen 
Energieart zu bezeichnen, obwohl natürlich alle unter ihm geschehen- 
den Vorgänge als Naturgeschehen in physikalischen Potentialgefällen 
verlaufen. Es ist eine echte naturwissenschaftliche Aufgabe, die Elemen- 
tarabläufe in aller Mannigfaltigkeit als physikalisch-chemische Prozesse 
zu analysieren. Unabhängig aber von dieser noch zu leistenden Analyse 
lassen sich allgemeine Feststellungen über die Elementarabläufe und das 
von ihnen getragene Ablaufganze machen. 

Wenn die aktuellen Abläufe den Lebensfortgang bedeuten, so muß 
das Ablaufgefälle immer, wenn auch in verschiedener Höhe, erhalten 
bleiben. Der Aufrechterhaltung dient von der einen Seite die Nachfuhr 
ablauf fähiger Substanz, von der anderen die Entfernung — Beseitigung 
im reaktionskinetischen Sinne — der Ablaufendstoffe. Diese Beseitigung 

258 



kann in der Ausscheidung aus der reaktionsfähigen Phase des Ablauf raumes 
bestehen, dem Unlöslichwerden etwa, mit dem Erfolg einer zunehmenden 
stofflichen Verdichtung des morphologischen Gebildes, der Zellen, Ge- 
webe usw., ein Vorgang, der mit dem Altern des Organismus in der Tat 
einhergeht. Die Aufrechterhaltung der Ablaufgefälle in solchem Gewebe 
wird eine Funktion der noch vorhandenen weiteren Verdichtungsmöglich- 
keit, letztlich also des Raumes. Oder aber das Ablaufendprodukt wird 
räumlich beseitigt, aus dem Bereich des belebten Raumes, des Organis- 
mus oder seiner Untereinheiten, nach außen entfernt, z. B. in der Ab- 
stoßung von Formelementen wie Hautzellen, Geschlechtsprodukten oder 
der Abgabe von Drüsensekreten. Schließlich: der belebte Raum wird 
wieder entlastet, indem die formtragende Substanz an Ort und Stelle 
eingeschmolzen und damit für die noch in actu befindlichen Abläufe 
neuer Raum gewonnen wird. Welche von diesen Fortgangsmöglichkeiten 
im besonderen Falle realisiert wird, hängt von der aktuellen Situation im 
Lebensganzen, den Außenbedingungen und der gelebten Vergangenheit 
ab. In allen Fällen ist die innere Verwandtschaft mit dem Vorgang, den 
die Psychologie als Entladung seelischer Energie beschreibt, einleuchtend. 
Und ebenso wäre aus bekannten Stoffwechseltatsachen leicht deutlich zu 
machen, wie auch hier «die gehemmte Entladung zerstörend nach innen 
schlägt», wie bei Hemmung der — assimilativen — Abläufe sofort de- 
struierende Prozesse einsetzen. 

Die andre Hypothese, zu der die Analyse der Verdrängung geführt 
hat ist die einer Z e n s u r an der Grenze des Unbewußten zum Bewußt- 
sein. Diese Zensur ist keine psychische Primärfunktion, sondern in ihrer 
zeitgeschichtlichen und individuellen Besonderung etwas Gewordenes, 
Erlebtes oder besser: Eingelebtes, in der Freudschen Terminologie die 
Wirkung des «Über-Ichs». Das Über-Ich ist das genaue und — wie ich 
meine — auch biologisch richtige Gegenstück des vitalistischen Telos, es 
wirkt durch Hemmung, Begrenzung, Beschränkung, nicht positiv schöp- 
ferisch im Sinne einer auswählenden Motivierung auf ein primär gesetztes 
Ziel hin. Die Frage nach der Wirklichkeitsbedeutung dieses Über-Ichs 
ist eine metaphysische und als solche hier nicht zu stellen, biologisch be- 
trachtet ist das Über-Ich die Summe des in Phylogenie und Ontogenie 
Erlebten, das Stammes- und Individualgedächtnis, der bisherige Erfah- 
rungsbestand über die Erlebbarkeit des Wirklichen. Das gelebte Leben 
wirkt also selbst die Zensur, diese Auswahl unter dem Seelisch-Mög- 
lichen des Individuums zur Wirklichkeit seiner Seele, das erlittene Schick- 
sal wird zum vorbestimmenden. 

Das Entsprechende im stofflichen Leben ist die werdende organische 
Ganzheit, die an bestimmender Macht gegenüber den Teilablaufsmöglich- 
keiten — beschränkend, versagend — im Gesamtablauf immer mehr zu- 
nimmt. Die Abläufe selbst sind es, die in ihren stofflichen, formtragen- 
den Produkten die zunehmende Schicksalsverbundenheit aller Teile im 
Ganzen, Schicksalsbestimmtheit der Teile vom Ganzen her erzeugen. 

17* 259 



L 






Den Gang dieser zunehmenden Ganzheit im Lebenslauf hatten wir als 
konzentrierend und dezentralisierend bezeichnet, die «Zensur» — um die 
normierende Wirkung der Ganzheit mit dem psychologischen Vergleichs- 
ausdruck zu bezeichnen — hat ein Teilbereich nach dem andren aus dem 
aktuellen Lebensfortgang des Ganzen ausgeschieden, in der empfangenen 
Gestalt und den festgelegten Abiaufrichtungen beschlossen, die Aufrecht- 
erhaltung ihrer Gefälle in der lebensnotwendigen Höhe durch ihre Ein- 
ordnung im Ganzen gewährleistend. Man kann die Lebendigkeit dieser 
Teilbereiche gegenüber denen, die den aktuellen Fortgang des Ganzheits- 
lebens tragen, als «sekundär» bezeichnen, sie leben gewissermaßen «auf 
der Stelle», sind gegenüber dem aktuellen Leben der Ganzheit, das sich 
aus ihnen in der Ausformung, Normierung zurückgezogen hat, ver- 
gleichsweise stationär oder zirkulär funktionierend. Als Beispiel für 
statisch stationäre Bereiche seien die Gerüstsubstanzen genannt, für dy- 
namisch stationäre die fortdauernd proliferierenden, das Geformte nach 
außen abgebenden epithelialen Gewebe, für die zirkulär und periodisch 
funktionierenden Systeme der Bewegungsapparat und die innersekreto- 
rischen Drüsen. Ihnen allen steht gegenüber als d a s Organ des aktuellen 
Fortlebens der Ganzheit das Zentralnervensystem, das mit seiner zuneh- 
menden stofflichen Verdichtung den Lebensablauf begleitet, in dieser 
Verdichtung sein Gefälle erhält und schließlich die räumliche Entlastung 
zur Ermöglichung weiteren Fortgangs nur unter endgültigen Verlusten 
an Erlebnisbesitz und damit an Wirkungsmacht nach innen und außen er- 
fahren kann. Der Ablauf zum Tode, zur vollendeten und damit «toten» 
Gestalt, geht im Seelenorgan nicht gleichmäßig auf einen Zeitmoment 
der Vollendung hin, sondern die Vollendung ist ein zeitlich ausgedehnter 
Vorgang, ein fortgehendes Teilsterben um der Auslebensmöglichkeit des 
Ganzen willen. 

Die «Zensur» — im Psychologischen wie im Biologischen — ist also 
der Ausdruck der zunehmenden Individualität, Schicksalseinheit und 
bchicksalsvereinzelung des Ganzen, wobei wir wiederum die metaphy- 
sische und metapsychische Frage offen lassen, ob die dem Individuum 
transzendente Wirklichkeit, die im Erlebensgange der aktuell lebenden 
i^inheit diese Zensur wirkt, ein Wiederaufheben der Vereinzelung, ein 
Eingelebtwerden in höhere Ganzheit bedeute. 

Von den Gegnern der Psa. ist als logischer Widerspruch be- 
zeichnet worden, daß die Verdrängung im einen Falle zur heilsamen, 
ethisch und soziologisch hochwertigen Einordnung des Individuums in 
die Wirklichkeit des menschlichen Daseins führe, das andremal zum neu- 
rotischen Konflikt, zur Insuffiziens des Individuums. Diesen scheinbaren 
Widerspruch löst die Berücksichtigung des zeitlichen Momentes. Die 
Zensur konstituiert sich in der Zeit — der Stammes- und Individual- 
lebenszeit — , ihr Werden innerhalb des Lebensablaufes bedingt ihr «rich- 
tiges», d. h. wirklichkeitsgerechtes Rückwirken auf den Ablauf zur 
vollendeten Gestalt, sie macht das Leben zur «Erfüllung» der wirklichen 

260 



Zeit. Es gibt — seelisch in der Idee, leiblich in der Tat — die Möglich- 
keit des vollkommenen Lebens, des Einklangs von Bestimmung und 
Schicksal, weil die Bestimmung vorerfahrene Wirklichkeit ist und in er- 
fahrbare Wirklichkeit führen muß. Im Entwicklungsexperiment der 
Embryonalentwicklung läßt sich — durch Eingriff oder Bastard- 
zeugung — dieser Werdegang der Zensur, der Ganzheit stören, das Er- 
gebnis ist Mißbildung oder Sterilität, in jedem Falle eine geminderte Fort- 
lebensfähigkeit. Die Zensur, die Normierung wirkt heilsam, dem Fort- 
leben dienend, wenn sie den Teilabläufen eine möglichst langdauernde 
Erhaltung ihrer Gefälle verschafft, sie tut es, wie beschrieben wurde, in 
der Dezentralisation, der Verselbständigung der Teilbereiche in ihren Ge- 
fällen, der Befreiung des Ganzheitsgefälles von diesem sekundär gewor- 
denen Leben. Sie wirkt schädlich, sie wird zur Verdrängung, wenn sie 
die Untereinheiten auf dem Wege zur Selbstvollendung hemmt und die 
Ganzheit über die erfüllte Zeit hinaus mit dieser unvollständigen Ver- 
wirklichung eines Bereiches belastet, wenn — psa. ausgedrückt die 

gehemmte Objektbesetzung an einem Teile zur Ganzheitsidentifikation 
wird, wenn der Konzentrationsgang des aktuellen Lebens der Ganz- 
heit gestört ist. 

Die wachsende Gestaltvollendung (einschließlich Verdichtung) —der 
seelischen wie der leiblichen Gestalt — bedeutet für den aktuellen Fort- 
gang des Lebensganzen die zunehmende Festlegung der Situation, in der 
die Abläufe noch fortgehen können. Je festgelegter die Situation re- 
präsentiert durch die sekundär lebenden Bereiche im Ganzen — geworden 
ist, um so unabhängiger, unzugänglicher ist das Ganze gegenüber der 
Außenwirklichkeit geworden, das Außen tritt um so vermittelter, ver- 
wandelter an das Innen heran. Der ausgereifte Organismus, die gefestigte 
Seele lebt gesicherter, aber dieser Gewinn ist erkauft mit dem steigenden 
Verlust an Heilfähigkeit, an Möglichkeit, Schicksal noch in Bestimmung 
umzuwandeln, der werdenden Gestalt einzuleben. 

Die Psa., wie sie erkannte, daß die bestimmungsmächtigsten Schick- 
sale — zu Heil und Unheil der Seele — in die frühe Lebenszeit fallen, 
sie erfuhr auch, daß gealterte Individuen durch die psa. Behandlung 
nicht mehr geheilt werden können. Es ist zwecklos, ein mißgeformtes 
Glied zu entfernen, wenn der Organismus keine Regenerationsfähig- 
keit mehr hat. 

Auf das Leben als aktuellen Ablauf zur Gestaltvollendung gesehen 
ist alles heilsam, was dem weiteren Fortgehen dieses Ablaufs in seinen 
Elementarabläufen dient, am heilsamsten muß die Situation sein, die am 
besten, allseitigsten die Dezentralisation, die Ausmündung der Abläufe 
nach außen ermöglicht. Diese Situation ist für jeden Zeitpunkt des Indi- 
viduallebens innerhalb des Gesamtlebens der Erde eine andere, das vor- 
gelebte Leben im umfassendsten Sinne bestimmt die jetzt und hier er- 
lebbare Wirklichkeit. Die Erkenntnis dieser Situationen, die Vorschau 
in den noch unbelebten, unbeseelten Bereich der nächsten Wirklichkeit 

261 



ist auch eine Aufgabe der Lebens- und Seelenforschung. Die Psa. 
ist auf dem Wege hierzu, wenn sie nicht nur in der Gesetzmäßig- 
keit des Seelischen die Heil fähigkeit , sondern auch in den Heils- 
geschichten der einzelnen Seelen das Heil der Seele in ihrer Sprache 
lehrbar macht. Sie wird keine neue Wahrheit finden, aber vielleicht die 
alte wieder heilkräftiger, wieder zu Zeit-Wirklichkeit für die Seelen 
machen. Und die Biologie wird dann von ihr lernen, die Wahrheit über 
alles Leben fruchtbarer für die Erkenntnis der stofflichen Lebens- 
vorgänge werden zu lassen, als sie jetzt noch ist. 



*) Theoretische Biologie vom Standpunkt der Irreversilibität des elementaren 
Lebensvorganges. Berlin 1923. 



MEDIZIN, KLINIK UND PSYCHOANALYSE 
von ViktorvonWeizsäcker 

Diese drei Überschriftsworte führen mitten hinein in Freuds aller- 
erste Kampfzeit der 90er Jahre und sie bedeuten bis heute den Einen 
unvereinbaren Gegensatz, den Andern eine fruchtbare Einheit. Wird es 
in 50 oder 100 Jahren so sein wie bei Fechner, Lotze, Wundt, Helmholtz, 
von denen heute längst nicht jeder mehr weiß, daß sie einmal Ärzte waren ? 
Wird Freud, der heute wünscht, daß Medizin und Psa. sich völlig trennen 
mögen, seinen Willen haben? Oder beweisen nicht gerade Freuds Leben, 
der Inhalt seiner Lehre, das Gesetz seiner Sache auf dreifache Weise, aber 
mit einem Ergebnis, daß Psa. eine medizinische Wissenschaft war, ist und 
bleibt ? Wenn heute etwa Abraham Flexner schreibt : «Der Geist 
Sydenhams, der sich für ein krankes Kind interessierte, verfuhr nicht 
anders als der Geist Galileis, der sich für kosmische Physik interessierte» 
und wir von Paul Schilder andererseits hören : «die Psa. ist eine 
Naturwissenschaft», so haben wir hier zwei Ansichten, aus denen, wenn 
sie richtig sind, zwingend folgt, daß Psa. zur Medizin gehört. Denn die 
Natur ist nur eine Einzige, und nichts von ihr darf der Medizin entgehen, 

262 



wenn der Kranke ein Stück Natur, wenn der Arzt ein Stück Naturforscher 
ist. Sollte Freud wirklich wünschen, daß die Medizin ihn vergesse, so 
wird die Medizin sich ändern müssen. Denn Freuds Wissenschaft war 
zunächst wie die übrige moderne Medizin mit der intellektuellen Technik 
der induktiven Wissenschaft aufgebaut worden, und wo sie irrte, da irrte 
sie nicht auf andere Weise wie die anderen induktiven Wissenschaften der 
Medizin es auch tun können. So verstand er sich selbst, so verstanden 
es seine frühen Kritiker, und nur von hier aus ist das zu verstehen, 
was nun geschah. Denn seit 1905 etwa wird die Freudsche Wissenschaft 
ebenso wie andere Wissenschaften von einem Bruch heimgesucht der 
sich ihrem vollen Bewußtsein bis zum heutigen Tage entzieht und der in 
objektiver Weise noch immer schwer zu beschreiben ist. Diese Wandlung 
hat nicht Freud gemacht, sondern als einer der frühesten und dafür prä- 
destinierten mitgemacht. Mit der Einführung des Ödipuskomplexes bringt 
er ein mythisch-historisches Element in die medizinische Psychologie und 
sprengt ihren induktiv-naturwissenschaftlichen Rahmen, freilich ohne es 
klar zu bemerken und unter zähem Festhalten der induktiven Geste. 
Diesem positiven Vorgang entspricht aber auf der Seite der allgemeinen 
Medizin ein negativer des Zweifels an der Hinlänglichkeit ihrer natur- 
wissenschaftlichen Grundlage. Jene mythologische Historisierung und 
diese Skepsis sind aber, das läßt sich jetzt bestimmt erkennen, zwei koor- 
dinierte oder genauer zwei einander fordernde und ergänzende Ausdrucks- 
formen einer und derselben neuen Geisteshaltung. Wäre es nur so, daß ein 
Rückfall in Mystizismus und Philosophismus der Medizin erfolgt wäre, 
dann wäre kaum zu verstehen, warum die Psa. gerade aus den Kräften des 
französischen Rationalismus gespeist war, warum sie gerade in den angel- 
sächsischen Ländern frühere Popularität gewann, als in Deutschland 1 ). 
Aber während dort die induktiv-positivistische Anfangshaltung der Psa. 
festgehalten wurde, die schließlich zu ihrem Mißverständnis sich aus- 
wächst, ist in Deutschland eine Epoche der vertieften Verarbeitung an- 
gebrochen und der deutsche Geist wandelt und erschöpft ihre Gehalte nach 
seiner Eigenart auf mannigfaltige Weise und verfolgt ihre Konstruktions- 
linien mehr noch in die Tiefe als in die Breite. Nicht als ob bei uns jene 
veraltete Form der formalen, rein intellektualistischen Auffassung der 
Psa. bei Anhängern und Gegnern verstummt wäre. Aber die wesentlichen 
und beachtenswerten Erscheinungen lassen auf einem veränderten Niveau 
erkennen, daß die ersten methodologischen Streitigkeiten nichts anderes 
waren, als Abwehr einer gefährlichen Erschütterung durch die Sache 
selbst. 

Es lag in der Natur der Sache und lag an ihrem Entstehungsort im 
Schöße der Medizin, daß die ältere medizinische Kritik fragt, ob das von 
der Psa. Behauptete auch durch Beobachtung und logische Evidenz be- 
wiesen sei. Ihr Angriff richtet sich gegen die Libido-, Symbol- und 
Komplexlehre. Für die gegenwärtige Lage ist bezeichnend, daß 
statt dessen die Lehre von der Übertragung in den Mittelpunkt rückt. 

263 



L 



Hierin Hegt das Entscheidende, daß die Probleme des Komplexes und 
Symbols nur das Verhalten des Analysierten zu sich selbst, die Über- 
tragung sein Verhalten zu einem zweitenMenschen, zunächst zum 
Analytiker, betreffen. Und, um dies vorwegzunehmen, diese Übertragung 
ist nicht möglich ohne einen analogen Vorgang im Analytiker selbst. Im 
Rahmen der Komplexfindung und Symboldeutung bleibt der Analytiker 
erkennendes Subjekt, im Vorgang der Übertragung wird er leidendes Sub- 
jekt, er wird vom analytischen Vorgang affiziert. Aus dieser einen unend- 
lich wichtigen Tatsache folgt für jene neue Stufe der Auffassung, daß 
die Ausstrahlungen der Psa. in alle Gebiete der Erkenntnis und des 
Wissens •»- mögen sie nun Naturwissenschaft, Psychologie, Geschichte, 
Philosophie oder Metaphysik heißen — Ableitungen zweiten Grades bleiben. 
Immer kann es sich nur um sekundäre Kristallisationsprodukte, um neu- 
tralisierte Niederschläge handeln, wo der V o r g a n g der Psa. nicht mehr 
stattfindet, sondern selbst schon wieder Gegenstand einer bloßen 
Aussage geworden ist. Nicht als ob dies letztere unerlaubt oder un- 
sinnig wäre. Auch in diesen Zeilen kann etwas anderes gar nicht statt- 
finden. Aber unzählig oft gesagte Irrtümer über die Psa. entspringen 
daraus, daß man den psa. Vorgang mit einem Erkenntnisakt von der Art 
objektiver Natur- oder auch Geschichtswissenschaft verwechselt hat. 
Hier, an diesem Punkte, wird es allerdings von allseitig überragendem In- 
teresse, daß die Psa. eher eine Therapie war, als eine Wissenschaft — 
genauer : daß das Wort Psa. doppelsinnig bald Therapie, Aktualität, bald 
reine Wissenschaft bedeutete, welchen Doppelsinn Worte wie Physik, 
Geometrie nicht zu haben scheinen, wohl aber Worte wie Geschichte, Re- 
ligion.sofern sie ein Geschehen und zugleich eine Aussage über dieses 
Geschehen bezeichnen. Freilich, ob der Begriff reiner Wissenschaft, reiner 
Objektivität sich allmählich stark verwandelt hat, muß hier außer Be- 
tracht bleiben ; für die Entstehungszeit der Psa. gilt er im hier angedeu- 
teten Sinne. Darum liegt in der Formel «die Psa. ist eine Naturwissen- 
schaft» ein wie ich meine grundsätzlicher Irrtum, der aber eine ganz be- 
stimmte Funktion hat, auf die wir zu sprechen kommen. 

Um dies zu erläutern, kann man zunächst darauf hinweisen, daß, 
wie die Erfahrung lehrt, die Objektivitätsbegriffe der neuzeitlichen Natur- 
wissenschaften praktisch nicht auslangen, um die Einsichten der neuen 
Psychologie zu bekämpfen und daß die wissenschaftliche Allgemein- 
g i 1 1 i g k e it hier nicht mehr ausreicht, um eine Gemeinschaft 
der untereinander sich verstehenden Forschenden herzustellen. Es taucht 
das Argument Freuds auf, daß die Ablehnung der Lehre durch eine Per- 
son die Richtigkeit dieser Lehre bestätige, womit vielleicht zum 
ersten Male seit der Überwindung des autoritären Wahrheitsbegriffs der 
Scholastik sowie der alten protestantischen Theologie durch neuzeitliche 
Wissenschaft der personale Faktor in die Wissenschaft wieder als ein 
legitimer einzuführen versucht wird. Neben den Offenbarungstheologien 
ist mit diesem Schritt die Psa. vielleicht gegenwärtig die einzige Lehrmei- 

264 






n'ung, welche den esoterischen mit dem personalen Wahrheits- 
begriff als einen für alle notwendig giltigen verbindet, und sie unter- 
scheidet sich darin von den relativistisch-personalistischen Philosophien, 
welche die Person als Wahrheitsquelle betonen, um die individuelle, nicht, 
um eine generelle Struktur der Wahrheit zu beweisen. Sie darf aber auch 
nicht irgendwelchen esoterischen Autoritätskreisen («Sekten») gleich- 
gestellt werden, welche zwar auch eine für alle giltige Wahrheit zu be- 
sitzen meinen, diese aber doch durch Berufung oder Erleuchtung ver- 
mittelt erhalten, und ebensowenig den gnostischen Bewegungen, welche 
die höhere Wahrheit zwar auch als eine wissenschaftliche bezeichnen, 
aber doch (im Prinzip wenigstens) gerade wieder nicht an das persönliche 
Wesen gebunden erachten (Anthroposophie). Demgegenüber ist die Ein- 
sicht in die Wahrheit der Psa. für jeden Menschen erlangbar durch Psa. 
Die Betätigung ihrer Wahrheit erzeugt ihre Einsehbar- 
ke i t im Prozeß der Analyse von Mensch zu Mensch, von Person zu Per- 
son. Diese Betätigung wendet sich aber, und das macht die entscheidende 
Eigentümlichkeit aus, weder an die rezeptive Intelligenz, noch an die 
Gnadenfähigkeit des Menschen, sondern sie operiert in experimen- 
teller Weise 2 ) an dem seinem bewußten Willen oder Verstand entzogenen 
Unbewußten. 

Aus diesem Sachverhalt wird leicht verständlich werden, daß die Psa. 
als eine ärztliche Heilhandlung hervortreten, als eine religionenähnliche 
und philosophieverwandte Geistes- oder Kulturbewegung mißverstanden 
werden konnte. Tatsächlich allerdings wirkt die Psa., indem sie nicht nur 
analytische Kuren vornimmt, sondern auch «Ideen» produziert (s. unten), 
auch an der ideengeschichtlichen Physiognomie des Zeitalters in Beträgen, 
die große sind, mit. Diese nicht durch analytische Behandlung sondern 
durch Ideenverbreitung kommende Wirkung ist ein Vorgang von nicht 
ganz ebenso großem Interesse wie die Analyse selbst, wird aber doch nur 
aus dieser selbst heraus faßbar. Denn wirkliche Einsicht in die Psa. ge- 
schieht eben nicht durch die Übermittlung von Wissens Inhalten, son- 
dern durch eine Beanspruchung des bewußten und des unbewußten An- 
teils der eigenen Person. Es wäre möglich, daß dieser Weg auch bei der 
Ausbreitung irgend anderer Erkenntnis beschritten werden kann. 

Hier ist eine Ursache der großen Ausbreitung analytischer Gedanken. 
Es ist die Hoffnung auf eine besondere Methode, wie eine Überzeugung 
übertragen werden kann. Der logische Beweis (Schlußverfahren der for- 
malen Logik), der geometrische Beweis (anschaulich-logische Evidenz), 
der Augenschein (z. B. experimentelle Beobachtung durch Sinneswerk- 
zeuge), die Glaubwürdigkeit einer Person und damit ihrer Aussagen, die 
Eingebung in einem psychischen Ausnahmezustand (Ekstasis, Erleuch- 
tung), die Offenbarung in einem (eventuell gemeinschaftlich erfahrenen) 
Ausnahmezustand personaler Verschmelzung mit dem Übermenschlichen, 
alle diese sind Formen des Erkenntniserwerbes, welche sich unter- 
scheiden von dem Vorgang psa. Erwerbes. In diesem erfolgt eine nur 

265 



im Verkehr zweier Menschen mögliche Form des Erwerbs, bei der jede 
der eben aufgezählten hinzukommen kann, aber keine von ihnen das 
Entscheidende ist. 

Wenn dieser psa. Modus nun nicht an die besonderen Inhalte der von 
Sigmund Freud untersuchten psychologischen Sphäre geknüpft ist, son- 
dern auch auf andere Seins- und Erkenntnisgebiete anwendbar ist, dann 
ist die Methode auch dort anwendbar, wo nicht Psychotherapie das 
Ziel ist, sondern Umbildung in irgendeinem anderen Sinne. Die Über- 
wältigung eines Menschen mit dem Ziel seiner Freiheit i n einer Gesell- 
schaft ist auch das Ziel einer Erziehung jeder anderen Art, jeder Er- 
ziehung zum Leben, jedes als Erziehung begriffenen Lebens. 

Aber darüber hinaus ist diese Methode, wenn sie emanzipiert werden 
kann von den psychologischen Inhalten der Libido-Symbolik und des 
Ödipuskonfliktes, ein so formales, auf jeden anderen Mythos ebenso über- 
tragbares Instrument geworden, daß dann auch innerhalb der Heil- 
kunde ihre Erfüllung mit anderer Materie als der spezifisch von Freud 
bevorzugten denkbar wird. M. a. W. sie muß dann auch auf andere L e i - 
d e n als die Freudschen Neurosen anwendbar sein. So ergäbe sich, die 
rein formale Natur der psa. Wirkungen einmal vorausgesetzt, eine Er- 
weiterung einmal außerhalb und zweitens auch innerhalb der Medizin. 
Außerhalb, indem z. B. auch eine politische Überzeugung von gruppen- 
bildender Kraft auf «analytischem» Wege ausgebreitet werden könnte; 
innerhalb, indem auch andere als psychoneurotische Leiden vom Typus 
der Freudschen auf solchem oder ähnlichem Wege erfaßbar wären. 

I d e e 1 o s ist die Psa. also, sofern sie zur Idee selbst sich nur formal 
verhält und ferner, indem sie das, was in ihr scheinbar als Idee auftaucht 
(besonders auch in Freuds metapsychologischen Werken, nicht nur in 
seinen Analysen!) in jedem Augenblick preisgibt, wo eine entscheidende 
neue Erfahrung (im positivistischen Sinne) auftaucht. Immer ist ihr 
der Geist nur Epiphänomen, immer seine Quelle die Empirie. 

Ein zweiter Punkt, der diese Ideelosigkeit nun beleuchtet, ist nicht auf 
dem wesenstheoretischen, sondern auf dem heilgeschichtlichen Gebiete 
selbst anzutreffen. Wie auf dem Boden der Ideengeschichte, ja überhaupt 
des Idealismus die Psa. als Geist mißverstanden wird, so auf dem der 
Heilgeschichte der Seele als ein Heil, ja sogar als religionenhafte Er- 
lösung. Freilich, auch hier kommt das Mißverständnis, wie ich glaube, 
auf der Seite der Anhänger, Gönner, Freunde und Gegner gleichmäßig 
vor. Freud selbst hat gelegentlich (Totem und Tabu) die Entwicklung der 
menschlichen Rasse in die historische Reihenfolge vom Mythos über Re- 
ligion zur Wissenschaft hineingesehen und damit eine Geschichtsphilo- 
sophie der wachsenden menschlichen Freiheit gegeben, die gewisse Mängel 
und Blößen seiner Geisteskultur aufdeckt. Diese wiegen aber leicht, wenn 
die Psa. die Probe besteht, Seelenheil von Gesundheit, Erlösung von The- 
rapie unterscheiden zu können. Wenn ! Hier gilt es aber, die Wahrschein- 
lichkeit, ja die Unvermeidlichkeit vorkommender Grenzverwischung zu 

266 






begrei fen, ehe man diese Grenze zu setzen sucht. Ebenso wie in der 
Sachkritik der Schwerpunkt vom Komplex- und Symbolkreis zur Über- 
tragung sich verschob, ganz ebenso tritt in der Gefühlskritik heute an die 
Stelle der Libidotheorie die Parapsychologie von Ich, Es und Über-Ich. 
Suchte man zu seiner Zeit die Allgeschlechtlichkeit, das Wühlen in der 
Seele und die Hörigkeitsgefahr der Analyse einzudämmen 3 ), und stammte 
dieser Widerstand also zum Teil aus den sexuellen Kräften selbst, so ist 
gegenwärtig der Widerstand fast ein politischer schon zu nennen und er 
stammt aus den Kräften der Gemeinschafts-, Gesellschafts- und Glaubens- 
ordnungen. Denn analytische Übertragung und analytische Überwältigung 
bewegen sich in den Gesetzen von Ich, Es und Über-Ich, von Identifizie- 
rung und Sublimierung und sind revolutionäre Formen der Gemeinschafts- 
bildung. (Ihre interessanten Beziehungen zu sozialistischen und kommu- 
nistischen Formen müssen hier außer Betracht bleiben.) 

Aber auch hier steht unverkennbar die Entwicklung der Psa. einfach 
in Parallele zu Wandlungen der Medizin selbst, und jetzt drückt sich der 
Stand der Dinge auf allgemein medizinischer Seite durchaus nicht nur 
negativ in Enttäuschung, Skepsis und Wissenschaftsverdrossenheit aus, 
sondern positiv in der enthusiastischen Erweiterung und Erneuerung ärzt- 
lichen Fühlens und Wollens, in den psychotherapeutischen, den heilpäda- 
gogischen, den neuhumanitären Bewegungen. Der Kampf gegen klini- 
schen Materialismus (d i e Kranken als «Material», der Kranke als 
«Fall»), gegen Anstaltspsychiatrie, gegen die «Schulmedizin» überhaupt 
und die Universität im besonderen sind polemische Manifeste ; die Ein- 
beziehung der Unheilbaren, der Minderwertigen, Schwachen, Versagen- 
den, Geisteskranken, der nur sozial Kranken in den Aufgabenkreis der 
aktiven, therapeutischen und wissenschaftlichen Medizin sind aufbauende 
Folgen jener enthusiastischen Hinwendung zum Kranken, der jetzt nicht 
nur von seiner objektiven Leistungsminderung her, sondern von seinem 
subjektiven Leidenszustand und seiner subjektiven Existenzbedingung 
aus gesehen und definiert ist. Diese ganze Bewegung aber ist wiederum 
nicht allein von einer geistigen, sittlichen oder religiösen Ergriffenheit her 
bewirkt, sondern ebenso auch von der gesellschaftlichen Umwälzung her, 
deren hier wichtigstes Merkmal die Entwertung und Minderung der alten 
bürgerlichen Welt und der Eintritt der Massen in die politische Dynamik 
ist. Freilich tritt nun in diesen Zusammenhängen das ganze historische 
Doppelgesicht der Psa. in Erscheinung. Denn während sie alle bürger- 
lichen, idealistischen, der Sitte verpflichteten Wertungen des Menschen 
beiseite läßt, und damit dasselbe durch Stillschweigen verleugnet, 
was die revolutionäre Masse z e r s t ö r t , ist sie als ärztliche Hilfeleistung 
eine der teuersten, als Wissenschaft eine durchaus «geistesaristokratische» 
Angelegenheit. So ist der Psa., so könnte man sagen, jeder Mensch zwar 
ein Proletarier, aber sie existiert, wie ihr Urheber, nur in der Gestalt eines 
Intellektuellen der Kultur, der Wissenschaft, des Geistes. Die m e i st e n 
Menschen sind für sie einfach nicht intellektuell genug, und für die meisten 

267 



Menschen ist sie einfach nicht billig genug. Dieser Sachverhalt wird dann 
auch in den frühesten Sezessionsbewegungen gleich offenbar : ob sie nun, 
wie die Alfred Adlers, sich dem Kinde, dem «Dummen» und «Schwachem» 
als solchen zuwendet, um dann allzu oft weiter mit scheinbar sozialisti- 
schem Untergedanken in bürgerliche Beschwichtigungsaktion und Aller-. 
Weltserlösung abzugleiten, oder ob sie bei tief einsichtigen Geistlichen in 
seelsorgerlicher Not zu einem Rettungsanker wird, der doch auf einem 
Grunde haftet, welcher nun einmal «von dieser Welt ist» und der wie 
alles Diesseitige nun einmal keine Botschaft an alle sein kann. 

Bei allen solchen Mißverhältnissen zwischen gesellschaftlich-poli- 
tischer Erscheinung und revolutionierendem Gehalt wäre es aber ein un- 
geheurer Irrtum, diesen Gehalt für so bildsam und anpassungsfähig zu 
halten, daß nun alles beim Alten bleiben könnte, wenn sich die Wogen 
glätten. In Freuds persönlicher Unerbittlichkeit (die sich fortwährend 
auch in unärztlichen Dogmatismus umsetzen muß) drückt sich doch die 
Unerbittlichkeit eines Wirklichen im Gegensatz zum Gemeinten, Ge- 
dachten, zu allem Weltanschaulichen und Abstrahierten aus. Und auf 
der anderen Seite : was hier von den sozialmedizinischen, neuhumanitären 
und psychotherapeutischen Verbreiterun gen gesagt wurde, das ist 
doch nicht nur als Abfall und Verwässerung der Psa. (wie diese es heute 
weniger als noch kürzlich zu beurteilen liebte 4 )) zu betrachten, sondern 
es hängt aufs tiefste mit ihr auch wieder zusammen : ihr Gegenstand ist 
denn doch etwas Besonderes, denn die Psyche der Psa. hat irgend etwas 
noch nie und nirgend voll Begriffenes zu schaffen mit — der Seele des 
Menschen. Und in diesem, dem Psa.-tiker mit dem Geistlichen, dem Lehrer 
und dem Arzt gemeinsamen Thema drückt sich wieder die Ideelosigkeit 
und Ungeisthaftigkeit aus, die zu betonen hier erst recht nötig ist, wo 
wir nicht die theoretische Wesensart, sondern die therapeutische Bedeu- 
tung im Auge haben. Denn die Seele, die scheinbar hier zum Gegenstand 
einer Naturwissenschaft wird, in Wirklichkeit aber das ihr Ewig-Un- 
erreichbare ist, die Seele kam ins Spiel, als Bezirke, die ihr zu gehören 
schienen, plötzlich erreichbar wurden, als Dinge, die persönlich und indi- 
viduell gegolten hatten, sich als allgemeingesetzlich erwiesen, als ein seeli- 
scher Privatbesitz enteignet und veröffentlicht wurde, als Geheimnisse 
der Scham und der Selbstverteidigung publik und bei jedermann durch- 
schaubar wurden. 

Hier berührt nun diese Darstellung eine Entwicklung, die mit Wer- 
ther, Rousseau, dem sinnlichen und dem psychologischen Roman, mit 
Nietzsche ja längst vorlag und zu der Freuds Werke eigentlich schon als 
Verwissenschaftlichung und als alexandrinischer Abschluß sich verhalten. 
Und je deutlicher wir dies begreifen, um so schärfer hebt sich dagegen 
wiederum diejenige Eigentümlichkeit ab, derzu folge die Psa. neuartig und 
anfangend ist, nämlich ihr psychotechnischer, ihr medizinischer 
Charakter, also wieder nicht der geistes- oder kulturgeschichtliche, son- 
dern der spezifisch therapeutische Gehalt. Sofern die Psa. «eine 

268 



Naturwissenschaft ist», ist sie nichts grundsätzlich anderes, als was die 
experimentelle Psychologie, Physiologie, Bakteriologie usf. im Dienste 
der Medizin auch war — tant de bruit . . . ? Sofern sie aber etwas mit der 
Heilung kranker Seelen zu tun hat, ist sie etwas anders und zu jenen 
medizinischen Hilfsdisziplinen scharf Gegensätzliches. Daß dies der 
Fall ist, soll im zweiten Teil dieser Skizze gezeigt werden. Ebenso wie der 
Himmel nicht mehr der Wohnort Gottes sein kann, sobald «Himmel» soviel 
wie ein optischer Sektor des physischen Raumes wird, ebenso kann die 
Seele nicht mehr in gewissen Gefühlen und Gedanken wohnen, wenn diese 
Gefühle und Gedanken als psychologische Energieformen durchschaut 
sind. Leider hat die Psa. zuweilen die Prätention erhoben, die alte Seele 
abgeschafft zu haben, nicht anders wie die Naturwissenschaft zuweilen 
glaubte, den alten Gott abgeschafft zu haben. — 

Es ist nun natürlich gar nicht richtig, daß der Plan der modernen 
rationalen Medizin, durch naturwissenschaftliche Forschungen den Be- 
reich der Heilmöglichkeiten zu erweitern, versagt habe. Stimmungsrück- 
schläge waren begreiflich, wenn Mißerfolge kamen, bedeuten aber keines- 
wegs, daß der Weg falsch war. Freilich nahm die Medizin wahr, daß, 
was der Technik gut geriet, nämlich die experimentelle und maschinelle 
Beherrschung der Vorgänge, ihr nicht ebenso gut geriet und daß das Prin- 
zip der technischen Hochschulen zu tief auf sie eingewirkt hatte. Medizin 
ist nicht Technik ; sie ist auch Technik. Sie half sich eine Zeitlang mit 
der Annahme, Organismen seien wegen ihrer großen Kompliziertheit 
schlechter zu beherrschen. Aber es ist eine ganz unbewiesene Hypothese, 
daß die Kompliziertheit schuld sei ; diese ist eigentlich ein Postulat, um 
den mechanistischen Gedankengang zu retten. Freud beteiligt sich an 
solcher Skepsis nicht und hofft zuweilen, wie der Außenstehende so oft, 
mit größerer Zuversicht auf Förderung von seiten der somatischen Me- 
dizin, als viele Organ-Mediziner es tun. Er ist Vertreter der ratio- 
nalen Medizin. Aber seit der Jahrhundertwende tauchen verschiedene 
Symptome einer Vertrauenskrise eben der rationalen Medizin auf, ohne 
freilich diese im Grunde ernstlich zu erschüttern. Man könnte diese Be- 
wegungen als eine Politik der äußeren Anleihen bezeichnen, weil etwas 
an die Heilkunde angestückt werden soll, um ihr zu helfen. Der un- 
geheure Trieb zur Spezialisierung und Verfeinerung der Organmedizin ist 
in seinen Übertreibungen ein Symptom solcher Schwäche. Die Hilflosig- 
keit den großen pathologischen Prozessen gegenüber soll durch eine mikro- 
logische Spezialbehandlung ersetzt werden. Ein anderes Symptom ist die 
ästhetische Deutung, Medizin sei eigentlich eine Kunst und «arbeite mit» 
der Eingebung und Intuition mehr als mit dem Verstand. Wieder ein 
anderes Bestreben geht dahin, es müsse ärztliche Ethik in den Lehrplan 
eingeführt werden. Alle diese Dinge bleiben schwache Behauptungen und 
zeigten nur eine innere Gleichgewichtsstörung im Selbstvertrauen der 
Medizin an, die sie sich selbst nicht zu deuten wußte. Wenig von ihnen 
setzt sich wirklich durch. Und erst die Absonderung ernster und bedeu- 

269 



A. 



denter Ärzte bis zum sozialen Bruch, wie er bei Freud geschah, offen- 
bart, daß jene Anstückungen den Kern unberührt lassen. Es kam hinzu 
— und es liegt eine Ironie darin — daß Freud wegen des reichlichen 
Sprachgebrauchs energetischer, quantitativer Bilder zur Verdeutlichung 
psychologischer Vorgänge allgemein als Materialist galt, daß er als Trieb- 
psychologe auch als ethischer Materialist verdächtig war, so daß er als 
Bundesgenosse antimechanistischer Strömungen ungeeignet schien. Man 
bemerkt nicht, daß allein schon sein Symbolismus und der antilogische 
Begriff des Unbewußten den Mechanismus sprengte, daß Behauptungen 
von ihm wie die, das Unbewußte sei zeitlos, oder der Satz des Wider- 
spruchs gelte in ihm nicht, Ansatzpunkte für einen ganz radikalen Anti- 
mechanismus enthielten. So kam es nur äußerst langsam zu einer ernsten 
Prüfung und mit offenem Visier geführten Auseinandersetzung zwischen 
Psa. und klinischer Medizin ; daran hatte Freuds persönliche Abneigung 
gegen wissenschaftliche Polemik ihren Anteü und seine voreilige und ober- 
flächliche Ablehnung durch einzelne akademische Lehrer diente ebenfalls 
nicht dazu, die unbestreitbaren Depravationserscheinungen in der soge- 
nannten wilden Psa. rechtzeitig aufzufangen. Wurde seine akademische 
Verfemung auch gradweise zum Vorwurf der «maßlosen Übertreibung», 
der «Auswüchse», der «Irrtümer», der «genialen Irrtümer» abgebaut und 
die «unbestreitbaren» zu den «gewaltigen Verdiensten» von Jahr zu Jahr 
erhöht, so ist die Kluft doch nach wie vor größer als gerade den relativen 
Freunden der Psa. zuweilen bewußt zu sein scheint. 

Immer aber ist festzuhalten, daß nach bekannten Ambivalenzgesetzen 
die Erscheinung Freuds, ob mit Haß oder mit Liebe begrüßt, tiefer be- 
unruhigend auf den größten Teil der Medizin gewirkt hat, als alle anderen 
vorhergehenden und gleichzeitigen psychologischen Lehr- und Heil- 
systeme. Nur die Einführung der Hypnose ist vergleichbar an Bedeu- 
tung. Ihr ursprünglicher Vorrang beruht auf der hypnotischen Beeinfluß- 
barkeit körperlicher Symptome und zwar reicht dieser Einfluß nicht nur 
in die Gebiete der sogenannten willkürlichen Muskulatur, sondern auch, 
wie wir jetzt wissen, in die der Blutkapillaren, der Wasserbewegung zwi- 
schen Blut und Gewebe, der Wasserausscheidung durch die Niere, der 
Speichel-, Magen- und Bauchspeicheldrüse, der Magen- und Darmbewe- 
gungen und dergl. m. War solches schon nach Pawlows berühmten Unter- 
suchungen zu erwarten, so tritt noch deutlicher jetzt zutage, daß die 
Psychophysik solcher Einflüsse nicht nach dem Schema der Reflexe er- 
folgt, sondern daß eine gewisse Gesamthaltung der psychophysischen Per- 
son die übergeordnete Bedingung ist, unter der solche Suggestionen 
gelingen. Darauf weisen begleitende Affekte oder persönliche Bindungen 
an den Experimentator hin. Immer aber bestätigt sich, daß die durch Vor- 
stellung, Wahrnehmung, Denken, Reflexion, Wille, Intelligenz repräsen- 
tierte Bewußtseinssphäre nicht imstande ist, freihändig unmittelbar in 
diese Körpersphären einzugreifen, sondern daß ein Engagement sogenann- 
ter Tiefenschichten dazu gehört, die aber jetzt mit Recht der Persönlich- 

270 



keitsstruktur zugerechnet werden. Hier also ist ein verborgener Knoten- 
punkt, der fast aller älteren Psychophysik entgangen war und der die ein- 
fache Anwendung des Kausalitäts- wie des Parallelprinzips in der Psycho- 
physik ausschließt — ein drittes Reich oder eine ursprüngliche Einheit 
von Körper und Seele wird sichtbar oder geahnt. 

Es ist nun bemerkenswert, daß die psa. Behandlung solche Heilungen, 
welche auf unmittelbare Beseitigung von Organsymptomen ausgehen, 
zwar unzweifelhaft aufweisen kann, aber seltener verzeichnet und auch 
weniger sucht. Ihr Anwendungsbereich sind die Psychoneurosen mehr als 
die Organneurosen. Diese Einteilung aber hat die Bedeutung einer prak- 
tischen Deskription. Jede Organneurose ist theoretisch auch eine Psycho- 
neurose und umgekehrt, und jede Neurose ist eine funktionelle Verände- 
rung, der ein strukturelles Äquivalent zur Seite steht, und umgekehrt. 
Nicht dem Material nach, sondern dem therapeutischen Ziel nach sind 
Hypnotherapie und Analyse verschieden. Jene ist chirurgisch, diese aber 
sokratisch, so können wir in vorläufiger Anwendung einer Schel ersehen 
Prägung sagen. An das System der theoretischen Medizin ist danach die 
Frage gestellt : gibt es ein solches drittes Reich oder eine solche ursprüng- 
liche Einheit und sind sie der Sitz der Krankheit, sind sie der Therapie 
zugänglich? Indem wir diese Frage voll bejahen, geben wir zugleich eine 
Antwort auf die andere : was ist der Mensch ? 

Es muß jetzt der Gedanke allmählich deutlicher werden, daß die 
Frage nicht einfach so liegt : hat die Psa. bei Neurosen und bei neuroti- 
schen Organsymptomen solche Heilerfolge aufzuweisen, daß sich ihre 
Aufnahme in den Methodenschatz der Medizin lohnt. Wer so fragt und 
antwortet, hat, wie auch sein Urteil ausfallen möge, die Lage nicht be- 
griffen. Sondern : unter dem Einfluß der Psa. entsteht, besser noch : auch 
in der Entstehung der Psa. entsteht eine neue Idee vom kranken Menschen 
und eine neue ärztliche Behandlung des kranken Menschen, in welcher auch 
alle bisherigen Ideen und Behandlungen nach Wesen und Wert in einem 
veränderten Lichte erscheinen. Dem hierüber schon oben in mehr histo- 
rischer Form Gesagten ist hier folgendes Weitere hinzuzufügen. Am 
leichtesten wird das Gemeinte verständlich, wenn man die Entwicklung 
des Begriffs Neurose verfolgt. Wir können folgende Stufen unterschei- 
den: i. Die Neurose wird verstanden als eine Erkrankung im Gebiete des 
materiellen Nervensystems, bei der eine anatomische Veränderung bis- 
her nicht gefunden wurde. Man sucht sie mit Bädern, Elektrizität und 
Arzneien zu beeinflussen. 2. Die Neurose wird verstanden als eine psycho- 
mechanische Spaltung oder Abspaltung von Bewußtseinsinhalten, wobei 
bald mehr auf Vorstellungen, bald auf Affekten, bald auf Willensakten der 
Nachdruck liegt. Man sucht sie durch Hypnose, Suggestion oder erziehe- 
rische Gewaltmittel zu bekämpfen. 3. Die Neurose wird als Symptom 
einer partiellen psychischen Entwicklungshemmung angesehen, die in der 
Regel frühkindlich oder mit dem Geburtstrauma beginnt. Man versucht 
sie durch «Aufrollung» dieser Genese zu beseitigen (Höhepunkt der Psa.). 

271 



4. Die Neurose wird als eine psychologische Struktur der Persönlichkeit 
als ganzer aufgefaßt, die aber ebenfalls reversibel gedacht wird. Man sucht 
diese Persönlichkeit als Ganzes soweit möglich zu verbessern durch ana- 
lytische Überwältigung, Belehrung und Befreiung (Individualpsychologie 
und charakterologische Form der analytischen Psychotherapie). 5. D i e 
Neurose ist ein allen Menschen gemeinsamer Aus- 
druck des «Typus» Mensch und seiner psychischen 
und physischen Mittel läge zwischen untermensch- 
licher und übermenschlicher Sphäre. Der Ausdruck 
«Neurose» bedeutet jetzt lediglich die zufällig-individuelle Schwelle, 
wo der allgemeine Mangel des Menschen «klinisch» wird und subjektiv 
oder sozial zur praktischen Störung führt. Diese Deutung ist die von 
mir persönlich vertretene. 

Nur mit der letzten Deutung haben wir uns hier zu befassen als der- 
jenigen, welche allein das Problem wieder einfließen läßt in den Bereich 
der allgemeinen Medizin, jeder ärztlichen Handlung. Sie umschließt 
die vorhergehenden Stufen mehr oder weniger, aber mit anderen Akzenten. 
Halten wir die Definition in ihrer allgemeinen Form zunächst fest, so zeigt 
sie sich offen nicht nur nach der medizinischen, sondern ebenso nach der 
pädagogischen, soziologischen, theologischen, biologischen, philosophi- 
schen Seite. Eben dies aber ist die Situation, welche die Psa. mit herauf- 
beschworen hat : D a ß eine solche «Offenheit» des Heilproblems nach allen 
Seiten entstand. 

Für ärztliches Handeln aber ist in besonderem Sinne ein Scheide- 
weg dadurch offen, daß der Arzt die Freiheit hat, sich mehr nach der unter- 
menschlichen oder mehr nach der übermenschlichen Seite zu wenden. Wir 
verstehen dies am besten, wenn wir uns klar machen, daß dasselbe 
Symptom durch zwei ganz verschiedene Mittel beseitigt werden 
kann, z. B. ein Schmerz (etwa einer Gebärerin) durch Morphium oder 
andere Rauschgifte, aber auch durch eine Suggestion in der Hypnose. 
Wir haben, so kann man sagen, zwei extrem auseinanderliegende Mittel 
für dieselben Leiden : die A r z n e i und das Wort. Dem entspricht aber 
genau, daß ein organisches Leiden und ein psychogenes Leiden auf eine 
ziemlich lange Strecke hin dieselben Symptome bilden können. Am 
bekanntesten ist dieser Tatbestand auf dem Gebiete der organischen Lei- 
den des Zentralnervensystems. Encephalitis und Hysterie, beginnende 
Tumoren, Paralysen, Arteriosklerosen des Gehirns und Neurasthenien, 
aber auch Magengeschwüre und Magenneurosen, Herzmuskelerkrankun- 
gen und Herzneurosen usf. gehen oft genug eine Strecke weit streng 
identisch in ihren Symptombildern, so daß ihre Differenzialdiagnose ein 
nie erschöpftes Thema der speziellen Pathologie ist. Und was von den 
objektiven Symptomen gilt, das trifft auch für das erlebende Subjekt, 
den Kranken zu. Schmerzen, Schwindel, Schwäche, Angst, Insuffizienz- 
gefühle, Müdigkeit, Erregbarkeit und Aufgeregtheit, Apathie, Schlafsucht 
und -mangel u. v. a. sind gemeinsame Symptome organischer wie psycho- 

272 



^ 



gener Zustände und werden als einzelne von ihm bei einer Infektions- 
krankheit nicht anders erfahren wie in einer Neurose. Zu wenig erforscht, 
aber zweifellos vorhanden sind aber wiederum abnorme Funktionsabläufe 
an den Organen bei psychogenen Neurosen, so Extrasystolen des Herzens, 
Blutdruckschwankungen, Sekretions- und Motilitätsanomalien an den 
Verdauungsorganen u. v. a. Es gibt also, so kann man zusammenfassen, 
einen allgemein giltigen Modus des Krankseins, und eine Symptomatologie 
des Krankseins — überhaupt (ganz gleich ob der Anstoß 
von organischer oder von psychischer Seite kommt) und es gibt einen 
doppelten Weg, diesen Bezirk ärztlich zu beeinflussen, einen somatischen 
und einen psychologischen. 

Diese Tatsachen wären nun von relativ geringem Interesse, wenn 
eben dieser Bezirk als ein nicht nur begrenzter sondern vor allem als einer 
von wesentlich zweitem Range anzusehen wäre. Dies ist wohl die Meinung 
vieler Vertreter einer streng rationalen Medizin gewesen. Sie urteilen, 
daß ein Phänomen wie das des Schmerzes oder der Angst ein sekundäres, 
ein bloßes Symptom zweiter Ordnung sei, das zu behandeln eben auch nur 
symptomatischen, nicht kausalen Wert habe. Genau an dieser Stelle wird 
nun die Bedeutung der Psa. wie der Psychotherapie für die Gesamtmedizin 
klar rwennesnunanderswäre? Wenn die Angst ein zentralerer, 
ein ursprünglicherer, ein der prima causa der Krankheit näher zugeord- 
netes Faktum sein sollte, als die Anwesenheit von Bakterien, die histo- 
logischen Folgen ihrer Wirkung, die serologischen ihrer Gegenwirkung? 
Kaum ein Arzt bestreitet ganz, daß Entstehung und schicksalmäßiger 
Verlauf einer Infektion hin und wieder von «seelischen Faktoren» wie 
Angst abhängt; aber daß solche gelegentlichen Beobachtungen auf ein 
immer vorhandenes, ein gewiß noch kaum erforschtes, aber vielleicht 
erforschbares Grundverhältnis hinweisen — das werden die naturwissen- 
schaftlichen Ärzte heute in der Regel ablehnen. Und doch ist das oben 
genannte dritte Reich mit seiner ursprünglichen Einheit genau der Ort, an 
dem eine Therapie einsetzen muß, wenn sie diesem Stern folgt. Wenn 
der Verlauf einer Lungentuberkulose, auf der Messerschneide zwischen 
Katastrophe und Heilung, auf der er so oft sich bewegt, durch eine Psycho- 
therapie auch nur ein kleinstes Übergewicht nach der günstigen Seite er- 
fahren kann, dann allerdings bedeutet die Psa. einen Fortschritt auch der 
Lungentherapie, wenn die Psa. einen Fortschritt der Psychotherapie be- 
deutet hat. Ein Hauptwiderstand gegen diese Folgerung wird heute so 
formuliert : Psychotherapie hätten gute Ärzte schon immer gemacht und 
gekonnt, und sie sei nicht erlernbar, ja dann am besten, wenn sie nicht 
gelernt werde. Das Wahre und das überwiegend Falsche solcher Behaup- 
tungen aus dem Munde sonst dem Fortschrittsgedanken so zugänglicher 
Ärzte wird deutlicher unterscheidbar, wenn man von vornherein zugibt, 
daß die Psychotherapie innerer organischer Krankheiten in den ersten 
Anfängen einer Entwicklung steht. Wer will wissen, wie weit sie kom- 

18 Prinzhom, Psa. 273 



men wird? Hängt doch diese Frage mit der weiteren psychophysischen 
Entwicklung des Menschengeschlechtes überhaupt eng zusammen. 

Was man aber zeigen kann, das sind die Vorurteile und die konkreten 
Schwierigkeiten, die solchen Unternehmen entgegenstehen. Von den Vor- 
urteilen lehrt die Erfahrung, daß sie durch kasuistische und statistische 
Mitteilungen über Heilerfolge oft nicht besiegt werden. Der «Fall» ist 
immer so kompliziert, daß andere Erklärungen möglich sind. Die An- 
erkennung wissenschaftlicher und disziplinierter Psychotherapie setzt 
andere Sehweisen und Wertmaßstäbe voraus, als der naturwissenschaft- 
lich geformte Kliniker und Praktiker sie mitbringt. Davon war bereits 
die Rede. Aber die Vorurteile haben Gründe in den tieferen konkreten 
Schwierigkeiten. Wohl kann man sehr gut einem Kranken zugleich 
Arznei, Diät, Höhensonne verordnen und eine Psychotherapie einleiten ; 
so scheint es. Aber hier taucht die größte Hemmung auf einer unerwarte- 
ten Seite auf : im Arzt selbst. Denn die Ausbildung zur Psychotherapie 
erfordert eine besondere Entwicklung der Person und Psyche des Arztes 
selbst in eben der Sphäre, in der die Neurose des Kranken sich abspielt. 
Wir müssen darauf mit einigen Worten eingehen. Immer ist Psycho- 
therapie letzten Endes eine, wenn auch oft scheinbar einseitige Unterhal- 
tung. Ihre Technik besitzt lediglich das Mittel der Rede, des Wortes oder 
sie stellvertretender Haltungen, Gesten. Nun ist die Verkehrsform des 
naturwissenschaftlich gebildeten Arztes lediglich die seiner sozialen 
Schicht, ihrer Sitte und Konvention ; hinzu kommt eine Konvention des 
Standes und eine Anpassung an den Stand und die intuitiv erfaßte Per- 
sönlichkeit des Kranken. Eine Lehre über Homiletik und Gesprächs- 
technik besitzt die akademische Medizin nicht, und dem Arzt ist frei- 
gegeben nach spontaner Regung, Eingebung oder Reflexion sein sprach- 
liches und persönliches Verhalten frei zu gestalten. In Wahrheit gestaltet 
er es innerhalb der genannten Bindungen. Die Psa. und an sie an- 
schließend andere Formen der Psychotherapie brechen mit all dieser Frei- 
zügigkeit bekanntlich und setzen eine Methode dafür ein, die hier nicht 
zu schildern ist. Gemeinsam und für jede Psychotherapie grundlegend ist 
aber die stufenweise Veränderung der psychischen Vorgänge im Thera- 
peuten bei der Therapie. Schritt für Schritt müssen in ihm gewisse seelische 
Einstellungen und Reaktionen, die er aus dem psychotherapeutisch unge- 
bildeten Natur- und Kulturzustand mitbringt, einer Umwandlung unter- 
worfen werden. Dies gilt nicht nur für seine triebhaften, sexuellen, sen- 
suellen, rassemäßigen oder sonst irrationalen Reaktionen auf die Person 
des Kranken, sondern ganz ebenso für die kulturellen, nationalen, politi- 
schen, sozialen, konventionellen, wie endlich für die spezifischer ästheti- 
schen, geistigen, sittlichen und religiösen Urteile und Gefühle. Nicht als 
ob dies alles auslöschbar wäre ; aber es ist erforderlich, daß der Therapeut 
jede dieser Regungen in sich weder zurückdrängt, noch freigibt, sondern 
als das, was sie ist, erkenne und bewußt mache, und daß er die massen- 
haften psychischen Schleichwege und all dieser Regungen Scheingewän- 

274 



der ins eigene reflexive Bewußtsein hebe. Der Sinn dieser Forderung aber 
ist der, daß nur bei ihrer Erfüllung der Therapeut in seiner Erkenntnis des 
Patienten nicht jene unaufhörliche Selbstdarstellung begehe, in 
welcher sich unsere normal biologischen Reaktionen und unsere Urteile 
über andere Menschen ergehen und welche auch alle sogenannten objek- 
tiven Wertmaßstäbe und Charakterisierungen stets enthalten. Diese psy- 
chologische Objektivität der Psychotherapie besteht auf ihrer ersten 
Stufe also nur darin, daß der Patient zunächst einmal für unser Reagieren 
und Urteilen carte blanche werde. Vergleicht man diese (negative) Ob- 
jektivität mit der naturwissenschaftlichen eines Tierexperiments 5 ), so 
begreift der Erkenntnistheoretiker leicht den kontradiktorischen Gegen- 
satz: das Tierexperiment gelingt nur unter Voraussetzung einer maxi- 
malen vom Experimentator ausgehenden intellektuellen und tech- 
nisch-handwerklichen, höchst differenzierten Zurüstung und Einstellung : 
sie ist höchste Spontaneität, während der Psychotherapeut im Zustand 
größter passiver Rezeptivität sein muß. Was hier aber vom tierphysiolo- 
gischen Experiment gesagt wird (und welcher Kliniker ist heute darin 
nicht geschult?) gilt in derselben Weise und Zug um Zug für die klinische 
Somatotherapie ! Der ganze wissenschaftliche Halt und das ganze kritische 
Instrument der klinischen Somatotherapie ist die intellektuelle Technik des 
Experiments, also der psychologisch, gegenüber der psychotherapeutischen 
Haltung, i n v e r s e n Operation des Bewußtseins. 

Schon diese formale Gegensinnigkeit einer naturwissenschaftlichen 
und einer psychotherapeutischen Bildung wirkt im Einzelfall für Patient 
und Arzt zuweilen katastrophal. Aber sie ist selbstverständlich auch eine 
materiale. Muß es mit Beispielen belegt werden, daß der Bildungsstoff und 
das Wissen um die Seele weltweit verschieden ist von den Bereichen der 
Elemente, Ionen, Moleküle, der Vererbungsbiologie und der Hirnphysio- 
logie? Weniger auf der Hand liegen nun aber die Probleme der nächsten 
Stufe des Therapeuten, die sich mit Bildung und Lösung der Übertra- 
gungen einstellen. Sie sind die interessantesten. Aus seiner rezeptiven 
Haltung hat er jetzt herauszutreten. Hier müssen wir vorweg etwas neh- 
men, was für den Somatotherapeuten und den Psychotherapeuten über- 
einstimmend gilt, nämlich daß die wissenschaftliche Tätigkeit in jedem 
Falle die Gefahr einer selbstbezogenen, autistischen, narzistischen Haltung 
bei sich führt. Denn die objektive Nur-Sachlichkeit der Forschung for- 
dert eine Aufgabe der Subjektivität, welche in eine Entpersönlichung ent- 
arten kann, und sie bindet jedenfalls seelische Kräfte, welche das Leben 
von Mensch zu Mensch gerade fordert. Die Zuwendung zum Etwas ist 
eine Gefahr für die Zuwendung zum Du mit einem Haftenbleiben am Ich. 

Beides nun : die Steigerung aller Bewußtheiten und die Überratio- 
nalisierung alles Psychischen durch den geschilderten Vorgang der Selbst- 
analyse, und andererseits die Steigerung der Ichbezogenheit durch die Ge- 
wöhnungen wissenschaftlicher Forschung — beides sind Hauptgefahren 
jeder tätigen Verbindung von Wissenschaft und Arzttum, beides also 

18* 275 



. 






stärkste Aufforderungen zur Bekämpfung gerade auch in der Klinik. Der 
Verlust der Naivität und Einfachheit ist ein Preis, der zu teuer werden 
kann, aber ebenso gewiß tut die Steigerung des Wissens und Bewußtseins 
der ursprünglichen Lebenskraft und -Wahrheit nirgendwo notwendi- 
gen Abbruch. Selbstverständlich vollziehen sich auf einer gewissen Ebene 
auch die ärztlichen Handlungen zielsicherer und wirksamer, wenn sie nicht 
durchkreuzt sind von Reflexion. Aber therapeutische Aufgaben in an- 
deren Ebenen, wie etwa denen der «Neurose», werden dann eben einfach 
nicht gelöst und sind nur dem zugänglich, der den Weg der Erkenntnis 
auch in die Region der eigenen Seele weiter geht, als sonst erforderlich ist. 
Daß auch dies ein Opfer bedeuten kann, welches der Arzt bringt, muß 
uns warnen ihm Eigentümlichkeiten und Mängel seiner Person allzusehr 
zum Vorwurf zu machen, die gewissermaßen die Kriegsverstümmelungen 
seines Berufes sind. Dieser Punkt leitet aber hinüber zu dem gleichwich- 
tigen, nämlich, daß alle Erkenntnisvorgänge in der Somatotherapie Allein- 
gut des Therapeuten bleiben, in der Psychotherapie aber Bestandteil der 
Therapie selbst sind, indem sie in den Patienten eingehen. Nicht als 
ob es sich hier um dieselbe Art von Erkenntnis handelte, wie in der Natur- 
wissenschaft ; aber Erkenntnis ist es doch; geheilt werden und genesen, 
heißt hier auch:erkennen. Der gewöhnlichste Fehler, der nun hier- 
aus entspringt, ist der, daß der in kausaltherapeutischem Denken erzogene 
Arzt seine psychologische Erkenntnis dem Kranken einfach wie eine 
Arznei einzugeben sucht, als könnte sie wie ein Heilserum wirken, nicht 
wissend, daß die Erkenntnis in der Psychotherapie das 1 e t z t e und das 
die gelungene Therapie nur anzeigende Symptom ist, dessen Vor- 
wegnahme fast stets die Therapie gerade verhindert. Denn das erste, was 
der Kranke zu lernen hat, ist, daß auch er in seinem Verhalten carte 
blanche werde, so wie es vorhin vom Therapeuten beschrieben wurde. 

Von dem hierbei einsetzenden Übertragungskämpfen sei nur noch 
e i n Gegensatz zwischen Psycho- und Somatotherapie besprochen ; er 
betrifft die Bilanz von Geben und Nehmen zwischen Arzt und Patient. 
Während die Zufuhr von Diät (Kalorien), Medikament, Bettruhe, Lebens- 
regime hinsichtlich der physischen Energieformen eine Zufuhr zum 
Kranken, also Einnahmen (oder ein Ersparnis seiner Ausgaben) be- 
deutet, bedeuten alle zugehörigen Akte des Anordnens, Bef ehlens, Bindens 
und Verpflichtens in psychologischer Hinsicht für ihn Ausgaben: Ver- 
zicht auf Selbstbestimmung, Unterordnung, Betätigung von Vertrauen 
zum Arzt, Einschränkungen aller Art. Umgekehrt : wo der Arzt als Psy- 
chotherapeut sich der Aktivität in der vorhin geschilderten Weise ent- 
äußert, da geschieht i h m ein Energieverlust durch willkürliche Zurück- 
drängung äußerer Aktion und normaler Vitalität, der dem Patienten als 
Aktivposten zugute kommt, weil dieser von den Widerständen frei wird, 
die in der Neurose wirken. An diesen im Einzelnen höchst komplizierten 
Verhältnissen interessiert uns hier wiederum nur dies : «Somatotherapie» 
und methodische Psychotherapie haben in psychologischer Hinsicht 

276 















gegensinnige Energiebilanzen 6 ) und müssen sich zunächst bei gleichzei- 
tiger und unsystematischer Anwendung stören. Trivial gesprochen: man 
kann nicht einem Kranken zu Beginn der Behandlung sagen : «Sie müssen 
täglich zwei Stunden spazieren gehen» und zugleich : «Ich werde mich 
Ihnen gegenüber vollkommen passiv verhalten und lediglich alles auf- 
nehmen, was Sie mir bringen». Damit ist keineswegs gesagt, daß die Ver- 
einigung aktiver und passiver Behandlung unlogisch und darum unmög- 
lich sei. Wir sprechen hier nur von den ersten Bildungsschwierigkeiten 
eines gedachten integralen Arztes, der diese Vereinigung sucht. 

Immer wieder stoßen wir dabei eben auf das tiefe Dunkel, das die 
Lebensbewegung selbst umgibt. Was ist denn eigentlich aktiv und passiv, 
was ist Hemmung, Symptom, Energie, was ist stark, was schwach, was 
gesund, was krank ? Was hat damit die Seele zu schaffen, wo ist s i e denn ? 
Die Psa. hat ihre Vorstöße in solche Regionen nicht tun können oder 
wollen, ohne ein System von Begriffen zu erzeugen und dies ist ein häufig 
zu beobachtendes Hemmnis für ihre Beurteilung durch Menschen gewor- 
den, die entweder zu künstlerisch zu empfinden oder zu abstrakt zu den- 
ken pflegen, um gerade für die Freudsche Geistesarbeit disponiert zu sein. 
Tatsächlich kann man seine Geisteswelt nur begreifen, wenn man sich 
ebensowohl der abstrakt-logischen Technik der exakten Naturwissen- 
schaft wie auch der freien Gestaltung des Romans und der Novelle ent- 
äußert. Die Termini der Psa. wollen durchweg transparent ge- 
sehen sein — nicht wörtlich deskriptiv, aber auch nicht bildlich im Sinne 
der Allegorie (wie etwa eine Abbildung der «Justitia»). Sondern hinter 
diesen Begriffen steht etwas sehr Bestimmtes, das aber nie adäquat aus- 
drückbar ist. Es ist nichts anderes als der Lebens Vorgang selbst, dies 
Wort sei hier ohne Emphase und freilich auch ohne Definition gebraucht. 
Hier also liegt das ungeheure wissenschaftliche Minus der Psa. Ihre 
Transparenz ist unbestreitbar, aber sie wird nie zur Klarheit der begriff- 
lichen Denkbarkeit und nie zur Klarheit der objektiven Schau. Woran 
liegt dies und wie löst sich das damit gestellte Problem ? Es kann m. E. nur 
so begriffen werden, daß die Fragen und Auflösungen im gemeinsamen 
Leben sprozeß von Analytiker und Analysand, oder sagen wir jetzt 
lieber statt dessen von Arzt und Kranken selbst erfolgen. Die ärztlichen 
Handlungen und die Gegenhandlungen des Krankem steigen aus dem Le- 
bensvorgang auf und kehren in ihn zurück ohne auf diesem Kreiswege 
eine restlose rationale oder intuitive Auflösung zu erfahren. Hierin fällt 
also der Hintergrund der ärztlichen Heilhandlung mit der Selbst- 
heilung einer Wunde oder einer Infektionskrankheit zusammen und hierin 
unterscheidet sich auch die sogenannte Somatotherapie nicht grundsätzlich 
von der sogenannten Psychotherapie. Die rationalisierten und die in An- 
schauung begriffenen Akte dabei sind aber nichts anderes als der not- 
wendige Ausdruck der Struktur des Menschen und sie stellen i h n s e 1 b s t 
dar. Die Medizin als Wissenschaft oder als Technik, als Kunst oder als 
Instinkt aufgefaßt, ist immer nur eine solche Selbstdarstellung des Men- 

277 






sehen, seiner Mittellage unter seiner Überwelt und über seiner Unterwelt. 
Damit fällt denn freilich hier eine letzte Entscheidung, die man etwa so 
aussprechen kann : Die Medizin ist im Grunde eine anthropolo- 
gische und keine biologische. Und an dieser Stelle trennt sich diese 
Meinungsäußerung von Freud und der Psa. 

Die Medizin hätte die Psa. sich schnell und leicht einverleibt, wenn 
diese wirklich nur eine «Naturwissenschaft», oder wenn sie nur eine, 
freilich neuartige Biologie wäre. Und die scheinbare Proletarisierung und 
Naturalisierung aller menschlichen und göttlichen Regungen und Kräfte 
hätte eine schon längst entgottete und entmenschte Wissenschaft doch 
leicht ertragen, nachdem sie jeden anderen Atheismus und Materialismus 
mit Ruhe, ja mit Vergnügen ertragen hatte. Aber sie tat es nicht, weil, wie 
Freud selbst es aussprach, die Welt nicht ertragen mochte, daß der Mensch 
nicht nur im Sonnensystem nicht in der Mitte, nicht nur in der Abstam- 
mung vom Affen nicht frei, sondern auch «im eigenen Hause», im eigenen 
Herzen nicht einmal sein eigener Herr sein sollte. Statt wachsender Frei- 
heit wachsende Knechtschaft, wachsender Selbstbetrug der Freiheit. Es 
wäre kein aussichtsvoller Versuch dieser Folgerung zu entrinnen, wenn 
jemand die Psa. eine Naturwissenschaft, eine Biologie nennte und glaubte, 
wir könnten ihre Konsequenzen ebenso in die Körperlichkeit abschieben, 
wie wir es tun, wenn wir unsere Organfunktionen als dem Naturgesetz 
unterworfen, unseren Geist aber als frei proklamieren. So billig ist die 
Beruhigung über die Entdeckungen der Psa. nicht zu kaufen. Nie- 
mand hat sich über die Formulierung des Fechnerschen Gesetzes an- 
nähernd so erregt, wie über die Psychomechanik der Libidotheorie. Im- 
mer wieder liegt dies daran, daß Freud nicht nur unser Wissen von der 
Natur vermehrt hat, sondern noch einmal mit Riesenkraft an ihm ge- 
zweifelt hat. Das Problem der Aufklärung: «Wissen befreit» — hat er 
aufgerollt, indem er eben nicht in wissensgläubiger, wissensseliger Weise 
forschte, sondern noch einmal auf neue Weise am Wissen und allem Be- 
wußten zweifeln lehrte. Seine Voraussetzung ist der Zweifel am Bewußt- 
sein als einem untrüglichen Zeugen dessen, was uns als wahr gelten muß ; 
seine Behauptung ist das Vorhandensein eines unbewußten Hintergrundes 
des Bewußten ; seine Folgerung ist die Notwendigkeit, Unbewußtes be- 
wußt zu machen ; seine Hoffnung ist, die Menschen dadurch von Wahn 
und Leiden zu befreien. 

Wie die Naturwissenschaft die Objektivität der Farben und Töne 
kritisiert hat, so kritisiert er darüber hinaus alles, was überhaupt im Be- 
wußtsein ist. Sein Unternehmen erschüttert die Immanenz des Bewußt- 
seins, den Obersatz auch aller modernen idealistischen Philosophie. Und 
gleichzeitig unternimmt er es doch, den dämonischen Inkubus alles Be- 
wußtseins, das Unbewußte zu vertreiben, indem er diese Nachteile 
durch Bewußtsein zu erhellen sucht. Niemand, der diese radikale 
Dialektik der Psa. gegenüber allem Bewußten (nicht nur gegenüber 
dem Vorgestellten, Empfundenen, Gefühlten) übersieht, versteht ihre 

278 









Bedeutung. Denn sie kritisiert die Psyche durch Psychologie — wie die 
Vernunft sich durch Vernunft «rein» kritisiert hatte — und sucht die 
Parteinahme der Verdrängungen aufzuheben ohne doch garantieren zu 
können, daß sie dabei nicht selbst voller Parteinahme ist 7 ). Nicht als ob 
sie dabei nicht eine Fülle der psychischen Evidenz und Selbstgewißheit zur 
Verfügung hätte, wie auch die äußere Naturforschung sich auf die Fülle 
evidenter .Sinneswahrnehmung und logischer Gewißheit stützen kann ; 
aber so verschieden wie Selbstwahrnehmung von Sinneswahrnehmung, 
so verschieden wie Person von Logik ist, so verschieden ist P s a. auch 
von Naturwissenschaft. 

Als positivistische Empirie hat die psa. Erkenntnis als Erkenntnis- 
form allerdings gar keinen so großen Originalwert gegenüber der Natur- 
wissenschaft ; aber indem hier «Naturwissenschaft» nicht benutzt wurde, 
um «Organfunktionen» zu lenken, sondern indem i h r Wissen, das Wis- 
sen als W i s s e n , ein Faktor eines Heilgeschehens wird, geschieht etwas, 
was die naturwissenschaftliche Zivilisation der Völker seit Jahrhunderten 
schon unbewußt bewirkte, jetzt systematisch zweckvoll und bewußt am 
Kranken. Das istdas Neue der Psa. als Behandlungsmethode. Man 
hat auch früher mit Worten kranke Menschen behandelt, aber nie- 
mals mit denjenigen Worten, deren entscheidende Bedeutung und Form 
wissenschaftliche Erkenntnis war. 

Die ärztliche Lehre vom Menschen als Gesamtwesen würde dadurch 
gewaltig verändert — nicht weniger als sie durch den Übergang von der 
magischen zur naturwissenschaftlich-rationalen Medizin verändert wor- 
den war. Wie die magisch-animistische Medizin in den Methoden der 
hypnotischen Suggestion noch fortbesteht, wie die naturwissenschaftliche 
Medizin durch Medikament und Messer repräsentiert bleibt, so braucht 
auch die Psa. den Wirkungsbereich der bisher geübten Heilkunst keines- 
wegs allzu polemisch anzufechten. Aber sie selbst darf nicht fortfahren 
zu übersehen, daß sie unter Mensch, Krankheit, Therapie etwas anderes 
versteht, als die bisherige Medizin. Für sie ist der Mensch nicht ein Zell- 
staat, Organkomplex oder eine Funktionensumme, sondern für sie ist der 
Mensch ein historisch-psychologischer Entwicklungsablauf, und zwar, dies 
ist die Hauptsache, ein Ablauf in Verhältnissen von Trieb und Bewußt- 
sein ; für sie ist Krankheit nicht materielle Regelwidrigkeit, sondern eine 
nur aus unseren kulturellen und gesellschaftlichen Erfordernissen abzu- 
leitender Grad korrekturbedürftiger Entwicklungsstörung jenes Verhält- 
nisses von Trieb und Bewußtsein : Neurose; für sie ist endlich Therapie 
nicht nur Beseitigung jeder materiellen Gefahr des materiellen Vorhanden- 
seins (bloßen Existierens) eines Teils oder des ganzen Organismus, son- 
dern Abschaffung einer kulturell und gesellschaftlich unerwünschten Le- 
bens form. Ebenso wie die Neurose für Freud eine Folge der Kultur 
und nicht der Natur ist, ebenso muß psa. Therapie konsequenterweise eine 
Therapie nicht der Natur, sondern der Kultur sein. Welcher Kultur also? 

Bis zu diesem Punkte muß diese Darstellung geführt werden, wenn 

279 






wir die richtige Plattform für eine fruchtbare Kritik der Psa. als einer 
ärztlichen Heil- oder Hilfsbestrebung gewinnen wollen. Alle Kritik, 
welche die Psa. nur an Möglichkeiten und Zielen der «Schulmedizin» 
(oder wie immer wir den Komplex nennen wollen, der Lehre und Bewußt- 
sein der staatlichen Institute und Approbationsgesetze ausmacht) mißt, 
geht fehl. Die Psa., und mit ihr erhebliche Zweige der psychotherapeu- 
tischen Bewegung und sozialen Medizin überhaupt, muß und kann nur 
etwas anderes erstreben — sei es neben, mit oder über jener Schulmedizin. 
Und eine fruchtbare Kritik der Psa. kann nur dort beginnen, wo in allem 
Ernste gefragt wird, ob es so etwas wie Kulturkrankheit, Geisteskrankheit, 
Seelenkrankheit, Gesellschaftskrankheit wirklich gibt ; nämlich nicht nur 
in dem Sinne gibt, daß ein blindes Naturagens sinnlos einbricht in einen 
Kulturprozeß, geistlos in Geistiges, seelenlos in die Seele, als Vereinzeltes 
in das Sinnvollgesellige, sondern auch in dem Sinne, daß es Kulturkrank- 
heiten wirklich gibt, daß der Geist wirklich erkranken kann, daß die Seele 
wirklich erkranken (nicht nur leiden) kann, daß die Gesellschaft wirklich 
selbst erkranken kann. Wie wir also vorhin zu fragen hatten : «welche Kul- 
tur» ?, so müssen wir dann überhaupt hier fragen : welcher Geist, welche 
Seele, welche Gesellschaft oder Gemeinschaft? 

Bei derartiger Frageweise ist die doppelte Frontstellung der Psa. nun 
nicht so sehr schwer zu bestimmen. Sie kommt zwar von der Idee des 
natürlichen Menschen, aber sie entdeckt dabei den wirklichen, den Kultur- 
menschen, den begeisteten, beseelten Gesellschaftsmenschen. Ungern 
trennt sie sich von ihrem Ursprung, unvermeidlich gerät sie in die große 
bewegte Welt des nicht nur natürlichen Menschen. Indem sie es durch 
Ärzte tut und durch ärztliche Handlung an lebenden Menschen tut, steht 
sie an einer Wende der Medizin. 

Daß die Entwicklung in der angedeuteten Richtung gehen muß, dafür 
kann man ein Argument auch in der Entwicklung des Freudschen Werkes 
zur Metapsychologie erblicken. Das hierin sich aussprechende geistig-phi- 
losophische Bedürfnis mag eine Unbef riedigung andeuten, welche auf ärzt- 
lichem Gebiete nicht zu beseitigen war. Und auf diesem ärztlichen Gebiet 
hat Freud an Thesen festgehalten, die unhaltbar in der Psychotherapie 
sind. Das Ziel der Therapie ist hier nicht mehr «Arbeits- und Genuß- 
fähigkeit», denn dies ist nicht das Ziel der Sphären, die wir mit Kultur, 
Geist, Seele und Gesellschaft meinten. Diese Einpfropfung des in einer 
Somatotherapie oft völlig ausreichenden Motives von Arbeit und Genuß 
führt ja nur zu völlig oberflächlichen, ja geradezu falschen Kriterien einer 
Psychotherapie. Ein Hysteriker kann sehr genuß fähig, ein Neurotiker sehr 
arbeitsfähig sein und die Minderung in beiden Hinsichten würde entfernt 
nicht immer ein ausreichendes Motiv einer Behandlung psychotherapeu- 
tischer Art sein. Diese bezweckt und erzeugt vielmehr völlig andere Um- 
formungen der Person, wie schon die oberflächliche Revue über einige 
Schulbegriffe wie Lustgewinn, Narzismus und dergleichen zeigen kann. 
Ist doch gerade die Psa. dem Lustgewinn des Neurotikers immer auf den 

280 









Fersen und kritisiert ihn als einen falschen «neurotischen», aus völlig an- 
derer Instanz als der einer undifferenzierten «Genußfähigkeit», nämlich 
aus einer Instanz einer tieferen Wahrhaftigkeit oder eines unausgesproche- 
nen, Undefinierten, unbewußten ( ?!) Menschheitsideal. Dieses immer von 
der Analyse verschwiegene Geheimnis ihrer letzten Heilmotive teilt sie 
freilich mit unzähligen anderen, auch ärztlichen Bestrebungen. Aber sie 
kann sich diese Verschwiegenheit nicht ebenso gut leisten, wie etwa Chi- 
rurgie und interne Medizin, weil sie eben an jenem höchst verantwortlichen 
Wendepunkt steht, ja ihn herbeiführt. Und wie soll sie sich stellen, wenn 
sie einen Menschen seiner analytischen Wahrheit näher, der «Arbeits- und 
Genußfähigkeit» aber immer ferner rückt? Dieser unbestreitbar vorkom- 
mende Fall steht heute zu ernstester Diskussion und jeder wird sich ent- 
scheiden müssen, ob er auch dann den Mut zur Bejahung hat, oder ob er 
eine andere Lösung vorzieht. 

Genau in dieser Alternative entstehen ja die verschiedenen Abwen- 
dungen von der Psa. zu anderen Psychotherapien hin, und damit ist diese 
Darstellung an ihre natürliche Grenze gelangt. 

Denn nun scheiden sich die Geister und von hier ab werden wir inner- 
halb der Psa. vergeblich die Gesichtspunkte suchen, nach denen ein Pa- 
tient zu entscheiden vermag, welchen psychotherapeutischen Berater und 
ob er überhaupt einen solchen aufsuchen solle oder nach denen ein Arzt 
zu entscheiden vermag, ob die durch Therapie zu erwartende Veränderung 
der Person durch sein Leidenserlebnis hinlänglich zu rechtfertigen ist oder 
nicht. Denn es kann geschehen, daß der Patient in der Therapie so ver- 
ändert wird, daß er über seine familiären Bindungen, seine Ehe, seine be- 
ruflichen Strebungen und vieles fernere nun anders verfügt, als vorher 
und die Folgen der Therapie strahlen also aus bis in die Regionen, deren 
Autonomie nicht anzutasten sie noch so sehr bestrebt sein mag : sie kann 
dieser Verantwortung doch nicht entrinnen, so wenig wir in jeder realen 
menschlichen Beziehung ihr irgendwo sonst zu entrinnen vermögen. Ist 
dies auch keineswegs ein Einwand gegen solche Therapie überhaupt, so ist 
es doch sehr lehrreich, um zu zeigen, daß mit der Formel von «Arbeit und 
Genuß» zu wenig gesagt ist. Denn es gibt eine spezifische Arbeitsfähigkeit, 
die in der Therapie sich von einem Typus nach einem anderen verschieben 
und eine spezifische Genußfähigkeit, die sich ebendabei umwandeln kann 
und derselbe Vorgang kann auf den verschiedensten Lebensgebieten ein- 
treten. Wir stehen erst am Anfang einer Lehre solchen psychogenetischen 
Typenwandels, aber (um nur ein Beispiel zu nennen) es ist nicht zu be- 
zweifeln, daß Dinge wie Phantasietätigkeit und alles sogenannte Schöpfe- 
rische zu der in Analyse sich vollziehenden Gewissensschärfung in einem 
dynamischen Verhältnis stehen, das bis zu einem gegenseitigen Ausschluß 
gehen kann. Auch in dieser Frage der Arzt- und Methoden wähl reicht 
daher unser Thema wieder tief hinein in die großen Gegensätze: Auf- 
klärung oder Glaube. Denn es macht einen Unterschied, ob ich das Un- 
bekannte und den verborgenen Lebensgrund der Seele als etwas «bis jetzt 

281 



- 



noch nicht Erforschtes» nehme oder als das «offenbare Geheimnis» Gottes. 
Andere Formen der Wissenschaft, andere Ideen vom Menschen, vom 
Kranken und vom Arzt entstehen, wo die Entscheidung statt im ersteren 
Sinne zu fallen, im letzteren fällt. Diese Entscheidung freilich entzieht 
sich einer kritischen Beleuchtung und bezeichnet scharf genug die Linie, 
an der die gegenwärtige Darstellung ihr vernünftiges Ende findet. 



*) Von der besonderen Verschlingung politischer, sozialer und akademischer 
Verhältnisse und ihrem unzweifelhaften Einfluß auf die relativ späte Ausbreitung 
der Psa. in Deutschland ist weiter unten zu reden. 

2 ) Genauer : durch ein passives Experiment ; ihr experimentelles Arrangement 
bewirkt, daß die Erkenntnis von selbst herausspringt. 

3 ) Wobei die Erfahrung lehrte, daß die Libidotheorie infolge zunehmender 
Veröffentlichung des Sexuellen in der Sitte zu einer relativen Harmlosigkeit wurde, 
daß der wirkliche Schmutz überall vorkommt und daß man die Hörigkeit der Ana- 
lysierten überschätzt hatte. 

4 ) Im Jahre 1926 hat zum erstenmal ein allgemeiner ärztlicher Kongreß in 
Deutschland getagt, auf dem Psa.-tikcr, Psychotherapeuten und Vertreter aller 
wesentlichen Spezialgebiete sich zu gemeinsamer Arbeit zusammenfanden. 

5 ) Fast alle klinischen Untersuchungsmethoden sind Analoga eines solchen. 

ü ) Nähere Ausführungen hierüber vergl. Philosophischer Anzeiger 2, 2. 1927. 
7 ) Vergl. Hegels Einwand gegen Kant. 



DIE AUSWIRKUNGEN DER PSYCHOANALYSE IN 

DER PSYCHIATRIE 

von KarlBirnbaum 

Allgemeine Vorbemerkungen. Für die hier zu gebende 
Darstellung der Auswirkungen der Psa. in der Psychiatrie müssen 
gemäß dem im wesentlichen naturwissenschaftlichen Cha- 
rakter dieser Disziplin allgemeine Fragen des kulturellen und geistigen 
Lebens: weltanschauliche Wertungs fragen u. dergl. so gut wie ganz aus- 
scheiden. Es kann sich hier nur um nüchterne Tatsachenwiedergaben 
handeln, die den Anteil der Psa. an der Erfassung und Erklärung psycho- 
pathologischer Erscheinungen und Zusammenhänge und die dabei wirk- 

282 






samen psychopathologischen Gesetzmäßigkeiten festlegen. Die allge- 
meinen Beziehungen zwischen Psa. und Psychiatrie, von denen dabei aus- 
zugehen ist, brauchen wir nicht erst zu suchen. Sie sind von selbst ge- 
geben : Sie liegen im wesentlichen in der Gemeinsamkeit des psycholo- 
gischen Stoffgebietes und in der Übereinstimmung der daraus sich er- 
gebenden wissenschaftlichen Gesichtspunkte. Dem stehen freilich zu- 
gleich ebenso bedeutsame Verschiedenheiten der Anschauungsweise von 
psychiatrischer Klinik und Psa. gegenüber, und diese bedingen es, daß 
die Heranziehung und Bewertung psa. Momente für die Psychiatrie in 
den folgenden Darlegungen von der wesentlich abweicht, welche die Psa. 
selbst vornimmt, und daß überhaupt die Darstellung in ihrem ganzen 
Aufbau sich von jener erheblich entfernt, die die Psa. selbst bei ihren 
psychiatrischen Exkursionen zu geben pflegt. 

Dem Verständnis für die zu erörternden Zusammenhänge zwischen 
Psa. und psychiatrischer Wissenschaft, für die Bedeutung, die jener für 
diese zukommt, und für den tatsächlichen Einfluß, den sie auf diese aus- 
übte, kommt man wohl am ehesten nahe, wenn man sich zunächst ein- 
mal den wissenschaftlichen Stand und die Forschungstendenzen der 
Psychiatrie zu dem Zeitpunkt, wo die Psa. zu wirksamem wissenschaft- 
lichen Einfluß gelangte, kurz vergegenwärtigt. 

Die wissenschaftliche Psychiatrie hat ihre Entwicklung im engsten 
Anschluß an die aufblühenden Naturwissenschaften und die naturwissen- 
schaftlich fundierte Medizin um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ge- 
nommen. Griesingers damals erfolgte programmatische Aufstellung der 
Geisteskrankheiten als Gehirnkrankheiten (in Ana- 
logie mit den körperlichen Erkrankungen der somatischen Medizin) 
wurde und blieb das Leitmotiv für die ganze weitere psychiatrische For- 
schung, die psychopathologische Phänomene im Grunde nur als psy- 
chische Erscheinungsformen pathologischer Körper- (speziell Hirn-) 
prozesse gelten ließ und das Wesen der Psychose durch eine somato- 
logisch gerichtete, vor allem der pathologischen Anatomie des Gehirns 
und des Nervensystems überhaupt nachgehende Forschung zu ergründen 
sich bemühte. Neben diese allgemeinen theoretischen Grundauffassungen 
traten dann noch praktische Gesichtspunkte, wie sie die allgemeine 
Medizin beherrschten: Fragen der Diagnose, der Prognose sowie der 
Therapie, die gleichzeitig dahin führten, das Hauptgewicht und Haupt- 
augenmerk ärztlich-psychiatrischer Fachtätigkeit auf die Herausarbei- 
tung, Zusammenstellung und Abgrenzung bestimmter psychotischer 
Krankheitstypen zu legen. So war eine wissenschaftliche Situation für die 
Psychiatrie gegeben, die sich — allerdings nur ganz grob — mit einigen 
Stichworten vielleicht als psychiatrischer «B i o 1 o g i s m u s» (d. h. 
geistige Einstellung auf die körperlichen Beziehungen), als psychiatrischer 
«Organizisrausi (Einstellung auf das zugrunde liegende Körper- 
organ, das Gehirn) und als psychiatrischer «K 1 i n i z i s m u s> (Einstel- 
lung auf psychische Krankheitsformen und ihre Erkennung) kennzeichnen 

283 






läßt. In eine so zu charakterisierende psychiatrische Epoche fielen nun — 
vor etwa einem Menschenalter — die ersten eindringlichen Kundgebungen 
der Psa., seit dieser Zeit sind dann mancherlei mehr oder weniger weit- 
gehende Wandlungen, ja Fortschritte im psychiatrischen Forschungsbe- 
reich erfolgt, und diese drängen nun ohne weiteres die Frage auf, wieviel 
und was davon auf das Konto dieses psa. Einbruchs ins psychiatrische 
Forschungsgebiet (der als solcher a priori anerkannt werden darf) zu 
setzen ist. Wir glauben, die richtige Antwort am ehesten dadurch zu ge- 
winnen, daß wir die allgemeinen Prinzipien der Psa. im einzelnen durch- 
gehen und sie zugleich auf ihren Wert und ihre Bedeutung für die Psy- 
chiatrie prüfen. Als Ausgangspunkt bieten sich dabei speziell jene psa. 
Tendenzen dar, die schon in der Bezeichnung selbst zum Ausdruck 
kommen. 

Die Psa. als analytische Forschungsrichtung. 
Die Psa. ist keine deskriptive, sondern eine zerlegende Forschung. 
Ihr kommt es nicht sowohl auf die einfache Beschreibung, die äußerliche 
Registrierung und Wiedergabe der psychischen Gegebenheiten an, son- 
dern auf die Erfassung der inneren Beziehungen, die Herausholung der 
gesetzmäßigen Zusammenhänge. Mit dieser analytischen Tendenz 
trat sie seiner Zeit in gewissen Gegensatz zu den herrschenden psychiatri- 
schen Forschungsbestrebungen, die vor allem (wenn auch nicht ausschließ- 
lich) zum Zwecke der Gewinnung und Registrierung typischer Krankheits- 
formen systematisch Krankheitsbilder und -verlaufe sammelten und be- 
schrieben. Nun ist nicht zu verkennen, daß in der Psychiatrie seitdem — 
und halbwegs parallel gehend mit der Erweiterung der Wirkungssphäre 
der Analyse selbst — mehr und mehr ein Übergang von dieser deskriptiven 
zur analytischen Forschungsrichtung erfolgt ist. Doch läßt sich nicht zu- 
gleich grundsätzlich sagen, daß er ausschließlich auf sie zurückgeführt 
werden muß. Wahrscheinlich hätte auch unabhängig von ihrem Einfluß 
— auf dem Wege einer selbsttätigen wissenschaftlichen Entwicklung — 
die allmählich eintretende Erledigung und Erschöpfung jener deskriptiven 
psychiatrischen Forschungsarbeit schließlich zur analytischen geführt. 
Jedenfalls ist die von der Psa. vertretene analytische Richtung glattweg 
auf das psychiatrische Gebiet übertragbar, wie die gegenwärtigen Struk- 
tur-analytischen Bestrebungen der Psychiatrie beweisen : Indem 
diese darauf ausgehen, das innere Gefüge der Psychose zu zerlegen und 
zerlegend zu erfassen, treiben sie durchaus analytische (wenn auch nicht 
psa.) Forschungsarbeit. In dieser analytischen Gewinnung der inne- 
renStruktur der Psychose, die das deskriptiv gewonnene äußere 
Bild erweitert, ergänzt und vertieft, liegt zweifellos ein — von der 
Psa. m i t herbeigeführter — klinisch-psychiatrischer Gewinn. Ihm steht 
freilich auf der anderen Seite eine — grade durch die vertiefte Erfassung 
der Psychose bedingte — weitgehende Komplizierung und erhöhte Proble- 
matik der psychiatrischen Krankheitslehre gegenüber. 

DiePsa. aispsychologisch eAnalyse. Trotz ihrer Be- 

284 



tonung der biologischen Grundlagen der psychischen Lebenserscheinungen 
(von deren psychiatrischer Bedeutung noch zu sprechen sein wird) erkennt 
die Psa. im Grunde doch dem P s y c h i s c h e n die beherrschende Stel- 
lung im Zusammenhang der normalen wie pathologischen Seelenvorgänge 
zu. Sie legt daher im wesentlichen auf den Nachweis und die Heraus- 
arbeitung seelischer Beziehungen und Verknüpfungen : die psychisch 
bedingte Entstehung und Gestaltung psychischer Phänomene, die von 
psychischen Triebkräften ausgehenden seelischen Vorgänge und Abläufe 
u. a. m. das entscheidende Gewicht : sie treibt vorwiegend psycholo- 
gische Analyse. Ein solches Forschungsprinzip muß ebenso wie die ihr 
zugrunde liegende prinzipielle Anschauung natürlich auch von einer Wis- 
senschaft anerkannt werden, die gerade wegen der Sondernatur der psy- 
chischen Gegebenheiten im Rahmen der Medizin eine Sonderstellung und 
selbständige Hcraushebung als S e e 1 e n heilkunde erfahren hat. Und so 
darf die Psychiatrie von dorther auch die grundsätzliche Aufgabe über- 
nehmen, unter diesem vorherrschenden Gesichtspunkte im Krankheits- 
rahmen Psychisches von Psychischem abzuleiten und bis ins letzte die 
psychischen Zusammenhänge bei allen Krankheitsbestandteilen: Sym- 
ptomen- wie Verlaufserscheinungen festzulegen. 

Eine derartige psychologisch-analytische Forschungsarbeit hat nun in 
der Tat in den letzten Jahren eingesetzt, und speziell die jüngere Genera- 
tion hat sich bemüht, für den ganzen Bereich der psychiatrischen Sym- 
ptomatologie, von den Sinnestäuschungen angefangen bis hin zu den Ano- 
malien der Motorik — Einzelheiten sind noch später zu bringen — gesetz- 
mäßige psychologische Zusammenhänge verschiedenster Art nachzuwei- 
sen. Die Bedeutung dieser psychologisch-analytischen Spezialrichtung für 
die Psychiatrie wird man dabei nicht in den — durchaus nicht unanfecht- 
baren — Einzelergebnissen zu sehen haben. Sie liegt vielmehr in der 
grundsätzlichen Änderung der psychiatrischen Blickrich- 
tung: Die stark betonte (überbetonte) Einstellung auf die psycho- 
logischen Beziehungen im pathologischen Bereich bot für die medizinisch 
gerichtete Psychiatrie der Gegenwart bei aller Einseitigkeit (und nicht 
zum wenigsten durch ihre Einseitigkeit) schließlich das erforderliche 
Gegengewicht gegenüber der einseitigen Betonung der biologisch-prozeß- 
haften Zusammenhänge im psychotischen Krankheitsgeschehen: jene 
andere klinische Einseitigkeit, die durch den Anschluß an die körper- 
liche Medizin bedingt, im Hinblick auf die körperlichen Grundlagen der 
psychischen Störungen auch berechtigt und seiner Zeit als Reaktion auf 
die vorangegangene spekulativ-psychologisierende Neigung der vor- 
naturwissenschaftlichen Psychiatrie zunächst sogar notwendig gewesen 
war, aber allmählich doch ihre wissenschaftsgeschichtliche Aufgabe voll 
erledigt hatte. 

Damit half die Psa. — und zwar gerade durch die Nachdrücklich- 
keit, mit der sie die biologischen Beziehungen vernachlässigte — die 
Grenzen der psychologischen Zusammenhänge im Psychopathologischen 

285 






gegenüber den nur biologisch zu erfassenden wesentlich vorzuschieben. 
Freilich verführte die Überwertung des psychischen Anteils und der 
psychischen Verknüpfungen im Rahmen der Psychose sie gleichzeitig 
dazu, die Problematik des Zusammenspiels und Zusammenhangs von 
seelischen und körperlichen Momenten zugunsten der Monopol- 
stellung der psychischen zu übersehen (davon noch später) ; und so kann 
das Lob für die Psa. : daß sie ein gut Teil mit zur Beseitigung der Tyran- 
nis des reinen Biologismus d. h. der engen organologisch-somatologischen 
Auffassung in der Psychiatrie (wie übrigens auch sonst in der Medizin) 
beigetragen hat, nicht ohne jede Einschränkung ausgesprochen werden. 

Die dynamische (psychodynamische) Auf fas- 
sungsweisederPsa. Indem die Psa. ihre Blickrichtung von den 
organischen (pathologisch-anatomischen usw.) Grundlagen psychopatholo- 
gischer Erscheinungen und den abnormen Beschaffenheiten des 
nervösen Zentralorgans überhaupt in psychotischen Krankheitsfällen fern 
hält, fehlt ihr auch die Einstellung auf die den körperlichen Abweichungen 
zugeordneten psychopathologischen Zuständlichkeiten. Ihr 
Blick ist vielmehr stets auf die Funktionsvorgänge im seelischen 
Getriebe, auf die inneren Bewegungen des seelischen Lebens, auf die 
psychischen Abläufe und das lebendige Geschehen der seelischen Wir- 
kungszusammenhänge im normalen wie im krankhaften Leben gerichtet. 
Ihre Betrachtungsweise ist eine funktionell-dynamische und 
zwar (nach dem vorher Gesagten) : speziell eine psychodynamische, die 
die Psychose aus den Wirkungen psychischer Kräfte und ihres Zusam- 
menspiels zu erklären sucht. 

Auch diese dynamische Forschungsweise darf die Psychiatrie grund- 
sätzlich anerkennen, zumal wenn sie (wie wir glauben : mit Recht) das 
Wesen der Psychose in einer psychophysischen Betriebsstörung sieht. Und 
so ist es denn auch kein Zufall, daß eine solche Betrachtungsweise auch in 
ihrem Bereich mehr und mehr zur Geltung gekommen ist. Und wenn man 
vorher im wesentlichen sich darauf beschränkte, dynamische bzw. psycho- 
dynamische Erklärungen dort heranzuziehen, wo man psychische Kräfte 
und Wirkungsweisen unverkennbar beteiligt und tätig sah (d. h. 
also speziell bei den funktionellen Erkrankungen nach Art der psychogenen 
und psychopathischen Reaktionen und Entwicklungen), so ging man nun 
dazu über, allenthalben im Gebiete der Psychosen abnorme Phä- 
nomene nach psychodynamischen Prinzipien zu deuten und solche durch- 
weg auch bei den körperlich fundierten und selbst grob organisch be- 
dingten Störungen: bei den Vergiftungspsychosen so gut wie bei den 
Schizophrenien und sogar bei den groben Hirnprozessen der senilen und 
paralytischen Psychosen anzuerkennen. 

Dieses Einsetzen psychodynamischer Phänomene in die biologischen 
Bedingtheiten der seelischen Krankheitsvorgänge gewann für die Psy- 
chiatrie eine doppelte Bedeutung. Es erleichterte einmal — was ohne 
weiteres durchsichtig — die Einsicht in die eigenartige Betriebsstörung 

286 









der Psychose mit ihrem vielgestaltigen Wechselspiel von funktionell wirk- 
samen Kräften und Mechanismen ; und es erleichterte zum anderen — 
was noch zu begründen — das Verständnis für die innere Dynamik der 
Psychose dadurch, daß es für diese zugleich auch die Übereinstim- 
mung mit der Dynamik normal-psychischen Geschehens darzutun suchte. 
Immer wieder bemüht, die Kräfte und Mechanismen, die sie für das psy- 
chopathologische Geschehen in Anspruch nahm, jenen psychodynamischen 
Prinzipien zu entnehmen, die sie vom normalpsychologischen Geschehen 
(so speziell von den Träumen und Fehlhandlungen) her gewonnen hatte, 
arbeitete die Psa. so auf eine engere Verbindung zwischen dem Normal- 
psychischen und Psychotischen hin. Mögen diese psychodynamischen Ab- 
leitungen vom normalpsychologischen Gebiet der Traum- und anderer 
Phänomene her auch nicht durchweg haltbar sein: daß sie es (wie wir 
meinen), immerhin zum Teil sind, genügt schon, daß damit ein Brücken- 
schlag vom Gesunden nach dem Pathologischen hin an verschiedenen 
Stellen möglich wurde, wo vorher noch scheinbar unüberbrückbare Spalten 
zu bestehen schienen. So verhalf die Psa. zugleich einer Anschauung sich 
durchzusetzen, die in den psychotischen Erscheinungen nicht so sehr, wie 
vorher oft genug üblich, spezifisch neuartige, erst durch den 
pathologischen Hirnprozeß erzeugte Phänomene sieht als vielmehr a 1 1 - 
4 gemein vorgebildete psychische Erscheinungen, natürliche 
psychische Funktionsvorgänge, die freilich unter veränderten — abnor- 
men — Bedingungen stehen und ablaufen. 

Die Energielehre der Psa., soweit sie an dieser Stelle 
in Betracht kommt, dient im wesentlichen dazu, von einer allgemeinen 
einheitlichen Grundlage her die psychodynamischen Vorgänge abzuleiten 
und zu erklären. In diesem Sinne wird die hierfür herangezogene psy- 
chische Energie im allgemeinen und ihre Hauptrepräsentantin: die 
Libido im besonderen nach Art einer physikalisch faßbaren Größe auf- 
gefaßt und die psychische Dynamik im psychotischen Geschehen wie 
die aus ihr sich ergebenden psychotischen Gebilde selbst von entsprechen- 
den physikalisch aufgefaßten Vorgängen : von Libidoverteilungen, Libido- 
besetzungen, -Rückziehungen, -Verschiebungen, -Stauungen usw. herge- 
leitet. Die Psychiatrie, die bestimmtere verschiedenartigere und schärfer 
differenzierte Kräfte biologischer wie psychologischer Art beim Aufbau 
der Psychose am Werke sieht, als diese Libido es ist, vermag dieser ein- 
seitigen und einförmigen hypothetischen Auffassung der Psa. nicht zu 
folgen. Sie sucht daher auf anderem — rein empirischen — Wege ohne 
weitere Rücksichtnahme auf besondere Manifestations-, Gestaltungs- und 
Umwandlungsformen der fragwürdigen libidinösen Energie, dem kom- 
plizierten Kräftespiel, dem inneren Betrieb der Psychose sich zu nähern 
und so in ihrer klinischen Arbeit weiter zu kommen. Nur einem Teil der 
Libidolehre, der naturwissenschaftlich besser fundiert erscheint, hat sie 
das Bürgerrecht im klinischen Bereich gewährt. Es ist dies jener Aus- 
schnitt, der sich ganz allgemein als T r i e b d y n a m i k darstellt und als 

2% 7 



solcher einen bisher vernachlässigten oder zum mindesten ungenügend 
gewürdigten Faktor im psychischen Geschehen heraushebt. Diese Trieb- 
dynamik geht in der Hauptsache in eine allgemeine, psychiatrisch gleich 
bedeutungsvolle Affektdynamik ein, die selbst wieder entschei- 
dende Bestandteile für die eben besprochenen psychodynamischen An- 
schauungen abgibt. Von ihr ist wegen ihrer psychiatrischen Wichtigkeit 
hier ausführlicher zu reden. 

Die affektdynamischen Anschauungen der Psa. 
Die affektdynamische Auffassung, welche die Psa. durchzieht, stellt die 
Affektivität als das eigentliche Kraftzentrum, die eigentliche 
Kraftquelle für das psychische Geschehen hin. Und zwar die Affektivität 
im weitesten Sinne, d. h. also alles, was vom Triebleben und Ge- 
fühlsregungen, von emotionellen Einstellungen, von Neigungen und Ab- 
neigungen, Wünschen und Befürchtungen, Strebungen und Willensrich- 
tungen, von Affektbetonungen und affektbetonten Vorstellungskomplexen 
u. dergl. m. umfaßt wird. Alle diese verschiedenartigen affektiven Fak- 
toren werden nun auch als die wirksamen Kräfte für das abnorme 
Funktionsgeschehen im Reiche der Psychose: für die Entwicklung und 
das Auftreten, für die Gestaltung und Umgestaltung, für Inhalt und Form 
psychotischer Gebilde von der Psa. herangezogen. Dieser affektdynamische 
Standpunkt hat nun zweifellos die Entwicklungsrichtung der Psychiatrie 
in den letzten Jahren nicht unwesentlich beeinflußt. So hat er beispiels- 
weise mit jenen bisher bevorzugten und allgemein geübten rationalen 
Ausdeutungen psychopathologischer Erscheinungen aufräumen helfen, 
denen die gröbsten psychologischen Banalitäten der Erklärung grade gut 
und richtig genug erschienen : Der Größenwahn sollte etwa unmittelbar 
aus dem Verfolgungswahn dadurch hervorgehen, daß der sich allenthalben 
verfolgt Wähnende zu der Überzeugung kommen müsse, er sei wer weiß 
was Hohes. 

Demgegenüber muß zweifellos das, was dieser affektdynamische 
Standpunkt an die Stelle der rationalen Zusammenhänge setzte, grade im 
psychopathologischen Bereiche in mehr als einer Hinsicht berechtigter 
erscheinen. Denn: Zunächst einmal stellen diese von der Psa. herange- 
zogenen Kräfte der Trieb- und Gefühlssphäre an sich viel wesentlichere 
und zentralere Kräfte des seelischen Lebens dar als jene bisher verwer- 
teten Verstandeseinflüsse, und es läßt sich daher schon a priori er- 
warten, daß sie in ungleich höherem Maße und größerem Umfange als 
diese sich auch im psychopathologischen Geschehen als wirksam erweisen. 
Dazu kommt aber noch als weiteres und wesentlicheres Moment : Grade 
das pathologisch veränderte Seelenleben und das psychotische Geschehen 
bietet seiner Natur nach besonders günstige Bedingungen für die Wirk- 
samkeit affektiver Einflüsse aller Art. Die von der Psychose gesetzten 
seelischen Veränderungen gehen nämlich vorzugsweise in der Richtung, 
daß sie jene Regulations-, Steuerungs- und Hemmungskräfte und -mecha- 
nismen des seelischen Lebens, welche beim Normalen speziell die Trieb-, 

288 



Instinkt- und Gefühlssphäre beherrschen und regeln, durch ausschaltende 
oder zerstörende Prozesse — sei es nun episodisch oder dauernd, sei es 
mehr oder weniger — außer Kraft setzen. So können sich grade in der 
Psychose jene frei gewordenen affektiven Triebkräfte hemmungslos 
in den verschiedensten Symptombildungen durchsetzen, und es fällt in 
der Tat nicht allzu schwer, nachdem erst einmal der Blick für diese 
Zusammenhänge frei gemacht worden war, bei den verschiedensten Psy- 
chosen, so vor allem bei der Schizophrenie, bislang befremdende und unver- 
ständliche Symptomeninhalte und -gestaltungen (der Sinnestäuschungen, 
Wahnideen, der Bewegungs- und Handlungsstörungen usw.) aus jenen 
affektiven Einflüssen zu erklären und zu verstehen. 

Was damit für die Psychiatrie als prinzipieller Gewinn re- 
sultiert, ist unschwer zu ersehen. Würdigung und Aufklärung erfuhr 
so eine ganze große Gruppe von Krankheitsbestandteilen, die wie die 
inhaltlichen (materialen) Besonderheiten der psychischen Sym- 
ptome kaum in einem Psychose falle zu fehlen pflegen, und die trotzdem 
von der medizinisch eingestellten Psychiatrie bisher durchaus vernach- 
lässigt und als zu vernachlässigende psychiatrische Größen angesehen 
wurden. Aufklärung gewann damit zugleich das weite Gebiet der psy- 
chologischen Zusammenhänge in der gesamten Psychiatrie, wo man 
bisher sich damit begnügt hatte, bestenfalls in begrenzten Teilgebieten: 
speziell in dem der psychopathischen und psychogenen Reaktionen und 
Entwicklungen solche herauszuholen. Daß mit dieser grundsätzlichen 
Anerkennung dieser affektdynamischen Zusammenhangserklärungen für 
die psychiatrische Klinik hier wie auch sonst nicht zugleich auch alle von 
der Psa. herangezogenen Einzelerklärungen anerkannt werden, wird bald 
noch der weitere Gang unserer Darstellung beweisen. 

Der Grundsatz der durchgängigen psycholo- 
gischen Determinierungen. Die von der Psa. versuchten 
psychodynamischen (affektdynamischen) Auflösungen machten, wie zur 
Genüge bekannt, auch vor scheinbaren psychischen Zufälligkeiten und Be- 
langlosigkeiten, wie den Fehlhandlungen und vor scheinbar rettungslos 
verwickelten, in psychische Gesetzmäßigkeiten anscheinend gar nicht 
mehr einzufangenden seelischen Gebilden, wie dem Traum, nicht halt 
und sie fanden auch hier, wo man es am wenigsten erwartete, mit mehr 
oder weniger überzeugender Beweiskraft durchgängige psychische Zusam- 
menhänge. Das bedeutete aber, ins Grundsätzliche umgesetzt, nicht mehr 
und nicht weniger, als daß letzten Endes alle seelischen Gebilde bis 
in die nebensächlichsten Einzelheiten hinein psychodynamisch festge- 
legt und demgemäß bis ins letzte psychoanalytisch auflösbar seien. Aufs 
Psychiatrische übertragen hieß dies aber: Die Inhalte, die Gestaltun- 
gen, die Formenbildungen der verschiedensten psychischen Symptome 
auf den verschiedensten seelischen Sondergebieten: in der Sinnes- 
sphäre so gut wie in der Vorstellungssphäre oder in der Bewegungs- 
sphäre usw., mögen sie an sich nun sinnvoll aussehen oder sinnlos er- 

19 Prinihom, P«. 289 



scheinen : sie alle haben einen bestimmten Sinn, lassen sich ver- 
ständlich machen und ausdeuten. Was eine solche Auffassung, 
die dem scheinbar Sinnlosen einen Sinn, dem scheinbar Undeutbaren eine 
Bedeutung, dem scheinbar Zusammenhangslosen einen Sinnzusammen- 
hang zusprach, für eine Wissenschaft bedeuten mußte, die wie die medi- 
zinische Psychiatrie grade die Störung und Zerstörung, die S i n n b e - 
r a u b u n g des Seelenlebens durch den Hirnprozeß betonte, wird man 
nicht unterschätzen dürfen. Sie gab den Anstoß, nun auch — und grade 
deswegen — bisher brach liegende weite Gebiete, so speziell das des 
«verrückten» schizophrenen Seelenlebens und ähnliches durchzu- 
ackern, die bisher lediglich als ein psychischer Trümmerhaufen erschienen 
waren; und sie führte schließlich dahin, selbst aus dem Gewirr schizo- 
phrener Erregungen und Verblödungen noch ein psychologisch verarbeit- 
bares und verarbeitetes Material herauszuholen: d. h. also ein Material, 
an dem sich erkennen ließ, daß sich in psychotischen Bildungen, wenn 
auch entstellt und verzerrt, die gleichen Triebkräfte niederschlagen und 
durchsetzen, die für die natürlichen psychischen Lebensäußerungen des 
Gesunden ausschlaggebend sind. Die Forschungsbewegung auf diesem 
Gebiete ist noch mitten im Fluß, also noch nicht ausgeglichen ; und so wird 
man die unverkennbaren Auswüchse, die jeder unfertigen Forschungsströ- 
mung anhaften und die hier speziell in krampfhaft gekünstelten Versuchen, 
in j e d e m Falle sinnvoll verständliche Zusammenhänge zwischen Sym- 
ptom und affektiven Triebkräften herauszufinden, nicht so vernichtend 
schwer der Psa. anrechnen dürfen, wie es vielfach geschieht. Es wird im 
übrigen davon noch bei den sinnbildlichen Ausdeutungen psychotischer 
Symptome zu sprechen sein. 

Von diesen Grundtendenzen der Psa. und ihren Beziehungen zui 
Psychiatrie führt der Weg ohne weiteres zu anderen psychiatrischen 
Fragen, an deren Beantwortung sich die Psa. mit eigenartigen Beiträgen 
beteiligt hat. Einer der bedeutungsvollsten und zugleich für die Psa. be- 
zeichnendsten bezieht sich auf das Verhältnis von P e r s ö n 1 i c h k e i t 
und Psychose. 

Der katathyme Zusammenhang zwischen Per- 
sönlichkeit und Psychose. Der allgemeine Standpunkt, den 
die Psa. diesem psychiatrischen Kernproblem gegenüber 
einnimmt, läßt sich im Grunde schon aus den angeführten psycho- bzw. 
affektdynamischen Prinzipien ersehen. Indem die Psa. grundsätzlich psy- 
chotische Gebilde speziell von jenen psychischen Faktoren herleitet, die 
wie die Triebe, Gefühle, Neigungen und Strebungen ausschlaggebende 
Bestandteile der Persönlichkeit ausmachen, ergibt sich unmittelbar und 
folgerichtig für sie die grundsätzliche Anerkennung eines- gesetz- 
mäßigen und durchgängigen inneren Zusammen- 
hanges zwischen Persönlichkeit und Psychose. 

Diesem Standpunkt gegenüber muß sich die klinische Psychiatrie 
zunächst einmal entscheiden, wieweit sie ganz allgemein (d. h. unab- 

290 



hängig von der Art, wie im einzelnen die Psa. diese Beziehungen auf- 
faßt) ihm beipflichten kann. Für die rein biologisch-medizinisch orien- 
tierte Psychiatrie konnte ein solcher Zusammenhang nach ihrer ganzen 
Einstellung: id est dem Dogma von den Geistesstörungen als unanfecht- 
baren Gehirnkrankheiten, zunächst gar nicht wissenschaftlich in Frage 
kommen. Nun hat aber die weitere psychiatrische Entwicklung gelehrt, 
daß einmal die Rückführung der Psychosen auf krankhafte Hirnverände- 
rungen durchaus noch nicht alles im psychischen Krankheitsbilde erklärt 
und erledigt und daß sie zum andern die Beteiligung der Persönlichkeit 
nichts weniger als ausschließt. Denn mag auch die Psychose an sich biolo- 
gisch bzw. organisch-körperlich bedingt sein, so läßt sie doch innerhalb 
ihres Funktionsbereiches immer noch genügend Raum für psychische Ein- 
flüsse aller Art und damit auch speziell für solche, die von der Persön- 
lichkeit und ihren Bestandteilen ausgehen. Dazu kommt aber noch weiter 
in der gleichen Richtung ins Gewicht fallend : Auch wenn die Persön- 
lichkeit von der Psychose her pathologische Veränderungen erfährt, so 
gehen ihr die ihr eigenen seelischen Tendenzen durchaus noch nicht völlig 
verloren, und so kann sich denn auch die psychotisch veränderte 
Persönlichkeit immer noch mit ihren charakteristischen Eigenheiten im 
Bereich der Psychose mehr oder weniger auswirken. 

Von dieser Grunderkenntnis aus muß es uns nun heute, mögen wir 
zu den Einzelauffassungen der Psa. stehen wie wir wollen, grundsätzlich 
berechtigt erscheinen, wenn diese als wirksame bzw. wirkungs fähige Be- 
stimmungsstücke und Gestaltungsfaktoren für die Psychose grade auch 
jene psychischen Momente heranzieht, die wir als ausschlaggebende 
Kernbestandteile der Persönlichkeit, als Wesenselemente ihrer 
Entwicklung und Gestaltung, als Wurzeln ihrer charakteristischen äußeren 
Manifestationen kennengelernt haben. In diesem Sinne müssen wir eben- 
sowohl die von der Psa. besonders betonten elementaren Trieb gebilde 
gelten lassen, die wesentliche Grundlagen für den Persönlichkeitsaufbau 
abgeben — das gilt natürlich auch von den sexuellen — , wie auch die 
gleichfalls von der Psa. besonders herausgehobenen psychischen Kom- 
plex e , d. h. also jene auf starkem affektivem Untergrund sich erheben- 
den Vorstellungsgruppen, die dadurch zu Kernbestandteilen der Persön- 
lichkeit werden, daß in ihnen die spezifische persönliche Reaktivität auf 
Lebens- und Erlebnisreize ihren Ausdruck und Dauerniederschlag ge- 
funden hat. Und indem wir des weiteren auch zugestehen, daß es immer 
wiederkehrende allgemein menschliche Übereinstimmungen in der see- 
lischen Einstellung und Reaktion gegenüber analogen Lebensreizen gibt, 
gestehen wir auch der Psa. die Existenz von typischen allgemein 
menschlichen Komplexen nach der Art des Sexualkomplexes, 
des Eigenwertkomplexes (Minderwertigkeitskomplex) u. dergl. als wirk- 
samer Symptomenbildner und -gestalter im Bereich der Psychosen zu, 
mag uns auch die psychiatrische Erfahrung nicht gestatten, nun auch alle 
die anderen für die Psa. als typisch und universell geltenden Komplexe 

19* 291 



nach Art des Ödipus-, des Kastrationskomplexes usw. in gleicher Weise 
als psychiatrisch-klinisch bedeutsam anzuerkennen. 

Jedenfalls darf die Psa. ein gut Teil Verdienst daran beanspruchen, 
wenn sich in der Psychiatrie die Geltung der Beziehungen zwischen Per- 
sönlichkeit und Psychose speziell nach der Richtung mehr und mehr 
erweitert und durchgesetzt hat, daß ein katathymer Zusammenhang 
zwischen beiden grundsätzlich festgelegt ist. Und es gilt nun als allge- 
meinstes psychiatrisches Faktum, daß speziell die der Persönlichkeit 
eignen, ihr individuell zukommenden und für ihre Eigenart bezeichnen- 
den Triebtendenzen und Bedürfnisse, daß ihre Neigungen und Abneigun- 
gen, ihre Wünsche und Strebungen, ihre gefühlsmäßigen Haltungen und 
Einstellungen, daß ihre inneren Konflikte und ihre Lösungsbestrebungen 
sich mit Vorliebe im Bilde der Psychose niederzuschlagen und wider- 
zuspiegeln neigen, daß sie sich der psychotischen Bildungen zu ihrer Ent- 
äußerung, ihrer «Abreaktion» im Rahmen der Psychose bedienen; und 
zwar dies oft stärker und deutlicher, als es in den geistigen Äußerungen 
des sich selbst beherrschenden und regulierenden Normalen der Fall zu 
sein pflegt. 

Mit dieser letzten Endes von der Psa. herkommenden katathymen 
Ableitung psychotischer Bildungen von der Persönlichkeit hat zugleich 
in gewissem Umfang eine Auffassung in der Psychiatrie Eingang ge- 
funden, die vor dem psa. Einbruch für ihren naturwissenschaftlichen 
Standpunkt durchaus indiskutabel erscheinen mußte. Statt Symptome 
und Störungen wie bisher kausal-genetisch auf bestimmte Schä- 
digungen zurückzuführen, suchte man sie nun finalteleologisch 
von der Persönlichkeit aus abzuleiten: Sinnestäuschungen, Wahnideen, 
Erinnerungsfälschungen, psychische Störungen überhaupt wurden so als 
Niederschlag bestimmter psychischer Tendenzen der Persönlichkeit, 
bestimmter aus äußerer Situation und seelischer Lage sich ergebender 
Zweckneigungen aufgefaßt, als Manifestationen gewisser seelischer 
Selbstbefreiungs- und Konfliktslösungsbestrebungen, vor allem aber als 
Ausdruck durch psychotische Mechanismen realisierter Fluchttendenzen, 
die instinktiv aus der peinlichen Wirklichkeit in die psychotische Selbst- 
täuschung : in den Wahn, in die Vergessenheit, in die Psychose überhaupt 
u. dergl. hinstreben. Es läßt sich nicht verkennen, daß damit in mancher 
Hinsicht erst der richtige Zugang zum Wesen und zur Gestaltung be- 
stimmter Psychosegruppen, so speziell der psychogenen nach Art der 
Haftpsychosen, der Kriegspsychosen, der Unfallpsychosen u. dergl. er- 
öffnet wurde. 

Mit dieser Anerkennung eines grundsätzlichen psychogenetischen Zu- 
sammenhangs zwischen Persönlichkeit und Psychose gewinnt nun die In- 
dividualität des Krankheitsträgers selbst eine ganz andere Bedeu- 
tung für die Klärung der psychotischen Erscheinungen des Einzelfalls, als 
sie bisher für die Psychiatrie hatte. Und es ergibt sich zwangsläufig daraus 
die Notwendigkeit einer besonderen individualpsychologisch 

292 



bzw. differentialpsychologisch eingestellten, speziell ver- 
gleichenden psychiatrischen Forschungsrichtung, die nicht sowohl 
wie sonst üblich die typischen Eigenheiten als vielmehr die indivi- 
duellen Unterschiede und Varianten im Rahmen der einzelnen Psycho- 
sen herausholt, ihren Zusammenhang mit persönlichen Wesensseiten ihres 
Trägers festlegt und so zugleich von der Psychose her individualpsycholo- 
gische psychiatrische Diagnostik wie ganz allgemein psychiatrische Cha- 
rakterkunde treibt. 

Der entwicklungsbiologische Zusammenhang 
zwischen Persönlichkeit und Psychose. In die psa. Auf- 
fassung der Beziehungen zwischen Persönlichkeit und Psychose fallen 
noch ganz anders gelegene Erscheinungen als die katathymen und Kom- 
plex-Determinierungen psychotischer Bildungen. Sie hängen mit der 
psa. Lehre von dem genetischen Aufbau der Persönlichkeit zusammen 
und stellen kurz gesagt eine gesetzmäßige Verbindung zwischen bestimm- 
ten psychotischen Phänomenen und bestimmten Entwicklungsstufen der 
Persönlichkeit auf. Wir gehen hier auf die spezielle psa. Lehre von der 
stufenweisen Entwicklung der Persönlichkeit und insbesondere ihrer 
Ableitung aus den Grundlagen und den Entwicklungsformen der Triebe 
nicht näher ein, da wir die Einzelheiten dieser psa. Charakterologie für 
unsere psychiatrisch gerichteten Darlegungen entbehren zu können glau- 
ben ; wir verhehlen aber nicht, daß es uns gerade auch vom psychiatrischen 
Standpunkte aus wesentlich erscheint, durch Ausgehen von den Triebfun- 
damenten den Charakter unmittelbar von den biologischen Grundlagen 
her aufzubauen und damit das Wesen der Persönlichkeit als einer 
psychophysischen Einheit an ihrem bedeutsamsten Bestand- 
teile : dem Charakter zu erweisen. 

Für unsere Sonderfrage des entwicklungsbiologischen Zusammen- 
hangs zwischen Persönlichkeit und Psychose genügt uns hier die Heraus- 
hebung der psa. Auffassung von den psychotischen Symptomen als Fol- 
gen einer Rückbildung, einer Regression zu einer früheren («tieferen», 
«primitiven», «archaischen», «infantilen» u. dergl.) Entwicklungsstufe, 
bzw. einer Fixierung auf einer solchen, wobei freilich in einseitiger Weise 
lediglich auf die Organisations- und Entwicklungsstufen der sexuellen 
Libido als des psa. Hauptträgers der Persönlichkeitsentwicklung zurück- 
gegriffen wird. 

In diesem Sinne hat die Psa. die verschiedensten psychopathologischen 
Phänomene, halluzinatorische, paranoische Denkinhalte, Stereotypien, 
Zwangshandlungen u. dergl. entwicklungsgenetisch als primitive, 
archaische u. dergl. Bildungen gedeutet, d. h. also als Äußerungsweisen 
einer entwicklungsgeschichtlich älteren Unterschicht der Persönlichkeit, 
die, im Normalzustande durch die Regulationen des entwicklungsge- 
schichtlich jüngeren psychischen Oberbaus der Persönlichkeit latent und 
gehemmt gehalten, durch den diese höheren Schichten angreifenden Ein- 
fluß des psychotischen Prozesses frei und aktiviert werden. 

2 93 



Wir verkennen den unsicheren Boden, auf dem diese Theorie errichtet 
ist, und die Unzulänglichkeit des Beweismaterials : die Parallelen zwischen 
psychotischen Symptomen und infantilen sowie speziell den «archaischen» 
Geistesäußerungen der Naturvölker, die die Psa. (wenn auch sie nicht 
allein) zusammengetragen hat, durchaus nicht. Und wir sind vor allem 
der Meinung, daß die etwa nachweisbaren äußeren Ähnlichkeiten und 
Analogien durchaus noch keine innere Übereinstimmungen und Wesens- 
identitäten zu bedeuten brauchen. Auf der anderen Seite dürfen wir aber 
nicht übersehen, daß diese Anschauungen in einigem Einklang mit ge- 
wissen in der Medizin schon lange anerkannten entwicklungsbiologischen 
Grundauffassungen zu bringen sind: So zunächst mit dem biogene- 
tischen Grundsatz, wonach die Individualgeschichte die Stammesge- 
schichte wiederholt und infolgedessen in den Persönlichkeitsaufbau auch 
die stammesgeschichtlich älteren psychischen Bildungen niedergelegt und 
hineingefügt sind ; weiter mit dem anatomisch anerkannten Organisa- 
tionsplan des Zentralnervensystems, bei dem sich ein 
stammesgeschichtlich älterer Teil (das Paläencephalon) als Träger des ele- 
mentaren Trieb-, Instinkt- und Affektlebens und ein jüngerer (das 
Neencephalon) als Träger des höheren psychischen Lebens heraus dif- 
ferenzieren lassen, die beide zwar beim Normalen zu einer psychophysi- 
schen Funktionseinheit zusammengeschmolzen sind und einheitlich zu- 
sammenwirken, aber unter pathologischen Bedingungen (beim organi- 
schen «Abbau» oder der funktionellen Ausschaltung der entsprechenden 
zerebralen Schichten) sich mehr oder weniger selbständig und selbsttätig 
äußern können. 

Unbeschadet der unableugbaren Problematik dieses ganzen psa. An- 
schauungskomplexes wird man daher zunächst zum mindesten den heuri- 
stischen Wert dieser Ausdeutung psychotischer Symptome aus ent- 
wicklungsgeschichtlich zurückliegenden Organisationsbestandteilen der 
Persönlichkeit anerkennen dürfen, insofern sie immerhin für fremdartige 
und sonst unverständliche psychotische Gebilde noch eine Erklärungs- 
möglichkeit bietet. Sie hat sich denn auch in systematischen psychiatri- 
schen Weiterführungen (etwa denen von Schilder, Storch und Kretsch- 
mer) gerade und vor allem auf dem psychiatrisch ungeklärtesten Gebiet 
des «verrückten» Seelenlebens : in der ebenso vielgestaltigen wie befrem- 
denden und psychologisch zunächst unfaßbaren Symptomatologie der 
Schizophrenie, weiter aber auch bei anderen psychotischen Formen, so 
etwa der Hysterie, zweifellos als fruchtbar erwiesen. 

Dabei läßt sich hier noch ein gewisser psychiatrischer Neben- 
gewinn buchen : Indem die Psa. solche psychotische Symptome als archa- 
isch-primitive Geistesäußerungen zu erklären suchte, setzte sie sie zu- 
gleich in Parallele mit gewissen Denk-, Gefühls- und Erlebnisweisen 
primitiver Völker und deren Niederschlägen im Glauben, Mythen, Riten 
u. dergl. Das bedeutet aber allgemein gesehen zugleich einen Versuch, 
einen weiteren Übergang von den pathologischen zu den normalen Geistes- 

294 



gebilden zu schaffen und damit — ähnlich wie vorher von der allgemein 
psychologischen, so hier von der völkerpsychologischen Seite her — die 
Psychiatrie aus ihrer Enge und Isolierung als rein pathologische Wissen- 
schaft zu befreien und den verschiedenen normalpsychologischen Wissen- 
schaftsbereichen stärker anzunähern. 

Die psa. Gesamtauffassung von der Psychose. Un- 
sere Darstellung ist nun an dem Punkte angelangt, wo sie einen Überblick 
darüber verlangt und gestattet, wie sich ganz allgemein die Psychose im 
Lichte der Psa. darstellt, und zugleich eine Kritik darüber, was von dieser 
psa. Psychoseauffassung vom Standpunkt der klinischen Psychiatrie zu 

halten ist. 

Als Positivum ist zunächst anzuerkennen: Das psa. Bestreben, Zu- 
sammenhänge innerhalb der Psychose klarzulegen, Wirkungsbeziehungen 
zwischen den verschiedenen an ihr beteiligten Kräften festzulegen, und spe- 
ziell den Anteil gewisser Persönlichkeitsbestandteile an der Entwicklung und 
Gestaltung des psychotischen Geschehens herauszuholen : dies alles führt 
unmittelbar dazu eine Struktur, ein Gef üge, einen Au f bau der Psychose 
anzuerkennen, woran mannigfache Kräfte und Mechanismen vielseitig be- 
stimmend beteiligt sind. Mit einer solchen allgemeinen Auffassung geht 
die gegenwärtige Psychiatrie, wie es speziell in meinem «Aufbau der Psy- 
chose» ausführlich dargelegt ist, durchaus konform. Die psychiatrische 
Klinik ist freilich dazu von sich aus ziemlich unabhängig von der Psa. oder 
wenigstens unter wesentlicher gleichzeitiger Mitbeteiligung von noch ganz 
anderen und anders gerichteten Bestrebungen: von konstitutions- 
wissenschaftlichen, erbbiologischen, charakterologischen u. dergl. gekom- 
men, die sämtlich auf die Erfassung der ihrem Spezialgebiet zugehörigen 
Sonderanteile in der Gesamtstruktur der Psychose hindrängen. 

Diesem Positivum der psa. Psychoseauffassung stehen nun aller- 
dings für den klinischen Psychiater mancherlei grundsätzliche Mängel 
gegenüber. 

Zunächst : Die Psa. erkennt zwar den Anteil vielfacher Momente am 
Aufbau der Psychose an, sie differenziert aber diese beteiligten Faktoren 
nicht weiter nach ihrer klinischen Wertigkeit, ihrer Be- 
deutung für das Gesamtgefüge der jeweiligen psychischen Störung. Wir 
finden also in der psa. Psychiatrie nicht, so wie es für die klinische Erfas- 
sung verschiedenartiger Krankheitstypen und für die Zusammenordnung 
gleichgearteter durchaus notwendig, im einzelnen auseinandergehalten, ob 
die herangezogenen wirksamen Momente den Krankheitsvorgang im Spe- 
zialfälle wirklich verursacht oder ihn bloß ausgelöst, aktiviert und mobili- 
siert haben, ob sie die psychotischen Störungen in ihrem Sondercharakter 
spezifisch bestimmt oder nur inhaltlich und material ausgestaltet haben 
u. a. m. Und so läßt uns denn die Psa. zumeist über die Hauptsache im 
Unklaren : welcher von den herangezogenen und als ätiologisch wirksam 
bezeichneten Faktoren nun eigentlich die spezifische Krankheitsursache 
darstellt und welches die eigentliche Pathogenese des psychotischen Krank- 

295 



heitsfalls ist, die die innere Gesetzmäßigkeit und damit das Wesen des 
Krankheitstypus bestimmt. 

Ein weiterer gewichtiger Mangel der Psa. ist durch die einseitige 
Überschätzung und Überbewertung des psychischen Moments in 
seiner Bedeutung für die Psychose gegeben. Entsprechend den Grund- 
sätzen ihrer psychodynamischen Auffassung wird von der Psa. ganz all- 
gemein die Psychose als das Ergebnis von Störungen in den psychologi- 
schen Beziehungen speziell zwischen Ich und Außenwelt, aber auch 
zwischen den einzelnen Teilkomponenten der Persönlichkeit : Triebleben 
und ethischer Gefühlssphäre usw. hingestellt und damit vor allem der psy- 
c h i s c h e Konflikt an die Wurzel der Psychose gesetzt. D. h. aber nichts 
anderes, als daß alle sonstigen am Krankheitsvorgang beteiligten Mo- 
mente, daß speziell Faktoren nicht- psychischer Art : innere und 
äußere von physischer, materieller, biologischer, körperlicher Natur in 
ihrer Bedeutung für die Psychose ungenügend gewürdigt bleiben. 

Und in der Tat : Mag auch die Psa. da und dort auch derartige orga- 
nische und biologische Momente : die Konstitution, das somatische «Ent- 
gegenkommen» u. dergl. theoretisch betonen — bei ihren eigentlichen psy- 
chiatrischen Analysen behandelt sie sie in der Hauptsache als zu vernach- 
lässigende Größen. Das sind sie aber für die klinische Psychiatrie keines- 
falls. Im Gegenteil: Bei aller Rücksichtnahme auf alle möglichen psycho- 
genetischen Zusammenhänge und Determinierungen im Rahmen der Psy- 
chose müssen sie zuerst und ausdrücklich in jedem Psychosefall heran- 
gezogen und ihrer Qualität wie Quantität nach eingesetzt werden. Für die 
echten eigentlichen Psychosen (und um diese muß es sich für die klinische 
Psychiatrie in erster Linie handeln, bei der Gruppe der psychopathischen 
und psychogenen Reaktionen liegt es anders) tritt ätiologisch (d. h. also 
für die Krankheitsentstehung und den Krankheitscharakter ausschlag- 
gebend) das psychische Moment durchaus in den Hintergrund, eine b i o - 
logisch-somatische Schädigung, wenn auch nicht stets 
eine Hirnstorung, ist hier das durchaus Entscheidende. Und so versagt 
denn die psa. eingestellte Psychiatrie so notwendig wie folgerichtig im 
Gros der klinischen Fälle grade immer wieder da, wo man das eigentliche 
Wesen der Psychose zu ergründen sucht. 

Ein weiterer wunder Punkt der psa. Krankheitsauffassung ist bezeich- 
nenderweise an der Stelle gelegen, wo die Psa. nun wirklich einmal Ernst 
macht, neben dem psychischen auch den biologischen Anteil an der 
geistigen Störung gelten zu lassen: Das ist bei der Heranziehung des 
sexuellen Moments. Diesem räumt sie nun auch in seinem bio- 
logischen Anteil eine klinische Bedeutung ein, aber sie gibt ihm 
zugleich dieselbe dominierende Monopolstellung im psychischen 
Krankheitsgeschehen, wie sie sie dem Sexuellen im seelischen Leben über- 
haupt zuerkennt. Wir gestehen gern zu, daß der Psychiatrie (so gut wie 
andern medizinischen und psychologischen Wissenschaften) erst von der 
Psa. die Augen für die Bedeutung des Sexuellen im psychischen und psy- 

296 



chopathologischen Geschehen voll geöffnet worden sind, aber wir vermö- 
gen nicht (und zwar lediglich aus Gründen der klinischen Erfahrung) einer 
sexualtheoretischen Auffassung der Psychosen uns anzuschließen, die 
immer und immer wieder darauf hinausgeht, die seelische Störung ledig- 
lich mit bestimmten (oralen, sadistisch-analen, nazistischen u. dergl.) 
Organisationsstufen der Libido in Verbindung zu bringen und sie aus 
einem Rückgang auf frühere Fixierungsstellen dieser Libido zu erklären, 
die aber alle außerhalb der sexuellen Triebsphäre gelegenen klinisch 
durchaus nachweisbaren sonstigen Aufbaukomponenten der Psychose 
ungewürdigt oder gar unberücksichtigt läßt. Und so kommt denn auch 
für uns ein psychiatrisches Krankheitssystem nach der Art des 
psa. durchaus nicht in Frage, das, rein vom Libidofaktor aus orientiert, 
das Wesen der verschiedenen Psychosen immer wieder in die Schablone 
einer Entwicklungshemmung der sexuellen Trieborganisation zwängt, die 
Melancholie und Schizophrenie etwa in ihrer Eigenart als narzistische 
Psychosen festgelegt und selbst an einem organischen Hirnsyndrom von 
der Bedeutung der Demenz in der Hauptsache nur die narzistische Rich- 
tungsänderung der Libido sieht. — Alles in allem wird man daher speziell 
in diesem eigentlichen klinisch-nosologischen Bereich der psychiatrischen 
Krankheitsaufstellungen keinen wesentlich weiterführenden und befruch- 
tenden Beitrag der Psa., im Gegenteil eher einen rückschrittlichen Ein- 
fluß: ein Zurückgehen auf die spekulativ-psychologisierende — meta- 
psychologisierende — Stufe der vornaturwissenschaftlichen Psychiatrie 
auffinden können. 

Die psa. Mechanismen. Mit dieser ablehnenden Haltung 
der klinischen Psychiatrie gegenüber der psa. Gesamtauffassung 
der Psychosen sind nun aber nicht zugleich ihre sonstigen auf 
Teilzusammenhänge gerichteten Beiträge zur Erfassung der 
Psychose in gleichem Sinne erledigt. Anzuerkennen ist hier speziell, daß 
einzelne der Mechanismen, die die Psa. zum Verständnis des Zustande- 
kommens psychotischer Gebilde in die psychotische Dynamik einsetzt, 
von der psychiatrischen Erfahrung durchaus bestätigt werden konnten. 
So sind speziell jene (freilich am wenigsten für die psa. Auffassung 
charakteristischen und grundlegenden) Phänomene der Verdich- 
tung, Verschmelzung, Verschiebung u. dergl., die spe- 
ziell von der Traumpsychologie gewonnen wurden und mit ihrer Neu- 
verknüpfung an sich nicht zusammengehöriger psychischer Teilbestand- 
teile ein gut Teil der befremdenden Traumgebilde verständlich machen, 
in gleicher Weise auch geeignet, psychotische Gebilde zu erklären. Diese 
Mechanismen sind daher auch ohne großen Widerstand halbwegs psychia- 
trisches Gemeingut geworden und finden für die Erfassung psychopatho- 
logischer Vorgänge und zwar nicht nur bei den traumähnlichen Bewußt- 
seinsstörungen, dem Delir u. dergl., sondern in viel weiterem Umfange: 
bei Sinnestäuschungen, Wahngebilden, Wortneubildungen, psychotischen 

297 






Erlebnisvorgängen, kurz bei einem ganzen Heer von Krankheitsphänome- 
nen, besonders von schizophrenen, immer wieder Verwendung. 

Die Verdrängung und das Unterbewußte. Gleich- 
falls berechtigten Eingang in die klinische Psychiatrie hat ein anderer für 
die Psa. schon wesentlich bezeichnenderer Mechanismus : die Ver- 
drängung gefunden. Also jener von der Psa. besonders betonte 
und auch für die Alltagspsychologie des Vergessens anerkannte psycho- 
dynamische Vorgang, wonach unter dem Einfluß instinktiver Wunsch- 
tendenzen eine Abspaltung bestimmter Vorstellungskomplexe aus dem 
Gesamtverbande bewußter Vorstellungen und damit ein Erinnerungs- 
und Wissensverlust erfolgt. Und in der Tat : Diese (einer Flucht in die 
Vergessenheit gleichzusetzende) instinktive Ausschaltung speziell un- 
lustbetonter Vorstellungskomplexe treffen wir zweifellos in der psychia- 
trischen Symptomatologie (so vor allem bei Haft-, Kriegs- und anderen 
«Situations»psychosen) im Rahmen gewisser «systematischer» Auffas- 
sungs-, Urteils- und Gedächtnisfälschungen, sei es des klaren Bewußt- 
seins, sei es der Bewußtseinsstörung an (womit sich übrigens zugleich 
meist noch ein Ersatz bzw. eine Ergänzung der verdrängten unlustbe- 
tonten Vorstellungen durch entsprechende lustbetonte zu verbinden 
pflegt). 

Das Wesentliche an dieser Verdrängung ist für die Psa. nun freilich 
nicht der (an sich übrigens noch nicht genügend geklärte) grundlegende 
Vorgang selbst, als vielmehr die Tatsache eines Unbewußten, in 
das die verdrängten psychischen Elemente eingehen und von dem aus 
sie dann nachweisbare psychische bzw. pathologische Wirkungen entfal- 
ten sollen. 

Das damit aufgeworfene und von der Psa. geradezu in den Mittel- 
punkt ihrer Anschauungen gestellte Problem derunbewußtenpsy- 
chischen Phänomene ist nun ein allgemein psychologisches, 
kein speziell psychiatrisches, und so kann unsere rein psychiatrisch orien- 
tierte Darstellung zur glücklichen Entlastung ihrer Arbeit es sich ersparen, 
darauf im einzelnen einzugehen und sich damit in weitreichende, in andere 
Gebiete übergreifende grundsätzliche Betrachtungen zu verlieren. Immer- 
hin ist doch soviel aus der allgemeinen psychiatrischen Erfahrung her- 
aus zu sagen: Auch wenn man die Rolle des Unbewußten für die 
Psychiatrie nicht in dem Umfange und der Weise gelten läßt, wie die 
Psa. es tut, und es beispielsweise nicht anzuerkennen vermag, daß speziell 
Triebverdrängungen ins Unbewußte nur von dort aus vermöge der 
ihnen anhaftenden affektiven Energien psychotische Symptome erzeugen, 
so wird man doch zugeben, daß seelische «Untergründe, «Tiefen- 
schichten» oder wie man es sonst nennen will existieren, deren Ele- 
mente und Triebkräfte im seelischen Durchschnittszustande nicht klar 
bewußt in Erscheinung treten und anscheinend außerhalb der Be- 
wußtheitssphäre liegen, dafür aber unter den Bedingungen der Psy- 
chose deutlich in Bewußtseinsphänomenen manifest und aktiv werden. 

298 



Wer unvoreingenommen etwa das geistige Leben einer seelisch höher 
differenzierten Persönlichkeit während einer schizophrenen Erregungs- 
phase betrachtet, wird gegenüber diesem wirren Spiel widersprechend- 
ster seelischer Regungen, affektiver Triebkräfte, triebhafter Strebun- 
gen und emotioneller Strömungen den Eindruck nicht los, daß hier 
Kräfte der Persönlichkeit durch die Psychose ins Bewußtsein gebracht 
worden sind, die vorher — man kann es nicht gut anders sagen : im Unter- 
bewußten ruhten, und daß es also das Unterbewußte ist, was in der Psy- 
chose und durch sie aufgewühlt, nun ins bewußte Geistesleben tritt. Daß 
Phänomene dieser Art wissenschaftlich vorläufig nicht schärfer zu fassen 
sind, darf uns schließlich nicht hindern, ihre Existenz anzuerkennen und 
damit zugleich auch das Verdienst der Psa., auch dafür der Psychiatrie 
das Blickfeld frei gemacht zu haben. 

• Die symbolischen Umsetzungen. Einen dritten und 
beinahe als spezifisch psa. anzusprechenden psychischen Mechanismus 
endlich gibt der symbolische Umsetzungsvorgang ab, der speziell in der 
Psychiatrie der sinnbildlichen Umwandlungen psychischer Inhalte in psy- 
chotische Symptomenbildungen zugrunde liegen soll. 

Die Heranziehung solcher symbolischer Zusammenhänge durch die 
Psa. ist unschwer zu verstehen. Ihre Tendenz zu grundsätzlicher und 
durchgängiger Anerkennung sinnvoller Zusammenhänge und ihr Bestre- 
ben, solche auch da verständlich zu machen, wo sie nicht ohne weiteres 
sich durchsichtig nachweisen ließen, mußte folgerichtig auch zu Erklä- 
rungen im Sinne sinnbildlicher Manifestationen und Niederschläge psy- 
chischer Inhalte und Tendenzen ihre Zuflucht nehmen. Diese symboli- 
sierende Erklärung mußte naturgemäß besonders dort ein besonders ge- 
eignetes Arbeitsfeld antreffen und eine Vorzugsverwendung finden, wo 
man sich allenthalben in der Erfassung sinnvoller Zusammenhänge be- 
hindert sah : im Bereich der sinnlos aussehenden psychotischen Gebilde. 
So wird es an sich ohne weiteres verständlich, daß die Annahme von 
Symbolisierungsvorgängen von der Psa. her auch in der Psychiatrie Auf- 
nahme fand. Das entbindet uns nun freilich nicht von der Aufgabe, hier zu- 
nächst noch einmal zu prüfen, mit welchem Rechte dies geschieht : ob die 
Psychiatrie die Tatsache derSymbolik, welcher die Psa. selbst ziemlich uni- 
verselle Verbreitung zuschreibt und im weitesten Umfange sowohl im 
normal psychischen Bereich des Traums, des Mythos, den Gebräu- 
chen usw. wie auch in neurotischen und psychotischen Geschehen Geltung 
gewährt, auch für ihr Arbeitsgebiet als wesentlich und verbindlich aner- 
kennen muß. 

Wir lassen dabei ganz aus dem Spiel, was die Psa. selbst zum Ver- 
ständnis dieser Symbolisierungsmechanismen vorbringt : wie sie sie etwa 
aus Einflüssen der Zensur, der Verdrängung u. dergl. ableitet, oder gar 
wie sie im einzelnen zur Begründung bestimmter (sexueller) Vorzugs- 
symbole gelangt. Wir gehen vielmehr wie immer so auch hier von allge- 
meinen psychiatrischen Gesichtspunkten aus und fragen, ob in der Natur 

■299 






der Psychosen Bedingungen gelegen sind, die speziell das Auftreten von 
Symbolisierungsvorgängen und -bildungen begünstigen. 

Die Frage ist auch bei durchaus unvoreingenommener geistiger Ein- 
stellung durchaus zu bejahen. Der Ablauf der Gedanken in bildhafter 
Form ist im Gegensatz zu dem in abstrakten Begriffen (mit Hilfe von 
Wortgebilden) vor sich gehenden der Ausdruck einer primitiveren Denk- 
stufe, die zur Herausarbeitung abstrakter Denkgebilde noch nicht fähig 
ist, und daher mit konkreten sinnlich anschaulichen Vorstellungen ar- 
beitet. Solche die abstrakten Begriffe durch sinnbildliche Darstellungen 
ersetzende bildhafte Denkformen werden nun überall da anzutreffen sein, 
wo das Denken auf eine tiefere Funktionsstufe herabsinkt, wie dies im 
normalen Bereich etwa in der Einschlafphase oder in der Traumphase der 
Fall ist. Nun sind aber diese Zustände einer herabgesetzten psychischen 
Aktstufe aus naheliegenden Gründen vor allem im Pathologischen, also 
im Rahmen psychischer Störungen häufig, und so ist es nur natürlich, 
daß wir auch die von ihnen begünstigten bildhaften Denkformen vorzugs- 
weise in ihnen vertreten finden. Und in der Tat lassen sich solche un- 
schwer bei bestimmten geistigen Störungen, so vor allem bei den Bewußt- 
seinsstörungen und deliranten Zuständen verschiedenster Herkunft, weiter 
aber auch bei den schizophrenen Prozessen u. a. m. nachweisen. 

Gestattet uns so die allgemeine psychologische und psychopathologische 
Einsicht, von vornherein in solchen Fällen psychischer Störung mit dem 
Bestehen von Symbolisierungsvorgängen zu rechnen, so bestätigen günstig 
gelegene Einzelfälle (von Schizophrenie usw.) im speziellen die Existenz 
solcher symbolischen Zusammenhänge: sei es, daß die betreffenden Pa- 
tienten selbst die symbolische Bedeutung der betreffenden Gebilde spon- 
tan angeben und anerkennen, sei es, daß ihre Bedeutung durch die ganze 
psychologische Sachlage nahegelegt und durch analoge nicht symbolische 
Begleitsymptome bestätigt wird, sei es, daß sie inhaltlich mit jenen sym- 
bolischen Erscheinungen übereinstimmen, welche die Erfahrungen des 
Sprachgebrauchs, der Mythologie, der Folklore, der Völkerkunde über- 
haupt uns darzubieten pflegen. 

Mit dieser Anerkennung symbolischer Umsetzungsmechanismen und 
ihrer Tendenz zu sinnbildlicher Wiedergabe des Gedachten kommt nun 
freilich ein allem naturwissenschaftlichen Denken besonders befremden- 
der, ihm wiederstrebender Einschlag in die Psychiatrie hinein, und so 
ist es nur verständlich, daß grade die rein medizinisch orientierte Irren- 
kunde diese ihr von der Psa. dargebotene Auffassung psychotischer Zu- 
sammenhänge zunächst mit Entschiedenheit ablehnte und auch weiterhin 
nur mit berechtigter Zurückhaltung spärlich und zögernd übernahm. Das 
kann aber die Bedeutung, welche die grundsätzliche Annahme von sinn- 
bildlichen Umsetzungsmechanismen für die psychiatrische Forschung hat, 
nicht berühren : daß durch sie der Kreis, der schon durch die oben ange- 
führten psychodynamischen Ableitungen verstehbar gemachten Symptom- 
bildungen nochmals erheblich erweitert undspeziellgerade auf die scheinbar 

300 



ganz absurden und sinnlosen und also anscheinend der psychologischen 
Erfassung überhaupt nicht mehr zugänglichen psychotischen Bildungen 
ausgedehnt werden kann. Daß dieser von hieraus dargebotne unerwartete 
Zugang zum Verständnis des Psychotischen ein nichts weniger als ge- 
sicherter ist, versteht sich von selbst. Und so bedarf es auch nicht erst aus- 
drücklicher Betonung, daß in diese prinzipielle Anerkennung symbolischer 
Zusammenhänge für die Psychiatrie nicht zugleich auch eine restlose An- 
erkennung der psa. geübten Methodik zur Erfassung der symbolischen 
Umsetzungen eingeschlossen ist. Davon sogleich noch einiges mehr. 

Der Beitrag, den die Psa. für die psychiatrische Praxis: für die 
Untersuchung und Behandlung der Geisteskranken liefert, 
ist ganz erheblich geringer einzuschätzen als der für ihre wissenschaftliche 
Erforschung. Es läßt sich daher auch schon mit wenigen Worten ab- 
machen, was die Psa. in dieser Hinsicht für die Psychiatrie bedeutet. 

Die psa. Untersuchungstechnik. Wir beginnen mit der 
psa. Technik der Materialgewinnung. Hier ist es speziell die Methode 
der «freienEinfälle», die eine psychiatrische Würdigung verdient. 
Mag man sich im einzelnen dazu stellen, wie man will, so kann man doch 
nicht verkennen, daß sie eine Wegmöglichkeit für die Erfassung des 
psychotischen Einzelfalls darbietet, die sich bisher der Psychiater durch 
die übliche psychiatrische Untersuchungsweise mehr oder weniger ver- 
legt. Zweifellos leidet diese unter dem Mißstand, daß der Untersucher 
selbst lediglich nach seinen eigenen Gesichtspunkten den Gang der psy- 
chologischen Exploration bestimmt. Indem die Fragestellungen dabei in 
der Hauptsache nach dem üblichen Schema erfolgen, das durch den Fall 
nahegelegt ist, wird durch diese typischen Frage«reize» der Kreis der 
Antworten und Reaktionsmöglichkeiten in der Antwort von vornherein 
voreingenommen eingeengt und schließlich nur herausgeholt, was in das 
vorgefaßte Schema hineinpaßt und was den Gesichtspunkten und Auf- 
fassungen des Untersuchers bezüglich der einzelnen psychotischen Sym- 
ptome entspricht. Demgegenüber macht sich die Psa. mit ihrer Ein- 
stellung auf die frei steigenden, ohne ihr aktives Eingreifen erfolgenden 
geistigen Äußerungen des Patienten von dem Zwange einer vorweg 
wissenschaftlich festgelegten Schablone frei. Indem sie freien und weiten 
Spielraum für seine Spontanäußerungen läßt, indem sie grade das be- 
achtet, was er aus sich heraus vorbringt und was zu äußern es ihn unwill- 
kürlich drängt, bekommt sie ein ungleich breiteres und wichtigeres weil 
unausgewähltes Untersuchungsmaterial, das zualledem noch mit den trei- 
benden und bestimmenden Regungen des seelischen Untergrundes und 
damit also mit den auch im Pathologischen ausschlaggebenden eigent- 
lichen Triebkräften des seelischen Lebens zusammenhängt. Die Lehre, die 
die Psa. nach dieser Richtung hin für die Untersuchungstechnik der 
Materialgewinnung bietet : daß dem Patienten weitgehende Freiheit, sich 
unbeeinflußt zu äußern, zu lassen ist, scheint von der Psychiatrie vor- 
erst noch nicht genügend aufgenommen und verwertet. Vielleicht, daß 

301 



ihre Befolgung dahin führt, daß manches scheinbar feststehende Bild 
psychotischen Geschehens noch modifiziert werden muß. 

Anders zu bewerten ist die gleichfalls auf psa. Grund sich aufbauende 
Technik der Verarbeitung des gewonnenen psychotischen Mate- 
rials. Hier ist es speziell die psychologische Deutung der 
krankhaften Erscheinungen, die als psa. Hauptmethode auf ihre psy- 
chiatrische Verwertbarkeit geprüft werden muß. Dabei wird grundsätz- 
lich zuzugestehen sein : Sofern man überhaupt die psychische Bedingtheit 
psychotischer Bildungen anerkennt und in den Symptomen Niederschlags- 
und Auswirkungsformen psychischer Tendenzen, symbolische Wieder- 
gaben psychischer Inhalte und damit psychotische Zeichen für dahinter- 
stehende psychische Triebkräfte sieht — und dies alles tut die gegen- 
wärtige Psychiatrie in gewissem Grade und Umfange, wie wir nachzuwei- 
sen suchten — kurz und gut: sofern man die Deutbarkeit von psycho- 
tischen Symptomen überhaupt anerkennt, dann muß man auch die psycho- 
logische Deutung als berechtigte Untersuchungstechnik und als be- 
rechtigtes Mittel zur Erklärung psychotischer Erscheinungen und Zu- 
sammenhänge gelten lassen. Ist nun schon jede Deutungstechnik im all- 
gemeinen von den Bedenklichkeiten subjektiver Auffassungen schwer frei 
zu halten, so kann die besondere Art und Weise, wie vielfach die psa. Aus- 
deutung psychotischer Symptomengebilde vorgenommen wird und speziell 
mit Hilfe weit hergeholter und gesuchter symbolischer Auflösungen er- 
folgt, überhaupt nicht mehr als wissenschaftliche anzuerkennende und zu 
übernehmende psychologische Untersuchungsmethode gelten. Eine solche 
Methode, die mehr die Geistigkeit des Untersuchers als des Patienten 
manifest macht, wird daher in der Psychiatrie als bedenklich auch 
von denen angesehen, die den psa. Grundprinzipien, von denen sie aus- 
geht, an sich nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber stehen. 

D i e p s a. T h e r a p i e läßt sich ebenso kurz wie die Untersuchungs- 
technik in ihrer Bedeutung und in ihren Auswirkungen für die Psychiatrie 
erledigen. Auch ihr Wert und Einfluß kann nicht übermäßig hoch ange- 
schlagen werden. Gewiß sie hat mitgeholfen (nur mitgeholfen), jene 
aus der Auf fassung der Psychosen als organischer Hirnprozesse zwangs- 
läufig sich ergebende Ablehnung jeglicher psychotherapeutischer Maß- 
nahmen abzutragen, welche die organische Epoche der Psychiatrie be- 
herrschte, und so ist denn die gegenwärtige Irrenheilkunde in ihrer thera- 
peutischen Einstellung nicht nur zu den Grenzfällen der Psychopathien, 
zu den psychogenen Reaktionen und Entwicklungen, die an sich von jeher 
in gewissem Umfange als psychisch beeinflußbar galten, sondern auch zu 
den leichteren psychotischen Fällen, schizophrenen und anderen, durch- 
aus nicht mehr von jenem psychotherapeutischen Nihilismus erfüllt, der 
früher so selbstverständlich war wie er als unanfechtbar berechtigt galt. 
Die zur Zeit sich vollziehende psychotherapeutischeAktivi- 
t ä t in den Irrenanstalten speziell im Sinne der aktivesten Arbeitsthera- 
pie und der mit vielseitigen psychischen Beeinflussungen arbeitenden 

302 



offenen «Irrenfürsorge»: Behandlungsbestrebungen, die ihrem ganzen 
Wesen nach mit Fug und Recht als durchaus psycho therapeutische an- 
gesprochen werden müssen : sie beweisen, daß dieser therapeutische Um- 
schwung in der Psychiatrie in der Richtung auf die Krankheitsbeeinflus- 
sung durch psychische Mittel noch lebhaft im Gange ist. Nun ist dies 
alles freilich keine spezifisch psa. Behandlungsmethodik, auf die es hier im 
Grunde nur ankommt. Diese hat sich bisher — und zwar nicht nur aus Grün- 
den, die in der Eigenart des psychiatrischen Materials und der psa. Technik 
liegen, sondern auch aus solchen, die in den oben entwickelten von der Psa. 
wesentlich abweichenden psychiatrischen Auffassungen von dem Wesen 
den Ursachen und der Entstehungsweise der Psychose begründet liegen — 
kein psychiatrisches Heimatrecht zu erwerben vermocht. Die Unfähigkeit 
der psychotisch Erkrankten zur Herstellung der für die psa. Therapie 
erforderlichen geistigen Einstellung und die Grundstruktur der Psychosen 
selbst, bei denen das organische Element mehr oder weniger ausschlag- 
gebend zu sein pflegt, engen von vornherein den Kreis der Betätigungs- 
möglichkeiten für ein psa. Eingreifen auch bei jenen Psychiatern ein, die 
direkt einen pathogenen Anteil seelischer Konflikte, verdrängter Kom- 
plexe und ähnliches an der Entstehung der Psychose gelten zu lassen und 
den therapeutischen Wert ihrer Freimachung und Abreaktion bei der Be- 
handlung dieser Störungen anzuerkennen neigen. Und so wird die Psa. 
bestenfalls in psychotischen Ausnahmefällen : speziell bei leichten Stö- 
rungen mit psychogenen Einschlägen, leichten Schizophrenien u. ähnl. 
ihr Anwendungsbereich finden, ohne aber einen wesentlichen Platz in 
dem an sich freilich sehr dürftigen und erweiterungsbedürftigen Behand- 
lungsinventar der Psychiatrie zu bekommen. 

ÜberdieZukunftsauswirkungen derPsa. imBe- 
reich der Psychiatrie kann man sich im Bewußtsein mangel- 
hafter Prophetengabe nur mit größter Zurückhaltung äußern. Und dies um 
so mehr, als sich die weitere Entwicklungsrichtung dieser Wissenschaft, 
die gegenwärtig unter dem Einflüsse verschieden gerichteter Strömungen 
eine ausgesprochene Krisis durchmacht, überhaupt noch nicht sicher 
übersehen läßt. Soviel wird man aber doch sagen dürfen: Die zweifel- 
lose Tatsache, daß die Psychiatrie trotz anfänglicher entschiedener Ableh- 
nung allmählich mehr und mehr von den psa. Anschauungen anerkannt 
und übernommen hat, gestattet durchaus noch nicht den Schluß, daß dies 
nun in gleicher Weise weiter gehen wird. Auf die oben gekennzeichnete 
einseitig biologische Einstellung der psychiatrischen Forschung mußte 
schließlich einmal ein Rückschlag, ein Pendelausschlag nach der anderen 
Richtung hin erfolgen. Daß diese Gegenbewegung eine psychologisch ge- 
richtete sein würde und sein mußte, ist selbstverständlich. Daß sie nun ge- 
rade von der psa. Strömung aufgenommen und in ihre Bahnen gelenkt 
wurde, erscheint uns im wesentlichen nur als eine Tatsache des geschicht- 
lichen Zusammentreffens. Nachdem nun aber der entsprechende Ein- 
schlag psychodynamischer Anschauungen von der Psa. her in die Psychia- 

303 



trie erfolgt und das dafür in Betracht kommende Hauptmaterial unter 
kritischer Auswahl des psychiatrisch Verwertbaren und Ablehnung des 
der psychiatrischen Erfahrung nicht Angleichbaren absorbiert ist, kann 
man nicht gut annehmen, daß die psychiatrische Angleichung sich nun 
auch noch weiter auf das bewußt Übergangene, ja kritisch Zurückge- 
wiesene erstrecken wird. 

Im übrigen sind wir hinsichtlich dessen, was an psa. Elementen in 
die Psychiatrie aufgegangen ist, der Meinung, daß vielfach nicht so sehr 
die Beiträge selbst, die die Psa. geliefert, und die Form, in der sie sie dar- 
geboten hat, für die Psychiatrie bedeutungsvoll geworden sind, als viel- 
mehr die Art, wie sie von der psychiatrischen Klinik entsprechend ihren 
Grundvoraussetzungen aufgenommen, verarbeitet und weitergeführt wur- 
den. Wir glauben daher auch nicht, daß die zukünftige Psychiatrie, so 
wie manche Psa.-tiker erwarten, eine psa. Psychiatrie sein wird, als viel- 
mehr eine solche, die so vielseitig gerichtet ist, wie es dem Wesen der Psy- 
chosen entspricht ; und die daher die psychodynamischen Anschauungen so 
gut wie alle sonstigen, speziell auch biologischen (konstitutionsbiologische, 
erbbiologische usw.) in gleicher Weise als gleichberechtigt heranzieht und 
jeder die richtige Stelle und den gebührenden Anteil im Bereich der Kli- 
nik zuweist. 



Hauptliteratur. 

Binswanger, Psychoanalyse und klinische Psychiatrie. Internat, ärzt- 
liche Zeitschr. für Psychoanalyse. Bd. 7. 1921. 

Birnbaum, Die Psychoanalyse vom Standpunkte der klinischen Psychia- 
trie. Deutsche med. Wochenschr. 1924/25. 

Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (speziell 16. Vor- 
lesung: Psychoanalyse und Psychiatrie). 

Freud, Studien zur Psychoanalyse der Neurosen. Wien, 1926. 

Hartmann, Die Grundlagen der Psychoanalyse. Leipzig, 1927 (speziell 
Kap. 11, Psychoanalyse und Psychiatrie). 

Jung, Der Inhalt der Psychose. Leipzig, 191 1. 

Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. Halle, 1907. 

Schilder, Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. Wien, 1925. 

Stärke, Psychoanalyse und Psychiatrie. Wien, 1921. 






304 



PSYCHOANALYSE UND PARAPSYCHOLOGIE 

von Carl Happich 

Psa. und Parapsychologie scheinen auf den ersten Blick sich schwer 
miteinander vertragen zu können ; und sie vertragen sich auch bis heute 
noch nicht gut. Psa. bemüht sich mit Logik und schärfster Konsequenz 
in das Psychologische des Menschen einzudringen, feste Gesetze für die 
inner-seelischen Vorgänge zu finden und zu formulieren. Parapsychologie 
beschäftigt sich mit noch dunkleren Vorgängen in und um den Menschen, 
die, noch nicht in ihrem Wesen aufklärbar, oft okkult genannt werden, 
deren Gesetze wir nicht kennen, zu deren Erklärung aber viele sich ver- 
sucht fühlen wesentlich physikalisches Geschehen zu vermuten. Bei dem 
Suchen nach physikalischen Zusammenhängen findet man aber immer, 
daß die parapsychologischen Erscheinungen nur dann auftreten, wenn 
die betreffenden Menschen, die dabei in Aktion sind, eine bestimmte 
seelische Disposition oder wenigstens augenblickliche Einstellung haben. 
Bei unvoreingenommenem Untersuchen müssen sich Psa. und Parapsycho- 
logie im tiefsten Grund des Seelenlebens des zu Untersuchenden treffen. 
Parapsychologie ist ein schlecht gewählter Name; er will eine Wissen- 
schaft, die gewisse ungewöhnliche, abwegige seelische Erscheinungen 
erforschen möchte, bezeichnen, und Psa. befaßt sich wesentlich mit krank- 
haften Vorgängen im Seelenleben (vielleicht immer noch zu wenig mit 
den normalen, so daß die aus Krankheiten gewonnenen Gesetze etwas zu 
primitiv für das gesunde Leben — wenn es das in diesem Umkreise gibt 
erscheinen können). 

Wenn wir das Gebiet des eigentlichen sogenannten Okkultismus 
streifen, so enthalte ich mich aller Untersuchungen über die Berechtigung 
der okkultistischen Anschauungen; mechanische Erscheinungen wie die 
sogenannte Telekinese bleiben von vorneherein außerhalb unsrer Betrach- 
tungen, obwohl es sich sehr wohl psa. müßte untersuchen lassen, warum 
die «Kraft» bei den sogenannten physikalischen Medien nachläßt oder 
schwindet, wenn sie sich verliebt haben, während rein psychische Reak- 
tionen dann, zumal in Gegenwart der geliebten Person, intensiver und 
schneller ablaufen; wir bleiben auch außerhalb des Streites, ob die An- 
schauungen des Spiritismus Berechtigung haben und wieweit ; wir wollen 
nur die Fälle berücksichtigen, in denen die als Spuk angesehenen Erschei- 
nungen sich durch Psa. als rein seelische Erlebnisse nachweisen ließen. 
Eingehend müssen wir uns mit psa. Beziehungen zur Telepathie befassen, 
weniger mit dem sogenannten Hellsehen. Unter dem ersteren versteht 
man die Fähigkeit eines medial gewordenen Menschen, in das Bewußtsein 
oder auch Unterbewußtsein eines anderen ohne Zuhilfenahme von Sinnes- 
organen einzudringen, während das Hellsehen erlauben soll, den Inhalt 
verschlossener Briefe oder Kästchen usw. zu wissen oder durch Anfassen 
eines Gegenstandes seine Geschichte oder die der Besitzer desselben in 
sich zu erleben oder dergleichen. Man hat mit Hilfe gewisser physi- 

20 l'rinzhorn. Paa, 3O5 



kalischer Theorien auch wieder die Berührungspunkte zwischen Telepathie 
und Hellsehen zu finden geglaubt. Für uns ist die Frage der Telepathie 
wichtig, weil hier ja augenscheinlich ein Seelisches das andere durch- 
dringen soll, also auch beeinflussen muß ; und solche Vorgänge müßten 
für die Psa. zugänglich sein, ihren Ablauf eventuell sehr beeinflussen 
können. 

Die Verwertung der beiderseitigen Literatur gegeneinander oder 
besser zueinander ist nicht leicht ; die okkultistische Literatur ist zu einem 
Teil unbrauchbar ; die wirklich kritische Literatur im Bereich des Okkul- 
tismus hat deutliche Hemmungen gegenüber der Psa. ; anstatt sich von 
ihr befruchten zu lassen, rechnet sie ihr (wahrscheinlich aus der dauern- 
den, allgemeinen und sehr notwendigen Abwehrstellung heraus, die sie 
auf dem Gebiet des Okkultismus braucht) gelegentliche Entgleisungen 
vor ; andererseits hat sie aber auch den Begriff der «psychischen Osmose» 
gefunden, ein Vorgang, von dem die Psa. wohl auch in anderen Aus- 
drücken spricht, den sie aber sehr wohl auch unter der hier gebrauchten 
und gut geprägten Bezeichnung verwenden könnte; jedenfalls liegen hier 
die innersten Berührungen der beiden Gebiete. Doch macht man bereits 
Anstalten, die Erfahrungen der Psa. wenigstens hier und da in der kri- 
tischen Erforschung des Okkultismus anzuwenden. 

Die Psa. andererseits liebt so klare Begriffe und Konstruktionen, um 
bei ihrem Weg in das Dunkle der Seele nicht irre geleitet zu werden, daß 
sie gerne alles, was nach «Okkult» aussieht, beiseite läßt ; diese Beschrän- 
kung erscheint als eine vorsichtige und kluge Zurückhaltung, denn die Psa. 
hat ja dadurch manches okkult Scheinende aufgeklärt; aber man scheint 
doch sehr für seine, oft allzuklare, Konstruktion gefürchtet zu haben, 
und einige Schüler haben wohl zu früh im Gefühl einer geistigen Über- 
legenheit abgeurteilt, bis der Altmeister selbst sehr vorsichtig wägend 
darauf hinwies, daß hier wenigstens nicht alles Schwindel sei ; darauf- 
hin hat man sich etwas an die Telepathie herangemacht. 

Stellungnahme der okkultistischen Literatur. 
Für unsere Zwecke scheiden all die vielen unkontrollierbaren und kritik- 
losen Berichte ganz aus, angefangen von Flammarions in mehreren 
Büchern aus dritter und weiterer Hand zusammengetragenen Berichte 
bis zu den abergläubischen sektiererhaften Sensationsblättchen. Wirkönnen 
nur solche Berichte verwerten, die kritisch nachgeprüft und durchdacht 
sind. Und da muß man feststellen, daß die wirklich kritischen Untersucher 
im Okkultismus einen viel strengeren Maßstab anlegen als die allermeisten 
Psa.-tiker ; doch davon wird am Schluß noch zu sprechen sein. Für uns 
sind am brauchbarsten die Ausführungen in der von dem verdienstvollen 
Dr.Baerwald herausgegebenen Zeitschr. f. kritischen Okkultismus; weiter- 
hin sein Buch «Okkultismus und Spiritismus». Material findet sich auch 
in der Zeitschrift für Parapsychologie. Aber nur an wenigen Stellen 
auch dieser Literatur wird eine bewußte Anwendung der Psa. vor- 
genommen. Dagegen wird in der Parapsychologie, mit ganz wenigen Aus- 

306 






nahmen, auch von den kritischsten Untersuchern, ich nenne nur den 
Grafen Carl von Klinkowström, das Bestehen der Telepathie angenommen. 
Wie vorher schon angedeutet, versteht man darunter das Vermögen 
medialer Menschen, aus dem geistig-seelischen Inhalt anderer Menschen 
gewisse Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen usw. ohne Übertragung 
durch die Sinne abzulesen, die Gedanken anderer «abzuzapfen», wie Baer- 
wald sagt, und zwar nicht nur aus dem Tag- oder Oberbewußtsein, son- 
dern auch aus dem Unbewußten. Diese Ansicht ist bei den kritischen 
Forschem zu einer festen Überzeugung geworden, soweit, daß sie Ge- 
dankenübertragung auch über große Entfernungen für möglich halten. 
Wenn man so weit geht, dann muß man folgerichtig auch annehmen, daß 
die Gedanken nicht nur passiv aufgenommen, sondern auch aktiv aus- 
gesendet werden können. Graf Klinkowström sagt, gestützt auf die sorg- 
fältigen Prüfungen in Baerwalds Buch «Die intellektuellen Phänomene» : 
«so kann wohl an der Tatsächlichkeit des Vorkommens parasensorischer 
Übertragung psychischer Inhalte — Gedanken, Vorstellungen usw. — 
von einem Hirn als , Geber' auf ein zweites Hirn als .Empfänger' nicht 
mehr gezweifelt werden, wenn auch die Erklärung solcher Vorgänge noch 
eine offene Streitfrage ist». Er bringt dann in einem Aufsatz: «Ein Bei- 
trag zur Geschichte der Telepathie» eine Reihe von, wie ihm scheint, gut 
beglaubigten Beispielen aus der Literatur. In der gleichen Zeitschrift- 
nummer berichtet aber derselbe Verfasser über Schilderungen, die offen- 
sichtlich als solche erfunden sind, Abwandlungen bekannter Motive dar- 
stellen, die immer wieder aufgewärmt werden, weil einzelne Züge ge- 
wisser Vorkommnisse sich ähneln und daraufhin die ganze Erzählung ab- 
gerundet wird ; dies wäre nichts Besonderes, nur für die Parapsycho- 
logie Bekanntes, wenn nicht in dem wenig kontrollierbaren Gebiet des 
Okkultismus solches besonders gefährlich wäre. In dem weiter folgenden 
Aufsatz nun entwickelt Baerwald die hierhergehörige Idee von der «psy- 
chischen Osmose»: auf Grund von Erinnerungsanpassung und über- 
triebenen Deutungsversuchen trete in zahlreichen, sehr verschiedenen 
geistigen Situationen bei einem gewissen Faszinierenden der entsprechen- 
den Fehlerquellen ein gesetzmäßiger psychischer Vorgang auf, den Baer- 
wald als psychische Osmose bezeichnet und bei dem ähnliche, «mischbare» 
Vorstellungskomplexe sich gegenseitig durchdringen, oder wenn der sie 
scheidende Wille «porös» geworden diese Durchdringung und Mischung 
zuläßt, bis beide Vorstellungen ganz gleich aussähen. Diese psychische 
Osmose führe zu Urteilsblendungen z. B. in der Prophetie und in der 
Psa. Baerwald beschäftigt sich weiterhin eingehend mit Freuds Traum- 
deutung und sagt, hierbei werde der Inhalt des Traumes teils von einer 
bestimmten Deutungsidee osmotisch infiltriert, teils von allgemeinen Theo- 
rien, z. B. der, daß jeder Traum eine Wunscherfüllung darstelle, daß die 
meisten Träume sexuelle Hintergedanken haben sollten usw. Wenn auch 
Baerwald kein Psa.-tiker ist, so ist hier doch sein Hinweis auf die Möglich- 
keit psychischer Osmose sehr zu beachten; wir kommen noch darauf zu- 

20* 307 



rück ; klar ist aber auch, daß bei einer solchen Einstellung von dieser Seite 
die psa. Untersuchung telepathischer Erscheinungen nicht vorgenommen 
oder begünstigt wird. An dieser Stelle finden wir also keine Berührung, 
sondern scharfe Ablehnung. Zur Ergänzung eine Bemerkung des Grafen 
Klinkowström : «Wie vorsichtig der Forscher sein muß, hat mir die Tat- 
sache bewiesen, die ich von zuverlässiger Seite weiß. Eine Dame hat 
Sigmund Freud für seine psychischen Forschungen ein reiches Material 
an angeblichen Träumen geliefert, die von ihr frei erfunden worden sind. 
Freud hat diese Träume ahnungslos in gutem Glauben verwertet. Er ist 
einer Hysterika zum Opfer gefallen». Jeder kann von seinen Patienten 
belogen werden ; aber der psychisch osmotische Einfluß eines fertigen Deu- 
tungsschemas soll hier schon den Altmeister selbst überwältigt haben, 
wobei es für die psa. Verwertung nichts ausmacht, ob die Patientin 
träumt oder wunschmäßig phantasiert. — In dem 404 Seiten umfassen- 
den ausgezeichneten Buch Baerwalds «Okkultismus und Spiritismus» 
nehmen den breitesten Raum die Untersuchungen über das Unterbewußt- 
sein ein, über seine verschiedenen Formen, über Mediumität und Tele- 
pathie, über «Steigrohre» des Unterbewußtseins usw., aber kein einziger 
Abschnitt beschäftigt sich mit Psa., so viel Bemerkenswertes über die 
Psychologie der Medien, das Spaltungsich usw. gesagt wird. Sehr deut- 
lich werden gewisse psychologische Phänomene beschrieben, z. B. beim 
unbewußten Betrug der Medien, aber nirgends wird im Sinne der Psa. 
tiefer den Ursachen nachgegangen ; es wird einfach die Tatsache kon- 
statiert, daß solche Vorkommnisse häufig seien. Der Schluß des sonst 
ausgezeichneten Buches weitet sich zur Darstellung einer Art Weltan- 
schauung, die dem sonst Objektiven des Buches einigen Abbruch tut. 

In der Zeitschrift f. Parapsychologie (Juni 1927) ist die psa. Auf- 
klarung eines Spukerlebnisses gut dargestellt (Albert Sichler: Ein Phan- 
tom als psa. Fall) : Lydia erwacht in zwei Nächten mit lautem Schrei 
weil sie die Berührung einer kalten Hand auf ihrer Wange fühlt und sie 
dabei «mit halluzinatorischer Deutlichkeit» einen jüngeren eleganten Herrn 
neben ihrem Bett stehen sieht ; Aufklärung (Wunschvorstellung, erotische 
Erregung, Verdrängung) und Heilung folgen leicht. 

Stellungnahme der p sy choan aly t i s ch e n Li t e ra- 
r a tu r. Es ist erstaunlich, mit welcher Intensität und in welchem Umfang 
die Psa. in das Seelenleben aller Jahrtausende und auf allen Gebieten ein- 
zudringen sich bemüht, von der Religion bis zum Witz und von der Sym- 
bolik der Mysterien bis zum primitiven Idol des Wilden und des Kindes 
und meist ist erfreulich festzustellen der Versuch mit Zurückhaltung und 
Respekt der Persönlichkeit des Geschilderten, seinen Vorstellungen und 
seelischen Erlebnissen gerecht zu werden. Aber der Parapsychologie 
gegenüber war man sehr zurückhaltend ; erst in neuerer Zeit, nachdem 
Altmeister Freud einen ersten zögernden Schritt getan hat, geht man mu- 
tiger vor. Außer den Originalaufsätzen in der psa. Literatur sind auch die 
Buchbesprechungen, die Einstellung zu den besprochenen Büchern zu 

308 



berücksichtigen. Hans Frei mark untersucht Sexualität und ero- 
tische Momente im Okkultismus und in den unbewußten Talentäuße- 
rungen der sogenannten Medien (Leipzig 1909 und Ztschrft. f. Psa. 1914). 
«Über die gekreuzigte Heilige von Wildisbuch» (Margarete Peter), mit 
ihrer verdrängten, dann losgelassenen, gesteigerten und pervertierten Se- 
xualität, die durch psychische Infektion (und Osmose?) die Verwandten 
in Besessenheitsekstasen zu Totschlag und zu ihrer eigenen, von ihr selbst 
verlangten Kreuzigung treibt, berichtet Theodor Schroeder (New 
York) im Ztrbl. f. Psa. 1914. M. La cht in Ztschrft. f. Psa. 1913 zeigt 
in einer Arbeit: «Besessenheit auf dem Lande in Rußland», wie durch 
psychische Infektion sich hysterische Ekstasen über ganze Land- 
schaften hin verbreiten können. T h. Reik sagt 1921 in einem Über- 
sichtsreferat von Literatur über Mystik und Okkultismus ablehnend u. a. : 
«die von Stekel und Petersen sowie anderen Autoren vertretene Anschau- 
ung einer telepathischen Funktion des Traumes, der Existenz der Vor- 
ahnungen usw. konnte von der Analyse nicht geteilt werden, weil jeder 
objektive Beweis fehlt, und sie außerdem in den Wirkungen, Reaktions- 
und Ersatzleistungen verdrängter Tendenz eine ausreichende Erklärung 
für dergleichen befremdende Erscheinungen gefunden hat». — Also eine 
glatte Ablehnung. E. Hitschmann untersucht anscheinend telepa- 
thische Phänomene, die er psa. erklärt (Imago, 1923), indem er dartut, daß 
Verschiebungen, Verdichtungen, Wunschgedanken den Anschein tele- 
pathischen Wahrsehens in die Ferne und in die Zukunft gegeben hätten: 
erstens : er selbst sieht in seiner Wohnung geistig, wie bei einem Ballon- 
aufstieg ein Unglück sich ereignet und dabei einer der beiden Ballonfahrer 
herausfällt ; H. weist nach, daß Zeit und Ort nicht gestimmt haben (ob- 
wohl der Vorfall bei der ihm durch die Zeitung bekannten Ballonfahrt an 
sich eintraf) und daß er aus Ärger über sein Nichtdorthinkönnen und Zu- 
hausebleibenmüssen und aus Eifersucht auf seinen Bruder den Wunsch 
gehabt haben müsse, es möge da draußen etwas passieren ; zweitens : dem 
Dichter Dauthendey wird augenscheinlich auf telepathischem Wege der 
Tod seines Vaters angekündigt, in Wirklichkeit habe D. ihn schon lange 
unbewußt gewünscht ; im Juni wird der Tod geahnt, im September durch 
Tabakshalluzination ihm gesichert. H. sagt: die Annahme mystischer 

Kräfte sei nichts anderes als in die Außenwelt projizierte Psychologie. 

Zu den ablehnenden Publikationen gehört auch eine ältere von Freud 
selbst (Psychopathologie des Alltagslebens) : der Glaube an prophetische 
Träume (die allerdings etwas anderes sind als telepathische Ref.) zählt 
viele Anhänger, weil er sich darauf stützen kann, daß manches sich wirk- 
lich in der Zukunft so gestaltete, wie es der Wunsch im Traume vorher 
konstruiert hat ; allein daran ist wenig zu verwundem und zwischen dem 
Traum und der Erfüllung lassen sich in der Regel noch weitgehende Ab- 
weichungen nachweisen, welche die Gläubigkeit der Träumer zu vernach- 
lässigen liebt. — Es wird immer wieder die «Kraft des Wunsches» betont ; 
so richtig das ist, man müßte doch wohl noch tiefer eindringen. Freud 

309 



(Imago II) hält diese Kraft des Wunsches auch für die psychische Ur- 
sache der magischen Vorstellungen; sie dränge auf primitiver Kultur- 
stufe zum magischen Glauben und Tun. Auf Freud kommen wir noch 
zurück ; inzwischen müssen wir noch einen Blick auf die psa. Bearbeitung 
der Mystik und verwandter Gebiete werfen, deren Erforschung oft auch 
der Parapsychologie zugehört. 

HerbertSilberer referiert über Mystik (Jahrb. f. Psa. 1914) 
das Buch von MartinBuber: Ekstatische Konfessionen : Der Trieb 
nach Liebe, Ehe, Kindererziehung bricht sich in der Vision (der Mystiker, 
Ekstatiker) Bahn, ein wilder Strom, der alles überflutet (Lydia Stöcker in 
der Neuen Generation). O. P f i s t e r (Imago, 1920) legt dar, daß in der 
Entwickelung des Apostels Paulus das Damaskuserlebnis eine Halluzi- 
nation war, eine Explosion aufgestauter Gefühle zum Gott der Liebe hin, 
weg vom Vatergott des Gesetzes. Zwei ungewöhnliche Arbeiten : 
C. G. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido (Jahrb. f. Psy. III 
u. IV.) : bei den Mystikern handelt es sich immer um Stufen : Introversion, 
Regression, Kraftholen in den Tiefen des Unbewußten, das Opfer der 
selbstsüchtigen Ichheit, die Wiedergeburt (Ref. Silberer ; obwohl ich die 
Arbeit genau kenne, zitiere ich als Inhaltsangabe gerne das Referat aner- 
kannter Psa., um auch in der Zusammenziehung nicht gegen den Sinn der 
Arbeitsgruppe zu verstoßen). Herbert Silberer: Probleme 
der Mystik und ihrer Symbolik, 1914: Silberer sucht den Problemen 
der Mystik nicht nur psa., sondern auch analogisch nachzuspüren, sicher 
für später eine sehr berechtigte Methode ; weil aus dem Wesen der Sache 
selbst heraus und nicht nur «autistisch» erklärt wird ; Silberer forscht mit 
erstaunlicher Einfühlung und großem Takt in den Gebieten der Alchemie, 
Rosenkreuzerei und Freimaurerei. Vom selben Autor H. S i 1 b e r e r , 
dem leider zu früh verstorbenen, stammen zwei interessante Arbeiten, die 
ausgezeichnet die Grenzgebiete der Psa. und Parapsychologie untersuchen : 
Lekanomantische Versuche (Ztschrft. f. Psa. 1912) und: Zur Charakte- 
ristik des lekanomantischen Schauens (ebendort 1913). Bekannt ist das 
sog. Kristallsehen, verwandt damit das «Spiegelsehen» ; Silberer läßt seine 
Patientin in einen entsprechend beleuchteten Spiegel sehen und sich dar- 
auf konzentrieren und findet die dann aufsteigenden visuellen, aber aus 
dem Unterbewußtsein stammenden Bilder und Assoziationen ausgezeich- 
net geeignet zur psa. Untersuchung ; in der alten Literatur wurde das Kri- 
stallsehen als etwas völlig «Okkultes», Prophetisch-Geheimnisvolles 
immer beschrieben. 

Eine ganz andere Einstellung nehmen folgende Arbeiten ein : W i 1 h. 
St ekel: Die Sprache des Traumes, 191 1; im Kapitel: Telepathische 
Träume hält er bei einigen Fällen wirkliche Fernwirkung für wahrschein- 
lich : «Ich habe die Vermutung, daß sich gewisse Affekte auf telepathi- 
schem Weg übertragen können». — «Wir werden den telepathischen Ein- 
fluß als eine der Traumquellen unbedingt anerkennen müssen» ; übrigens 
«ist der telepathische Traum ein Problem, das der endgültigen Lösung 

310 



durch die psa. arbeitende Psychologie harrt». MargaretePetersen 
(Zentrlbltt. f. Psa., 1914): «Ein telepathischer Traum» berichtet, ein 
i8j ähriger nervöser Gärtnerjunge träumt nachts, ca. 10 Minuten von 
seiner Arbeitsstätte entfernt, sein Gärtner verlange nach ihm, und er 
erwacht in großer Angst, läuft hin und findet den Gärtner fast leblos im 
Treibhaus, ruft den Arzt, man macht Wiederbelebungsversuche. Der 
Kranke erwacht aus seiner Ohnmacht und erzählt, es sei ihm schlecht 
geworden und er habe immer gewünscht, der Junge solle ihm zu Hilfe 
kommen. — Die Autorin hat den Fall nicht psa. untersucht, berichtet ihn 
nur als Material, immerhin wird er im Kreise der Psa. erwähnt, wenn 
ihn auch Reik (s. o.) in seiner Besprechung ebenso wie die Ansicht Stekels 
ablehnt ; zu dem Fall von Petersen läßt sich natürlich rein kritisch auch 
noch einiges sagen (Treibhaus, Kohlenoxydgas, Versehen des Jungen 
bei Behandlung der Heizung, Hervortreten des Schuldgefühls aus dem 
Unterbewußtsein im Traum usw.). — Ungleich wichtiger ist Freuds 
Arbeit: Die okkulte Bedeutung des Traumes (Imago, 1925), die dem 
Gründer der Psa. bei manchen seiner enttäuschten Schüler, die sich vorher 
etwas billig festgelegt hatten, den Ruf eintrug, der alte Herr habe nun 
müde umgeschwenkt und sei unter die Okkultisten gegangen. Freud 
lehnt in diesem Artikel die sog. prophetischen Träume ab, telepathische 
nicht ohne weiteres ; Telepathie sei aber nicht wesentlich an den Traum 
gebunden ; er nehme eine «freundliche Einstellung» zu telepathischen Vor- 
kommnissen ein ; man bilde sich vorläufig die Meinung, es könnte wohl 
sein daß die Telepathie wirklich existiere und daß sie den Wahrheitskern 
von' vielen anderen, sonst unglaublichen Aufstellungen bilde; als Prü- 
fungsmittel verwendet er hier nicht erfüllte Prophezeiungen berufsmäßi- 
ger Wahrsager ; Freud besitze nur wenige Beispiele, aber zwei hätten 
einen starken Eindruck bei ihm hinterlassen: Ein Pariser Wahrsager 
prophezeit einer 27jährigen verheirateten Frau (ohne Ehering), die kin- 
derlos war, sie werde noch heiraten und mit 32 Jahren zwei Kinder haben ; 
dies trifft nicht ein ; die Dame war sehr an ihren Vater gebunden, wollte 
von ihrem Manne Kinder haben, ihren Mann also an die Stelle ihres Vaters 
setzen, denn die Prophezeiung enthielt das Schicksal ihrer Mutter, die 
mit 32 Jahren zwei Kinder hatte ; diese «Geheimgeschichte» kannte aber 
der Wahrsager nicht, er konnte sie also wohl nur aus dem Unterbewußt- 
sein der Dame gelesen haben. — F r e u d hat den Eindruck, daß die Über- 
tragung von stark affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt ; «mit 
dem Traum hat dies alles nur so viel zu tun : Wenn es telepathische Bot- 
schaften gibt, so ist nicht abzuweisen, daß sie auch den Schlafenden 
erreichen und von ihm im Traum erfaßt werden können. Ja, nach der 
Analogie mit anderem Wahrnehmungs- und Gedankenmaterial darf man 
es auch nicht abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des 
Tages aufgenommen wurden, erst im Traum der nächsten Nacht zur Ver- 
arbeitung kommen». Diese Konzession Freuds eröffnet sehr weite 
Perspektiven. E. Lowtzky: Eine okkultistische Bestätigung der Psa. 

3" 



(Imago, 1926) : Lowtzky berichtet über zwei Arbeiten von E. M a gn in 
(Paris 1920 u. 1921). Magnin benutzte, durch einen Zufall darauf auf- 
merksam gemacht, eine mediumistisch «hellsehende» Patientin um ins 
Unterbewußtsein anderer Kranker, die in Hypnose lagen, einzudringen • 
diese Gedankeniesenn berichtete dann Dinge von den betreffenden Kran' 
ken, die diese lieber verschwiegen hätten oder deren sie sich z Zt nicht 
bewußt waren • gelegentlich sah sie im Bild vor sich die entsprechenden 
Personen aus der Psyche der Kranken. E. H i t s c h m a n n (Imago, xg 26) 
schreibt über ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsums ; dieser begab 
sich als Junge oft auf den Friedhof, fürchtete sich nicht ; eines Tages fand 
er ernen großen Zahn dort, den er mit nach Hause nahm; von da an 
erschien ihm ein großer rotbärtiger Mann, der ihn mit kalten Fingern 
anrührte auch wiederkam, allerdings nicht unfreundlich, als Hamsun de^ 
Zahn auf den Friedhof zurückgebracht hatte; später trat ÄS 
Hi t s c h m an n gibt als Erklärung den Kastrationskomplex an nTerhe 
gehört auch der Aufsatz von A. Winterstein: Zur Psa. des Spute 
(Imago 1926), der von der Redaktion nur unter Vorbehalt aufgenommen 
^Wmterstein ^beridtfet von «ebenFäUenvonSpufeerscheSeTS 
er glaubwürdig aufgezeichnet findet und schließt daran prinzipale E 
Orterungen. Zur Erklärung des scheinbar automatischen WiederhoW 
spukhafter Darstellungen (Polterns, Rumorens) zieht er den «neurotischen 
Wiederholungszwang» (Freud: Jenseits des Lustprinzips) heran. 
«Gewisse Spukfälle zeigen, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, eine 
weitgehende Analogie mit dem Traumleben der traumatischen Neurose, 
andere wieder mit der neurotischen Reproduktion während der Analyse' 
Um das Verständnis zu erleichtern, kann man nun nicht umhin, zur Hypo- 
these zu greifen, daß auch im Sterben so wie beim Einschlafen oder bei 
der Herstellung der analytischen Situation das verdrängte Unbewußte 
zur Herrschaft gelangt, nur daß dieses Unbewußte im Spuk und in den 
Symptomhandlungen des neurotischen Patienten agiert, zum Unter- 

rose 7 r m " oß J lalIuzinatorischen Traumleben der traumatischen Neu- 
TOS e. Zur ersten Kategone von Spukkundgebungen gehören jene Fälle "Z 

In dem w n /T atSamen ^ 0dei " durdl Selbs *™rd oder durch ein 

andere^ sYhrS,K n ? SZWang 1? Spuks Sei eine Wirkun S des Schuld- 
anderes Schreckerlebnis unmittelbar vor dem Tode verursacht erscheinen» 

frott%^ tr r afb ; d T fniS) " erkenne "' S ° daß ma » de " ^ ^s ein 
Produkt des Gestandmszwanges bezeichnen könne. Die Spukphänomene 

mit ihrer monotonen, automatischen Wiederholung einer und derselben 
Handlung erweckten den Eindruck, daß es sich nicht um das Überleben 
der ganzen Psyche handelt, sondern nur eines autonom gewordenen Vor- 
stellungskomplexes, einer fixen Idee, einer Zwangsvorstellung, und zwar 
da es sich häufig dabei um Geld handele, ließen sie sich häufig wohl auf 
analerotische und sadistische Regungen, «die ja bekanntlich die prägenitale 
Organisation der Zwangsneurotiker und die postgenitale alternder Men- 
schen, namentlich der Frauen sind, kennzeichnen». Diese Arbeit habe ich 






312 



ausführlicher referiert, nicht wegen eines etwaigen Wahrheitskernes in 
den Mitteilungen, sondern um eine Gefahr innerhalb der Psa. aufzuzeigen, 
von der später noch zu reden sein wird : der «psychischen Osmose», dem 
Sichstürzen auf festgeprägte Formulierungen und dem Jonglieren mit zu 
Wichtiger ist für uns die Arbeit von HeleneDeutsch: Okkulte 
Schlagworten gewordenen Begriffen. 

Vorgänge während der Psa. (Imago, 1926). Diese Arbeit führt uns auch 
hinüber zur Nutzanwendung. Sie sagt, der psychische Kontakt zwischen 
dem Analytiker und dem Analysanden sei ein so inniger, daß man erwarten 
könne, Bedingungen vorzufinden, die das Zustandekommen telepathischer 
Phänomene begünstigten. Die psa. Situation der freien Assoziationen 
sei die, in welcher die affektiv betonten Erinnerungen sich stets in statu 
nascendi befänden, d. h. aus dem Primärvorgang in den Sekundärvorgang 
(Freud) übergingen. Die Vorgänge während der Psa. ließen erkennen, 
daß die Voraussetzungen zur Entstehung eines okkulten Phänomens in 
ihr weitgehend gegeben seien. Freud sage in seinen technischen Rat- 
schlägen: «Man halte alle bewußten Einwirkungen von seiner Merkfähig- 
keit ferne und überlasse sich völlig seinem unbewußten Gedächtnisse». 
Der Analytiker «soll dem gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes 
Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysier- 
ten einstellen . . .». H. Deutsch sagt, was zwischen dem ersten Sinnes- 
anreiz und der nachträglichen intellektuellen Verarbeitung vor sich gehe, 
sei ein «okkulter», außerhalb des Bewußtseins liegender Vorgang; wir 
könnten von einer «unbewußten Wahrnehmung» durch den Analytiker 
sprechen : «analytische Intuition» ! H. Deutsch erzählt dann zwei Vor- 
kommnisse aus ihrer psa. Tätigkeit; sie konnte feststellen, daß affekt- 
betonte innerseelische Vorgänge in ihr selbst von den Patienten während 
der Analyse produziert wurden, die Analyse beeinflußten, obwohl keinerlei 
Übertragung durch die Sinne möglich gewesen sei, und sie schließt daraus, 
es scheine sich aus diesen direkt beobachteten Vorgängen zu ergeben, daß 
es Erregungen gäbe, die keine Sinnesempfindungen hervorriefen und doch 
im Psychischen eine solche Reaktion erzeugten, als würden sie physisch- 
körperlich gewirkt haben. «Jedenfalls scheinen die analytischen Er- 
fahrungen zu bestätigen, daß die .okkulten' Mächte in der Tiefe des 
Seelischen zu suchen sind und daß es auch hier der Psa. bestimmt ist, 
Klärung zu schaffen, wie sie es bei anderweitigen .geheimnisvollen' Vor- 
gängen der menschlichen Seele bereits getan hat». Pädagogische Schluß- 
folgerungen für die Psa. selbst schließt H. Deutsch ihren Ausführungen 

nicht an. 

Zusammenfassend ist zu sagen, daß es leider notwendig war, 
diese Literaturauszüge ausführlich nebeneinander zu stellen ; man hätte 
sonst kein rechtes Bild von den Anschauungen in beiden Lagern geben 
können. Die Parapsychologie nimmt also das Phänomen der Telepathie, 
die Fähigkeit, Gedanken anderer aus deren Bewußtsein oder auch Inhalte 
des Unterbewußtseins ohne Vermittlung der Sinne abzulesen, als positiv 

313 



existent an ; weiterhin, daß es dann auch möglich sein müsse, Gedanken zu 
senden an ein entsprechend aufnahmefähiges Hirn, auch über größere 
Entfernungen. Zur physikalischen Erklärung können wir uns heute nur 
mit der Annahme irgend welcher «Schwingungen» helfen. Was geschieht, 
wenn solche Schwingungen nun nicht aufgenommen werden, nicht «ver- 
braucht» werden, z. B. von Sterbenden? Sollen dann wirklich Spukerschei- 
nungen entstehen, die von medialen oder psychisch entsprechend dispo- 
nierten Menschen wahrgenommen werden können? Wie lange bleibt ein 
solcher Gedanke schweben, oder vielmehr der nicht abreagierte Affekt, 
der Wunsch, der Geständniszwang? Vielleicht gibt es noch einmal eine 
Spezialität: Psa.-tiker für Verstorbene. 

Im Schlaf soll der Mensch telepathischen Einflüssen am leichtesten 
geöffnet sein ; seine nach außen gewendeten Energien ruhen, er ist passiv, 
rezeptiv, quasi in einem Vorstadium der Hypnose. Es leuchtet ein, daß 
man deshalb gelegentlich bei Traumdeutung vorsichtig sein muß ; der 
Trauminhalt könnte eventuell gar nicht aus dem eigenen Unterbewußtsein 
des Patienten stammen, sondern von außen telepathisch vermittelt sein 
und so den Arzt auf eine falsche Fährte führen. Wie oft mag das vor- 
kommen ? 

Eine andere Überlegung gibt noch viel mehr zu denken, weil sie sicher 
viel öfter ihre Berechtigung hat. Helene D e u t s c h hat schon ausgeführt, 
daß gewisse Gefühle und Überlegungen des Analytikers auf den Patienten 
abfärben können. Zwar soll der Analytiker seine Gedanken und Emp- 
findungen ganz abstellen und nur im Zustand des Abwartens sein ; aber 
im Verlauf einer längeren Analyse (und welche dauert nicht lange?) wird 
der Patient und vor allem die Patientin immer mehr auf den Arzt ein- 
gestellt; die «Übertragung» ist doch für die Psa. eine «regelrechte» Er- 
scheinung; zuletzt ist der Patient nicht viel mehr als das Medium seines 
Arztes; in diesem Zustande ist nach der Kenntnis der Parapsychologie 
nun das Unterbewußtsein, um das sich ja alles dreht, besonders sensitiv, 
besonders aufnahmefähig, besonders bereit auch, sich zu spalten und als 
Teilich nach einer bestimmten Richtung zu laufen; natürlich entstehen 
dann während der Analyse Konflikte, Kämpfe, Explosionen, die Psa. zieht 
sich so in die Länge ; eventuell geht sie gut aus. Natura sanat, medicus 
curat ! Die cura des Arztes, seine Besorgtheit hat als Reiztherapie so viele 
Kräfte des Seelenlebens mobil gemacht, daß die natura des Kranken 
schließlich siegt; es muß schon erlaubt sein, gewisse Erfahrungen der 
leiblichen Medizin auf einige Fälle der seelischen Behandlung anzu- 
wenden . . . Aber davon abgesehen, während der Psa. ist der Patient 
allmählich irgendwie Medium des Arztes geworden; der Arzt analysiert 
als Schüler eines größeren Geistes nach einem bestimmten Schema, dessen 
Konstruktion und Tendenz mindestens das Unterbewußtsein des Kranken 
alsbald spürt und sich darauf einstellt ; was Wunder, wenn der Arzt schließ- 
lich alles zu hören bekommt, was er nach seinem System erwartet hat, 
selbstverständlich gefärbt durch die besondere Art des Mediums. Es ist 

3*4 



jedenfalls erstaunlich, wie sehr in Veröffentlichungen der einzelnen psa. 
Systeme (ich weiß sehr wohl, daß man das eigentlich so nicht sagen soll) 
immer wieder nur das aus dem Patienten herausgeholt und publiziert wird, 
was in das betreffende System paßt. Das wäre manchmal zu erklären aus 
dem oben geschilderten inneren Verhalten des Arztes und des Patienten 
zueinander. 

Wir wissen aber auch, vornehmlich durch Bleulers Arbeiten über 
das autistische Denken, wie oft ein Arzt, in seinem System gefangen, nur 
noch Wahrnehmungen machen kann, die in sein System passen. Gelegent- 
lich ist es amüsant zu lesen, wie solche psa. Systemschüler z. B. über 
Konferenzen in ihren Zeitschriften berichten, an denen man selbst teil- 
genommen hat ; man sieht dann fast immer, daß über den vollen Sieg des 
Systems durch Vermittlung des Referenten berichtet wird, außerdem sehr 
ausführlich über alles, was er und seine Gesinnungsgenossen gesagt haben, 
während das übrige sehr unter den Tisch fällt; vielleicht ist das prak- 
tisch, weil nach der ganzen Einstellung die Äußerungen der anderen für 
die Gesinnungsgenossen irrelevant sind; aber diese Art der Berichter- 
stattung und eiligen Stellungnahme zieht natürlich Selbstbeweihräuche- 
rung, Kritiklosigkeit und Sektenbildung groß, begünstigt die psychische 
Osmose. 

Aber nicht nur im einzelnen Arzt oder innerhalb einer wissenschaft- 
lichen Schule tritt solches autistisches Denken oder psychische Osmose auf 
(Osmose, indem bereitliegende Begriffe und Formulierungen neue Ein- 
drücke [z. B. Wahrnehmungen an Patienten] ergreifen und sie sich assi- 
milieren, mit ihnen zu einer neuen adäquaten Einheit verschmelzen), son- 
dern ganze Länder und ganze Zeitalter zeigen bekanntlich diese Erschei- 
nung. Die Psa. dieses «Zeitgeistes», dieses «Überichs» wird noch mehr be- 
trieben werden müssen; historisch, aus niedergelegten Erinnerungen, 
Sitten- und Kulturgeschichte ist es bei aller Täuschungsmöglichkeit leich- 
ter durchzuführen, als die Erforschung des augenblicklichen «Zeitgeistes», 
obwohl dies praktisch viel wichtiger wäre ; aber da man selbst in diesem 
Zeitgeist lebt, ist man viel stärker determiniert, an Bekenntnisse und im 
Unterbewußtsein an Erinnerungsbilder gebunden, erst recht autistisch und 
der psychischen Osmose ausgesetzt. Pfister hat am Beispiel des Apostels 
Paulus gezeigt (s. o.), wie dieser Mann im Gedankenspiel und in der Ge- 
fühlswelt seiner und der vorangehenden Zeit stand und wie seine «okkul- 
ten» Erlebnisse hierdurch beeinflußt wurden. Bösartige Skeptiker tref- 
fen deshalb so oft den Nagel auf den Kopf, weil sie keine positive Bindung 
haben — um so mehr aber negative. 

Manche Menschen sind telepathisch auf einzelne andere Menschen 
eingestellt, sind nicht deutlich allgemein telepathisch ; diese Fälle verlangen 
natürlich besonders nach einer psa. Untersuchung ; dann entdeckt man da- 
hinter meist eine allgemein telepathische Disposition ; die auf einen ein- 
zelnen beschänkte (z. B. der Ehefrau auf den Mann) beruht meist auf 

315 






einer Angst ihn zu verlieren, resp. auf dem unbewußten Wunsch, es möchte 
so kommen; jeder Erfahrene kennt solche Fälle. 

Eigentlich müßte man alle Medien mit telepathischen und ähnlichen 
Fähigkeiten psa. untersuchen ; aber wahrscheinlich würden die wenigsten 
darauf eingehen, da sie mit Recht fürchten könnten, dann ihre «okkulten» 
Fähigkeiten zu verlieren. Daher kommt es wohl auch, daß wir so gut wie 
gar keine Analyse eines bekannten Mediums haben, zumal die Para- 
psychologen, erst recht die eigentlichen Okkultisten, der Psa. nicht freund- 
lich gegenüberstehen. 

Im vorhergehenden haben wir einigemale Berichte über Mystik be- 
rührt und den Kreis des Religiösen gestreift. Bei der gänzlichen Hingabe 
an . daS Re]i g iöse > bei dem Sichöffnen für das Höchste Gut muß naturge- 
mäß äußerste Passivität vorhanden sein, ein mediales Sicheinstellen auf 
die höhere Welt und ihre Äußerungen oder deren sichtbare Träger; es 
ist klar, daß bei solchem Zustand parapsychische Erscheinungen auf- 
treten können, Ekstasen, Visionen, telepathische Phänomene, sogar körper- 
liche Veränderungen, wie heute bei der Konnersreuther Therese. Aber die 
Ursachen dieser durch den Eintritt in eine vergöttlichte Welt hervorgeru- 
fenen Erscheinungen sind oft sehr sündhafter Natur, der Kampf gegen 
die «Sünde», gegen den «Erbfeind», ganz sichtbar oft die einfache Ver- 
drängung sexueller Empfindungen, verursachten die Sublimierung. Sehr 
instruktiv wird dieses Problem in dem Buch von James H. Leuba : 
Die Psychologie der religiösen Mystik (München 1927) behandelt; das 
Letzte des Religiösen und der echten Mystik geht in Leuba nicht ein, aber 
unterhalb dieser Linie ist sein Buch sehr instruktiv. Als Roman hat dies 
Thema behandelt : Bernanos, die Sonne Satans ; in diesem franzö- 
sischen Priesterroman wütet der arme Held gegen sein Fleisch, dann 
gegen den ihn überall versuchenden Satan selbst ; parapsychologische und 
psa. Ahnungen laufen nebeneinander her. Es hat den Anschein, als ob 
Psa. und Parapsychologie außerhalb ihrer wissenschaftlichen Bereiche 
sich schneller miteinander verbinden würden als innerhalb. 



Imago; Internat. Zeitschrift f. Psa.; Zentralblatt f. Psa.; Jahrbuch f. psa. 
Forschungen; Zeitschrift f. Individualpsychologie ; Freuds Schriften. — Zeitschrift 
f. kritischen Okkultismus; Der Okkultismus (Zeitschrift) ; Richard Bacrwald: Ok- 
kultismus und Spiritismus, Berlin 1926; ders. : Die intellektuellen Phänomene, 1025. 
Zeitschrift f. Parapsychologie; James H. Leuba: Die Psychologie der religiösen 
Mystik, München 1927 ; Georg Bernanos : Die Sonne Satans, Hellerau 1927. 



316 






C LEBEN UND SCHAFFEN 

ÄRZTLICHES HANDELN UND 

PSYCHOANALYSE 

von Carl Haeberlin 

Die jeweilige ärztliche Wissenschaft und ärztliche Tätigkeit sind stets 
aufs nächste verbunden mit den großen Leitgedanken und den maßgeben- 
den Betrachtungsweisen ihres Zeitalters: die Medizin ist ein Abbild 
der Zeitgedanken, gespiegelt in den Bemühungen um Erkennung und Be- 
handlung von Krankheiten. Im Gegensatz aber zu früheren Epochen, wo 
sich an einen großen Namen einigermaßen einheitliche Schulen anschlie- 
ßen konnten, ist es heute, entsprechend der Vielgestaltigkeit, der Unaus- 
geglichenheit, dem gärenden und in tausend Abtönungen schimmernden 
unstetigen Charakter der Zeit so, daß auch die Medizin innerhalb und 
außerhalb der Hochschulen kein einheitlich bestimmtes Gesicht zeigt, son- 
dern daß in ihr die allerverschiedensten Betrachtungsweisen und Behand- 
lungsarten unvermittelt nebeneinanderstehen; daß infolgedessen oft die 
Vertreter der verschiedenen Richtungen ihre Sprachen gegenseitig nicht 
verstehen. Um die Behandlung ein und derselben Störung — es sei an 
die Basedowsche Krankheit und an das Magengeschwür erinnert — ringen 
miteinander Innere Medizin und Chirurgie und diese wieder mit der 
Psychotherapie. Die Stichworte Bakteriologie, Konstitutionspathologie, 
Typenlehre, Biologie der Person, Innere Sekretion, Chemotherapie, Strah- 
lenbehandlung, psychophysische Methoden seien nebeneinandergestellt, 
um an unübersehbare Vielfältigkeiten innerhalb ärztlichen Wirkens zu 
erinnern. Mit gründlich durchgearbeiteten Einzelbeobachtungen, mit wis- 
senschaftlich genau belegten Gedankenreihen, mit Berichten und Stati- 
stiken wird für Anschauungs- und Behandlungsweisen Zeugnis abgelegt. 
Aber die grundlegenden Überzeugungen, auf denen Betrachtung und Be- 
handlung sich aufbauen, sind von mannigfaltiger und höchst verschie- 
dener Artung und im letzten doch bestimmt und abhängig von der Wesen- 
heit ihrer Träger, der Ärzte, unter denen sich die verschiedensten geistigen 
Typen als Führer und Förderer in Wissenschaft und Praxis finden. So 
steht der Stand der Ärzte nicht geistig einheitlich, sondern in höchst ver- 
schiedenartigen Einzelausprägungen, auch als Zeiterzeugnis, vor einem die- 
ser Vielgestaltigkeit entsprechenden Gegenwartshintergrund, in dessen un- 
ablässig gegeneinander sich verschiebenden Perspektiven die großen Zeit- 
mächte der Rationalisierung, Technisierung, Mechanisierung, des Willens 
zu Macht und Besitz mit den in jeder lebendigen Einzelerscheinung und 
im Gesamtleben sich verwirklichenden Mächten des Lebens in Kampf und 
Gegensätzlichkeit stehen. 

Bei dieser Gesamtverfassung der zeitabhängigen Medizin und ihrer 
Vertreter, der Ärzte, ist es natürlich, daß eine auch ihrerseits schnell zu 

317 



großer innerer Vielfältigkeit gelangte und allem Bisherigen völlig un- 
vergleichliche Erscheinung, wie die Psa., auf sie keinen einheitlichen Ein- 
fluß ausüben konnte, sondern daß ihre Einwirkung und ihr Widerhall in 
sehr verschiedenartiger Weise sich zu erkennen gibt. In der Medizin ist 
der Psa. genau die entsprechende Aufnahme zuteil geworden, die sie in 
der übrigen Welt auch gefunden hat. Einzelne sind völlig bejahend mit- 
gegangen, viele haben scharf und heftig abgelehnt, und sehr viele haben 
keine bestimmte Stellung genommen, teils weil sie um die zur Erörterung 
stehenden Fragen sich zu kümmern das seelische Organ nicht besitzen, teils 
weil sie fühlen, daß hier Bedeutsamstes sich entrollt, von dem aber fern- 
zubleiben eine gewisse Witterung für ungesuchten zukünftigen Entschei- 
dungszwang sie veranlaßt haben mag. 

Wenn wir in den folgenden Blättern die Beziehung des psa. Welt- 
bildes zum ärztlichen Handeln betrachten, so kann es nur um die Haltung 
der Ärzte gehen, die in den Erkenntnissen der Psa. wirkliche Werte sehen, 
welche in der einen oder anderen Form bestimmend in ihr Handeln hinein- 
wirken; und es kann sich wieder nur um die Beziehung der eigentlich 
Freudschen analytischen Gedanken und Einsichten zur ärztlichen Tätig- 
keit handeln. Der Inhalt, die Ausbreitung und die Methoden der aus der 
Psa. hervorgegangenen Individualpsychologie, die mehr und mehr zu einer 
praktischen Erziehungswissenschaft wird und die von der Befassung mit 
weltanschaulichen und das menschliche Wesen betreffenden Fragestel- 
lungen schon längst recht weit abgerückt ist, kommt an dieser Stelle nicht 
in Betracht. 

Ein vielseitig gebildeter und mit Seelenbehandlungsproblemen stark 
sich beschäftigender Arzt antwortete uns einmal auf die ihm gestellte 
Frage, ob er auch Psa. durchführe : «Das nicht, aber ich tue Vieles, was 
ich ohne die Psa. nicht täte und nicht tun könnte». Diese Äußerung kenn- 
zeichnet die Haltung zahlreicher tiefer blickender Ärzte, die zwar nicht 
oder nur selten die eigentliche Analyse ausüben, die aber aus den analyti- 
schen Gedankengängen, die sie grundsätzlich verstehen, bedeutende An- 
regungen gewonnen haben. 

Zu den eigentlichen Erkenntnissen der Psa. rechnen wir unter an- 
derem die Einsicht, daß die Gestaltung der Lebenstriebkräfte im einzelnen 
bestimmte Organisationsstufen durchläuft, ferner die Einsicht, daß die 
als Ödipuskomplex zusammengefaßten Erlebniszusammenhänge in der 
einen oder anderen Form in jedem Menschenleben sich finden und die 
Wurzel zahlloser Spannungen und Konflikte bilden; zählen wir die be- 
griffliche und praktische Erfassung des Widerstandes, der unbewußt den 
auf Lageveränderungen innerhalb des Daseins gerichteten Bemühungen 
entgegengesetzt wird, ferner die Findung der Tatsache der Verdrängung 
als eines häufigen innerseelischen Geschehens, weiterhin die Feststellung, 
daß der Traum und das neurotische Symptom einen oft enträtselbaren 
Sinn haben, rechnen wir vor allem die grundlegende, durch Beobachtungen 
an Neurotikern bewirkte Entdeckung Freuds, daß es unbewußte Seelen- 

3i8 






Vorgänge gibt. (Daß nicht Freud, sondern Goethe der erste Erkenner 
des unbewußten Seelenlebens ist, und daß das Goethische ebenso wie das 
ihm sich anschließende Unbewußte der Romantik, wie es insbesondere von 
C. G. Carus in seiner «Psyche» dargestellt ist, etwas viel Umfassenderes 
ist, als das zunächst vom Rationalen abgeleitete Unbewußte Freuds, sei 
hier nur in parenthesi bemerkt; jedenfalls aber hat von der Seite der 
Naturforschung im 19. Jahrhundert niemand vor Freud das Unbewußte 
gesehen und niemand hat innerhalb der Naturwissenschaft um die Wende 
des 20. Jahrhunderts die geringste Notiz von Goethes und der romanti- 
schen Lebensdenker Problemstellungen zu diesen Fragen genommen. 
Freud ist hier tatsächlich der erste, der als Naturforscher im Sinne der 
gegenwärtigen Naturwissenschaft ohne jede Verbindung mit Goethe und 
der Romantik diese unbekannten Gebiete betrat.) 

DieTiefendimension. Für den Arzt, der unter den Gesichts- 
punkten dieser Erkenntnisse dem kranken Menschen gegenübersteht, 
wächst im Vergleich zu allen bisherigen Betrachtungsweisen die Tiefen- 
dimension des Kranken in einer von diesen Erkenntnissen eigengesetzlich 
bestimmten Weise. Den stärksten Anteil an diesem Wachstum der Tiefen- 
ausdehnung des Bildes des kranken Menschen — und von da aus auch 
des Bildes «Mensch» überhaupt — hat ohne Zweifel die Einbeziehung der 
weiter und weiter sich dehnenden Sphäre des seelisch Unbewußten. War 
bisher fast immer und überall die Betrachtung des Menschen mit der 
Betrachtung des bewußten Menschen gleichbedeutend, so hat innerhalb 
des Kreises der naturwissenschaftlich eingestellten Medizin und Psycho- 
logie zum ersten Male Freud den Menschen in den Zusammenhängen 
seines unbewußten Seelenlebens gezeigt. Damit rückt der vorher allein 
als eigentliches Menschendasein gewertete Kreis des bewußt Menschlichen 
in viel weitere Sphären ein ; das bewußte Dasein wird erkannt als umlagert 
von grenzenlos ausgedehnten unbewußten Bereichen, als welche Freud 
zwar zuerst nur die Bezirke des vorher bewußt Gewesenen und dann Ver- 
drängten gesehen hat, die aber von anderen, am nachdrücklichsten von 
Carl Gustav Jung, weit über alle persönlichkeitsabhängigen Schichten 
hinaus ins Überindividuelle vorgeschoben sind, das in den kollektiv oder 
absolut unbewußten Schichten des Lebens beheimatet ist. Jedes persön- 
liche Leben, in dessen psychischem Brennpunkte das im Erwachen rhyth- 
misch kommende und mit jedem Einschlafen rhythmisch wieder ins Un- 
bewußte schwindende persönliche Bewußtsein sich findet, ist unterlagert 
von vitalen Grundschichten, in denen es wurzelt und aus denen es gespeist 
wird, durch die es unmittelbar verbunden ist mit dem Leben vergangener 
Äonen. Gehört die Tatsache dieser Verbundenheit auch nicht den Grund- 
lehren Freuds unmittelbar an, so ergibt sie sich doch aus seiner Erkenntnis, 
daß es unbewußtes Seelenleben überhaupt nicht gibt. Mit der Einsicht in 
diese Zusammenhänge aber wächst die Tiefendimension des Menschen 
für den Betrachter ins Unermeßliche ; das persönlich Unbewußte sieht 
er erfüllt von allen Inhalten des bisher geführten individuellen Lebens, 

319- 



bewußtseins fähigen oder bewußtseinsunfähig gewordenen Erlebnissen, 
Erinnerungen, Erleidnissen, Regungen, Strebungen, das tiefere kollektiv 
Unbewußte aber als den seelischen Ort aller bewußtseinslosen, zeugenden, 
bildenden und umgestaltenden Mächte des Lebens. So gesehen, gewinnt 
der Einzelmensch nach innen zu eine unergründliche Tiefenausdehnung. 

Allerdings erweitert nach anderen Richtungen hin die Einsicht in 
die großen typischen Bindungen an die Eltern auch in hohem Maße das 
Bild des Einzelmenschen, der damit als in Verbundenheiten stehend er- 
kannt wird, die den Bereich seines Einzeldaseins auch nach außen weit 
überschreiten. Die schulmäßig klinische Betrachtung hatte den Arzt ge- 
lehrt, den Kranken unter den der naturwissenschaftlichen Erkennung 
zugänglichen Betrachtungsweisen anatomischer, chemisch-physiologischer 
und an ihnen orientierter pathologischer Gesichtspunkte zu erfassen. 
Ihnen gesellten sich in den letzten zwanzig Jahren noch die aus der Ver- 
erbungswissenschaft und der Immunbiologie stammenden hinzu, denen 
weiterhin die aus der schon in besonderer Weise die lebendige Ganzheit 
erfassenden konstitutionspathologischen allmählich angefügt wurden. 
Etwa seit dem Ausgang der 8oer Jahre hatten psychologische Gedanken- 
gänge, mannigfache Versuche, auch das Seelische im Menschen ins Ge- 
sichtsfeld der Medizin zu ziehen, sich bereits bemerkbar zu machen an- 
gefangen. Aber keine dieser Bemühungen auf erkenntnismäßigem Ge- 
biet haben da, wo sie überhaupt sich durchgesetzt haben, eine ähnliche 
Stoßkraft gezeigt, wie die Gedankengänge der Psa., die zwar auch viel- 
fach wirkungslos abgeprallt, aber dafür dort, wo sie überhaupt eingedrun- 
gen sind, in viel tiefere Schichten hinabgegriffen haben, als etwa auf die 
Medizin angewendete psychologisch-neovitalistische Gedankengänge oder 
als Theorie und Praxis der Hypnose ; und zwar weil sie die Tiefendimen- 
sion des betrachteten Kranken so mächtig erweitert und bis in dunkle 
Untergründe vorgeschoben hat, die in dem Augenblick, wo man sich ihnen 
nähert, anfangen, sich mit unermeßlich wogendem Leben erfüllt zu zeigen. 

Wer als Arzt die oben genannten Erkenntnisse der Psa. in seine Be- 
trachtung des ihm gegenübertretenden kranken Menschen einbezieht, dem 
weitet sich dieser Mensch nach den verschiedensten Richtungen hin, er 
sieht ihn in viel größeren und tieferen Zusammenhängen. Erlebnisse, wie 
das hier kurz zu beschreibende werden zu täglichen Vorkommnissen : Der 
35jährige Patient B., Landwirt in einem Dorfe, kommt zur Sprechstunde, 
um wegen seines Appetitmangels Rat nachzusuchen. Er ist bereits 14 Tage 
in klinischer Beobachtung gewesen und legt die Ergebnisse stattgehabter 
chemischer Mageninhaltsuntersuchungen und vorgenommener Röntgen- 
durchleuchtung vor; dabei sind am Magen, wie übrigens auch an allen 
anderen Organen völlig normale Befunde erhoben worden, was die Nach- 
prüfung bestätigt. Man hat ihm Tropfen und Arznei gegeben, aber es 
schmeckt nach wie vor nicht und er möchte jetzt andere Verordnungen 
haben. Die Tatsache, daß ein an sich gesunder Mann nicht essen mag, 
veranlaßt bei dem mit psa. Einsichten Vertrauten die Vermutung, daß 

320 



-A. 



dieses Nichtessenwollen eine im Seelischen verankerte Bedeutung hat, mit 
der unbewußte Strebungen diesen Menschen zu einem so ungeeigneten, 
seine Lebensbetätigung beeinträchtigenden Verhalten zwingen. Wir lassen 
uns von den Umständen erzählen, unter denen das Nichtessenwollen auf- 
trat. Der Patient ist überzeugt, sie zu kennen: es war vor etwa einem 
halben Jahre, als er sich bei der Holzarbeit im Walde erkältete und von 
einer nachfolgenden Lähmung der linken Gesichtshälfte befallen wurde. 
Er lag dann eine Weile in einem Krankenhause, wo er Schwitzkuren und 
elektrische Behandlung durchmachte, nach vier Wochen war es gut. Aber 
als er heimkam, war's mit der Eßlust vorbei, und seitdem ist sie fort. 
Er erzählt dann weiter, daß er dort im Krankenhaus viel Zeit gehabt habe 
zum Nachdenken, daß ihn sein Vater oft, seine Frau seltener besucht habe. 
Und wir erfahren ferner, daß er auf dem Hof des Schwiegervaters wohnt, 
der ihn kurz hält, viel arbeiten läßt und getroffene Vereinbarungen nicht 
einhält ; daß die Frau mehr zu ihrem Vater als zu ihm hält, daß sein 
Vater ihn aber oft ermahnt, sich nicht ausnützen zu lassen, daß ihn aber 
selbst das ganze Dasein mit all dem Verdruß nicht mehr freut und daß 
er keine Lust zur Arbeit und zum Leben mehr hat. Mit einem Male sehen 
wir das Symptom des Appetitmangels gewissermaßen eingebettet in ein 
großes Gewebe von Lebensbeziehungen, die mit ambivalenten Eltern- und 
Gattenbeziehungen durchsetzt sind und aus deren Vielfältigkeit das eine 
Symptom sich gewissermaßen verdichtet hat als Ausdruck der in ihnen 
ausgeprägten gegensätzlichen Strebungen, deren Ergebnis für den Patien- 
ten den im wahren Wortsinn Leidenden, eine im Widerwillen gegen die 
lebenserhaltende Nahrungsaufnahme sich äußernde unbewußte Lebens- 
verneinung ist. In eindringenden Unterhaltungen werden dem Kranken 
diese Beziehungen dargelegt und mit zunehmendem Umfange der erlebten 
Einsicht schwindet die Störung unter Gewichtszunahme. Dieses Hinein- 
rücken der geklagten Krankheitserscheinungen in den großen Umfang 
eines ganzen Lebens mit der Vielheit seiner Beziehungen kann nur dem 
Arzt gelingen, dem Grunderkenntnisse der Analyse geläufig sind ; und es 
muß anerkannt werden, daß zwischen der griechischen Tragödie auf der 
einen Seite, die das ödipusproblem — das furchtbare Schicksal des Men- 
schen, der den Vater erschlägt und die Mutter freit — in seinem Symbol- 
gehalt als tiefmenschliche Verkettung erfaßt hat, und auf der anderen 
Seite Freud, niemand, aber auch niemand steht, der diese Beziehungen 
samt den in ihnen möglichen Abweichungen und Abwandlungen bis zu 
ihren Wurzeln erkannt und durchschaut hat. In unserm Fall, der keiner 
planmäßigen Analyse unterworfen wurde, handelt es sich gewiß um 
keinen reinen und einfachen ödipusfall ; aber mehrere zum Ödipuspro- 
blem in naher Beziehung stehende Züge sind bei ihm vorhanden und ohne 
ihre richtige Wertung hätten die Verhältnisse gar nicht geklärt werden 
können. Der Patient selbst steht hier zum eigenen Vater nicht in negativer, 
sondern mindestens in teilweise stark positiver Bindung, während die 
Frau positiv an ihren gegengeschlechtlichen Elternteil, ihren eigenen Vater 

«l Prinzhorn, Psa. 9 21 



gebunden ist, woraus eine Konfliktslage zwischen dem Patienten und ihr 
entsteht. Sicher würde eine genauere Analyse hier noch sehr viel mehr 
gefunden haben, aber das Gesagte konnte zur Aufhellung genügen und 
es zeigt, wie unter Umständen ein Krankheitssymptom eines Menschen 
erst verstanden und dann sinnvoll behandelt werden kann, wenn auch 
des Kranken Umgebung unter Heranziehung psa. Erkenntnisse gesetz- 
mäßiger Lebenszusammenhänge betrachtet wird. 

Für das ärztliche Handeln ergibt sich aus der gewaltigen Vermehrung 
der Tiefendimension des kranken Menschen bei seiner Betrachtung unter 
psa. Erkenntnissen, daß es ganz gewiß bedeutsam ist, wenn Einblicke von 
der angedeuteten Umfänglichkeit in die Lebenszusammenhänge des Rat- 
verlangenden gewonnen werden, denn um so eher wird der Arzt imstande 
sein, in wirklich entsprechender Weise helfend einzugreifen. Diese Ein- 
sicht zeigt auch sogleich wieder die Unzulänglichkeit aller menschlichen 
und ärztlichen Bemühungen, denn es ist völlig unmöglich, daß nun wirk- 
lich jeder neurotische Krankheitsfall auch nur so weit aufgeklärt wird, 
daß gewissermaßen die Grundstruktur seines besonderen Bildes unter der 
Oberfläche erkennbar wird. Dazu gebricht es jedem nur einigermaßen 
beschäftigten Arzt durchaus an der nötigen Zeit. Denn wir müssen wissen, 
daß unter der großen Zahl der Leidenden, die den Arzt aufsuchen, un- 
gezählte Neurotiker sind, für deren Beschwerden der Praktiker oder gar 
der Spezialist sehr geneigt sind, substantiell-organische Unterlagen anzu- 
nehmen und zu finden. Denken wir der Kranken mit Schmerzen in den 
verschiedensten Gegenden, mit Herzklopfen, mit den mannigfachen 
Magen- und Darmstörungen, mit den zahlreichen abnormen Empfindun- 
gen in allen möglichen Bezirken, mit Schlaflosigkeit, der Frauen mit den 
Menstrualbeschwerden, die in der täglichen Sprechstunde des Arztes sich 
einfinden — wieviel neurotische Projektionen sind fast bei ihnen allen 
vorhanden. Wieviel Befunde werden da erhoben ; aber wer beweist, daß, 
wenn wirklich ein Befund da ist, mit ihm auch schon die letzte Ursache der 
Beschwerden entdeckt ist? Wissen wir nicht alle, daß der gleiche, als 
Befund feststellbare Zustand — etwa eine Rückwärtslagerung der Gebär- 
mutter oder eine Verbiegung der Nasenscheidewand — im einen Fall nicht 
die geringsten Beschwerden macht, im anderen, anatomisch genau glei- 
chen, für den Ursprungsherd stärkster Beschwerden gehalten wird? Wo 
aber ein solcher Befund seinem Träger oder seiner Trägerin erst einmal 
als pathogene Wirklichkeit zum Bewußtsein gekommen — in der Sprache 
der Psa. : mit Libido besetzt — ist, da lenkt er häufig immer mehr In- 
teresse (Libido) seines Trägers auf sich und zieht Behandlungsarten an, 
die mehr oder weniger eingreifend sind und, wie Operationen, umgestal- 
tend wirken, mit denen dann neue psychische Zusammenhänge geschaf- 
fen werden, deren Ausbreitungen sich in sehr tiefe Persönlichkeitsbezirke 
erstrecken. Wir wollen nicht mißverstanden werden: wir schätzen den 
Wert vieler Operationen sehr hoch ; mit vielen kann Leben, Gesundheit, 
Arbeitsfähigkeit erhalten, können Leiden vermindert werden. Aber wir 

322 



weisen auch da, wo wir von der Vermehrung der Tiefendimension in 
der Menschenerkenntnis reden, daraufhin, daß sehr viele Operationen 
ihre Wurzeln nicht nur in abstrakten wissenschaftlichen Ergebnissen 
haben, sondern daß sie auch psychologische Wurzeln in den unbewußten 
Bereichen des Seelenlebens von Operateuren und Patienten besitzen, in 
Bereichen, die die Psa. zuerst gesehen hat, wo die verschiedenen unbe- 
wußten und ambivalenten Lebenskräfte und Todesstrebungen beheimatet 
sind, aus denen die von ihnen abhängigen Leidbewirkungslust (Sadismus) 
und die Erleidelust (Masochismus) emporwachsen. Die Psychologie der 
operativen Behandlungen ist noch zu untersuchen. Sie wird in tiefe 
Schichten des menschlichen Seelenlebens zu dringen haben, damit gezeigt 
werden kann, in welcher Beziehung die Anwendung technisch operativer 
Methoden auf die lebendige Organisation zu unbewußten Wünschen des 
Menschen steht, und auch hier werden die Erkenntnisse der Psa. den 
Weg zu neuen Tiefenausdehnungen weisen. 

Das Symptom. Wer durch die Schule psa. Erkenntnisse ge- 
gangen ist, der weiß, daß an diesen oder jenen Befund erkennbarer körper- 
licher Störung sich leicht neurotische Erscheinungen heften, daß auf diese 
Weise Fixationen für symbolbeladene Symptome geschaffen werden, deren 
anwachsende subjektive Bedeutung die Geringfügigkeit der anatomischen 
oder funktionellen Änderung vielfältig übertreffen kann. Der psa. Ge- 
schulte weiß ferner, daß in der ganz erdrückenden Mehrzahl allerFälle 
von Beschwerden das Symptom nur dann in vollem Umfang erkannt wer- 
den könnte, wenn auch seine ins Unbewußte reichenden seelischen Wur- 
zeln klarliegen ; und diese Wurzeln reichen fast immer weit über das hin- 
aus, was man als Einzelpersönlichkeit anzusehen gewohnt ist. Es gibt kein 
Symptom, keine Beschwerden, die nicht irgendwie mit psychischen Ele- 
menten gekoppelt wären. Aber diese Einsicht in das Verbundensein von 
allen auch somatisch begründeten Krankheitserscheinungen mit seelischen 
Anteilen bewahrt den Arzt wiederum vor einer übertriebenen und das 
Körperliche übersehenden Ausdeutung jeden Symptoms allein nach der 
Seite des Psychogenen hin. In den dem Arzt entgegentretenden Krank- 
heitserscheinungen finden sich viele, wie Verletzungen, Vergiftungen, die 
Vorgänge bei Infektionskrankheiten, wo materiell-gegenständliche Ele- 
mente in die lebendige Organisation hineingreifen und als Störungen klar 
erkennbar sind; sie wirken aber damit auch stets in die psychische Sphäre 
des Betroffenen hinein und die Art und Weise, wie einer nun auf solche 
Wirkungen anspricht, hängt durchaus von seiner seelischen Eigenart, von 
der Gesamtheit seines im Unbewußten gegründeten Seelenge füges ab. So 
ist jedes Symptom, das eigentlich neurotische wie auch das nichtneu- 
rotische, schon ein vielgestaltiges, der materiell-somatischen und der psy- 
chischen Sphäre gleichzeitig angehöriges Gebilde und deshalb auch in 
vielen Fällen auf den ganz verschiedenen Wegen physikalischer, arznei- 
licher, operativer und psychotherapeutischer Behandlung gleicherweise 
mit dem Ergebnis einer Besserung oder gar Heilung angreifbar — wobei 

21* 323 



immer zu berücksichtigen bleibt, daß alle an das Symptom herangebrachte 
Behandlung einschließlich der psychotherapeutischen und psychoanaly- 
tischen etwas von außen Herangetragenes bleibt, dem das auch im un- 
abhängigen Wandel aller Erscheinungen befindliche Symptom gegenüber- 
steht als aus eigenem Gesetz gestaltet und umgestaltet von den Mächten 
vitalen Geschehens, aus denen es erzeugt wird. Der Vielgestaltigkeit des 
Symptoms, in dem Körperliches und Seelisches zusammenfließt, entspricht 
seine Vielbeeinflußbarkeit ; je ausgesprochener aber ein Symptom vor- 
wiegend körperlich oder vorwiegend seelisch bestimmt ist, um so größer 
die Wahrscheinlichkeit, daß es, in ursprungsgemäßer Weise erfaßt, auch 
der Heilung entgegengeführt wird; um äußerste Fälle zu nennen: ein 
tiefer Abzeß heilt nur, wenn das Messer des Chirurgen ihn eröffnet hat, 
eine Zwangsneurose nur, wenn ihre Bedeutung dem Patienten ins Be- 
wußtsein gehoben ist. Aber es gibt auch eine Ambivalenz vieler Sym- 
ptome der Behandlung gegenüber : übermäßig starke Menstrualblutungen 
können nach einem Curettement und können nach psychotherapeutischer 
Behandlung schwinden. Wer in die tiefen Lebenszusammenhänge Ein- 
blick gewonnen hat, der weiß, daß eine psa. Deutung und eine chemisch- 
physikalische Deutung eines Symptoms sich nicht auszuschließen brauchen • 
das Schwangerschaftserbrechen kann, wie Freud lehrt, auf Abneigung 
gegen den Mann beruhen, es kann, wie Kliniker und Gynäkologen dartun, 
chemisch-toxisch bedingt sein, und doch können beide Ursachenreihen 
in der Tiefe zusammenhängen; abnorme und Erbrechen bewirkende 
Stoffe können da gebildet werden, wo unbewußte Ablehnungen gegen 
den Erzeuger des Kindes vorhanden sind. Um uns zu vergegenwärtigen, 
wie nahe innere Absonderungen und psychische Haltungschwankungen 
zusammenhängen, brauchen wir nur an den Basedow zu denken, der vom 
seelischen Ausdruck her gesehen, wie v. Bergmann es bezeichnet hat, 
den «Schreck in Permanenz» darstellt und der mit Bildung abnormer 
Schilddrüsenstoffwechselerzeugnisse einhergeht. 

D e r W i d e r s t a n d. Zu den für alles ärztliche Stellungnehmen, 
Urteilen und Handeln ganz besonders bedeutungsreichen Ergebnissen der 
Psa. ist die Feststellung zu rechnen, daß es jenen Widerstand gibt, als 
welcher die Kraft bezeichnet wird, mit der ein Symptom festgehalten, 
ein unbewußter seelischer Vorgang in der Verdrängung erhalten wird. 
Im Besitz des Wissens um diesen Widerstand vermag der Arzt ungezählte 
Erscheinungen und Verläufe von Störungen, die irgendwie den neuroti- 
schen Zusammenhängen angehören, allein wirklich zu verstehen und zu 
erfassen. Der Widerstand ist auch jene Macht, die beim lebendigen Men- 
schen bewirkt, daß er vielfach ein traumähnliches Dasein führt, das die 
Bewußtwerdung vieler Zusammenhänge im Leben für den Erlebenden 
vollständig verhindert und das Geschehene verschleiert, der bewirkt, daß 
des großen Seelenkenners Heraklit Wort für jede Zeit wahr ist, das lautet : 
Die Menschen freilich wissen nicht, was sie im Wachen tun, wie sie ja 
auch vergessen, was sie im Schlafe tun. Eine ungeheure Macht, die das 

324 



Bewußtsein zahlreicher Lebensinhalte und Lebensbeziehungen hemmt 
oder verhindert, beherrscht das Menschendasein. Freud hat sie Verdrän- 
gung genannt und ihre Dynamik als Widerstand bezeichnet. 

Der von Freud zuerst in der Neurosenbehandlung gesehene und er- 
kannte Widerstand ist eine der großen Gesetzlichkeiten des menschlichen 
Seelenlebens, aufs engste verknüpft mit der dem Menschenschicksal zu- 
gehörigen und immer wieder mit neuen Maßnahmen überbrückten Kon- 
fliktslage. Die Bedeutung des neurotischen Symptoms, eben dieses Über- 
brückungsversuches, rückt für den Arzt, dem es in der täglichen Praxis 
vielfältig begegnet, in ein völlig neues Licht, wenn er aus den psa. Er- 
gebnissen erfahren hat, wie stark die unbewußte Bindung des Menschen 
an das bei allem Leiden auch eine Befriedigung darstellende Symptom 
ist. Von der Kraft dieses Widerstandes, von seinem plötzlichen und ge- 
waltsamen Sichaufbäumen bekommt man den besten Begriff, wenn man 
an symptomgebundene Menschen, für sie unerwartet, den Gedankengang 
heranbringt, daß das Symptom über den Weg der Bewußtmachung seiner 
unbewußten Wurzeln heilbar sein könne. Zur Erläuterung hiervon sei 
ein anderer Fall aus unseren Beobachtungen mitgeteilt. Von einer etwas 
älteren, sie anscheinend umsorgenden, verheirateten Schwester begleitet, 
kommt eine etwa 35jährige Frau, Mutter eines 5jährigen Kindes, zur 
Sprechstunde. Sie hat von Zeit zu Zeit auftretende Anfälle, die ohn- 
machtsartig verlaufen, und von denen festgestellt ist, daß sie «mit der 
Blutzirkulation» zusammenhängen. Sie wünscht deshalb Verordnungen 
zur Besserung der Blutzirkulation. Auf unser Befragen nach dem ersten 
Auftreten der Anfälle heißt es, seit längeren Jahren kämen sie. Wir 
fragen weiter nach den damaligen Lebensumständen der Patientin. Sie 
antwortet, sie habe damals sehr ruhig gelebt ; sie wüßte nicht, daß damals 
etwas Besonderes gewesen sei. Durch weiteres Fragen stellt sich heraus, 
daß die Anfälle im Oktober 1914 zum ersten Male sich zeigten, daß 
wenige Tage vorher der damalige Bräutigam, der jetzige Gatte, an die 
Front gekommen war, nachdem kurz vorher ein Schwager, der ihr auch 
nahe gestanden hatte, gefallen war. Man beachte, daß diese von stärksten 
Erregungen durchzitterte Zeit von der Patientin eben noch als ein sehr 
ruhiger Lebensabschnitt bezeichnet war, und wie sehr sich der bewußten 
Erinnerung die äußeren Umstände der Zeit entzogen hatten, in der der 
Beginn des neurotischen Symptoms der Anfälle liegt. Die Besprechung 
wird nach einer Untersuchung, die Organgesundheit ergibt, geschlossen 
mit der Mitteilung, daß es voraussichtlich möglich sei, sie von den An- 
fällen zu befreien, wenn sich in der Unterhaltung zwischen Arzt und ihr 
eine Klarlegung ihrer seelischen Lage zur Zeit des Beginnes der Anfälle 
erreichen lasse ; das Wort Psa. fällt dabei nicht. Am nächsten Tage er- 
scheint die Schwester allein und teilt mit, daß die Patientin von der vor- 
geschlagenen Behandlung durchaus nichts wissen wollte ; es sei auch ganz 
unmöglich, eine solche durchzuführen, die Unterredung habe sie sehr auf- 
geregt, man könne und dürfe nicht an die Erinnerungen rühren. Die An- 

325 



fälle kämen ganz allein von der Blutzirkulation und dafür wolle sie be- 
handelt sein, für nichts anderes. Die erheblichen Affekte der beiden 
Frauen zeigten, an wie wunde Stellen und wie unmittelbar an den Quell 
der Erscheinungen die wenigen Fragen bereits geführt hatten, aber die 
Verdrängung der Zeitumstände, der erbitterte Widerstand schon auf an- 
deutende Hinweise hin zeigten auch, mit welch großer Kraft das Symp- 
tom festgehalten wurde. Diesem Beispiel, das nicht aus der Praxis eines 
psa. Spezialisten, sondern aus der eines mit den Ergebnissen der Analyse 
bekannten Arztes stammt, ließen sich viele ähnliche zur Seite stellen, die 
alle die jede Erwartung übersteigende Kraft des Widerstandes und die 
völlige Unbewußtheit aller wirklichen auf das Symptom bezüglichen 
Lebensbeziehungen zeigen — Heraklit hat richtig gesehen, und ebenso 
Friedrich Nietzsche, der für diese dämonische Gewalt die Bezeichnung 
«Das Es» prägte. 

Wir wüßten kaum eine andere Tatsache aufzuführen, die so un- 
mittelbar in das Verständnis neurotisch bedingter oder neurotisch gekop- 
pelter Krankheitserscheinungen geleiten kann und die deshalb so wichtig 
für ärztliches Handeln ist, als die des Vorhandenseins des um das neu- 
rotische Symptom gelagerten Widerstandes. Eine schmale und oft schwan- 
kende Grenze trennt Lebensverhaltungen, hinter denen ein Mensch sich 
verschanzt, von den eigentlich neurotischen Symptomen und wieder gehen 
unzählige fließende Übergänge vom neurotischen Symptom zu organisch 
sich ausprägenden erheblichen Krankheitserscheinungen — Bronchial- 
asthma, Angina pectoris und vielen anderen. Das zunächst so Erstaun- 
liche und von Freuds Scharfblick zuerst Gesehene, daß das Symptom 
einen Sinn hat, wird dem selbstverständlich, der diese Stufen und Zu- 
sammenhänge durchschaut, und für ärztliche Betrachtung und ärztliches 
Handeln wird Krankheit dann etwas anderes, als nur das mit irgendeiner 
Maßnahme schlechthin zu Beseitigende. Die zielstrebig inmitten aller 
anderen Lebenserscheinungen stehende Funktion des Widerstandes weist 
darauf hin, daß an die von ihm begleitete Krankheitserscheinung zunächst 
einmal nicht ein untauglicher Beseitigungsversuch, sondern Verständnis 
seiner Bedeutung herangebracht werden muß. Gewiß gibt es unter akuten 
Erkrankungen sehr viele, die keinen neurotischen Zug tragen und von 
keinem Widerstand begleitet sind, wo alles Leistung und Gesundungs- 
streben ist, wie bei Infektionskrankheiten und Verletzungen. Aber man 
sehe sich einmal länger dauernde Krankheitszustände an, organische Herz- 
störungen, Lungenleiden, Störungen im Bereich des Verdauungskanals, 
und man wird sehr unerwartete, auf die Erhaltung des jeweiligen Zu- 
standes gerichtete Strebungen von der Art des Widerstandes recht oft 
finden. Während organische Erkrankungen von neurotischen Wider- 
ständen begleitet und umlagert sein können, sind es die eigentlichen Neu- 
rosen stets, ob es sich um reine Psychoneurosen mit besonderen Verhal- 
tungsformen oder ob es sich um Organneurosen mit Projekten der Kon- 
fliktslage in die Sphäre eines Körperabschnittes handelt. 

326 



Bei der ganz überwiegenden Mehrzahl der üblichen Behandlungsarten 
wird derjenige Anteil der Krankheit, den der neurotische Widerstand bil- 
det, überhaupt gar nicht angegriffen, ja er wird gar nicht einmal gesehen, 
weder vom Kranken, der ihn hervorbringt, aber nichts von ihm weiß, noch 
vom Arzt, der, wenn er analytischen Gedanken fernsteht oder sie ablehnt, 
ihn nicht erblickt. Dagegen ist der zwar die analytischen Schulkenntnisse 
nicht besitzende, aber die Gebundenheit des Kranken an die Krankheit 
erkennende Arzt doch dieser Erkenntnisse bis zu einem gewissen Grade 
teilhaftig, wie es tiefer blickende Ärzte aller Zeitalter gewesen sein mögen, 
auch wenn sie die hier gegebenen Verhältnisse nur erschaut haben, ohne 
sie begrifflich fassen zu können. Es liegt also durchaus in der Richtung 
der in allen Menschen, in allen Kranken und Ärzten, zunächst vorwiegend 
vorhandenen Strebungen, wenn der Widerstand unerkannt und von der 
Behandlung fast immer unbehelligt bleibt; er kann dann erst recht sein 
proteusartiges Verhalten bewähren und in immer wechselnden Gestalten, 
in immer neuen Gewändern auftreten; eine seiner verbreitesten Formen 
ist das Sichbehandelnlassen von den verschiedensten Behandlern, vom 
Hausarzt, vom Internisten, vom Chirurgen, vom Sanatoriumsarzt, dann 
vom Homöopathen, vom Biochemiker, vom Magnetopathen und allen mög- 
lichen Heilern, von der Christian Science, dann wieder vom Hochschul- 
professor und, im Schließen des Kreises, abermals für eine Weile vom 
Hausarzt. Wer den Widerstand sehen gelernt hat, versteht, daß er hier 
überall am Werke ist, daß er den Kranken von vornherein in Ambivalenz, 
mit der Strebung des Geheiltwerdenwollens und zugleich der entgegen- 
laufenden des Nichtgeheiltwerdenwollens, jedem neuen Behandler ent- 
gegenführt und wieder von ihm wegführt. Die Beseitigung dieses für fast 
alle Augen verhüllten und immer geschickt sich verhüllenden Wider- 
standes liegt gar nicht im Plan der gewöhnlichen Heilweisen und das zeigt, 
ein wie ungemein tief verwurzelter Bestandteil menschlicher Seelenhal- 
tungen der Widerstand sein muß ; keine Medizin hat sich in Jahrtausenden 
bewußt gegen ihn gewandt. Das führt uns der Frage zu : ist es überhaupt 
sinnvoll, den Widerstand zu beseitigen — sind wir dazu berechtigt und 
haben wir etwas für den Kranken Wertvolles an seine Stelle zu setzen? 
Und: ist der Mensch, dem wir die seelischen Wurzeln seines Widerstandes 
ins Bewußtsein gehoben haben, deswegen auch schon imstande, mit dieser 
Erkenntnis irgend etwas anzufangen? Lag nicht im Vorhandensein des 
Widerstandes eine innerseelische Zielstrebigkeit, die durch die Bewußt- 
machung vernichtet wird? Ist der Widerstand nicht notwendiges und zu 
erhaltendes Glied in der Gesamtheit seelischer Zusammenhänge? Die 
Frage nach der Behandlung und der Aufhebung des Widerstandes als 
Heilmethode ist von Freud zum ersten Male gestellt und von ihm bejaht 
worden. 

BewußtmachungoderFührung? Der Bereich der Wirk- 
samkeit analytischer Behandlung wird von Freud bekanntlich nicht über 
das ganze Gebiet neurotischer Störungen ausgedehnt, sondern er umgrenzt 

327 






als den Gegenstand eigentlicher psa. Behandelbarkeit die Angsthysterie, 
die Konversionshysterie und die Zwangsneurosen, welche drei Formen er 
auch als Übertragungsneurosen bezeichnet. Hier, in der Frage der Be- 
handlung, scheiden sich aufs neue die Geister. Es ist ein grandioser Ge- 
danke Freuds, das Seelenleben eines Menschen so weit seinem eigenen und 
des Arztes Einblick offen legen zu wollen, daß gewissermaßen jede Falte 
und jedes Fältchen für sich betrachtet werden kann, und dann von dieser 
völligen Auseinanderlegung die Heilung auf dem Wege des Verstehens der 
Zusammenhänge zu erwarten. Die Frage der analytischen Behandlung 
gehört aber unseres Erachtens durchaus nicht zu der Einheit, die wir als 
psa. Weltbild bezeichnen, dessen wesentliche, oben kurz umrissene Ele- 
mente man durchaus bejahen kann, ohne in der Frage der Krankenbehand- 
lung die Überzeugung anzunehmen, daß analytische Methodik im Freud- 
schen Sinne die Heilbehandlung katexochen für alle Übertragungsneurosen 
oder daß analytische Methodik nicht auf andere Neuroseformen anwend- 
bar sei. Ärztliches Handeln diesen Störungen gegenüber kann durchaus 
von den Erkenntnissen des psa. Weltbildes her bestimmt sein, ohne daß 
eine Analyse im strengen Sinne ausgeführt wird. Nehmen wir einmal an, 
alle der praktischen Analyse sich widersetzenden äußeren Schwierigkeiten, 
insbesondere die ihrer langen Zeitdauer, seien überwindbar, so bleiben die 
großen inneren Schwierigkeiten, welche sich aus der Frage nach dem tiefen 
Sinne des Widerstandes, d. h. nicht seiner Bedeutung in bezug auf das 
symbolische Symptom, sondern nach seinem Sinn, seinem Ziel, seinem 
Telos innerhalb der Ganzheit des Seelengefüges ergibt. Von hier scheinen 
uns die stärksten Bedenken gegen die praktische Vollanalyse, wie Freud 
sie fordert, kommen zu müssen. Die Frage lautet : Wird mit der durch 
Bewußtmachung erfolgenden Beseitigung des. Widerstandes, mit seinem 
Herausoperieren aus der Gesamtheit des Seelengefüges, nicht dessen Tek- 
tonik ernstlich bedroht? Gewiß, man kann Organe aus dem Körper 
herausoperieren, ohne daß er stirbt, wie z. B. den Wurmfortsatz oder auch 
die Milz. Aber es gibt auch Organe, die man nicht wegnehmen kann, ohne 
daß an ihre Entfernung sich ein zum Tod führendes Siechtum anschließt. 
Die Erinnerung an die ersten Zeiten der Kropfoperationen dämmert auf ; 
die völlige Entfernung der Schilddrüse führte in den so operierten Fällen 
zu körperlichem und geistigem Verfall und zum Tode. Ist ein Seelen- 
gefuge, in dem sich eine Übertragungsneurose oder eine andere ernstere 
Neurose entwickeln konnte, noch so tragfähig, daß man ihm ohne sichere 
Gefährdung die Entfernung des Widerstandes zumuten kann, der seine 
innere Struktur mit großer Kraft zusammenhält? Das ist eine schwere 
Frage und von ihrer Beantwortung hängt ab, ob die analytische Methodik 
für alle Übertragungsneurosen gleichmäßig als wirkliches Heilmittel an- 
gesehen werden kann. Wir vermögen sie deshalb nicht zu bejahen, weil 
wir im Widerstand an sich für den schicksalsmäßig in der Zerspaltung, in 
der Spannung zwischen Erkennen und Leben sein Dasein führenden 
Menschen einen tragenden und stützenden Teil seiner Seelenzusammen- 

3^8 



hänge erblicken. Die Tatsache, daß der Widerstand durchaus nicht an die 
drei Übertragungsneurosen gebunden ist, sondern daß er weit über sie 
hinaus, fast in jedem Menschendasein aufzufinden ist, prägt aus, daß er 
eine sehr bedeutsame Funktion hat, die man nicht auslöschen darf, so 
lange man nichts Wertgleiches für den Neurosenträger an seine Stelle zu 
setzen hat. Und was setzt die Analyse an seine Statt? Sie sucht mit be- 
wußtem Verstehen, etwas Rationalem also, den Platz auszufüllen, wo der 
unbewußte Widerstand sich befunden hatte. Die Dynamik der unbewußten 
und vielfach ineinandergreifenden Seeleninhalte aber ist von viel größerer 
Triebkraft, als sie je einem zum Bewußtseinsinhalt gewordenen Seelen- 
anteil zu eigen sein kann, und so müßte an der Stelle des Widerstandes 
gewissermaßen ein Vakuum entstehen, wenn er wirklich völlig bewußt ge- 
macht und damit aufgehoben werden könnte. Aus Freuds klassischer 
Schilderung in seinen Vorlesungen kennen wir seine Erfahrungen mit der 
sich allen Bewußtmachungen immer aufs neue widersetzenden, sie stets 
in unerwarteter Weise vereitelnden, überlegenen Geschmeidigkeit des 
Widerstandes, den man eben in der Form eines beharrlichen Schweigens 
zu fassen glaubte und der sich unter diesem Zugriff in einen Strom ge- 
wandter kritischer Einwürfe verwandelt. Aber hinter dem Widerstand 
verbirgt sich mehr, als Freud zunächst in ihm gesehen hatte ; er verdeckt 
nicht nur bewußtgewesenes Verdrängtes, sondern durch ihn hindurch 
schimmern viel tiefere bewußtseinsunfähige Strebungen, tiefe vitale 
Schichten, kollektiv Unbewußtes, das gar nicht in das Licht des Bewußt- 
seins gehoben werden kann, Seeleninhalte, deren Tief engewicht jedem 
Versuch der Emporbringung unüberwindliche Schwere entgegensetzt, 
Dinge, die gar nicht mehr dem kortikalen Bewußtsein angehören, aber als 
dunkle Gefühle und bestimmende überindividuelle Mächte aus der Nacht 
des Sonnengeflechtes, der bewußtlosen Gehirne der prävertebralen 
und kartialen Ganglien emporwirken und so, in gewandelter Form, bis 
in vorbewußte Schichten einstrahlen und bis in die Sphäre der per- 
sönlichen Konflikts- und Spannungsanlagen hinein sich bemerkbar ma- 
chen. An der rationalen Unauflösbarkeit dieser Anteile jedes Wider- 
standes muß jeder Versuch einer völligen Bewußtmachung aller Seelen- 
inhalte schließlich scheitern. Hier liegt der Grund, warum das rational 
aufhellbare sogenannte Unbewußte der Psa. dem wirklichen Umfange 
des seelisch Unbewußten in einer Persönlichkeit nicht im entferntesten 
entsprechen kann. 

Diese Überlegungen zeigen einerseits die Bedenklichkeit des Ver- 
suches der durch Bewußtmachung erfolgenden gewaltsamen, man könnte 
fast sagen traumatischen Beseitigung des Widerstandes, andererseits die 
wirkliche Unmöglichkeit der vollen Bewußtmachung aller Seeleninhalte. 
Tatsächlich scheint nur in sehr wenigen Fällen die Psa. im strengen Sinne 
Freuds völlig durchführbar, das heißt eine Bewußtmachung unbewußt ge- 
wordener verdrängter und durch die Kraft des Widerstandes in der Ver- 
drängung erhaltener Seeleninhalte. Zu einer wirklichen Bewußtmachung 

329 



des Unbewußten in seinem ganzen Umfang aber kann es dabei niemals 
kommen. 

Für das unter der Einwirkung der psa. Erkenntnisse sich vollziehende 
ärztliche Handeln aber ist die nur selten völlig durchzuführende zerle- 
gende Bewußtmachung des Verdrängten auch durchaus nicht die eigent- 
liche Methode der Wahl in der Behandlung von Neurosen ; man braucht 
nicht jeden Neurotiker aufs neue und besonders zu analysieren, um zu 
erfahren, daß bei ihm Konfliktsspannungen aus dem Kreise der ödipus- 
lage oder aus dem Kreise der Arterhaltungstriebe vorhanden sind; der 
mit den typischen, durch die psa. Forschungen klargestellten Formen die- 
ser Widerstreite vertraute Arzt findet beim Patienten meist recht schnell, 
nach welchen Seiten hin die Wurzeln der Neurose laufen (und zwar durch- 
aus nicht nur bei Übertragungs-, sondern auch bei zahlreichen anderen 
Neurosen) und bedarf, um Einblick zu gewinnen, gar nicht der Voll- 
analyse ; wie wir denn in den neuesten psychotherapeutischen Werken die 
durchaus nicht im Sinne von Freud gelegenen «kurzen Analysen» zur Auf- 
hellung empfohlen finden. Wohl aber helfen dem Arzt die Erkenntnisse 
der Analyse unter Umständen unter Zuhilfenahme beliebig kurzer analy- 
tischer Fragen und Aufhellungen zu einem raschen und tiefen Verstehen 
des leidenden Menschen, den er, anstatt ihn zu weitgehend zu zerlegen, 
schon sehr bald auf Grund seiner Einsichten führen und leiten kann. Diese 
auf Grund psa. Erkenntnisse statthabende Führung kann in jedem ein- 
zelnen Falle genau abwägend ermessen, wie viel von Mitteilungen über 
analytische Zusammenhänge für den Patienten sinnvoll ist, ob etwas und 
was ihm etwa über die individuellen Wurzeln seiner neurotischen Sym- 
ptome zu sagen und was ihm zu verschweigen ist. Es gibt Kranke, z. B. 
Zwangsneurotiker, die davon recht viel nicht nur vertragen, sondern 
durchaus bedürfen, während andere wieder unter jeder stärkeren Bewußt- 
machung nur tiefer erkranken würden. Eine von dem psa. Weltbilde aus- 
gehende und seine Einsichten in das Handeln verwebende ärztliche Seelen- 
führung ist in weitem Umfang imstande, den Patienten in der Erfassung 
seiner persönlichen Tief enstrebungen, ihres Ineinanderspieles, ihrer krank- 
machenden Konfliktsspannungen und ihrer symptombildenden inneren Ge- 
gensätzlichkeiten, in gemeinsamem Erleben zu dem eigentlichen Ziel ärzt- 
lich-seelsorgerischer Behandlung zu geleiten, zum Selbständigwerden der 
Persönlichkeit und zum Freiwerden vom Führer. 

DasProblemderErziehungdesArztes. Zwischen dem 
Kranken und dem Arzte finden bei jeder Behandlung Wechselwirkungen 
statt. Der Arzt behandelt, führt, beeinflußt und der Kranke spricht be- 
jahend, aufnehmend oder auch verneinend, ablehnend auf die Einwir- 
kungen an, die vom Arzt auf ihn ausgehen. Aber überall da, wo der Arzt 
ein aufgeschlossener Mensch ist, sind die Beziehungen durchaus wechsel- 
seitig; auch der Arzt ist Empfangender, auch der Arzt lernt vom Kranken, 
und jeder neu in seine Behandlung Tretende eröffnet ihm neue Ausblicke 
und Einblicke, aus denen er Bereicherung und Weitung seines Weltbildes, 

330 



seiner Lebensinhalte gewinnen kann. Wir haben oben kurz zu kenn- 
zeichnen versucht, wie unter psa. Betrachtungsweise die Tiefendimension 
des Kranken und dann des Menschen überhaupt ins Große wächst. Diese 
Vermehrung der Tiefendimension seines Gegenübers wird dem sich in 
sie Hineinschauenden ganz von selbst zum Spiegel, in dem er sich selbst 
auch zu erblicken vermag. Das uralte : Das bist du ! sagt mit ungesproche- 
nem Wort jeder analytisch Betrachtete zu seinem Betrachter. Die auf den 
andern angewandte Methode der Betrachtung wird auch zur Methode der 
Selbstbetrachtung und über sie hinaus der Selbstbesinnung ; hier liegt die 
große eigenerziehliche Bedeutung der Psa. für den mit ihr vertraut wer- 
denden Arzt, der sie nicht zuerst auf sich, sondern zunächst auf Andere 
anzuwenden gelernt hat und der dann im Besitz der hierbei erworbenen 
Erfahrung besinnlich den Blick ins eigne Innere wendet. 

Der Arzt, der mit den Ergebnissen der Psa. bekannt wird, gewinnt 
nach drei verschiedenen Richtungen hin wesentlich tiefere Einblicke in 
die Zusammenhänge, als er sie auf den Wegen seines Fachstudiums allein 
meist erringen kann, und zwar in Bezug auf die Entwicklungsstufen der 
Lebenstriebkräfte im Einzelnen, ferner in Bezug auf das Verbundensein 
jedes Menschen nach innen mit seinem Unbewußten, nach außen mit sei- 
nen Eltern und endlich, in Bezug auf ein tieferes Erfassen